„Wir wollen nicht bloß Besserwisser sein, sondern Bessermacher”

(rk) Kommerz im Fußball: Ohne ihn geht es nicht, aber wenn der Kommerz ausufert, macht es auch keinen Spaß mehr. Der frisch gegründete „FC PlayFair! e.V.“ widmet sich dieser Thematik. Der Verein versucht, Aufmerksamkeit für die Interessen von Fußballfans zu bekommen und Fans, Vereine, Funktionäre und Verbände an einen Tisch zu bringen. SCHALKE UNSER sprach mit Claus Vogt, dem Initiator von „FC PlayFair! e.V.“, über irre Transfersummen, das Image des DFB sowie Fan-Vertreter im Aufsichtsrat.

SCHALKE UNSER:
Der „FC PlayFair!“ hat eine Umfrage unter mehr als 17.000 Fußballfans initiiert, um auf möglichst breiter Basis Probleme zu identifizieren und gleichzeitig auch mögliche Lösungsansätze aufzuzeigen. Wie kam es dazu?

CLAUS VOGT:
Wenn man sich so umhört, dann bekommt man das diffuse Gefühl, dass viele Fußballfans ein Problem mit der derzeitigen Entwicklung des Fußballs haben. Wir wollten dieses Gefühl in Zahlen fassen und haben uns für eine Studie entschieden. Daraus wurde dann – auch mit Hilfe des Kicker-Sportmagazins – die größte wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema, die jemals im deutschen Profifußball durchgeführt wurde.

SCHALKE UNSER:
Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie?

CLAUS VOGT:
Zunächst einmal sind zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass die Kommerzialisierung des Fußballs grundsätzlich nicht schlecht ist. Die überwiegende Mehrheit ist allerdings auch der Meinung, dass die Schraube der Fußballkommerzialisierung weit überdreht ist und sich der Profifußball durch das viele Geld immer weiter von seiner Basis entfremdet. Und mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, sich früher oder später vom Profifußball abzuwenden, sollte die Entwicklung so weitergehen.

SCHALKE UNSER:
Die Studie belegt, dass die Fans empfinden, dass die Schere im Fußball immer weiter auseinander geht. Der Profifußball entfremdet sich von der Basis. Viele Leute, die den Fußball lieben, überlegen, sich abzuwenden, wenn das so weitergeht. Trotzdem sind die Stadien weiterhin voll, die Liga boomt. Sind Fußballfans vergleichbar mit Junkies?

CLAUS VOGT:
Die „Basis“, das sind aus unserer Sicht die Menschen, die den Fußball lieben. Die lieben ihn aber nicht nur auf der heimischen Couch, mit der Fernbedienung in der Hand, sondern die lieben den Fußball im Stadion. Und sowohl auf der Couch als auch auf der Tribüne wird das immer schwieriger mit der Liebe.

Immer mehr TV-Angebote muss ich abonnieren, immer mehr verschiedene Anstoßzeiten. Immer häufiger muss ich meinem Sohn sagen: Nein, wir können nicht zum VfB, weil du morgen Schule hast. Der Gipfel war das Spiel des VfB in Bremen an einem Montagabend. Wie soll ich da als arbeitender Mensch hin?

Aber es stimmt ja: Noch immer sind die Stadien in Deutschland voll. Mit Leuten, die den Fußball lieben. Wohl auch mit immer mehr Leuten, die weniger den Fußball als vielmehr einfach das Event lieben. Stichwort „Eventisierung“.

Ist ja auch so, dass wir sehr gute Stadien in Deutschland haben, der WM 2006 sei Dank. Da kann man gut hin, Familie dabei, Essen und Trinken zuhauf. Wenn man das bezahlen kann, und wenn man an die Qualität nicht allzu hohe Ansprüche stellt.

Sind wir Junkies? Ich glaube nicht, denn es ist ja kein Gift, was wir uns reinziehen. Es ist der Fußball, den wir lieben. Süchtig ja, Junkie nein. Mit dem „FC PlayFair!“, mit unserer Studie, wollen wir warnen: Noch geht die Basis ins Stadion. Aber dreht nicht immer weiter immer schneller am Rad, sonst bricht euch die Basis weg.

SCHALKE UNSER:
Irre Transfersummen wie nun die von Neymar oder auch die Machenschaften hinter der Enthüllungsstory „Football-Leaks“ tragen dazu bei, dass Fans den Profifußball so wahrnehmen, dass es nur noch ums Geld geht. Die Regelungen des Financial Fairplay scheinen eher einen Vorschlag als ein wirkliches Regelwerk darzustellen, das im Fall eines Verstoßes auch wirksame Konsequenzen vorsieht.

CLAUS VOGT:
Schwieriges Thema. Natürlich sind die aktuellen Summen niemandem mehr vermittelbar. Auch die immer höheren Summen für die Fernsehrechte gehen ja zu einem guten Teil wieder an die Spieler, Berater und in Transferbeträge. Beim „FC PlayFair!“ diskutieren wir das durchaus kontrovers. Soll die DFL zum Beispiel eine Gehaltsobergrenze einführen? Gehen die Stars dann einfach nicht mehr zu deutschen Clubs? Und wenn ja, wäre das wirklich so schlimm? Ich weiß es nicht.

Aber klar ist: Der Profifußball braucht klare Regeln. Auf und außerhalb des Platzes. Und wenn das „Financial Fairplay“ egal wie umgangen werden kann, dann ist es keine klare Regel. Was die „Football Leaks“ betrifft: Dass die Riesensummen aus den Fernsehrechten die Korruption in Verbänden und in der ganzen Fußballbranche fördern, ist klar. Das ist in anderen Branchen genauso.

Aber hier ist es, leichter als etwa bei einem „Salary Cap“, doch ganz einfach: Man fängt vor der eigenen Türe an zu kehren. Also bei uns in Deutschland.

Und solange das nicht geschieht, brauchen sich DFB und DFL, brauchen sich die Funktionäre auch nicht zu wundern über das Ergebnis unserer Studie, wonach ihnen das Geld wichtiger zu sein scheint als der Fußball selbst.

Das, wie gesagt, ist ein Ergebnis unserer Studie. Knapp 80 Prozent der mehr als 17.000 Befragten sind dieser Meinung. Ein deutlicher Warnschuss und eine klare Aufforderung, mit dem Kehren endlich anzufangen.

SCHALKE UNSER:
Wie sind die Reaktionen auf die Studie, was sagen die Vereine und Verbände? Was sagt vor allem der DFB, über den grad einmal 4,5 Prozent der in der Studie befragten Fußballfans sagen, er stehe für Transparenz?

CLAUS VOGT:
Die Reaktionen von Verbänden sind zurückhaltend. Mit dem DFB gab es noch keinerlei Gespräche, mit der DFL einen inoffiziellen Meinungsaustausch. Die Reaktionen der Vereine reichen von Stillschweigen über positiven Zuspruch bis hin zur aktiven Unterstützung unserer Sache – also genauso unterschiedlich wie die Vereine und ihre Vereins- und Fankultur selbst.

SCHALKE UNSER:
Vereinsübergreifende Fan-Organisationen wie „Pro Fans“ und „Unsere Kurve“ haben zuletzt keine guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem DFB gemacht, die Gespräche wurden ergebnislos abgebrochen. Wie bekommt man es hin, dass es hier wieder zu einem konstruktiven Dialog kommt?

CLAUS VOGT:
Aus unserer Sicht sollte es einen runden Tisch mit allen Beteiligten geben, an dem man sich auf Augenhöhe begegnen kann und alle Seiten offen ihre Ziele, Interessen und Probleme ansprechen. Dann kommt es hoffentlich zu einem konstruktiven und offenen Gespräch, bei dem die Faninteressen und Belange ernst genommen werden.

Eure Ultras haben da aus unserer Sicht keinen schlechten Anfang gemacht am ersten Spieltag, als auf die „Fick Dich, DFB“-Plakate bewusst verzichtet wurde. Alle Beteiligten werden hier durchaus auch Kreide fressen müssen, denn nur mit Kompromissbereitschaft auf allen Seiten kann es kurz-, mittel- und langfristig zu spürbaren Veränderungen kommen.

SCHALKE UNSER:
Das Verhältnis zwischen Fans und Klubverantwortlichen ist vielerorts angespannt. Bei Hannover 96 eskaliert gerade die Situation, weil der Präsident Martin Kind die „50+1“-Regelung kippen will. Du selbst bist Anhänger des VfB Stuttgart, wo eine Ausgliederung in eine Aktiengesellschaft beschlossen worden ist. Wir beobachten, dass oftmals kritische Fans mit „Chaoten, Gewalttätern, Idioten“ – bewusst oder unbewusst – in einen Topf geworfen und als „Unruhestifter“ tituliert werden. Das macht einen Dialog „auf Augenhöhe“ ungleich schwieriger.

CLAUS VOGT:
Aus meiner und aus der Fansicht in unserer Studie sollte an der „50+1”-Regelung nicht gerüttelt werden. Ansonsten wird es weitere Fälle wie das bedauerliche Chaos bei 1860 München geben. Ich persönlich bin ein absoluter Fan der Demokratie und der Mitglieder-Mitbestimmung. Auch im Fußball sollte der breiten Fanbasis eine Opposition und somit Mitsprache in jedem Profiverein eingeräumt werden.

Und dann bedarf es – hier wiederhole ich mich – der Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Kritische Fans oder Mitglieder als Chaoten oder Unruhestifter zu pauschalisieren geht gar nicht. Schmähungen und Beleidigungen aber auch nicht. Augenhöhe und konstruktive Gespräche gibt es dann, wenn alle Beteiligten sich zivilisiert benehmen und verhalten.

SCHALKE UNSER:
Eine der zentralen Forderungen von „FC PlayFair! e.V.“ ist, dass es einen „Fan-Vertreter“ im Aufsichtsgremium jedes Vereins geben soll. Aber auch dieser „Fan-Vertreter“ kann sicher nicht für die in sich doch sehr heterogene Fangemeinde eines Vereins sprechen. Ist es nicht vielleicht etwas naiv zu glauben, dass sich dadurch tatsächlich etwas ändert?

CLAUS VOGT:
Du hast sicher recht damit, dass ein einziger Fanvertreter im Entscheidungsgremium eines Vereines vermutlich meist überstimmt wird. Ebenso wird er kaum für die gesamte heterogene Fanszene sprechen können. Aber es wäre doch zumindest mal ein Anfang, ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Und wir denken auch, dass eine Opposition im Land der Mitbestimmung und Demokratie auch im Profifußball ihren Platz haben muss – und somit ist doch ein Fanvertreter als Repräsentant der Basis gerechtfertigt. So viel Demokratie hält der Fußball aus, muss er aushalten. Selbstverständlich sollte ein solcher Fanvertreter ebenso wie andere Positionen im Verein von den Mitgliedern des e.V. gewählt werden. Ob dies im ersten Schritt auf freiwilliger Selbstverpflichtung oder im zweiten als Lizenzauflage der DFL kommt, das würden wir gerne den Vereinen, dem Verband und den Funktionären überlassen.

SCHALKE UNSER:
Was hat der „FC PlayFair! e.V.“ in nächster Zeit vor? Welche Möglichkeiten ergeben sich, Einfluss zu nehmen?

CLAUS VOGT:
Zu unseren weiteren Maßnahmen in nächster Zeit möchte ich nicht allzu viel verraten, nur schon jetzt ankündigen, dass in diesem Jahr sicher noch einiges von uns zu hören sein wird. Auch wird die „Situationsanalyse Profifußball 2017“ ganz sicher nicht die letzte Studie gewesen sein, denn es ist uns einfach wichtig, nicht unsere Meinung, sondern die möglichst breite Fanmeinung den Vereinen, Verbänden und Funktionären wissenschaftlich fundiert und gesichert näher zu bringen. Je besser fundiert das Ganze daher kommt, desto schwerer ist es doch zu ignorieren oder einfach weg zu diskutieren.

Generell hoffen wir darauf, dass wir möglichst viele Unterstützer bekommen. Das sind für uns Menschen wie wir, die den Fußball lieben und in allen Bereichen des Stadions zu finden und zu Hause sind. Wir wollen als unabhängige und übervereinliche Fanbewegung aus der Mitte der Gesellschaft wahrgenommen werden. Aus der großen Gesellschaft all derer, die den Fußball lieben. Und immer wieder wichtige Punkte zur Diskussion und somit zur Verbesserung identifizieren.

Fußball ist für uns ein Kulturgut, das wir nicht ausschließlich dem Kommerz überlassen dürfen. Als Fans fühlen wir uns schon auch als Träger der Fußballkultur und wollen langfristig etwas zu dieser Kultur beitragen. Wir wollen nicht bloß Besserwisser sein, sondern Bessermacher.

Wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte, dann wäre es, dass uns möglichst viele Fans unterstützen – gerne im Stadion mit Aktionen oder einfach nur via Facebook, bis hin zur Förderunterstützung und Mitgliedschaft.

SCHALKE UNSER:
Claus, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen alles Gute für euer Projekt und euren Verein. Glückauf!


Der „FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V.“ wurde im November 2016 von Familienunternehmer Claus Vogt und Sportökonom Prof. André Bühler gegründet, um angesichts der immer weiter zunehmenden Kommerzialisierung im Profifußball in Deutschland und anderswo mögliche Probleme zu identifizieren und mögliche Lösungsansätze aufzuzeigen. Die Mitglieder des FC PlayFair! lieben den Fußball und sind Anhänger der unterschiedlichsten Clubs. Sie sitzen in der Loge und stehen in der Kurve. Der FC PlayFair! arbeitet streng übervereinlich. Die Studie steht zum Download zur Verfügung. Und hier findet Ihr den Verein auf Facebook.


 

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