„Die Konkurrenz hat massiv in Jugendarbeit investiert – und Schalke in Gehälter”

(sw/rk) Es hat eine Weile gedauert, bis der FC Schalke 04 nach dem Antritt von Christian Heidel wieder in die Spur gekommen ist. Am Tag nach dem Pokalsieg in Wiesbaden sprach das SCHALKE UNSER mit dem Vorstand für Sport und Kommunikation über die Entwicklung einer Strategie für den Verein, die Knappenschmiede und das 95 Millionen Euro-Investitionsvorhaben „Tor auf Schalke“.

SCHALKE UNSER:
Christian, du bist nun ein gutes Jahr auf Schalke. Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung auf Schalke?

CHRISTIAN HEIDEL:
Ich glaube, dass wir jetzt auf dem Weg sind, den ich vom ersten Tag an wollte. Zudem habe ich das Gefühl – und hoffe, dass auch die Schalker das Gefühl haben -, dass wir wirklich dabei sind, etwas zu entwickeln. Wir werden zwar nicht die nächsten dreißig Spiele alle gewinnen, aber mit der Entwicklung sind wir sportlich auf dem Weg, auf dem wir schon wesentlich früher sein wollten.

Die jüngste Entwicklung hat schon viel mit einem taktischen Plan zu tun. Wir spielen zwar noch nicht spektakulär, aber das ist in dieser Phase auch gar nicht angezeigt. Es geht jetzt darum, die Basis zu schaffen, um dann den Feinschliff zu machen.  Und es hat auch etwas mit der sportlichen Qualität zu tun, die der Trainer zur Verfügung gestellt bekommt. Das wird auch ein nächster Schritt sein, so dass wir uns Schritt für Schritt in eine erfolgreiche Zukunft bringen.

Foto: Torsten Mannek

SCHALKE UNSER:
Um nochmal auf das letzte Jahr zurück zu kommen: Bei deiner Vorstellung im Schalker Aufsichtsrat bist du gefragt worden, wie dein Konzept für Schalke aussehe. Du hast geantwortet: „Das ist die falscheste Frage, die ein Aufsichtsrat stellen darf – der Verein muss ein Konzept haben. Und er muss sein Personal nach diesem Konzept aussuchen.“ Welches Konzept und welche Strategie hast du auf Schalke vorgefunden?

CHRISTIAN HEIDEL:
Das war das Treffen, bei dem der Aufsichtsrat mich und ich den Aufsichtsrat kennenlernen wollte. Man muss ja beidseitig ein gutes Gefühl haben. Es muss einfach passen. Und da ist es mir zehnmal lieber, jemand sagt direkt „das ist nicht der Richtige“, als wenn man nach zwei Monaten Zusammenarbeit feststellt: „Oh Gott, was ist denn das für ein Idiot, was hat der denn da vor?“ Das wäre doch unangenehm.

Zum Konzept: Ich wurde danach von einem Mitglied des Aufsichtsrats gefragt. Aber ich kannte den Verein damals noch gar nicht richtig: die internen Abläufe, die Leute, die Spieler und die Finanzen. Da kann man ja mit gutem Gewissen kein neues Konzept vorschlagen. Da sagte ich: Wenn wir zusammenkommen, muss es das Ziel sein, dass diese Frage nie mehr gestellt wird. Wir müssen gemeinsam ein neues sportliches Konzept entwickeln, das dazu führt, dass wir als Verein zum Beispiel bei einem Trainerwechsel – unabhängig davon, wer Sportvorstand ist – sagen können, wer zu uns passt. Wir suchen ihn nicht aus nach Erfolgen. Dabei verbrennt man viel Geld, der größte Fehler, den man machen kann.

Das war vielleicht in dieser Form bislang auf Schalke so nicht da, aber auf diesem Weg sind wir momentan: eine neue Gesamtstrategie für den Verein zu entwickeln.

SCHALKE UNSER:
Wir haben in der Vergangenheit hier eigentlich immer wieder andere Trainertypen beobachtet, die dann für ihr eigenes Spielsystem den Kader ihrer Vorgänger geerbt haben. Und bevor sie überhaupt etwas richtig korrigieren konnten, war schon wieder der nächste Trainer da.

CHRISTIAN HEIDEL:
Ich möchte meinen Vorgänger hier grundsätzlich nicht kritisieren, auch weil ich inzwischen erfahren habe – und das spüre ich auch – dass der Horst hier extrem unter Druck stand. Auf der Agenda des Vereins stand immer ganz oben: „Du musst nach Europa!“ Das war immer das große Ziel, das man auch immer erreicht hat. Was man dabei vernachlässigt hat, war, sich besser auf die Zukunft einzustellen.

Während meiner Mainzer Zeit wollte Schalke ja auch Thomas Tuchel verpflichten. Ich hatte dazu meine Einwilligung verwehrt und kurz darauf hat Schalke di Matteo verpflichtet. Zwei völlig unterschiedliche Trainertypen, die überhaupt nichts gemeinsam haben.

Das haben wir in Mainz anders gemacht. Dort haben wir versucht, eigene Trainer hochzuziehen. Warum? Weil die unsere Philosophie bereits kannten. Und ich denke, da müssen wir auch mit Schalke hinkommen, dass wir irgendwann einmal soweit sind, unsere eigenen späteren Profitrainer selbst zu entwickeln.

SCHALKE UNSER:
Im Kader hat sich einiges getan, es war öfter von einem „Umbruch“ zu lesen. Wie sieht der weitere Umbau des Kaders unter Tedesco aus?

CHRISTIAN HEIDEL:
Im Winter wird nichts Weltbewegendes passieren, vielleicht kommt ein Spieler dazu. Das kann durchaus sein. Was wir jedoch mal streichen können, ist dieses Wort „Umbruch“. Auch wenn sich der Fußball verändert. Wenn morgen fünf Spieler aus irgendwelchen Gründen gehen, sieht das wieder aus wie einer.

Wir haben mit voller Absicht diesen Kader heruntergefahren, auch wenn das von einigen kritisch gesehen wird. Natürlich auch, um ihn ein bisschen zu erneuern. Wenn wir uns für den Europapokal qualifizieren sollten, ist es auch kein Problem, wieder zwei, drei Spieler mehr im Kader zu haben.

Nebenbei: Wenn man sich die aktuelle Mannschaft von Bayern München anschaut, sind dort gerade mal drei Spieler mehr im Kader. Es kann durchaus mal einen Spieltag geben, an dem wir einige Verletzte haben, dann sind nur 17 Profis im Kader. Dann nehmen wir halt noch einen aus der A-Jugend dazu. Warum sollte man an einem Spieltag nicht mal den besten Mann vom Norbert nehmen und setzt den auf die Bank? Das machen andere Clubs auch. Diesen unbedingten Zwang, fast dreißig Spieler im Kader zu haben, gibt es nicht.

Wir hatten ja teilweise hier über 60 Spieler, wenn man Profis und U23 betrachtet.  Das erschwert die Arbeit der Trainer ungemein und belastet die Atmosphäre in den jeweiligen Mannschaften.

Foto: Torsten Mannek

SCHALKE UNSER:
Die Verträge von Leon Goretzka und Max Meyer laufen aus, der Vertrag von Thilo Kehrer und von weiteren Spielern mit vielen Einsatzzeiten ein Jahr später. Wie laufen die Gespräche?

CHRISTIAN HEIDEL:
Natürlich haben wir die zwei Fälle, bei denen wir schauen müssen, wie das ausgeht. Sollte es so sein, dass einer der beiden oder beide den Verein verlassen, dann werden wir natürlich reagieren müssen. Ihr könnt sicher sein, dass ich alle Vertragslaufzeiten kenne. Man muss immer zum richtigen Zeitpunkt das Gespräch durchführen. Hat jemand gerade drei Tore geschossen, ist es das teuerste Gespräch aller Zeiten, wenn ich dann verlängere. Natürlich ist es unsere Ambition, dass die Fluktuation kleiner wird.

Ich muss trotzdem leider jeden enttäuschen, der glaubt, dass noch Spieler kommen, die erst zehn Jahre in der Knappenschmiede, dann zehn Jahre bei den Profis spielen und auch noch ihr Abschiedsspiel hier bekommen. Da muss man leider sagen: „Die Zeiten sind vorbei.“ Da ergeht es uns nicht anders als z.B. auch unseren Nachbarn. Mir ist es natürlich lieber, wenn noch ein Jahr Vertrag da ist und eine Ablösesumme fällig wird. Die Tendenz im Fußball wird in der Zukunft aber so sein, dass die Jungs ihre Verträge immer häufiger auslaufen lassen. Dadurch, dass die Ablösesummen explodiert sind, gibt es nur noch ganz wenige Abnehmer. Gewonnen haben in diesem Spiel dann der aufnehmende Verein, der Berater und der Spieler. Der abgebende Verein sieht dabei schlecht aus. Dadurch, dass das aber in Zukunft immer häufiger so passieren wird, gleicht es sich wieder aus.

SCHALKE UNSER:
Womit kann Schalke dagegen halten?

CHRISTIAN HEIDEL:
Wir haben da schon sehr viel dagegen zu halten, wenn sich aber die besten sieben oder acht Vereine aus Europa melden, dann wird es dramatisch schwierig für uns. Ein tolles Stadion, die Atmosphäre und Emotionen hier – alles klasse, aber die finanziellen Unterschiede sind so eklatant, dass ich leider Gottes sogar Verständnis für einen Spieler haben muss, der dorthin wechselt. Wir konnten aus genau diesem Grund auch mit Seo Kolasinac nicht verlängern. Das war finanziell nicht im Ansatz darstellbar für uns.

SCHALKE UNSER:
Der Vertrag von Seo läuft ja auch irgendwann mal wieder aus.

CHRISTIAN HEIDEL:
Wenn er dann bei uns spielen will, dann wird er sich aber finanziell kolossal verschlechtern. Das ist sowieso das Problem der Spieler auf der Insel. Bei allen englischen Clubs, selbst bei den Absteigern der Premier League, sitzen Spieler mit horrenden Gehältern auf der Tribüne. Und die kommen da nicht weg, weil niemand sonst in der Lage ist, solche Gehälter zu bezahlen.

Für Schalke bedeutet das strategisch, dass wir wieder selbst Spieler entwickeln müssen. Da muss ich aber auch sagen: Mit der bisherigen Infrastruktur wäre das künftig ausgeschlossen. Wir haben kein Jugend-Leistungszentrum hier auf dem Gelände und kein Internat wie andere Bundesligavereine. Wenn ich einem Papa mit seinem 14-jährigen Sohn sagen soll, „wir treffen uns bei der Knappenschmiede“, ja, wo treffen wir uns denn da?

Ich bin jetzt ein Jahr im Amt  und habe den zentralen Ort der Knappenschmiede noch nicht gefunden. Die Jungs sind teilweise in der alten Villa von Lincoln untergebracht. Trainiert wird auf einem der schlechtesten Kunstrasenplätze, den ich je gesehen habe.

Was wir haben, sind Top-Trainer, die man gar nicht genug loben kann. Was die unter diesen Umständen alles leisten! Natürlich haben wir ebenso die Strahlkraft von Schalke 04. Aber das wird perspektivisch kaum noch reichen.

SCHALKE UNSER:
Man kann aber nun doch nicht sagen, dass die Knappenschmiede unerfolgreich ist.

CHRISTIAN HEIDEL:
Jetzt analysieren wir das mal genau: Was ist Erfolg bei einer Jugendabteilung? Ist es der Tabellenplatz oder sind es die Spieler, die es zu den Profis schaffen?

SCHALKE UNSER:
Wohl schon eher Letzteres, aber wenn man sich da die jüngere Vergangenheit so anschaut: Sané, Kolasinac, Kehrer, Matip sowie Meyer. Und wir haben mit Höwedes, Neuer, Özil und Draxler vier ehemalige Knappenschmiede-Spieler gehabt, die sogar Weltmeister geworden sind.

CHRISTIAN HEIDEL:
Das ist allerdings auch alles schon eine ganze Weile her, seit diese Spieler durch die Knappenschmiede gegangen sind. Die Spieler, die heute in der U19 spielen, haben größtenteils nur ein oder zwei Jahre Knappenschmiede hinter sich. Sie kamen auch aus anderen Nachwuchsleistungszentren oder aus dem Ausland.

Die Begründung dafür ist klar: Wir haben kaum etwas, womit wir die Eltern und Kinder, die es ja mit 13 oder 14 Jahren noch sind, überzeugen können. Die gehen dahin, wo sie die besten Verhältnisse vorfinden. Und das ist aktuell nicht Schalke.

Dadurch, dass auf Schalke in der Vergangenheit immer wieder das Ziel absoluten Vorrang hatte, man müsse unbedingt nach Europa ins internationale Geschäft, hat man sich zu wenig auf die Zukunft vorbereitet. Andere Fußballvereine wie Gladbach, der VfB Stuttgart oder der HSV mit seinem Campus haben ihre Jugendarbeit massiv aufgewertet. Die haben in den vergangenen Jahren Millionen in diesen Bereich investiert – und Schalke hat Millionen in Gehälter investiert.

Unsere Konkurrenz konnte immer wieder in kleineren Bauabschnitten bauen – wir müssten das aber jetzt eigentlich alles auf einmal nachholen. Das geht aber wirtschaftlich nicht.  Deswegen müssen wir das jetzt Schritt für Schritt angehen.

Wenn wir das jetzt aber nicht angehen, dann prophezeie ich, ist Schalke in zehn Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig. Denn was wir hier früher gemacht haben, die Spieler mit Geld holen, das funktioniert heute so nicht mehr, weil es aus verschiedenen Gründen auch in Deutschland inzwischen einige Clubs gibt, die über größere wirtschaftliche Mittel verfügen.

Foto: Torsten Mannek

SCHALKE UNSER:
Der Abgang des früheren Kapitäns Benni Höwedes sorgte für einigen Wirbel. Frage an den Vorstand für Kommunikation: Wie hätte man das Thema souveräner lösen können?

CHRISTIAN HEIDEL:
Es wäre uns wohl nie gelungen, das optimal darzustellen und gleichzeitig seinem Wechselwunsch nachzukommen. Jetzt hinterfrage ich mich und der Trainer sich natürlich auch, ob wir das besser hätten kommunizieren können.

Es ging los mit dem Kapitänsamt. Da kann man kritisch sagen, dass man das früher hätte thematisieren sollen. Das ist aber schwer, weil der Trainer ja die Mannschaft und Bene erst einmal kennenlernen und sich ein Bild machen musste.

Richtig, wir haben aber wirklich keine gute Pressekonferenz vor dem Spiel in Hannover gehabt. Da wird Domenico gefragt: „Wollen Sie nicht um Benni Höwedes kämpfen?“ Er antwortet sinngemäß: „Also eigentlich stehe ich auf dem Standpunkt, wenn ein Spieler wechseln möchte: Reisende soll man nicht aufhalten.“. Und jetzt kommt’s, danach sagt er sofort: „Aber bei Bene ist das etwas anderes.“

Dieses „Aber“ ist allerdings nirgendwo mehr wahrgenommen worden. Es blieb die Überschrift „Reisende soll man nicht aufhalten.“ Als wir von dem Podium nach der Pressekonferenz runtergingen, haben wir schon geahnt, wie das dargestellt werden würde.

SCHALKE UNSER:
Fans in der Nordkurve haben sich zur Transferpolitik mit entsprechenden Bannern artikuliert.

CHRISTIAN HEIDEL:
Es hat mich schon verwundert, und zwar deswegen, weil klar wurde, dass das, was wir eigentlich wollen, schlecht rüberkam. Mir sind Identifikation und Stolz auf den Verein extrem wichtig.

Angenehm ist so etwas natürlich nicht, insbesondere auf Schalke, wo so etwas natürlich direkt ein riesiges Thema ist. Aber ich habe das schon verstanden und den Kontakt gesucht. Wir haben uns getroffen und dann bin ich anscheinend leider ins nächste Fettnäpfchen getreten, da ich dieses Treffen später öffentlich bestätigt habe. Dass man das nicht tut, war mir noch nicht so bewusst und hat für Irritationen gesorgt. Hier lerne ich auch noch dazu. Ein solcher Fauxpas wird mir nicht noch einmal passieren.

Ich muss auch selbstkritisch anmerken – und den Schuh ziehe ich mir auch an -, dass ich in der letzten Saison den Kontakt zur aktiven Fanszene nicht gesucht habe. Wenn man mit fünf Niederlagen in die Saison startet, dann sind solche Gespräche auch nicht so ganz angenehm. Ich werde zukünftig den regelmäßigen Austausch gerne suchen. Transparenz ist enorm wichtig.

SCHALKE UNSER:
Auch zum „Financial Fairplay“ hast du dich geäußert und forderst effektive Strafen durch Punktabzüge bei Verstößen. Wie realistisch siehst du die Umsetzung dieser Forderung?

CHRISTIAN HEIDEL:
Ich finde es jedenfalls einen Witz, einen Verein mit einer Geldstrafe zu belegen, wenn etwas nicht nach den Regularien gelaufen ist, wenn jemand wie im Beispiel von Neymar in Summe 300 Millionen Euro für einen Spieler ausgibt: Geld haben die ja anscheinend zuhauf, da kann es keine angemessene Strafe sein, weil es sie gar nicht trifft. Also muss man Strafen einführen, die weh tun. Das geht mit Punktabzügen oder Sperren für den internationalen Wettbewerb.

Ob das realistisch ist, kann ich nicht einschätzen. Aber die UEFA ist natürlich jetzt unter Druck, weil alle darauf achten. Jetzt hat Paris Saint-Germain auch noch Mbappé zunächst ausgeliehen und die Verpflichtung aufs nächste Jahr verschoben. Wie soll das kein Verstoß gegen das „Financial Fairplay“ sein?

In der gesamten deutschen Liga, selbst bei RB Leipzig oder Karl-Heinz Rummenigge, gibt es eine einheitliche Sicht darauf, dass solche Dinge viel härter geahndet werden müssen. Das müssen nun die Verbände regeln. Wir haben da als Schalke 04 aber null Einfluss darauf.

SCHALKE UNSER:
Du hast dafür plädiert, dass die Transferphase vor dem ersten Spieltag beendet und europaweit einheitlich geregelt wird.

CHRISTIAN HEIDEL:

Das wäre jedenfalls fairer für den Zuschauer. Der weiß dann, mit welcher Truppe sein Verein in die Saison geht. Es wäre auch ein Vorteil, wenn manche Vereine nicht „Amok laufen“ können, wenn sie die ersten beiden Spiele verlieren und dann nochmal auf dem Transfermarkt nachlegen wollen.

Wenn das Verein A betrifft, bei dem Geld keine Rolle spielt, dann geht das Spielchen los: Die machen Verein B verrückt, der Stress mit seinem Spieler bekommt, weil der sich finanziell erheblich verbessern kann. Verein B hat dann Einnahmen, aber einen Spieler zu wenig, geht auf Verein C zu und das Spiel beginnt von Neuem. Da sind sich die deutschen Klubs in der Mehrheit einig, dass man da etwas ändern muss.

SCHALKE UNSER:
Unser Kader war jetzt auch zu beiden Trainingslagern am Anfang der Saison noch nicht komplett. Woran ist das gescheitert?

CHRISTIAN HEIDEL:

Für das vergangene Jahr stimmt das. Als ich hier auf Schalke anfing, hätten wir keinen Transfer stemmen können, ohne Leroy Sané zu verkaufen. Wir waren in der Situation, dass wir nur auf dem Markt agieren konnten, wenn wir das Geld selbst durch Transfers wieder einnehmen.

Die Engländer machen schon traditionell ihre Transfers immer kurz vor knapp. Dann haben sich die Verhandlungen mit ManCity noch hingezogen und in der Zeit konnte ich schlecht mit anderen Spielern verhandeln und denen sagen: „Nur wenn wir Sané verkaufen, holen wir dich.“

Natürlich möchte ich den Kader zum Trainingslager in Mittersill komplett haben. Im Sommer ist uns das aber grundsätzlich gelungen, denn Amine Harit, Pablo Insua und Bastian Oczipka waren in Österreich dabei. Ich kann das jedoch für die Zukunft nicht versprechen, selbst wenn das natürlich unser Ziel bleiben wird, den Kader möglichst frühzeitig komplett zu haben.

SCHALKE UNSER:
Welche Perspektive hat denn die U23?

CHRISTIAN HEIDEL:
Die U23 hat in der Oberliga überhaupt keine Perspektive. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Man muss aber auch sagen, dass man diesen Abstieg nicht verhindern konnte, nicht mit dem besten Trainer der Welt. Da waren 35 Spieler im Kader, von denen 15 immer auf der Tribüne saßen.

Das war aber damals die Strategie: Alle U19-Spieler erhielten einen Vertrag für die Senioren – also Profi oder U23 -, damit keiner gehen kann, falls er sich zum Bundesligaspieler entwickelt.

Das schaffen aber nur wenige Talente – und auch nicht alle den Sprung in die Regionalliga. Sehr viele von ihnen sitzen dann auf der Tribüne, damit tut man niemandem einen Gefallen.

SCHALKE UNSER:
Wie sehen die weiteren Pläne zum Amateur-Stadion aus?

CHRISTIAN HEIDEL:
Wir benötigen hier weder in der Ober- noch in der Regionalliga ein 15.000 Zuschauer fassendes Stadion. Das ist einfach überdimensioniert.

Für den ersten Bauabschnitt war ursprünglich eine große Lösung vorgesehen. Da habe ich erst einmal gefragt: „Wir haben keine Knappenschmiede, aber wir bauen dieses Stadion – für wen?“ Dann haben wir die Pläne verändert. Wir werden die Tribüne, so wie sie geplant war, erst einmal nicht bauen, aber alles so herrichten, dass man dort auch Regionalliga spielen kann.

SCHALKE UNSER:
Jetzt ist von einem 95 Millionen-Investitionsvorhaben “Tor auf Schalke” die Rede.

CHRISTIAN HEIDEL:
Der erste Bauabschnitt kostet 25 Millionen und ist durchfinanziert. Da sind alle Trainingsplätze und die Stadionanlage eingerechnet. Das Wichtigste überhaupt sind ordentliche Fußballplätze.

Mit dabei ist das Profi-Leistungszentrum, das sich anschließt. Wir haben jetzt schon den ersten Umzug gemacht und für die Profiabteilung ausgezeichnete Arbeitsbedingungen geschaffen. Der Umzug hat vor einigen Wochen stattgefunden.

Die Knappenschmiede ist da allerdings noch nicht dabei. Die wird etwa 12,5 Millionen Euro kosten. Das ist die Größenordnung, die andere Vereine auch investiert haben.

Foto: SCHALKE UNSER

SCHALKE UNSER:
Die Pläne, die nun zum „Tor auf Schalke“ veröffentlicht wurden, wirken aber zum Teil schon auch wie ein Prestige-Objekt.

CHRISTIAN HEIDEL:
Ist es aber nicht. Die Pläne zum Besucherzentrum „Tor auf Schalke“ haben Bestand. Ich denke auch, dass wir hier bessere Voraussetzungen für einen Fan-Shop benötigen. Wenn man sich anschaut, was andere Vereine da an Mega-Stores hingestellt haben, ist unser derzeitiger Shop nicht mehr unbedingt zeitgemäß.

Aber klar ist auch, dass sich so etwas durch erhöhte Umsätze selbst tragen muss. Als Beispiel: Wenn das Ding zehn Millionen Euro kostet und wir für Zins und Tilgung 100.000 Euro pro Jahr aufbringen müssen, dann muss der Gewinn aus einem solchen Shop diese 100.000 Euro abwerfen, so dass wir da nichts zuschießen müssten.

Ich stelle mir da schon auch ein tolles Erlebnis für den Fan vor, wie so ein riesengroßer Duty-free-Shop an einem Flughafen. Es ist doch auch klar, dass wir mit dem Merchandising Geld verdienen müssen. Die Idee dazu finde ich gut und richtig, aber sie ist ein kleines Puzzleteil in diesem Riesending, das wir da planen.

SCHALKE UNSER:
Christian, vielen Dank für das Interview und uns allen viel Erfolg bei der weiteren Entwicklung unseres Vereins. Glückauf!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.