Video-Schiedsrichter: Genauer hingeschaut

(axt) Der DFB verkauft den Videoschiedsrichter als Erfolg. Schließlich sprächen die Zahlen dafür. Unter Fans gibt es da aber auch eine andere Meinung – und ein genauerer Blick auf eben diese Zahlen gibt ihnen dabei Recht.

Für den DFB ist der Fall klar: Der Videobeweis macht den Fußball gerechter und er funktioniert dem Grunde nach. Er habe die Entscheidungen um 80 Prozent verbessert.

Auf den ersten Blick scheint eine Studie der Universität Leuven die Freude zu bestätigen. Dort wurden die Eingriffe des Videoschiedsrichters in 804 Partien in aller Welt untersucht. Ob ein Elfmeter gegeben werden muss oder nicht, haben die Video-Assis 1319 mal geprüft, 72 Mal wurde er daraufhin gegeben, 39 Mal zurückgenommen – eine Verbesserung um acht Prozent. Die Video-Assis haben gefallene oder vermeintliche Tore 929 Mal unter die Zeitlupe genommen, davon 13 gegeben und 53 zurückgenommen – sieben Prozent Verbesserung. Und von den 1669 ins Auge genommenen roten Karten wurden 57 erst nach Videobeweis gegeben und ganze drei zurückgenommen – etwa 3,6 Prozent besser.

Und es kommt noch schlimmer

Blickt man ins Mutterland des Fußballs, findet man eine interessante Zahl: 233. So viele Entscheidungen fälle ein Schiedsrichter im Verlauf einer Partie. Die meisten davon seien nur eben nicht sichtbar, sagen die Briten: Wenn es zu einem Kontakt kommt und der Schiedsrichter entscheidet, das Spiel laufen zu lassen, sei es oft nicht sichtbar. Nicht immer zeigt er entsprechende Gesten. Dass diese Zahl als Basis nicht aus der Luft gegriffen ist, hat eine schwedische Metastudie bereits 2006 gezeigt: Sie kam auf durchschnittlich 200 Entscheidungen pro Partie mit Tendenz nach oben, was auch aktuell die Engländer sagen. Von daher kann man mit guten Gründen annehmen, dass eben doch 233 Entscheidungen pro Spiel gefällt werden. Nimmt man die Zahl von 233 als Basis, kommen in einer Bundesliga-Saison 71.300 zusammen.

Nach der Hinrunde 2017 zog der DFB selbst Bilanz: 50 Mal habe der Videoschiedsrichter eingegriffen. Zwei Mal blieb der Schiri auf dem Platz korrekterweise bei seiner Entscheidung, elf Mal entschied er sich um – und lag falsch. 37 Mal habe der Videoassistent das Ergebnis verbessert. Bei 35.650 Entscheidungen pro Halbrunde kann man das schon fast im Kopf ausrechnen: Gerade einmal bei 0,1 Prozent der Fälle wurde das Spiel dadurch “gerechter”.

Fehler verschwinden nur aus der Statistik

Anfang Dezember 2017, nur wenige Wochen vorher, hatte der DFB schon einmal Bilanz gezogen und nannte dabei weitere Zahlen – und auch andere. 830 Situationen hatte der Videoschiedsrichter nach diesen Werten überprüft, aber in 117 Partien “nur” 217 Mal Kontakt mit dem Schiedsrichter auf dem Platz aufgenommen. Dabei seien 33 Entscheidungen korrigiert worden, drei, nicht nur zwei Mal habe der Referee auf dem Platz die Vorschläge aus Köln ignoriert. 33 Mal habe man die Entscheidung verändert, davon acht Mal fälschlich. Offensichtlich hantiert auch Frankfurt mit unterschiedlichen Zahlen.

Selbst mit diesen Zahlen ergibt sich eine Korrekturquote von gerade einmal drei Prozent. Rechnet man dies um auf alle Entscheidungen, also auch die, die nicht kontrolliert worden sind, landet man gar bei 0,09 Prozent.

Keine Fehler mehr, also mehr Fehler

Am Ende der vergangenen Saison sah die Statistik wieder etwas anders aus. Obwohl es in der Rückrunde keine falschen Videoschiedsrichter-Entscheidungen gegeben habe, stieg die Zahl der Fehler in der gesamten Saison von 11 auf 16, schilderte Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich. Insgesamt habe der Videoschiedsrichter rund 80 Mal eingegriffen. Damit bleibt das Resümee bei gerade einmal 0,1 Prozent besserer Fehlerquote. Wie Fröhlich da darauf kommt, dass der Videoschiedsrichter zu 80 Prozent weniger Fehlern geführt habe, bleibt sein Geheimnis. In einer ersten Stellungnahme des DFB waren es übrigens 75 Prozent – aber nach oben gerundet klingt es einfach auch besser.

Dazu kommt, dass eine “verbesserte” Entscheidung nicht immer auch wirklich eine Verbesserung ist. Der DFB zählt hier Entscheidungen wie die aus dem Spiel der Schalker gegen Wolfsburg zu Beginn dieser Saison mit: Hatte Schiedsrichter Patrick Ittrich Nastasic erst mit Gelb verwarnt, änderte er sein Urteil auf Geheiß aus Köln in Rot. Umgekehrt nahm er die rote Karte gegen Wout Weghorst zurück, nachdem der Videoschiedsrichter ihn vielleicht nicht eines Besseren, aber belehrt hatte. Dabei hat gerade die Entscheidung, welche Karte zu ziehen ist, einen breiten Ermessensspielraum. Von einer “eindeutigen” Fehlentscheidung kann darum nicht die Rede sein. Die “Sport-Bild” fragte explizit nach der roten, nein, gelben Karte gegen Wolfsburgs Weghorst. Lutz Michael Fröhlich räumte ein: “Beim Gerangel zwischen Weghorst und Burgstaller hätte der Schiedsrichter bei seinem allerersten Eindruck bleiben müssen, diese beiden Spieler mit Gelb zu bestrafen.” Ob das in die Statistik eingegangen ist?

“Was eine Fehlentscheidung ist und was nicht, darüber gibt es in neun von zehn Fällen mehrere begründbare Meinungen”, kommentiert Philipp Selldorf, Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Und nennt ein anderes Beispiel: “Beim Spiel zwischen Schalke und dem FC Bayern hatte der Hauptschiedsrichter zunächst entschieden, das unzweideutige Handspiel von Naldo nicht mit einem Elfmeter zu ahnden, weil diesen der Ball zunächst am Fuß traf. Er folgte damit den aktuellen Richtlinien des DFB. Dann kam der Videomann und deutete den richtigen Entscheid in einen falschen um – Strafstoß für Bayern!” Er kommt zu dem Schluss: ”Videobeweis schadet mehr, als er nützt.”

Dazu passt, was wiederum Forscher aus Leuven gefunden haben: Eine Zeitlupe bringt Schiedsrichter dazu, härter zu urteilen. Welche Karte gezogen wird, hängt davon ab, in welcher Geschwindigkeit dem Schiri die Bilder vorgespielt werden. Allerdings verändert das nur die Härte des Urteils – nicht aber dessen Korrektheit. Von den roten Karten muss man damit noch einige abziehen.

Verbesserungen ohne Effekt

Der Deutsche Fußballbund stellte daraufhin nicht etwa fest, dass, wer A gesagt hat, nicht B sagen muss. Er könnte ja auch einsehen, dass schon A ein Irrweg war. Stattdessen wurden zwei Mal “Verbesserungen” eingeführt. Zum einen sollte der Videoschiedsrichter nur noch bei “wesentlichen Fehlern” eingreifen. Dass diese Interpretation es nicht besonders schnell in den Kölner Keller geschafft hat, konnte man rasch sehen.

Anfang der Saison dann der nächste Versuch: Wenn schon Entscheidungen bis zu fünf Minuten dauern können – die Freiburger mussten in Mainz sogar noch nach dem Halbzeitpfiff zurück aus der Kabine kommen -, dann sollte es wenigstens transparent sein. Was geprüft werde, mit welchem Ergebnis und welcher Konsequenz, sollte nun zeitnah in den Stadien auf den Videoleinwänden zu sehen sein. Das Ergebnis: Erst pfeift der Schiri auf dem Platz und zeigt auf den Punkt oder eine Karte, dann erst sieht man auf dem Würfel, was eigentlich geschehen ist. Das ist aber nach den vorangegangenen Gesten des Schiris jedem Fan dann ohnehin schon bekannt. Schließlich kennt man die Regeln und Gesten auch, selbst wenn die Herren des DFB-Vorstands das nicht zu ahnen scheinen. Besser wurde so nichts.

Fehlerkultur? Fehlanzeige.

Lutz Michael Fröhlich räumte im “Kicker”-Interview ein: “Das oberste Ziel bleibt natürlich auch, dass die Schiedsrichter auf dem Feld weniger bis gar keine Fehler machen, dann brauchen die Video-Assistenten auch nicht einzugreifen.” Das “wäre der Optimalfall”. Wie der DFB dazu kommen will, dazu sagte Fröhlich nichts.

Der englische Schiedsrichterverband gibt eine Zahl von 98 Prozent richtiger Entscheidungen an – mehr, als es in Deutschland der Fall ist. Deutschen Referees wird gerne eine mangelnde Fehlerkultur unterstellt. Das haben sie mehrfach bewiesen: Interviews stellen sich die meisten Schiedsrichter gar nicht mehr. Der “Pfiff des Tages” im ZDF-Sportstudio ist Beleg für ein solches Trauerspiel: Erst wurde jede offensichtlich noch so falsche Entscheidung – ja genau – als “Ermessensspielraum” bis zur Ermüdung verteidigt, egal, was die Bilder zeigten. Dann zog sich der DFB aus der Veranstaltung ganz zurück. Fehlerkultur? Fehlanzeige. Stellt sich jetzt noch irgendein Unparteiischer doch den Fernsehkameras, werden nur in seltenen Momenten von Charaktergröße Fehler eingeräumt.

Es gibt, glaubt man den Fußballfunktionären, nach jedem Bundesligaspiel eine Fehleranalyse. Zu einer besseren Quote hat sie bisher nicht geführt. Statt also mit teurer Technik und den Emotionen der Fans zu spielen, wäre die Fehlerquote noch zu senken: mit Schulungen, bei denen kritisch auf den Tisch kommt, was schief gelaufen ist. Fehler macht jeder einmal, man muss nur dazu stehen. Und das wäre deutlich günstiger als die teure Technik. Und der Fan könnte bei einem Tor wieder sofort jubeln, statt abzuwarten, was in den nächsten fünf Minuten geschieht.

Und hier geht es nochmal zur entsprechenden Online-Petition der UGE.

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