„Es gibt so viele inkompetente Männer in Positionen, die sie niemals bekommen sollten“

(ae) Fußball ist immer noch eine Männerdomäne, doch Frauen finden
mehr und mehr ihren Platz im Fußball. SCHALKE UNSER sprach dazu mit GRETA RINAST, der Koordinatorin der Ausstellung „Fan.Tastic Females“, die engagierte Frauen aus verschiedenen Fußballfanszenen porträtiert.

SCHALKE UNSER:
Wie ist die Idee zu der Austellung „Fan.Tastic Females“ entstanden?

GRETA RINAST:
Auf dem Football-Supporters-Europe-Kongress in Barcelona im Jahre 2010 kam erstmals die Idee auf, engagierte Frauen im Fußball ins Licht zu rücken. Dennoch lag die Idee danach noch weitere sechs Jahre in einer Schublade, bevor sich endlich vor knapp drei Jahren eine handvoll Aktivistinnen zusammensetzte.

Bereits ein halbes Jahr später starteten sie mit den Interviews und aus diesen entstand dann die eigentliche Ausstellung.

SCHALKE UNSER:
Die Frauen, die ihr präsentiert, könnten unterschiedlicher nicht sein.

GRETA RINAST:
Bei den Interviews findet man Frauen aller Altersklassen, die Jüngste ist gerade mal 15 und die Älteste ist Grace aus Schottland mit unfassbaren 94 Jahren. Auch zwei Mädchen im Alter zwischen acht und zehn Jahren erzählen über die verstorbene Christine der Ultras Marseille.

SCHALKE UNSER:
Nehmen die Vereine die gestiegene Anzahl an weiblichen Fans in den Stadien eigentlich wahr?

GRETA RINAST:
Die Vereine haben den Zeitpunkt verpasst, den Frauentrend zu erkennen. Das macht sich an verschiedensten Stellen stark bemerkbar. Nehmen wir mal die Position des Stadionsprechers: Der ist zu 99 Prozent männlich. Nur in Leverkusen führt die Stadionsprecherin Petra Dahl im Duo mit ihrem Kollegen Tobias Ufer durch das Programm. Und wenn Choreos im Stadion stattfinden, bedankt man sich bei „den Jungs in der Kurve“ und das, obwohl mit Sicherheit auch sehr viele Frauen mitgeholfen haben. Auch das Rahmenprogramm und die Spieltagsangebote sind häufig auf Männer zugeschnitten.

Der Blick in den Fanshop spiegelt es auch sehr deutlich wider. Oft gibt es die klassischen Shirts und Hoodies nur für Männer und sie werden selten als Damenschnitt angeboten. Frauen sind auch Kundinnen, aber viele Vereine erkennen das bislang nicht.

SCHALKE UNSER:
Häufig hören wir die Frage: „Passen Frauen und Fußball überhaupt zusammen?“

GRETA RINAST:
Wenn die Nationalmanschaft spielt, ist jeder zweite, der im TV zuschaut,
weiblich. In den Stadien liegt der Frauenanteil bei etwa 30 Prozent. Und es gibt Millionen von Frauen, die aktiv selbst spielen. Ganz offensichtlich passen Fußball und Frauen also doch gut zusammen.

SCHALKE UNSER:
Auch wenn in den Stadien der Anteil der Frauen steigt, macht sich das kaum in wichtigen Positionen bei den Vereinen bemerkbar. Warum ist das so? Weil Frauen als „nicht kompetent“ angesehen werden?

GRETA RINAST:
Kompetenz hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es gibt zwar viele kompetente Männer, aber wir haben auch viele inkompetente Männer in Positionen, die sie niemals bekommen sollten. Wenn dann eine inkompetente Frau darunter wäre, dann macht es auch keinen Unterschied, wenn anstatt eines Mannes einmal eine Frau inkompetent wäre.

Aber vielleicht könnten wir 50 kompetente Frauen in Positionen bringen, die uns alle weiterbringen: den Verein, die Mannschaft, die Frauenmannschaft, die Fanszene, die Fanclubs.

SCHALKE UNSER:
Woher kommt diese Zurückhaltung gegenüber Frauen?

GRETA RINAST:
Frauen haben oft Angst zu scheitern, weil sie halt Frauen sind. Und das scheint nicht abwegig, wohl auch weil viele denken: „Warum soll ich die wählen? Mit der kann ich mich gar nicht identifizieren!“ In der Regel tendiert Mann und auch Frau dazu, Menschen zu wählen, die einem ähnlich sind. Deshalb versuchen wir auch, mit dieser Ausstellung den Frauen aufzuzeigen: „Guck mal, das könnt ihr auch! Ihr müsst euch nur mal trauen.”

Nehmen wir mal die Vorsänger, sie sind der Blickpunkt für alle im Stadion. Zu ihnen wird aufgesehen und sie genießen hohe Anerkennung. Aber warum macht das nicht mal eine Frau?

Weil sie sich noch mit zusätzlichen, anderen Kämpfen auseinander setzten müsste als ein männlicher Vorsänger. Das ermüdet.

SCHALKE UNSER:
Welchen Weg wählen die Frauen in die Fanszene?

GRETA RINAST:
Der Einstieg zum Fußball wird von Frauen oft über einen Fanclub gemacht: gemeinsames Miteinander, über Fußball reden, sich treffen, gemeinsam Spiele besuchen und einfach Spaß haben. Für Männer ist der Einstieg wesentlich einfacher. Du gehst als Mann einfach drei oder vier Mal an die gleiche Stelle im Stadion und hast beim fünften Mal direkt Freunde.

Als Frau passiert das so nicht. Drei bis vier Mal wirst du angebaggert, aber niemand möchte sich mit dir über Aufstellung, Schiri oder die Taktik unterhalten. Da wirst du eher dumm angemacht: „Na Süße, auch wieder hier?“

SCHALKE UNSER:
Woran liegt das deiner Meinung nach?

GRETA RINAST:
Es werden einfach andere Standards an Frauen angelegt als bei Männern – und das durch alle Szenen. Wenn sie als vollständiges Mitglied akzeptiert werden wollen, müssen sie sich deutlich härter, prominenter beweisen.

Bei den Männern reicht es unter Umständen, dass sie mit den richtigen Leuten ein Bier getrunken haben. Die Frau jedoch muss in der Lage sein, Busse zu besorgen, Catering zu organisieren, drei Fahnen zu malen und dann noch zwei bis zehn Schals abzuziehen. Nur wehe, sie hat was mit dem
Falschen in der Gruppe.

Dazu kommt die Stutenbissigkeit. In der typischen männlichen Gruppenaufteilung bist du entweder bei den Schlägern, bei den Säufern oder bei denen, die für die Choreos zuständig sind. Da bilden sich so Neigungsgruppen.

Anders bei den Frauen. Bei ihnen ist es in den Orgas sehr oft so, dass sie Angst vor dem Positionsverlust haben und deshalb auch wenig Solidarität mit anderen oder neuen Frauen suchen. Es ist wie in einem Hühnerstall mit Hackordnung. Und das basiert nur auf Angst. Aber warum entwickelt sich kein Zusammenhalt wie bei den Männern? Anstatt Angst um den eigenen Rang zu haben, müssten wir nur sagen: „Ok, wenn es nur eine Position zu geben scheint, dann müsst ihr das System ändern und nicht die Position austauschen.“

SCHALKE UNSER:
Der männliche Chauvinismus ist bekanntlich die letzte Bastion des Rassismus. Gibt es auch reine weibliche Ultra-Gruppierungen?

GRETA RINAST:
Bei Carl Zeiss Jena gründeten sich zum Beispiel die „SenoritHAs“ als Anlaufpunkt für Frauen, die aktiv sein wollten. Sie starteten mit etwa 15 Frauen und dadurch, dass dort die Hemmschwelle viel geringer war, wuchs diese Gruppe stetig an.

Mittlerweile gibt es sie allerdings nicht mehr. Sie haben mit der dortigen Jugendgruppe „HArakiri“ fusioniert und machen jetzt gemeinsam weiter. Leider funktioniert so etwas nicht überall.

In Schweden sind Fangruppen eine Männerbastion und so findet man dort tatsächlich reine Frauen-Ultra-Gruppierungen, da es ihnen nicht ermöglicht wurde, in die bestehenden Gruppierungen einzutreten. Und das, obwohl Schweden in vielen Dingen der Gleichberechtigung sehr weit vorne ist.

SCHALKE UNSER:
Wie ist bislang die Resonanz auf eure Ausstellung?

GRETA RINAST:
Der Run auf die Ausstellung ist gigantisch, damit haben wir selbst überhaupt nicht gerechnet. Wir haben bereits 16 Termine gehabt. 2019 kommen 23 weitere Standorte, darunter Gelsenkirchen, dazu. Das macht uns stolz.

SCHALKE UNSER:
Greta, weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für das Interview. Glückauf.

Das Projekt “Fan.Tastic Females – Football Her.Story” möchte die Geschichten fan.tastischer Frauen erzählen – über ihre Liebe und Leidenschaft für den Sport, über ihren Weg auf die Tribünen, ihre großartigsten, eindrucksvollsten, lustigsten aber auch ihre weniger schönen Momente im Fußball. In einer bislang einzigartigen Ausstellung, von Fans für Fans gemacht, sollen die Vielfalt und die Realitäten weiblicher Fankultur im europäischen Fußball und darüber hinaus gezeigt werden – aus der Perspektive der Protagonistinnen selbst. Die Ausstellung wird organisiert von Mitgliedern des Netzwerks Football Supporters Europe (FSE).

Die Ausstellung „Fan.tastic Females“ ist noch bis zum 9. Mai im Schalke -Museum zu besichtigen. Weitere Infos hier.

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