Wer Schalke liebt, muss Schalke verlassen?

(ae) Schalke hat angekündigt – besser gesagt, die „Bild“-Zeitung hat angekündigt, dass Schalke drei Mitarbeiter entlässt. Das Pikante: Darunter ist ausgerechnet der letzte, der auf Schalke für Tradition zuständig ist.

Gut, man kann jetzt zu Recht argumentieren, ein Umbruch bringt auch immer Kündigungen mit sich. Wer einen Verein neu aufstellen muss, muss etwas verändern. Doch es trifft eben jetzt ausgerechnet den Bereich „Tradition“, der diesen Umbrüchen zum Opfer fallen soll. Tradition? – Braucht das „moderne“ Schalke augenscheinlich nicht mehr. Etwas, für das uns andere Fußballclubs europaweit beneiden, ist für den Vorstand nicht mehr von Bedeutung. Es trifft dabei einen Mann, der unsere Geschichte atmet, ein wandelndes Lexikon und beliebt ist, nicht nur bei ehemaligen Spielern.

Und es trifft das Merchandising sowie einen beliebten Ansprechpartner für unsere Sponsoren, der sich seit Jahrzehnten den Hintern aufreißt. Diese Drei werden gerade so übel in den sozialen Medien beschimpft, dass es einem wirklich weh tut, denn das haben sie nicht verdient. Sie sollen sich „auf ihrem Stuhl ausgeruht“ haben und „ein Vermögen verdienen“, wie man es dann unter dem ein oder anderen Post lesen kann. Eine Quelle dafür gibt es nicht, eine Gelegenheit, ihre Sichtweise darzustellen, haben sie nicht, denn das wäre tatsächlich im arbeitsrechtlichen Sinne illoyal. Wehren können sie sich also öffentlich nicht gegen diese Vorwürfe aus dem Internet. Wer jetzt das Wort in der „Bild“ bekommt, ist der Vorstand, nicht die betroffenen Mitarbeiter. Damit ist die Berichterstattung zwangsläufig einseitig.

Angekündigt wurde die ganze Aktion bereits am 5. September 2020: Schneider und Jobst trafen sich mit Vertretern des SFCV und nannten es sinngemäß „unpopuläre Entscheidungen, die getroffen werden müssen“. Transparenz bleibt ein Fremdwort und die Pressekonferenz, auf der diese propagiert worden ist, bleibt „mein Geschwätz von gestern“, das heute nicht mehr interessiert.

Aber seit neun Jahren sitzt unser Marketing-Chef auf seinem Stuhl. Üblich ist im schnelllebigen Marketing, dass man spätestens nach drei bis vier Jahren den Arbeitgeber wechselt, denn Marketing bedeutet Kreativität, Power, Engagement, Innovation. Und das auch am besten vor der eigenen Tür und nicht in China oder Amerika. Wir springen auf Pferde auf, die im Ziel beim Abdecker aufgeladen werden. Das Stichwort heißt „Betriebsblindheit“.

Und das Schlimmste daran ist, dass vorne Transparenz und Tradition gepredigt wird. Hinter der geschlossenen Bürotür werden die vor die Tür gesetzt werden, die für genau das stehen. Statt für Merchandise-Artikel und Werbeaktionen externe Firmen zu beschäftigen, würden Seminare für Mitarbeiterführung wahre Wunder bewirken. Gleiches gilt auch für den Bereich Kommunikation und Unternehmensführung.

„Sie, Herr Jobst, wissen nicht, was Schalke ist. Wer Schalke nicht liebt, sollte Schalke verlassen.“

Wortbeitrag auf der Mitgliederversammlung 2013

Der Ort, um die Ausrichtung unseres Vereins zu diskutieren, ist die Mitgliederversammlung. Hier geht es um mehr als nur um Voucher und Autogramme. Hier geht es um die Frage, welche Marschrichtung vom obersten Vereinsorgan, der Mitgliederversammlung, den handelnden Vorständen vorgegeben wird. Wegen Corona ist diese derzeit nicht möglich. Aber das ist kein Grund, jetzt stumm zu bleiben und zuzuschauen, wie wir auf einen Eisberg zutreiben, während die auf der Brücke die Warnrufe aus dem Maschinenraum ignorieren.

Update 16. November 2020: Schalke hat jetzt in einer Stellungnahme kritisiert, dass die Namen der Mitarbeitenden genannt werden. Dafür gibt es tatsächlich keine presserechtliche Rechtfertigung. Zudem handele es sich um eine „in wesentlichen Teilen unzutreffenden Berichterstattung“. Was hieran unzutreffend sei – ggf. sogar die Kündigung – erläutert Schalke im knappen Statement nicht.

4 Gedanken zu „Wer Schalke liebt, muss Schalke verlassen?

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    15. November 2020 um 22:15
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    Danke für diese treffende Analyse. So kann es nicht weitergehen, Zeit dass sich Widerstand regt. Heute auch von den Supporters.

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      16. November 2020 um 08:44
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      Das ist eine bodenlose Frechheit. Herr Schneider sollte gehen, der kriegt doch gar nichts auf die Kette und an die Hand kann er dann auch die anderen Vorstände nehmen. Da oben gehören Leute mit einem Schalkerherz hin.

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    16. November 2020 um 21:29
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    Es wird wirklich Zeit für Widerstand. Was muss noch alles passieren bevor der Aufsichtsrat handelt wenn er denn handlungsfähig ist? Die Liste der katastrophalen Entscheidungen der letzten Jahre ist inzwischen so lang dass mir jegliches Vertrauen in den Vorstand abhande gekommen ist. Herr Schneider macht auf mich einen bestenfalls überforderten Eindruck.
    Wir haben unseren Fanclub vor 35 Jahren gegründet und ich kann mich noch gut an die „Jetzt erst recht“ Aufkleber erinnern als Schalke um den Klassenerhalt in der 2.Liga kämpfte.
    Ich halte die Situation aktuell für bedrohlicher, der Niedergang verläuft seit einigen Jahren, er verläuft schleichender, ich befürchte dafür nachhaltiger. Schalke ist zu gross um von Amateuren bzw. Jobnovizen geführt zu werden.
    Ralf Rangnick ist immer noch frei, können wir nicht eine konzertierte Aktion starten? Ich glaube gar nicht dass Geld der allein entscheidende Faktor ist aber in den 70ern wurde schon einmal für einen Spieler gesammelt, die gute alte Bongartz-Mark (Zwinkersmiley)
    Glückauf!

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