Nummer 08 - 1995/11

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Pakistans Balljungen
“Schalke ist wie Himmel oder Hölle, Durchschnitt gibt es da nicht” - Interview mit Günter Schlipper
Die Sitzen-ist-für-den-Arsch-Karte
Liebesgrüße aus London
SKALKY OUR clears up - English for outlanders



Pakistans Balljungen

(mac) “Der Ball muß kugelförmig sein… Der Umfang des Balles darf nicht mehr als 71 cm und nicht weniger als 68 cm betragen. Das Gewicht des Balles bei Spielbeginn darf nicht mehr als 453 g und nicht weniger als 396 g betragen. Der Druck soll 0,6 bis 1,1 Atmosphären betragen, was 600 - 1 100 g/qcm auf Meereshöhe entspricht.” Und, und, und. Jedes noch so kleine Detail schreibt das DFB-Regelwerk vor: Größe, Luftdruck, Rücksprunghöhe. Nur eines ist ziemlich egal - unter welchen Umständen der Ball hergestellt wird. Die Umstände sind skandalös. SCHALKE UNSER berichtet über Kindersklaven, die unser liebstes Spielzeug unter unwürdigen Bedingungen zusammennähen.

David ist zwölf und spielt für sein Leben gerne Fußball. Normal. David spielt beim VfL Sürth in der Nähe von Köln. Er spielt mit einem Ball, der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem anderen Zwölfjährigen am anderen Ende der Welt hergestellt wurde - in Pakistan. Nennen wir den Jungen, der Davids Spaß erst ermöglicht, Mohammed. Das ist durchaus authentisch und paßt außerdem gut zu unserem Vereinslied.

Mohammed also ist kein Prophet, Mohammed ist Kinderarbeiter, ist ein moderner Sklave. Mohammed ist zwölf, wie gesagt, und die Schule hat er nie besucht. Er versteht eine Menge vom Fußball. Zwar hat er zum Spielen keine Zeit, aber das Spielgerät, das kennt er bestens. Drei Bälle schafft er höchstens am Tag, denn der Fußball, der ist ein hochwertiges, ein aufwendiges Produkt.

Neun Stunden am Tag näht er die Kunstleder-Elemente zusammen, neun mal dreißig Pfennig bekommt er dafür. Macht zusammen also 2,70 Mark Tagesverdienst oder neunzig Pfennig pro Ball, der bei uns zwischen 40 und 170 Mark kostet. Mohammed ist stolz, weil er sich von unterklassigen Bällen hochgearbeitet hat zu denen, die ein Matthäus oder Maradona in wichtigen Netzen versenkt. Vier Jahre hat er für diesen Karrieresprung gebraucht.

Tanz um den goldenen Ball: Hier geht es um Millionen, in Pakistan um Pfennige…

Vielleicht hat einer seiner Bälle mal ein WM-Spiel entschieden oder das DFB-Pokal-Finale, vielleicht hat einer seiner Bälle Millionen bedeutet. United colors of Fußball.

Blau und weiß - vielleicht hat Mohammed sich tatsächlich diese Farben ausgesucht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls hat er sich sein Leben nicht ausgesucht, nicht aussuchen können. Kinderarbeit. Man hat schon mal davon gehört, meistens im Zusammenhang mit Teppichen. Sind so kleine Hände, die sie knüpfen und sind so kleine Hände, die unseren heißgeliebten Fußball zusammennähen. Handarbeit. Wertarbeit.

Für bis zu 1,50 Schweizer Franken sogar FIFA-geprüft. 200 Millionen Kinderarbeiter soll es weltweit geben, 200 Millionen Mohammeds gewissermaßen, die in Steinbrüchen, Streichholzfabriken, Gerbereien oder Orangenplantagen arbeiten. Oder in Sialkot, Pakistan.

Sialkot. Welthauptstadt des Fußballs. Sialkot hat keinen S04, hat keinen Verein, der es mal zu sportlichem Ruhm hätte bringen können. Wie auch? Die Kinder, die Jugendlichen arbeiten, statt zu trainieren. In Sialkot, im Osten Pakistans an der Grenze zu Indien gelegen, werden mehr Bälle hergestellt als an jedem anderen Ort der Welt. Ganze Dörfer rund um die 300 000-Einwohner-Stadt leben vom Geschäft mit dem Ball. In manchen arbeiten zwei Drittel aller Kinder an diesem so unscheinbaren Produkt. Auch Mohammed. Ohne seinen kargen Lohn könnte die Familie nicht überleben in der Weltwirtschaftsliga, in der sie ohnehin auf dem Abstiegsplatz steht.

So weit, so schlecht. Unser verwöhnter Westblick aber, sozusagen von der Champions League des Wohlstands auf die unterste Kreisklasse, ist nicht statthaft. Kinderarbeit einfach abschaffen zu wollen, ist absurd, ist illusorisch.

Kinderarbeit ist bittere Realität, nimmt weltweit mehr und mehr zu. Vielleicht könnten wir besser mit ihr leben, wenn wir nicht die deprimierenden Hintergründe kennen würden - vor allem: “bondage labour”, die Schuldknechtschaft.

Schuldknechtschaft ist, wenn ein Menschenhändler ins Dorf kommt, die Eltern, die weder rechnen noch lesen noch schreiben können, überrumpelt. Er verspricht ihnen gewöhnlich einen - für pakistanische Verhältnisse - hohen Kredit von 30 Mark. Dafür, so die scheinbare Wohltat, nimmt er sogar ein Kind der Eltern mit, verspricht ihm gute Ausbildung sowie guten Lohn und den Eltern, daß das Kind regelmäßig ein Teil des Gehalts überweist. Und schon ist das Kind weg. Dritte-Welt-Transfer: Das Kind, Mohammed, wird verkauft. Schuldknechtschaft, geächtet von den Vereinten Nationen, ist, wenn Kinder für die Schulden der Eltern bezahlen müssen, bezahlen müssen mit kaputter Gesundheit, Analphabetismus und verpaßter Kindheit. Kinderarbeit ist, wenn Kinder nicht im Hinterhof kicken, sondern sich dort krank schuften.

Vielleicht könnten wir hier im Westen auch besser mit der Kinderarbeit leben, wenn sie nicht mehr wäre als “Kinder verdienen etwas dazu”. Weit gefehlt.

Kinderarbeit ist nicht nur Folge von Armut, sie ruft auch neue Armut hervor. Weil Kinder arbeiten, billiger arbeiten, da sie sich nicht wehren können, werden ihre Eltern arbeitslos. Ein Kreislauf.

Und: Wer als Kind arbeitet statt zur Schule gehen zu können, wird auch als Erwachsener nie einen qualifizierten Job bekommen. Kinderarbeit fördert so neue Kinderarbeit.

40 Millionen Bälle werden pro Jahr auf der Welt hergestellt, mindestens 30 Millionen davon rund um Sialkot. Ein Zehntel der Weltproduktion entfällt auf den Marktführer Adidas. Daß Pakistans D-Jugend die hauseigenen Bälle näht, hat Adidas nie entdecken können, wollte Adidas wohl auch nie entdecken. Denn wer durch Sialkots Straßen läuft, der sieht die Garagen, Baracken und Hinterhöfe allerorten, in denen die Jungen und Mädchen vor buntbedruckten Kunstlederteilen in die Knie gehen.

Adidas, das mit dem Predator-Cup hierzulande Kids für den Fußball, genauer für Adidas-Bälle, Adidas-Schuhe oder Adidas-Stutzen gewinnen möchte, beruft sich auf Verträge, in denen das Unternehmen Kinderarbeit untersagt. Dabei weiß jeder, daß in Pakistan die Verträge das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind. Und wenn Adidas schon mal kontrolliert, dann in Vorzeigebetrieben, in denen ausschließlich Erwachsene den Bällen den letzten Schliff geben.

Nicht nur Adidas, nicht nur Puma, Reebok, Derbystar, Mitre und all die anderen Ballhersteller, auch der DFB hat bislang nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt. Der DFB, traditionell eng mit dem Hause Adidas verbunden, hat zwar ein Kinderhilfswerk in Mexico und zudem jede Menge Ausländer als Freunde - pakistanische Kinderarbeiter aber sind bislang nicht darunter. Fragt man den weltgrößten Sportverband nach der Herstellung von Bällen, bekommt man einen knappen Verweis auf die Produzenten, auf Adidas. Über die FIFA, die - Stichwort Prüfsiegel - ab Januar 1996 an jedem Wettbewerbsball mitverdient, brauchen wir erst gar nicht zu sprechen.

Natürlich ist Kinderarbeit auch in Pakistan offiziell verboten. Doch sie ist längst geduldete Realität. Selbst Terre des Hommes (TDH), die Kinderschutzorganisation, hält eine sofortige Abschaffung für unrealistisch, ist gegen Boykottaufrufe, weil sie den Kindern und Eltern noch mehr schaden. Eine längerfristige Strategie muß her.

Erster Schritt, so TDH-Sprecherin Barbara Küppers, müsse höherer Lohn für die Kinder, bessere Gesundheitsvorsorge, beschränkte Arbeitszeit und wenigstens eine minimale Schulbildung sein. Im zweiten Schritt dann sollen nur noch Erwachsene die Arbeit verrichten - und zwar in Pakistan, weil das arme Land Arbeitsplätze braucht. Barbara Küppers hält nichts davon, die Produktion nach Deutschland zu verlagern.

Tatsächlich plant Adidas den Beginn einer kleinen Ballproduktion in Deutschland, ganz in der Nähe vom Firmensitz Herzogenaurach. Dort sollen - von Erwachsenen - vor allem teure Bälle gefertigt werden - wohl auch der Ball für die EM 1996, dessen Name top secret ist.

Die einfachen Bälle werden weiter in Sialkot, Pakistan und in Vietnam hergestellt, in einfachen Ländern. Einen Predator-Cup wird es dort vorerst kaum geben. Dafür weiter streetball der besonderen Art.


“Schalke ist wie Himmel oder Hölle, Durchschnitt gibt es da nicht”

(rk/kh) Eigentlich hatten wir ja als Überschrift “Ein Tor für die Ewigkeit” vorgesehen. Jeder hätte dann sofort gewußt, daß es sich bei unserem Interviewpartner nur um den großen GÜNTER SCHLIPPER handeln kann. Aber sein Werdegang kann und darf wahrlich nicht auf den einen Treffer am 22.8.92 reduziert werden. Es ist still geworden um den begnadeten Ballkünstler, dem man den brasilianischen Spitznamen ‘Schlippinho’ verlieh. SCHALKE UNSER besuchte ihn in seiner alten und neuen Heimat Oberhausen.

SCHALKE UNSER:
Günter, man hat lange nichts mehr von Dir gehört, was machst Du eigentlich zur Zeit?

GÜNTER SCHLIPPER:
Ich bin jetzt Spielertrainer beim Landesligisten Blau-Weiß Oberhausen-Lirich. Ich komme ja aus diesem Verein, habe hier bereits mit sieben Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Mit 19 oder 20 Jahren bin ich hier weggegangen, war ein Jahr in Altenessen und bin dann beim MSV Duisburg, bei Rot-Weiß Oberhausen, Köln, Schalke und danach noch mal kurz in Oberhausen gewesen. Dann habe ich gut zwei oder drei Jahre früher als geplant den Schritt zurück gemacht. Ich hatte das zwar immer mal vor, aber vielleicht hätte ich das sonst mit 34 oder 35 Jahren gemacht. Jetzt sind es zwei Jahre früher, aber das ist auch nicht schlimm, da kann ich auch mit leben.

SCHALKE UNSER:
Von dem Lohn eines Landesligisten kann man nicht leben. Was machst Du denn heute hauptberuflich?

GÜNTER SCHLIPPER:
Ich habe hier im Mai ein Bistro eröffnet, im Zentrum von Oberhausen. Ansonsten mache ich mich aber auch nicht verrückt.

SCHALKE UNSER:
Hast Du heute noch Kontakt zu Schalke oder zu Schalker Spielern?

GÜNTER SCHLIPPER:
Zum Beispiel zu Egon Flad. Als er bei Tennis Borussia Berlin gespielt hat, habe ich ihn auch häufiger besucht. Mit Holger Gehrke spiele ich zusammen im selben Tennisclub. Hin und wieder spreche ich auch noch mit Jürgen Luginger oder Uwe Leifeld. Zu den aktuellen Spielern habe ich aber keinen Kontakt mehr. Seitdem ich Schalke verlassen habe, habe ich auch kein Spiel mehr im Parkstadion gesehen. Es war eine sehr schöne Zeit, aber eigentlich ist Lirich mehr mein Zuhause.

SCHALKE UNSER:
Was war denn das schönste Erlebnis Deiner Karriere?

GÜNTER SCHLIPPER:
Sportlich gesehen war natürlich die schönste Zeit auf Schalke. Vor allen Dingen das Jahr, als wir aufgestiegen sind. Das war einmalig, als wir da vor 45 000 bis 50 000 Zuschauern gegen Havelse gespielt haben. Das ist ja auch nicht normal, andere würden da vor 2 500 spielen. Am Anfang ist das schon phänomenal, aber nach ein paar Jahren ist dann schon mehr Routine dabei, dann hat man sich daran gewöhnt.

SCHALKE UNSER:
Du hast einige Vereine in Deiner Fußballaufbahn kennengelernt. Was meinst Du unterscheidet Schalke von anderen Fußballclubs?

GÜNTER SCHLIPPER:
Es ist schon etwas ganz anderes als zum Beispiel in Köln. Gut, da waren auch manchmal 30 000 oder 40 000 Zuschauer, aber irgendwie kann man das nicht vergleichen. Auf Schalke war aber der Druck auch viel größer. Als ich dort ankam, mußte ich im linken defensiven Mittelfeld spielen, wußte überhaupt nicht, wo ich hinlaufen sollte, und habe am Anfang nur auf die Mütze gekriegt. Als ich dann zentral spielen konnte, die Position, die mir am meisten liegt, klappte es ja auch ganz gut.

SCHALKE UNSER:
Beim Namen Günter Schlipper denken die meisten Schalker zuerst an Dein Tor zum 1:0 in Dortmund, als Du Stefan Reuter und Stefan Klos so unnachahmlich vernascht hast. Träumst Du noch manchmal von diesem Tor?

GÜNTER SCHLIPPER:
Nein, eigentlich gar nicht mehr. Damals war das natürlich großartig, aber wenig später fingen ja auch die Probleme an. Als dann der Helmut Schulte kam, wußte ich schon beim ersten Training: Deine Zeit ist hier vorbei, der Mann kann nicht dein Freund werden. Vor dem Lattek hatte man ja noch Respekt, aber wenn ich diese Gurke vor mir gesehen habe, konnte ich nur den Kopf schütteln. Wir mußten uns am Anfang immer eine halbe Stunde warmlaufen, alles ohne Ball! Dazu kam dann noch das Theater um die Vertragsverlängerung meines besten Kollegen, Egon Flad, dem sie einen Hungervertrag geben wollten, um ihn nicht ganz abzuschieben. Das ganze Geschäft hat mir am Ende nicht mehr so zugesagt.

SCHALKE UNSER:
Aber Ärger gab es doch auch schon vorher wegen Deiner zwei Roten Karten?

GÜNTER SCHLIPPER:
Deswegen hatte ich ja auch ein wenig Streß mit Udo Lattek. Als ich den zweiten dummen Platzverweis bekam, wußte ich in der nächsten Sekunde, was auf mich zukam. Da hätte ich auch vor Wut heulen können!

SCHALKE UNSER:
Könntest Du Dir vorstellen, noch einmal in den bezahlten Fußball zurückzukehren?

GÜNTER SCHLIPPER:
Nein, absolut nicht. Ich muß ehrlich sagen: Ich hätte keine Lust mehr, mich konditionell so zu quälen. Denn das Wichtigste ist: Der Kopf muß es wollen, und das wäre nicht der Fall. Wenn man einmal bei Schalke gespielt hat, ist man natürlich auch ein wenig verwöhnt. Und

dann noch mal, zum Beispiel bei Fortuna Köln vor 700 Zuschauern zu spielen, das muß ja dann auch nicht sein. Deshalb bin ich auch hier nach Lirich gegangen, denn in der Oberliga oder Regionalliga hieße es dann: “Der hat mal bei Schalke gespielt”, und schon werden Wunderdinge von einem erwartet. Deshalb mache ich lieber das hier aus Spaß. Für die Landesliga reicht es allemal noch, und ich habe keine Probleme damit.

SCHALKE UNSER:
In der Saison, die zum Aufstieg führte, wollten Dich einige Journalisten sogar in der Nationalmannschaft sehen. War das überhaupt einmal ein Thema für Dich?

GÜNTER SCHLIPPER:
Ach nein, das gab es ja überhaupt nicht, als Zweitligaspieler in der Nationalmannschaft. Da muß man schon konstant vier oder fünf Monate am obersten Limit spielen.

SCHALKE UNSER:
Verfolgst Du heute noch das Geschehen in der Bundesliga?

GÜNTER SCHLIPPER:

Ja sicher, “ran” oder das Topspiel bei “premiere” schaue ich mir meistens an. Obwohl ich finde, daß “ran” zu sehr eine richtige Klatsch- und Tratschsendung geworden ist. Und dauernd diese Werbeunterbrechungen! Außerdem versuchen viele Pressereporter, unter allen Umständen aus den Spielern etwas Negatives herauszubekommen, was dann Schlagzeilen bringen könnte. Wenn ich nur daran denke, wie die Geschichte mit Mehmet Scholl und Otto Rehhagel ausgeschlachtet wurde.

SCHALKE UNSER:
Mit Dir hat die Bundesliga einen “Typen” verloren. Was hältst Du von einem Vergleich mit Mario Basler?

GÜNTER SCHLIPPER:
(lacht) Ich weiß nicht. Ich kann mich mit ihm insofern nicht vergleichen, weil ich sportlich nicht die Leistung gebracht habe, die er momentan bringt. Für mich ist das der beste Mann der Liga, da kommt auch kein Sammer ran. Wie er durch Einzelleistungen, zum Beispiel seine Freistöße, Tore erzielt, das ist schon genial. Gut, er ist manchmal etwas unbeherrscht und redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und deshalb eckt er halt mehr an als andere Spieler. Von vielen Deutschen wird es halt als clever und intelligent gesehen, wenn viele Spieler so dahinsülzen, was die Leute hören wollen. Meine Mentalität ist das nicht und die möchte ich auch gar nicht haben.

SCHALKE UNSER:
Du hast anfangs schon von der Begeisterung der Zuschauer gesprochen: Wie nimmt man als Spieler die Fans eigentlich wahr?

GÜNTER SCHLIPPER:
Es gibt nun mal lästige Fans und es gibt nette Fans. Wenn man vernünftig und freundlich angesprochen wird, kann man sich doch mit Leuten unterhalten. Warum soll ich sagen: “Hau ab, ich habe keine Zeit”? Wenn aber die sportlichen Erfolge ausbleiben, kann es auch ganz schön stressig werden. Dann traut man sich manchmal montags kaum die Zeitung aufzuschlagen, wenn man verloren hat. Schalke ist nun mal Himmel oder Hölle, Durchschnitt gibt es da kaum.

SCHALKE UNSER:
Wie hast Du eigentlich damals die Pfiffe und ausländerfeindlichen Attacken einiger Fans gegen Radmilo Mihajlovic erlebt?

GÜNTER SCHLIPPER:
Ich glaube, das lag nicht daran, daß er Ausländer war. Da wäre jeder andere auch ausgepfiffen worden. Er konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen und sein Gehalt sowie die ganzen “Extras” sind zudem in der Presse breitgetreten worden. Aber zum Thema Ausländer: Wir haben jetzt zum Beispiel hier in Lirich die Möglichkeit, einen U21-Nationalspieler aus Kamerun zu verpflichten, der schon bei höherklassigen Vereinen trainiert hat und einen guten Eindruck hinterlassen hat. Jetzt fängt für uns halt die Arbeit an: Die Behördengänge, weil er kein Europäer ist, und dann das Problem mit der Unterbringung. Er ist nun mal schwarz, und von mir aus kann er rot, grün, blau oder sonstwas sein, das interessiert mich nicht. Es gibt aber viele Vermieter, die sagen dann “Nein, aber so einen will ich nicht”. So sind die Deutschen ja zum großen Teil.

SCHALKE UNSER:
Zum Schluß noch ein anderes Thema: Schalke engagiert sich für die Aktion “Stars gegen Alkohol am Steuer”…

GÜNTER SCHLIPPER:
(schallendes Gelächter) … da bin ich ja froh, daß sie mich damals nicht gefragt haben!

SCHALKE UNSER:
Glaubst Du, solch eine Aktion bewirkt etwas bei den Fans? Oder ist das Ganze nicht eher scheinheilig?

GÜNTER SCHLIPPER:
Ich kenne ja die Schalker Szene. Da sind auch schon Spieler betrunken Auto gefahren. Ich selbst bin auch so ein Typ: Wenn ich nüchtern bin, würde ich nie zu jemandem ins Auto steigen, der getrunken hat. Wenn man dann selbst getrunken hat, denkt man vielleicht schnell: “Ach, die zwei Kilometer fahre ich jetzt noch”. Es gibt halt Leute, die sagen: “Wenn ich acht Bier getrunken habe, dann fahre ich nicht mehr, aber nach 25 Bier setze ich mich ins Auto”. Da wird man dann leichtsinnig, denkt “es geht schon irgendwie”. Aber im Grunde ist das natürlich totaler Schwachsinn.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Interview. Glückauf. Und weiterhin Gute Fahrt!

SCHALKE UNSER präsentiert den original Schlippinho-Cocktail

1 Old Fashioned Glas (Whisky-Glas)
1 Limette achteln und hineingeben
1 Löffel Zuckerrohrzucker
2 cl Dry Orange Curacao
5 cl Gin

Das Ganze durchrühren, vermengen und anschließend mit Crushed Ice auffüllen, fertig ist der Cocktail, der Dich schwindlig spielt.

Wer die Zutaten für den Schlippinho-Cocktail nicht in seiner Hausbar findet, kann sich auch nach Gelsenkirchen ins Cafe Arminstrasse begeben und sich dort das edle Getränk bestellen. Aber bestimmt vorher jemanden, der nüchtern bleibt!


Die Sitzen-ist-für-den-Arsch-Karte

(hs/bob/mac) Wieder mal Schwarzer Peter. Damit ist nicht der gleichnamige SCHALKE UNSER-Computerheld gemeint, sondern das Spiel mit der berühmten Arschkarte. Am Spieltisch sitzen weiterhin DFB, UEFA und Fußballfans. Der Spieleinsatz ist bekannt hoch: Es geht immer noch um den Erhalt der Stehplätze in den Stadien. Die vorerst letzte Runde wurde Ende September in Genf gespielt.

Unglaublich Elitär Für´n Arsch - UEFA

Immerhin knapp 60 Fans von 16 Vereinen wollten mitspielen - viel, wenn man bedenkt, daß erstens Genf nich gerade umme Ecke liecht und zweitens der Termin mitten inne Woche nich zum Kartenspielen anregen tut.

Und dennoch war der Termin gut gewählt. Am gleichen Tag fand die Auslosung zur zweiten Europapokal-Runde statt. Auch der Ort stimmte. Schließlich sitzt in Genf die selbstherrliche UEFA und wer, wie die 60 Fans, ein wichtiges Spiel zu spielen hat, der muß eben auch weit weg auswärts antreten. Erwartet etwa jemand, daß die UEFA sich von ihren teuren Sitzen erhebt und den Fans entgegenkommt? Wohl kaum.

Fan-Demo in Genf, spektakulärer Kampf gegen die Versitzplatzung, die zweite. Das wichtigste Ergebnis vorweg: Wieder wurde der Schwarze Peter weitergereicht, diesmal an die Politik. Diese Variante kannten die Teilnehmer schon vom letztjährigen Spiel vor der DFB-Zentrale in Frankfurt. Man nennt sie, in Anlehnung an den DFB-Generalsekretär, die Schmidtsche Eröffnung.

War es damals noch Horst Schmidt, der auf die Gesetze der Sportpolitik verwies (”Wir können die Position der Fans echt total gut verstehen, aber - schade, schade - wir sind - leider, leider - machtlos. Das ist Sache der UEFA und da haben wir - blöd, blöd - nur eine Stimme, genauso wie Moldawien.”), so war es diesmal UEFA-Boß Lennart Johansson, der im Genfer Hotel (”Nova Hilton”, nicht “Beau Rivage”) auf die Landesgesetze der jeweiligen Mitgliedsstaaten aufmerksam machte. Alter Schwede, das kam den Mitgereisten aber bekannt vor!

Dabei ist der Lennart eigentlich echt in Ordnung. Spendiert prima Limo und Würstchen, kann die Fans richtig verstehen mit ihren Nöten und Sorgen, will sogar - kaum zu glauben - am liebsten zu den Stehplatz-Ursprüngen zurück. Aber, so ein Pech, auch der Lenny ist machtlos, kann da leider gar nichts machen. Seit den Katastrophen von Heysel und Hillsborough nämlich, vertraute er den Fans in Genf an, gebe es so Regierungsbeschlüsse, die das hehre Ziel verhinderten. Daß der Lenny nicht verstand, daß britische Gesetze mit deutschen Gesetzen so viel gar nicht zu tun haben und daß organisierte Randale (”Der Hool sitzt”) meist nicht von Stehplätzen ausgeht, tat der menschlichen Wertschätzung nicht den geringsten Abbruch. Man will ja beim ersten Rendezvous nicht anmaßend sein.

Bitterer Ernst beiseite. Immerhin gab es rund um die Demo in Genf auch viel Erfreuliches. Dazu gehören zum Beispiel die Gespräche mit Genfer Passanten, die - angelockt von Trommeln und Transparenten - den Fans viel Glück für die Aktion wünschten. Ohnehin muß betont werden, daß die Schweizer Stadt massiv kulturell bereichert wurde. Wann zuvor hat es eine Fahrt mit dem “Mini Train Geneve” gegeben, aus dessen Fenstern lautstark “You’ll never walk alone” erschallte? Englische Gesänge, deutsches Bier, viersprachige Flugblätter: Die Fans hatten sich dem multikulturellen und kosmopolitischen Genf angepaßt.

Schon die Busfahrt in die Schweizer Metropole war ein einziges Weltbürger-Festival. Fans aus Schalke, Bochum, Erstliga-Köln, Düsseldorf, St. Pauli, Kaiserslautern (dazu übrigens Extra-Artikel “Mach Sitz” in dieser Ausgabe) und

Dortmund haben miteinander gesungen, getrunken und gelacht (teilweise andere Reihenfolge). So muß man sich den Weltfrieden vorstellen. Zwar waren 120 Telefonate nötig, um den Harmonie-Bus zu chartern, aber was tut man nicht alles für solche Erlebnisse.

Vier Tage vor Fahrtbeginn übrigens kam vom FC Schalke 04 die Zusage, sich mit 1 500 Mark zu beteiligen. STANDING ovations also für Rolf Rojek, Andreas Steininger und Rudi Assauer. Schön, den Verein zumindest bei diesem Kartenspiel auf der eigenen Seite zu wissen.


Liebesgrüße aus London

Die Football Supporters Association (FSA) aus England hat den Kampf um die Stehplätze verloren. Aber ihre Argumente sind immer noch aktuell. Wir zitieren auszugsweise aus dem Grußwort der FSA an die Teilnehmer der Genf-Demo.

Reine Sitzplatzstadien haben eine Menge Nachteile:

Gewaltige Preiserhöhungen. Von sechs bis sieben Pfund 1990 sind die Preise auf 15 bis 20 Pfund (bis 44 Mark) gestiegen. Zum ersten Mal werden diejenigen, die nur über ein kleines oder gar kein Einkommen verfügen, aus den Stadien verdrängt.

Reduzierte Kapazitäten. Mehr Spiele sind ausverkauft, die Fans müssen oft zwei Wege machen - einen, um eine Eintrittskarte zu kaufen und noch einen, um das Spiel zu besuchen.

Trennung von Freunden und Familien. Gleichgesinnte können sich nicht mehr spontan im Stadion finden und dort zusammen stehen. Nun müssen sie sich vorher absprechen und ihre Tickets alle zur gleichen Zeit kaufen.
Keine höhere Sicherheit. Bei Ausschreitungen werden Sitze zu Waffen und Wurfgeschossen und, im Notfall, zu riskanten Hindernissen. Stehplätze sind nur dann gefährlich, wenn sich vor ihnen ein Zaun befindet und wenn Polizei und Ordner inkompetent sind.

Schlechtere Atmosphäre. Schon jetzt ist es in unseren Stadien so, daß, wenn Leute aufstehen, weil irgendetwas Aufregendes passiert, andere Leute “Hinsetzen!” rufen. Die ruhigsten und langweiligsten Fans bestimmen maßgeblich das Verhalten im Stadion.

Viele Fans wollen stehen. Aber zu viele Mittelklassebürger mittleren Alters mit zuviel Macht versuchen uns zu diktieren, wie wir unseren Spielen zuzuschauen haben. Manche von ihnen befinden sich im UEFA-Gebäude, Ihr steht heute davor. Steht auf Euer Recht zu stehen.

The Football Supporters Association, September 1995


SKALKY OUR clears up - English for outlanders

(stu) Die nächsten Europameisterschaften finden bekanntlich in England statt. Viele Schalker werden sich wohl auf den Weg auf die Insel machen. Damit sie sich dort mit den Natives verständigen können, startet SCHALKE UNSER eine neue Serie: English for Skalkies

Nanu, im Juni ist es soweit. Die fünfzehn besten europäischen Mannschaften plus England treffen sich in good old England, um nach drei Wochen Krampf den Europameister zu ermitteln.

Für die vielen deutschen battle strollers (Schlachtenbummler) gibt’s nur eins: ab über den shirtsleeve channel (Ärmelkanal) mit der Fähre zur EM nach England. Aber hier ist Vorsicht geboten: Bei einem high sea walk (hoher Seegang) nämlich kann das berühmte English breakfast schnell zu einem deutschen Brechfest werden. Also: If you have to give yourself over (Falls Ihr Euch übergeben mußt), don’t make the toilet glasses dirty (Klobrille nicht beschmutzen).

Auf der anderen Seite sicher angekommen, finden sich die Skalkies in einer völlig anderen Welt: Zunächst muß man sich an den left sex (Linksverkehr) gewöhnen, was nicht ungefährlich ist. Dann muß man sich an das englische town near the mecca of German football (Essen) gewöhnen, was mit Sicherheit gefährlicher ist.

Darüber hinaus gibt es im engen Land pints statt Liter, miles statt Kilometer, und yards statt Meter: Confused……? Don’t worry, you will be. Denn laut EG-Beschluß dürfen die Engländer jetzt ihre traditionellen Maßeinheiten nicht mehr allein benutzen.

Das Spiel heißt jetzt nicht mehr football heißen, sondern 30,48-Zentimeterball. Der FC Everton wird in FC Ever-1.016-Kilogramm umbenannt und Fouls in der eighteen-yard box werden zu Fouls in der 16,4592-metre box. Noch schlimmer: In den Pubs wird man 0.57-litres statt pints trinken müssen.

Egal. Hauptsache, die Skalkies sind dabei. Und wenn wir dabei sind, wollen wir uns auch mit den one home people (Einheimischen) unterhalten. Aber Vorsicht: Hier spricht no pig Oxford-English. Dafür kennt jeder englische Fan das berühmt-berüchtigte F-word: (gemeint ist failure nicht fuck). Wegen der unterschiedlichsten Akzente und Dialekte - und des zum Teil holprigen Schulenglisch der mitgereisten Skalkies - sind Mißverständnisse vorprogrammiert. Aber lustig wird es allemal. (An dieser Stelle müßt Ihr ein bißchen mitdenken!)

ONE HOME PERSON: Will Germany win the cup?

SKALKY: (Überlegt: Wird Deutschland die Tasse gewinnen??? Wat für ‘ne Tasse? Panik.) Ach, ich stink so….nein, ich meine: Oh, I think so.

ONE HOME PERSON: (optimistisch) I think England will win the cup.

SKALKY: (diplomatisch) So, Du Ei…äh… so do I.

ONE HOME PERSON: What about the Champions League?

SKALKY: (Denkt: Scheiß Champignons-Liga, die Dortmunder haben schon wieder Schwein gehabt.) Yes, the potato-herbies have had pig again. There falls me nothing more in.

ONE HOME PERSON: (Leicht verwirrt) Who is the best German player?

SKALKY: Oh, ganz clear Andy Köpke, obwohl since he plays for Onedress Frankfurz, he must often reach behind himself.

ONE HOME PERSON: (Noch verwirrter) What about Andy Möller?

SKALKY: Oh, the swallow-king, that’s why they call him the man for all falls in Lüdenscheid.

ONE HOME PERSON: (Lüdenscheid? Sounds like a load o’ shite) Who is Schalke’s best player?

SKALKY: Do you know Martin ‘Mad’ Max? He makes every against-player wet. And Ingo At-The-Bridge has a bomb shot, too.

ONE HOME PERSON: (Total verwirrt) Does Schalke have a big stadium?

SKALKY: Oh yes, the park stadium is bigger than the luck-on-fight-tram. There goes the post off, especially when Willy to the attack blows. When Schalke makes a goal, we are all fully out of the house.

ONE HOME PERSON: (Verzweifelt) I’m off! You don’t have all the cups in the cupboard!

Damit Ihr Euch auch mit den one-home people unterhalten könnt, hier eine kleine Auswahl an compartment expressions (Fachbegriffe) mit Skalky-Übersetzung. Der Spielzug = The play train

Der Unparteiische = The non-party man

Der Fallrückzieher = The fallback puller

Die Viererkette = The chain of four

Der Elfmetertöter = The eleven-metre killer

Der Torschützenkönig = The gate shooting king

Die Torjägerkanone = The gate-hunter pistol

Der Strafraum = The punishment room

Die Notbremse = The Andreas Brehme

Der Manndecker = The man coverer

The bicycle kick = Der Fahrradkick

The back four = Der Viererrücken

The square ball = Der viereckige Ball

The penalty shoot-out = Der Strafausschuß

The back-post corner = Die hintere Postecke

The wall pass = Der Mauerpass

Wer nach England fährt, der wird sich nicht die ganze Zeit mit Fußball beschäftigen (wollen). England hat tausend schöne Ecken, und nicht nur die Ecken sind schön. Aber warum in England bleiben? Man könnte nach Shitland…äh… Schottland fahren, oder nach Wales (sonntags und an Feiertagen geschlossen). Möglichkeiten gibt’s genug. Ein Besuch im stranger sex office (Fremdenverkehrsamt) lohnt sich. Übrigens: Im neuen Jahr wird SKALKY OUR den Spielort der deutschen Mannschaft näher vorstellen. Watch this space!

Also, liebe Skalkies, denkt dran: Wenn Ihr in England seid, spread the word of Schalke. Nehmt Eure Skalky infection pins (Schalker Anstecknadel) und verbreitet den Schalke-Bazillus! Verbreitet die Namen unserer darling-players: Tommy Lefty, Yves Ownsmoke, Hoover Pastureman, Go in At-The-Bridge, Oliver Hero, Frank Beautiful, Marky Short, O-laugh Tone, Woody Chinchick.

Erzählt von den guten alten Skalkies wie Ernie Kuzorra, Klaus Fisherman, Manni Wood-Turner, Dieter Darling-Tailor, Klaus ‘Fir tree’, Didi Shaft, und last and definitely last Wally ‘Flycatcher’ Youngjohn. Und vor allen Dingen: Be good - but if you can’t be good, be careful.


Wir machen Druck