Nummer 09 - 1996/03

Auszüge aus dieser Ausgabe:

BAFF ist tot! Es lebe BAFF! - Bündnis aktiver Fußballfans
“Meine Qualitäten müssen andere erstmal haben” - Interview mit Jens Lehmann
Die unendliche Geschichte
Fußballverrückt oder stolz, ein Deutscher zu sein?
Museum für die Fans! Mausoleum für Eichberg?



BAFF ist tot! Es lebe BAFF! - Bündnis aktiver Fußballfans

(hs/bob/stu) Neuer Name und neue Schlagkraft? Aus BAFF, dem “Bündnis antifaschistischer Fußball Fan-Clubs und Fan-Initiativen”, wurde auf dem Dezember Treffen in Hattingen das BAFF: “Bündnis aktiver Fußballfans”.

Der Freitag diente wie üblich als Anreisetag der feuchtfröhlichen Begrüßung der alten Bekannten und dem Kennenlernen der neuen Gesichter. Einige Vertreter der Westvereine reisten aufgrund der räumlichen Nähe erst am Samstag morgen an, so daß mit der Tagung, nach einem ausgiebigen Katerfrühstück, mit leichter Verspätung begonnen werden konnte.

Vertreten waren diesmal Fans von folgenden Vereinen: Borussia Mönchengladbach, Arminia Bielefeld, VfL Bochum, Borussia Dortmund, Fortuna Düsseldorf, MSV Duisburg, TSV 1860 München, FC St. Pauli und natürlich Schalke.

Teerunde oder Verein?

Entsprechend der vorgeschlagenen Tagesordnung kam es zuerst zu einigen kritischen Bemerkungen zur Arbeit und Struktur des BAFF, woraus eine längere Diskussion entstand.

Hierbei wurde die Demo in Genf gegen die Versitzplatzung ausgewertet. Es gab an der Vorarbeit zur Demo vieles zu bemängeln, und einige Teilnehmer äußerten Zweifel darüber, ob BAFF jemals in der Lage sein würde, eine vernünftige Fanarbeit auf die Beine zu stellen. Man schöpfte aber gleichzeitig neuen Mut aus den Worten Lennart Johannsons, wonach einige Argumente der Stehplatzverteidiger durchaus nachzuvollziehen seien (siehe Kurzmeldungen). Allerdings: Die Arbeitsweise von BAFF muß auf jedem Fall verbessert werden.

Von der Gründung eines eingetragenen Vereins bis hin zu einer losen Gesprächsrunde wurden die verschiedensten Modelle angesprochen. Als Endergebnis konnten sich die Teilnehmer darauf einigen, ein Grundsatzpapier zu erstellen, welches zum einen die Ziele des BAFF und zum anderen ein Mindestmaß an Organisationsstruktur beinhaltet.

Trotz heftiger Diskussion konnte hier eine Art Konsensentscheidung getroffen werden, was die Kernpunkte anbelangt: Es wird eine offizielle BAFF-Mitgliedschaft geben, die an die Zahlung eines Mitgliedsbeitrages gebunden ist. Darüber hinaus wurde ein neuer Abstimmungsmodus verabschiedet, und beschlossen, die Arbeit auf regionaler Ebene zu intensivieren.

Wie aus Antifaschisten Aktive werden

Nachdem inhaltlich und formal alle Teilnehmer mit dem Ergebnis zufrieden waren, gab es diesbezüglich nur noch einen Punkt zu klären: Da das einst als antifaschistisches Bündnis gegründete BAFF in letzter Zeit seinen Arbeitsbereich wesentlich auf andere Faninteressen, wie z.B. Kommerzialisierung, Versitzplatzung oder Montagsspiele ausgeweitet hat, spiegelte der Name “Bündnis antifaschistischer Fußball Fan-Clubs und Fan-Initiativen” nur noch einen, wenn auch wichtigen, Teil der Arbeit wieder.

Desweiteren ist das Schlagwort “antifaschistisch” für einige Leute in einer Art belegt, daß damit “Steinewerfer” und Chaoten der linksautonomen Szene verbunden werden.

Nach intensiven Überlegungen wurde darüber abgestimmt, den Namen in ‘Bündnis aktiver Fußballfans’ zu ändern. ‘Aktiv’ deswegen, weil man sich einig war, daß das ‘A’ im Namen bestehen bleiben sollte. Ein besseres Wort als ‘aktiv’ (man nahm hierbei klugerweise Abstand von Vorschlägen wie ‘alkoholisiert’ oder ‘arbeitsscheu’) war einfach nicht zu finden. Trotz einiger Gegenwehr und allgemeiner Magenbeschwerden wurde der Vorschlag von der Mehrheit angenommen.

Von Posten und Ämtern

Entsprechend des neuen Grundsatzpapieres wurden noch einige Aufgaben verteilt. Stefan (Fortuna Düsseldorf) übernahm die Verwaltung der Mitgliedsbeiträge und Claudia (VfL Bochum) kümmert sich um die Informationsverteilung. Als regionale Ansprechpartner stehen fünf Leute zur Verfügung. Im Westen übernahm Stuart (Schalke) diese Aufgabe.

Und was kommt jetzt?

Der Sonntag stand dann noch für die Besprechung weiterer Aktivitäten zur Verfügung. So soll in diesem Jahr noch einmal eine bundesweite Aktion zum Erhalt der Stehplätze durchgeführt werden.

In manchen Stadien wie z. B. Dortmund oder Freiburg wurden Tribünenbesucher von den Fans in der Kurve dazu aufgefordert, zusammen aufzustehen, was ja hervorragend geklappt haben soll. So könnte eine solche Aktion auch bei uns auf Schalke aussehen. Auch andere Kampagnen sind im Gespräch.

Zum ersten Mal wollen die BAFFer auch auf regionaler Ebene aktiv werden. Aktionen gegen Rassismus bilden im Westen den Kernpunkt der Aktivitäten. Es wird auch geprüft, ob Fans verschiedener Vereine zu einer gemeinsamen Flugblattaktion gegen Rechts bewegt werden können. Ein weiteres BAFF-Thema sind nach wie vor natürlich die Montagsspiele, auch wenn Schalke als Erstligist nicht direkt betroffen ist.

Zum Thema Versitzplatzung wurde von Volker ein neues Plakat hergestellt (siehe unten). Ein BAFF-Logo wurde auch entworfen. Eventuell wird zusätzlich ein Videoclip herausgebracht, um noch einmal auf unser Anliegen aufmerksam zu machen.

Anfang Januar fand ein weiteres Treffen der regionalen BAFF-Vertretung im Westen statt, auf dem das o.a. Grundsatzpapier ausgearbeitet wurde. Das nächste bundesweite BAFF-Treffen wird voraussichtlich im Juni in Freiburg stattfinden. SCHALKE UNSER wird Euch auf dem laufenden halten.


“Meine Qualitäten müssen andere erstmal haben”

(ars/rk) Neulich beim Torwarttraining: Jens Lehmann, Jörg Albracht, Mathias Schober und Torwart-Trainer Michael Stahl quälen sich durch den tiefen Schnee. Dann machen die Torhüter eine Wette: Wer die meisten Tore reinbekommt, muß den anderen einen Salat ausgeben. Im Interview mit SCHALKE UNSER war Jens Lehmann nicht ganz so spontan. Deutschlands derzeitige Nummer Eins präsentierte sich uns eher zurückhaltend und vorsichtig.

SCHALKE UNSER:
Jens, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum besten Torwart der Hinrunde. Laut “Kicker” haben die meisten Fuballprofis der Bundesliga bei der Abstimmung Deinen Namen genannt. Wie fühlt man sich denn als Branchenführer?

JENS LEHMANN:
Da habe ich mich natürlich sehr gefreut, schließlich hat die kompetenteste Jury überhaupt abgestimmt.

SCHALKE UNSER:
Leider entscheidet diese Jury ja nicht darüber, wer in der Nationalmannschaft spielt. Hat Berti Vogts sich denn mal wieder nach Dir erkundigt?

JENS LEHMANN:
Nein. Ich spiele in erster Linie für Schalke, versuche hier meine beste Leistung zu bringen. Alles andere kann ich nicht beeinflussen.

SCHALKE UNSER:
Ist es nicht doch etwas merkwürdig, wenn Berti Vogts Dir sogar Stefan Klos und Dirk Heinen vorzuziehen scheint?

JENS LEHMANN:
Die Qualitäten, die ich hab’, müssen andere erst einmal haben. Deswegen mache ich mir in punkto Nationalmannschaft vorerst überhaupt keine Gedanken.

SCHALKE UNSER:
Vom DFB wurdest Du ja bereits 1992 sehr enttäuscht, als Hannes Löhr Dich ohne Angabe von Gründen aus dem Kader für die Olympischen Spiele in Barcelona gestrichen hat …

JENS LEHMANN:
… Ja, das wäre ein schönes Ziel gewesen. Ich sollte eigentlich beim letzten Qualifikationsspiel gegen Schottland eingesetzt werden. Hannes Löhr wollte mir aufgrund der besseren Strafraumbeherrschung eigentlich den Vorzug vor Stefan Klos geben, hat dann aber doch den Stefan gebracht. Ist natürlich ärgerlich, denn so etwas wie die Olympischen Spiele ist etwas Einmaliges im Leben.

SCHALKE UNSER:
Zurück auf Schalke. Ihr habt seit dem letzten Sommer einen neuen Torwart-Trainer, Michael Stahl. Zahlt sich das Training schon aus, kann man Fortschritte erkennen?

JENS LEHMANN:
Offiziell ist der Michael zwar erst seit dem Sommer bei Schalke, ich arbeite allerdings schon zweieinhalb Jahre mit ihm zusammen. Er hat Sport studiert und so lernt man bei ihm auch viel vom Trainingsaufbau. Vorher hatten wir den Jupp Koitka, aber das ging ja nicht lange gut.

SCHALKE UNSER:
Ein neuer Torwart-Trainer macht noch lange keinen neuen Vertrag. Was hat bei Dir den Ausschlag gegeben, beim FC Schalke zu verlängern? Es soll ja auch Kontakte zu anderen Clubs gegeben haben.

JENS LEHMANN:
Nun, zunächst einmal bin ich Profi, muß also sehen, daß ich mein Geld verdiene. Außerdem gibt es nur fünf oder sechs Vereine, die ganz gute Perspektiven haben in Deutschland, die auch in den nächsten zwei, drei Jahren oben mitspielen werden. Das sind Bayern, Dortmund, Stuttgart, Mönchengladbach, Leverkusen und Schalke. Und mit Vereinen wie Leverkusen, Mönchengladbach oder auch

Werder Bremen, finde ich, kann Schalke mindestens konkurrieren. Dortmund und Bayern, was sicherlich eine große sportliche Steigerung gewesen wäre, suchen halt momentan keinen Torhüter.

SCHALKE UNSER:
Und die Fans? Sind die ein Argument für das Bleiben auf Schalke? Oder im Gegenteil - Stichwort Leverkusen: Bei dem 1:5 bei Bayer vor drei Jahren wurdest Du gnadenlos von den Fans ausgepfiffen, wurdest zur Halbzeit ausgewechselt und bist dann allein mit der S-Bahn nach Hause gefahren. Heute jubeln Dir die Fans wieder zu, fordern für Dich einen Platz in der Nationalelf. Eigentlich müßtest Du doch ein ambivalentes Verhältnis zu den Schalker Fans haben?

JENS LEHMANN:
Sicherlich bin ich einer derjenigen, der schon die Extreme erlebt hat, und sicherlich hatte ich damals auch einen Teil Schuld. Mittlerweile habe ich meines Erachtens wieder ein gutes Verhältnis zu den Fans. Generell meine ich: Schalke

wird auch nur durch die Fans zu dem was es ist. Wenn die uns auch auswärts nicht immer so zahlreich unterstützen würden, dann wär’ Schalke nicht Schalke - trotz Tradition. Das muß ich schon sagen. Die Erfolge von damals, das ist ja alles schön und gut, aber auf Dauer kann auch das seinen Reiz verlieren. Wichtig ist: Ich muß gute Leistungen bringen, sonst schlägt auch mein gutes Verhältnis zu den Fans schnell wieder ins Gegenteil um.

SCHALKE UNSER:
Jörg Berger hat einmal gesagt, daß das Parkstadion uns in einer Saison drei bis vier Punkte kostet, da die Stimmung nur sehr schwer von den Rängen auf das Feld übertragen wird. Wie siehst Du das, als jemand, der mittendrin steht?

JENS LEHMANN:
Ja, das macht schon viel mehr Spaß bei Auswärtsspielen, wo die Fans ganz nah dran sind. Im Parkstadion ist es so, daß die Stimmung erst bei 35 - 40 000 Zuschauern anfängt, gut zu werden. Ich muß auch sagen, daß es ein Kriterium für meine

Vertragsverlängerung war, daß dieses neue Stadion tatsächlich gebaut wird. (Anm. d. Red.: Wird es das? Wirklich?)

SCHALKE UNSER:
Als beim Blitzturnier in Bochum Haßgesänge gegen Dortmund aufkamen, hast Du versucht beschwichtigend auf die Fans einzuwirken.

JENS LEHMANN:
Ja, das kann ich nicht verstehen. Die Fans stehen da zehn Meter auseinander im gleichen Block und schreien “Ihr Schweine, ihr Dortmunder Schweine!”. Da kann man doch auch was anderes rufen, man muß doch nicht gleich beleidigend werden. Ich fand das eigentlich auch eine ganz gute Idee, beide Fangruppen auf eine Tribüne zu stellen.

Man hätte das doch auch so wie in England machen können, daß die einen irgend etwas rufen und die anderen dann darauf antworten, wie gesagt, ohne dabei beleidigend zu werden. Dann geht man hinterher nach Hause und denkt, leiden können wir uns zwar nicht, aber wir hatten alle Spaß.

SCHALKE UNSER:
Nun zu unserem Lieblingsthema UEFA-Cup. Du warst so ziemlich der einzige, der bereits frühzeitig dieses ominöse Wort in den Mund genommen hat. Warum eigentlich nur Du?

JENS LEHMANN:
Vielleicht wurden die anderen auch nicht danach gefragt. Bei mir war es ja auch so, daß mein Vertrag auslief, und so kam dann bei den Journalisten auch immer die Frage nach meinen Perspektiven auf.

Das ist ja auch nicht so unrealistisch, wenn man gerade einmal einen Punkt dahinter steht, dann kann man sich schon mal solche Ziele setzen.

SCHALKE UNSER:
Wie war daraufhin die Reaktion bei Mannschaft und Trainer?

JENS LEHMANN:
Innerhalb der Mannschaft weiß ich, daß einige genauso denken.

Aber einige reichen nicht. Ich finde, daß eigentlich jeder in der Mannschaft so denken sollte! Der Trainer gibt bei uns die Marschrichtung aus und da weiß ich nicht, wie er das bewertet hat. Aber ich setz’ mir das Ziel ‘UEFA-Cup’ natürlich schon.

SCHALKE UNSER:
Du giltst als sehr ehrgeizig. Vor dem Spiel gegen St. Pauli brachten wir das neue SCHALKE UNSER in die Kabine und sprachen Dich an. Du bist daraufhin ziemlich ausgerastet und hast total geschrien.

JENS LEHMANN:
Das kann schon gut sein. Schon lange vor dem Warmmachen beginne ich, mich voll auf das Spiel zu konzentrieren. Da darf mich dann auch niemand mehr ansprechen, und wer’s dann doch macht, der hat halt Pech gehabt. Es gibt Training und das Spiel, das ist unsere Arbeit und da möchten wir dann auch nicht gestört werden.

SCHALKE UNSER:
Für Dich gibt’s aber noch mehr als Training und Spiel. Neben deinem Job im Profifußball studierst Du auch noch Volkswirtschaft an der Universität in Münster. Wie läßt sich das denn zeitlich miteinander vereinbaren?

JENS LEHMANN:
Naja, da wo andere drei oder vier Scheine pro Semester machen, kann ich halt nur einen machen. Ich bin sozusagen ‘Teilzeitstudent’. Aber ich betreibe das dennoch mit dem nötigen Ernst. So wie ich Zeit habe, besuche ich auch die Vorlesungen.

SCHALKE UNSER:
Es gibt Spieler wie Frank Mill oder Rudi Völler, die ohne akademische Ausbildung ihr Glück als Manager probieren wollen. Macht das Deiner Meinung nach Sinn? Und könntest Du Dir auch vorstellen, mit einem Diplomabschluß im Fußball-Management zu arbeiten?

JENS LEHMANN:
Da gibt es sicherlich gute Perspektiven. Es ist auch kein Nachteil, wenn man vorher selbst gespielt hat. Aber damit allein ist es wohl nicht getan. Wenn man sich Manager wie Hoeneß oder Rüßmann anschaut, dann sind das sehr gebildete Leute. Ohne die nötige Bildung heißt man vielleicht Manager, ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als Spielerbeobachter. Aber das ist Zukunftsmusik, ich werde mich erstmal auf das Fußballspielen konzentrieren …

SCHALKE UNSER:
… das vielleicht bald ganz anders funktionieren wird. Die FIFA veröffentlicht zur Zeit fast täglich eine mögliche Regeländerung. Was ist denn Deine Meinung zu dem Vorschlag, daß die Tore vergrößert werden sollen?

JENS LEHMANN:
Ich find’ das toll! Ich hab zwar auch erst gesagt, ich find’s blöd, aber im Nachhinein find ich’s richtig gut. Aufgrund meiner Größe kann mir das eigentlich nur Vorteile bringen.

SCHALKE UNSER:
Und Deine Meinung zum Bosman-Urteil?

JENS LEHMANN:
Ich finde es grundsätzlich gut, daß man sich als Spieler keinem Ablösezwang mehr unterwerfen muß. Andere Arbeitnehmer haben schließlich auch das Recht, frei durch Europa zu

tingeln. Man sollte das Urteil aber nicht nur auf die EU begrenzen, sondern Spielertransfers generell ablösefrei handhaben.

SCHALKE UNSER:
Du hast Dich ja bisher als einziger Schalker Torwart der Bundesligageschichte in die Torschützenliste eintragen können.

JENS LEHMANN:
Ich werde immer wieder daran erinnert, daß ich schon mal ein Tor geschossen habe. Dann denke ich immer “Mann, wann soll ich denn ein Tor geschossen haben?” Aber damals war es ja der Elfmeter gegen

1860 beim 6:2-Sieg. Bei einem Stand von 1:1 hätte ich aber wirklich nur geschossen, wenn sich niemand anderes zur Verfügung gestellt hätte.

SCHALKE UNSER:
Also doch nicht Lehmann in den Sturm? Wolltest Du immer schon Torwart werden?

JENS LEHMANN:
Früher habe ich auch einmal Stürmer gespielt, aber heute bin ich da wohl zu langsam für. Mich könnten ’se nur vorne reinstellen.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Interview, Glückauf, und viel Erfolg.


Die unendliche Geschichte

(hs/bob/mac) Wieder mal Schwarzer Peter. Damit ist nicht der gleichnamige SCHALKE UNSER-Computerheld gemeint, sondern das Spiel mit der berühmten Arschkarte. Am Spieltisch sitzen weiterhin DFB, UEFA und Fußballfans. Der Spieleinsatz ist bekannt hoch: Es geht immer noch um den Erhalt der Stehplätze in den Stadien. Die vorerst letzte Runde wurde Ende September in Genf gespielt.

Für eine Handvoll Dollar

Es war einmal in ferner Vergangenheit. Genauer gesagt am 29. August 1989. Da wurde dem staunenden Volk das Projekt ‘Arena im Berger Feld’ präsentiert. Etwas über 100 Millionen Mark sollte die Halle damals kosten, die mit ihren 45 000 Sitzplätzen alle anderen Großhallen im Ruhrgebiet in den Schatten stellen sollte.

Dr. Jürgen Linde, Gelsenkirchens damaliger Oberstadtdirektor, verkündete in der Lokalpresse, daß “die Lebenserwartung des Parkstadions begrenzt ist.” Abriß und Neubau - das seien die Alternativen.

“Läuft alles glatt und optimal, können wir Ende nächsten Jahres den ersten Spatenstich feiern.”
Rüdiger Schmitz (Manager von Toni Schumacher) und Promoter der geplanten Superhalle im Herbst 1990

Kuck’ mal, wer da spricht

1990 tauchen Bergbauprobleme auf, die veranschlagte Bausumme beträgt nun 250 Millionen Mark. Erste Zweifel kommen auf: Läßt sich ein solches Projekt überhaupt realisieren? Günter Eichberg ist sicher: “Nach den mir vorliegenden Informationen können wir weiterhin davon ausgehen, daß Schalke ab der Saison 92/93 in dieser Halle Fußball spielen kann.”

Das erste Arena-Modell taucht auf. Vollkommen überdacht soll die neue Schalker Heimat sein. Innerhalb von acht Minuten kann das Dach vollständig geschlossen oder geöffnet werden. Von Stehplätzen ist bei Günter Eichberg nun keine Rede mehr. “Wir brauchen 10 000 bis 15 000 Sitzplätze, die nicht teurer sind als jetzt in der Nordkurve die Eintrittspreise.”

“Nachmittags noch Schalke 04 und abends Placido Domingo - bald ist nichts mehr unmöglich”
Nochmal Rüdiger Schmitz (Spiegel Nr. 8/1990)

Der Texaner

Die Philipp Holzmann AG präsentiert Anfang 1991 ihr Arena-Konzept. 5 000 Sitzplätze in der neuen Nordkurve (oder besser Nordgeraden) sollen bei Bedarf in 10 000 Stehplätze umgewandelt werden können.

Mit der Leisure Management International (LMI) gibt es laut Eichberg einen potentiellen Betreiber für die Arena. Die amerikanische Gesellschaft mit Sitz in Houston/Texas betreibt in den USA bereits neun Hallen ähnlichen Typs.

Auch das Parkstadion, kurz zuvor noch als abbruchreif bezeichnet, soll jetzt erhalten bleiben. Eichbergs Marketing GmbH spricht davon, daß die Eintrittspreise für die Fußballspiele erschwinglich bleiben müssen, was auch immer das heißen sollte.

Die geplanten Baukosten liegen mittlerweile bei 300 Millionen Mark, die jährlichen Unterhaltungskosten werden auf ca. 1,5 Millionen Mark geschätzt. Trotzdem wird mit einem jährlichen Gewinn von acht Millionen Mark allein für den Verein Schalke 04 kalkuliert.

“Die Arena soll dem Industriemanager wie dem Kumpel Brot und Spiele bieten. Die Spiele sehen sie gemeinsam; beim Brot wird es Unterschiede geben.”
Lothar Mayer, Vorstandsmitglied der Philipp Holzmann AG, bei der Präsentation des Arena-Konzepts am 1. März 1991

2760 exklusive Logenplätze sollen errichtet werden. Eine VIP-Loge mit zehn Plätzen soll für fünf Jahre eine halbe Million Mark kosten. Ein echtes Schnäppchen sollen dagegen die Business-Logen werden. 20 Plätze für fünf Jahre kosten nur 200 000 Mark.

Erst wenn die Hälfte aller Logen an die Sponsoren gebracht worden ist, soll mit dem Bau begonnen werden. Um die Vermietung der Logen sollen sich Rüdiger Schmitz und die Schweizer Firma Lüthi (Inhaber: Günter Netzer) kümmern.

Die Arena-Euphorie treibt die tollsten Blüten. “Erst spielt Schalke seinen Gegner in den grünen Naturrasen, dann rasen in der Halbzeit Autos über die Piste, die innerhalb von zwei Minuten über das Grün geschoben wurde, am nächsten Tag läuft das größte Hallen-Reitturnier Europas, dann präsentieren sich die hier noch seltenen Sportarten wie Rugby, Baseball oder American Football” - Dieter Rappert, Direktor der Holzmann AG, ist kaum noch zu halten.

Lediglich Günter Eichberg sieht noch ein großes Problem: “Es gibt zuviele Investoren. Momentan stehen sie Schlange. In einer gemeinsamen Sitzung muß man einen Kompromiß finden.”

“Es besteht bei allen Beteiligten nicht der Rest einer Unsicherheit, daß dieses Stadion gebaut wird. Der Komplex wird 1994 fertiggestellt worden sein. Bei hohen vertraglichen Strafen, wenn der Termin nicht eingehalten wird.”
Günter Eichberg, September 1991

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ein Investor, der 320 Millionen Mark in das Arena-Projekt steckt, ist auch Anfang 1992 noch nicht gefunden. Holzmann und die Frankfurter Advanta Management AG gründen die ‘Arena Aktien-Gesellschaft’.

Günter Eichberg verkündet, daß der Arena-Zeitplan exakt eingehalten wird und die Baumaßnahmen 1994 abgeschlossen werden. Philipp Holzmann teilt dagegen mit, daß “vor 1995 an eine Fertigstellung überhaupt nicht zu denken ist.”

Aufgrund organisatorischer Probleme bittet Holzmann Ende 1992 die Stadt Gelsenkirchen, den gestellten Bauantrag vorerst nicht zu bearbeiten.

Die Stadt Hamburg verzichtet auf den Bau einer ebenfalls geplanten Arena. Ähnliche Projekte in Köln und Frankfurt sollen dagegen 1996 fertiggestellt sein.

Vom Winde verweht

1993 ist es still um die geplante Superhalle geworden. Im Frühsommer heißt es, daß im Herbst mit dem Bau begonnen wird. Geplante Baukosten: 350 Millionen Mark. Ein Investor wird bis zum Jahresende nicht gefunden. Im November steigt die Advanta AG aus dem Arena-Projekt aus.

Sag niemals nie

Jubiläum: Fünf Jahre Arena-Planung sind 1994 voll. 500 Millionen Mark beträgt mittlerweile das Finanzierungsvolumen. Und immer noch kein Investor in Sicht - wohl auch, weil die Baukosten ständig steigen.

Burkhart Schulz, inzwischen bei Holzmann für die Arena zuständig, verkündet, daß im Frühjahr 1995 mit dem Bau begonnen wird. Probleme gäbe es immer noch mit der Vermarktung der Logen und Business-Sitze. Eine Interessentenschlange sei nicht in Sicht.

Das verflixte 7. Jahr

1995 - nix los mit Arena.

Wir können auch anders

Das Jahr 1996 beginnt mit einem Paukenschlag. Der Verein Schalke 04 will selbst eine Arena bauen. “Wir sind mit unseren Planungen weiter als alle Bundesligisten, die ein Stadion bauen wollen”, verkündet Rudi Assauer. Auch die Holzmann-Tochtergesellschaft Arena geht davon aus, daß mit dem Bau 1996 begonnen wird.

Statt 500 Millionen soll die Halle plötzlich nur noch 200 Millionen Mark kosten - eines von vielen Arena-Wundern.

“Die Schalker Anhänger sollten sich den Termin rot anstreichen und vormerken: Am 30. Juni 1994 wird die Super-Arena im Berger Feld in unmittelbarer Nähe des Parkstadions fertig sein.” (aus: AUF SCHALKE, Fußball total, 1991, Seite 107)

2001 - Odyssee im Berger Feld

Ein Sonntagmorgen im neuen Jahrtausend: Ich wandele gedankenverloren über die weiten, immer noch unbebauten Wiesen des Berger Felds. Gestern beim erneuten 4:0 gegen Fortuna Lüdenscheid-Nord war im Parkstadion wieder mal die Sau los.

In der Sonntagszeitung verkündet irgend jemand (den Namen habe ich vergessen), daß spätestens nächstes Jahr mit dem Bau eines neuen Super-Stadions in Gelsenkirchen begonnen wird…


Fußballverrückt oder stolz, ein Deutscher zu sein?

(stu) Manchester, 9. Juni 1996. Deutschland spielt im 1. Gruppenspiel gegen Tschechien. Ein Dilemma für jeden Schalke-Fan? Welcher Mannschaft drückt man den Daumen? Den überbezahlten Landsmännern in Schwarz-Rot-Gold? Oder den tapferen Tschechen mit den beiden Schalkern Nemec und Latal? Was geht uns durch den Kopf, wenn Deutschland im Verlauf der EM auf Holland trifft und Youri Mulder alleine auf das deutsche Tor zuläuft? Ist er plötzlich ein dummer ‘Käskopp’, wenn er das alles entscheidende Tor macht? Schwierige Fragen - die wir deshalb auch unserem Redaktions-”Ausländer” Stuart zuschieben.

Ausnahmsweise waren sich die Streithähne in der SCHALKE UNSER-Redaktion mal einig! Eindeutig “NEIN!” antworten wir auf die letzte Frage: Natürlich soll Youri sein Tor machen. Denn das Redaktions- Traumfinale lautet Holland gegen Tschechien. Drei Knappen auf dem berühmten Wembley-Rasen und 20 000 Schalker auf den Rängen - das wäre doch was, oder?

Diese Konstellation mag zwar ein Wunschtraum bleiben, aber das Ganze wirft doch eine grundsätzliche Frage auf: Wie verhält man sich als antirassistischer Fußballfan der Nationalmannschaft gegenüber?

Obwohl sie mein Heimatland vertritt, habe ich wie viele meiner Landsleute mit der englischen Nationalmannschaft absolut nichts am Hut. Mit Patriotismus und God save the Queen kann ich nichts anfangen.

Leute, die behaupten, stolz auf Ihr Land zu sein, verstehe ich nicht. Soll ich etwa stolz darauf sein, daß meine sogenannten ‘Landsleute’ jahrelang mittels Empire die halbe Welt unterdrückt und ausgebeutet haben? Und mit einem deutschen Arbeiter bei Bayer habe ich doch viel mehr gemeinsam, als mit irgendeinem Privilegierten aus der herrschenden großbritischen Klasse.

Ich bin Manchester United- und Schalke-Fan, mich interessiert die Nationalmannschaft nicht im geringsten. Wenn es um Fußball geht, zählen nur noch die Jungs in Rot beziehungsweise Königsblau.

Soll ich mich etwa freuen, wenn ein geldgieriges Arschloch wie Alan Shearer eine Bude gegen den dänischen United-Torwart Peter Schmeichel macht?

Oder ärgern, wenn der Fußballgott auf Erden Eric Cantona zum Elfmeter gegen England ansetzt? Ich werde mich hüten, mitzujubeln, falls dieses Genie den Elfer verschießen sollte, nur weil seine Gegner das englische Nationaltrikot tragen.

Und wer sind die denn überhaupt, die - vor allem im Ausland - der englischen Nationalmannschaft zujubeln? Als Chorknaben kann man die meisten wohl nicht bezeichnen. Von fair play und may the best team win ist bei vielen von denen nichts zu spüren.

Bei der EM 1988 in Deutschland habe ich es selber erlebt, was es heißt, England-Fan im Ausland zu sein. In Stuttgart nach dem Spiel gegen Irland sprang ich in die abfahrende S-Bahn und stellte mit Erschrecken fest, daß das ganze Abteil voller Iren war. Andersherum hätte es wahrscheinlich was auf die Fresse gegeben, aber diese Jungs waren nach dem verdienten Sieg einfach gut drauf. Einige meinten sogar zu mir, England hätte nur mit Pech verloren!

Nachher wurde gemeinsam gesoffen, was das Zeug hielt, ohne daß irgend jemand sich daneben benahm, während einige hundert Meter weiter der englische Mob für die Fotografen randalierte.

Vier Tage später, vor dem Match Holland gegen England, erwartete mich auf dem Vorplatz des Düsseldorfer Hauptbahnhofs ein Bild des Grauens. Wie ein Schlachtfeld sah es aus, der ganze Platz schien mit einer Decke aus Glasscherben und sonstigem Müll bedeckt zu sein. Merkwürdige Gestalten liefen herum und bedrohten die eigenen Fans: Wer vor den Käsköppen wegläuft, so hieß die Devise, würde von den eigenen Leuten was aufs Maul kriegen.

Von den Fenstern der angrenzenden Büros schauten sich die Leute das Spektakel an. Wie die Tiere im Zoo standen wir da unten, und - ohne Tiere beleidigen zu wollen - die meisten Engländer verhielten sich entsprechend. Die Stimmung im Sonderbus, der uns zum Stadion brachte, war gewaltgeladen. Haßgesänge gegen die Holländer - und die Iren sowieso - schallten durch den Bus. Und natürlich waren alle Deutschen Nazischweine.

Beim letzen Gruppenspiel gegen die Russen in Frankfurt schämte ich mich fast, Engländer zu sein. ”English go home” hieß die Sprühparole, die uns begrüßte, als wir aus der Straßenbahn ausstiegen. Und die ganze Tribüne lachte sich kaputt, als sich unsere Mannschaft mal wieder bis auf die Knochen blamierte. Spätestens damals wußte ich, daß ich mit der ganzen Chose nichts zu tun haben wollte.

Deswegen kann es mir doch egal sein, was sich die englische Nationalmannschaft bei der kommenden EM für’n Scheiß zusammenspielt. Ich hoffe nur, daß sich die beiden englischen United-Spieler Pallister und Neville sowie ihre Vereinskameraden Schmeichel und Cantona einigermaßen gut aus der Affäre ziehen.

Und was ist mit Deutschland? Neulich, vor dem Spiel gegen Bremen, unterhielt ich mich im Bummelzug mit meinem Kumpel Günni, der zur EM nach England fährt und auch 1994 bei der WM in den USA war.

Mich wunderte es, daß ein Schalke-Fan die deutsche Nationalmannschaft dermaßen unterstützen kann. Schließlich besteht fast die gesamte Elf bis auf Köpke aus Spielern von unseren beiden Lieblingsclubs, Fortuna Lüdenscheid und Bayern München. Wenn das nicht ein Grund ist, die Schweiz, die Türkei, Kroatien, oder von mir aus sogar Schottland anzufeuern!

Günni sieht die Sache jedoch nicht so eng. Er freut sich einfach, wenn die Mannschaft gut spielt, und es ist auch nicht weiter schlimm, wenn sie verliert. Hauptsache man ist dabei. Land und Leute kennenlernen und nebenbei ein bißchen Fußball gucken, das ist das Schöne dran.

Und wenn es dabei bleibt, hat der Günni natürlich auch recht. Wenn es dabei bleibt. Es gibt aber Anzeichen dafür, daß sich einige deutsche ‘Fans’ bei der EM mit ihren englischen und holländischen Kollegen messen wollen. Geübt werden soll beim Europacup-Spiel Gladbach gegen Feyenoord in Düsseldorf. Man ist stolz ein Deutscher zu sein, die Ehre des Vaterlands verteidigen zu können - was auch immer das bedeuten mag.

Solchen Leuten kann ich - wieder einmal - nur sagen: Die Geschichte Schalkes wurde durch viele Einwanderer mitgeschrieben. Was wäre aus Schalke ohne Kuzorra, Szepan oder Tibulski geworden? Es kann doch nicht sein, daß ihr Holländer verprügeln wollt, nur weil sie Holländer sind. Was ist mit Youri Mulder? Angesichts der Geschichte unseres Vereins müßte hier jeder Schalker Mut zeigen und ein ganz klares Nein zur Ausländerfeindlichkeit sagen.

Hoffentlich werden wir ein rauschendes Fußballfest mit vielen Toren erleben. Ich jedenfalls werde wie schon seit 1988 den Oranjes die Daumen drücken, weil sie für mich den schönsten Fußball spielen. Also: Huup, Holland, Huup!


Museum für die Fans! Mausoleum für Eichberg?

Jede Stadt und jedes Land lassen einen Teil ihrer Einnahmen in Kunst und Kultur fließen. Die mit diesem Geld finanzierten Kunstwerke geben unseren Städten eine der letzten persönlichen Noten. So haben Bochum vor dem Bahnhof das größte rostige Klo des Ruhrgebiets und Gelsenkirchen eine bunte, 15 Meter hohe Uhr, die nie geht. Der Obelisk vor der Spaßkasse soll tatsächlich ein Zeitanzeiger sein! Über Kunst läßt sich nicht streiten, sie gefällt oder sie gefällt nicht. Außer…

… auf Schalke. Schalker Kunst würde allen Schalkern gefallen. Wann also wird endlich ein Teil der Einnahmen des Vereins in ein Museumsprojekt gesteckt und dem Fan eine Stätte der Traditionspflege geboten? Um zu sehen wie ein solches Projekt aussehen könnte, genügt ein Blick zur Nachbarstadt Oberhausen.

Die Ruhrgebietsausstellung “Feuer & Flamme” im Gasometer zog in den letzten zwei Jahren 180 000 Besucher in ihren Bann. Man braucht sich nur einmal eine Viertelstunde in die eingegliederte Fußballabteilung zu stellen und begreift schnell, was auf Schalke von Nöten ist. Hier haben die Besucher riesigen Spaß beim Betrachten der alten Meisterschaftstrophäen (Victoria).

Auf Kopfhörern kann man die original Radioreportagen von damals miterleben und per Video Libudas Flankenläufe ein weiteres Mal genießen. Die in der Ausstellung untergebrachte Bücherei (hier gibt es SCHALKE UNSER) verzeichnet Rekordumsätze. Ruhrgebiets- und Fußball-Literatur finden reißenden Absatz.

Unfaßbar, daß sich bei einem Verein wie dem FC Schalke 04, der aus seiner Tradition heraus lebt wie kaum ein anderer, bis zum heutigen Tag keine Lobby für solche Museumspläne findet. Wie das Beispiel “Feuer & Flamme” zeigt, haben solche Projekte auch den netten Nebeneffekt, daß sie sogar noch die eine oder andere Mark abwerfen.

Das ist natürlich auch der Vereinsführung nicht verborgen geblieben. Und so geistern die Museumspläne auch ab und an durch Vereinspublikationen. Stand in der Ausgabe des “Schalker Kreisel” vom 13.10.95 noch der Plan, in den neuen Räumen der Geschäftsstelle einen Teil des Fanshops als Museum zu nutzen, ist dies nach neuerlichen Aussagen aber völlig ungewiß.

Jetzt sollen angeblich in der fünften Etage des Parkstadions einige Räume für diesen Zweck bereitgestellt werden. Die Idee ist zwar geboren, aber mit der Umsetzung hapert es an allen Ecken und Enden.

Und auch hier scheint die sagenumwobene Arena alle Umsetzungspläne immer wieder aufs Neue zu kippen. Solange das Speißfaß nicht angerührt ist, schaut der Fan auch hier in die Röhre. Und so verstauben die privaten Schalke-Archive in so manchen Kellern und nicht wieder zu beschaffende Objekte ziehen dubiose Kreise.

Ein Beispiel von vielen soll zeigen, wie es mit der Schalker Traditionspflege aussieht. Der hier abgebildete Wimpel von Real Madrid anläßlich des Viertelfinalspiels der europäischen Landesmeister S04 gegen Atletico Madrid am 4.3.1959 wurde den Knappen im Bernabeu-Stadion vor 120 000 Zuschauern überreicht.

Wohlgemerkt, das Spiel war gegen Atletico Madrid und endete 3:0. Der Schalker Mannschaft eilte ein solcher Ruf voraus, daß der Verein Real Madrid eigens einen Wimpel anfertigen ließ, nur weil die Knappen in ihrem Stadion zu Gast waren. Ein Spiel von Real gegen die Blau-Weißen fand nie statt.

Heute hängt dieser Wimpel zwischen Pommes- und Nikotingerüchen unbeachtet in einer Gelsenkirchener Kneipe. Wenn man ihn in Händen hält, merkt man sofort, was er einst bedeutete. Kein billiger Plastik-Kitsch, sondern Samt und Seide, Gold-Stickarbeiten und eine aufgepolsterte Krone der Königlichen. Ui, ui, ui, wie wunderschön!

Angesichts der Wirtschaftlichkeit eines solchen Museumsprojektes kann man auch das Argument der finanziellen Überschuldung nicht gelten lassen, erst recht, wenn man bedenkt, was uns Günter Eichberg immer noch schuldet (sowieso langsam ein Fall für die Hausfrauen-Pitbull-Kredit AG). Wahre Luxusmuseen hätte man von diesem Geld errichten können.

Anders als für das mutmaßliche Dauer-Luftschloß Arena würden sich wohl auch Werbepartner und private Investoren für einen solchen Entwurf begeistern lassen. Für andere Ausstellungen könnte man die Museumsräume ebenfalls zur Verfügung stellen.

So sucht zum Beispiel das Kulturamt Gelsenkirchen momentan händeringend nach Räumen, in denen es eine Fußball-Satire-Ausstellung mit dem Titel “Satanische Ferse” präsentieren möchte.

Und wer würde nicht mal gerne Sonntag morgens mit seiner Tochter, seiner Freundin oder Oma die Stätte der Triumphe besuchen, auch, um dabei einmal selbst wieder in Erinnerungen zu schwelgen.

Stell Dir vor: ein Museum mit den Original-Schuhen von Ernst Kuzorra; den Handschuhen von Norbert Nigbur aus dem 72er Pokalfinale; dem schwarzen Rollkragen-Pulli, den Günter Eichberg immer trug, wenn er volksnah sein wollte oder der Leine des Schäferhundes, der Friedel Rausch 1969 in den Arsch biß. Mann, wat wär’ dat schön: Auf Schalke ‘n Museum.


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