Nummer 10 - 1996/06
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Wo sind die Fischer-Chöre, wo sind sie geblieben?
“Ich weiß nicht was los ist, wenn ich mal treffe” - Interview mit Michae Prus
“Metaphern sind etwas Wunderschönes” - Interview mit Werner Hansch
Euro 96: Football Comes Home
Fischers Auferstehung
Trikots gegen Rassismus
Wo sind die Fischer-Chöre, wo sind sie geblieben?
(mac) Was hat Schalke, was andere Vereine nicht haben? Sicher, in der Biographie mehr Trainerrauswürfe, Dreitagepräsidenten und Sonnenkönige. Und sonst? Eine lange Tradition und ein traditionsreiches Vereinslied zum Beispiel.
Aber: Was schon die bewunderten Alten sungen, das singt heute keiner mehr. Einst schmetterten Kuzorra, Szepan und die Zuschauer in der Glückauf-Kampfbahn ihr “Blau und weiß” mit der Hoffnung, die Kumpel unter Tage würden es hören. Ein Mythos.
Heute, in Zeiten, in denen sich der Mythos in Nadelstreifen zwängt, ist das Singen des Vereinsliedes zu einem Summen verkommen.
Wann immer ich ins Stadion komme, habe ich einen kleinen, bescheidenen Traum. Den Traum, daß fast alle so laut und falsch singen wie ich - und nicht nur große Teile der Nordkurve. Den Traum, daß nicht so viele Zuschauer die Lippen stumm bewegen wie ich einst im Musikunterricht. Den Traum, daß 30, 40 000 Zuschauer zusammensteh’n und zusammen singen, ganz selbstverständlich und lauter als die Lautsprecher. Ich habe den Traum, daß wir die Vergangenheit nicht verklären, sondern weitertragen, auch wenn man mich dafür einen naiven Träumer schimpfen wird.
Ich habe nichts, gar nichts gegen den “königsblauen S04″ nach dem Spiel. Aber ein ganz großer Fischer-Chor davor, der aus voller Überzeugung “Blau und weiß” zum besten gibt, das wäre ein Ruhm, der auch in SAT 1- und Synthesizer-Zeiten nie vergeht.
“Ich weiß nicht was los ist, wenn ich mal treffe”
(rk/um/pr) Er war einst Jugend-Nationalspieler, sitzt heute fast nur noch auf der Bank. Er ist Ersatzspieler, aber der einzige, dem Transparente und Sprechchören gewidmet werden. Er hat über 200mal für Schalke gespielt, aber noch kein Liga-Tor erzielt. Zehn Jahre MICHAEL PRUS auf Schalke - hier endlich das Interview.
SCHALKE UNSER:
“Air Prus”-Transparente und “Magic Prus”-Rufe. Aufkleber mit Deinem Namen im Stadion - siehst Du Dich selbst auch als Kultfigur?
MICHAEL PRUS:
Ich war zunächst einmal total überrascht, als ich davon das erste Mal gehört habe. Der Mike Büskens hatte mir von den Transparenten beim Auswärtsspiel in Leverkusen erzählt. “Ja, wie denn, was denn?” habe ich nur gedacht, ich wußte überhaupt nicht, wie ich dazu gekommen bin. Ist also für mich auch ganz schwierig, das zu beurteilen. Ich weiß auch nicht, welchen Hintergrund das hat, ob das vielleicht ein bißchen ironisch gemeint ist.
SCHALKE UNSER:
Als die ersten “Yyyyyves”-Rufe aufkamen war das aber ähnlich. Wir sehen das eigentlich eher als Sympathiebekundung für Deine lange Vereinszugehörigkeit.
MICHAEL PRUS:
Ja, das habe ich mir auch schon gedacht. Weil ich ja nun schon so lange dabei bin und mich auch voll mit dem Verein identifiziere. Bei anderen Spielern geht es da ja vielleicht mehr um das Geld, obwohl man das natürlich auch nicht außer acht lassen darf - ist schließlich unser Beruf.
SCHALKE UNSER:
Du spielst jetzt schon seit zehn Jahren auf Schalke. Was hat sich Deiner Meinung nach in dieser Zeit auf Schalke so alles verändert?
MICHAEL PRUS:
(grinst) Also, zunächst gibt es Euch mittlerweile…
SCHALKE UNSER:
Danke für die Blumen.
MICHAEL PRUS:
…Im Verein und im Umfeld herrscht einfach viel mehr Ruhe, und dadurch können auch die sportlichen Ziele höher gesteckt werden.
Schon damals, als Rudi Assauer mich vom VfB Rheine hierher geholt hatte, meinte er: “Wir sind ein etablierter Verein in der ersten Liga und wollen in einigen Jahren im europäischen Fußball mitspielen”. Das hat sich dann aber völlig zerschlagen, und wir sind zwei Jahre darauf sogar abgestiegen. Das hat wirklich sehr, sehr lange gedauert, uns wieder richtig zu fangen und eine Mannschaft aufzubauen, die auch das Potential hat, im europäischen Fußball zu spielen.
SCHALKE UNSER:
International hast Du ja schon gespielt. Als Achtzehnjähriger warst Du in der DFB-Auswahl. Hat man denn da als Jugendlicher Träume, später auch mal in der Nationalmannschaft oder sogar bei einer EM oder WM zu spielen?
MICHAEL PRUS:
Ja, natürlich. Ich habe bis zur U21 noch im Nationalkader gestanden, damals noch unter dem heutigen Bundestrainer Berti Vogts. Da träumt man natürlich von einer Karriere als Nationalspieler. Aber damals kam leider der Schalker Abstieg und eine Verletzung dazwischen. Das hat mich weit zurückgeworfen.
SCHALKE UNSER:
Zurückgeworfen haben den Verein auch einige Präsidenten und Trainer. Wer ist Dir aus der Vergangenheit in guter Erinnerung geblieben?
MICHAEL PRUS:
Vor allem der neue Kölner Trainer Peter Neururer. Unter ihm habe ich hier auf Schalke meine beste Zeit gehabt. Er war ein Trainer, der mich immer aufgebaut hat, der, auch wenn ich mal schlecht gespielt habe, immer wieder gesagt hat “Das wird schon wieder besser”.
SCHALKE UNSER:
Besser ist es eigentlich nicht geworden. Du bist nur noch Ersatzspieler.
MICHAEL PRUS:
Ja, das ist für mich jedes Mal eine neue Enttäuschung, nicht auflaufen zu dürfen.
SCHALKE UNSER:
Wie bereitest Du Dich darauf vor, wenn Du gar nicht weißt, ob Du spielst?
MICHAEL PRUS:
Man erfährt ja schon am Tag vor dem Spiel, ob man mit ins Trainingslager fährt. Und wenn ich mitfahre, ist meine Vorbereitung eigentlich genauso wie die eines Stammspielers. Gesetzt den Fall, es verletzt sich jemand schon nach fünf Minuten, dann wäre es ja sonst zu spät, sich vorzubereiten.
Ich kann da nicht mit vollgeschlagenem Bauch hinkommen, denn wenn man eine Chance erhält, will man die natürlich auch nutzen. So vollkommen in sich versunken, wie z.B. der Jens Lehmann, bin ich zwar vor dem Spiel nicht, aber alles um mich herum kann ich dann auch nicht mehr wahrnehmen.
SCHALKE UNSER:
Wenn Du mal nicht zum Kader gehörst, guckst Du Dir das Spiel dann trotzdem im Stadion an?
MICHAEL PRUS:
Ja, klar. Bei weiten Auswärtsfahrten, wie z.B. nach Freiburg fahre ich nicht immer mit, aber alles, was hier in der näheren Umgebung ist, da bin ich auf jeden Fall dabei.
SCHALKE UNSER:
1992 hattest Du mal ein Angebot aus der zweiten Liga vom Wuppertaler SV. Hat es sich rückblickend gelohnt, bei Schalke in der ersten Liga zu bleiben?
MICHAEL PRUS:
Ich denke, wenn man in der ersten Liga ist und dort auch spielen kann, sollte man auf jeden Fall versuchen zu bleiben. Wenn aber der Trainer sagt, daß der Verein nicht mehr mit einem plant, ist das etwas anderes.
Bei Wuppertal wäre ich bestimmt Stammspieler geworden, während ich auf Schalke häufig auf der Ersatzbank saß. Aber zum damaligen Zeitpunkt hat Udo Lattek mir durchaus Chancen eingeräumt, in die Stammformation aufzurücken. Man hat es ja auch häufig schon erlebt, daß sich das Blatt schnell wenden kann und man wieder ‘ne Chance bekommt.
SCHALKE UNSER:
Wie sieht denn jetzt Deine Zukunftsplanung aus? Wirst Du auf Schalke bleiben?
MICHAEL PRUS:
Bis jetzt habe ich noch kein Gespräch mit dem Manager gehabt, und deshalb weiß ich auch noch nicht so recht wie’s weitergeht. Ich würde mir wünschen, hier zu bleiben, aber eine gewisse sportliche Perspektive muß natürlich auch da sein. Wenn ich überhaupt nicht mehr zum Kader gehöre, ist das auch für mich nicht befriedigend.
SCHALKE UNSER:
Du bist zwar mit Deinen 28 Jahren im besten Fußballeralter, aber ab einem gewissen Zeitpunkt denkt man doch schon an die Zeit nach der Spielerkarriere. Hast Du schon etwas ins Auge gefaßt?
MICHAEL PRUS:
Ja, das ist das große Problem. Ich weiß eigentlich immer noch nicht so richtig, was ich nach dem Fußball machen soll. Ich habe mich nach dem Abitur fast nur auf den Fußball konzentriert, wie viele meiner Kollegen auch.
Irgendwas muß man ja machen, man kann sich ja nicht auf die faule Haut legen und von dem Ersparten leben, was ja auch viele gar nicht haben.
Man muß vielleicht das Glück haben, daß man irgendwo spielt, wo man auch berufliche Perspektiven in Aussicht gestellt bekommt.
Oder man fährt bereits während der aktiven Zeit zweigleisig und baut sich nebenher etwas auf, wie der Ingo mit seinen Sportgeschäften.
Ich habe auch schon überlegt, ob ich demnächst ein Studium beginnen soll - Psychologie würde mich besonders interessieren.
SCHALKE UNSER:
Gibt es bei Dir auch Überlegungen, dem Fußball verbunden zu bleiben? Reden wir vielleicht sogar in 20 Jahren mit dem Trainer Michael Prus?
MICHAEL PRUS:
Ich weiß nicht, das ist auch irgendwo eine Frage meines Charakters. Wenn ich tagtäglich mit Journalisten sprechen muß oder vor einer großen Gruppe von Spielern - ich weiß nicht, ob ich dazu geeignet bin. So etwas müßte man erst trainieren und vielleicht mit einer Jugendmannschaft anfangen. Und wenn das gut geklappt hat, warum dann nicht auch weitermachen?
SCHALKE UNSER:
Man weiß eigentlich ziemlich wenig von dem Privatmenschen Michael Prus.
MICHAEL PRUS:
Wenn ich nach dem Training nicht zu kaputt bin, spiele ich sehr gerne Badminton. Ich habe auch eine Zeit lang Spanisch gelernt, aber da ist leider der Folgekurs nicht zustandegekommen. Zwischendurch denke ich immer, ich müßte mich ein wenig weiterbilden, denn wenn man sich nur mit dem Fußball beschäftigt, dann schläft doch ein bißchen was ein.
SCHALKE UNSER:
Pflegst Du denn auch noch privaten Kontakt zu ehemaligen Mannschaftskollegen?
MICHAEL PRUS:
Mit Peter Sendscheid telefoniere ich noch sehr häufig, aber das ist auch so ziemlich der einzige. Mit Günter Güttler habe ich noch Kontakt, aber das ist jetzt auch schon etwas eingeschlafen. Man verliert sich also doch schon ziemlich schnell aus den Augen.
SCHALKE UNSER:
Vor drei Jahren hast Du Dich auch bei der Aktion “Schalker Spieler und Fans gegen Ausländerfeindlichkeit” engagiert. Ist das Klima gegenüber ausländischen Spielern in der Bundesliga heute besser?
MICHAEL PRUS:
Wie ich das aus meiner Sicht sehe, ist es in Deutschland nicht mehr so schlimm. Ich habe erst kürzlich noch ein Europapokalspiel mit Ajax Amsterdam im Fernsehen verfolgt. Das ganze Stadion gab Dschungelrufe gegenüber Kluivert, Kanu und den anderen dunkelhäutigen Ajax-Spielern von sich. Das fand ich ziemlich schlimm. So etwas müßte eigentlich generell bestraft werden.
In der Bundesliga hört man das nur noch vereinzelt. Mittlerweile hat jede Mannschaft ausländische Spieler im Kader. Vor allen Dingen, wenn ab der nächsten Saison das EU-Recht greifen wird und dadurch sowieso sehr viele Ausländer in der Liga spielen werden, da wird auch hoffentlich niemand mehr solche Bedürfnisse verspüren, so etwas zu rufen.
Sowieso ist mir aufgefallen, daß zu meiner Anfangszeit Schlägereien innerhalb und außerhalb des Stadions an der Tagesordnung waren und das heute eigentlich kaum noch der Fall ist.
SCHALKE UNSER:
Eine Frage muß zum Schluß einfach noch kommen: Wann sehen wir Dich denn das erste Mal nach einem Torerfolg vor der Schalker Kurve jubeln?
MICHAEL PRUS:
(lacht) Ich weiß nicht, was los ist, wenn ich tatsächlich das Tor endlich mal treffen würde. Dann werden wahrscheinlich sofort “Ich war dabei”-T-Shirts gedruckt.
SCHALKE UNSER:
Nun, eigentlich ist es ja nicht gerade Deine Aufgabe, Tore zu schießen. Aber Du warst ja schon oft genug nahe dran.
MICHAEL PRUS:
Na klar, jetzt bin ich schon so lange dabei, da will man dann auch endlich einmal sein Tor machen. Denn das ist nun einmal das Entscheidende am ganzen Fußball. Ich sag mir natürlich, wichtig ist der Mannschaftserfolg. Aber trotzdem:
So ein Tor, das wär was. Wenn’s dann soweit ist, würde ich mich wahrscheinlich sofort auswechseln lassen oder ich weiß nicht was. Immerhin: Im Pokal habe ich ja schon zweimal für Schalke getroffen. Und das auch noch in ein und demselben Spiel.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch, hoffentlich bis zur nächsten Saison. Glückauf, Magic!
“Metaphern sind etwas Wunderschönes”
(mac/pic) Au, au, au! Dat war’n dickes Ding! Interview-Termin mit HANSCHENS WERNER - und wo? Na, ausgerechnet in der verbotenen Stadt! Nix Parkstadion, nee, Parkhotel, direkt nebem BVB-Stadion. Da kriegste doch das Grausen wie dat Karnickel im Stall vorm Ostersonntag. Und reden tut der Mann! Da fühlste Dich getunnelt. Paar Tage nach’m Derby ein geiles Palaver mit dem Ruhr-Rilke - über so Sachen wie Metaphern machen, Lederpille inne Medien und Schalke an sich.
SCHALKE UNSER:
Herr Hansch, Sie haben auf die Frage von Jörg Wontorra, ob Sie eigentlich BVB-Fan seien, geantwortet: “Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern Schalke.” Zu wem stehen Sie denn wirklich?
WERNER HANSCH:
Also das war natürlich eine saublöde Frage meines Kollegen, die schon fast hinterfotzig war. Vor einem Live-Spiel so eine Frage zu stellen, das ist schon verdammt hart an der Grenze. Ich mußte wenigstens halbwegs charmant reagieren und wollte mit diesem Spruch eigentlich nur ablenken. Und wenn Ihr mich jetzt fragt, wo ich wirklich stehe, dann muß ich sagen: Ich bin aus Überzeugung ein Ruhrgebietsmensch. Ich war hier immer zuhause, identifiziere mich voll mit der Region. Und es ist mir wirklich völlig scheißegal, ob es der MSV, Rot-Weiß Oberhausen, RWE, Wattenscheid 09, VfL Bochum, der S04 oder der BVB ist - es kann doch nur gut sein für alle, wenn hier die Musik gespielt wird. Im Moment spielt sie eben bei Dortmund. Ist o.k. so, die haben das verdient.
SCHALKE UNSER:
Ehrt es Sie denn, daß sich die Fan-Gruppen im Revier um Sie reißen, jeweils behaupten: “Hansch ist einer von uns”?
WERNER HANSCH:
Nein, das ist sehr oft sehr unangenehm. Ich habe überhaupt kein Problem mit der überwiegenden Mehrheit der Jungs. Aber manche haben diese unangenehme Neigung, solche Singvögel wie mich für die eigenen Interessen zu vereinnahmen. Wenn ich hier zum Beispiel in Dortmund auf den Parkplatz fahre, kommen schon mal so zehn, zwölf Jungs in voller Montur noch bevor ich ausgestiegen bin auf mich zu und fragen: “Ey, Werner, mach mal Maul auf: Wat biste denn nun? Biste etwa’n Schalker? Erzähl nich’ immer so ne Scheiße übern BVB!” Und wenn Schalker kommen, passiert das umgekehrt. Also, da krieg ich zunehmend so einen dicken Hals. Man kann das auf die Dauer nicht mehr hören. Die Jungens begreifen einfach nicht, daß man diesen Job nur machen kann mit einer gewissen Distanz - oder man muß den Beruf in die Ecke legen. Dat is so: Wenn ich jedesmal zittern muß, ob Herr Möller oder Herr Anderbrügge den Ball richtig trifft - tut mir leid, das kann keiner aushalten.
SCHALKE UNSER:
Hatten Sie denn als Kind einen Lieblingsverein?
WERNER HANSCH:
Ich hatte als Kind überhaupt keinen Lieblingsverein, ich hatte als Kind ja überhaupt nie an Fußball gedacht.
Personalien Werner Hansch
Der 57jährige Bergmannssohn aus Recklinghausen-Süd ist seit Juli 1992 Leiter des SAT 1-Sport-Regionalstudios Dortmund. Bis zu diesem Zeitpunkt war er hauptberuflich Geschäftsführer der Trabrennbahn Dinslaken und nebenberuflich freier Mitarbeiter beim WDR.
Im November 1978 kommentierte Hansch im WDR-Hörfunk sein erstes Fußballspiel. Erst seit 1991, damals ersetzte er bei der ARD-Sportschau seinen heutigen Chef Reinhold Beckmann, arbeitet er für das Fernsehen. Zum Sportjournalismus kam Hansch ebenso zufällig wie zu seinem Job als Stadionsprecher auf Schalke, den er von 1973 (noch in der Glückauf-Kampfbahn) bis 1978 ausübte.
Mitte der 60er Jahre machte Hansch sein Examen als Volksschullehrer. Gut zehn Jahre später begann er ein Zweitstudium der Politik und Soziologie. Hansch wollte Politikjournalist werden, blieb dann aber beim Sport hängen.
SCHALKE UNSER:
Als Ruhrgebietskind nicht an Fußball gedacht? Was ist da schiefgegangen? Der Vater war sogar Bergmann …
WERNER HANSCH:
Mein Vater hatte überhaupt kein Interesse an Fußball. Eigentlich war das in meinem ganzen Viertel so. Da hatte man Brieftauben und das reichte. Allerdings hatte ich auch sehr alte Eltern. Als ich geboren wurde, war mein Vater 49, meine Mutter war 44, und mein Vater war schon sehr stark gezeichnet von seiner Berufskrankheit, er hatte Steinstaublunge und ist dann auch daran gestorben. Und er hatte auch eine sehr schlimme Vergangenheit: Er war aktiver Nazigegner und war deshalb im KZ - er war gezeichnet. Für Fußball hatte er da nichts übrig.
SCHALKE UNSER:
Wie finden Sie es dann vor diesem Hintergrund, wenn heute immer noch irgendwelche Blödmänner im Stadion rassistischen Mist rufen?
WERNER HANSCH:
Absolut deprimierend, absolut deprimierend. (Lange Pause) Diese Entgleisungen gehören wirklich mit zum Furchtbarsten.
SCHALKE UNSER:
Fußball und Politik: Viele sagen, das müsse man absolut strikt trennen .
WERNER HANSCH:
Nein, nein, der Fußball ist eine gesellschaftliche Realität. Mit ihm wird Medienpolitik gemacht. Es gibt ihn in Filmen, in Theaterstücken - es ist ja heute geradezu schick geworden, ins Stadion zu gehen. Das machen Bundeskanzler, Ministerpräsidenten, große Schauspieler. Es ist richtig, das nicht zu trennen.
SCHALKE UNSER:
Aber nicht nur die Prominenz geht ins Stadion, sondern vor allem wir Fans. Unser Eindruck ist es aber, daß Fans in den Berichten allerhöchstens als Umschnitt von der ersten zur zweiten Halbzeit vorkommen. Warum?
WERNER HANSCH:
Wir haben im Schnitt fünf, sechs, acht, wenn’s ganz hoch kommt zehn Minuten pro Spiel. Wir stehen bei SAT 1 sowieso in der Kritik, daß bei uns zu oft Randerscheinungen in den Vordergrund gestellt würden, wir aber zuwenig Fußball zeigen. Ich teile diese Kritik nicht. Und dann gibt es eine zweite Sache: Wenn es Ausschreitungen gibt auf den Rängen, sollen wir die zeigen oder nicht? Einige Kollegen sagen, diesen Schwachsinn kann man nicht auch noch zeigen, das animiert nur wieder andere. Ich bin vielleicht ein bißchen anderer Auffassung. Ich würde sagen: Flagge zeigen und sagen, um was es sich handelt. Man muß das abschreckend darstellen.
SCHALKE UNSER:
Fans sind ja nicht gleichbedeutend mit Krawallen. Überhaupt: Sie sagten “Randerscheinungen”. Sind die Fans denn nur eine “Randerscheinung”?
WERNER HANSCH:
Ja gut… (Pause) Ja, jetzt frag’ ich Euch: Bei einem normalen Spiel wie jetzt am Samstag Dortmund gegen Schalke, ich hatte sieben Minuten - wie hätte ich in diesem Zusammenhang noch Fan-Geschichten einbeziehen können? Welche Vorstellung habt Ihr denn? Was überhaupt hätte ich am Samstag thematisieren können?
SCHALKE UNSER:
Zum Beispiel, daß viele Schalker, wie andere Gästefans auch, überhaupt keine Möglichkeit haben, ins Stadion zu kommen, weil es für sie kaum Stehplätze mehr gibt und stattdessen nur noch zu teure Sitzplätze, die sich viele nicht leisten können.
WERNER HANSCH:
Ja gut, könnte man machen, o.k.. Vielleicht müßte man Fan-Themen schwerpunktmäßiger aufgreifen, bei “ranissimo” etwa. Aber im Rahmen eines normalen Spielberichtes, da machen mich die Leute nieder, wenn ich nicht sofort zum Fußball komme.
SCHALKE UNSER:
Aber es scheint doch ein Bedürfnis an Fan-Themen da zu sein, wenn man nur mal die vielen Fanzines sieht, neue Zeitschriften wie “Hattrick” oder die vielen Fußballbücher, die jetzt auf den Markt kommen.
WERNER HANSCH:
Ja, wir machen vielleicht zu wenig. Aber Ihr könnt Euch ja vorstellen, wie das auf der Schaltkonferenz mit allen Außenstudios ist: Da kommt einer mit dem Faserriß von Matthäus …
SCHALKE UNSER:
Was, Fasel-Riß?
WERNER HANSCH:
Ja genau, Fasel-Riß (lacht). Und ich sag’ dann: Aaaaber, der Matthias Sammer hat sich den Finger abgebrochen beim Nasepopeln gestern morgen im Training - das muß unbedingt rein… Also, mehr als zwei Themen werden eigentlich pro Tag nicht umgesetzt. Was also die Fan-Kultur angeht, kann ich nichts versprechen. Aber wenn interessante Ansätze da sind - dann bitte ich um Anregungen.
SCHALKE UNSER:
Sie haben die Kritik an SAT 1 vorhin schon angesprochen: “Die Zeit” hat mal nachgerechnet, daß in 90 Minuten “ran” nur 36 Minuten Fußballszenen sind. Sie selbst haben einmal gesagt, der ganze Kommerz drumherum bringe Sie zum Brechreiz.
WERNER HANSCH:
Das ist korrekt. Korrekt geschildert. Eine Sache kann ich nicht ändern, das habe ich gewußt als ich bei SAT 1 unterschrieben habe: Der Sender wird durch Werbung finanziert, mein Gehalt auch - das ist das Einzige, was ich nicht ändern kann. Deshalb jetzt darüber nachträglich den moralischen Zeigefinger zu erheben, das wäre von mir geheuchelt. Die Werbung ist eine Tatsache, die muß ich akzeptieren. Daß wir natürlich durch die Gelder, die in den Fußball fließen, an dieser wahnsinnigen Kommerzialisierung kräftig mitgedreht haben, kann kein Mensch bestreiten. Das ist so. Als Privatmann sehe ich diese Dinge außerordentlich kritisch. Und wenn man daran denkt, wie dieser Zirkus wohl weitergeht, was da noch auf uns zukommt - Stichwort Pay-TV -, dann kann man sich ausrechnen, wie diese Summen sich noch weiter entwickeln werden.
SCHALKE UNSER:
Der Zirkus ist doch schon absurd genug: Ständig neue Vorschläge für Regeländerungen, völlig zerfledderte Spieltage, verteilt über die ganze Woche. Inzwischen gibt’s ja schon am Samstagabend Bundesliga.
WERNER HANSCH:
Also, das Spiel Bayern gegen Dortmund war eine absolute Ausnahme. Das kann nicht im Interesse dieses Senders gewesen sein, gegen “Wetten, daß…?” anzutreten. Es war aber nicht möglich auszuweichen, weil die Bayern mit Gewalt nicht dazu zu bewegen waren, auf den Sonntag zu gehen, wegen ihres Spieles am Dienstag drauf in Barcelona.
SCHALKE UNSER:
Aber, mal ehrlich, der Fußball ist doch schon längst im Quotenkampf das Machtinstrument schlechthin.
WERNER HANSCH:
Ja, das scheint er zu werden. Wenn man sieht, was “Premiere” jetzt bei der Partie Barcelona gegen Bayern gemacht hat, dann ist ganz klar, daß hier ein solches Ereignis eingesetzt wird, um Marktstrategien durchzusetzen.
SCHALKE UNSER:
Aber ausgerechnet Uli Hoeneß, der das Pay-TV immer gefordert hat, fängt jetzt an zu heulen.
WERNER HANSCH:
Ja, der fängt an zu heulen. Stimmt schon, ein bißchen Heuchelei ist dabei. Gut, der fühlte sich wahrscheinlich ein bißchen überrumpelt. Aber eigentlich steht er für diese Richtung - und sie wird auch kommen. Ob wir das jetzt alle wollen, ob wir das gut finden, ist eine ganz andere Frage.
SCHALKE UNSER:
Bleiben wir bei Fußball und Fernsehen. Ein Standardvorwurf an SAT 1 lautet, der Sender mache die Spiele besser, als sie in Wirklichkeit sind.
WERNER HANSCH:
Absoluter Quatsch!
SCHALKE UNSER:
Behauptet aber auch Berti Vogts.
WERNER HANSCH:
Ja, das ist trotzdem Quatsch. Der Vorwurf wird dadurch nicht besser. Nein, absoluter Quatsch. Keiner unserer Kritiker hat sich jemals die Mühe gemacht, unsere Berichte zu analysieren: Wie verhalten sich belobigende, meinetwegen beschönigende Elemente zu kritischen Anmerkungen und Analysen?
Aber das ist nun mal der Gegensatz zwischen uns Frontkämpfern in den Stadien und der Art und Weise, wie der Sender den Fußball grundsätzlich verkauft (Achtung, jetzt dreht Hansch auf!): Da ist das groooße Studio, da sitzen dreihundert Leute, da gibt es diese Riiieeesen-Leinwände, da gibt es bunte Studiokulissen, ein Moderaaator kommt die Treppe hinunter, jaaa, er trägt eine rooote Jacke und die Leute klatschen (Hansch klatscht in die Hände), als komme Thomas Gottschalk hinter den Kulissen hervor, ja und dann: Danke, Danke, Daaanke und Daaanke und heeeeute wieder die Bundesliga - Also, es wird mir oft mit zuviel Emphase eine Tüte aufgemacht, in die wir Reporter dann ‘reingesteckt werden.
SCHALKE UNSER:
Sie trennen also die Berichte von der Gesamtverpackung?
WERNER HANSCH:
Ja, habe ich ja gerade gesagt, das im Studio ist mir manchmal etwas zuviel: Ich habe manchmal das Gefühl da steht so’n Mensch, der erklärt uns jetzt groß die Welt und dann jau! und jetzt! - ja und dann kommt vielleicht Scheiße.
Ich halte jedenfalls die Kritik an den eigentlichen Berichten für ein Vorurteil, das natürlich immer wieder aus der Ecke geholt wird, immer wieder, wenn es paßt. Und im Moment scheint es ja zu passen, weil in der Tat nicht viel los ist im deutschen Fußball. Also meine letzten Spiele, die ich so hatte, waren eigentlich alles Tragödien. Nur: Es ist ja auch immer eine Frage der Sprache, wie ich das sage. Wenn Fortuna Düsseldorf gegen den 1. FC Köln spielt, ein gnadenloses 0:0-Spiel, und ich sage irgendwann: “Das war die Wucht am Rhein, auf dem Kamm geblasen” -, dann ist das meine Art, das Niveau des Spiels zu charakterisieren. Ich sage dann nun mal nicht: “Unglaublich!! Bei den Gehältern …” Ich sage es eben in meiner Sprache.
SCHALKE UNSER:
Die war ja schon im Radio berühmt. Gibt es eigentlich was Spannenderes als die legendäre Konferenzschaltung?
WERNER HANSCH:
Nein, es gibt überhaupt nichts Spannenderes als Radio. Das sagt auch jeder, der mal Radio gemacht hat. Das würde sogar, in einer ehrlichen Stunde, Thomas Gottschalk sagen. Da muß man sich ganz einbringen, seine ganze Phantasie, damit es farbig wird. Beim Fernsehen ist das genau umgekehrt, da muß man sich zurücknehmen.
SCHALKE UNSER:
Fällt Ihnen das schwer?
WERNER HANSCH:
Ihr glaubt ja gar nicht, wie schwer es ist, mal sechs Sekunden lang die Schnauze zu halten.
SCHALKE UNSER:
Aber wie damals im Radio fliegen Ihnen die Metaphern immer noch einfach nur so zu?
WERNER HANSCH:
Ja, ich habe keine vorformulierten Texte, nur die Mannschaftsaufstellungen - das verzeiht einem ja kein guter Deutscher, wenn man mal die Namen durcheinanderhaut. Alles andere spreche ich frei. Dann fällt mir entweder was ein - oder mir fällt nichts ein.
SCHALKE UNSER:
Die “taz” hat sie mal als Fasel-Hansch bezeichnet: Ein Haufen Metaphern ohne viel Inhalt.
WERNER HANSCH:
Einer, der das so macht wie ich, muß eines wissen: Er polarisiert. Es gibt 50 Prozent, die sagen: “Mach den Kerl aus, ich kann ihn nicht mehr hören”, und es gibt 50 Prozent, die sagen, “Er ist für uns der Größte.” Einen Vorteil hat es: Ich erreiche immer 100 Prozent. Ich will mal so sagen: Wenn ich im Radio Sportsendungen höre, stelle ich immer häufiger fest, daß die Szene grau wird. Das heißt, wir haben sehr viele junge Kollegen, die singen alle auf einer Wellenlänge. Es gibt keine Typen mehr, keine Farben mehr. Die Szene ist ärmer geworden.
Grundsätzlich sind Metaphern in der Sprache etwas Wunderschönes. Ohne Metaphern wären wir viel ärmer. Nur: Es gibt eine sogenannte “flache Metaphorik” - das ist Scheiße. Wenn Freiburg gegen St. Pauli spielt, und einer fängt an: Herr Kohl gegen Herrn Scharping, und er kommt dann auf Politik - also das sind brutale Flachlacher. Das ist Scheiße! Ich glaube nicht, daß ich mich auf diesem Niveau wiederfinden muß.
SCHALKE UNSER:
Viele werfen Ihnen vor, die Metaphern als Markenzeichen zu kultivieren. Kann es überhaupt noch einen Hansch-Bericht ohne diese Sprachbilder geben?
WERNER HANSCH:
Also das ist mir zu planmäßig. Ich gehe doch nicht in ein Spiel hinein und stelle mir vor, was ich dann hinterher sagen werde. Das ist ja unmöglich, das kann ja kein Mensch!
SCHALKE UNSER:
Stehen Sie nicht vielleicht doch unter Erwartungsdruck, wenn Ihre Kollegen im Studio Sie anmoderieren: “Jetzt kommt er wieder, unser Werner Hansch …”?
WERNER HANSCH:
Das ist mir auch unangenehm, und das werdet Ihr auch nicht mehr erleben. Darauf ist mit Nachdruck von mir hingewiesen worden, daß man das unterlassen möge. Überhaupt diese Selbstbelobigungen, diese peinlichen Geschichten, die bei uns stattgefunden haben - ich hoffe, das ist ausgeräumt.
SCHALKE UNSER:
Das heißt, Sie sind nicht gerne eine Kultfigur?
WERNER HANSCH:
Ich weiß nicht, ob ich es bin. Kann sein, kann nicht sein. Wenn, dann ist das von mir nicht kalkuliert und ich empfinde mich auch nicht so. Das mit dem Kult ist schon wieder so eine rationale Beurteilung.
SCHALKE UNSER:
Wo wir schon bei Rationalem sind: Schalke! Steht die Mannschaft zurecht da oben - oder nur, weil die Liga insgesamt so schlecht ist?
WERNER HANSCH:
Neulich hat ja jemand gesagt: Die Liga hat drei gute Mannschaften, und die spielen schlecht. Tja, Schalke - überrascht sind wir ja alle, ich nehme an, auch Ihr. Die Figur Berger hat ihren Anteil daran. Die Ruhe, die eingekehrt ist. Und, das merkt man immer, die Mannschaft spielt schon lange zusammen. Dann ist auch Lehmann zum Beispiel eine ganz starke Figur geworden. Nicht nur, wie er hält, auch mental - und einen Körper hat er bekommen wie Batman. Der Junge ist unglaublich. Und: Er hat die zehn Zentimeter mehr (Körpergröße, die Redaktion) gegenüber Stefan Klos.
SCHALKE UNSER:
Trotz des derzeitigen Erfolges kommen aber erstaunlich wenige Zuschauer. Gehen Sie eigentlich auch privat ins Stadion?
WERNER HANSCH:
Wenig. Ich bin so von Fußball umgeben - irgendwo ist auch mal Schluß. Ich habe privat sehr viele andere Interessen, ich muß dann nicht auch noch Fußball haben.
SCHALKE UNSER:
Hansch ist bekannt wie ein bunter Hund - den Privatmann Hansch aber kennt niemand. Ist das Voraussetzung für Ihren Job?
WERNER HANSCH:
Für mich ja. Es gibt aber auch andere Kollegen, die haben da ganz andere Einstellungen. Ihr könnt ja über die alles lesen - sagen wir mal: fast alles (lacht laut). Ihr könnt lesen, was die für eine glückliche Familie haben, mit zwei Kindern. Das muß ich von mir nicht lesen. Den Drang habe ich nicht, ich arbeite nicht an meiner Selbstverewigung.
SCHALKE UNSER:
Kein bißchen Outing für unsere Leser, kein Bekenntnis, das die Kurve schockt?
WERNER HANSCH:
Ich höre Klassik. Das ist mir ganz wichtig. Leider komme ich zuwenig auf Konzerte - an den Wochenenden bin ich bekanntlich verhindert.
SCHALKE UNSER:
In den Stadien gibt’s ja wenigstens den Triumphmarsch aus Aida.
WERNER HANSCH:
Also das muß es nicht unbedingt sein - jedenfalls nicht im Stadion.
SCHALKE UNSER:
Herr Hansch, vielen Dank für das Gespräch. Glückauf!
Wie Schalke auf den Hansch kam
“Es war der 24.2.73. Ich war damals wieder Student und Sprecher auf der Trabrennbahn Gelsenkirchen und habe eigentlich diesen Job auf schon hohem Niveau stilisiert, das kann ich wohl sagen. Tja und dann kam ich auf die Rennbahn an diesem Samstag, an dem, was sehr selten passierte, auch Schalke spielte. Das war das Spiel nach dem Skandal und Schalke spielte hart gegen den Abstieg - was mich überhaupt nicht juckte. Und ein guter Bekannter von mir, Hans Schneider, war in Schalke Stadionsprecher, aber hauptberuflich Inspektor auf der Rennbahn.
So, und dieser Hans war an besagtem Samstag verhindert, weil auf der Rennbahn war ein Brand. Da konnte der nicht weg. Ich kam da an und wollte meinen Sprecher-Job machen. Da sagte der: Hörmal, Du mußt mich heute vertreten, da auf Schalke. Ich sagte: Ich hab doch keine Ahnung, was soll ich denn da machen? Und Hans sagte: Ja, geh zu Oskar Siebert - da stand auch schon ‘ne Taxi, da hat er mich reingeschoben, quasi genötigt, und dann gings ab.
Ich kam da an, da waren 30 000 Leute in der GlückaufKampfbahn - ich wär am liebsten wieder abgehauen. Soviel Leute hatte ich überhaupt noch nicht gesehen. Ja, dann hab ich mich nach Oskar Siebert durchgefragt, hab ihn angesprochen, so zaghaft von der Seite, und er guckte so gnädig rüber, sagte: Junger Mann was fällt Ihnen denn ein, ich habe doch ganz andere Sorgen, gehen Sie doch zum Stadionwart.
Ja und ich dann zu dem hin, schon ziemlich angesäuert, hab mich da in das kleine Marathontörchen in der alten Glückauf-Kampfbahn gestellt, da stand so’n kleiner Mann, ziemlich eingeschrumpelt, hab ihn gefragt: Sind Sie denn hier der Stadionwart? Sagte der: Ja, was haben Sie denn? Ich habe erst viel später erfahren, daß das ein ganz Großer des deutschen Fußballs war: War Ernst Kalwitzki, der ja einige Deutsche Meisterschaften in der großen Schalker Zeit errungen hatte, und der mußte auf seine alten Tage noch die Striche ziehen, weil die ja nichts verdient hatten. Ja, und der sagte: Paß mal auf, wenn Sie hier sprechen wollen, dann müssen Sie hier die Feuerleiter rauf.
An der Wand war so eine Feuerleiter und dann Hüftschwung über so eine Mauer und dann gleich in der ersten Reihe, da war so’n Werbespruch, der einzige Werbespruch damals, der war so an der Stirnseite des Marathontors, ‘Martini’, und über dem letzten ‘i’, da war der Sprecherplatz. Keine Kabine, alles frei und so ein zerknülltes Mikrophon. Und dann saß ich auf der Bank, aus den Lautsprechern plärrte Musik. Die Anlage war schon total verkommen, war ja schon abzusehen, daß im Sommer der Umzug sein würde ins Parkstadion.
Naja, und dann kamen die Leute, rückten immer näher ran, und je mehr es dann auf halb vier zuging, umso aufgeregter wurde ich, und dann hörte die Musik auf, und irgendein Mensch kam dann die Feuerwehrleiter hoch und sagte: Mensch, sind Sie der Stadionsprecher?, gab mir einen Zettel, da standen die Mannschaften drauf, handgeschrieben und dann kam das mit der Startnummer: ‘Mit der Startnummer 1: Norbert Nigbur.’ Ja, so ist das gewesen.”
Euro 96: Football Comes Home
(stu) Manchester: die regnerische Stadt, die Stadt der Zukunft und der Träume. So beschreibt der Betreiber der Internet-Homepage von ‘Virtual Manchester’ (http://www.u-net.com/manchester) den Spielort der deutschen Nationalmannschaft bei der diesjährigen Europameisterschaft.
Die Stadt
Die Stadt Manchester wurde im 18. bzw. 19 Jahrhundert im Zuge der industriellen Revolution reich. Durch die Baumwollindustrie gewann die Stadt zunehmend an Bedeutung. Trotz des wirtschaftlichen Niedergangs ist Manchester heute Englands zweitwichtigste Metropole und als ‘post-industrielle’ Stadt führend in soziologischen, industriellen und kulturellen Bereichen.
Das Stadtbild ist von Kontrasten geprägt. Umgeben von verfallenen Industrie- und heruntergekommenen Wohngebieten stehen hochmoderne Gebäude neben wunderschönen viktorianischen Repräsentativbauten.
Hier gibt es das pulsierendste Nachtleben Englands und eine der besten Musikszenen der Welt. Und zwei Fußballvereine gibt es auch noch. Manchester United, die sich bescheiden als ‘The world’s greatest football club’ bezeichnen. Und Manchester City, besser bekannt als der Verein, bei dem ausrangierte deutsche Fußballprofis ihr Gnadenbrot verdienen dürfen.
Das Stadion
Von den meisten Beobachtern als das beste britische Vereinsstadion betrachtet, erwies sich das Old Trafford-Stadion Ende der Saison 1994/1995 mit seinem damaligen Fassungsvermögen von rund 43 500 als noch zu klein.
Deswegen beschlossen die Vereinsverantwortlichen die 1965 erbaute Nordtribüne bis auf den unteren Rang abzureißen und - rechtzeitig zum EM-Start - neu zu bauen. Die dafür erforderliche Stahlkonstruktion erreicht eine Höhe von fast 51 Metern, dreimal höher als die alte Nordtribüne!
Allein diese neue Tribüne bietet 25 110 Zuschauern Platz und erhöht das Fassungsvermögen auf 55 300. Das neue Old Trafford-Stadion ist somit das größte Vereinsstadion Großbritanniens.
Die FSA
Die FSA (Football Supporters Association) hat für die EM ein beachtliches Programm vorbereitet:
In jedem der acht Spielorte wird es eine sogenannte Football Embassy (Fußballbotschaft) geben, wo Fans Infos und Tips bekommen können. Wie bei der WM 90 in Italien und der EM 92 in Schweden werden in diesen Botschaften FSA-Mitglieder und womöglich auch Fans aus dem Ausland sitzen.
Die Manchester Fanbotschaft befindet sich im Heron House, Brazenose Street, in der Nähe vom Albert Square. Es werden noch Freiwillige gesucht. Wer Interesse hat, in der Fanbotschaft mitzuarbeiten, der kann sich bei der FSA melden (Manchester: Debbie Rails, ++ 44 161 862 9617 oder alternativ über die FSA-Zentrale, ++ 44 151 737 2385)
Außerdem wird ein Fanführer herausgebracht, der Infos über die Städte, in denen die Spiele stattfinden, enthält sowie Hinweise zu EM-Veranstaltungen und Telefonnummern, Adressen und Tips allgemeiner Art gibt. Der Führer wird auch über die lokale Fußballkultur, die teilnehmenden Mannschaften sowie die Stadien informieren und die besten Pubs, Cafés und Restaurants werden aufgelistet. Es soll auch eine deutsche Version geben, also aufgepaßt!
Die FSA hat auch eine Hotline ( ++ 44 121 733 2164) eingerichtet, bei der man Infos über Eintrittskarten sowie Reise- und Übernachtungsmöglichkeiten erhalten kann. Weitere Infos gibt es auf der FSA-Homepage im Internet (http://www.doc.mmu.ac.uk/STAFF/B.Mitchell/fsaeuro96.html).
Vor und während der EM wird die FSA im Zusammenhang mit verschiedenen ausländischen Fanorganisationen und Fanzinemachern eine Reihe von Veranstaltungen durchführen, unter anderem ein Fan-Kleinfeldturnier, das am 7. Juni in London stattfinden soll.
Für Fans, die in rechtliche Schwierigkeiten geraten, bietet die FSA eine Helpline an, über die man mit Rechtsanwälten sprechen kann, die sich vor allem mit der fußballbezogenen Gesetzgebung in Großbritannien bestens auskennen. Egal ob man Ärger mit Reiseveranstaltern bzw. Hotelbesitzern bekommt, man Verbraucherinfos braucht oder man beklaut wird bzw. irgend etwas verliert, hier bekommt jeder Fan nützliche Ratschläge.
Wer die deutsche Mannschaft zur Europameisterschaft vom 8. bis 30.6.1996 nach England begleiten will, der kann dazu Sonderangebote von British Rail International nutzen. Alle Vorrundenspiele finden bekanntlich in Manchester statt. Dazu paßt die Metro-Bus-Netzkarte ‘Metrolink/System 1-Pass’, die vom 8. bis 24.6.1996 gültig ist und freie Fahrt in der Metro und bei über 70 Busgesellschaften im Großraum Manchester gewährt. Dieser Paß kostet 88 Mark.
Informationen:
Britische Zentrale für Fremdenverkehr, Taunusstr. 52-60, 60329 Frankfurt, 069/23 80 70, Fax: 2 38 07 17
Manchester Tourist Information Centre, Town Hall Extension, St. Peter’s Square, Manchester, M60 2LA, ++ 44 161 234 3157, o. 234 3158
Manchester Airport Tourist Information Centres, International Arrivals Hall, Manchester Airport, M22 5NY, Terminal 1: ++ 44 161 436 3344, Terminal 2 : ++ 44 161 489 6412
Castlefield Information Centre101 Liverpool Road, Manchester, M3, ++ 44 161 832 4244
Aktuelle Infos sind in folgenden Zeitschriften zu finden: ‘Manchester Evening News (täglich), ‘City Life’ (14-tägig) sowie ‘Arts about Manchester’ (monatlich)
Fischers Auferstehung
(rk) Legendäre Spiele von gestern und vorgestern der Knappen vom Schalker Markt. Heute führt uns die Reise ins Jahr 1973. Der Bundesliga-Skandal hing immer noch grau und schwer am Himmel.
Schalke war weit unter seinen Möglichkeiten geblieben und schlecht in die Saison 73/74 gestartet. Pleiten gegen den VfB Stuttgart (0:3), Hamburger SV (2:5), Kickers Offenbach (0:2), Hertha BSC Berlin (0:1) und Mönchengladbach (0:6) brachten das Schalker Team in arge Bedrängnis. Doch am 6. Oktober ging ein bereits erloschen geglaubter Stern ein zweites Mal am Fußball-Himmel auf.
Klaus Fischer hatte ein Horrorjahr hinter sich. Wegen seiner Verwicklung in den Bundesligaskandal drohte ihm eine lebenslange Sperre, im Herbst 1973 wurde er aber begnadigt. Zum Glück. Denn nach dem 4:2-Sieg über den Wuppertaler SV am 6.10.73 bestand kein Zweifel mehr: Klaus Fischer was back!
Nach 13monatiger Verbannung aus dem Spielbetrieb begann der nunmehr 23jährige Mittelstürmer seine zweite Fußballer-Laufbahn - mit drei Toren, davon zwei Kopfball-Torpedos (zum 1:0 und 4:2) und einem kaltblütig herausgespielten Tor zur 2:0-Führung. 50 000 Zuschauer im Parkstadion dankten und gratulierten mit blau-weißen Ovationen.
Der Sieg brachte Schalke zunächst auf den 14. Platz. Trainer Ivica Horvat war überglücklich: “Mit dem Einsatz von Klaus Fischer ist unser Mittelstürmer-Problem gelöst. Die Mannschaft wird von Spiel zu Spiel stärker.”
Trainer-Assistent Friedel Rausch, der Fischer während der Sperre fit gehalten hatte, sagte: “Der Klaus ist in bester Verfassung. Ich kenne keinen zweiten deutschen Spieler, der so kopfballstark ist.”
Wuppertals Trainer Horst Buhtz schmeckte der Kaffee gar nicht: “Die Schalker haben eigentlich kein großes Spiel geliefert, aber sie besitzen einen großartigen Mittelstürmer, der von Fehlern der Abwehr profitiert.” Sein Lob für Erwin Kremers tat sich auch ganz gut an: “Der Erwin ist doch nur mit Fouls zu stoppen, und ich hätte mich als ehemaliger Profi wirklich gefreut, wenn er bei seinem Alleingang zum 3:0 am Trikot festgehalten worden wäre.”
Auch Bruderherz Helmut wußte zu überzeugen, und so erhielten beide eine Einladung zu den Länderspielen gegen Österreich in Hannover und gegen Frankreich in Gelsenkirchen.
Nach dem 3:0 begann allerdings noch einmal das große Bangen, als der WSV die Pannen in der Schalker Abwehr zu zwei Treffern nutzen konnte. Doch der kurzzeitig aufkeimenden Hoffnung bei den Wuppertalern bereitete Fischer mit seinem Kopfball-Knaller zum 4:2 den Garaus.
Die tiefe Talsohle schien überwunden, und tatsächlich ging es wieder aufwärts. Vor allem in der Rückrunde spielte der FC Schalke gekonnt auf. Nach einer Niederlage im ersten Spiel der Rückrunde gegen Stuttgart gelangen 23:3 Punkte in Serie.
Am Ende der Saison belegte Schalke einen achtbaren siebten Platz und Klaus Fischer hätte heutzutage mit seinen 21 Saisontreffern die Torjägerkanone sicher gehabt. 1974 mußten sich diese Gerd Müller und Jupp Heynckes mit jeweils 30 Treffern teilen. Wenn man bedenkt, daß Klaus Fischer noch die ersten neun Ligaspiele gesperrt war, wäre es unter normalen Bedingungen durchaus möglich gewesen, daß man die Kanone mindestens hätte dritteln müssen.
Beifall und Kritik ernteten beim FC Schalke 04:
Helmut Pabst, Ulrich van den Berg, Helmut Kremers, Hartmut Huhse, Jürgen Sobieray, Klaus Beverungen, Paul Holz, Klaus Scheer, Peter Ehmke (ab 46. Franz Krauthausen), Klaus Fischer, Erwin Kremers
Und beim Wuppertaler SV: Müller, Kohle, Neuberger, Miss (65. Georg Jung), Reichert, Cremer, Stöckl, Lömm, Hermes, Gustl Jung, Pröpper
Schiedsrichter:
Frickel (München)
Trikots gegen Rassismus
(rk) Kärcher ist Hauptsponsor bei Schalke, Diebels bei Gladbach und Opel bei Bayern. Das ist bekannt. Opel war es aber auch bei Young Boys Bern (YBB). Jedenfalls bis ein drohender Imageverlust den Sponsor dazu veranlaßte, bei dem Schweizer A-Ligisten auszusteigen. Seitdem tragen die Berner Spieler den Schriftzug “Gemeinsam gegen Rassismus” auf ihrer Brust.
Was war passiert? 13 Jahre lang war der Verein abhängig von den Geschicken des Mäzens Bär. Dieser führte ein wahres Spielerhandel-System ein. Es wurden zumeist skandinavische, aber auch eigene Nachwuchstalente von seiner Investment-Firma aufgekauft.
Zu Anfang noch sehr erfolgversprechend, Titelgewinn 1986 und Cupgewinn 1987, forderte die rigorose Verkaufspolitik des Präsidenten nachwirkend ihren Tribut. Beste Spieler wurden ohne Absprache mit dem Trainer verkauft und nicht durch Gleichwertige ersetzt.
YBB spielt heute gegen den Abstieg, steht vor dem wirtschaftlichen Ruin, Präsident Bär hat längst seinen Hut genommen, Sponsoren nehmen Reißaus. Daneben plagt die YBB aber auch noch ein politisches Problem.
Im Wankdorf-Stadion, wo sich im Schnitt 5 000 Zuschauer zu den Heimspielen einfinden, treibt eine relativ große rassistische Szene ihr Unwesen. Aus dieser Not machte der TV-Journalist Urs Frieden eine Tugend, kaufte kurzerhand das Trikot der YBB und versah es mit dem Schriftzug “Gemeinsam gegen Rassismus”. Mit seiner Unterschrift garantiert der Mann mit dem bezeichnenden Nachnamen dem Verein bis zum Ende der Saison einen Spendensammelbetrag von 50 000 Franken. An ihm liegt es also, das Geld aufzutreiben.
Die Idee dahinter ist, ideelles Sponsoring mit einer Spendenkampagne und einem Maßnahmenpaket zu verbinden. Die Vereinsseite geht mit dem Vertrag eine Reihe von Verpflichtungen ein. Spieler und Offizielle müssen den Anti-Rassismus-Slogan auf und außerhalb des Spielfelds nachleben. Der Aktion wird kostenlos Platz in der Stadionzeitung eingeräumt. Und Spieler und Offizielle halten sich für entsprechende Veranstaltungen und Pressetermine zur Verfügung.
Hitlergrüße und tätliche Angriffe auf AusländerInnen werden mit Stadionverbot bestraft. Bei Nichteinhalten dieser Verpflichtungen wird von der Garantiesumme ein Betrag abgezogen.
Wie der Vorstand in der ersten Pressekonferenz beteuerte, stehe er voll und ganz hinter der Sache. Er weiß, daß ein Imagegewinn dem Überlebenskampf der YBB entscheidende Impulse geben kann.
Zur Stunde ist noch nicht abzuschätzen, was die Initiative noch alles auslösen wird. Auch der FC Zürich hat angekündigt, mit in das Projekt einzusteigen und sogar in der Nationalliga vorzusprechen.
Weiter sind geplant die Zusammenarbeit mit der Spielervereinigung Profoot, ein Benefiz-Konzert, ein AusländerInnen-Fest, usw.
Sicherlich eine runde Sache, die ihre Wirkung nicht verfehlen wird und hoffentlich auch in Deutschland und anderen Ländern Nachahmer finden wird.
BSC YB - Spendenkonto:
“Gemeinsam gegen Rassismus”
SKA Bern, PC 30-3200-1
Konto 888888-01-1

