Nummer 12 - 1996/11
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke: Noch alle auf’m Zaun?
Die Frage ist nicht “Schalke oder Gott”, sondern “Schalke und Gott” - Interview mit Pfarrer Dohm
Von Fans für Fans
Noch ist Polen nicht verloren
Schalker im Exil?
Attacke: Noch alle auf’m Zaun?
(pr) 83 Tote und 147 Schwerverletzte beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala und Costa Rica in Guatemala-Stadt. Wieder einmal wurden Zäune in einem überfüllten Stadion zur tödlichen Falle.
Und wieder herrscht weltweite Betroffenheit. Wieder sollen es zuerst die Fans selbst gewesen sein, die mit ihrem undisziplinierten Verhalten die Katastrophe ausgelöst haben. Und wieder kommt aber kurz danach heraus, daß gefälschte Karten verkauft wurden und das Stadion restlos überfüllt war.
Und wieder kommen all die aus ihren Löchern, die zu allem ihren Senf abgeben wollen, müssen und unglücklicherweise auch noch dürfen.
Kaiser Franz verkündet, daß er überhaupt nicht verstehen kann, was Zäune in einem Fußballstadion zu suchen haben. Erstaunlich.
Joseph Blatter, seines Zeichens Generalsekretär des Zentralkomitees der UEFA, will plötzlich dafür sorgen, daß die WM 1998 in Frankreich ohne Zäune in den Stadien stattfindet. Aha.
DFB-Pressesprecher Wolfgang Niersbach fordert die Fans auf, die Sicherheitsmaßnahmen in den deutschen Stadien als notwendig zu akzeptieren, verkündet aber gleichzeitig, daß Zäune in Stadien unnatürlich sind - im Theater gebe es schließlich auch keine Zäune zwischen Publikum und Bühne. Bewußtseinserweiterung nach Katastrophen?
Was sind denn überhaupt notwendige Sicherheitsmaßnahmen??? Das affenkäfigartige Gebilde für Auswärtsfans in Stuttgart, nett in der letzten Stadionecke plaziert? Die Schmuddelecke für Stehplatzbesucher im Weserstadion? Die stehplatzlosen Zonen in Bielefeld, Dortmund und Leverkusen? Oder ist damit der Mammutzaun in der Nordkurve des Parkstadions gemeint? Wie hoch soll eigentlich der Zaun in der neuen Arena, so sie kommt, werden?
Wieder ist das Thema Zäune in den Medien. Wieder machen heute alle auf Betroffenheit. Wieder redet morgen keiner mehr drüber. Und wieder stehen übermorgen die Zäune immer noch.
Wetten, daß? Hoffentlich nicht bis zur nächsten Katastrophe …
Die Frage ist nicht “Schalke oder Gott”, sondern “Schalke und Gott”
SCHALKE UNSER:
Grüß Gott, Herr Pfarrer. In Ihrer Wohnung hängen der Schalke-Wimpel und das Jesuskreuz. Wie sind Sie denn zu Schalke gekommen?
PFARRER DOHM:
Früher hatte ich meine Gemeinde in Wattenscheid. Danach bin ich in den Bezirk Schalke-Nord gewechselt, wo ich schon bald Kontakt zu Ernst Kuzorra bekam.
Eigentlich hat mich Ernst Kuzorra zum Fußball und zum FC Schalke 04 gebracht. Ernst Kuzorra hat damals auch viel für unsere Gemeinde getan. Einen Tag bevor er verstarb, habe ich ihn noch im Krankenhaus besucht, das war am 31. Dezember 1989. Wenige Tage später habe ich die Predigt bei seiner Beerdigung gehalten. Aber der Kontakt zu seiner Familie ist nie abgerissen. Vor kurzem habe ich erst sein letztes Urenkelkind getauft.
SCHALKE UNSER:
Wir können uns auch noch ganz gut an Kuzorras Beerdigung erinnern. Es war Winter, die Kirche war überfüllt, die Leute standen bis draußen. Direkt nach der Predigt verließ Reinhard Libuda die Kirche - blieb gar nicht mehr bis zum Schluß.
PFARRER DOHM:
In der Predigt wurde alles noch einmal aufgenommen, was Kuzorras Leben ausgemacht hatte. Und Stan Libuda hatte eine sehr enge Beziehung zu Ernst Kuzorra. Er hatte später ja auch seinen Laden übernommen. Und ich glaube, daß diese Erkenntnis, der Tod Ernst Kuzorras, ihn so sehr beschäftigt hat, daß das gefühlsmäßig wohl zu viel für ihn war.
SCHALKE UNSER:
Zu Stan Libuda gehört wie das Amen in die Kirche auch die Anekdote “An Gott kommt keiner vorbei, außer Stan Libuda.” Man sagt auch “Schalke ist eine Religion”, der Papst ist Ehrenmitglied bei Schalke 04 oder unser Titel SCHALKE UNSER. Es scheint doch einige Parallelen zwischen Kirche und Schalke zu geben.
PFARRER DOHM:
Zu der Bezeichnung SCHALKE UNSER habe ich eine sehr differenzierte Meinung. Da würde ich mich über einen anderen Titel freuen. Denn da ist eine Annäherung, da wird etwas übertragen, was nicht übertragbar ist.
Schalke ist sicherlich eine Religion. Es gibt bestimmt religiöse Züge in der Anhängerschaft von Schalke, gewisse Riten werden praktiziert. Aber der christliche Glaube ist schon etwas anderes. Die Gefahr des Titels SCHALKE UNSER ist, daß dabei zwei eigentlich grundverschiedene Dinge verwischt werden. Und durch diese Verwischung verlieren beide Punkte teilweise ihre Eigenständigkeit.
Das “Vater Unser” ist für mich ein so wichtiges Gebet, daß es für mich einen Schritt zu weit geht, es in der gleichen Wichtigkeit zu einem Bekenntnis zu Schalke zu machen. Ich sage “Ja” zum Fußball, “Ja” zu Schalke, aber das ist nicht mein Bekenntnis. Das ist eher Zustimmung.
Ich würde auch niemals sagen “Fußball ist mein Leben”. Ich beschäftige mich in meinem Leben mit Fußball. Aber, daß er zu meiner Lebensgrundlage wird, das fände ich ganz schlimm.
SCHALKE UNSER:
Das neue Schalke-Buch “Der Mythos lebt” wurde von einem Theologen verfaßt. Die Einleitung beginnt damit, daß er auf der Toilette der theologischen Fakultät an der Ruhr-Universität in Bochum den Spruch gelesen hat “Schalke statt Gott”.
Es ist natürlich ziemlich gewagt, diesen Spruch als Aufhänger für ein Buch zu nehmen. Andererseits steckt darin sehr viel Kraft. Die Kirche von heute hat viele Schwierigkeiten. Sinkende Mitgliederzahlen, Kirchenaustritte, der Glaube ist nicht mehr so stark wie früher.
Beim Profifußball genau umgekehrt. Da sind die Stadien ausverkauft. Ist es nicht seltsam, daß sich die Leute mehr mit Fußball als mit dem christlichen Glauben beschäftigen?
PFARRER DOHM:
Natürlich ist der Fußball eine Massenbewegung. Und er ist es noch mehr durch die Aufmachung des Fernsehens geworden. Ich glaube aber auch, daß viele Familien Fußball nur gucken, weil es alle anderen auch gucken. Sonst kann man am nächsten Tag beim Gespräch nicht mitreden.
Aber die Frage ist nicht “Schalke oder Gott?”, sondern “Schalke und Gott”. Aber in einer differenzierten Wertigkeit.
Die Gefahr besteht, daß wenn Schalke eine Niederlagenserie hat, sich ein Fan aus dem Fenster wirft. Erst neulich nach der Entlassung von Jörg Berger war das eine Schlagzeile in den Medien. Man darf nicht den Sieg seines Vereins verwechseln mit seiner Bejahung zum Leben oder seiner Infragestellung bei einer Niederlage. Gott will das Leben. Schalke verkauft keine Glaubensgrundlage.
Schalke ist als Verein mit seiner Profiabteilung zunächst einmal nur ein Wirtschaftsunternehmen. Natürlich wird man dort als Zuschauer unterhalten, nimmt teil am gemeinsamen Erleben des Fußballspiels, dem Anfeuern der Mannschaften. Und das sind Bewegungen, die finde ich gut. Aber es sollte niemals zu meiner Lebensgrundlage werden. Da muß man aufpassen, sonst verkehrt sich der Sport.
SCHALKE UNSER:
Die Glaubenskriege der Fangruppen und die Heiligen Kriege: Ist das eine weitere Parallele zwischen Kirche und Fußball?
PFARRER DOHM:
Alle diese Auseinandersetzungen und Bekriegungen in den Stadien sind auf der Schwelle, einen Schritt zu weit zu gehen. Es kann ja ein Verein nicht wollen, daß er seine eigenen Fans auf die Fans der anderen losläßt. Es ist eine schlimme Überziehung, daß Menschen einfach auf andere einschlagen. Ich bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer und verfolge in allen Belangen im Dienste Gottes das “Ja” zum Menschen.
Und da hat Gewaltanwendung gegen andere keinen Platz Und schon gar nicht in der Idee des Sportes, wo der faire Wettkampf,das Sich-Messen, das friedliche Messen, Vorrang hat. Sportlicher Wettkampf ist eine urbiblische Idee. Aber eine Überziehung, in der ich den anderen als Feind betrachte? Dann geht’s völlig daneben.
SCHALKE UNSER:
Apropos Feinde: Sie treten auch regelmäßig mit den Schalke-Pfarrern gegen die BVB-Pfarrer zum Fußballspiel in der Glückauf-Kampfbahn an. Aber auch wir haben die Bibel gelesen und da heißt es doch im Brief des Paulus an die Römer “Haßt das Böse, hängt dem Guten an”. Muß denn dann so ein Spiel sein?
PFARRER DOHM:
Ja, wir sind in der Vergangenheit schon zweimal gegen die BVB-Pfarrer angetreten. Die Dortmunder hatten uns auch dieses Jahr herausgefordert. Leider kam etwas dazwischen und wir mußten uns vertagen.
Kirche und Sport ist eine eminent tragende Verbindung, weil in der Kirche wie auch im Sport Körper und Geist trainiert werden. Es gibt ja schließlich auch den CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen), ganze Sportvereine innerhalb der Kirche.
Und meine Idee war es, daß es die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht nur verstehen sollten, mit dem Worte, sondern auch mit dem Ball umzugehen. Training für unsere Kirchenkicker ist übrigens montags um 10 Uhr. Dann heißt es: Kutte aus, Trikot an und das Spielchen auf der Anlage von Westfalia 04 kann losgehen.
Als nächstes ist ein Spiel unserer Truppe gegen die Mannschaft des Westdeutschen Rundfunks geplant. Das Ganze natürlich für einen wohltätigen Zweck.
SCHALKE UNSER:
Auch die Schalker Fanclubs engagieren sich sehr auf dem sozialen Sektor. Im letzten Jahr wurden über 70 000 Mark von Fanclubs des Schalker Dachverbands an karitative Einrichtungen überwiesen. Die Fanclubs tun da unheimlich viel, um ein anderes Image zu bekommen als das oftmals in der Zeitung zu lesen ist.
Als Fan sitzen Sie immer auf der Tribüne des Parkstadions. Wie ist denn Ihr Feeling beim Fußball? Sind Sie eigentlich ein enthusiastischer Fan?
PFARRER DOHM:
Ich bin schon begeisterungsfähig. Und beim Torschrei stehe ich so schnell auf wie nie. Ansonsten sind meine Bewegungen immer etwas mühevoller.
Bloß was ich schlimm finde, sind Gesänge wie “Steh auf, Du Sau” oder Schiedsrichterbeleidigungen wie “Schwarze Sau”. Doch die Begeisterung an einem schönen Fußballspiel ist schon etwas feines. Und dann muß man auch schon mal die Leistung des Gegners anerkennen, falls dieser besser gespielt und gewonnen hat.
Ich freue mich natürlich mehr, wenn Schalke gewinnt. Aber es darf nicht dadurch gebremst werden, daß unfaire Methoden eingesetzt werden. Es muß immer ein Spiel bleiben. Mit aller Ernsthaftigkeit und allem Engagement. Und dann darf ich auch am Spieltag erwarten, daß die Spieler, die gute Gehälter verdienen, auf dem Platz ihr Bestes geben und sich voll reinhängen. Das sind sie ihrem Anspruch als Profis und den Leuten, die teures Geld dafür bezahlen, schuldig.
SCHALKE UNSER:
Wie sehen Sie überhaupt den Kommerz im Fußball? Mittlerweile wird sogar über zusätzliche Werbepausen nachgedacht.
PFARRER DOHM:
Wenn ich mich da noch erinnere, wie groß das Theater damals über die erste Trikotwerbung in der Bundesliga war. Mittlerweile werden im Fußball horrende Summen bezahlt. Aber diese Summen zeigen auch, wie viele Arbeitsplätze daran hängen. Es werden ja nicht nur die Spieler dotiert. Man braucht nur mal ins Stadion zu gehen, da sieht man Übertragungswagen, Würstchenbuden, Fanartikelstände. Da hängt ein ganzes Umfeld dran. Wenn von heute auf morgen alle Spiele der Bundesliga abgesetzt würden, würde mich mal interessieren, wie viele Leute arbeitslos würden.
Von den Sportredakteuren angefangen bis hin zu all dem, was sich rund um ein einziges Stadion abspielt.
Das ganze ist also ein Kreislauf und es ist nicht so, daß der Verein das ganze Geld scheffelt. Da hängen unheimlich viele Dinge von ab, die wohl so in der Gesamtheit von vielen nicht gesehen werden. Und wenn das Geld derart in die Vereine fließt, ist auch die Verantwortung der Vereinsführung riesig groß.
Ein solches Unternehmen muß sauber geführt werden, und im Augenblick habe ich als Mitglied des Ehrenrates das gute Gefühl, daß bei Schalke sauber gearbeitet wird.
SCHALKE UNSER:
Nun bekommt Schalke mit der geplanten Arena vielleicht doch bald ein neues Stadion. Sind Ihre Pläne, dort eine Kapelle einzurichten, noch in der Schublade?
PFARRER DOHM:
Wenn das ganze ein Ort der Besinnung wäre, wo die Leute zu sich kommen können, wäre das begrüßenswert. Es gibt ja solche Kapellen an den verschiedensten Orten, dem Bahnhof, der Autobahn-Raststätte. Warum nicht auch in einem Fußballstadion? Wenn das ganze aber dazu gerät, den FC Schalke 04 und nicht Gott zu ehren, würde ich dringend davon abraten.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf und Amen.
Von Fans für Fans
(bob/os) Geschafft! Seit dem 17.10.1996 ist der Fan-Laden der Schalker Fan-Initiative eröffnet. Und sofort war dort in den ersten Tagen die Hölle - und zwar nicht die von Trabzon - los: Eröffnung, Lech Posen-Fanaustausch und Derby gegen Lüdenscheid.
Irgendwie hat es am Ende doch geklappt. Sieben Wochen lang geschuftet, tapeziert und gestrichen. Selbst am Eröffnungstage mußte noch kräftig Hand angelegt werden. Doch am Abend war alle Arbeit vergessen. Neben 100 Schalke-Fans fanden auch Präsident Gerd Rehberg, Yves Eigenrauch und unser Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann den Weg in die Hansemannstraße. Auch sie wollten sehen, was wir Fans in Eigenregie auf die Beine gestellt hatten.
Die Einweihung wurde zu einer grandiosen Fete, bei der “Mister Magic”, nein nicht Michael Prus, in die Tasten seiner Hammond-Orgel griff und für die musikalische Untermalung sorgte. Lob von allen Seiten für die Gestaltung des Fan-Ladens ging uns genauso runter, wie das Pilsbier aus dem Sauerland oder das Alt aus Düsseldorf. Lob, der Mut machte für unsere weitere Arbeit.
Doch warum und wofür brauchen wir einen solchen Fan-Laden überhaupt? Es war nicht so, daß der Laden aus einer Laune heraus entstanden ist, sondern er ist logische Konsequenz unserer Arbeit, die nun bereits in das fünfte Jahr geht. Für einige von uns wurde die “Arbeit in der Freizeit” eine zu große Belastung. Projekte wie das mit den Fans aus Lech-Posen in Zusammenarbeit mit Bez Granic erfordern einfach einen äußeren Rahmen, den wir durch diesen Laden erreichen. Wir wollen Fan-Kultur erhalten und ihr Räume schaffen, die nicht nur an jedem zweiten Samstag geöffnet sind. Der Fan-Laden mußte kommen. Also “ran” an den Speck.
Das bloße Herunterbeten von Zahlen und Zeiträumen wie z.B. drei Monaten Vorbereitungsphase und sieben Wochen Renovierungsakkord, gibt nur schwer wieder, was in dieser Zeit alles passiert ist.
In der Praxis hieß das “Wer hat Ahnung von Betriebsführung, Vereinsrecht, Baugenehmigungen, Schanklizenz, Ordnungsamt und dem, was im bürokratischen Deutschland noch so alles hinderlich sein kann, wenn man eine gute Idee hat?” Freunde, die einerseits die Idee eines Fan-Ladens toll fanden und andererseits dachten “Jetzt habt Ihr endgültig den Verstand verloren”, standen mit Tips und Tricks zur Seite.
Das größte Problem ( wie eigentlich immer im Leben): “Wo bekommt man die Kohle her?”. Ein Spendenaufruf wurde an 250 Firmen im Umkreis von Gelsenkirchen verschickt, ein weiterer folgte im Schalke Unser 11. Zudem wandten wir uns an 40 Stiftungen, die wir baten, unsere Idee finanziell oder materiell zu unterstützen. Die Resonanz war zu Anfang niederschmetternd. Wenn überhaupt eine Rückmeldung kam, war es zu 98% eine Absage. Dann kam lange Zeit wenig bis nichts und wir mußten erkennen, daß Reusch an unseren Hemdkragen nicht gefragt ist. Doch die verbleibenden 2% brachten uns einen gewaltigen Schritt nach vorn. Ein Mitglied der Fan-Initiative spendete fast die gesamten Baumaterialien, die wir für den Umbau des angemieteten Ladenlokals dringend brauchten. Angefangen von der Tapete bis hin zu Rigipsplatten. Die Einsicht kam spät, “Libuda” sei Dank, aber noch nicht zu spät, um sich auf die eigenen Möglichkeiten und den schon leicht gedämpften Enthusiasmus zu verlassen.
An dieser Stelle sei noch mal betont, daß alle finanziellen Mittel, die zu diesem Zeitpunkt als Spende eingingen, von Mitgliedern der Initiative oder von befreundeten Fan-Clubs kamen. Leute, von denen wir wissen, daß sie wenig Kohle haben, gaben Beträge die Ihnen echt wehtaten.
Die Ladenrenovierung lief bereits auf Hochtouren, als tatsächlich noch mehr Spenden ankamen. .Ein Schalker Aufsichtsratsmitglied, der den Fans schon immer sehr verbunden war, und eine Bank spendeten namhafte Beträge. Hinzu gesellte sich eine Stiftung, die das “Polenprojekt” auf etwas sicherere finanzielle Beine hievte. Ein Teppichhändler räumte uns wirklichen Schalkerbonus ein und machte einen Megasonderpreis.
Die Renovierungsarbeiten erwiesen sich als eine weitere große Hürde. Viele Leute hatten kaum Zeit zum Tapeten abreißen, Streichen etc. Es gab aber immer noch genügend helfende Hände, die das ganze schlußendlich doch zu ihrer Sache machen wollten.
An dieser Stelle sei gedankt: dem Fanclub Unna 87, Katastrophenkommando Essen-Kupferdreh, dem Fanclub Kammen Bär und der Anstreichersaga und Baustellenleitung Roland, der jeden Tag nach Feierabend anrückte; außerdem Klempner und Football-As Mike und der grandiosen Trockenbaukollone aus Herne, die die letzten Bierreserven plünderten, aber auch 1a Wände errichteten, die allen Unkenrufen zum Trotze heute noch stehen.
Da wir aber nicht durch Lob und Anerkennung in der Lage sein werden, die laufenden Kosten wie Miete, Strom und Wasser aufzubringen, werden im Fanladen auch Artikel aus dem Schalker Fanshop zu erwerben sein. Für diese Möglichkeit sind wir dem Verein wirklich dankbar.
Nun gilt es, aus dem Fan-Laden eine etablierte Anlauf.-, Begegnungs,- und Veranstalltungstelle zu machen. Wir wollen über die Arbeit des Dachverbandes und dessen Aktivitäten informieren, als auch über Aktivitäten anderer Fans und Fanclubs. Nicht nur aus und um Schalke. Fanzines aus ganz Deutschland und Europa sollen ausliegen und zu erwerben sein. Neue Fanprojekte mit Roda Kerkrade und Sheffield sind ins Auge gefaßt. Desweiteren werden regelmäßige Veranstaltungen, wie etwa Lesungen stattfinden. Auch die Arbeit des B.A.F.F. (Bündnis aktiver Fußballfans) gegen die Versitzplatzung in den Stadien werden wir unterstützen. Das Wichtigste aber ist: der Laden soll für Euch, für die Fans, sein. Also kommt doch einfach mal vorbei und schaut Euch den Laden an.
Noch ist Polen nicht verloren
(bob) Das erste Austauschprojekt zwischen Schalke und Lech Posen ist gerade ein paar Tage her, Euphorie und Anspannung schwingen immer noch nach. Was sich hier zwischen zwei völlig unterschiedlichen Fankulturen über vier Tage im Fan-Laden abgespielt hat, muß man als äußerst gelungen bezeichnen.
Als wir die Lech Posen-Fans vom Bus abholten, schoß uns nur folgender Satz durch den Kopf: “Kacke, verdammte!” Denn uns standen durch die Bank Kanten um die 2 Meter gegenüber. Und selbst die kleineren von ihnen glänzten durch Breite. Das Outfit roch schon sehr nach Hool, und in der Vorstellungsrunde wurde gewiß, was wir alle ahnten.
Unsere Verblüffung war jedoch perfekt, als uns in der ersten Diskussionsrunde klar wurde, daß dieses herkömmliche landesübliche Klischee von einem Hooligan hier nicht zutraf.
In Polen sind wirklich alle Fußballfans Hools. Etwas anderes gibt es gar nicht. Hast Du einen Schal von Lech Posen um, bist Du für jeden in der polnischen Gesellschaft ein Hool. Kuttenfans, Tribünenbesucher oder gar Normalfans gibt es nicht.
Man stelle sich ein Stadion vor, in dem sich bei Spitzenspielen höchstens 8 000 - 15 000 Leute einfinden, die sich dann in den Kurven gegenüber stehen. Der Rest des Stadions bleibt leer. Wirtschafliche Miseren und abenteuerliche Vereinsführungen treiben die Leute nicht gerade ins Stadion. Fotos und Videos zeigten uns, daß Tristesse im weiten Stadionrund keine Seltenheit ist.
Anders die Kurven: Ein ewiger Anfeuerungsruf und ein enormer Einfallsreichtum wurden für uns sichtbar. So dreht sich die ganze Kurve bei manchen Schiedsrichterentscheidungen komplett um und wackelt mit Kopf und Armen. Ein grandioses Schauspiel.
Nach zwei Tagen haben uns unsere Gäste überzeugt, daß das Fan-Dasein in Polen (speziell bei Lech Posen) ein hartes, aber kreatives Brot ist.
Von Seiten der Vereine kommt nichts. Diese machen eine vom Publikum völlig losgelöste Politik. Korruption, Vetternwirtschaft und abenteuerliche Schiebergeschäfte machen den Sport in Polen zu einer der größten Geldwaschanlagen des Landes, wo so manch krummes Ding gedreht wird. Diese Skandale, die auch nicht mehr zu vertuschen sind, tun ihr übriges, um den Fußball unattraktiv für den normalen Bürger zu gestalten.
Alle Fanartikel, die es von Lech Posen gibt, werden mittlerweile von den Fans selbst produziert. Mit diesen Peanuts geben sich die Vereinsführungen gar nicht mehr ab. Es gibt keinen offiziellen Fanartikelverkauf in Posen. Hier Fan zu sein, heißt alles in Eigenregie zu übernehmen.
So ist es auch nicht verwunderlich, daß diese Hoolgruppe sehr gut organisiert ist und sich auch außerhalb von Spieltagen trifft. Fitneß, Vertrieb von Fanartikeln und das Organisieren von Auswärtsfahrten sind nur ein kleiner Teil ihrer Fanaktivitäten. Demokratisch geht es dort allerdings nicht zu. Autorität und Boßtum merkt man schon allzu deutlich. Dies sollte erst mal reichen, um Euch einen kleinen Einblick in eine für uns völlig fremde Fan-Welt zu geben. Drei Dolmetscher ließen uns alle Sprachbarrieren für 4 Tage vergessen. Allerdings fehlte vielleicht zwischendurch das eine oder andere Privatgespräch.
Die Tagesordnung und der Ablauf der Veranstaltungen erwiesen sich als äußerst gelungen. Highlight des Austausches war aber wohl die Begegnung mit Yves Eigenrauch. Sichtlich beeindruckt von dieser Diskussion erzählten die Lech-Fans noch in der Schlußbesprechung davon. Eine so ehrliche und informative Diskussion über Gewalt, Profitum und unsere unterschiedlichen Fankulturen haben wir noch nie erlebt. Und wir lehnen uns auch nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir hier behaupten, daß auch Yves von den Lech-Fans schwer beeindruckt war.
Natürlich gab es auch Fußball zwischen Schalke und Lech Posen. Den Ort wählten wir klug: ein Bolzplatz anne Grenzstraße mit knöcheltiefem Schlamm. Daß 2-Meter-Kerle auch tief fallen, hatten wir in unserer Taktik mit einkalkuliert. So hatten wir den Heimvorteil durch wieselflinke und leichtfüßige begnadete Ballkünstler noch verstärkt. Leider kamen wir über ein 7:8 nicht hinaus. Doch die Niederlage schmerzte nicht sehr. Wer gegen diese Jungs angetreten ist, kann sich rühmen, nicht untergegangen zu sein.
Samstag. Die Luft vibriert. Schalke gegen Lüdenscheid. Wir alle freuen uns auf das Spiel, zu dem es später nichts mehr zu sagen gibt. Die Luft vibriert bald nicht mehr, und die Worte eines polnischen Gastes in der Nordkurve ‘Was ist das? Das ist ja wie auf dem Friedhof” klingen mir noch im Ohr.
Ein wirklicher Hundstag, nicht nur für Jiri Nemec! Im Fan-Laden kommt es noch zu vielen Gesprächen, und Gerry lernt die ersten Worte polnisch: Kurwa Legia (frei übersetzt: Scheiß-BVB).
Der Sonntag war schon von der Planung für die Zukunft gezeichnet. Treffen wurden vereinbart und Fanartikel ausgetauscht. Die Lech-Fans werden uns in einigen kommenden Spielen unterstützen. Wenn das keine Hommage an das deutsch-polnische Projekt “Grenzenlos” und ein Erfolg aller Beteiligten ist, dann schaue ich mir freiwillig noch mal das Video Schalke gegen Lüdenscheid an.
Unser Dank gilt insbesondere Heiner Kördell für die perfekte Stadionführung; Burkhard Mathiak vom Fan-Projekt, der über seine Arbeit und die seines Projektes berichtete; Rolf Rojek für die Gastfreundschaft in der Kneipe ‘Auf Schalke’ und die eindrucksvolle Vorstellung des Dachverbandes; einem Medienforscher, der zu später Stunde über die Entwicklung der Medienlandschaft referierte und Yves Eigenrauch, der sich sehr viel Zeit nahm und immer (trotz einiger Fehlinterpretationen) ein Ohr für die Fans hat.
Und nicht zu vergessen die Hans-Böckler-Stiftung und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, dessen Minister Axel Horstmann die Schirmherrschaft für das gesamte Projekt übernahm.
Schalker im Exil?
Es gibt sie zuhauf, die Schalker in der Ferne, weit weg von Glückauf-Kampfbahn und Parkstadion. Für einen von ihnen aber, Horst Ochmann aus Brasilien, hat das Wort “Exil” eine völlig andere Bedeutung. Hier erzählt er sehr persönlich, warum.
Der Titel ist nicht meine Idee. Er wurde mir von SCHALKE UNSER vorgeschlagen. Ich fügte nur ein Fragezeichen hinzu. Warum? Weil ich mich weigere zu behaupten, daß es überhaupt Schalker im Exil gibt.
Selbst dann nicht (so behaupte ich weiter), wenn ein Schalker im Ausland lebt - so wie ich. Seit 41 Jahren bin ich in Brasilien ansässig und manchmal jahrelang nicht in der alten Heimat auf Urlaub. ‘Wenn das schon kein Exil sein soll”, so fragt sich jetzt bestimmt der Leser: “13 000 Kilometer entfernt vom Parkstadion - das ist doch Verbannung im wahrsten Sinne des Wortes! Und so etwas leugnet dieser Zeilenschreiber?!’
Woher also diese Unlogik? Eine Folge schlecht ausgeheilter Tropenkrankheit? Prosaischer Effekt? Nein, weder das eine noch das andere. Ich erkläre das sofort, obwohl ich dafür ziemlich ausholen muß.
Nehmen wir mal den Fall eines Schalke-Fans, der in einem abgelegenen Rhön-Dorf wohnt. Der hat ja auch seine guten 300 Kilometer bis zum Parkstadion. Kaum anzunehmen, daß er zu jedem Heimspiel fährt. Und einen Fan-Klub gibt es weder in seinem Dorf noch in den anliegenden Weilern. Weit und breit, ist er der einzige, vereinsamte, alleingelassene Schalke-Anhänger. Ist er nun deshalb zum Exilierten geworden? Mit diesem Vergleich soll gesagt werden, daß weder geographische Entfernung zum Parkstadion noch Abgesondertheit vom Klubmilieu Anlässe sind, den kläglichen Zustand des Exillebens herbeizuführen.
Wenn es so wäre, ja, dann müsste ich eigentlich schon von Geburt an Exil-Schalker sein. Weil ich nämlich satte 800 Kilometer (Luftlinie!) von der glorreichen Glückauf-Kampfbahn zur Welt kam: in Oberschlesien, wo ich auch aufwuchs. Wie aber ist es - trotz räumlicher Isolierung - dazu gekommen, daß ich 1934, im Jahre meiner Einschulung, “Schalker” wurde? Das hatte einen soziokulturellen Ursprung.
Das oberschlesische Kohlenrevier war genauso ballbegeistert wie das Ruhrgebiet. Zudem war mein Vater Bergmann und Fubballer. Mindestens die Hälfte der Einwohner, obwohl Deutsche, führten Namen polnischen Ursprungs. Kurz, das industrielle Oberschlesien war das Gegenstück zum Ruhrgebiet.
In diesem Milieu wuchsen wir Knirpse auf. Gut, es gab auch Fubballklubs in Oberschlesien, die nicht schlecht spielten. Doch keiner davon konnte sich mit Schalke vergleichen. So war es nicht verwunderlich, daß wir das Idealbild Schalke in uns einsogen. Und das 800 Kilometer von Gelsenkirchen weg.
Von diesen zahllosen Fans waren die wenigsten mal selbst auf der Glückauf-Kampfbahn gewesen. Mübte es sich also deshalb bei der Masse der oberschlesischen Anhänger um Schalker im Exil gehandelt haben? Nein, keiner von uns fühlte sich als solcher. Dazu waren wir zu sehr artverwandt mit dem Ruhrgebiet. Diese ethnische und soziokulturelle Verbundenheit war der Bronn, aus dem die sich nie erschöpfende Kraft des Symbols Schalke stammt. Und dazu ein zeitloses und an keinen geographischen Raum gebundenes Symbol. Eigentlich sogar mehr als das:
Das Idealbild des für immer erwählten Verein unseres Herzens schafft nachhaltigere Bindungen als eine Jugendliebe (aus der nichts geworden ist). Ein solches Idealbild ist ein Lebensbegleiter, ganz besonders in den schweren Tagen der menschlichen Existenz. Ich erläutere dies anhand einer Episode, die nun schon 51 Jahre zurückliegt.
Im Halbwüchsigen-Alter, noch keine 17, war ich zusammen mit den Schalker Spielern Eppenhoff und Zwickhöfer Kriegsgefangener der Russen in Südmähren. Nur wer daßei war, kann die psychische Depression ermessen, mit der die Lagerinsassen ihrer aussichtslosen Zukunft entgegen sahen: Verschleppung nach Rubland - ein wahrhaftiges Exil. Aber diese tragische Lage wurde, dann und wann, durch das tröstende Bild eines Symbols gelindert: die blobe Präsenz des Idealbildes Schalke, verkörpert durch die leibliche Gegenwart der Spieler Eppenhoff und Zwickhöfer. In solchen Momenten fühlten wir alle uns als Schalker (selbst die, die es nicht waren oder erst wurden). Obwohl wir uns alle in der Tat im Exil befanden, machten uns unsere Gefühle - in den paar lichten Augenblicken - zu “gegenwärtigen Schalkern”… - und von “Exil” war dann keine Spur. Ich will mit dieser Episode anschaulich machen, mit welcher Kraft so ein Idealbild auf die Psyche einwirken kann. Als ich dann 1955 auswanderte, war mir die Erinnerung an Schalke (in manchen schwermütigen Stunden) ein kleiner Trost fürs Heimweh. Aber das nicht allein. Das Idealbild Schalke erwies sich in einer anderen Weise als unerwartet mächtig.
Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: In glücklich verlebten 41 Jahren in diesem schönen Brasilien war es mir nicht möglich gewesen - obwohl hier der beste Fubball der Welt gespielt wird - einen Verein zu finden, für den ich schwärmen könnte. Nicht, daß ich etwa am Fubball das Interesse verloren hätte. Im Gegenteil. In den ersten Jahren nach meiner Ankunft spielte ich in Werksmannschaften einer “Industrieliga”, die es bis 1958 gab. In diesen Mannschaften mischten sich Amateure mit Profis (die damals noch wenig in ihren Vereinen verdienten und daher ein paar “Extrakröten” gern mitnahmen).
Ich lernte also den brasilianischen Fubball gleich im zweiten Monat nach meiner Ankunft aus nächster Nähe kennen. Und an Sonntagen war ich dann in den Stadien von São Paulo oder Rio zu finden, wo ich dann, ganz unten am Drahtgitter, den Spielen der großen Klubs zuschaute. Während der Woche wurden dann in Fubballkreisen Spiele und Spieler eingehend kommentiert. Kurz und gut: Ich war bald mit dem brasilianischen Fubball eng vertraut. In den betreffenden Kreisen lernte ich so manchen Nationalspieler, Vereinsmäzen oder Bonzen vom Regionalverband kennen.
Wenn ich dann anfangs gefragt wurde, welcher der Vereine “meiner” wäre, sagte ich rundheraus: “Schalke 04”. “OK”, bekam ich zur Antwort, “das ist in Deutschland, aber hier, in Brasilien?”, beharrten sie weiter. Mit der Zeit mubte ich mir halt etwas ausdenken, was einerseits die Frager befriedigen könnte und andererseits meine Liebe zu Schalke so rein lieb wie eh und je.
Ich wählte also einen brasilianischen Verein, der mir aus gewissen Gründen symphatisch war: Er hat seit seiner Gründung in den 20er Jahren ganze anderthalb Meisterschaften gewonnen, verkauft seine Spieler (sobald diese internationales Format erreichen) an die groben Vereine, verliert allzuoft gegen schwächere Mannschaften und schlägt, gelegentlich, die favorisierten Klubs. Folge: Wenn die verlieren, tut`s einem nicht weh, weil das normal ist. Wenn die gewinnen, ist man zufrieden. Es handelt sich hierbei um die mittelmäßige und bescheidene Mannschaft von Portuguesa de Desportes in São Paulo, welche in ihrer Geschichte niemals auch nur den leisesten Anflug von Ambition spüren ließ. Wenn ich dann verlauten lasse, daß dies der Verein sei, dem meine hiesigen Symphatien gehören, dann werde ich immer ausgelacht, und die Leute sagen, “ich wäre einer der 18 Anhänger, die dieser Verein in ganz Brasilien hätte”. Und als Zugabe mache ich dann meine Propaganda für Schalke 04 - in Brasilien nur unter “04” bekannt, weil niemand das Wort Schalke aussprechen oder sich merken kann.
Meine Befrager erinnern sich, daß “04” nach der WM 74 den Brasilianer Marinho (nach Cruyff der beste Spieler) eingekauft hatte. Da verschweige ich aber die komische Seite des Einkaufs: daß nämlich Marinho zu keinem einzigen Spiel für “04” kam, weil der Siebert damals das Geschäft gemacht hatte, ohne den Vorstand zu fragen.
Woher ich das weiß, wo ich doch 13 000 Kilometer vom Parkstadion entfernt lebe? Nun, weil es seit ich hier bin, immer Informationsquellen gegeben hat, die einem Neuigkeiten schnellstens vermitteln. Am Anfang etwa das Kurzwellenband der Deutschen Welle. Da wurden die Resultate der Spiele in der obersten Spielklasse fast so schnell nach hier gesendet, wie es über die Reginalsender in Deutschland geschah.
Später (und es geht bis heute so) hörte man, live per Rundsendung, Ausschnitte aus allen Samstagsspielen. Nur das Fernsehen hinkt nach, was die Schnelligkeit in der Nachrichtenübermittlung anbelangt: Man sieht erst mittwochs die Torschau der ersten Bundesliga vom letzten Wochenende. Der grobe Fortschritt kam aber mit dem Internet. Dank dessen Existenz lese ich täglich Sportteile von sechs elektronischen Zeitungen. Wenn dann der “Kicker” per Luftpost acht Tage nach Herausgabedatum eintrifft, erscheint mir der Stoff völlig überholt.
Ich schreibe diese Zeilen am 12. Oktober 1996. Es ist jetzt, bei Euch in Deutschland, 17 Uhr 15. Soeben lieb Jens Lehmann den 3. Gegentreffer im Weserstadion zu. Ich hörte dies im Radio im selben Augenblick wie alle anderen Kumpels in Deutschland. Wie sollte ich dann also ein “Schalker im Exil” sein? Unmöglich.
Horst Ochmann, 51 W 10 - 30 S 03

