Nummer 13 - 1997/03

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Attacke: Karten-Spiele
“Man muß sich hier viel mehr die Zähne ausbeißen” - Interview mit Miguel Pereira und Thomas Kläsener
1000 Feuer in der Nacht
“Ich steh’ auf die Blauen ohne Ende” - Interview mit Pele
Europäische Spitzenklasse



Attacke: Karten-Spiele

1000 Kartengrüße aus Valencia, das war die spanische Reaktion auf die UEFA-Cup-Auslosung. 200 weitere Tickets flatterten, Rudi Assauer sei Dank, nach blau-weißen Protesten Ende Januar noch nachträglich von der iberischen Halbinsel ins Schalker Haus, so daß insgesamt sage und schreibe 1200 Zutrittsberechtigungsscheine in Gelsenkirchen eintrudelten.

Das macht inklusive der gigantischen Nachlieferung stolze 2,6% der verfügbaren Karten, die dem Gast zugestanden wurden. Nix mit 10- oder 15%-Quote für Auswärtsfans.

Spanische Gastfreundschaft haben wir uns anders vorgestellt und bisher auch anders erlebt. Nachdem uns Valencia früher echt sympathisch war (damals 0:7 in Karlsruhe verloren, diese Saison die Bayern in der ersten UEFA-Cup-Runde rausgeschmissen), soll neuesten Gerüchten zufolge das Spanien­Geschäft für den Sommer in den Reisebüros in Gelsenkirchen und Umgebung mittlerweile fast völlig zusammengebrochen sein.

Und die Damen (gibt’s da überhaupt welche???) und Herren der UEFA schweigen. Wenn überhaupt, wird dort ab und zu etwas böse Richtung Valencia geguckt und vielleicht noch mit dem Zeigefinger gewackelt. Sonst passiert nix. Eine ärgerliche Situation, so der UEFA-Tenor.

Beim besten Willen, liebe UEFA, die Unzufriedenheit mit dieser Situation nehmen wir euch nicht ab! Es ist doch alles genau auf der Linie eurer bisherigen Versitzplatzungs- und übrigen Fan-Beschneidungspläne. Keine Auswärtsfans - keine Randale, das ist doch nur das konsequente Weiterspinnen der kranken Logik vieler UEFA-Funktionäre.

Vorschlag der SCHALKE UNSER-Redaktion: Ab sofort keine Karten mehr für UEFA-Beobachter, falls sie auf Schalke wollen. Sollen sie sich doch still und leise nach Gelsenkirchen schleichen und heimlich über Dritte (wehe, wir erwischen den) oder über den Schwarzmarkt zu erhöhten Tarifen Tickets erwerben.

Und nach Villarriba und Villabajo fahren wir zukünftig auch nicht mehr. Sollen die doch vor leeren Rängen spülen.


“Man muß sich hier viel mehr die Zähne ausbeißen”

(bob/rk) Für viele alte Schalker ist die Glückauf-Kampfbahn auch heute noch das Mekka, die Wiege des FC Schalke 04. Jetzt kämpfen dort die Schalker Amateure um den Aufstieg in die Oberliga. SCHALKE UNSER unterhielt sich mit MIGUEL PEREIRA und THOMAS KLÄSENER, die beide auf dem Sprung ins Profilager stehen.

SCHALKE UNSER:

Viele Schalker scheinen die Amateure neu zu entdecken. Sie sagen “Das ist noch Fußball vom Ursprung. In der Glückauf-Kampfbahn kommt noch so richtig das alte Schalke-Flair rüber.”

MIGUEL PEREIRA:

Das ist ja auch die Geschichte von Schalke. Ich habe neulich ein Foto von der Glückauf-Kampfbahn gesehen. Das war aus den 30′er Jahren. Da war das Stadion so voll, die Zuschauer saßen sogar auf den Tornetzen. Das sah schon ziemlich witzig aus.

SCHALKE UNSER:

Der Schalke Supporters-Fanclub hat jetzt vor, die Schalker Amateure ganz massiv zu unterstützen. Bekommt Ihr eigentlich die Unterstützung der Fans in der Glückauf-Kampfbahn mit? Merkt Ihr, daß das etwas anderes ist als vielleicht in Wanne-Eickel oder Sodingen?

THOMAS KLÄSENER:

Der Zuschauerboom hat eigentlich erst zuletzt so richtig eingesetzt. Früher kamen meistens nur Verwandte und Freunde zu den Spielen. Ganz toll war das, als wir in Wanne-Eickel angetreten sind. Da wurden wir riesig empfangen, mit Bengalischen Feuern und die Fans haben die Welle gemacht. Da sind wir nach dem Spiel auch noch alle in die Kurve gerannt und haben uns bedankt. Superstimmung war dann auch beim nächsten Spiel gegen STV Horst zu Hause. Mittlerweile kommen zu den Spitzenspielen um die 300 Zuschauer. Das ist auch für uns klasse, wenn man merkt, daß die Arbeit der Amateure anerkannt wird.

SCHALKE UNSER:

Man hat bei den Amateuren echt das Gefühl, daß sich da ein Team gefunden hat, daß Trainer und Mannschaft an einem Strang ziehen.

MIGUEL PEREIRA:

Ja, wir haben echt viel Spaß zusammen. Und das ist auch das Wichtigste. Es ist wirklich ein homogenes Team. Da sind eigentlich alle, mit Ausnahme von Ralf Regenbogen, so um die 20. Viele haben die gleichen Interessen und treffen sich auch abends. Der Trainer gibt richtig Gas und haut auch schon mal dazwischen, damit wir die Ziele, die wir uns gemeinsam setzen, auch gemeinsam erreichen.

SCHALKE UNSER:

Miguel, Du hast ja auch noch Klaus Fischer als Amateurtrainer erlebt. Gibt es da Unterschiede zum neuen Trainer Klaus Täuber?

MIGUEL PEREIRA:

Klaus Fischer ist, ich weiß nicht wie ich es sagen soll, er ist ein zu guter Mensch. Als Trainer muß man auch mal dazwischenhauen können, gerade bei den jungen Spielern. Das hat bei Klaus Fischer ein bißchen gefehlt.

THOMAS KLÄSENER:

Man muß aber auch sagen, daß wir uns von der menschlichen Seite bei Klaus Täuber nicht beschweren können. Er versteht es eben, zwischen Privat und Trainergeschäft zu trennen. Und deswegen finde ich es auch richtig, daß er dazwischenhaut, wenn es mal nicht so läuft. Deshalb glaube ich auch, daß wir mit dem Trainer den Aufstieg schaffen werden.

SCHALKE UNSER:

Wenn man Euch so zuhört, merkt man, daß Ihr Euch den Amateuren noch sehr verbunden fühlt. Wir hätten eigentlich gedacht, daß Ihr mehr so den Sprung ins Profilager anvisiert. Aber Eure Augen glänzen so richtig, wenn Ihr über die Amateure redet.

THOMAS KLÄSENER:

Ja, sicherlich. Wir beide trainieren zwar mit den Profis, spielen aber momentan nur bei den Amateuren. Und dann auch noch sehr erfolgreich. Dann sind wir natürlich auch stolz auf das, was wir selbst geleistet haben. Außerdem könnte die Stimmung bei den Amateuren momentan nicht besser sein.

SCHALKE UNSER:

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ja auch ausschlaggebend für den Erfolg der Schalker Profis. Es ist immer unheimlich wichtig, eine echte Mannschaft zu haben - im Gegensatz zu anderen Teams, die nur aus einzelnen Stars bestehen. Und da geht es dann auch häufig den Bach runter.

THOMAS KLÄSENER:

Die Sache bei diesen sehr, sehr großen Mannschaften ist, daß dort die Probleme über die Öffentlichkeit ausgetragen werden. Man gucke sich nur Bayern München an, da sind jeden Tag die Zeitungen voll mit Kritik der Spieler an den Mitspielern. So etwas habe ich hier auf Schalke noch nicht erlebt. Hier wird alles intern geregelt. So kam es dann auch, daß sich bei der Entlassung von Jörg Berger die Fans wie vor den Kopf gestoßen fühlten. Wenn man die inneren Gefüge nicht kennt, ist das ja auch vollkommen normal.

SCHALKE UNSER:

Momentan ist der Konkurrenzkampf in der Mannschaft in vollem Gange. Wie stellt Ihr Euch denn Eure Zukunft vor?

THOMAS KLÄSENER:

Ich setze mich da unter keinen großen Druck. Ich bin schließlich gerade mal 20 Jahre alt, habe erst jetzt einen Sprung von fünf Klassen gemacht. Da kann eigentlich niemand von einem so jungen Spieler verlangen, daß er z.B. einen Nationalspieler wie Johan De Kock aussticht. In der Regel ist das mit sehr viel Arbeit verbunden, da muß man sich voll reinknieen. Und wenn man das kontinuierlich macht, dann kommt irgendwann der Trainer zu einem und sagt “O.K., Du hast eine Chance verdient. Ich geb’ sie Dir, versuch sie zu nutzen.” Und darauf arbeite ich eigentlich hin.

MIGUEL PEREIRA:

In erster Linie sehe ich im Augenblick eigentlich die Amateurmannschaft und kämpfe da, daß wir den Aufstieg in die Oberliga schaffen. Und wenn man in der Oberliga spielt, hat man sicher auch bessere Aussichten, in die Schalker Mannschaft reinzukommen. Im Moment sind die Karten zwar ganz gut, aber es gibt ein Sprichwort, das sagt “Nie zufrieden sein”.

THOMAS KLÄSENER:

Ja, wenn man mit sich zufrieden ist, dann bleibt man in seiner Entwicklung stehen und im Endeffekt sieht es dann so aus, daß bei den anderen die Entwicklung weiter geht, man selbst stehenbleibt und so der Abstand immer größer wird. Das wirft einen dann noch weiter zurück.

SCHALKE UNSER:

Thomas, Du hast vorher bei Gelsenkirchen Erle 08 in der Landesliga gespielt. Da brutzelt die Frau des Präsidenten noch eigenhändig die Nackensteaks in der Bratpfanne und alles geht sehr familiär zu. Wie kommst Du denn nun zurecht?

THOMAS KLÄSENER:

Bei Erle war wirklich alles sehr persönlich, da wurde man wie ein Sohn in die Familie aufgenommen. Das ganze läßt sich mit Schalke natürlich nicht vergleichen. Schalke ist ein sehr großer Verein, das Umfeld ist riesig und dann ist das ganze sicher etwas anonymer. Der Sprung von Erle nach Schalke ist schon gewaltig. Das war ein Sprung über fünf Klassen und man muß sich hier viel mehr die Zähne ausbeißen.

SCHALKE UNSER:

Thomas, als Gelsenkirchener bist Du doch sicher früher auch zu den Spielen von Schalke gegangen. Wo hast Du denn damals gestanden oder gesessen? Hast Du nicht früher auch mal davon geträumt, dort unten auf dem Platz für Schalke zu spielen?

THOMAS KLÄSENER:

Ich bin meist zusammen mit meinem Bruder und noch ein paar Freunden auf Schalke gegangen. Am Anfang waren wir immer in Block 4, weil wir da dachten, daß man dort mehr zu den Fans zählt. Später ist es uns dort aber etwas zu voll geworden und wir sind in Block 2 oder 3 gegangen. Dort konnte man das Spiel besser verfolgen. Und na klar, war das immer mein großer Traum, auch mal dort unten zu spielen. Bis jetzt hat es ja leider noch nicht geklappt, aber ich hoffe, daß das noch kommt. Nach dem Spiel haben wir dann immer die Sportschau verfolgt und direkt danach bin ich immer noch mit meinem Bruder rausgegangen und dann haben wir auf dem Hof oder dem Fußballplatz noch ein bißchen gepölt. Sowieso habe ich eigentlich die meiste Zeit auf dem Sportplatz verbracht.

SCHALKE UNSER:

Dann könnte man also sagen, daß Du in die Fußstapfen von Olaf Thon trittst?

THOMAS KLÄSENER:

Naja, aber wir haben eigentlich zu jeder Gelegenheit Fußball gespielt. Wir haben sogar mal unser Kinderzimmer dabei komplett demoliert.

SCHALKE UNSER:

Das ist auf jeden Fall die beste Voraussetzung für eine steile Karriere. Nun habt Ihr beide in der Hinrunde den Sprung ins Profilager geschafft. Unterscheidet sich das Training der Amateure von dem der Profis denn wesentlich?

THOMAS KLÄSENER:

Also bei den Amateuren trainieren wir unter Klaus Täuber beide nur am Freitag, wenn das Abschlußtraining ansteht. Da wird dann meistens nur ein Spiel gemacht, deshalb kann ich zu dem Training der Amateure nicht soviel sagen. Das Training von Huub Stevens ist sehr abwechslungsreich, es macht sehr, sehr viel Spaß und man hat wirklich Freude an der Arbeit. Der Unterschied zu meinen alten Trainern ist doch wesentlich. Man wird hier mehr gefordert, und zwar nicht nur vom Körperlichen, sondern auch vom Geistigen her.

MIGUEL PEREIRA:

Ja, ich weiß noch wie ich mein erstes Bundesligaspiel gemacht habe. Das war an einem Freitag gegen Leipzig, da war ich noch in der A-Jugend, 18 Jahre alt. Da habe ich ungefähr eine halbe Stunde gespielt und da habe ich richtig gemerkt, daß der Unterschied zu den Amateuren enorm ist.

SCHALKE UNSER:

Miguel, Du kommst ja ursprünglich aus Angola, aus einem ganz anderen Kulturkreis. Angola ist ein Land, das schlimme politische Wirren miterlebt hat, wo der Bürgerkrieg tobt. Deine Eltern und Verwandten leben noch dort. Ist Deutschland für Dich so etwas wie eine Rettungsinsel und wie kommst Du mit diesem Kultursprung klar?

MIGUEL PEREIRA:

Ich muß sagen, daß ich heute ganz gut zurechtkomme. Als ich hierherkam war das schwer für mich, ich war erst 14 ½ Jahre alt. Ich war mit sechs Freunden aus Angola geflüchtet. Wäre ich nicht geflüchtet, hätte ich noch als Kind zur Armee in den Bürgerkrieg gemußt.

Erst war ich noch drei Monate in Frankfurt und kam dann in eine Pflegefamilie nach Gladbeck. Später bin ich nach Schleswig-Holstein gezogen, habe dort bei Rendsburg erst so richtig angefangen, Fußball zu spielen. In der A-Jugend kam ich zur Länderauswahl, wo mich Bodo Menze entdeckt und nach Schalke geholt hat.

Bis jetzt war ich erst ein einziges mal wieder für zwei Wochen zu Hause in Angola. Nachdem ich 5½ Jahre hier gelebt hatte, habe ich wieder meine Familie besucht. Als ich dann die Verhältnisse da unten sah, habe ich meine Eltern gefragt “Wie könnt Ihr hier leben…?” Wenn ich da jetzt zurück müßte und dort leben müßte, ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde.

SCHALKE UNSER:

Trotz aller politischen und sozialen Konflikte erlebt der afrikanische Fußball gerade einen Boom. Erst kürzlich hat eine Afrika-Auswahl die Europäer besiegen können. Miguel, siehst Du Deine Zukunft in Europa? Bist Du eigentlich deutscher Staatsbürger?

MIGUEL PEREIRA:

Nein, ich habe immer noch die angolanische Staatsbürgerschaft, bin aber sogenannter “Fußballdeutscher”. Da ich schon als Kind aus Angola geflüchtet bin, weiß der dortige Fußballverband auch gar nichts von mir. Ich werde auf jeden Fall versuchen, mich in Schalke durchzusetzen.

SCHALKE UNSER:

Miguel, wie empfindest Du es heute als Schwarzer in der Bundesliga zu spielen? Früher gab es da ja schlimme Ausschreitungen und es ist so, daß das von den Fans größtenteils in den Griff bekommen wurde. Was denkst Du, wenn Blödköpfe aufgrund Deiner Hautfarbe irgendetwas rufen?

MIGUEL PEREIRA:

Wenn ich auf dem Platz stehe und jemand etwas gegen mich ruft, lasse ich mich nicht demoralisieren. Die rufen so etwas ja eigentlich nur, um Dich zu demoralisieren. Aber ich höre da gar nicht erst hin, beachte das gar nicht und spiele einfach weiter.

THOMAS KLÄSENER:

Das ist auch richtig so. Denn wenn man diesen Sprüchen als Spieler auch noch Aufmerksamkeit schenkt, dann fühlen die sich auch noch bestätigt in ihren dummen Äußerungen. Das ist ja sowieso absoluter Quatsch, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu unterscheiden.

SCHALKE UNSER:

Wie sieht’s denn bei Euch mit Sex, Drogen und Fußball aus? Ihr seid beides junge Leute, ist es da nicht manchmal schwer für Profis, vernünftig zu leben? Besteht nicht auch die Gefahr, daß man als “Jungstar” abhebt?

THOMAS KLÄSENER:

Also, ich führe eigentlich ein ganz normales Leben, so wie es wahrscheinlich jeder andere Jugendliche in seiner Freizeit auch führt. Das liegt auch sicher daran, daß ich immer noch sehr viel Kontakt zu meinen alten Schulfreunden habe und mit denen etwas unternehme. Daß ich jetzt irgendwie ein ausschweifendes Leben führen könnte, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Sicher, beim Alkoholkonsum muß man sich schon ein bißchen einschränken, aber ab und zu ein Bierchen, das ist erlaubt. Drogen kommen sowieso nicht in Frage. Rauchen auch nicht, das kostet nur Geld und schädigt die Gesundheit.

MIGUEL PEREIRA:

Naja, ein Bier trink ich auch schon ab und zu, wenn mal irgendwo eine Feier ist, jemand Geburtstag hat oder so. Aber Drogen und Zigaretten auf keinen Fall.

SCHALKE UNSER:

Und was ist nun mit der Liebe?

THOMAS KLÄSENER:

Ja, momentan bin ich solo. Aber ich kann mich nicht beklagen.

MIGUEL PEREIRA:

Ich bin nun mit meiner Freundin seit 3 ½ Jahren zusammen. Ja, es läuft.

SCHALKE UNSER:

Also Fußball, Liebe, Laster. In dieser Reihenfolge?

THOMAS KLÄSENER:

Ja, Fußball steht an erster Stelle, weil das unser Beruf ist.

SCHALKE UNSER:

Es gibt aber auch Profis bei denen das nicht so ist. Es gab mal einen Trainer, der hat im Training immer die Alkoholiker gegen die Nichtraucher spielen lassen. Die Raucher und die Trinker haben immer gewonnen.

MIGUEL PEREIRA:

Dann müssen sie aber eine gute Einstellung gehabt haben. Die können ja dann nicht so viel laufen und müssen immer nur den Gegner und den Ball laufen lassen. Das geht nur mit einer wirklich guten Einstellung.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für den Aufstieg und Eure weitere Karriere. Glückauf.


1000 Feuer in der Nacht

(kh) 6500 Schalker wollen nach Valencia reisen, doch die Spanier geben sich ausgesprochen schottisch und rücken nur rund 1200 Karten heraus. Die Herren der UEFA hatten beim Geldzählen von der Champions League wohl völlig vergessen, eine 10-%ige Gästequote (wie in der Bundesliga) festzuschreiben, und so gab es gegen diese Unverschämtheit keine Handhabe.

Was ist das für ein Verein, gegen den unser Team den größten internationalen Triumphzug fortsetzen möchte? Der CF Valencia ist einer der traditionsreichsten Vereine Spaniens, auch wenn man die Dominanz von Real Madrid und FC Barcelona nie brechen konnte. Gegründet wurde der Verein am 19. März 1919 als “Valencia Football Club, sociedad de carácter recreativo”.

Ein Münzwurf in der legendären “Bar Torino” entschied damals, daß Octavio Augusto Milego erster Präsident des Vereins werden sollte. Zunächst nahm niemand Notiz von dem neuen Verein, doch schon vier Jahre später wurde auf dem Mestalla-Feld das gleichnamige Stadion eröffnet, das zunächst 17000 Zuschauer faßte.

Die große Zeit des CF Valencia begann Anfang der 40er Jahre, als 1941 erstmals der Spanische Pokal im Endspiel gegen Espanyol Barcelona gewonnen wurde. Es folgten Meistertitel in den Jahren 1942, 1944, 1947 und noch einmal 1971. Der Pokal wurde 1949, 1954, 1967 und schließlich 1979 gewonnen. Darüber hinaus konnte 1962 und 1963 der Gewinn des UEFA-Cups gefeiert werden. Den letzten großen europäischen Erfolg gab es 1980, als im Endspiel des Pokals der Pokalsieger nach einem 0:0 in Brüssel der FC Arsenal im Elfmeterschießen mit 5:4 besiegt werden konnte. Bei diesem Elfmeterschießen steuerte der heutige Co-Berti Rainer Bonhof einen Treffer zum Erfolg bei. In der Folge konnte auch gegen Nottingham Forest mit 1:2 und 1:0 der europäische Supercup gewonnen werden.

In dieser Saison dümpelt die Mannschaft, die vom Bayernkaiser immer noch als Überteam in Europa gesehen wird, im Mittelfeld der Primera Division herum und hat nur noch vage Hoffnungen, einen UEFA-Cup-Platz zu erreichen. Die Heimat des Vereins ist weiterhin das Mestalla-Stadion, das bei Liga-Spielen 49000 Zuschauer faßt und bei internationalen Spielen 44500 Personen Platz bietet. Da es 39000 Dauerkarteninhaber gibt, ist nahezu jedes Spiel ausverkauft. Aus diesem Grund gibt es Überlegungen, ein “Nuevo Mestalla” mit 75000 Plätzen zu errichten.

Die Stadt Valencia, gehört vielleicht nicht zu den attraktivsten Städten Spaniens, blickt aber auf eine lange Geschichte zurück. Gegründet von den Römern, erlebte es viele Herrscher: Goten, Mauren und Aragoner gaben sich die Klinke in die Hand, und so ist die Stadt von vielen verschieden Baustilen geprägt. Da aber die meisten von den Glücklichen, die mitreisen dürfen, nur einige Stunden in Valencia bleiben, dürfte wohl kaum Zeit für ausgedehnte Kulturtrips bleiben (SCHALKE UNSER verweist an die Kollegen vom Baedecker-Fanzine).

Das Leben in der Stadt spielt sich rund um die Kathedrale ab, deren Glockenturm, den Miguelete-Turm, man über 206 Stufen zwecks Schal- und Fahnenaufhängen besteigen kann. Darüber hinaus bietet das Zentrum noch den Serrano-Turm und den Palacio del Marqués de Dos Aguas.

In der Stadt dürfte zur Zeit des Rückspiels die Hölle los sein, da genau in dieser Zeit das Stadtfest stattfindet, das alljährlich Besucher aus ganz Europa anzieht. Mit Musik, Knallkörpern und einem gigantischen Feuerwerk begrüßen die Valencianos bei ihrem Fallas-Fest den Frühling.

Das Feuer, das “foc”, ist der Höhepunkt rund um die Fallas-Skulpturen, mit dem das Valencianische Fest am 19.März, also einen Tag nach dem Rückspiel, seinen Gipfel erreicht. Ein ganzes Jahr lang planen und werkeln die Valencianos an der Inszenierung dieses mehrtägigen Spektakels. Hunderte freiwilliger Nachbarschaftskomitees sind an der gigantischen Fiesta beteiligt. Jeder Straßenzug steuert eine falla, eine Skulptur, bei. Innerhalb der alten Stadtmauern schieben sich Aktive, Zuschauer und Gäste schon in den Tagen und Nächten vor dem turbulenten Schlußpunkt der Fiesta, der “Nit del Foc”, unermüdlich durch die Gassen.

Alle haben sich fein gemacht, den Fallero-Anzug angelegt. In den Gassen dampft die Paella auf langen Tafeln, von verschiedenen Bühnen donnert rockiger Sound, die klassischen Fallas-Musikzüge halten mit ihren Paso-Doble-Klängen meistens vergeblich dagegen.

Nach fünf langen, fiebrigen Tagen des Wartens ist sie da: die große Feuernacht - und alle Figuren brennen, verlöschen unter dem brausenden Beifall Abertausender von Menschen in den oft haushoch züngelnden Flammen. Halt: Eine einzige “falla” wird nicht zur Asche. Per Handzettel-Abstimmung haben die Valencianos sie auserkoren, als schönste Skulptur von allen ins Museum zu wandern.

Schalker, laßt Euch das Rückspiel in Valencia und dieses einmalige Spektakel nicht entgehen. Fahrt auch ohne Karte nach Valencia!!!


“Ich steh’ auf die Blauen ohne Ende”

(rz/bob/fv) Hooligans in Deutschland und speziell in Schalke, eine Geschichte ohne Happy End? Das Klischee vom randalierenden Hohlkopf und besoffenen Schläger überdeckt oft die Unwissenheit über Hinter- und Beweggründe dieser Gruppe von Spielbesuchern.
Unser Gesprächspartner ist einer der Gründer der Gelsenszene. Seit etwa 18 Jahren auf allen namhaften Boxwiesen Europas zuhause. PELE aus Gelsenkirchen, inzwischen 33 Jahre alt, noch heute ein in ganz Deutschland bekannter Leitwolf unter den “Wölfen”, blieb uns keine Antwort schuldig.

SCHALKE UNSER:

Wie wird man Hooligan, oder warum stehst Du auf Gewalt?

PELE:

Sieh das mal so, da gibt es Leute, die stehen auf SM­Sex, oder noch krasser, die kacken sich gegenseitig auf den Bauch. Das finde ich pervers. Was wir machen, ist eine Art Sport unter Gleichgesinnten. Da kommt selten jemand Fremdes zu Schaden.

SCHALKE UNSER:

Was machst Du heute außerhalb des Fußballplatzes?

PELE:

Ich bin unverheiratet, kinderlos, von Beruf Speditionskaufmann und seit Januar mit einer Agentur zur Vermittlung von DJs und Live-Acts selbständig. Zuvor habe ich zwei Jahre bei einer Techno- und Housezeitung namens “Raveline” gearbeitet.

SCHALKE UNSER:

Was steht für Dich heute im Vordergrund: Fußball, Liebe, Laster?

PELE:

Also wenn ich das so höre, dann eher Laster, Liebe, Fußball in dieser Reihenfolge. Obwohl mir natürlich der Fußball in der Winterpause fehlt.

SCHALKE UNSER:

Hat Deine Fußballbegeisterung denn nachgelassen?

PELE:

Nein, fußballbegeistert bin ich nach wie vor, ich stehe auf die Blauen ohne Ende. Ich gehe nur als Hooligan nicht mehr so ab wie vor zehn Jahren. Das heißt, so richtig freisprechen kann man sich davon gar nicht. Irgendwann, irgendwo passiert immer noch mal ‘ne Schote.

SCHALKE UNSER:

Gibt es denn Unterschiede zwischen den heutigen Hools und der damaligen Gelsenszene?

PELE:

Es gibt schon einen ziemlich großen Unterschied. Wir waren damals so 70 Leute, nicht mehr und nicht weniger. Für andere, die nicht von Anfang an dazugehörten, war es dann schon ziemlich schwierig, sich da anzuschließen. Viele von uns sahen sich täglich oder mehrmals in der Woche. Also eine ganz andere Zusammensetzung, ganz anders als heute der Block I da oben. Für mich ist das ja ein Hühnerhaufen. Wenn ich die Jungs da so rumkrebsen sehe… Nun ja, die Zeiten sind ja auch ganz anders. Die würden sich freuen, wenn sie nochmal solche Geschichten erleben könnten, wie wir sie erlebt haben. Aber die haben ja auch nicht mehr die Möglichkeit dazu. Hier im Stadion geht ja nix mehr, und auswärts geht auch nix mehr, weil da immer Fanpolizei vor Ort präsent ist. Ich glaube auch nicht, wie gesagt, daß die da noch großartig was bewegen können.

SCHALKE UNSER:

Das hört sich an, als ob Du bei den heutigen Hools eine gewisse Kreativität vermißt?

PELE:

Hätte ich heute noch Bock, mich in diesem Umfeld zu prügeln, würde ich die Sache ganz anders aufziehen. Aber so kommste heute zu nix mehr. Einfach im Stadion loszulegen, da muß man immer damit rechnen, sofort eingebunkert zu werden. Und das könnte ich mir heute gar nicht mehr erlauben. Da würde ich gleich ein paar Jahre keine frische Luft mehr atmen. Seit ‘78 bin ich Hooligan, da ist schon einiges zusammengekommen.

SCHALKE UNSER:

Aber wenn es sich einrichten ließe, hättest Du heute auch noch Bock dazu?

PELE:

Im Moment nicht, aber man hat natürlich immer mal ‘ne schlechte Woche. Nur bin ich ja nicht der Typ, der auf die Straße geht, sich einen ausguckt und den umhaut. Das ist irgendwie nicht mein Ding. Aber heute, wenn ich noch mitmischen würde, kannst Du davon ausgehen, daß es scheppern würde. Jedes Wochenende, an dem ich unterwegs wäre. Mittlerweile gibt es doch Handys.

SCHALKE UNSER:

Lenkst Du Dein Leben jetzt in ruhigere Bahnen? Zum Beispiel in Richtung Youri-Mulder-Bahn?

PELE:

Na ja, leben wie ein ganz normaler Mensch mit 34 Jahren, verheiratet mit Kind und Kegel? Das wäre nichts für mich. Es muß schon alles ein bißchen ruhiger werden, aber so ganz abstreifen kann man eine solche Vergan­ genheit eh nicht.

SCHALKE UNSER:

Apropos abstreifen: Euer Outfit findet sich inzwischen ja in jeder Einkaufsstraße?

PELE:

Ja, Chevignon wäre ohne die Hooligans sicher nicht so populär geworden. Die Turnschuhe, Pullover von West Company, da kann man auch mal sehen, daß mit den Hooligans, auch ziemlich viel Geld umgesetzt wurde. Jede Randgruppe setzt Trends und bringt finanziell viel mit sich. Heutzutage trägt doch jeder Arsch Chevignon- Jacken.

SCHALKE UNSER:

Was sagst Du zum Thema Rassismus bei Hools?

PELE:

Nichts… soll doch mal einer von denen kommen.

SCHALKE UNSER:

Wie kam es überhaupt zur Entstehung der Gelsenszene?

PELE:

Als wir uns damals gründeten, haben wir erstmal unsere Kutten weggeschmissen oder in den Schrank gehängt. Damals gab es ja den Schalker Fanclub Gelsenkirchen, im Prinzip eine Art Vorgänger der Gelsenszene mit allen “älteren” Leuten. Die waren krasser als wir in der Hinsicht, da mußte man erst fragen, ob man offiziell mit so einer Weste rumlaufen darf. Da gab es so ein paar Jungs wie zum Beispiel Günner oder Hansi, wenn die andere Fanclubs sahen, zack, Jacke weg, Ende, aus, Nikolaus. So mußten wir auch erst bei denen anständig fragen, ob wir unsere 70 Trikots so machen dürfen. War auch kein Thema. Das ist wie bei Wölfen, so war eben die Ordnung.

SCHALKE UNSER:

Mitte der 80er Jahre gab es ja das sagenumwobene Bremer Hallenturnier, bei dem es bekanntlich zu schwersten Ausschreitungen kam.

PELE:

(lacht schallend) Oh, da muß ich erstmal die Jacke ausziehen. Also das war kraß. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich wirklich Angst hatte.

SCHALKE UNSER:

Hooligans können Angst haben?

PELE:

Ja meinst Du, ich bin Herkules? Es gibt ja Angst oder Logik, wenn ich also sehe, ich stehe da mit zwei Leutchen, und da kommen zwanzig auf mich zumarschiert, da brauche ich nicht großartig überlegen, da reinzurennen. Wenn ich nicht ganz dicht bin, dann renne ich da rein. Dann hab’ ich auch sehr wahrscheinlich keine Angst. Aber dann bin ich auch sehr wahrscheinlich nicht ganz dicht. Aber wenn ich da mit meinem ganzen Pulk, mit 70 Leuten, stehe und die anderen meinetwegen mit 200, sieht die Sache schon etwas anders aus. Aber nochmal zurück zum Bremer Turnier: Da bin ich die ganze Nacht um mein Leben gerannt. Leuchtraketen um mich rum, Molotow-Cocktails und in jedem Busch eine Herde hungriger Wölfe. Das war damals wirklich heftig.

SCHALKE UNSER:

Wie siehst Du denn Katastrophen wie im Heyselstadion in Brüssel oder andere Ausschreitungen, wo Menschen durch Gewalt beim Fußball zu Tode gekommen sind?

PELE:

Also das erschreckt mich schon. Ich bin nicht der Typ, der solche Sachen gut findet. Für uns war das immer mehr oder weniger auch ein Sport. Wir haben auch keine Waffen benutzt. Es ging ja nur um das reine Boxen. Aber wenn in so einem alten Stadion die Sicherheitsvorkehrungen nicht stimmen, finde ich es auch nicht korrekt, die Hools dafür allein verantwortlich zu machen.

SCHALKE UNSER:

Für uns heißt Fußball “Abfeiern”, wir verstehen nicht, wie man Gewalt mit Fußball in Verbin­ dung bringen kann.

PELE:

Es gibt immer ein Plus und ein Minus.

SCHALKE UNSER:

Beim Besuch der Hools aus Polen (Lech Posen) im Fanladen haben wir bemerkt, daß eine ganz strenge Hierarchie in der Gruppe erkennbar war.

PELE:

Ja, so war das bei uns ja früher auch. Aber heute denkt jeder, er wäre ein Großer. Was mir persönlich einen ganz dicken Hals verschafft, ist, daß die sich heute immer noch mit “Gelsenszene” beschimpfen. Das kotzt mich so dermaßen an, das kann sich überhaupt keiner vorstellen. Das ist nicht die Gelsenszene, das sind ein paar Spinner - und fertig. Jetzt stell’ Dir mal vor, wir hätten damals gesagt, wir nennen uns auch “Schalker Fanclub Gelsenkirchen”. Der Günner, der wäre durchgedreht. Der hätte uns allen einzeln die Köppe abgerissen und sonst garnix. Und wenn die sich heute Trikots mit der Auf­ schrift “Gelsenszene” machen, gibt’s Streß. Ich hab ja nichts dagegen, wenn die Jungs sich profilieren wollen, zeigen wollen, daß sie “Gute” sind. Sollen sie sich halt zusammensetzen, einen vernünftigen Namen ausdenken, loslegen und Gas geben.

SCHALKE UNSER:

Ihr habt nicht nur die Modeindustrie beeinflußt, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen: Wegen Euch wurden vom DFB und den Vereinen die Fanprojekte eingerichtet. Wie siehst Du das?

PELE:

Ich möchte die Arbeit von den Jungs nicht schmälern, ich komme auch ganz gut mit denen aus. Aber ich weiß nicht, ob es letztendlich soviel bringt. Viele mögen mich da für arrogant halten und tun das auch, aber ich mag die Jungs da oben nicht (Block I). Von den 70­80 Leuten gibt’s noch zwei oder drei mit denen Du was anfangen kannst, weil die auch im Kopf noch ganz gesund sind. Das war früher anders, wir sind ja alle nicht die Dümmsten gewesen. Da gab es Polizisten, Kaufleute etc., und guck mal heute, was da alles für Burschen rumsitzen. Für die ist das Fanprojekt Hopfen-, Malz - und Geldverschwendung. Obwohl, nee, ich muß echt sagen, die machen gute Arbeit. Ob jetzt der Burkhart oder der Jörg, die geben sich echt verdammt viel Mühe, aber für manche Idioten lohnt sich das einfach nicht. Dann steckt da die ganze Arbeit drin, einige reißen sich echt den Hintern auf und die Schwachköpfe gehen raus und machen genau das Gegenteil von dem, was drinnen gerade besprochen wurde und treten die Fanprojektler damit praktisch in den Arsch. Da sind so schwache Charaktere darunter, da habe ich echt kein Verständnis für. Eine Blamage für die ganze Schalker Innung. Ich habe den Eindruck, daß die ganz zufrieden sind mit ihrer Rolle im Block I.

SCHALKE UNSER:

Zum Schluß ein versöhnliches Thema: Die Fanfreundschaft mit Nürnberg - ein Geschenk der Gelsenszene an die Fans der beiden Vereine?

PELE:

Das war das geilste Ding in ganz Deutschland. Das erste Mal, das wir überhaupt Kontakt mit den Jungs hatten. An dem Tag wurde ich 16. Also 1979. Da kamen 20 Leutchen aus Nürnberg ins Stadion, und wir achteten darauf, daß denen nichts passierte. Man muß dazu sagen, daß wir Schalker beim Spiel davor in Nürnberg ordentlich die Hucke vollgekriegt haben, mein lieber Herr Gesangsverein. Im Jahr darauf bekamen wir eine Einladung des Fanclubs “Seerose” nach Nürnberg. So hat sich das entwickelt, und das ist wohl die härteste Freundschaft in ganz Deutschland. Und das lebt heute noch weiter, mit Einladungen zu Kirchweihfesten, Oktoberfest usw. Das ist der Ursprung, und hat sich danach auf die gesamte Fanszene beider Clubs übertragen.

SCHALKE UNSER:

Glückauf und vielen Dank für das Gespräch, Pele.


Europäische Spitzenklasse

(rk) Schalke auf dem Sprung ins Halbfinale eines internationalen Wettbewerbs. Einmal hat Schalke diesen Sprung schon meistern können. Und natürlich beschäftigt sich diese Weisse noch?!-Folge mit dem bisher größten internationalen Erfolg der Schalker Vereinsgeschichte. Im März 1970 schaltete der FC Schalke 04 den hohen Favoriten Dynamo Zagreb aus und zog in das Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger ein.

Mit 3:1 kämpfte Schalke den jugoslawischen Pokalsieger aus Zagreb im Maximirstadion nieder. “Das war Spitzenklasse, Schalke!” schrieb die Westfälische Rundschau. Und vor allem deshalb, weil diese Leistung völlig unerwartet kam. Damit hatten wohl auch die kühnsten Schalker Optimisten nicht gerechnet.

Ein Unentschieden oder eine knappe Niederlage wäre am Schalker Markt bereits als Erfolg gewertet worden, denn Dynamo zählte zu jener Zeit zur europäischen Spitzenklasse und zum Verdruß von Trainer Gutendorf mußten auch noch vier Stammspieler, Libuda, Wittkamp, Neuser und Scheer, ersetzt werden.

Die Schalker stellten sich aber in prächtiger Form vor, obwohl sie in der 28. Minute auch noch Klaus Senger verloren. Belin und Senger prallten bei einem Zweikampf so unglücklich zusammen, daß der Schalker nach vierminütiger Behandlung auf dem Rasen mit einem Beinbruch vom Platz getragen werden mußte.

Aber der Wille, zu einem Erfolg zu kommen, überspielte einfach alles und trug selbst die jungen Spieler wie Rüssmann und Sobieray mit, die jugendlich unbekümmert aufspielten. In der 43. Minute nahm die Überraschung Gestalt an, als Pirkner auf dem linken Flügel auf und davon zog und aus unmöglichem Winkel unter die Latte zum 1:0 einschoß. Präsident Siebert meinte nach dem Spiel: “So ein Tor wie von Hansi Pirkner habe ich bisher nur von Emmerich bei der Weltmeisterschaft in England gesehen.” Auch nach der Pause konterten die Schalker bei wütenden Dynamo-Angriffen geschickt über ihre drei Sturmspitzen Pirkner, Wüst und Pohlschmidt. Immer selbstsicherer trumpften sie auf, während die Zagreber konzeptlos Norbert Nigburs Tor berannten.

So resultierte ihr Gegentor in der 65. Minute auch aus einem halben Selbsttor. Ausgerechnet Pirkner hatte den Gegentreffer auf dem Gewissen, als er völlig unnötig den Ball über 30 m an Torwart Nigbur zurückspielen wollte, Cercek in den Paß sprang und Nigbur keine Chance ließ.

Aber schon drei Minuten später krönte Fichtel seine überragende Leistung mit dem erneuten Konter zum 2:1. Und dann der endgültige K.o. für die Jugoslawen, als Becher drei Minuten vor dem Abpfiff vom eigenen Strafraum aus den Ball nach vorne trieb, von keinem Zagreber angegriffen wurde und eiskalt zum 3:1 einschoß. Die Sensation war perfekt! Der damalige Trainer von Zagreb - und ein Jahr später Trainer von Schalke - Ivica Horvath resümierte: “Schalke hat verdient gewonnen. Zu einer solch guten Leistung kann ich nur gratulieren. Die Deutschen kamen mit den schlechten Bodenverhältnissen, wie sie schon seit vier Monaten in der Bundesliga herrschen, weitaus besser zurecht, während für meine Techniker der tiefe Boden Gift war. Ich glaube nicht, daß es im Rückspiel noch zu einer Wende für uns reicht.”

Und Schatzmeister Heinz Aldenhoven rieb sich schon die Hände: “Die Mannschaft hat dafür gesorgt, daß die Glückauf-Kampfbahn am 18.März ausverkauft sein wird. Jetzt zahlen wir die Gesamt-Siegprämie von 50.000 DM gerne.” Leider fanden nur wenige Besucher bei naßkaltem Wetter den Weg ins Maximirstadion, eine Fernsehübertragung tat ihr übriges. Die Zuschauer zeigten aber eine vorbildlich objektive Einstellung und bildeten nach dem Spiel ein Spalier, applaudierten und beglückwünschten unsere Elf zu ihrem Erfolg.

Dynamo Zagreb: Stincic, Cvek, Valec, Belin, Ramljak, Blaskovic, Cercek, Piric, Nowak, Gucmirtl, Rora.

Schalke: Nigbur, Rüssmann, Becher, Rausch, Fichtel, Senger (30. Erlhoff), Pirkner, van Haaren, Pohlschmidt, Wüst (75. Lütkebohmert), Sobieray.

Schiedsrichter: Linemayr (Österreich) ­ Zuschauer: 10.000

Schalke hatte den Grundstein zum Einzug ins Halbfinale bereits in Zagreb gelegt. In Gelsenkirchen galt es nur noch, im Rückspiel das Ergebnis zu untermauern. Das war der Mannschaft voll und ganz gelungen. Es war kein großes Spiel, aber letztlich war doch der Erfolg ausschlaggebend. Unter den Anfeuerungsrufen der 25000 begannen die Schalker mit ungewohntem Elan. Das Konzept war klar: angreifen, die Kroaten nicht zu ihrem Spiel kommen zu lassen!

Der erste scharfe Schuß kam in der 27. Minute von Stan Libudas linkem Fuß. Er forderte Dautbegovic’ ganzes Können. Die zweite Glanzparade zeigte Zagrebs Torwart fünf Minuten später, als er einen Neuser-Schuß aus kürzester Distanz reaktionsschnell über die Latte faustete. Zagreb dagegen spielte, als wollte die Mannschaft nicht gewinnen, sondern einen Schönheitspreis erringen. In der 73. Minute brachte Gutendorf den blonden Klaus Scheer für Mittelstürmer Wüst, der sich nicht in Szene setzen konnte. Und dieser Scheer war es auch, der die erste große Aufregung in diesem Spiel verursachte. Mit voller Wucht schlug er den Ball durch das Außennetz ins jugoslawische Tor. Aber Schiedsrichter Mitescu ließ sich nicht beirren und erkannte den Treffer nach Untersuchung des Außennetzes nicht an. Und während Scheer noch einmal den Pfosten traf, verpaßte der völlig abgekämpfte Pirkner freistehend eine große Gelegenheit zum Tor. Endlich, zwei Minuten vor Schluß fiel der langersehnte Treffer. Nach einem hervorragenden Zusammenspiel von Libuda und Scheer konnte Scheer aus 3 m unhaltbar einschießen.

Im Halbfinale traf Schalke auf Manchester City. Einem 1:0-Sieg im Hinspiel in Gelsenkirchen (Tor durch Stan Libuda) folgte eine 5:1-Schlappe auf der Insel. So weit war Schalke noch nie in einem internationalen Wettbewerb vorgestoßen und sollte es auch bis heute nicht mehr schaffen. Bis heute..

Schalke: Nigbur, Becher, Rüssmann, Fichtel, Rausch, Haaren, Neuser, Pohlschmidt, Libuda, Wüst, Pirkner.

Dynamo Zagreb: Dautbegovic, Cvek, Ramljak, Milijkovic, Gracanin, Belin, Piric, Gucmirtl, Cercek, Novak, Rora.

Schiedsrichter: Mitescu (Rumänien) ­ Zuschauer: 25.000


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