Nummer 15 - 1997/08

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Am Abgrund in Solingen
Die Liga der Hooligans
“Die Priorität hat der Sport, der Sport und nochmal der Sport” - Interview mit Wolfgang Niersbach
Das Ding nehmen wir mit
High Fidelity - Low Fidelity



Am Abgrund in Solingen

(kh) Nach den Siegen gegen Teneriffa und Mailand war es immer wieder von völlig glücks-überwältigten Schalkern zu hören: “Mein Gott, jetzt DAS, und vor ein paar Jahren wären wir fast aus der Zweiten Liga geflogen…”. Ein Schlüsselspiel aus dieser Zeit, die so unendlich weit weg scheint und doch erst gut acht Jahre vorbei ist, war mit Sicherheit das Spiel bei Union Solingen am 27.4.1989.

Was in den Wochen und Monaten zuvor alles passiert war, ist eigentlich ein eigenes Buch wert. Nach dem Abstieg aus der 1. Liga gurkte sich die Mannschaft unter Trainer Horst Franz durch die Zweitligasaison, Horst Franz wurde durch Didi Ferner ersetzt, doch nichts wurde besser. Es wurde eher noch schlimmer. Im Frühjahr 1989 ging es dann in Richtung “absoluter Tiefpunkt”.

Bei Viktoria Aschaffenburg wurde mit 0:2 verloren, das legendäre “Schiri-Arschtritt”-Heimspiel gegen Darmstadt 98 ging mit 3:4 in die Binsen und auch das folgende Spiel in Osnabrück endete mit einer 1:0-Niederlage.Dies hatte zur Folge, daß die Zweitliga-Tabelle ein “einrahmenswertes” Aussehen bekam. Schalke zierte vor Union Solingen den vorletzten Tabellenplatz und stand mit anderthalb Beinen in der Oberliga.

Mit Peter Neururer als “letzte Hoffnung” wurde der dritte Trainer in der laufenden Saison geholt, und mit dem Spiel beim Tabellenletzten in Solingen MUSSTE eine Siegesserie gestartet werden, um den Sturz in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

So machte man sich am Freitagabend auf den Weg nach Solingen, um gemeinsam mit 5000 anderen Schalkern nach dem allerletzten Strohhalm zu greifen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt durch diverse Solinger Wohngebiete und über einige Feldwege erreichte man dann tatsächlich das Stadion am Hermann-Löns-Weg, direkt neben einem Vogelpark voller kreischender Papageien gelegen. Waren das schon die Pleitegeier?

Nach einem kurzen Fußmarsch und den üblichen Sprüchen (”wenn wir hier verlieren, drehe ich den Viechern den Hals um”) ging es dann zu den Stehplätzen auf der Gegengerade des nicht mal ausverkauften (insgesamt waren es wohl ca. 7000 Leute) Stadions.

Die ganze Zeit lag eine ziemlich eigentümliche Spannung über dem Spiel. Jeder wußte, was ein Unentschieden oder gar eine Niederlage gegen Union Solingen bedeutet hätte, und so kam auch keine rechte Stimmung am Hermann­Löns­Weg auf. Die scheinbare Erlösung dann in der 64. Minute: Michael Klinkert erzielte endlich das 1:0, und der marode Zaun wurde durch den Jubelansturm der Schalker einer ernsten Belastungsprobe unterzogen.

Lähmendes Entsetzen dann in der 73. Minute: Römer schoß für die völlig harmlosen Solinger das 1:1. Drei schlimme, unendlich lange Minuten lang brachen Welten zusammen, und man sah sich selbst schon mit 30 anderen Schalkern beim Auswärtsspiel im Holzwickeder Emscherstadion stehen. Doch der Fußballgott hatte ein Einsehen und schickte Jürgen Luginger, der unmittelbar nach dem Wiederanstoß das 2:1 schoß, und Ingo Anderbrügge, der dann in der 79. Minute mit seinem 3:1 durchaus mit Mailand vergleichbare Glücksgefühle auslöste.

In der Folge startete unsere Mannschaft wirklich eine Siegesserie. Mainz wurde 4:1 geschlagen, dem 1:1 bei der Spielvereinigung in Bayreuth folgte ein 3:2 gegen Wattenscheid, beim ebenfalls legendären “Auswärts-Heimspiel” in Hannover gegen Fortuna Köln wurde ein 3:3 geholt und mit dem 4:2 gegen den SC Freiburg der Klassenerhalt in Liga Zwei gesichert. Am Ende war dann alles wieder gut, und es wurde mit dem 4:1 gegen Blau­Weiß 90 Berlin vor 66000 Zuschauern im Parkstadion eine gigantische Saisonabschlußparty gefeiert.

Eine völlig turbulente Saison war endlich vorüber, in der erst niemand die Abstiegsgefahr ernsthaft realisiert hatte. Als es dann fast zu spät war, wurden doch noch die letzten Reserven mobilisiert. Dazu gehört wohl auch, daß durch Sonnenkönig Eichbergs Appelle und Mitgliederwerbeaktionen (”Jetzt erst recht!”) das Zusammengehörigkeitsgefühl im Verein als Schalkes großes und entscheidendes Plus gegenüber den Konkurrenten in die Waagschale geworfen werden konnte. Es war eine irgendwie verrückte Zeit, eine seltsame Mischung aus Existenzangst und dem Gefühl: “Das kann doch eigentlich nur ein schlechter Film sein, daß wir Schalker sowas durchmachen müssen”.


Die Liga der Hooligans

(bob) Der geplante Spielbesuch fiel leider aus, da wegen des Papstbesuches der gesamte Spieltag der ersten polnischen Liga verschoben wurde. Erwartet hatten wir ein von System-Umbruch und Wirtschaftskrise geschütteltes Land, doch Posen (Poznan) empfing uns als blühende Wirtschaftsmetropole, ein Messe- und Universitäts-Standort mit lebendiger Altstadt.

Unser Programm begann mit einer Diskussionsrunde in der Fan-Kurve des Stadions von Lech Posen: Wir Schalker, die Fans von Lech Posen und die Spieler Piotr Reiss (Mittelstürmer), Torwart Arkadiusz Onyszko (2. Torwart der polnischen Nationalmannschaft) und Waldemar Kryger (Libero) nahmen daran teil. Wir erfuhren von den Spielern, daß die Vereine finanziell total ausgeblutet seien, keine Werbepartner in Sicht und die Bedingungen im Spielbetrieb der polnischen Liga chaotisch sind. Da werde geschoben und korrumpiert, Vereine würden einfach aus dem laufenden Spielbetrieb genommen, wie es gerade an diesem Wochenende wieder mit Slask Wroclaw (Breslau) geschehen war.

Diese Abmeldung eines ehemaligen Militärvereins habe die Meisterschafts entschieden, da die abgesagten Spiele mit drei Pluspunkten für den Gegner gewertet werden. Es war der dritte Verein, der in dieser Saison aus dem Spielbetrieb genommen wurde. Die Gründe dafür seien ‘mal Ausschreitungen der Zuschauer, ‘mal Sicherheitsbedenken des polnischen Fußballverbandes und ‘mal finanzieller Ruin eines Vereins. Traditionsclubs verschwinden gänzlich von der Bildfläche, ehemalige Viertligisten sind auf einmal im Meisterschaftsrennen. Verrückte Welt. Vor diesem Hintergrund bleiben die Zuschauer aus. Die Spieler sagen, sie seien ratlos und wüßten nicht, wie es weitergehe. Den führenden polnischen Vereinen gelinge es nur durch Fernsehgelder und europäische Wettbewerbe zu überleben.

Fußball ist tot in den polnischen Medien. Der normale Spielbetrieb findet gerade mal drei Minuten Aufmerksamkeit am Samstag abend im Fernsehen. Da ist es nicht verwunderlich, daß sich alle Fußballfans mittels Satelliten-Schüssel die Infos aus der Bundesliga besorgen. Wir sind überrascht, wie gut sich die polnischen Spieler und Fans im Bundesligageschehen auskennen. Anders als in der Bundesliga sind in Poznan auch Fans und Spieler miteinander befreundet: Man feiert viel zusammen. Als die Neuverpflichtungen für die nächste Saison in der Disco einen ausgeben mußten, waren auch wir mit dabei, und diese Party wird uns wohl ewig im Gedächtnis bleiben. Das Freundschaftsspiel Schalker gegen Lech­Fans gewannen wir mit 8:6. Bei diesem Kräftemessen stieß ein Profi von Lech Posen (Piotr Reiss) zu uns Schalkern hinzu.

Das nächste Gespräch gab es dann mit Henryk Czapczyk, dem Pressesprecher und Altinternationalen von Lech Posen. Der legendäre Spieler von einst spielte zur Zeit Kuzorras und ein System, das dem des Kreisels sehr ähnlich war und in Polen ABC, nach den Anfangsbuchstaben der Spieler (C steht für Czapczyk), genannt wurde. Das Treffen fand im alten Stadion von Lech Posen statt, das sehr an unsere Glückaufkampfbahn erinnerte, eingebettet in einen Stadtteil, mitten in Industrie und Eisenbahnverbindungen.

Wir erfahren von glorreichen Zeiten, als jeder Zug, der am Spielfeld vorbeifuhr, sein Signal setzte. Auf den umliegenden Fabriken saßen die Arbeiter der Mittagsschichten auf den Dächern und schauten den Kikkern zu. Rund 20 000 Zuschauer in einem viel zu kleinen Stadion waren die Regel. Heute dagegen liegt der Zuschauerschnitt bei 3 000 bis 4 000, einem Bruchteil dessen früherer Tage. Die Zuschauer setzen sich fast ausschließlich aus Hooligans zusammen. Dies belegen auch die Fanzines eindeutig. Selbstherrliche Hauergeschichten, egal wo man hinschaut. Und die Spirale fängt schon bei den Kids an, die ihre Kurvenkönige bewundern. In Poznan hat sich Oschul (König der Kurve) eigens eine Metallkanzel bauen lassen, von der er den Ton angibt. In der Kurve zählt nur, wer die meisten Auswärtsspiele und damit die meisten Schlägereien auf seinem Buckel hat. Die Polizei ist hier nur als Gegner gefragt, die ihrerseits aufgehört hat, über dieses Problem nachzudenken und auch schon ‘mal prophylaktisch den Knüppel freigibt.

Beachtlich waren die Gespräche mit den Hools, die offensichtlich einen Ausweg aus dem Dilemma suchen. Auch sie haben erkannt, daß volle Stadien schöner sind als leergeprügelte. Und sie sehen auch, daß wir bei unserer Arbeit mit dem SCHALKE UNSER und dem Fan-Laden viel Spaß haben. Aus diesem Grunde wird der Fan-Austausch weiter ausgebaut werden. Die Termine erfragt Ihr im Fan-Laden oder über unsere Hotline (Tel.: 0209/24214). Wir sind in der nächsten Saison in der Lage, dieses Projekt fortzuführen. Unsere Anträge bei der Europäischen Union sind bewilligt, so daß wir in Zusammenarbeit mit Fans von Roda Kerkrade und Newcastle United das Projekt ausbauen können. An dieser Stelle nochmals vielen Dank dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, ohne das dieses Projekt erst gar nicht möglich gewesen wäre. Besonderen Dank auch an Bernhard Wengerek, der die Kontakte zu Lech Posen knüpfte, mit dem die Schalker Fan-Initiative auch in Zukunft weiter so förderlich zusammenarbeiten wird.


“Die Priorität hat der Sport, der Sport und nochmal der Sport”

(mt/rk) Der DFB hat seine Bewerbung für die WM 2006 abgeschickt und wartet nun noch bis zum Jahre 2000 auf eine Antwort. Inzwischen war SCHALKE UNSER in der DFB-Zentrale in Frankfurt zu Gast und unterhielt sich mit DFB-Pressesprecher WOLFGANG NIERSBACH über die WM, Versitzplatzung der Stadien, Neonazis bei Länderspielen und Franz Beckenbauers Ehefrau.

SCHALKE UNSER:

Herr Niersbach, wie sind Sie, nachdem Sie 15 Jahre lang beim Sportinformationsdienst (sid) waren, zum DFB bekommen?

WOLFGANG NIERSBACH:

Ich wurde gefragt, ob ich den Pressechef bei der EM ‘88 machen wollte. Das habe ich dann gemacht und habe mich für diese Zeit beim `sid´ beurlauben lassen. Dann kam die Frage auf, ob ich nicht ganz nach Frankfurt wechseln wollte. Ich habe dann lange mit mir gerungen, da es mir unheimlich schwer gefallen ist von Düsseldorf wegzuziehen. Aber letztendlich habe ich den Schritt gemacht. Hier habe ich meine Frau kennengelernt, die sinnigerweise mit der heutigen Frau Beckenbauer auf einem Büro hier in der DFB-Zentrale gearbeitet hat. Ich habe zwei Töchter, die beide hier in Frankfurt geboren wurden, und ich wohne im früheren Haus von Jörg Berger. Als Jörg Berger von Frankfurt nach Köln wegging, da rief er mich an und sagte, daß er da etwas für mich hätte.

SCHALKE UNSER:

Was war denn das schönste Erlebnis in all der Zeit?

WOLFGANG NIERSBACH:

Die WM in Italien, ganz klar, sowas wird es wahrscheinlich auch nie wieder geben. England war von der Atmosphäre in Wembley her auch super. Aber in Italien hat einfach alles gestimmt. Auf der Abschlußfeier in Rom hat man morgens um halb vier in der Villa Borghesiana über den Dächern von Rom gesessen, und als es hell wurde, konnte man auf die Stadt `runtergucken und morgens um halb sieben saß ich immer noch da. Egal, was einem beruflich oder privat widerfährt, dieses Erlebnis kann einem keiner mehr nehmen.

SCHALKE UNSER:

Fühlen Sie etwas besonderes, wenn die Nationalhymne gespielt wird?

WOLFGANG NIERSBACH:

Es ist etwas besonderes. Man merkt, daß das Vorgeplänkel vorbei ist und daß es ernst wird. Jedes Länderspiel ist organisatorisch eine Wahnsinnsanspannung. Man hat 250 schreibende Journalisten, 100 Fotografen mit Sonderwünschen, dazu Fernsehen und Hörfunk. Beim Spiel habe ich eigentlich Ruhe. `Eigentlich´ ­ wenn sich wie in Bremen Bobic verletzt, wollen alle wissen, was er hat. Dann müssen wir organisieren, daß nicht 200 Journalisten in den Innenraum laufen, und das ist mein Job, zu vermitteln, was passiert ist.

SCHALKE UNSER:

Singen Sie denn bei der Nationalhymne mit?

WOLFGANG NIERSBACH:

Nein, ich kann nicht singen. Ich hab mich aber dafür eingesetzt, daß wir beim DFB-Pokalfinale den Musicalstar Anna Maria Kaufmann als Sängerin hatten, weil mir das in Amerika immer gut gefallen hatte. Nicht, daß ich jetzt ein übertriebener Patriot wäre, aber ich finde, daß durch den Vortrag der Nationalhymne das ganze Ambiente auch einen feierlichen Charakter bekommt.

SCHALKE UNSER:

Es gibt aber auch viele Fußballfans, die ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Nation haben, auch zwischen ihrem Verein und der Nationalmannschaft. Sind Sie stolz, ein Deutscher zu sein, wenn die Nationalhymne gespielt wird?

WOLFGANG NIERSBACH:

Ja, Deutschland ist meine Heimat. Aber es stimmt schon, daß wir - und das erkläre ich aus der Geschichte heraus - ein gespaltenes Verhältnis zu allem haben, was man als Nationalstolz bezeichnet. Aber „ein gespaltenes Verhältnis zur Nationalmannschaft”? Die Beobachtung habe ich nicht gemacht. Ich sehe immer, daß gerade wenn die Nationalmannschaft auf Turnieren spielt, daß sich dann das Fußballinteresse eines ganzen Landes bündelt. Und das zeigen auch die Einschaltquoten im Fernsehen, daß bei Länderspielen alles zum Bildschirm kriecht, was überhaupt nur kriechen kann. Wenn Schalke den UEFA-Cup gewinnt, dann spielt ganz Gelsenkirchen verrückt, aber wenn Deutschland Weltmeister wird, dann spielt ganz Deutschland verrückt.

SCHALKE UNSER:

Der DFB hat sich um die Ausrichtung der WM 2006 beworben…

WOLFGANG NIERSBACH:

Erst einmal wird es ein wahnsinniger Kampf, die Weltmeisterschaft zu bekommen. Das wird erst 2000 entschieden, und bis dahin brauchen wir einen langen Atem. Aber selbst wenn wir im Jahre 2000 ein „No” von der FIFA bekämen, hat sich die Infrastruktur des Fußballs verbessert, und es ist im Sportstätten- und Stadionbau endlich etwas passiert. Schaut doch ‘mal die Stadien in Berlin oder Hamburg an! Das sind doch Stadien, die passen nicht mehr in unsere Zeit.

SCHALKE UNSER:

Ist denn jetzt das Stadion in Leverkusen das Non-plus-ultra?

WOLFGANG NIERSBACH:

Von der Größe her nicht.

SCHALKE UNSER:

Aber doch sicher auch nicht für den Fan.

WOLFGANG NIERSBACH:

Denke ich schon, ich weiß jetzt nicht worauf Sie abzielen, aber von der Idee her, dieses Stadion eben nicht nur samstags zum Fußball zu nutzen - da ist McDonalds drin und es sind Tagungen möglich - das ist sinnvoll, denn sonst kriegt man die Dinger ja gar nicht mehr finanziert.

SCHALKE UNSER:

Wir befürchten, daß es durch die WM 2006 in Deutschland dazu kommt, daß wir demnächst Fußball nur noch in rein versitztplatzten Stadien sehen können. Ab dieser Saison dürfen bei internationalen Spielen nur noch 20 Prozent des gesamten Fassungsvermögens als Stehplätze ausgegeben werden, ab 1998 wird es gar keine Stehplätze mehr geben. Wir befürchten, daß die neuen Stadien überhaupt keine Stehplätze mehr haben - auch nicht für den normalen Liga-Betrieb.

WOLFGANG NIERSBACH:

Unsere Position ist klar: Fakt ist, daß ein internationales Ereignis demnächst nur noch vor sitzendem Publikum durchgeführt werden darf. Das ist definitiv. In England ist dies staatliches Gesetz geworden, da ist kein Verband oder Verein gefragt worden. Die 20­Prozentregelung (bei einem Fassungsvermögen des Parkstadions von 70 000 wird es noch 14 000 Stehplätze bei de UEFA-Cup-Heimspielen geben) ist nur dank Egidius Braun bei der UEFA durchgesetzt worden. Die UEFA wollte die Nullösung schon vor drei oder vier Jahren. Da kann man nun auf und ab stundenlang diskutieren. Wir stehen in der UEFA fast alleine da mit dem Vorpreschen Richtung Stehplatz und international wird es keine Abkehr mehr geben. Im nationalen Bereich, Bundesliga und DFB-Pokal, will der DFB die Stehplätze erhalten. Für uns scheinen die versenkbaren Vario-Sitze die optimale Lösung zu bieten. Wir sind da gerade im Gespräch mit Dortmund, da wir dort am 10. 9. das Länderspiel gegen Armenien haben - es ist doch ein Unding, daß wir dort vor die leere Südtribüne zuspielen. Wir brauchen schon bei diesem Spiel diese variable Lösung, und da wird jetzt schon dran gebaut.

SCHALKE UNSER:

Ist es denn nicht vielleicht auch möglich, so wie in Schalke einfach Sitzkissen zu verteilen?

WOLFGANG NIERSBACH:

Ich hatte vorhin noch den Sicherheitsbeauftragten Willi Hennes am Apparat, der hatte sich für diese Lösung ausgesprochen. Das hatte der Hennes alles auf seine Kappe genommen, und das ist heftigst bei der UEFA kritisiert worden. Die sagten: „Nie mehr!” Also, das wird’s in Schalke nicht mehr geben. Ich hatte auch erst lapidar gesagt „Laßt uns das in Dortmund auch so machen”, aber die für die WM­Qualifikation zuständige FIFA gibt uns keine Genehmigung.

SCHALKE UNSER:

Aber es ist doch eine verrückte Welt. Die Fans bezahlen 40 Mark für einen Sitzplatz und stehen dann auf den Sitzschalen. Uns kommt das doch schon ein bißchen wie Abzockerei vor. Und den Sicherheitsgedanken, der ja dahintersteckt, sehen wir auch nicht unbedingt.

WOLFGANG NIERSBACH:

Sagen Sie mir ein anderes Ereignis, wo man sich freiwillig drei Stunden hinstellt, obwohl man einen Sitzplatz bezahlt hat. Da kann man argumentieren: Das ist genauso verrückt. Sitzplätze sind sicherer, hundertprozentig. Mit Geldschneiderei hat das nichts zu tun. Die Maßnahmen von FIFA und UEFA sind nicht finanziell motiviert. Hundertprozentig nein. Auslöser war die Sheffield­Katastrophe, das war mangelhafte Organisation und Fehlverhalten der Ordnungskräfte, aber ausgelöst durch einen unkontrollierbaren Stehplatzbereich. In der Bundesliga liegen die Preise im unteren Drittel Europas. Der DFB hat in seine Bestimmungen die Verpflichtung aufgenommen, daß den Gästefans genau die billigste Preiskategorie angeboten werden muß, die auch der eigene Fan hat. Fußball muß bezahlbar bleiben, da sehen wir auch eine politische Verpflichtung.

SCHALKE UNSER:

Der Fußball verändert im Augenblick total sein Gesicht: Pay-TV, das Diktat der Anstoßzeiten durch TV-Sender und die Umwandlung von Fußballvereinen in Aktiengesellschaften. Wie sieht der DFB diese Entwicklung?

WOLFGANG NIERSBACH:

Auf der einen Seite gibt es natürlich die Explosion der Spielergehälter. Die mißfällt uns total, aber die ist nicht zu stoppen. Und die Fernseheinahmen sind für die Vereine überaus bedeutsam geworden. Als ich 1973 angefangen habe zu schreiben, da hat jeder Verein in der Saison 300 000 Mark bekommen, heute erhält jeder bereits einen Sockelbetrag von fünf Millionen. Das macht die Dimension deutlich. Aber eines muß man den Fernsehsendern klarmachen: Wir lassen überhaupt nicht mit uns sprechen, wenn es um diese 90 Minuten geht: der Versuch zu dritteln oder zu vierteln oder womöglich noch ein Interview mit dem Schützen vor dem Elfmeter zu machen, um ihn zu fragen „in welche Ecke schießt Du?” - wenn dort der Sport und der Fußball nicht aufpaßt, das wäre für mich das Ende. Die Priorität hat der Sport, der Sport und nochmal der Sport. Und dann erst reden wir über Fernsehen, Bandenwerbung, usw.

SCHALKE UNSER:

Wie ist denn das Verhalten der Schalker Fans im UEFA-Cup beim DFB angekommen?

WOLFGANG NIERSBACH:

Sensationell! Gerade auch in Mailand, wo der Berti total begeistert war, obwohl er auch nachmittags im Restaurant von einer Gruppe weniger feine Sprüche zu hören bekam. Aber das liegt an der ganzen Sache mit Assauer, die total unnötig aufgebauscht wurde. Und nachdem das so aufgeheizt wurde, kann ich auch den Trainer verstehen, wenn er lange nicht im Parkstadion war.

SCHALKE UNSER:

Schalke hat in den vergangenen zwei Jahren sehr erfolgreichen Fußball gespielt ­ warum setzt er sich lieber nahezu alle vierzehn Tage zwischen Rudi Völler und Rainer Calmund, statt einmal auf Schalke zu kommen?

WOLFGANG NIERSBACH:

Das sind genau die Argumente Assauers. Herzlichen Glückwunsch. So werden nämlich die Argumente total übernommen und am Ende kommt heraus, daß angeblich alle Schalker gegen Berti Vogts sind, was ja gar nicht stimmt. Aber das Gleiche hatten wir vor zwei Jahren mit Effenberg, da haben sie gesagt „der Berti ist Ehrenmitglied bei Gladbach und kommt nicht nach Gladbach.” Aber insgesamt versucht der Bundestrainer schon so ziemlich alle Mannschaften ob zu Hause oder auswärts zu beobachten.

SCHALKE UNSER:

Wie sehen Sie denn die Entwicklung der Ausländerfeindlichkeit in den deutschen Stadien? Uns fällt auf, daß sich Rechtsradikale vor allen Dingen bei den Länderspielen austoben. Wir denken da an die Spiele in Wien gegen österreich, in Rotterdam gegen Holland und in Zabrze gegen Polen. Was kann der DFB dagegen machen?

WOLFGANG NIERSBACH:

In der Bundesliga ist das erfreulicherweise kaum noch ein Problem. Und wir leben es ja auch im Fußball vor, daß es da überhaupt keine Probleme gibt. Es gibt auch bei den Heimländerspielen keine Probleme. Aber es hat Probleme bei einigen Auswärtsbegegnungen gegeben - wobei es in Holland sogar ein Gesetz gibt, daß das Rufen dieser Affenlaute verboten sind. Das ist für die Polizei Grund genug dort einzugreifen; es sind in der holländischen Liga Spiele deswegen abgebrochen worden! Zum Glück ist Rotterdam nicht abgebrochen worden, denn das wäre die Eskalation schlechthin geworden. Wir sind da mehr oder weniger machtlos. Der Kartenverkauf läßt sich überhaupt nicht so steuern. Speziell in Rotterdam ist präventiv alles gemacht worden, was überhaupt gemacht werden konnte. Aber selbst wenn wir wollten, wir dürfen dort überhaupt nicht eingreifen. Wir haben ja auch schon gesagt, daß wir Beamte aus Deutschland mitbringen, aber die dürfen im Ausland Straftaten nicht einmal anzeigen. In Zabrze war bekannt, welche Gruppen wie anreisen. Am Bahnhof in Kattowitz kommen die an und werden mit Polizeieskorte zum Stadion gebracht. Und im Stadion läßt man sie dann wüten. Die haben ganz gezielt auf den Beginn der Fernsehübertragung gewartet und dann ihr Transparent entrollt. Was macht der DFB? Wir haben da null Chance. Wir sind Gäste in Polen. Wir hatten ja auch Zivilpolizisten mit dabei, aber die dürfen nicht aktiv werden. Mir persönlich fehlt da die Detailkenntnis, ob diese Leute, die bei besagten Länderspielen dabei waren, überhaupt im normalen Bundesligageschehen auftauchen oder ob die sich gerade bei den Länderspielen zusammenrotten. Wie auch immer - da passieren Dinge, die sind einfach unglaublich. Das ist echt ein Thema, wo man die totale Ohnmacht empfindet.

SCHALKE UNSER:

Aber kann man denn da gar nichts gegen unternehmen? Es müssen sich doch die Personalien feststellen lassen und diesen Leuten Stadionverbote erteilt werden können!

WOLFGANG NIERSBACH:

Sie rennen da bei mir offene Türen ein. Noch verrückter war es in Luxemburg 1990, da haben sie wieder gewütet. Es sind 39 Personen vorläufig festgenommen worden, von denen hat man die Personalien auch festgestellt. Der DFB ist wegen dieser Ausschreitungen auch von der UEFA bestraft worden. Wir haben dann bei der Staatsanwaltschaft Trier beantragt, daß man uns die Namen dieser 39 Personen zu geben, damit wir zumindest bundesweit ein Stadionverbot verhängen können. Man hat uns die Herausgabe der Namen verweigert und mitgeteilt, daß nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Trier keine deutschen Bundesbürger an Straftaten in Luxemburg beteiligt waren. So, jetzt sind Sie dran. Wir werden bestraft von der UEFA, die sagen „das waren Eure” und die eigene Justiz „es waren überhaupt keine Deutschen”. Und natürlich waren es Deutsche.

SCHALKE UNSER:

Nach dem Spiel in Zabrze hatten einige BVB-Fans bei ihrem Spiel gegen Widzew Lodz ein Transparent aufgehängt: „Entschuldigung für Zabrze”. Daraufhin wurden fünf Fans vom DFB zum Länderspiel nach Israel eingeladen. Nun steckte hier keine Gruppe dahinter, die aktiv gegen Ausländerfeindlichkeit arbeitet, sondern wirklich nur um ein Transparent. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, eine Organisation einzuladen, die sich fortwährend und tagtäglich gegen Rassismus einsetzt?

WOLFGANG NIERSBACH:

Das war von denen eine spontane Aktion, weil die gerade gegen Lodz gespielt haben. Und es war eine spontane Reaktion unsererseits. Wir fanden das toll, daß die so reagiert haben. Das war eine oder zwei Wochen nach dem Spiel in Zabrze und das hat wiederum unheimlich positive Wellen in Polen geschlagen. Und wir hatten das Gefühl, daß wir uns dafür bedanken sollten.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.


Das Ding nehmen wir mit

(kh) 21. Mai 1997, 23.22 Uhr, in Mailand: Ein Elfmeter vom Marc Wilmots rauscht “unten links” ins Tornetz, und Jahrzehnte voller Katastrophen, Skandale und Erniedrigungen sind auf einmal wie weggeblasen. Jeder, egal ob in Mailand, ob im Parkstadion oder ganz woanders, hat wohl eigene Erinnerungen an diese Momente. SCHALKE UNSER schreibt über das unbegreiflichste aller Spiele.

Eigentlich fing der größte Triumph der Vereinsgeschichte wie eine “ganz normale” UEFA-Cup-Auswärtsfahrt an: Wie immer traf man sich aus allen möglichen Städten in Gelsenkirchen, wie immer waren die Busse nicht die besten, wie immer waren nicht alle pünktlich am Bus und wie immer hatten die schlimmste Säufer und Pöbler die hinterste Bank in Beschlag genommen, damit auch ja keiner ihrem Geschrei entgehen konnte.

Die nächtliche Anreise gestaltete sich je nach Temperament unterschiedlich kurzweilig, je nachdem, ob man es vorzog, sich für den Finaltag auszuruhen oder lieber in den Finaltag hineinzufeiern. Wer wach geblieben war, konnte dann noch bewundern, wie es unser Busfahrer schaffte, trotz Handy und Funk jeden ständig neu vereinbarten nächtlichen Treffpunkt mit den beiden anderen Bussen unseres Konvois zu verpassen. Schließlich stand er eine geschlagene Dreiviertelstunde an einer Raststätte in Baden und wartete auf Busse, die uns längst überholt hatten. Irgendwie kamen wir dann doch noch gegen Sonnenaufgang in die blitzsaubere Schweiz, wo an einer ebenso blitzsauberen Raststätte wahrscheinlich eine gerade gelandete UFO-Besatzung nicht mehr ungläubige Blicke und Erstaunen verursacht hätte - offensichtlich gibt es in der Schweiz keine Fußballfans.

Gegen Mittag erreichten wir endlich das Ziel der Träume: das Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion. Das Stadion an sich ist der absolute Traum, auch wenn so mancher beim Anblick der riesigen Rampen (statt Treppen) wohl eher an ein Parkhaus gedacht haben mag. Das Stadion-Umfeld hingegen war eher trist, eine reine Teerwüste, und so zogen die meisten zügig zur Straßenbahnstation, um mit der altertümlichen, aber gemütlichen Bahn ins Zentrum zu fahren. Dort hörte man schon einige Stationen vor der Endhaltestelle “Piazza del Duomo” die Gesänge der Schalker Fans, und nur wenige Schritte nach dem Aussteigen bot sich ein überwältigendes Bild: Die ganze Piazza war blau-weiß, überall saßen, sangen, soffen und feierten Schalker Fans.

Selbst im Dom waren viele Schalker anzutreffen, und viele zündeten dort auch eine Kerze für den Sieg an. Wohl weniger aus neu erweckter Religiösität - schließlich ist Schalke ja unsere Religion -, sondern vielmehr aus dem frommen Wunsch, irgendetwas für den Sieg machen zu wollen. Auch in der benachbarten und (normalerweise) sehr noblen Einkaufspassage war alles fest in Schalker Hand. Dies und den schier unendlichen Durst der Schalker hatten natürlich auch die auf dem Platz ansässigen Getränkehändler ziemlich schnell erkannt: Flexibel zeigten sie sich bei der Erhöhung der Bierpreise. Ob allerdings die von einem leicht erbosten und ebenso angetrunkenen Kollegen aufgestellte These “ab morgen braucht der Ober-Mafioso von denen hier nie mehr zu arbeiten” zutraf, war selbst für hartgesottene SCHALKE UNSER-Mitarbeiter nicht herauszufinden.

Zum Abend hin stieg die Spannung ins Unerträgliche, und so ging es recht früh zurück zum Stadion. Das erwies sich von innen noch beeindruckender als von außen, und dem häufig gehörten Satz “egal was passiert, das Ding nehmen wir mit!” ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die Höhe und Anordnung der Tribünen, das tolle Glasdach mit seiner Super-Akustik, und 20 000 Schalker vor Ort - einfach ein Finale, wie man es sich immer erträumt, und doch nie daran geglaubt hatte.

Über das Spiel weiß wohl jeder Leser selbst Bescheid. Wer den Schock durch das doch sooo späte Mailänder Führungstor, die Herzinfarkt-Situation bei Ganz’ Heber und die Ekstase beim Elfmeterschießen erlitten und erlebt hat, wird diese Momente in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen: Als alles vorbei war, ertrank die Schalker Kurve im Jubel und auch in Freudentränen.

So viele Männer habe ich noch nie weinen gesehen wie in der “blauen Kurve” des Mailänder Stadions. Alle konnten es kaum fassen, es war tatsächlich geschafft, und immer wieder sah man diese ungläubigen Blicke: “WIR, ausgerechnet wir “blinden Schalker” (Jens Lehmann) haben den Cup” und alle die anderen “großen” Vereine haben ihn eben nicht” Diese ungläubige Freude war auch den Spielern anzusehen” in diesem Moment fühlten wohl alle Schalker dasselbe.

Irgendwann “schwebte” man dann aus dem Giuseppe­Meazza­Stadion” aß und trank noch ein bißchen und schließlich ging es ohne weitere Komplikationen zurück in den heimatlichen Ruhrpott” wo der Pott und eine weiterer Feier-Tag schon auf uns warteten.


High Fidelity - Low Fidelity

(rk) In den letzten Wochen wurden wir geradezu von einer ganzen Flut neuer Schalke-CDs überrollt. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die meisten Produktionen einfach nur darauf abzielen, eine schnelle Mark zu machen. SCHALKE UNSER - offiziell anerkannt als Tochtergesellschaft des Rolling Stone - machte den ultimativen Schalke-CD-Test.

Schon die Anschrift der Produktionsfirma der ersten zu besprechenden CD “Schalke, mein Schalke” verspricht nichts gutes: 44382 Dortmund. Dieser Verdacht bestätigt sich beim Hören der ersten paar Töne dieser Platte. Ganz übles Gedudel, dumme Schema-F-Beats, nüchtern kaum zu ertragen. Billigste Techno-Cover von “Ja, mir sam mit’m Radl da”, “My Bonnie is over the ocean” und “Im Frühtau zu Berge” werden krampfhaft mit Schalke-Texten versehen. Warum um alles in der Welt muß jeder, der gerade mal mit Ach und Krach einen Furz auf dem Kamm blasen kann, auch noch eine CD davon pressen lassen? Warum? Selbst nach noch so langer überlegung kommen wir nur auf eine einzige logische Antwort: Geld! Den Machern dieser CD sprechen wir jede Art von Idealismus oder guten Willen ab! Der für diese Produktion angeheuerte Fanclub Schalker Kluti’s Ennepetal muß sich wie vergewaltigt fühlen. Spart Euch die 15 Mark!

Aus gleichem schlechtem Hause erreicht uns für 14,95 Mark die CD “Schalke, Schalke” - wie einfallsreich. Das allein ist schon ein ziemlich schlechtes Omen und oh - nein! Der Track “Unsere Elf” von der “Schalke, mein Schalke”-CD ist hier auch mit drauf! Aber zumindest unterscheiden sich die anderen Songs auf dieser von Radio Emscher Lippe produzierten CD etwas von der ersten. So singen hier Elke Heuser & Captain Jupp “Schalke, Schalke” nach der Captain Jack-Melodie von “Soldier, Soldier”. Was im Original schon schlecht ist, wird bei der Kopie wohl kaum besser. Wenigstens ein kleiner Schauer läuft dem Hörer bei der Original-Radioreportage von Andreas Müllers Tor beim Spiel Schalke-Bayern über den Rücken. Doch auch hier gibt’s starke Abzüge in der B-Note, die Reportagenausschnitte sind mit 45 Sekunden viel zu kurz.

Nach solch schwer verdaulicher Kost muß ich mich erst einmal setzen. Kurz durchschnaufen und die nächste CD in den Schlitz schieben. Reflexartig schnelle ich nach oben, stoße mir meinen Kopf an unserer niedrigen Decke: “Steht auf, wenn Ihr Schalker seid!” schallt es aus den Boxen. Für ganze fünf Sekunden singe ich mit, doch dann merke ich, daß mir dieses Gedudel doch irgendwie bekannt vorkommt. Schnell setze ich mich wieder hin. Na klar, schon wieder dieser Captain Jupp und seine gottverdammte UN Promotion & Publishing Firma. Unlizensiert kommt diese CD mit dem Titel “Steh’ auf, wenn Du ein Schalker bist” daher und Ihr werdet es kaum für möglich halten, aber “Unsere Elf”, mittlerweile mehr als gründlich von den ersten beiden CDs bekannt, ist hier schon wieder drauf. Und Captain Jupp jodelt hier tatsächlich noch mal sein “Soldier, Schalke”. Also gerade mal ein neuer (dazu noch schlechter) Song, alles unlizensiert und kosten tut die Scheibe 11,90 Mark. Daß die sich nicht schämen!

Eigentlich müßte man ja denken, daß es viel schlimmer nicht mehr geht. Doch die Band Charisma belehrt uns mit ihrer CD “Halleluja S04″ eines Besseren. Wie tief muß man sinken, damit einem so eine Musik einfällt? Halleluja S04? Gott bewahre! Da heißt es in unserem so heiß und innig geliebten “Blau und Weiß”: “1000 Feuer in der Nacht haben uns das große Glück gebracht” und Charisma singt doch tatsächlich “1000 Feuer sind erloschen, 1000 Blumen sind erwacht - Gelsenkirchen sagt willkommen zur Bundesgartenschau”. Blasphemie für 11,95 Mark das Stück!

Hugo Consol und seine Knappen versprechen da schon allein mit ihrem Namen mehr Bodenständigkeit. Und tatsächlich, der Song “Auf Schalke 04″ hat einen witzigen Text und eine Melodie, die ihn schnell zum Ohrwurm machen lassen. Aber warum muß man ihn in gleich vier Versionen auf eine CD für 15 Mark pressen, auf der sowieso nur fünf Lieder sind? Naja, am gelungensten ist noch die Version des Knappschaftsältesten.

Lang genug gesessen, dachten sich wohl auch Nova Tekk die Macher der nächsten CD: “Steht auf, wenn Ihr Schalker seid!” schallt es mir erneut entgegen. Mensch, hab mich doch gerade erst hingesetzt. Egal, wieder aufstehen, man will ja kein Spielverderber sein. Diesmal ist die Musik einen Tick schneller als auf der “Steh’ auf, wenn Du ein Schalker bist”-Scheibe. Da kann man echt durcheinander kommen. Das Hörenswerte an dieser 19,90 Mark teuren CD sind aber nicht unbedingt die Top Hit-Mixe und Radio-Edits der einzelnen Songs “Steht auf, …” und “Eurofighter-Spitzenreiter” (jeweils in zwei Versionen), sondern die CD-tauglich gemachten Gesänge unserer Mannschaft bei ihrem legendären Auftritt im Aktuellen Sportstudio: “Wir schlugen Roda …”, der Huub-Stevens-Song und die drei Torwand-Knaller von Ingo Anderbrügge sind nicht nur sehens- sondern auch wirklich hörenswert. Von allen Neuerscheinungen scheint uns dies noch die beste zu sein.

Neu ist auch die CD “Die UEFA-Cup-Story”, ebenfalls von Nova Tekk, aber zum Glück gibt’s diesmal keine Musik, sondern die Radioreportagen der entscheidenden Szenen aller sechs UEFA-Cup-Auftritte aufgezeichnet von Radio Emscher Lippe. Unvergessene Momente, die immer wieder eine Gänsehaut verursachen, sind hier auf einem Silberling vereint. Ein bißchen störend wirken dabei jedoch die ziemlich überflüssigen und lang geratenen Einleitungsworte zu jedem Spiel. Bei einer guten halben Stunde Laufzeit sind die 14,90 Mark trotzdem wirklich gut angelegt.

Bei der letzten Neuerscheinung - es ist nicht nur die letzte, sondern auch das letzte - wollten wir unseren CD-Player nicht noch weiter malträtieren. Das haben schon andere gemacht, so die WAZ, aus der wir hier nur allzu gerne zitieren möchten: “Schreit auf, wenn Ihr Schalker seid! Das GE-Hobby-Duo Blue-White-Panthers wird seinem Namen gerecht und reitet per CD (’Die Eurofighter’) sechs gefährliche Attacken auf das Wohlbefinden der Hörer. ‘Steht auf, …’ (im Disco-Fox!) darf nicht fehlen, aber auch Songs wie ‘Schalke 04′ lassen einen fast wünschen, daß die Königsblauen niemals den Cup gewonnen hätten. Klingt wie Rex Gildo im Stimmbruch mit Franz Lambert auf LSD.”


Wir machen Druck