Nummer 16 - 1997/11
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Alles krieg’ ich auch nicht sauber” - Interview mit Flori Simon
Attacke: Pay - Off
Polizei statt Pommes
“Und schon wieder eine Reise, S04″
Der Wilde Osten
“Alles krieg’ ich auch nicht sauber”
(bob/rk) Er ist nunmehr seit über sechzehn Jahren bei Schalke, viel länger als jeder Spieler: Er hat alles mitgemacht, drei Abstiege, drei Aufstiege und den UEFA-Cup-Erfolg. Er ist wahrlich jemand, der aus dem Nähkästchen plaudern kann. SCHALKE UNSER hatte also allen Grund, Zeugwart Flori Simon im Waschsalon des Parkstadions zu besuchen und mit ihm über die Fußballschuhe von Jiri Nemec, verlorene Wetten und Persil Megaperls zu sprechen.
SCHALKE UNSER:
Flori, du bist nun schon seit ewigen Zeiten bei Schalke. Wie bist du zu dem Job gekommen?
FLORI SIMON:
1973 hatte ich Charly Neumann kennengelernt, als ich für ihn auf dem Bau gearbeitet habe. Da hab ich immer mal so kleinere Sachen für den Charly erledigt, hab seinen Garten gemacht und sowas. Dann hab` ich die Fundamente für die Waschmaschinen im Parkstadion gemacht und mitgeholfen, daß hier alles aufgebaut wird. In der Saison 80/81 klappte es dann nicht so ganz mit dem damaligen Zeugwart, und der Charly fragte mich “Flori, willst Du nicht bei Schalke anfangen?” Und so bin ich seit 1.7.1981 Zeugwart bei Schalke.
SCHALKE UNSER:
Woher kommt denn eigentlich dein Spitzname “Flori”?
FLORI SIMON:
Der kam auch vom Charly. Damals lief im Fernsehen eine Serie “Florian, der Blumenfreund”. Und da ich für den Charly auch den Garten gemacht habe, war ich dann der “Flori”. Den Spitznamen hatte ich dann weg, und das schafft auch keiner mehr, mir einen anderen Namen zu geben. Aber selbst viele Spieler dachten, ich würde Florian heißen.
SCHALKE UNSER:
Auf deinem Anrufbeantworter meldest du dich mit “Hier ist Flori, der weiße Blitz”.
FLORI SIMON:
Das hat noch damit zu tun, daß wir vor drei Jahren mit dem Verein Werbung für Persil Megaperls gemacht haben. Der Spot wäre auch noch länger gelaufen, aber das war in der Zeit, als Helmut Kremers Präsident wurde, der ganze Verein hing in der Luft, und so wurde der Spot relativ schnell wieder abgesetzt. Aber als Werbeträger war ich in richtig guter Gesellschaft; da war die Weitspringerin Heike Drechsler und auch Manfred Krug, der unter seinem Auto lag.
SCHALKE UNSER:
Hast du denn mal irgendwelche Reaktionen auf diesen Werbespot bekommen?
FLORI SIMON:
Ich hab erst letzte Woche einen Brief bekommen, den ich noch beantworten werde. Und zwar schrieb mir da jemand aus Hagen: “An die zwei Jahre ist es nun her, daß ich Sie im Werbespot für Persil Megaperls gesehen habe. Ihre Frau hatte Ihnen das Waschmittel empfohlen. Ich hab’ damals zu meiner Frau gesagt ,Sandra, was für Schalke gut ist, ist auch für uns gut.’ Aber so langsam sind meine Frau und ich demotiviert. In den zwei Jahren haben wir unsere gesamte Oberbekleidung mindestens acht- bis neunmal gewaschen, sogar mein gutes Hemd für sonntags. Bei Ihnen ist es so, Sie machen die Schalke-Waschmaschine auf, und heraus kommen supersaubere Schalke-Trikots. Gut, unsere Wäsche ist auch supersauber seit Persil Megaperls, aber Schalke-Trikots ist noch kein einziges aus unserer Maschine gekommen. Lieber Flori Simon, ich würde Sie bitten, mal Butter bei die Fische zu tun und mir mitzuteilen, womit Sie Ihre Wäsche in der Werbung wirklich gewaschen haben, ansonsten laufe ich Gefahr, den Glauben in die Werbung zu verlieren.”
Da kamen auch öfter Briefe von Müttern, deren kleine Jungs auf Asche spielen, und die die weißen Stutzen auch mit Persil Megaperls nicht mehr sauber bekommen. Das kommt bei mir auch vor, alles krieg’ ich auch nicht sauber. Gerade Asche ist schon ziemlich aggressiv. Ich empfehle dann immer, eine Nacht in Schmierseife einzuweichen und dann zu waschen.
SCHALKE UNSER:
Wäschst du denn heute immer noch mit Persil Megaperls?
FLORI SIMON:
Ja, zum Gewinn des UEFA-Cups haben die uns erstmal eine Palette geschenkt, da komm ich vorerst mit aus. Aber auch sonst, Persil ist zwar ein bißchen aggressiv, aber länger als ein Jahr müssen die Trikots ja sowieso nicht bei mir halten.
SCHALKE UNSER:
Stimmt die Geschichte, wie sie Charly Neumann immer erzählt, daß Schalke vor der Zeit von Günter Eichberg noch nicht einmal mehr Waschpulver hatte, um die Trikots zu waschen?
FLORI SIMON:
Ich hatte wirklich den Auftrag von Dr. Fenne bekommen, daß ich zehn Prozent von meinem Etat einsparen müßte. Da hab ich ihn gefragt “Wie soll ich das machen, soll ich die Wäsche nicht mehr waschen?”. Da hab ich dann billigeres Waschmittel gekauft, wovon ich dann aber wieder mehr reintun mußte, so daß es im Endeffekt aufs gleiche rauskam.
SCHALKE UNSER:
Verändert sich denn die Arbeit eines Zeugwarts mit dem internationalen Erfolg?
FLORI SIMON:
Ja, das auf jeden Fall. Das war letzte Saison schon mehr Arbeit, schon allein, weil wir viel mehr unterwegs waren und es viele englische Wochen gab. Aber wenn man dann sieht, daß so ein Erfolg rausspringt, dann steht alles andere hintenan, dann hat es sich auch gelohnt.
SCHALKE UNSER:
Du bist mehr als nur Zeugwart, bei Deiner verlorenen “Glatzenwette” in Mailand hat man gemerkt, daß du diesen Erfolg auch selbst herbeigesehnt hast?
FLORI SIMON:
Die “Glatzenwette” ist vor dem Rückspiel gegen Brügge entstanden. Ich bin ganz ehrlich, ich hab nicht dran geglaubt, daß wir bis ins Endspiel kommen. Was waren da noch für ruhmreiche Vereine drin, seien es Monaco oder Inter Mailand? Wer daran wirklich geglaubt hat, der ist ein Phantast gewesen. Unsere Stärke war einfach, daß wir nichts zu verlieren hatten. Aber als wir dann zu Hause 1:0 gegen Mailand gewonnen hatten, da war natürlich alles drin.
SCHALKE UNSER:
Hast du auf dem Weg zum Cupsieg auch schlechte Kabinen erlebt?
FLORI SIMON:
Wir hatten in der Hinsicht Glück, daß wir in Holland, Türkei, Belgien, Spanien und Italien waren. Ich weiß nicht, wie es in Rumänien, Bulgarien oder in den russischen Staaten aussieht. Wo wir waren, die hatten alle den Standard wie in der Bundesliga, vielleicht mit Ausnahme von St. Pauli, die hatten in der letzten Saison mit Abstand die schlechtesten Umkleidekabinen. Ein bißchen enttäuschend war Mailand. Für dieses tolle Stadion, das zweimal umgebaut wurde? An den Kabinen haben sie nicht viel gemacht.
SCHALKE UNSER:
Gibt es einen Erfahrungsaustausch mit anderen Zeugwarten? Wir haben gehört, daß der Platzwart von Mönchengladbach glühender Schalke-Fan ist.
FLORI SIMON:
Man unterhält sich schon mal mit anderen Zeugwarten und holt sich da Tips. Der Gladbacher Platzwart ist wirklich Schalke-Fan, dem hab’ ich schon mal ein Trikot und einen Schal von uns mitgebracht. Im stillen drückt er uns immer so ein bißchen die Daumen, auch wenn wir da spielen.
SCHALKE UNSER:
Gibt es unter den Spielern auch einen Aberglauben in der Umkleidekabine?
FLORI SIMON:
Aberglaube gibt es in der Hinsicht, daß sich der ein oder andere Spieler in der Auswärtskabine auf einen anderen Platz hinsetzt, weil er vielleicht auf dem ihm zugewiesenen Platz beim letzten Spiel gesessen hat und wir da verloren hatten. Jeder ist ein bißchen abergläubisch, der eine mehr, der andere weniger. Es gibt welche, die ziehen grundsätzlich erst den linken oder rechten Schuh an, viele wollen nicht als erste aus der Kabine, manche drehen so viele Runden, daß sie als letzte die Kabine verlassen. Also, so etwas gibt es schon.
SCHALKE UNSER:
Welcher Spieler saut sich denn am meisten ein?
FLORI SIMON:
Das kommt natürlich auch auf den Spielertypen an. Ein Abwehrspieler sieht meistens drekkiger aus als ein Stürmer. Es kommt auch drauf an, welcher Spieler sehr viel gefoult wird. Jiri Nemec oder Radek Latal z.B. gehen sehr oft zu Boden, die sehen natürlich etwas dreckiger aus. Aber am Ende kommen die Hosen in die Maschine, und wenn sie rauskommen und sind nicht ganz sauber, dann werden sie eben nochmal gewaschen.
SCHALKE UNSER:
Wie ist das denn, wenn die Spieler ihre Trikots ins Publikum werfen, der Verein sieht das nicht so gerne?
FLORI SIMON:
Einerseits kostet das immer Geld, und ich hab dann die Arbeit. Wenn ich die Waschmaschinen leere, sehe ich ja, was fehlt, und dann muß ich entsprechend die Trikots nachmachen lassen. Beim UEFA-Pokal ist ein ganzer Satz weg gewesenen. Man kann sagen, daß in jeder Runde im UEFA-Pokal 36 Trikots weg sind. Beim Heimspiel versuche ich noch immer einen Satz zu retten, dann nehme ich dem Spieler in der Halbzeit das dreckige weg, dann kann er höchstens eins behalten.
SCHALKE UNSER:
Du arbeitest also mit allen Tricks.
FLORI SIMON:
Ja und wenn ich das nicht finde, dann muß ich auch schon mal im Schrank gucken. Ich nehme an, daß, wenn wir gegen Braga weiterkommen, die Trikots wieder weg sind. Aber das ist ja kein Verhältnis des Preises eines Trikotsatzes zum Weiterkommen. Das bringt Millionen und so ein Trikot-Satz kostet vielleicht 1.500 Mark.
SCHALKE UNSER:
Gab es für dich auch so etwas wie eine Lieblingstruppe auf Schalke, wo es vielleicht sportlich nicht so geklappt hat, aber menschlich gestimmt hat?
FLORI SIMON:
Das war damals eine Supertruppe mit Klaus Täuber, Walter Junghans, Michael Jakobs und Enatz Dietz. Vielleicht zu vergleichen mit der von heute. Die haben zwar nicht den großen Erfolg gehabt, aber die Truppe stimmte menschlich damals wie jetzt.
SCHALKE UNSER:
Bist du eigentlich für die Mini-Trikots, die man ins Auto hängen kann, verantwortlich? Sind dir da ein paar Trikots eingelaufen?
FLORI SIMON:
Nein, nein, ich hab zwar auch mal solche Mini-Trikots bei mir im Auto gehabt, aber die sind mir nicht eingelaufen, die hatte ich aus dem Fan-Shop. Ich hab auch schon mal einen Satz Trikots reklamiert, weil sie eingelaufen waren. Aber da schrieb Adidas, ich hätte sie mit 140 bis 160 Grad getrocknet, obwohl mein Trockner gar nicht so weit geht.
SCHALKE UNSER:
Was passiert eigentlich mit lädierten Fußballstiefeln?
FLORI SIMON:
Die werden zum Schuster gebracht. Gerade erst heute morgen habe ich vier einzelne Schuhe dort hingebracht. Der Olaf hatte die Hacke eingetreten, und bei den anderen war ein weißer Streifen lädiert.
SCHALKE UNSER:
Haben die Spieler manchmal auch Lieblingsschuhe, die sie nicht hergeben möchten, obwohl sie kaputt sind?
FLORI SIMON:
Der Jiri Nemec hat Schuhe, die trägt er, seit er hier auf Schalke ist. Die waren schon `zig mal beim Schuster, sind von innen getapet. Aber der kann die auch länger tragen, weil er überwiegend mit Noppen spielt. Nur bei schlechten Witterungsverhältnissen nimmt er Stollenschuhe. Bei den Spielen hab ich aber natürlich immer Ersatz dabei. In den 16 Jahren ist das erst einmal passiert, daß ein Schuh zu Bruch ging. Damals hat Uwe Wassmer in Freibug einen Preßschlag bekommen, aber auch da brauchte ich keinen Ersatzschuh, weil er da auch den Mittelfuß gebrochen hatte. Dazu kommt noch, was man sonst alles mithaben muß: Schnürbänder, Kaugummi, Spielführerbinde, Unterziehhosen, da kommt einiges zusammen.
SCHALKE UNSER:
Gibt es denn auch Geheimtips? Ernst Kuzorra soll sich ja damals, wenn der Platz mit Schnee bedeckt war, seine Schuhe mit Petroleum eingesprüht haben.
FLORI SIMON:
Eine Petroleumspritze hab ich auch hier. Bei Schnee sprühe ich jeden Schuh kurz vor Anpfiff nochmal ein. Der Schnee bleibt dann eine ganze Zeit nicht unter dem Schuh kleben.
SCHALKE UNSER:
In Köln stand neulich ein Einwechselspieler ohne Trikot da…
FLORI SIMON:
Das ist mir auch schon passiert, Sergei Dikhtiar hatte bei einem Hallenturnier nur ein T-Shirt an, da war das natürlich nicht so gravierend. Aber da geb ich dem Kölner Zeugwart keine Schuld. Wenn man als Zeugwart auch dafür noch verantwortlich wär, dann bräuchte man ja allein drei Mann, die nur darauf aufpassen, wie die Spieler aus der Kabine gehen. Da geht demnächst sicher einer nochmal ohne Hose raus. Da ist der Spieler allein für verantwortlich. Das wird dem Kölner Vertragsamateur sein ganzes Leben nicht mehr passieren.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.
Attacke: Pay - Off
Medien und Politiker aus allen Ecken schreien auf: Der Fußball geht unter, der Ausverkauf des Fußballs beginnt, es droht eine Zweiklassengesellschaft, die Interessen der Fußballfans werden mit Füßen getreten.
Was ist passiert? Hat plötzlich jemand bemerkt, daß Montagsspiele und Anstoßzeiten von 15 Uhr oder früher an Wochentagen dem Fan den Spielbesuch (man kann Fußball übrigens auch noch live im Stadion und nicht nur im TV verfolgen) fast unmöglich machen, nur weil dieser Termin den Fernsehanstalten besser in den (Werbe)Kram paßt?
Klar, BezahlFernsehen ist einfach nur Scheiße, aber im Vergleich zu dem, was uns Fans in der Vergangenheit eingebrockt wurde, ist es nur ein weiterer kleiner, eigentlich sogar ein ziemlich unwichtiger Mosaikstein auf dem Irrweg in die Fernseh-Fußballwelt.
Hat etwa jemand registriert, daß kaum noch Stehplätze in den Stadien vorhanden sind? Oder hat jemand aus Politik oder Medien plötzlich selbst einmal die explosionsartig gestiegenen Eintrittspreise in manchen Stadien bezahlen müssen? Nein es geht nur um PayTV und die Tatsache, daß einige Länderspiele zukünftig nicht mehr unverschlüsselt von jedem vor der heimischen Glotze verfolgt werden können.
Wird die Fußballwelt untergehen, wenn 2002 das WMViertelfinalspiel Malta gegen Island nicht von der heimischen Couch, sondern nur in der Kneipe nebenan verfolgt werden kann? Werden Fan-Interessen wirklich mit Füßen getreten, wenn nicht mehr vier Erst- und Zweitliga-Spiele pro Wochenende live im Pantoffelkino zu sehen sind?
Droht der kollektive Untergang des Morgen und des Abendlandes, wenn wir demnächst nicht mehr den zarten Stimmen von Wontorra, Beckmann, Hartmann und Faßbender lauschen dürfen? Oder ist das jetzt stattfindende Gequieke von Medien und Politik am Ende nur die Heuchelei genau derer, die die Fernseh und Werbegeister vor gar nicht allzu langer Zeit selbst riefen und sie jetzt nicht mehr loswerden wollen? In England und Frankreich hat die Politik den Sport zum Kulturgut erklärt, zu dem jeder Zugang haben muß, auch der Fernsehzuschauer. Okay, die Einstufung der Spiele der deutschen Nationalmannschaft als nationales Kulturgut wäre der Gag des Jahrzehnts, aber möglich ist es.
Übrigens: Pay-TV kostet momentan monatlich genauso viel wie eine Stehplatzkarte hinterm Tor bei einem ganz normalen Ligaspiel nahe Lüdenscheid…
Polizei statt Pommes
(kh) Nachdem die erste Runde im UEFA-Cup halbwegs souverän überstanden worden war, hatte der Gegner in Runde Zwei schon ein anderes Kaliber: Der belgische Rekordmeister RSC Anderlecht wurde aus dem Lostopf gezogen, ein Verein, der seit 35 Jahren ununterbrochen international spielt. Da der RSC in der nächsten Saison wegen einer erst jetzt herausgekommen Schiedsrichterbestechung im Jahr 1984 international gesperrt ist, haben wir Schalker also nur noch 33 Jahre vor uns, bis wir den Rekord brechen… .
Nun, wie schon im Vorjahr nach Brügge machte sich “aus Sicherheitsgründen” eine blau-weiße Buskarawane mit 5 000 Fans auf den Weg aus dem Ruhrgebiet nach Brüssel. Zum Glück hatten die Verantwortlichen von Verein und Fanclub-Verband aus dem Chaos der Brügge-Fahrt im letzten Jahr gelernt (”Wo ist Bus 41?” - “Der ist schon weg! Oder steht der noch hinten am Stadion?” “Hier wird gefragt, wo der Bierstand ist - zu Recht, wie ich meine.”), und nicht mehr alle Busse “mußten” am Parkstadion abfahren.
So wurde das Ruhrgebiet schnell hinter sich gelassen, und bereits gegen Viertel vor zwei passierten wir das Schild “Brüssel 70 km” an der Autobahn. Die meisten der Beteiligen sahen sich schon ein leckeres oder zumindest “interessant schmeckendes” belgisches Bier in einer Kneipe in Stadionnähe trinken, bis man von einem belgischen Motorradpolizisten unsanft aus seinen Träumen gerissen wurde. Dieser lotste den Bus auf einen Autobahnparkplatz, wo schon drei bis vier andere Schalker Busse standen. Alles kein Problem, dachten wir, denn ein sofort herbeigeeilter Polizist versicherte unserem Busfahrer, daß es “in zehn Minuten” weitergehen würde.
Nach einer geschlagenen Stunde setzten sich dann die Busse wieder Richtung Brüssel in Bewegung, um dann schließlich an der Autobahnabfahrt am Stadion erneut fast eine halbe Stunde festgehalten zu werden.
Weiter ging es in ein reichlich finsteres Wohngebiet, von wo aus es nur knapp zwei Kilometer zum Stadion zu laufen waren. Offensichtlich muß auf dem Weg zum Stadion eine halbe Stunde vorher noch eine Anti-Atom-Demo stattgefunden haben, denn anders wäre das massive Aufgebot an Polizei, Panzerfahrzeugen und Wasserwerfern nicht zu erklären gewesen…
Am Constant-Vanden-Stock angekommen war es natürlich reichlich spät geworden, so daß es statt Pils und Pommes in einer netten Kneipe nur zu einigen unglaublich teuren Imbissen reichte. Das Stadion selbst war zwar ganz nett anzusehen, doch die Sicht von den Stehplätzen war extrem schlecht, und irgendwie ist es schon ein komisches Gefühl, beim Spiel von Schampus-schlürfenden VIPs von hinten beobachtet zu werden. Bemerkenswert war auch die belgische Stadion-Hymne, die tatsächlich so anspruchsvoll war, daß jeder diese an der Tafel ablesen konnte: “Lalalalala”. Zum Spiel selbst läßt sich eigentlich nur sagen: eine Stunde Zittern, doch dann gab halt die Routine des “Titelverteidigers” den Ausschlag .
Die in Bürgerkriegsstärke aufgelaufene Polizei war dann erwartungsgemäß genau wie in Brügge das eine Mal nicht da, als sie gebraucht wurde. Als im Oberrang Randale aufkam, weil Schalker und Anderlechter aufeinanderprallten, mußten die Polizisten tatsächlich am Spielfeldrand entlang durch das halbe Stadion joggen, um zu ihrem Einsatzort zu kommen. Einfach unglaublich. Des weiteren fragt man sich, wie in einem neuen Stadion im Fan-Block der Belgier ein Zaun umkippen kann, so daß vier Personen verletzt wurden.
Nach dem Spiel wurden wir dann zum Bus zurückgetrieben, und da alle Parkplätze und Raststätten in Belgien und den Niederlanden für Schalker gesperrt waren, erreichte man mit prallvoller Blase und hängendem Magen wieder nordrheinwestfälischen Boden.
Dank des Weiterkommens und der wirklich phantastischen Stimmung (”Klein-Mailand” trifft es vielleicht ganz gut) war es aber trotz manch unangenehmer und überflüssiger Begleitumstände eine der UEFA-Cup-Touren, an die man sich gerne zurückerinnern wird.
“Und schon wieder eine Reise, S04″
(pr) Was hatte man uns vor Split gewarnt und als lebensmüde abgestempelt. Hölle und Randale würden uns von der Torcida, dem bekanntesten HajdukFanclub, im und am Poljud-Stadion erwarten. Nur 600 Königsblaue wollten die Alternative, Heribert Faßbender kommentiert das Spiel in der ARD” nicht live erleben und machten sich per PKW, Bus, Zug, Schiff und Flieger in Richtung Kroatien auf - Valencia, Teneriffa und Mailand haben wohl zu einem Urlaubs- und Geldmangel geführt.
Das Ergebnis vor Ort: Unzählige Hajduk-Fans, die in der sehenswerten Altstadt von Split und am PoljudStadion unbedingt mit uns reden und Pivo schlürfen wollten. Auch bei einer Runde, die wir eine Stunde vor dem Anpfiff um das Stadion drehten, gab es nur freundliche Reaktionen. So war es nicht verwunderlich, daß bei Spielbeginn viele blauweiße Trikots im Schalker Block mit einem rotweißblauen HajdukSchal geschmückt waren. Dazu eine Stadion-Atmosphäre, die europaweit ihresgleichen sucht. Selbst nach dem alles entscheidenden 2:3 durch Rene Eijkelkamp wurde die heimische Mannschaft von der SplitKurve bis zum Schlußpfiff immer noch frenetisch gefeiert.
Allerdings gab es in dieser gastfreundlichen Atmosphäre auch einen dunkelbraunen Beigeschmack. Die beiden in luftiger Höhe aufgepinselten Hakenkreuze am Stadion-Zugang störten bei den Split-Verantwortlichen anscheinend niemanden, und bei manch deutschnationaler Parole, die einige wenige Kroaten in der Altstadt offensichtlich unbedingt von sich geben mußten, überlege ich heute noch, ob es Provokation (dann geschmacklos) oder eigene Meinung (dann schwachsinnig) war.
Es muß aber auch noch jemand erwähnt werden, der in der Vergangenheit häufig angegriffen wurde: Das Reisebüro Mengede wurde als offizieller Veranstalter des öfteren (auch im SCHALKE UNSER) kritisiert, schlichtweg zu teuer zu sein. 666 Mark für Flug, Transfer und Eintrittskarte war okay, zumal alle Reiseteilnehmer vor und nach dem Spiel zu Speis’ und Trank eingeladen wurden: nette Geste.
Nur noch acht Spiele und wir sind wieder im Finale. Bis dahin wird Jens Lehmann aber noch einige zusätzliche Trainingseinheiten absolvieren müssen. Abschläge, Flankenpflücken und Herauslaufen klappte zwar wie üblich hervorragend, aber das Trikotwerfen in die Schalker Kurve sollte Huub Stevens mit Jens mal ausgiebig üben. Dann lassen sich Würfe, die in luftiger Höhe auf einem Lautsprechermast enden, langfristig vermeiden.
Was von diesem KroatienTrip im Gedächtnis bleiben wird? Viel Nachdenken über die Situation in Kroatien und die Feststellung, ein einmaliges Erlebnis live im Stadion miterlebt zu haben: ein Kopfballtor von Rene Eijkelkamp.
Der Wilde Osten
(rk) Seit nunmehr einem Jahr läuft das Fanaustauschprojekt “Unter gleichen Farben” der Schalker Fan-Initiative mit den Fans des polnischen Erstligisten Lech Posen. Am zweiten Septemberwochenende machten wir uns mit zwölf Schalkern erneut auf, diesmal um der Begegnung Lech Posen gegen Rakow Czestochowa beizuwohnen. Wir hatten nicht nur eine große Portion Neugier, sondern auch Yves Eigenrauch im Gepäck, der seine Verletzungspause nutzte, um Einblicke in eine völlig andere Fußball-Welt zu gewinnen.
Nach einer neunstündigen, feucht-fröhlichen Zugfahrt erreichten wir am Samstagmorgen den Bahnhof von Posen. Die 600.000 Einwohner-Stadt befindet sich, wie das gesamte Polen, in einem totalen Strukturwandel. Posen ist auf dem beschwerlichen Weg vom Sozialismus zum Kapitalismus, was sich auch daran bemerkbar macht, daß sich bereits um 6 Uhr morgens auf den Straßen eine fast hektisch wirkende Betriebsamkeit breitmacht und nahezu jeder Zweite mit einem Handy telefoniert.
Mittags wurden wir von den Lech-Fans, allen voran Anführer Uszol, empfangen und uns die malerische Altstadt gezeigt. Einigen Kneipenbesuchen folgte ein Besuch des Standesamts, um zu sehen wie ein Lech-Fan heiratet. Wir platzten genau in das Ja-Wort, der Bräutigam fühlte sich zwar unglaublich geehrt, uns war das ganze aber eher peinlich - wir mit unseren Schals und Schalke-Trikots inmitten von festlichen Zweireihern. Zum guten Schluß mußten wir uns sogar noch allesamt in das Hochzeitsbuch eintragen und mit dem Hochzeitspaar anstoßen.
Nachmittags ging es dann in das Stadion “PKP Lech”, wo bereits 3500 Lech-Fans und ganze fünf Rakow-Fans auf den Anpfiff warteten. Die polnische Fan-Szene läßt sich mit der in der BRD nicht vergleichen: Im Stadion tummeln sich ausschließlich Hooligans, ihr Anführer “Uszol” hat sich in der Kurve eine Metallkanzel errichtet, von der er seine Schlachtgesänge anstimmt. Einer gibt den Ton an, alle anderen “folgen” ihm. Ein Bild, an das man sich erst einmal gewöhnen muß. “Uszol” begrüßte uns lautstark vor der gesamten Kurve und plötzlich sang das gesamte Stadion “Lech und Schalke - Ohoh”. Beim Namen “Schalke” setzte sich ein Funkeln auf die Augen der Lech-Fans, hatten sie doch alle den Weg zum UEFA-Cup-Sieg mit großem Interesse am Fernseher verfolgt. Yves wurde per Stadiondurchsage begrüßt, und sofort bildete sich eine Fan-Traube, die um Autogramme bat.
Dieses Spiel verlief ausnahmsweise ruhig, aber das Hooligan-Problem in Polen bleibt dominierend. Bei Spielen gegen die Rivalen Widzew Lodz und Legia Warschau kommt es zu unfaßbaren Szenen, Gewalt ist unvermeidlich. Unglaublich, aber wahr: Mittlerweile beschränken sich die Hooligans nicht mehr auf “plumpe” Schlägereien im und ums Stadion herum, sondern inszenieren geplante Überfalle auf gegnerische Fangruppen. Vor kurzem waren DanzigFans auf der Rückreise eines Auswärtsspiels. Die Lech-Fans schleusten einen ihrer Männer in den Zug und dieser zog zum vereinbarten Zeit- und Treffpunkt die Notbremse. Draußen wartete bereits der Rest der Meute und stürmte die Abteile.
Allein in diesem Jahr soll es in der polnischen Liga vier Todesopfer gegeben haben, in der letzten Saison noch mehr. Wie viele es tatsächlich waren, wollten uns die Lech-Fans nicht verraten. Zum Glück blieb diesmal alles ruhig, und die Lech-Fans konzentrierten sich auf das Anfeuern ihrer Mannschaft. Posen gewann das Spiel schließlich souverän mit 5:0 und macht sich nun Hoffnungen, nächstes Jahr im UEFA-Cup-Wettbewerb vertreten zu sein (”… Lech Posen sowieso …”).
Am Abend trafen wir uns mit den Lech-Fans in der Disco “Jama”, in der auch Yves in Anbetracht der vielen hübschen weiblichen Geschöpfe des öfteren die Hand vor seine Augen halten mußte. Wir haben echt noch nie so viele toll aussehende Frauen auf einmal gesehen. Vier Spieler von Lech Posen hatten sich ebenfalls in der Disco eingefunden, sie führten mit Yves Fußball-Fachgespräche und lenkten ihn dadurch ein wenig ab. Bei Smirnoff-Wodka und Apfelsaft stimmten wir zusammen mit den Lech-Fans bis tief in die Nacht noch häufig den gemeinsamen Schlachtruf “Lech und Schalke” an. Sonntag Mittag fand eine abschließende Diskussionsrunde statt, in der Eindrücke aus beiden Fan-Szenen gesammelt und ausgewertet wurden. Der bittere Geschmack der gewaltsamen Auseinandersetzungen der polnischen Fans blieb dabei leider bestehen. Natürlich konnte es auch nicht die Aufgabe der Schalker Fan-Initiative gewesen sein, die polnischen Fußballfans mit dem erhobenen Zeigefinger zu belehren. Dennoch war es wichtig, den Posen-Fans ein anderes Bild von Fußballfans zu präsentieren: Das Bild, das die Schalker in ganz Europa beliebt gemacht hat, das Bild des feiernden und friedlichen Fans. Es bleibt nur zu hoffen, daß sich auch die polnische Fan-Szene in diese Richtung bewegen wird.
Ein herzlicher Dank richtet sich an das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW und an die Solidarnosc, die diesen Fan-Austausch finanziell ermöglichten. Im nächsten Jahr werden wir den Fan-Austausch mit dem britischen Club Newcastle United ausweiten. Anmeldungen zu dieser Fahrt können dann im Fan-Laden (Tel.: 0209/24104) eingereicht werden.

