Nummer 17 - 1998/03

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Orden am Revers
90% für das Ernst-­Kuzorra-­Stadion
“Sven Kmetsch geht sicher lieber von Hamburg weg, als Thomas Linke von Schalke.” - Interview mit Thomas Linke
“Ich habe Eure Zukunft gesehen, sie wird Euch gar nicht gefallen”
Ich wollt’, mir wüchsen Flügel



Orden am Revers

(rk) Im November letzten Jahres wurde der Schalker Fan-Initiative vom Deutschen Bundestag der Förderpreis “Demokratie leben” verliehen, eine Auszeichnung für “herausragendes bürgerliches Engagement”. Wie auch dreißig weitere Initiativen bekamen wir eine Urkunde aus den Händen von Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth überreicht.

Gewiß freuen wir uns über diese Wertschätzung, aber Auszeichnungen von Politikern sind immer so eine Sache. Mit einem feuchten Händedruck und einem verschmitzten Lächeln sagen sie einem “Ganz prima, was Ihr da auf die Beine gestellt habt, macht weiter so.” Wir von der Schalker Fan-Initiative denken auch, daß wir “ganz prima etwas auf die Beine gestellt haben”, aber das wußten wir schon vorher.

Das Problem ist, daß es meist bei diesen schönen Worten, dem feuchten Händedruck und dem verschmitzten Lächeln bleibt. Um finanzielle Unterstützung für Projekte wie dem Fan-Austausch mit Lech Posen, Newcastle United und Roda Kerkrade mußten wir kämpfen bis zum Umfallen. Die Prioritäten werden in dieser Republik leider z. Zt. anders gesetzt und wir fragen uns, wie das mit dem “macht weiter so” funktionieren soll, wenn es nur bei diesen leeren Worthülsen bleibt.

Die Brisanz des polnischen Hooliganproblems wird von politischer Seite immer noch total unterschätzt. Immerhin haben diese Fan-Treffen einen Denkprozeß in Gang gesetzt, der riesige Auswirkungen auf die gesamte Fan-Szene in Polen haben kann. Um aber dahin zu kommen, bedarf es sicher noch einiger Fan-Treffen, die aber sicher nicht mit Urkunden finanziert werden können.


90% für das Ernst-­Kuzorra-­Stadion

Die Ergebnisse des Jahrespolls 1997

(stu) Hätten wir beim Erstellen der ersten SCHALKE UNSER-Umfrage geahnt, was wir uns da für eine Arbeit aufhalsen würden, hätten wir es wahrscheinlich bei maximal 10-15 Fragen belassen. 75 Stunden - fast zwei volle Arbeitswochen - haben wir für die Auswertung gebraucht. 437 Fragebögen haben wir zurückbekommen. Vielen Dank! Dennoch sind wir froh, uns die Mühe gemacht zu haben, denn die Ergebnisse geben einen interessanten Einblick in die Schalker Köpfe!

Eins vorweg: Bei einigen Fragen haben wir uns etwas dumm angestellt, weil eine vernünftige Auswertung gar nicht möglich war und viel zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Bei anderen wiederum wurde deutlich, daß einige Herrschaften die Fragen nicht richtig gedeutet haben (z.B. die nach der größten Stadionwurst) oder an einem Humorausfall gelitten zu haben scheinen. Trotzdem hat uns die Auswertung viel Spaß bereitet - ääährlich.

Allgemeine Angaben zur Leserschaft

Nur 10% der Befragten waren weiblich. Viel zu wenig, wie wir meinen. Laut Umfrage ist der durchschnittliche Schalke-Fan 26-35 Jahre alt (51%). Weitere 32% sind zwischen 16 und 25. Nur 17% kommen direkt aus Gelsenkirchen, eine Zahl, die Schalkes unheimliche Popularität in ganz Deutschland unterstreicht. 66% der Befragten schauen sich das Spiel in der Nordkurve an, auf der Haupttribüne sitzen 17%, auf der Gegengerade sind es 12%, und 5% bevölkern die Südkurve. Der Schalke-Fan besucht im Schnitt 17,2 Spiele im Jahr. Wieviel Geld dabei ausgegeben wird, können wir leider nicht beurteilen, da viele offensichtlich nicht den Betrag pro Jahr, sondern den pro Spiel angegeben haben. Anders sieht es bei der Anzahl der zu Hause rumliegenden Pfandbecher aus. Der Durchschnitts-Schalker hat 3,76 Bierbecher mit nach Hause genommen. Bei einem Zuschauerschnitt von 40000 wären das hochgerechnet 150400 Becher! Na denn, Prost!

Wenn Ihr Berti Vogts eine Frage stellen dürftet, hätten die meisten ihn gefragt a) wann er endlich aufhört b) warum so wenig Schalker in der Nationalelf spielen und c) warum er so selten ins Parkstadion kommt. Hier hätten wir uns auch etwas mehr Humor gewünscht. Wie bei der Frage, warum Jiri Nemec noch nicht in der Nationalmannschaft gespielt hat. Oder war das etwa ernst gemeint?

Die SCHALKE UNSER Top Ten

Welchen drei Personen des öffentlichen Lebens gönnst Du es am ehesten, von zu spät angekommenen Gästefans in einem Dixie-Klo umgekippt zu werden?

1. Dr. Helmut Kohl
2. Andreas Möller
3. Uli Hoeness
4. Berti Vogts
5. Theo Waigel
6. Jürgen Möllemann
7. Günter Eichberg
8. Lothar Matthäus
9. Ulf Kirsten
10. Gerd Niebaum

SCHALKE UNSER

29% gaben an, bisher alle Ausgaben des SCHALKE UNSER gelesen zu haben: 28% landeten bei 11-15 und 26% haben 6-10 gelesen. Im Schnitt wird jedes einzelne Exemplar von ca. 3 Personen gelesen, der Kreisel dafür von 55%. Nur 44% kaufen das SCHALKE UNSER im Stadion. Der Grund für diese ziemlich niedrige Zahl: 37% haben es abonniert. Noch besser ist es, es wie 12% der Befragten im Fan-Laden bei ‘ner Tass Kaff zu kaufen.

Welchen Themen sollen wir uns in Zukunft widmen: Viele wollen ‘was zum Thema “neues Stadion” lesen. Hier ist es schwer, an Information zu kommen, da sich der Verein bedeckt hält. Wir bleiben jedoch dran. Alle Wünsche werden demnächst in der Redaktion besprochen, damit das SCHALKE UNSER am Puls der Schalke-Fans bleibt. Den meisten gefällt der Humor, besonders die Seitenhiebe auf einen Vorortverein aus der Nähe von Lüdenscheid, auch das Erotikposter ist äußerst beliebt.

Kritik haben wir natürlich auch erhalten (Bildqualität, z.T. fehlende Aktualität), und wir freuen uns über die konstruktiven Vorschläge (”den Drucker umbringen”). Daß wir nur viermal im Jahr erscheinen, liegt daran, daß wir ganz nebenbei auch noch andere Jobs haben. Also nicht meckern, mitmachen. Die häufigste Antwort auf die Frage, was Euch am SCHALKE UNSER nicht gefällt, war: nichts! Ohne Scheiß! Dafür vielen Dank. Besondere Beliebtheit erfuhr das SCHALKE UNSER als “Unterlage für wackelnde Kneipentische”. Außer “sammeln”, “verschenken” und “an die Wand hängen”, kann man damit auch “Fliegen erschlagen”, “Lüdenscheider aufs Trikot bügeln”, “ins Koreanische übersetzen” und auch “Frauen imponieren”. Tja, wenn ich das nur vorher gewußt hätte.

70% lesen das SCHALKE UNSER am liebsten zu Hause, wovon 40% es bevorzugt auf’m Klo (einer sogar auf’m Dixie-Klo) lesen! Also, ehrlich. Einige lesen es gerne auf der Arbeit. Wie z.B. ein Postbeamter, “um am Schalter glaubwürdig lachen zu können”. Vom Gruppenzwang im Fanclub war auch zu lesen. Während ein anderer Schalker angab, das SCHALKE UNSER “um meinen geistigen Horizont zu erweitern” zu lesen, mußten wir trotzdem mit Enttäuschung feststellen, daß anscheinend nach dem Motto “Schalke, sonst nix” nur wenige Schalker bereit sind, mal über den Tellerrand zu gucken und andere Fanzines zu lesen. Wenn diese gelesen werden, dann am liebsten das St. Pauli-Fanzine “Der Übersteiger” oder der Offenbacher “Erwin”.

Als der am meisten gewünschte Interviewpartner erwies sich Huub Stevens, gefolgt von Marc Wilmots, Berti Vogts (!), Harald Juhnke (!!), Jiri Nemec und Thomas Linke (gesagt, getan). Sogar Frau Stevens erhielt eine Stimme. Ob das gut ginge. Die Frage, ob sich das SCHALKE UNSER in eine AG verwandeln sollte, hat mehrere Leute durcheinander gebracht. “Was wollt ihr mit einem Atom-Graftwerk” meinte einer ganz entsetzt, wohl an Castor denkend. Leute, die uns anscheinend ein bißchen besser kennen, vermuteten direkt eine “alkoholische Gemeinschaft” hinter der Abkürzung. Nach reiflichem Überlegen haben wir uns jedoch für die GmbH-Variante (geh’ mal Bier holen) entschieden.

Bester Schalker Spieler des Jahres 1997

Marc Wilmots (40,73%)! Aber knapper geht’s wirklich nicht! Nur eine Stimme trennte ihn von Olaf Thon (40,51%)! Auf Platz 3 drei folgte Jiri Nemec (5%), dahinter Jens Lehmann (4%).

Schönste Rückennummer

Die 24 (15%), welche denn sonst?

Tor des Jahres 1997

War der Elfer von Marc Wilmots im UEFA-Cup-Finale in Mailand (34%). Gefolgt durch das 1:0 im Hinspiel gegen Inter durch Marc Wilmots (26%), das 1:0 gegen die Seuche durch Ingo Anderbrügge (13%) und das 1:1 in Brügge durch Mike Büskens (6%), was eigentlich nicht zählt, weil es 1996 fiel.

Größte Enttäuschung 1997

War ganz klar die Niederlage im DFB-Pokal gegen Trier (23%), gefolgt durch den Weggang Thomas Linkes zu den Bayern (12%).

Bestes Spiel 1997

Eigentlich die dümmste Frage der Welt: UEFA-Cup-Endspiel in Mailand. (42%). Bestes Bundesligaspiel war das 2:0 zu Hause gegen Mönchengladbach (15%).

Schlechtestes Spiel 1997

Wieder das Spiel in Trier (19%), dahinter das 1:4 in Rostock (18%) und das 0:3 in Kaiserslautern (8%).

Welchen Spieler möchtest Du für Schalke spielen sehen?

Es wurden mindestens 673 verschiedene Spieler erwähnt, deshalb ist es unmöglich, sie hier alle zu erwähnen. Die meisten Stimmen fielen auf Ronaldo (19%), gefolgt von Thomas Häßler (8%), Maradona (5%) sowie Mehmet Scholl (4%).

Leckerstes Stadionbier

Veltins (145%)

Welche Vereine magst Du außer Schalke?

Die zweitdümmste Frage der Welt: 61% erwähnten den Club aus Nürnberg; 12% meinten St. Pauli und 4% waren für Twente.

Welchen Verein haßt Du am meisten?

Drittdümmste Frage der Welt: Hier ernteten wir Kritik (zurecht) wegen der Wortwahl. Tut uns leid, wird nicht wieder vorkommen. Der Verein, den ihr am wenigsten mögt, heißt Beispielverein Borussia Lüdenscheid (64%). Dahinter kommen die Bayern (24%) sowie RWE (6%).

Größte Stadionwurst (außer Andi Möller)?

Gestrichen, weil einfach zu wenige die Frage kapiert haben!

Was hältst Du von den “Ruhrpott”-Rufen?

Gut: 65%. Nicht gut 27%. Weiß nicht 8%. Die Skala reichte von “sehr gut, weil Schalke nichts Anderes darstellt” über “besser wäre, Ruhrpott außer Dortmund” bis hin zu “blödes Regionsgelaber”.

Bestes Stadion Deutschlands

Hier stimmten 26% für das Bochumer Ruhrstadion, wovon allerdings sehr viele betonten, dies galt nur vor der Versitzplatzung. Für das Nürnberger Frankenstadion stimmten 18%, während 15% meinten, das Parkstadion hätte ihre Stimme verdient.

Größte Bruchbude Deutschlands

11% Unverbesserliche meinten, das Lüdenscheider Westfalenstadion wäre das schlechteste Stadion überhaupt. Ansonsten fielen die meisten Stimmen auf das Hamburger Volksparkstadion (7%), gefolgt durch Wolfsburg, das Parkstadion, Rostock und Berlin (alle 5%).

In welchem ausländischen Stadion möchtest Du Schalke mal spielen sehen?

1. Nou Camp, Barcelona (26%), 2. Bernabeu, Madrid (10%), 3. Ajax (9%)

Was macht Schalke 04 richtig?

Am häufigsten wurde erwähnt, Preis- bzw. Spielerpolitik, Gehaltsgefüge, Fannähe.

Was macht Schalke 04 falsch?

1. Nichts, 2. Jugendarbeit, 3. Verlieren

Was macht Schalke 04 so sexy?

1. Fans, 2. Blockbräute (ermmh), 3. Jens Lehmann

Warum ist der Himmel blau-weiß?

Wegen Lichtbrechung und Wolken

Findest Du das neue Auswärtstrikot gut?

Ja: 75%. Nein 24%. Jein: 1%

Soll die Arena gebaut werden?

Ja: 89%, Nein: 11%.

Welches Fassungsvermögen sollte sie haben?

Die meisten einigten sich auf 60000 Plätze, davon 25000 Stehplätze. Fünftausend Stehplätze sollten auch für Gästefans vorgesehen werden.

Besoffenstes Fußballerlebnis 1997?

Fällt wegen Filmriß aus (konnte unmöglich ausgewertet werden).

Welche Einrichtung(en) sollte ein neues Stadion unbedingt vorweisen?

Um alle Sachen aufzuschreiben, haben wir fast zwei komplette DIN-A4 Blätter benötigt. Deutlich wurde aber, daß die grundsätzlichen Dinge wie z.B. saubere Toiletten und eine vernünftige Gastronomie zu zivilen Preisen den Schalkern am wichtigsten sind. Nicht wenige Leute wiesen darauf hin, daß ein Spielfeld mit Tribünen drum herum sinnvoll wäre. Danke schön. Wir werden es dem Verein ausrichten.

Wie sollte unser neues Stadion heißen?

Bei den 9143 gemachten Vorschlägen fiel auf, daß Ernst Kuzorra in den verschiedensten Versionen (z.B. dem-Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr­Stadion) immer wieder vorkam. Heißester Tip, worauf niemand gekommen ist: das Veltins-Stadion (urrgh!).

Ernsthaftere Themen

Aufgrund der unglücklichen Wortwahl bei der Fragestellung waren die Fragen zum Thema Ausländerfeindlichkeit und Versitzplatzung sehr schwer auszuwerten. Klar ist, daß Rassisten und Faschisten auf Schalke nichts zu suchen haben. Die überwiegende Mehrheit (79%) war der Meinung, daß die Ausländerfeindlichkeit auf Schalke deutlich zurückgegangen ist. Auch was die Versitzplatzung angeht, war ein klarer Trend festzustellen. Wenn wirklich so viele dagegen sind, fragen wir uns, warum so wenig Leute bereit sind, was dagegen zu machen. 7% finden die Stimmung in Leverkusen nach dem Stadionumbau besser, wogegen 30% sie für schlechter halten. Die Stimmung ist für 13% genauso gut, während 49% es nicht beurteilen konnten. Letztere Zahl liegt vermutlich daran, daß den Schalkern inzwischen zu wenig Karten zur Verfügung stehen.

Bei der Frage, wie sie es fänden, wenn die 1. Liga wegen Fernsehübertragungen auch montags spielen würde, reichten die Antworten von “beschissen” über “super-Kacke” bis hin zu “zum Kotzen”. 93% haben sich negativ zu dieser Frage geäußert. Zu “ran” gab es folgende Auswahl: “Werbung unterbrochen”, “Selbstdarsteller”, “Sensations-Journalismus”, “..an die Buletten”, “Geschwätz”, “Kühlschrank”, “gleich nach der Werbung” und “vier Pinkelpausen zu viel”. Ganze 8 Leute äußerten sich positiv dazu (7, wenn “Zeit um Bier holen zu gehen” nicht als positiv bewertet gelten kann). Und auch 4 von diesen Leuten meinten, daß die Werbung sehr störend sei. Vielleicht sollten wir Herrn Beckmann und Co. um Stellungnahme bitten.

Premiere-Abo

Ja: 26%, Nein: 69%, Weiß nicht: 5%

Spiele im Pay-per-View-Fernsehen

Ja: 24%, Nein: 75%, Eventuell: 1%

Absolutes Rauchverbot im Stadion

Ja: 18% Nein: 82% (O-Ton: Rudi muß bleiben)

WM 2006 in Deutschland ohne Stehplätze

Ja: 10%, Nein: 90%


“Sven Kmetsch geht sicher lieber von Hamburg weg, als Thomas Linke von Schalke.”

(mt/cr) Heute bejubelte Idole spielen morgen für den Gegner, wer uns heute gegenübersteht, kann nächste Woche eine Stütze unserer Mannschaft werden. Nicht nur darüber, sondern auch über einige andere Themen sprachen wir vor seinem Abschied mit Viertel- und Halbfinalkopfballer THOMAS LINKE.

SCHALKE UNSER:

Wir haben eine Umfrage gemacht und auch die Frage gestellt “Was waren die größten Enttäuschungen ‘97?”. (Thomas schmunzelt, lacht ein bißchen.) Hast Du eine Idee, was dabei rausgekommen sein könnte?

THOMAS LINKE:

Für die Fans schätze ich - mein Wechsel zu den Bayern. Das ist irgendwo verständlich. Ich habe hier sechs Jahre gespielt. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei, und man kann die Fans da schon verstehen. Wir sind eigentlich auf einem guten Weg zu einer Spitzenmannschaft, so wie’s aussieht, und ich hoffe, daß wir den fünften Platz dieses Jahr mindestens halten können und daß wir nächstes Jahr wieder im Europacup vertreten sind. Ich denke, daß mit der Verpflichtung von Huub Stevens damals eine super Sache gelungen ist. Er hat uns zum Europapokalsieg geführt; wie es aussieht, wird die Mannschaft weiter verstärkt und ich denke, in ein paar Jahren ist es auch möglich, daß Schalke um die deutsche Meisterschaft spielt. Allerdings sollten die Fans auch mich verstehen: Ich habe sechs Jahre hier gespielt, was eigentlich für einen Fußballer schon ungewöhnlich ist. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber ich möchte eigentlich doch etwas neues probieren und vielleicht den Schritt “Deutsche Meisterschaft” persönlich ein bißchen eher tun, als das vielleicht Schalke gelingen wird. So ein Angebot von Bayern München bekommt man vielleicht einmal im Leben. Ich bin jetzt 29, wenn ich jetzt den Schritt nicht gemacht hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich nie mehr machen können.

SCHALKE UNSER:

Da muß man wohl auch sagen, die Perspektive ist beruflich wie auch finanziell wichtiger als eine gewisse emotionelle Bindung? Ist es egal, zu welchem Verein man wechselt? Wärst du zu dem gewissen Verein aus der Nähe von Lüdenscheid gegangen?

THOMAS LINKE:

Weiß ich nicht. Ich wäre bestimmt nicht nach 1860, Karlsruhe oder sonstwohin gegangen: Ich wollte mich sportlich verbessern, das war das Entscheidende, die Perspektive, vielleicht auch ‘mal deutscher Meister zu werden. Die hat Schalke auch, in den nächsten Jahren, nur persönlich könnte ich den Schritt in München eher machen als in Schalke.

SCHALKE UNSER:

Wir kommen gerade vom Training, das ist in Schalke sehr locker und volksnah, in Bayern sieht das wahrscheinlich anders aus…

THOMAS LINKE:

Ich denke nicht, daß da die Zuschauer total ausgeschlossen sind. Wenn man das in den Medien verfolgt, sind ja doch immer viele Zuschauer beim Training in München, da sind sogar noch ein paar mehr Leute beim Training als hier, glaube ich. Mich würde stören, wenn ich bei einem Verein spielen müßte, der überhaupt keine Zuschauer hat.

SCHALKE UNSER:

Wie ist dein Gefühl für diese Region gewesen? Hast du etwas mitbekommen, auch von den Strukturproblemen?

THOMAS LINKE:

Natürlich hat man hier einiges mitbekommen. Das Ruhrgebiet… da habe ich mir vorgestellt, hier ist alles Grau in Grau. Als ich aus Erfurt kam, war es für mich ganz überraschend. Es gibt doch sehr, sehr viel Grün, wenn man nach Haltern und Dorsten rausfährt. Was im Prinzip für mich sehr positiv ist, die Leute sind sehr umgänglich hier, die gehen offen aufeinander zu. Und wenn die Fans merken, daß ehrliche Arbeit auf dem Platz abgeliefert wird, dann stehen die auch hinter einem. Und das ist eigentlich das, was die Zuschauer hier sehen möchten: ehrliche Arbeit. Auch wenn es ‘mal nicht so läuft, Hauptsache, man kämpft. Die müssen ja auch sehr viel kämpfen, mit ihren Jobs. Die Fans in München sind etwas verwöhnter gerade auch durch die sportlichen Erfolge.

SCHALKE UNSER:

Die Spieler, die aus Hamburg zu anderen Vereinen wechseln, werden in Mannschaftslisten im Internet nicht mehr mit Namen genannt, hinter den Nummern steht “Verräter!” oder ein Totenkopf. Das wirkt sich offensichtlich auf die Leistungen aus: Auf Schalke wirst du hingegen doch freundlich verabschiedet. Hat man da vielleicht auch kein ganz so schlechtes Gewissen?

THOMAS LINKE:

Nein, ein schlechtes Gewissen hat sicherlich auch ein Sven Kmetsch nicht. Ich kenne ihn ja schon ein bißchen länger, wir haben ja früher in der Olympia-Auswahl der ehemaligen DDR zusammengespielt. Ich denke nicht, daß der ein schlechtes Gefühl hat, weil er den HSV verläßt. Er ist ein Typ, der immer 100 Prozent gibt für den HSV im Moment. Bis zum 30.6., und deshalb braucht er da auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich ist es schade, daß die Fans das ein bißchen anders sehen als bei Schalke 04. Aber im Prinzip sind die Fans des HSV selber schuld. Die Mannschaft steht unten, und die braucht jetzt die Unterstützung der Fans und nicht solche Aktionen gegen Salihamizic oder Sven Kmetsch. Die müßten eigentlich die Mannschaft anfeuern und auch die beiden Spieler. So schaden die dem HSV und der ganzen Mannschaft und nicht nur den beiden Spielern. Im Endeffekt sind die Fans dann wieder in den Arsch gebissen, sie verunsichern die ganze Mannschaft und landen irgendwann vielleicht in der zweiten Liga, was sicher keiner der Fans hofft, nur die beiden Spieler sind dann weg. Und dann überlegen die Fans, was sie vielleicht falsch gemacht haben. Deshalb kann ich auch nur den Hut ziehen vor dem Verhalten der Fans in Schalke. Ich freue mich riesig, daß die mich weiterhin unterstützen. Die Fans registrieren das, ob man wirklich 100 Prozent für den Verein bringt oder nicht, und solange sie diesen Eindruck haben, daß man sich voll reinkniet, wird da sicher auch kein Pfiff kommen.

SCHALKE UNSER:

Hat man als Fußballprofi allgemein auch nur ein bißchen ein schlechtes Gewissen bei einem Wechsel nach so langer Vereinszugehörigkeit?

THOMAS LINKE:

Man läßt viele Freunde zurück, das stimmt einen schon ein bißchen traurig. Auf der anderen Seite hat man eine neue Herausforderung, und es gibt Entscheidungen im Leben, die tun sicherlich weh, aber man muß sie treffen. Ich spiele mit einigen Spielern jetzt schon sechs Jahre zusammen, und es entwickelt sich da auch etwas in der Mannschaft. Wir leben nun einmal von der Kameradschaft, und die ist bei uns sensationell gut. Ich wünsche mir natürlich, daß das in Bayern genauso sein wird. Aber man ist auch nicht aus der Welt, wenn man nicht mehr in Gelsenkirchen oder Umgebung wohnt, ich werde die Kontakte auch weiterhin pflegen.

SCHALKE UNSER:

Ist es naiv von den Fans zu glauben, daß sich noch Spieler mit Vereinen identifizieren und ihnen ein Leben lang verbunden bleiben?

THOMAS LINKE:

Das ist nicht naiv. Aber jeder möchte in seinem Beruf das Bestmögliche erreichen, und als Fußballer ist irgendwann die Zeit vorbei. Und man muß den Grundstein legen mit dem Verdienst, den man in diesen vielleicht zehn Jahren hatte. Am Ende der Karriere steht doch: Was habe ich sportlich erreicht? Man möchte so viele Titel wie möglich sammeln, da bin ich irgendwo auch auf den Geschmack gekommen mit dem Europapokal.

SCHALKE UNSER:

Hast du als Bayernspieler eine bessere Chance auf einen Stammplatz in der Nationalelf? Du gehst ja wahrscheinlich nicht davon aus, daß du in Bayern auf der Bank sitzt?

THOMAS LINKE:

Das liegt an mir und meiner Leistung. Wenn jemand in München Stammspieler ist, ist es vielleicht ein Stück einfacher, Nationalspieler zu werden. Aber man hat gesehen, daß es auch in Schalke möglich ist.

SCHALKE UNSER:

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

THOMAS LINKE:

Früher in der DDR wollte ich Trainer werden, habe angefangen zu studieren. Dann kam die Wende, und ich habe das Studium abgebrochen. Gerade wenn man so eine Kinder- und Jugendsportschule durchlaufen hat, war das für die Spieler eine gute und gründliche Ausbildung. Die meisten, die von irgendeinem Klub kommen, FC Berlin oder Dresden, Jena, haben das mitgemacht.

SCHALKE UNSER:

Und das sprichwörtliche “Geld versaut den Charakter”?

THOMAS LINKE:

Ja, ich denke mir, daß ist typenbedingt. Wenn es einem finanziell besser geht und man kommt in andere Kreise, lernt man natürlich ganz andere Leute kennen. Aber ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme. Ich treffe mich heute noch mit Leuten, mit denen ich früher in der Schule war, die besuchen mich auch regelmäßig noch, kommen hier zu Spielen, und wir machen dann noch etwas gemeinsam.

SCHALKE UNSER:

Beschäftigst du dich mit Problemen wie Rechtsradikalismus im Fußball?

THOMAS LINKE:

Diese Entwicklung habe ich eigentlich schon verfolgt. In der DDR gab’s sowas nicht in dem Maße, wie es das heute gibt. Da waren Fotografen in den Kurven, die waren die meiste Zeit “Ballholer”, haben die Bälle gefangen und zurückgeworfen, und wenn Tumulte auf den Rängen waren, dann haben die sich umgedreht und da ‘reingeknipst. Das waren wohl Leute von der Stasi. Die haben verfolgt, welche Leute da Tumult gemacht haben, die hat man weggefangen und dann war wieder Ruhe. Nach der Wende kamen dann - hauptsächlich aus Berlin - die Skinheads. Die sind nach Magdeburg gefahren, haben sich dann mit dem FC oder damals BFC geschmückt. Die haben den Verein nicht unterstützt, deren Motto war, sich zu schlagen und für ihre Begriffe Spaß zu haben. Ich finde, das ist eine schlimme Entwicklung. Da müssen die Fans untereinander drauf achten und diese Leute ins Abseits stellen. Es ist aber sicher auch schwierig für die Fans, das zu tun.

SCHALKE UNSER:

Ihr habt doch eine gewisse Autorität als Spieler, müßte da nicht noch mehr kommen als bisher?

THOMAS LINKE:

Man muß in der Mannschaft drüber sprechen, was man da tun kann. In Bayern war es vielleicht extrem. In jedem Verein gibt es diese Probleme, aber als der Jancker die Haare so ganz kurz hatte, haben die gesungen “Wir haben einen Führer, der heißt Carsten Jancker” und ähnliches. Der Verein hat so reagiert, daß er sich nun die Haare wachsen lassen mußte, zumindest ein Stück. Das ist sicher keine Lösung, aber irgendwo muß man ‘runter von dem Image - der Carsten Jancker sieht aus wie ein Rambo, und man muß den Leuten auch begreiflich machen, “moment, ich bin nicht euer Führer, ich habe damit nichts am Hut, ich bin gegen sowas”. Und wenn wir Spieler das zum Ausdruck bringen, ist das sehr wirkungsvoll, mit uns identifizieren sich die Fans.

SCHALKE UNSER:

Man merkt selbst, daß man überlegt, kann ich einschreiten, etwas sagen, aber wenn sich einer traut, schließen sich viele an und es ist schnell wieder Ruhe.

THOMAS LINKE:

Das kann schon sein, daß da nur einer den Vorreiter machen muß, weil andere da von sich aus nicht so die Mentalität haben und aus sich rausgehen oder da eine Führungsrolle übernehmen. Da ist es vielleicht leichter für die Mehrzahl, sich da mit anzuschließen.

SCHALKE UNSER:

Würdest du ein Interview machen und solche Sachen sagen, wie Erik Meijer und René Eijkelkamp das gemacht haben?

THOMAS LINKE:

Sicher nicht. Der René war ja eigentlich auch noch zurückhaltend, das meiste kam ja vom Erik Meijer. Ob das nun so gesagt wurde oder nicht, das kann ich ja nun auch nicht beurteilen. Aber sicherlich ist es schlecht, wenn man sich über eigene Kollegen in den Medien so äußert. Das kann man unter vier Augen sagen, hör ‘mal zu, du bist ein Arschloch für mich, und dann hat sich das. Ich möchte auch nicht, daß einer über mich irgendwas sagt, “der ist aber ganz schlimm”, dann läufst du ja nur Spießruten in den Stadien.

SCHALKE UNSER:

Was wünscht du dir denn noch mit Schalke, jetzt für die letzten Monate, worauf freust du dich?

THOMAS LINKE:

Ich freue mich immer über die Atmosphäre im Stadion, ob das nun ein Heim- oder Auswärtsspiel ist, die Fans sind wirklich sensationell, wie die uns unterstützen. Dann wünsche ich mir unbedingt, daß wir wieder einen UEFA-Cup-Platz holen, klar, und daß wir im UEFA-Cup vielleicht wieder ins Finale kommen. Natürlich ist es in diesem Jahr schwieriger als letztes Jahr gegen Mailand. Damals haben sie vielleicht gedacht, naja, Schalke, okay, die hauen wir da mit links weg. In diesem Jahr wissen sie, daß wir doch nicht zu unterschätzen sind. Gerade die UEFA-Cup-Spiele sind wirklich Feiertage, so eine Stimmung wie bei diesen Spielen habe ich in keinem Bundesligaspiel erlebt. Das war sensationell, vielleicht auch historisch bedingt, daß man wirklich 19 Jahre warten mußte, daß es wieder international losging. Das kriegt man im Stadion schon mit, wenn man sich auch nicht auf die Fans konzentrieren kann. Das treibt einen zu Höchstleistungen.

SCHALKE UNSER:

Wir haben dir ja als kleines Geschenk unseren Schal mitgebracht. Auch schön, daß du die erste Lederhose von Schalkefans bekommen hast - aus Sömmerda, wie man hört?

THOMAS LINKE:

Genau (schmunzelt). Meinem Heimat- und Geburtsort. Die sind damals eigentlich schon nach Erfurt gefahren und haben sich Spiele von Erfurt angesehen. Vielleicht waren sie damals schon Schalkefans, hatten aber nicht die Möglichkeit, die Spiele zu besuchen. Seit der Wende fahren die eigentlich zu fast allen Spielen. Es war schon schön, daß die mir so eine Lederhose geschenkt haben. Das Schönste war eigentlich der Spruch da drauf. “Wir werden dich auf Schalke alle vermissen, und wenn du zurückkommst, werden wir dich alle küssen.” So etwas in der Art, einmal ein Schalker, immer ein Schalker. War schön, hat mich gefreut.

SCHALKE UNSER:

Aber eine größere Bindung an den Verein siehst du nicht?

THOMAS LINKE:

Hmmmm… ich denke mal, so’n Kmetsch geht sicherlich lieber von Hamburg weg als ‘n Linke von Schalke. Und der Kmetsch hat mir auch letztes Jahr erzählt, die spielen ihr letztes Spiel in Düsseldorf, 1:1, und dann laufen die Spieler alle in ihre Fankurven und wollen sich bei den Fans bedanken für die Unterstützung, die sie in dem Jahr hatten oder vielleicht nicht so hatten. Und plötzlich rollen die Fans Plakate aus, da stand dann drauf: Vielen Dank für nichts! Und dann haben die Wasserbomben auf die eigenen Spieler geworfen. Da kann man schon vielleicht verstehen, daß der ein bißchen lieber da weggeht. Obwohl er vielleicht auch an dem Verein gehangen hat.

SCHALKE UNSER:

Wir wünschen uns von Dir zwar weiter Kopfballtore, aber nicht für deinen neuen Verein, wenn du gerade gegen uns spielst. Ist das egal ob man gegen den alten Verein spielt?

THOMAS LINKE:

Ich denke, daß das dann andere Spiele werden. Jeder will gegen den alten Verein gewinnen. Ich sehe es am Martin Max, der ganz heiß darauf war, ein Tor gegen seinen Freund Michael Klinkert. Der hat sich nach dem Spiel bei jedem bedankt, daß wir in Gladbach gewonnen haben, das war einmalig, der war so motiviert, das war sensationell.

SCHALKE UNSER:

Wir drücken dir die Daumen, daß du dich in Bayern durchsetzen kannst.

THOMAS LINKE:

Als ich den Vertrag in München gemacht habe, konnte ich nicht davon ausgehen, daß da jemand verkauft wird. Ich gehe davon aus, daß alle bleiben und daß ich mich durchsetzen muß.

SCHALKE UNSER:

Du bist “vorläufig” auch für die Weltmeisterschaft in Frankreich nominiert, mußt dich da aber auch noch durchsetzen. Jetzt warst du bei den Leistungstests in Saarbrücken, bist du da auch optimistisch?

THOMAS LINKE:

Es geht bei den Tests darum, die Gesundheit und die Fitneß zu testen. Nach der Auswertung wird sich der Herr Vogts mit den einzelnen Spielern zusammensetzen und sagen, guck ‘mal hier, das ist gut, und da mußt du noch was tun.

SCHALKE UNSER:

Aber du posaunst auch nicht gerade herum “Ich gehe davon aus, daß ich dabei bin”?

THOMAS LINKE:

Ich würde mich freuen, wenn ich dabei wäre und werde in sportlicher Hinsicht alles dafür tun, aber ich kann nicht laut verkünden, ich ginge davon aus, daß das klappt. Da sind schließlich noch 39 andere gute Bundesligaspieler.

SCHALKE UNSER:

Für Deutschland zu spielen, hat das in erster Linie eine sportliche Bedeutung für Dich? Du hast hier gute Erfahrungen gemacht, aber so richtig greift die “Einheit” ja noch nicht.

THOMAS LINKE:

Ich habe nach der Wende nur positive Seiten erlebt, da spreche ich jetzt für mich: Ich habe Arbeit, mir geht’s gut, ich bin gesund. Anders sieht’s für die Leute aus, die damals auf die Straße gegangen sind und gegen die Mauer demonstriert haben, jetzt um die fünfzig und arbeitslos sind und auch keine Arbeit mehr kriegen. Die sehen das natürlich viel negativer. Eigentlich ist man damals auf die Straße gegangen, weil man nicht reisen konnte, das war eigentlich der Hauptmangel in der DDR. Man hatte Geld, die Geschäfte waren voll, aber man konnte nicht sagen, ich will ‘ne ordentliche Jeans oder irgendwas haben. Man mußte halt gucken was es gibt, entweder kaufst du es oder du kaufst es nicht. Man mußte auf ein Auto lange warten, auch ein Problem. Aber vor allem konnten die Leute nicht reisen, außer nach Bulgarien. Da war es aber auch nicht viel besser. Jetzt gab es die Wende, man kann hinreisen, wo man möchte, nur - wenn man arbeitslos ist, hat man kein Geld mehr. Das ist natürlich noch schlimmer als andersrum. Bitter.

SCHALKE UNSER:

Wenn du doch noch Trainer wirst, findet sich vielleicht hier wieder ein Platz für dich…

THOMAS LINKE:

Aber ich hatte eigentlich mehr vor, (entschlossen, etwas schelmisch) den Erfurter Fußball dann wieder zu unterstützen. Dort zieht es mich wieder hin, Heimat ist Heimat. Nur die Probleme dort, das ist natürlich ganz, ganz schlimm. Der Verein steht heute kurz vorm Konkurs. Als ich damals wechselte, hatte man etwa ein Guthaben von zwei Millionen, jetzt haben wir ungefähr sechs Millionen Mark Schulden.

SCHALKE UNSER:

Du hast gerade “wir” gesagt. Ist Rot­Weiß Erfurt immer noch “dein” Verein?

THOMAS LINKE:

Ja, auf jeden Fall. Man guckt schon danach, was dort in Erfurt passiert. Ist nicht so einfach. Die machen natürlich auch viel. In Schalke war es ja vor fünf Jahren mit der Verschuldung ähnlich. Schalke lebt aber von den Fans, und das konnte man, glaube ich, auch nur überstehen durch die Fans. In Erfurt gehen die Fans halt nicht so zahlreich ins Stadion, da muß man sich mit anderen Sachen über Wasser halten. Da waren aber auch Leute ein Jahr Präsident, die dann sicher mehr in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Anders kann ich mir sechs Millionen Mark Schulden nicht erklären. Jetzt gibt’s Benefizveranstaltungen, es werden ehemalige Spieler wie z. B. Uwe Weidemann eingeladen. Mich haben sie auch schon mehrmals eingeladen, leider war da immer Nationalmannschaft, und ich konnte nicht kommen. Es tut schon weh, wenn man sieht, daß die sich von Monat zu Monat immer nur über die Runden retten müssen.

SCHALKE UNSER:

Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Mach bitte nochmal einige Kopfballtore in Viertel- und Halbfinale…

THOMAS LINKE:

Ich geb’ mein Bestes… alles Gute und viele sportliche Erfolge noch für uns alle!

SCHALKE UNSER:

Glückauf.


“Ich habe Eure Zukunft gesehen, sie wird Euch gar nicht gefallen”

(stu) So beschrieb Kevin Miles, Vorsitzender der Independent Newcastle United Supporters’ Association (INUSA), das Los der Fans in der neuen englischen Fußballwelt. Anlaß war das zweite internationale, von der Schalker Fan-Initiative organisierte Fan-Projekt, welches vom 29. 1. bis zum 1.2.1998 in unserem Fan-Laden stattfand. Fans aus vier Ländern, England (Newcastle United), Holland (Roda JC Kerkrade), Polen (Lech Poznan) und aus Schalke diskutierten vier Tage lang über Probleme, die ihnen zu schaffen machen.

England gilt nicht nur als Wiege des modernen Kapitalismus, sondern auch als Mutterland des Fußballs. Und hier ist der neue Fußballkapitalismus am weitesten fortgeschritten. Die Sachen, gegen die wir uns als Fans in Deutschland zu wehren versuchen, wie z.B. die Versitzplatzung der Stadien, den Kommerz (Stichwort: Merchandising) und den Einfluß der Fernsehgesellschaften (Stichwort: Terminverlegungen), gehören dort längst zum Alltag. Im Zuge der Versitzplatzung sind ganze Gesellschaftsschichten vom Besuch eines Fußballspieles ausgeschlossen worden.

In Newcastle ist die Situation besonders kraß. Dort ist das Stadion (Fassungsvermögen: 36 000) die ganze Saison komplett an Dauerkarteninhaber ausverkauft. Tageskarten sind nicht zu bekommen, es sei denn, es kommen welche vom Gästeverein unverkauft zurück. Ab 21 Pfund (63 Mark) ist man dann dabei. Die billigste Dauerkarte kostet 380 Pfund (1140 Mark). Es stehen über 15000 Leute auf der Warteliste!

Kinnladen fielen, als Kevin erzählte, daß der Verein vor der Versitzplatzung bereits 3000 Leute gefunden hatte, die bereit waren, für das Recht (und nur das Recht), über die nächsten zehn Jahre in einem bestimmten Stadionbereich sitzen zu dürfen (ohne Karte!), jeweils 3000 Pfund (9000 Mark) zu berappen. Einige glaubten, einen Übersetzungsfehler festgestellt zu haben. Dem ist nicht so! Da es auch schwierig ist, für Auswärtsspiele Karten zu bekommen, werden diese live in Kinos übertragen. Das Vergnügen kostet nur schlappe 8 Pfund (24 Mark) pro Nase. Der Haken an der ganzen Sache: Dazu werden offiziell nur Kinder bzw. Jugendliche in Begleitung eines Erwachsenen - was mindestens 48 Mark bedeutet - zugelassen.

Die Situation in Holland ähnelt der in Deutschland, wobei doch einige grundsätzliche Unterschiede zu verzeichnen sind. Hier ist der freie Spielbesuch nur begrenzt möglich. Die Schalker, die im Grenzbereich wohnen, werden vielleicht spätestens beim UEFA-Cup-Spiel in Kerkrade ihre ersten Erfahrungen damit gemacht haben.

Die Rede ist von der Clubkarte, die jeder besitzen muß, der ins Stadion möchte. Ich kenne viele Schalker, die sich die Clubkarte von Kerkrade besorgt haben (Kostenpunkt: ca. 12,50 DM), um überhaupt ins Stadion zu kommen. Mein Fanclub hat damals auch reichlich Gebrauch davon gemacht. An einen spontanen Spielbesuch ist in Holland also nicht zu denken. Viel schlimmer noch: Die Kerkrader berichteten von Plänen, wonach in Holland demnächst eine Clubkarte mit Foto eingeführt werden soll, was nichts anderes wäre als die berühmt-berüchtigte ID-Card, die die britische Regierung Ende der 80er Jahre vergeblich versucht hat einzuführen.

Weitere Einschränkungen gibt es mittlerweile auch beim Besuch von Auswärtsspielen. So werden Eintrittskarten für manche Spiele nur in Verbindung mit einer vom Verein organisierten Busreise ausgegeben (kommt mir irgendwie bekannt vor). Wer mit dem Auto oder mit dem Zug hinfahren will, kann sein Vorhaben getrost vergessen. Die Fans werden direkt vor der Kurve ausgesetzt und nach Spielende wieder abgekarrt.

Vom ganzen Drumherum, dem Stadtbummel, dem Kneipenbesuch, der Übernachtung bei Freunden kriegt man nichts mehr mit. Wie zu erwarten war, machen die Fans im wahrsten Sinne des Wortes mobil. So fuhren vor kurzem eine organisierte Gruppe von 500 Utrecht-Fans mit dem Auto zum Spiel nach Heerenveen, um den Verantwortlichen zu zeigen, was sie von ihren Bus-Kombikarten halten. Jetzt wird sogar ein Boykott all solcher Spiele erwogen.

Von Interesse für alle Schalker im Hinblick auf den geplanten Stadionneubau wird die Situation in der Amsterdamer Arena sein. Abgesehen von der miesen Stimmung, die jetzt im ‘Theater’ herrscht, ist es geradezu eine Frechheit, was den Fans in Sachen Gastronomie aufgezwungen wird. Denn dort sind die Arenawürstchen nicht für Geld zu haben. Wer im Stadion was verzehren will, muß sich eine Art Kreditkarte zulegen.

Diese Karte enthält einen Chip, damit die Karte analog der neuen Geldkarte von der Sparkasse mit einem Guthaben geladen werden kann. Geld wird nicht als Zahlungsmittel angenommen, nur “Arena”, wie die Amsterdamer Stadionwährung sehr einfallsreich genannt wird. Der Mindestbetrag beträgt 10 Gulden. Wer regelmäßig hingeht, kann vielleicht damit leben, aber was macht der, der nur ein Bierchen trinken will?

Am anderen Ende des Spektrums steht Polen. Im SCHALKE UNSER haben wir über die dortige Situation schon mehrfach berichtet. Der Fußball in Polen ist krank, es werden Spiele verschoben, außer den Hools geht so gut wie keiner hin. Statt sich dauernd die Köpfe einzuschlagen, ist es Zeit, daß die polnischen Fans sich zusammentun. Ob sie den Mut dazu aufbringen werden, ist eine andere Sache.

In vier Tagen ist es unmöglich, alles ausführlich zu diskutieren. So kamen wichtige Themen wie der Börsengang der englischen Vereine und die indiskutable Situation in Manchester - Stadionverbot und Dauerkartenentzug wegen Aufstehens - überhaupt nicht zur Sprache. Wir haben deswegen vor, den Fan-Austausch auf jeden Fall zu wiederholen und, wenn möglich, auszubauen.

Denn es steht viel auf dem Spiel. Wie ein Redaktionsmitglied nach dem Kaiserslautern-Spiel in der Schalker Mailing-Liste schrieb: “Dieses grausam langweilige, von Schlafmützen aller Art bevölkerte Stadion, das ich heute sah, war für Teresa, Ian, Ged, Kevin und die anderen Engländer ein kleines Paradies. in dem jeder fast völlig frei entscheiden kann, ob es ihm hier oder im Nachbarblock besser gefällt. Ob er stehen oder sitzen möchte. Ob er singt, lacht, macht, was er will.” Teresa formulierte es so: “Laßt euch das nicht wegnehmen, kämpft dafür! Wir sind hier, um Euch zu warnen. Vor fünf Jahren haben wir auch nicht gewußt, was wir an den Stehplätzen hatten, welche Freiheit wir genossen haben. Jetzt ist das vorbei, und wir suchen verzweifelt den Weg zurück. Nur die Liebe zu unserem Verein hält uns noch aufrecht, realistisch betrachtet können wir uns zur Zeit nichts ausrechnen und müssen auf vieles verzichten, um die Spiele überhaupt noch sehen zu dürfen. Aber was wir einmal verloren haben, ist weg und kommt - wie’s aussieht - nicht wieder: Die Freiheit.”

Wir möchten uns bei der EU-Kommission bzw. beim deutsch-polnischen Jugendwerk für ihre Unterstützung bei der Finanzierung dieses Treffens recht herzlich bedanken. Außerdem bedanken wir uns bei Heiner Kördell für die informative Stadionführung in der Glückaufkampfbahn und im Parkstadion, bei Markus vom Schalker Fan-Projekt für die Erläuterung der Projekt-Arbeit, bei Youri Mulder, der uns am Freitag abend Rede und Antwort gestanden hat, bei den Supporters für den freundlichen Empfang, bei Schalke 04 für die Eintrittskarten sowie bei allen Leuten, die durch ihren Einsatz diesen zukunftsweisenden Fan-Austausch ermöglicht haben.

Folgende Erklärung wurde von den Teilnehmern einstimmig verabschiedet:

Wir, Fans von Newcastle United, Roda Kerkrade, Lech Poznan und Schalke 04 geben bekannt, daß der Fan-Austausch ein großer Erfolg gewesen ist und auf jeden Fall wiederholt wird.

Jede Gruppe wird hierzu einen Bericht erstellen und diesen zusammen mit den in dem jeweiligen Land erschienenen Presseartikeln an die anderen Fangruppen verschicken.

Außerdem geben wir bekannt, daß wir beabsichtigen, ein internationales Netzwerk von Fußballfans aufzubauen, damit wir uns das Fußballspiel zurückholen, es gegen Rassisten und Faschisten verteidigen und gegen die Ausbeutung von Fans durch Profitgeier vorgehen können.


Ich wollt’, mir wüchsen Flügel”

(pr) Freitag, 7.11.97, 12 Uhr, UEFA-Cup-Auslosung. Wo liegt denn Braga? Ich wußte, daß mir die lückenhaften Geographiekenntnisse irgendwann ‘mal ein Problem bescheren würden. Die Umstehenden halfen mir aber aus der Patsche. “Braga ist doch die Hauptstadt von Tschechien”, verkündet der erste Experte. “Quatsch, Braga liegt in Ex-Jugoslawien, da wirst du viel Spaß bekommen”, kommt es aus der anderen Ecke. Es erschien mir sinnvoll, vor dem Geldumtausch noch einen Blick in den guten alten Schulatlas zu werfen.

Nachdem Braga als portugiesische Kleinstadt nördlich von Porto entlarvt war, stand dem Erwerb eines Flugtickets, einer Eintrittskarte und ein paar Escudos nichts mehr im Wege. Daß bereits der erste Schritt übereilt war, erfuhr ich knapp drei Wochen später am Düsseldorfer Flughafen. Während die Teilnehmer der Reisegruppe des Supporters Club für das Einchecken zwei Minuten pro Person brauchten und die Schlange nie länger als drei Meter wurde, waren die Mengede-Bucher leicht an den beiden 50 Meter langen Schlangen zu identifizieren. Nach 20 Minuten war die Anmeldetaktik aber durchschaut. Erst an Schlange 1 anstellen und die Eintrittskarte und den Berechtigungsschein abholen. Dann zurück an das Ende der Schlange 2, um auch in den Genuß eines Flugtickets zu kommen. Ging aber alles total zügig, da nur knapp drei Stunden nötig waren, um alle Papiere zu ergattern. Dank an einige Braga-Fahrer aus dem Supporters-Flieger, die uns mit lebensrettenden Getränken versorgten. Und als nach nur 45 Minuten Sitzzeit im Flieger klar war, welcher Platz doppelt verkauft, und der Betroffene ausgestiegen war, konnte es sogar losgehen. Zwei Stunden Flug nach Porto, umsteigen in den Bus nach Braga, und um 15 Uhr war das 60000-Einwohner-Städtchen erreicht. Netterweise wurden wir trotz entsprechender Zusage nicht in der Innenstadt, sondern am etwas außerhalb gelegenen Stadion abgesetzt, so daß ein kleiner Fußmarsch die müden Glieder wieder lockern konnte.

Nach einer einstündigen schalkepolitischen Grundsatzdiskussion in einer Innenstadtlokalität (der Kellner war hundertprozentig die Wiedergeburt von Roy Black) waren alle königsblauen Zukunftsfragen geklärt. Beim Stadionnamen wurden wir uns zwar nicht einig, aber die beiden verbliebenen Vorschläge “Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion” und “Schalke sein Stadion” sind eine gute Grundlage für Folgediskussionen. Auch die Erweiterung des Fanartikel-Sortiments um das Zahnpflege-Set “Morgens Latal, abends Nemec” stieß auf einhellige Zustimmung. Weitere Merchandising-Aspekte mußten verschoben werden, da die anbrechende Dunkelheit uns daran erinnerte, daß wir zum Stadion pilgern sollten. Das “Estadio 1. de Maio” sollte jeder gesehen haben, der beim Thema “Sitzplätze und Modernisierung” mitreden will: 17000 der 40000 Stehplätze waren belegt, ein paar Sitzplätze gab es auch auf der Tribüne - glaube ich jedenfalls. Dazu Sitzplätze auf Steinstufen, keine Blocktrennung und eine Toilette (mehr gab es auch nicht pro Sektor), die selbst den abgebrühtesten Trabzon-Fahrer noch schockierte.

Nach dem 0:0 im dreistündigen Dauernieselregen war auf der Rückfahrt von Braga nach Porto Schlummerstunde angesagt. Schließlich war Kraft nötig, um den folgenden Akt der Rückflugticket-Erlangung durchzustehen. Nach einem ausgeklügelten alphabetischen System sollte sich nun jeder an einer anderen Schlange anstellen, um das begehrte Papier zu erlangen. Leider waren alle geplanten und ungeplanten Änderungen der Rechtschreibreform bei dieser Aufteilung schon berücksichtigt, so daß auch diese Verteilaktion für Verzweiflung sorgte.

Nachdem anschließend klargestellt wurde, daß sich sowieso einfach jeder auf den gleichen Platz wie beim Hinflug setzen sollte und die Aufdrucke auf den Bordkarten ignoriert werden sollten, zwang die folgende zweistündige Wartezeit auf dem Flughafen von Porto auch den letzten aufrecht Stehenden in die Knie. Braga war Kult. All die, die dabei waren, sollten auf Lebzeiten bei der Vergabe von Auswärtstikkets bevorzugt behandelt werden.


Wir machen Druck