Nummer 21 - 1999/02
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Ich hab’ in keinem Stadion so viel gelogen wie im Parkstadion” - Interview mit Manni Breuckmann
“Ich kauf’ mir was …”
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 2
Wir schlugen Herne, wir schlugen Arnheim…
Der Wiener Kongreß - Ein Netzwerk gegen den Rassismus im europäischen Fußball
“Ich hab’ in keinem Stadion so viel gelogen wie im Parkstadion”
(rk/bob) Manni Breuckmann ist in die Schalker Historie eingegangen, als er zusammen mit Sabine Töpperwien das UEFA-Cup-Finale in Mailand im Radio kommentierte. Grund genug für das SCHALKE UNSER, mit ihm ein Interview zu führen, in dem er ordentlich über die heutigen Profi-Spieler herzog, seine Bedenken über die Zukunft des Fußballs äußerte und dabei immer bei der Wahrheit blieb.
SCHALKE UNSER:
Manni, wie bist du zum Radio und speziell zur Fußball-Reportage gekommen?
MANNI BREUCKMANN:
Die Liebe zum Fußball ist mir von meinem Vater eingeimpft worden, als ich in den 50er und 60er Jahren von meinem Vater an die Hand genommen wurde und wir zu den Spielen von Germania Datteln gegangen sind, die ja bekanntlich 1961 Westfalenmeister waren. Damals hatte ich immer eine grün-weiße Fahne dabei, die später durch eine blau-weiße ersetzt wurde. Später bin ich dann immer zur SpVVg Erkenschwick gegangen. Oben auf der Teerpappe des Klos konnte ich die Reporter sitzen sehen. Da saß dann schon Jochen Hageleit, Ende der 60er, und auch der berühmte Heribert Faßbender. Und da dachte ich mir: “So etwas möchtest Du mal gerne werden!” 1970 suchte man in einer Sportsendung im WDR Nachwuchsreporter, da habe ich mich dann beworben. Ich mußte da einige Probereportagen machen. Das erste Spiel war Westfalia Herne gegen Wuppertaler SV. Auch Schalke mußte ich kommentieren, da hatte ich ein wunderschönes Tor drin. Klassischer Treffer, Außenstürmer Kremers nach innen geflankt und Klaus Fischer mit dem Kopf rein. Da war ich live drauf, das war gut, Tore sind für einen Reporter immer gut. Dann haben sie sich entschieden, daß ich ab 1972 live kommentieren sollte. Erstes Spiel war Wattenscheid gegen VfL Neuss, Regionalliga, vorletzter Spieltag, 500 begeisterte Zuschauer. Das erste Tor, das ich live auf dem Sender hatte, wurde erzielt von Hannes Bongartz für Wattenscheid.
SCHALKE UNSER:
Und was hatte es mit der blau-weißen Fahne auf sich?
MANNI BREUCKMANN:
Die hatte ich, als ich Fan des FC Schalke 04 war, zu Zeiten von Rudi Gutendorf. Da war ich so zwanzig Jahre alt und habe im Europapokal Schalke gegen Manchester City gesehen. Ich bin immer von Datteln zur Glückauf-Kampfbahn getrampt. Da haben damals noch so Experten wie Hansi Pirkner gespielt, welcher im übrigen eine brutale Sau war. Mit der blau-weißen Fahne hatte ich auch meinen ersten Autounfall. Mit meinem Käfer habe ich einen anderthalbfachen Salto vorwärts gemacht. Ich war aber selbst schuld, ich hatte die Vorfahrt genommen. Meine Kumpels haben mich dann erkannt. In der Heckscheibe des Käfers, der auf dem Dach lag, hatte ich diese blau-weiße Fahne liegen. Da wußten die dann sofort: “Au, Manni hat ‘nen Unfall gebaut.”
SCHALKE UNSER:
Und wie steht es heute mit deiner Liebe zu Schalke, bist du immer noch Fan?
MANNI BREUCKMANN:
Ich war Schalke-Fan. Heute bin ich überhaupt kein Fan mehr, ich bin auch kein Gladbach- oder BVB-Fan. Das ist interessant: Wenn ich den Rudi Assauer treffe, sagt der immer zu mir, “Na, du BVB-Arsch”, und umgekehrt, wenn ich mit den Dortmundern rede, sagen die: “Na, schläfst du in blau-weißer Unterwäsche?” Es ist wirklich so, daß ich definitiv kein Fan bin. Es ist aber schon wahr, daß mir die Ruhrgebietsvereine mehr am Herzen liegen. Vielleicht hab ich noch ‘ne kleine Schwäche für Fortuna Düsseldorf, aber sonst? Für viele Leute ist Fortuna echt Kult, und ich kann das gut nachvollziehen. Das Gefühl, Underdog zu sein, hat schon etwas von Kult - wenn die Fortuna zu Hause im Rheinstadion - das ja auch nicht gerade besonders hübsch ist - gegen Schalke spielt. Und die bringen 25.000 Fans mit, man selbst hat aber nur 12.000. Dazu noch die Toten Hosen, das paßt irgendwie alles zusammen.
SCHALKE UNSER:
Diese Leidenszeit in der zweiten Liga haben wir Schalker auch schon mehr als einmal mitgemacht. Trotzdem war diese Zeit auch schön, so etwas prägt einen Fan. Es gibt den schönen Spruch “Man sucht sich seinen Verein nicht aus, er wird dir gegeben”. Ist man einmal Fan eines Vereins, so kommt man nicht mehr davon los.
MANNI BREUCKMANN:
Für mich persönlich ist aber so ein Fan, dessen Tagesablauf von seinem Verein bestimmt wird, zu sehr in eine Sache involviert, die es so tief gar nicht verdient hat. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Überschrift über meinem Leben “Schalke 04” hieße. Deshalb finde ich auch den Titel eures Fanzines so gut, weil er hiervon eine ironische Überspitzung darstellt.
SCHALKE UNSER:
Wie siehst Du denn heute die Entwicklung der Fans?
MANNI BREUCKMANN:
Erschreckend war es jetzt, bei der Fußball-WM in Frankreich mitzuerleben, daß beim Finale praktisch keine richtigen Fans mehr im Stadion waren. Da waren fast nur noch Sponsoren vor Ort, und das finde ich ganz furchtbar. Schlimm ist auch, daß die Fans mehr und mehr zur Staffage werden. “Die brauchen wir auch, damit ein bißchen Krach gemacht wird.” Ich möchte nicht wissen, wie über Fußballfans, zumindest hinter vorgehaltener Hand, in den entscheidenden Kreise der Vereine geredet wird, vielleicht auch in Schalke. Ich war noch nicht dabei, kann aber sein, daß die nicht so nett über die Fans reden. Häufig werden Fans als gewisse Bedrohung oder Problemgruppe angesehen werden, was ja nachgewiesenermaßen nicht der Fall ist. Ich bin davon überzeugt, daß die Vereine gerne Fans hätten, wie sie sich zum Beispiel bei Bayer Leverkusen entwickelt haben. Die sitzen da auf der Family-Street, gehen vorher noch lecker bei McDonald’s essen, bringen ihre Kinder mit, sind angepaßt und nett, haben auch noch genug Geld, um Fanartikel zu kaufen und machen keine Probleme.
SCHALKE UNSER:
In Leverkusen wird es demnächst für die Heimfans eine “Sing- und Stehtribüne” geben, dieser Name alleine…
MANNI BREUCKMANN:
Ich durfte dabei sein, als Bayer Leverkusen 1988 UEFA-Cup-Sieger wurde. Und ich stellte mir damals so vor, wie es wäre, wenn Schalke oder Dortmund jetzt da unten spielen würden. An der Anzeigetafel wurden doch tatsächlich immer klatschende Hände zur Animation eingeblendet. Der Ribbeck hat zwar nach dem Sieg geweint, aber ausgeflippt ist da keiner so richtig.
SCHALKE UNSER:
Eine ähnliche Emotionslosigkeit ist heute auch bei den Profi-Fußballern erkennbar.
MANNI BREUCKMANN:
Das sind schon zum größten Teil Stereotypen, das muß man einfach so sehen. Der Profi-Spieler an sich ist mit Sicherheit nicht intelligenter als früher. Er ist ein angepaßter Realschulabsolvent, der sich gerne Börsenkurse anguckt, sich gegenüber der Presse nicht die Schnauze verbrennen will und ‘ne gute Mark macht. Das sieht man besonders auch an der derzeitigen Nationalmannschaft, die laufen auch da ‘rum wie Obertertia auf Klassenausflug. Mein Gott, früher hat der Wolfram Wuttke dem Berti Vogts mal ins Bett gepinkelt. Auf die Idee würde doch heute keiner mehr kommen. Vielleicht wird die Vergangenheit auch etwas glorifiziert, aber die Farblosigkeit ist schon ein Muster. Und was gegenüber der Presse oft deutlich wird, ist, daß sich dies häufig als Arroganz tarnt. Das kann ich ja gar nicht haben, wenn ich einen 20jährigen Spieler um ein Interview bitte, und dieser dann wie so ein arrogantes Arschloch auftritt. Aber genauso auch sogenannte Starspieler. Thomas Helmer wollte ich nach einem Spiel in Gladbach interviewen, ich sagte: “Können wir ein Interview machen für den Bayerischen Rundfunk?” Dann fummelte ich noch so ein bißchen an meinem Tonbandgerät herum, da sagte er schon: “Ich warte…” An der Stelle hätte ich am liebsten gesagt, “Mensch, verpiß dich doch, gib dir selber deine Interviews”. Man muß aber auch sehen, daß ein Teil der Medien aus kleinen Äußerungen Riesendinger aufbauschen. Wenn ein junger Spieler solche Erfahrungen ein paar mal gemacht hat, dann will er sie nicht noch mal machen. Aber die Unfähigkeit zu differenzieren, die wird auch von solchen Gestalten wie Otto Rehagel vorgelebt. Der will ja gar nicht differenzieren, wer mit ihm fair umgeht und wer nicht.
SCHALKE UNSER:
Andererseits gibt es aber auch einen Andreas Möller, der kein Fettnäpfchen ausläßt.
MANNI BREUCKMANN:
Sobald ein Mikrophon in der Nähe ist aber auch nicht, da benehmen die sich alle wie Regierungssprecher. Deswegen machen solche Interviews wie zum Beispiel mit Michael Meier auch überhaupt keinen Spaß mehr. Die gehen da hin und sagen sich innerlich, “Ich lasse nichts raus”, und so sind die Spieler teilweise auch schon.
SCHALKE UNSER:
Dann muß es doch ganz erfrischend sein, mit Rudi Assauer zu sprechen. Der präsentiert sich ja schon als ehrliche Haut und läßt auch meistens ein paar deftige Sachen heraus.
MANNI BREUCKMANN:
Er hat wirklich eine deutliche Sprache, für meinen Geschmack häufig ein wenig zu ruppig. Er hat auch schon in einigen Szenen gezeigt, daß er mit Kritik nicht so gut umgehen kann. Aber er ist mir dann letztlich lieber als diese Regierungssprecher. Dann gibt es noch diese Paradiesvögel, die sind schon wieder zu viel Paradiesvogel. Mario Basler zum Beispiel, der ist zwar ein Arsch, aber über den kann ich mich wenigstens noch aufregen.
SCHALKE UNSER:
Der Fußball im Radio hat immer noch eine Menge Anhänger, die Bundesliga am Samstag im WDR-Radio ist, wenn man schon nicht im Stadion sein kann, immer noch das größte.
MANNI BREUCKMANN:
Die Konferenz am Samstagnachmittag ist wirklich nicht zu toppen. Momentan sind beim WDR mit Tom Beyer, Armin Lehmann, Sabine Töpperwien und mir als die sogenannten Arrivierten auch immer noch Reporter vertreten, die ihre Leidenschaft für den Fußball auch als Fan eines Vereins gesammelt haben. Besonderer Klassiker war natürlich auch das UEFA-Cup-Finale in Mailand, das ich zusammen mit Sabine Töpperwien kommentieren durfte. An eine Szene nach dem Finale kann ich mich noch ganz gut erinnern, da war ich richtig gerührt. Da standen die ganzen Spielerfrauen vor der Kabine und sangen “Wir schlugen Roda …”. Irgendjemand besitzt auch noch das Foto von mir im MailandFlieger, wo ich den UEFA-Cup auf dem Schoß habe. Vielleicht kann derjenige sich mal bei Euch melden, das Foto hätte ich gern. Bei der neuen Generation von Fußballkommentatoren hat man manchmal schon das Gefühl, daß sie bei “ran” den Fußball als eine Show vermarkten wollen. Kerner und Beckmann sind jetzt da gelandet, wo sie eigentlich hingehören, in einer Samstagsabend-Unterhaltungsshow…
SCHALKE UNSER:
Auch die Masse an Fußballsendungen ist vor allem beim DSF sprunghaft angestiegen. Bald gibt es am Sonntag zunächst einen Bundesligarückblick, dann den Stammtisch und danach kommt noch “Auf Schalke”.
MANNI BREUCKMANN:
Solange es solche Spartenkanäle gibt, führt das auch zu wahnsinnigen Sachen. Ich war einmal bei solch einem DSF-Stammtisch bei der WM in Frankreich eingeladen, 11 Uhr morgens mitten in der Woche, und dann analysiert man da das Mittelfeldverhalten Nigerias. Dann denkst Du aber auch “Was machst Du denn gerade hier? Du kennst doch das Mittelfeldverhalten Nigerias gar nicht.” Dann kommt noch hinzu, daß es jeden Tag ein Live-Spiel geben muß. Das führt doch zu einer Übersättigung.
SCHALKE UNSER:
Gerade die Montagsspiele im DSF sind absolut fanfeindlich. Da bestimmt das Medium Fernsehen, wann ein Spitzenspiel in der zweiten Liga stattzufinden hat, und der Fan guckt buchstäblich in die Röhre. Unser Spiel gegen den Club aus Nürnberg wurde nun auch auf einen Freitag gelegt. Da kann dann auch wirklich nur noch der hinfahren, der sich dafür einen Tag Urlaub nimmt.
MANNI BREUCKMANN:
Es gab in den 70er Jahren mal ein Buch, das hieß “Die Fernseh-Liga”. Da wurde so ein Szenario entwickelt, in dem die Bundesliga vom Fernsehen praktisch inszeniert wird, ohne Publikum, mit Drehbuch. So allmählich nähert man sich diesem Zustand.
SCHALKE UNSER:
Wie siehst Du denn die Entwicklung des Fußballs durch die Umwandlung in Aktiengesellschaften und den Bau von hochmodernen Stadien?
MANNI BREUCKMANN:
Eine Prognose ist bei solchen Phänomenen gar nicht so schwierig. Da braucht man nur nach Amerika zu schauen. Das gilt für’s Showgeschäft, für’s Fernsehen und für den Sport. Es wird so werden wie in den USA. Fußball wird ein Teil des Business, ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wie ist das denn bei euch, freut ihr euch auf das neue Stadion?
SCHALKE UNSER:
Doch, wir freuen uns da sehr drauf. Das alte Parkstadion hat einfach zu viele Nachteile, als daß man es noch länger behalten möchte.
MANNI BREUCKMANN:
Ich freue mich auch schon drauf. In keinem anderen Stadion habe ich so viel gelogen wie im Parkstadion. Ihr müßt Euch vorstellen, daß wir anfangs noch höher saßen als jetzt. Man ist dort völlig abgeschottet. Stell Dir vor, es ist ein Freitagabend im November, Schalke spielt gegen den 1. FC Saarbrücken. Lehmiger Boden, die Spieler wälzen sich da alle ‘rum. Saarbrücken hast Du vielleicht mal vor einem Jahr gesehen, oder gar nicht, und dann sollst Du das Spiel kommentieren. Wer da hinten rechts dann zur Ecke klärt, ist von unseren Plätzen aus überhaupt nicht mehr auszumachen. Früher hatten wir ja auch keine Monitore, die gibt’s erst seit zwei oder drei Jahren. Ich hab im Parkstadion mal ein Länderspiel gegen die Türkei kommentiert, da war ich schon froh, daß ich die Deutschen erkannt habe, aber bei den türkischen Spielern mußte ich tatsächlich lügen. Das fiel mir schwer, bin schließlich katholisch erzogen und ehemaliger Meßdiener. Da lügt man sehr ungern.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank, daß Du hier bei der Wahrheit geblieben bist. Vielen Dank für das Gespräch und Glückauf.
“Ich kauf’ mir was …”
(pr) ” … kaufen macht soviel Spaß, ich könnte ständig kaufen gehen, kaufen ist wunderschön.” Als Herbert Grönemeyer 1983 seine Single “Kaufen” veröffentlichte, hatte er sicher nicht den niederländischen Nobelclub Ajax Amsterdam vor Augen. Sechzehn Jahre später passen diese Zeilen jedoch genau auf den Rekordmeister aus dem Nachbarland.
Jan van Riebeeck war am 6. April 1652 der erste Holländer, der für den südafrikanischen Fußball eine wichtige Rolle spielen sollte. Der Bau seiner Erfrischungsstation am Kap der Guten Hoffnung für die VOC (Vereinigte Ostindische Companie) war eine wichtige Voraussetzung für eine größere Ansiedlung in dieser Gegend. Aus der kleinen Ansiedlung im 17. Jahrhundert entstand im Laufe der Jahre das heutige Kapstadt.
Arie van Os war früher Börsenmakler für das Brokerhaus Van der Moolen und ist heute Ajax-Schatzmeister: Mit seiner Überweisung von 6,3 Millionen Mark in das 8000 Kilometer entfernte Kapstadt hat er vor einigen Wochen für ein Novum im Weltfußball gesorgt.
Michael van Praag ist seit einigen Jahren Ajax-Präsident und hat mit den von Arie van Os transferierten 6,3 Millionen Mark für sich und seinen Club die beiden südafrikanischen Vereine “Cape Town Spurs” und “Seven Spurs” aufgekauft. Mit den Millionen kaufte er aber nicht nur beide Vereine, sondern er legte sie auch zusammen und produzierte damit den neuen Retortenclub “Ajax Cape Town”.
Maarten Oldenhof ist seit dem Börsengang vom 11. Mai 1998 Manager der Ajax-AG. Nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft wurden fünf Millionen Aktien zu je 25 Gulden verkauft, womit die Vereinskasse in einer einmaligen Aktion gut gefüllt wurde. Doch die Aktionäre müssen auch zufriedengestellt werden. Schon beim Börsengang stellte Oldenhof öffentlich klar, wie neue Erwerbsquellen erschlossen werden sollen: “Fan-Artikel sollen besser vermarktet werden. Und in aufstrebenden Fußball-Ländern will Ajax vielversprechende Vereine übernehmen. Die sollen ebenfalls Ajax heißen …” Damit ging Ajax weiter als viele andere Clubs in der Vergangenheit. Schon 1998 war Ajax unangenehm aufgefallen, als man die Aktienmehrheit beim belgischen Erstligisten Germinal Ekeren erwarb.
Früher, als die Hauptspielfläche von Ajax noch der Rasen der “Amsterdam Arena” bzw. das Stadion “De Meer” war, gewann der Club 27mal den Titel des niederländischen Meisters und viermal den Europapokal der Landesmeister. Einige können sich vielleicht noch daran erinnern: So hieß früher die Champions League, als nur die Landesmeister spielberechtigt waren. Heute werden die Gelder des Clubs und der Sponsoren nicht nur für den sportlichen Erfolg genutzt, sondern auch zum Ausbooten der Konkurrenz. Mit allen finanziellen Mitteln versucht man, dem eigenen Verein und den Geldgebern Vorteile zu verschaffen. Hauptsponsor von Ajax Amsterdam ist seit einigen Jahren die niederländische ABN Amro Bank, diese gehört zu den größten Banken der Niederlande.
Innerhalb von fünf Jahren will das Ajax-Management am Kap ein “Mini-Ajax” aufbauen, das Nachwuchsspieler ausbilden soll. Die besten von ihnen werden dann natürlich in die Niederlande wechseln, um den Hauptverein zu verstärken. Unmittelbar nach der Gründung des neuen Vereins wurden weitere zwei Millionen Mark in den Aufbau eines neuen Nachwuchs-Camps “De Toekomst” in Ikamva investiert.
Dieses neue Fußballinstitut wird nicht nur den gleichen Namen wie das Ajax-Original in Amsterdam tragen, das ganze Vorbild soll komplett geklont werden. Nicht nur in Südafrika, sondern auf dem ganzen Kontinent sollen in den Niederlande ausgebildete Trainer die größten Talente sichten und nach Kapstadt in das neue Fußball-Institut, dessen Name “Die Zukunft” bedeutet, lotsen. Spätestens 2004, so die Planung der Investoren, soll der erste Meistertitel im Briefkopf des neuen Clubs stehen.
Waren die afrikanischen Länder früher nur die Punktelieferanten auf dem internationalen Fußball-Parkett, so fangen sie mittlerweile an, den Europäern die Plätze streitig zu machen. Die Entwicklung, die Ajax mit “Ajax Cape Town” einleitet, kann für den afrikanischen Fußball verheerende Folgen haben. Die Vereinsmannschaften werden nur noch als Rohstofflieferanten für den europäischen Fußball angesehen. In den afrikanischen Nationalmannschaften, in denen schon heute kaum noch Spieler, die im eigenen Land kicken, stehen, werden bei dieser Entwicklung nur noch Legionäre spielen. Damit ist abzusehen, daß der Vereinsfußball auf dem schwarzen Kontinent zukünftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen wird. Jeder Spieler, der für gut befunden wird, wird sofort an den europäischen Hauptverein weitergeleitet. Vielleicht war Benni McCarthy, 22jähriger südafrikanischer Nationalspieler und seit 1997 im Ajax-Kader, ein Grund für das Management, Kapstadt als Standort für den Ajax-Klon auszugucken. Rob Moore, Mitglied der Firmenleitung von Ajax Cape Town, entdeckte den Jugendspieler vor zwei Jahren in Kapstadt und holte ihn in die Niederlande. Bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich erzielte er das erste WMTor für Südafrika, bei Ajax trägt er das Trikot mit der Rückennummer 17.
Und wie geht’s weiter? Vielleicht hat Herbert Grönemeyer auch hier schon 1983 den richtigen Text gefunden: “bin ich erst im Kaufrausch, denk ich gleich an Umtausch …”
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 2
(rk) Nachdem wir in unserer letzten Ausgabe über die Sperre der ersten Schalker Mannschaft im Jahre 1930 und den Selbstmord des Schalker Schatzmeisters Willi Nier berichteten, wollen wir heute Licht ins Dunkel des zweiten großen Schalke-Skandals bringen. Nach dem bisher letzten Meistertitel im Jahre 1958 zogen dunkle Wolken über den Schalker Markt…
Meister und Kohlekrise
Die Jahreszahl 1958 steht auf den Schalke-Wimpeln für die bisher letzte errungene Meisterschaft. Die Knappen um Mannschaftskapitän Berni Klodt mußten im Endspiel im Niedersachsenstadion zu Hannover gegen den Hamburger SV antreten. Doch die Truppe um Uwe Seeler hatte nicht den Hauch einer Chance. Als es bereits zur Halbzeit durch zwei Treffer von Berni Klodt 2:0 hieß, wurde in St. Joseph, Schalke, von Pfarrer Kohle sogar die nachmittägliche Andacht unterbrochen, um das Ergebnis durchzugeben. Und am Ende stand es durch einen Treffer von Manni Kreuz sogar 3:0. Zum siebten Male war Schalke Deutscher Meister und zog mit dem damaligen Rekordmeister 1. FC Nürnberg gleich.
Das Jahr 1958 steht aber auch für den Beginn der Kohlekrise. Durch das Vordringen billiger Kohle aus Amerika und wegen der Umstellung auf das günstigere Erdöl kam es zur Absatzkrise; 40 Mio. Tonnen lagen bereits 1959 auf Halde. Erste Zechen mußten stillgelegt werden, das gesamte Revier bekam dies zu spüren. In den kommenden dreißig Jahren wurden über hundert Zechen stillgelegt. In Gelsenkirchen wurde 1959 die erste Feierschicht gefahren. Nicht nur auf Schalke waren die Zechen immer weniger in der Lage, als Sponsor des Vereins aufzutreten. Immer mehr nahmen die Funktionsträger der Städte die Rolle der Zechenvertreter ein.
100 Meter in 11 Sekunden
Auch bei Schalke war dies der Fall. Seit 1958 war mit Dr. Georg König der Stadtkämmerer Vereinsvorsitzender des FC Schalke 04. Dr. König war ein sehr geschätzter und einsichtiger Mann, dem man es durchaus zutraute, Schalke in eine gute Zukunft zu führen. Außerdem war er selbst alter aktiver Sportler, guter und begeisterter Handball- und Fußballspieler und zu seiner Zeit ein talentierter Leichtathlet (als 17jähriger lief er die 100 Meter in 11,0 Sek.). Als dem Oberleutnant der Fallschirmtruppe bei der Ardennenoffensive allerdings ein Unterschenkel abgerissen wurde, waren weitere sportlichen Träume ausgeträumt. Bei seiner Wahl zu Schalkes Vorsitzenden gab es Schwierigkeiten, da er selbst gar nicht anwesend war. Man hatte ihn durch eine Panne gar nicht benachrichtigt. Manch einem Schalker war sicher weh ums Herz geworden, als er einsehen mußte, daß niemand aus dem eigenen Verein das Zeug hatte, den Klub in die Zukunft zu führen.
“Lang genug Wiener Schnitzel gefressen”
Trotz des neuen Mannes an der Vereinsspitze konnte Schalke sportlich das Niveau der Meistersaison nicht halten. Hansi Krämer, zeitweise als Nationalspieler im Gespräch, ging zurück nach Duisburg. Zwar kam mit Hans Nowak (ursprünglich Nowaschebski) von Eintracht Gelsenkirchen auch ein späterer Nationalspieler hinzu, aber am Ende der Saison 1958/59 stand Schalke auf einem enttäuschenden elften Platz. Der Österreicher Edi Frühwirt, der erste Schalker Trainer, bei dem die Psychologie eine Rolle spielte, wurde wegen Erfolglosigkeit gefeuert. “Wir haben lange genug Wiener Schnitzel gefressen”, soll Ernst Kuzorra gesagt haben. In seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Vereins und Kommunalbeamter mußte König dafür sorgen, daß Schalke 04 der Stadt in vorzüglicher Verfassung erhalten blieb. Die Zeiten, in denen die Königsblauen unter Szepan und Kuzorra dem kleinen Mann durch die Erfolge der Mannschaft eine Art ideeller sozialer Befreiung von den Alltagssorgen gab, waren aber vorbei.
Die gemeinsame Überwindung der Nazi-Zeit, des Krieges und der Kriegsfolgen hatte dem Wirtschaftswunder Platz gemacht, Hunger und Not waren überstanden - doch Schalke war schließlich Gelsenkirchens Aushängeschild geworden. Die Stadt hatte mit dem Verein Schalke 04 ihre einzige Fremdenattraktion. Das gilt im übrigen auch noch heute uneingeschränkt. Schalke 04 mußte also, koste es was es wolle, mit seiner Tradition als Basis kommender Leistungen erhalten bleiben. Im Augenblick aber war die Mannschaft wieder mal im Umbau. Hermann Eppenhoff, Walter Zwickhofer, Paul Matzkowski, die das Rückgrat der Schalker Nachkriegself bildeten, waren längst abgetreten. Berni Klodt, inzwischen weit über dreißig, wollte und konnte nicht mehr. Er hatte inzwischen eine Wirtschaft am Schalker Markt übernommen, die für die Spieler und Schalker Anhänger ein Ersatz für “Mutter Thiemeyer” wurde.
Im Doppelpack
Wenn die anstehenden Aufgaben gelöst werden sollten, dann mußte Dr. König im trüben Teich des deutschen Fußballs mitfischen. Und er fischte mit. Zunächst war da in Wattenscheid, im unmittelbar an Gelsenkirchen grenzenden Vorort Günnigfeld, ein Amateur-Nationalspieler namens Willy Schulz aufgetaucht. Dr. König erfuhr, daß der damalige BVBTrainer Max Merkel, oft genug in der elterlichen Kneipe von Willy Schulz verkehrte. Also bot er 25000 Mark, 5000 mehr als die Borussia, und Willy Schulz unterschrieb bei den Königsblauen. Daß aus diesem schlaksigen, leicht o-beinigen Kicker später “Worldcup-Willy” wurde, konnte damals noch niemand ahnen. Der zweite Streich ging um den Karlsruher Herrmann, ein ausgezeichneter Sturmführer, ein Reißertyp mit großer Übersicht. Da er aber für die vom DFB gestattete Ablösesumme von 50000 Mark nicht zu bekommen war, ging man auf Schalke einen neuen Weg. Man erfand das “Kopplungsgeschäft”, das heißt, man bezahlte für zwei Stürmer und wollte nur einen. Mit Herrmann übernahm man den Durchschnittsspieler Lambert und bezahlte für den “Doppelpack” 100000 Mark. Dieser Coup löste einen ungeheuren Wirbel aus. Er verstieß zwar nicht gegen die DFBStatuten , wurde aber dennoch als eine glatte Schiebung angesehen. Der DFB bestrafte Schalke später dafür auch mit einem Abzug von vier Punkten, war aber gezwungen, die Strafe in der Berufung wieder zurückzunehmen. Ähnlichen Wirbel gab es um den Aschaffenburger Stopper Horst, um dem sich etliche weitere Vereine bemühten. Als er endlich bei Schalke unterschrieben hatte, versteckte man ihn, bis der Termin der Ablösemöglichkeiten verstrichen war. Schalke mimte den Unschuldigen.
Die Bundesliga kommt
Inzwischen hatte die Einführung der Bundesliga feste Formen angenommen. Man mußte dafür sorgen, daß man in der Oberliga einen guten Platz fand, um sicher in der Bundesliga zu landen. Dr. König war zwar gezwungen, in der Vereinsverwaltung zu sparen, aber trotzdem mußte die Mannschaft intakt bleiben. Man hatte sich weiter verstärkt oder glaubte es getan zu haben. Aus Berlin kam der Ex-Nationalrechtsaußen der DDR, der Oberleutnant der Volksarmee Horst Assmy, und aus Köln der Stürmer Klaus “Zick Zack” Matischak. Im letzten Oberligajahr erreichte Schalke den sechsten Platz. Nach jahrelangem Hickhack beschloß der DFBBundestag schließlich die Einführung der Bundesliga.
Praktisch änderte sich überhaupt nichts, obwohl die Ablösesummen verdoppelt und die gestatteten Spielerbezüge höher wurden. Außer den Prämien für Sieg oder Unentschieden sollte ein Lizenzspieler nicht mehr als 2000 Mark verdienen. Auch die Handgelder wurden beschränkt, aber das stand alles nur auf dem Papier. Die Vereine, die sich um die Bundesligateilnahme bewarben, mußten ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 35000 Zuschauern, eine Flutlichtanlage, 300000 Mark Jahresumsatz und ein Betriebsvermögen von 200000 Mark vorweisen. Über 40 Bewerbungen lagen dem DFB vor. Es wurde ein Schlüssel gefunden, der alle Erfolge und Tabellenplätze der letzten 13 Jahre berücksichtigte, um zu erreichen, daß die bekanntesten Klubs in die Bundesliga kommen. Ohne diesen Schlüssel hätten sowohl Schalke als auch der 1. FC Nürnberg Schwierigkeiten gehabt, in die neue Liga zu gelangen. Aber eine erste Liga ohne diese beiden Vereine war schier undenkbar.
Die Vorbereitung auf die Bundesliga hatte es in sich. Der Kölner Schnellinger und der Lüdenscheider Schütz waren für sagenhafte Gehälter nach Italien gewechselt, so daß auch die Preise der übrigen Spieler in die Höhe schnellten. Am Schalker Markt war man gehörig in der Klemme, die finanzielle Lage wurde immer bedenklicher. Für Matischak, Horst, Herrmann und Lambert mußte man 200000 Mark aufbringen. Es wurde ein Freundschaftsspiel gegen den brasilianischen Meister FC Santos in Essen auf dem Rasen von Rot-Weiß organisiert. Hiermit wollte man Geld verdienen, doch der Schuß ging nach hinten los, man fiel jämmerlich rein und mußte am Ende sogar noch 70000 Mark draufzahlen.
Griff in die Intrigenkiste
Doch das war alles nichts gegen die damaligen ewigen Anfeindungen und Streitigkeiten innerhalb des Vorstands. Einige, die nicht so recht an den Drücker kamen, machten Schwierigkeiten. Es bildete sich in erster Linie eine Front gegen Dr. König. Da man dem Stadtkämmerer aber mit sachlichen Argumenten nicht beikommen konnte, griff man in die Intrigenkiste. Anstatt in diesen schweren Zeiten wie Pech und Schwefel zusammenzuhalten - wie es bei der Sperre der ersten Mannschaft 1930 der Fall war - erschien der zweite Schalker Kassierer Wilhelm Nittka am 21.9.1961 mit der Abrechnung des Spiels gegen Hamborn 07 beim Gelsenkirchener Stadtdirektor Hülsmann und erklärte, daß Schalke 04 laufend Steuergelder unterschlagen habe und auch sonst nicht seinen öffentlichen Verpflichtungen nachgekommen wäre. Alle Vergehen seien durch Dr. König gedeckt worden. Zunächst gab Nittka an, “die Last der Lüge nicht länger tragen zu können”. Obwohl Nittka seine Behauptungen am nächsten Tag schriftlich zurücknahm, blieb Oberstadtdirektor Hülsmann nichts anderes übrig, als den Fall der Essener Staatsanwaltschaft zu übergeben.
Im Dezember 1961 begann die Steuerfahndung zu ermitteln. Und im Laufe der Zeit kam heraus, daß Dr. König und der erste Schalker Kassierer Asbeck spätestens seit 1959 aus einer schwarzen Kasse 42900 Mark Prämie, 71500 Mark Handgelder und Möbelrechnungen in Höhe von 36300 Mark gezahlt hatten. Das Geld war u. a. durch nicht abgerechnete Eintrittskarten und mit Hilfe von “Stundung” der Vergnügungssteuer durch die Stadt “zusammengespart” worden.
Weil die Stadt diese Manipulation an der Vergnügungssteuer gedeckt hatte, wurden Dr. König und der zuständige Finanzbeamte Wiescherhoff, der noch nie ein Fußballspiel gesehen hatte, vom Dienst suspendiert. Die Verpflichtungen von Schulz und Co. wären ohne diese unerlaubten und unversteuerten Handgelder nicht möglich gewesen. Und auch Handgelder mußten sein, “sonst hätten wir keine Spieler mehr auf den Platz locken können”, gestand Asbeck.
Der Prozeß
Das anschließende Gerichtsverfahren schlug wie eine Bombe ein. Die Denunzianten wußten genau, daß König, um Schalke wieder auf normale Bahnen zu bringen, Kopf und Kragen riskiert hatte. Im übrigen Fußball-Deutschland bekam man etwas kalte Füße, da alle anderen Vereine ihre schwarzen Kassen genauso gefüllt hatten wie Schalke: nicht abgerechnete Eintrittskarten, übertünchte Ausgaben, falsche Belege und Steuerhinterziehung. Etwas anderes blieb den Vereinen auch gar nicht übrig, wenn sie oben mitspielen wollten. Man staunte aber, daß beim berühmten Schalke 04 eine solche Niedertracht innerhalb des Vorstands möglich war, und vor allem wunderte man sich, wie Vorstandsmitglieder so dumm sein konnten, die schwarze Kasse der Staatsanwaltschaft auf dem Präsentierteller zu servieren.
Der Prozeß überschattete den Einzug Schalkes in die Bundesliga. Es dauerte über zwei Jahre, bis die Verhandlung in Essen stattfand. Die Anklage warf sechs Schalker Vorstandsmitgliedern und dem städtischen Steueramtsleiter Wiescherhoff Steuerhinterziehung, Betrug, Urkundenfälschung und Untreue im Amt vor. Eine respektable Liste, wobei
allerdings den Angeklagten bescheinigt wurde, für sich selbst keinen Pfennig veruntreut zu haben. Alles geschah, um Schalke zu helfen. Im Prozeß sagte Nittka dann aus, doch nicht wegen seiner Gewissensbisse ausgepackt zu haben. Vielmehr behauptete er, von seinem ehemaligen Vorstandskollegen und Schlachterbedarf-Großhändler Karl Stutte, Vereinsarzt Dr. Weiler und einem Parteigenossen Königs, Rübenstrunk, dazu erpreßt worden zu sein. Spielobmann Stutte habe sich über König geärgert, weil er seinem Schwiegersohn Otto Laszig keinen neuen Spielervertrag gegeben habe. Der damalige Landtagsabgeordnete Rübenstrunk wäre selbst zu gern Vorsitzender von Schalke geworden, weil er damit im Landtag besonderes Gewicht bekommen hätte, und Weiler war wütend, weil König seine finanziellen Bezüge kürzen wollte. Nittka selbst wollte sich rächen, weil ihm als ersten Schatzmeister Hans Asbeck vor die Nase gesetzt worden sei.
König konnte vor Gericht geltend machen, daß er von vielen Manipulationen nicht unterrichtet war, was auch nachweislich stimmte. Nach allen Entlastungen zugunsten von König fiel das Urteil auch einigermaßen milde aus. Er wurde zu einer Geldstrafe von 3400 Mark verurteilt, Asbeck zu 2000 Mark und Nittka, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, zu 200 Mark. Nach dem Urteil erhielten die Angeklagten Blumen vom Oberbürgermeister. Die “Zeit” resümierte nach dem Urteilsspruch: “Niemand hätte auch nach dem Prozeß an der Ausstrahlung des Goodwill gezweifelt, wären nur Steuerhinterziehung und Kartenabschöpfung zur Sprache gekommen. Selbst die Untreue im Amt, die das Gericht den Beamten Wiescherhoff und König vorgeworfen hat, wäre an Theken und Tresen als Kavaliersdelikt abgetan worden. Die schmutzige königsblaue Wäsche jedoch, die vor dem Tribunal ausgebreitet worden war, erschütterte die Stadt. Die Jungfrau Schalke ist geschändet.”
Wieder Selbstmord
König legte nach dem Urteil sofort seinen Vorsitz bei Schalke nieder, wurde aber später wieder ins Amt gesetzt und 1968 sogar zum Oberstadtdirektor gewählt. Asbeck war wohl einer der sympathischsten Männer im Schalker Vorstand, gewandt, liebenswürdig und gescheit. Als Kaufmann zunächst erfolgreich, verkalkulierte er sich aber und schied wenig später freiwillig aus dem Leben. Mit Schalke hatte sein Freitod - im Gegensatz zu dem des Schatzmeisters Willi Nier 1930 - aber nichts zu tun. Asbeck hatte wohl ziemlich voreilig gehandelt, denn bei einem möglichen Vergleich wäre für ihn immer noch so viel übrig geblieben, um gut leben zu können. Eine Frage aber blieb: Was muß das für ein Verein sein, für den selbst pflichtbewußte Beamte ihren Ruf, ihre Zukunft und sogar ihre Existenz aufs Spiel setzen? Wer die Verhältnisse auf Schalke nicht kannte, konnte dies nicht nachvollziehen. Doch es sollte nicht das letzte Mal sein, daß man über Schalke den Kopf schüttelte.
Wir schlugen Herne, wir schlugen Arnheim…
(cr) Dieses Freundschaftsspiel war nicht irgendeine Ersatzdroge für die Winterpause. Gleich 1500 Fans der Blauen nutzten die Gelegenheit, mit elf von Schalke als Dank an die Anhänger finanzierten Bussen, aber auch mit Pkw ins nah gelegene Arnheim zu reisen, um das real existierende Vorbild der zukünftigen Arena in Gelsenkirchen zu begutachten.
Vitesse Arnheim gründete sich 1892 als Cricket-Club und wurde schon kurz darauf um eine Fußball- und Leichtathletik-Abteilung erweitert. Bis 1984 spielten Profis und Amateure in derselben Mannschaft, aufgrund drohenden Bankrotts teilte man sich fortan in AVC Vitesse und die Profiabteilung SBV. Seit der Einführung des Profifußballs in Holland 1954 hatte man zweimal die erste Liga erreicht, der Arnheim nunmehr zehn Jahre ununterbrochen angehört. Seitdem erreichte der Verein in jedem Jahr einen Platz unter den ersten Sechs, scheiterte jedoch international ‘90 in der dritten Runde an Sporting Lissabon, ‘92 ebenfalls in der dritten Runde knapp an Real ‘wo ist das Tor’ Madrid sowie jeweils in der ersten Runde ‘93, ‘94 und ‘97 an Norwich City, Parma und Braga.
Im Freundschaftsspiel am 27. Januar, einem Abschiedsspiel für zwei langjährige Arnheimer, Edward Sturing und Theo Bos, traf Schalke auf den Tabellenzweiten der ersten Liga in Holland. Der Erfolg in dieser Saison wird hauptsächlich auf das neue Stadion zurückgeführt, in dem Arnheim noch kein Ligaspiel verloren hat. Seit 1950 spielte man im Nieuw-Monnikenhuize Stadion, das ursprünglich 20.000, zuletzt aber nur noch 10.600 Zuschauern Platz bot. Die dort erfolgreich eingeführte VIP-Lounge ist heute im erweiterten Maßstab Geschäftsgrundlage des neuen Stadions Gelredome. Die Miete erbringt zusammen mit den Sponsorengeldern 46% des diesjährigen Etats von 37 Mio. Gulden, die restlichen Eintrittsgelder erwirtschaften noch 29%. In der Saison 94/95 wurden gerade 9,8 Mio. umgesetzt. Auch Parkgebühren von 8,50 Gulden pro Auto verbessern die Einnahmen wohl nicht unerheblich. Durch den herausfahrbaren Rasen können jede Woche beliebige Veranstaltungen wie Konzerte durchgeführt werden, was natürlich ebenfalls Geld einbringt und Arbeitsplätze schafft. Das zweiteilige, schließbare Dach vervollständigt die klimatisierte, multifunktionale Arena, die Vorbild für das neue Stadion in Gelsenkirchen ist.
Wie fühlt es sich an?
Von außen erinnert der supermoderne Gelredome erstmal an ein Hallenbad, kein Vergleich mit einem Tempel wie Guiseppe Meazza in San Siro. Aber was soll’s, unser Bau wird die dreifache Kapazität aufweisen und entsprechend imposanter ausfallen. Dazu gehört dann hoffentlich auch eine ordentliche Anzeigetafel und nicht so ein holländischer Sehtest. Auch die Gestaltung der vier Ecken sollte möglichst vom Vorbild abweichen und Blöcke bieten wie im Ruhrstadion, denn die Arnheimer Betonmauern verstärken den Hallencharakter. Vom verschenkten Platz abgesehen, fühlt man sich eher wie im Parkhaus als im Stadion. Zu diesem Eindruck trägt auch der Ausschluß der Witterungseinflüsse bei. “Klimatisiert”, das hört sich erst hervorragend an, wenn man aber bei Außentemperaturen um 0° mit entsprechender Kleidung unter den bollernden Heizstrahlern Platz nimmt, ist das nur noch unangenehm.
Die Brille beschlägt, die Glatze glüht, und wenn man sich vor dem Spiel per Schluckimpfung gegen das im Stadion angebotene wäßrige Gerstensurrogat gewappnet hat, hat man spätestens zur Halbzeit einen in der Kirsche. Der Gelderländer scheint das zu mögen, und das Dach wurde bisher bei keinem Ligaspiel geöffnet. Rudi scheint das aber ebenso unnatürlich zu finden wie wir und gab bekannt, daß wir weder mit künstlichen Höhensonnen noch mit geschlossenem Dach rechnen müssen, denn “zum Fußball gehört einfach, daß der Rasen auch mal glitschig ist”. Auf Zustimmung stieß der mobile Bierausschank durch fliegende Händler im Block, bezahlt wiederum per Chipkarte.
Nicht nur wir fühlten uns bei etwa 25° unwohl, auch unsere Akteure wie Yves und Youri konnten dem nichts abgewinnen, denn auch auf dem trockenen Rasen herrschten noch für die Jahreszeit klar untypische Temperaturen um 18°. Aber man sollte nicht nur meckern, es hat auch sein Gutes, in der Halbzeit im Trockenen zwischen Frikandel-, Getränke- und Fanartikelshop zu wandeln. Auch die hellen, freundlichen und sauberen Orte für unvermeidliche Bedürfnisse hinterließen einen äußerst positiven Eindruck. Ist man in Holland ansonsten die Vorwegnahme der Währungsunion im vereinten Europa gewöhnt, indem man beliebig mit DM oder Gulden bezahlt, wie es gerade paßt, muß man sich im Gelredome auf den nach einem Sponsor benannten “Ohra” umstellen. Diese nur im Stadion gültige Valuta erwirbt man, gespeichert auf Chipkarten, im Tausch gegen Gulden oder per Abbuchung von seiner ec-Karte an Automaten. Oder auch nicht, wenn der - scheinbar intakte und unverknitterte - Geldschein vom Computer als nicht maschinenlesbar wieder ausgeworfen wird. Kurzweil, auf die wir dringend verzichten wollen. Am Ende steht man zu dritt mit sechs häßlich-schwarzgelben Karten in der Hand herum und überlegt, welche Teilbeträge jeweils noch im Speicher der Karten schlummern und welche Einheit noch zu erwerben ist, damit man nicht am Kassenterminal mit hochrotem Kopf feststellt, daß ein oder zwei Ohra fehlen, um die Fressalien vor der Nase mitnehmen zu können - Firlefanz, Zurücktauschen gegen Geld kostet dann auch noch 1 Ohra (einen halben Gulden) Wechselgebühr.
Insgesamt läßt sich nach diesem Besuch ein erfreuliches Fazit ziehen. Mit 16.000 Besuchern war die Arena nicht ausverkauft, und im Spiel ging es eigentlich um nichts, trotzdem kann man erahnen, welche Stimmung in diesem Stadion möglich ist. Dazu trägt sicher auch das Fehlen der Zäune und Gräben bei, man ist nah am Geschehen und kann die Gesänge aus allen anderen Blöcken gut hören. Zum Abschied der beiden Vitesse-Spieler entzündeten die Fans reichlich bengalische Feuer und ein Mordsfeuerwerk in der Halle - in Deutschland wohl undenkbar. Die Sitze sind bequem, allein der Abstand der Reihen reichte mir nicht, ich mußte meine langen Beine doch etwas zusammenfalten. Aber wir werden “Auf Schalke” ja auch Stehplätze bekommen. Die Integration der Logen ist weitaus gelungener als in Anderlecht; damit die VIPs sich nicht hinter Glas verstecken, befinden sich Sitzreihen vor der Loge im Innenraum, diese Zuschauer sind somit mehr in das Gesamtpublikum integriert.
Die klimatisierte Opernhausatmosphäre möge uns erspart bleiben, ebenso der Mangel an Platz für die Befestigung von Transparenten. Ein letztes verbesserungswürdiges Detail ist der Zufahrtsweg der Busse - auf dem Weg zum Parkplatz direkt vor dem Stadion nur schrittweise im Stau voranzukommen, ist einfach nervtötend. Abschließend bitten wir alle Hardcore-Arnheimer um Verständnis, daß wir uns in dieser Folge unserer Serie über auswärtige Vereine schwerpunktmäßig mit dem für uns interessantestem Aspekt, dem neuen Stadion befaßt haben - der Stolz auf euer Schmuckkästchen sei euch gegönnt, bis wir es mit der großen Ausgabe ausstechen können.
Der Wiener Kongreß - Ein Netzwerk gegen den Rassismus im europäischen Fußball
(stu) Mit Stolz nahmen vom 31. Januar bis zum 2. Februar 1999 zwei Vertreter der Schalker Fan-Initiative sowie Bernhard Wengerek vom ersten deutsch-polnischen Schalke Fan-Club “Die Eurofighter ‘97” am Seminar “Networking Against Racism in European Football” in Wien teil. Insgesamt 40 Organisationen aus 13 europäischen Ländern kamen in der österreichischen Hauptstadt zusammen.
Sie wollten damit ihre Entschlossenheit verkünden, jede Form von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit im europäischen Fußballsport auch weiterhin massiv zu bekämpfen. Die Teilnehmer des dreitägigen Seminars bestätigten ihre Absicht, über die Landesgrenzen hinaus enger zusammenzuarbeiten und gründeten daher ein europäisches Netzwerk. In diesem Zusammenschluß sind Anti-Rassismus-Kampagnen, Fangruppen, Fanprojekte und Menschenrechtsorganisationen vertreten. Gemeinsam wollen die Organisationen für eine bessere Verständigung zwischen den verschiedenen Völkern und Kulturen eintreten.
Unterstützung für dieses Anliegen bekamen die Teilnehmer unter anderem von der englischen Spielergewerkschaft und dem englischen Fußballverband, die ebenfalls an dem Seminar teilnahmen, sowie von der UEFA, vertreten durch Pertti Alaja, den Generalsekretär des finnischen Fußballverbandes. Alaja outete sich zudem auch noch als SchalkeFan. Es wurde beschlossen, den Schwerpunkt der Arbeit zunächst auf die Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien zu legen. Mehrere Maßnahmen, um ein verbessertes Klima unter den Fans zu schaffen, sind geplant. Um die Arbeit besser koordinieren zu können, wurde beschlossen, sich regelmäßig zu treffen, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Das Netzwerk erhielt den Namen “Football Against Racism in Europe” (FARE).
Wir von der Fan-Initiative haben viel dazugelernt und wichtige Kontakte knüpfen können. Daß wir zusammen mit Stefan Diener vom Bündnis Aktiver FußballFans (BAFF) als Vertreter Deutschlands an dieser historischen Sitzung teilnehmen durften, ist vielleicht eine kleine Anerkennung unserer Arbeit. Wie uns andere Teilnehmer zu berichten wußten, hat der Name Schalke durchaus einen guten Ruf, was das Vorgehen gegen Rassismus angeht.

