Nummer 24 - 1999/12

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Mit Gott ist alles möglich” - Interview mit Gerald Asamoah
Monopoly, Monopoly
Blick in die Kurve
Die Arroganz des Geldes



“Mit Gott ist alles möglich”

(cr/jb) “Der beste Einkauf seit Marc Wilmots.” So lautet das einhellige Urteil über Gerald Asamoah. In kürzester Zeit hat sich “Blondie” mit seiner Spielweise und seiner Unbekümmertheit in die Herzen der Schalker gedribbelt. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über Fußballschuhe, Gott, Elektrokardiogramme und Haarfarben.

SCHALKE UNSER:
Gerald, du bist schon als kleines Kind nach Deutschland gekommen.

GERALD ASAMOAH:
Ursprünglich komme ich aus der Stadt Mampong in Ghana. Von dort bin ich mit sechs Jahren in die Hauptstadt gezogen, wo ich bei meinen Tanten gelebt habe, weil meine Eltern schon in Deutschland waren. Mit acht kam ich ins Internat, bis ich zwölf war. Mein Vater war damals Journalist in Ghana und sollte in Deutschland seine Ausbildung fortsetzen. Leider stieß er noch auf rassistische Vorbehalte. Ein Schwarzer als Journalist? Das konnten sich viele nicht vorstellen. Er brach ab und beschloss, wenigstens in Deutschland Geld zu verdienen und nach Afrika zur Familie zu schicken. Mein Vater hat dann erst meine Mutter rübergeholt, und als ich zwölf war, haben sie mich dann nachkommen lassen, und zwar deshalb, weil ich in Ghana zuviel Fußball gespielt habe.

SCHALKE UNSER:
Zuviel Fußball? Warst Du zuwenig in der Schule?

GERALD ASAMOAH:
Nicht direkt, aber ich habe zu viele Narben gehabt, weil wir in Ghana barfuß spielen, und meine Mutter wollte das nicht. Ich hab’ sogar Fußballschuhe von meinem Vater bekommen, aber ich hab’ nicht so gern da drin gespielt. Alle spielten barfuß, und du kannst doch nicht als Einziger mit Fußballschuhen spielen. Als ich klein war und mit Schuhen zum Fußballspielen gegangen bin, habe ich sie also ausgezogen, und wenn ich nach Hause gegangen bin, habe ich sie immer vergessen. Als ich wiederkam, waren die Schuhe weg. Da musste ich ein paar Mal sogar barfuß zur Schule gehen, weil meine Oma sauer war, dass ich meine Schuhe verloren hatte. Dann hat meine Mutter gesagt, jetzt holt sie mich hier rüber, dass ich hier keinen Fußball mehr spiele. Und hier wurd’s dann noch schlimmer. Zwar mit Schuhen, aber ich habe noch viel mehr gespielt.

SCHALKE UNSER:
Hast du hier sofort in einem Verein gespielt?

GERALD ASAMOAH:
Nicht sofort, aber fast: Mit 13 fing ich bei BV Werder Hannover an. Dort war ich fast drei Jahre, bis ich durch Zufall nach Hannover 96 kam, wo schon mein Cousin spielte. Er war in der zweiten B-Mannschaft und meinte: “Trainiere doch bei uns mit!” Wieder zufällig traf ich einen Freund, der in der ersten B spielte und sagte: “Du kannst auch bei uns mittrainieren!” Ich wusste nicht so recht, aber da kam gerade der Trainer um die Ecke und meinte: “Ja, du kannst ruhig mittrainieren.” Das habe ich gemacht, und ich war wohl gut, denn der Trainer wollte mich gleich haben. So wechselte ich kurz darauf nach Hannover 96 und habe dort in der B-Jugend gut eingeschlagen. Die Profis sind dann in die 3. Liga abgestiegen, da mussten sie auf die Jugend bauen. Ich hatte ein Jahr in der A-Jugend gespielt und sollte dann mit hochkommen. Von allen aus der Jugend war ich der Einzige, der richtig eingeschlagen hat. Ich habe es geschafft, auch wenn natürlich viel Glück und Zufälle mitgeholfen haben.

SCHALKE UNSER:
Otto Addo hast du dann erst bei den Profis kennengelernt?

GERALD ASAMOAH:
Ja, er kam aus Hamburg, wo er auch in der Regionalliga gespielt hatte. Und als Schwarze, beide aus Ghana, hatten wir schon etwas gemeinsam und haben uns prompt angefreundet. Wir haben auch nach wie vor Kontakt miteinander.

SCHALKE UNSER:
Hast du ihm zur Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb gratuliert?

GERALD ASAMOAH:
(guckt uns fragend an)

SCHALKE UNSER:
Na, zum UEFA-Cup-Wettbewerb.

GERALD ASAMOAH:
(lacht) Nee, gratuliert habe ich ihm nicht. Aber wir ärgern uns schon immer gegenseitig, wenn auch nur im Spaß.

SCHALKE UNSER:
Nochmal zum schwarzen Kontinent: Wie sieht es aus mit Profi-Fußball in Afrika?

GERALD ASAMOAH:
Okay, was die da verdienen, damit kann man da auch leben. Im Vergleich zu Europa ist das natürlich nicht gerade riesig viel Geld. Daher ist das Ziel aller guten afrikanischen Spieler, hierhin zu kommen, und entsprechend viele Berater laufen dort rum und versuchen, Spieler nach Europa zu bringen.

SCHALKE UNSER:
Bist du denn auch mal als Zuschauer ins Stadion gegangen?

GERALD ASAMOAH:
Ja, aber eigentlich nur einmal, wobei man die Stadien nicht mit denen hier vergleichen kann. In Ghana werden jetzt noch ein paar Stadien gebaut, weil die jetzt Afrika-Cup spielen. Nicht riesengroß, und man baut mit Holz. Es werden ein paar Stühle oder Bänke hingestellt, und dann geht das schon. Das Problem ist, es dürfen vielleicht nur 60.000 rein, aber es sind, sagen wir mal, 80.000 drin. Die klettern irgendwo drüber, sitzen auf dem Dach und so weiter. Und dann ist da richtig Stimmung.

SCHALKE UNSER:
Ist es dort bekannt, dass du hier so ein guter Spieler bist?

GERALD ASAMOAH:
Ja, im Nachhinein ist das herausgekommen. Jetzt, wo sie wissen, was sie von mir erwarten können, wollen sie, dass ich für Ghana spiele, aber ich würde lieber für Deutschland spielen.

SCHALKE UNSER:
Du hast mal gesagt, du würdest sonst zu oft für Schalke fehlen, wenn du so weit reisen musst.

GERALD ASAMOAH:
Ich denke da auch ein bisschen an mein Herz und meine Gesundheit. Ich wollte aber auch nicht gleich im ersten Jahr hier so viel fehlen. Das kann ich auch mir nicht antun, ich muss meinen Stammplatz erkämpfen.

SCHALKE UNSER:
War Schalke dein Wunschverein?

GERALD ASAMOAH:
Okay, ich hatte schon viele Angebote. Nachdem man aber mit einigen Vereinen gesprochen hat, merkt man auch, dass manche ein bisschen Angst haben wegen dieser Herzgeschichte. Wenn du das merkst, denkst du auch, warum soll ich da hingehen? Und ich weiß ja, wie ich spiele, wie meine Spielweise bei den Fans ankommt. Und als ich mit dem Manager gesprochen habe, habe ich gedacht, ich zieh’ das durch. Ist egal, wie. Das erste Jahr kann vielleicht ein Lehrjahr sein, und im zweiten kann ich dann richtig angreifen. SCHALKE UNSER:
Und jetzt warst du bei allen Pflichtspielen von Anfang an in der Mannschaft.

GERALD ASAMOAH:
Ja, da hat ja keiner mit gerechnet, dass ich das schaffen würde. Ich profitiere dabei von Youris Verletzung, wobei das natürlich nicht heißt, dass ich mich darüber freue. Aber dadurch habe ich einfach meine Chance bekommen und genutzt.

SCHALKE UNSER:
Und die Fans finden es auch super, dass und wie du spielst, rufen deinen Namen.

GERALD ASAMOAH:
Das habe ich auch schon gemerkt. Wenn ich auf dem Platz stehe, gebe ich immer 100 Prozent, und so denke ich, hier passe ich irgendwie hin.

SCHALKE UNSER:
Nach dem Training drängeln sich alle nach Autogrammen. Das ist schön, aber manchmal sicher auch lästig.

GERALD ASAMOAH:
Ich freue mich eigentlich immer, wenn ich unterschreiben kann, schon in der Schule wollte ich unbedingt immer Autogramme für alle schreiben. Ich fand das schön!

SCHALKE UNSER:
Hast du schon mal mit einem anderen Namen unterschrieben, zum Spaß?

GERALD ASAMOAH:
In Hannover wurde man manchmal gefragt: “Bist du Otto oder der Asamoah?” Wir haben dann schon manche verarscht, “Ja, ich bin Otto”, das war gut. Oder ich habe zum Spaß für Otto Addo unterschrieben und er für mich.

SCHALKE UNSER:
Hatte Otto Addo nicht auch ein Angebot von Assauer?

GERALD ASAMOAH:
Otto und ich wollten eigentlich immer zusammen wechseln. Deswegen hatten wir beide zuerst einen Vertrag in Bielefeld unterschrieben. Irgendwann mussten wir uns aber entscheiden. Es sah erst gut aus, dass wir beide zu Schalke wechseln, aber dann kamen die Dortmunder dazwischen. Aber warum sollte ich mit 20 Jahren zu so einer Mannschaft wechseln? Ich habe Zeit und will lieber unten anfangen als oben. Okay, Schalke ist natürlich nicht unten, spielt aber auch nicht in der Champions League. Ich muss schon eine Chance haben, auch zu spielen, das war mein Ziel. Da war Geld nicht so wichtig. Also habe ich mich für Schalke entschieden und bin hier auch zufrieden. Naja, am Anfang war ich schon ein bisschen einsam, weil ich hier allein lebe, aber das ist jetzt schon besser geworden.

SCHALKE UNSER:
Dein Bruder ist jetzt auch zu dir gezogen?

GERALD ASAMOAH:
Ja, der wohnt jetzt bei mir. Er ist erst 15, aber er hört auf mich und baut keinen Scheiß. Er ist hier auch neu und hat noch keine Freunde, aber er ist ganz anständig. Erstmal geht er noch zur Schule, hier im Berger Feld. Und er spielt auch Fußball, ich habe ihn gleich hier bei der B-Jugend angemeldet. Meine Eltern haben in Hannover einen afrikanischen Laden, um den sie sich kümmern müssen. Hier habe ich mehr Zeit für ihn, und ich bin auch nicht mehr so allein.

SCHALKE UNSER:
Du bist ja auch noch nicht sehr alt, aber trinkst du nur Apfelschorle und machst überhaupt keinen Mist?

GERALD ASAMOAH:
Nein, ich trinke jedenfalls überhaupt keinen Alkohol, da habe ich Bedenken wegen meines Herzens. Ich habe vorher nie etwas gemerkt, aber man weiß ja nie. Eine Woche, bevor das mit meinem Herzem rauskam, war ich krank und konnte gar nicht trainieren. Vor einem Spiel esse ich auch vorher nichts. Dann habe ich 90 Minuten durchgespielt, und danach bist du richtig fertig. Nach dem Auslaufen kam ich in den VIP-Raum, und mir wurde kurz schwindelig. Es war auch zu warm da drin. Da habe ich meinen Kopf vier Sekunden auf den Tisch gelegt und hatte Schweißausbrüche. Als Vorsichtsmaßnahme sollte ich am nächsten Tag zum Arzt gehen. Sie haben mich lange untersucht und meinten auf einmal, ich hätte angeblich etwas am Herzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es daran lag. Jeder Mensch würde wohl schlappmachen, wenn er morgens nichts isst, dann 90 Minuten rennt, und das kurz nach einer Grippe. Es ging mir danach wieder supergut. Und dann stellen sie sowas fest - das zu erleben, war richtig schwer für mich, denn es hieß: “Du kannst kein Fußball mehr spielen.” Und für mich war Fußball alles. Okay, ich habe meinen Realschulabschluss gemacht, aber keinen Beruf gelernt. Ich war ja schon mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft. Da macht man sich Gedanken: “Was mache ich jetzt - ohne Fußball?” Deswegen habe ich auch nicht so schnell aufgegeben. Ich bin auch sehr gläubig, das war dann meine Stärke. Gott hilft jedem aus der Klemme. Zum Glück kann ich wieder spielen, wenn auch mit Risiko. Ich nehme jetzt jeden Morgen Tabletten und habe nie Beschwerden. Und wenn doch, ist es besser, davon jetzt zu wissen. Zwickt es, bin ich vorsichtiger; wüsste ich es nicht, würde ich es nicht ernst nehmen und vielleicht auf dem Platz zusammenklappen. Viele fragen mich, ob es mich stört, dass dieses Gerät am Spielfeldrand bereitsteht, aber das tut es nicht. Das glauben mir viele nicht, dass ich im Spiel nie daran denke. Ich habe mein Vertrauen in Gott, und der weiß, was passiert und weiß, wann Schluss ist. Deswegen habe ich nie Angst. Wenn ich sie hätte, brauchte ich nicht mehr auf den Platz gehen.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das mit deinem Glauben, unterscheidet sich der vom europäischen christlichen Glauben?

GERALD ASAMOAH:
Das ist alles gleich, auch die Bibel und alles. Nur unser Gottesdienst ist nicht so ruhig und langweilig. Da wird immer richtig gefeiert und gesungen, eine schöne Stimmung. Die Kirche heißt “Pentikos”. Die nächste Kirche ist in der verbotenen Stadt, aber bei Düsseldorf ist auch eine. Ich versuche sonntags noch in Hannover zum Gottesdienst zu kommen. Ich finde viele wichtige und schöne Sätze in der Bibel, und meine Maxime ist daraus: “Mit Gott ist alles möglich.”

SCHALKE UNSER:
Auf Huub Stevens wurden vor der Saison hohe Wetten angeboten, dass er als erster Bundesligatrainer gehen muß. Das ist zum Glück erst einmal kein Thema mehr. Wie kommst du mit ihm zurecht?

GERALD ASAMOAH:
Och, ganz gut. Wenn er mich aufstellt, ist er wohl auch mit mir zufrieden und ich mit ihm. Er verlangt viel, versteht aber auch Spaß. Wir haben viel Spaß, aber wenn du auf dem Platz steht, will er, dass du dich konzentrierst. Er steht auf Disziplin, was er sagt, musst du machen, dann kommst du mit ihm zurecht. Wenn nicht, dann ist er sauer.

SCHALKE UNSER:
Und die Spieler? Redest du viel mit Jiri?

GERALD ASAMOAH:
Ich ärgere ihn so gern. Jiri Nemec wirkt immer völlig müde. Aber auf dem Platz geht er ab, unglaublich. Das imponiert mir. Er gibt keine Interviews, und wenn wir fünf gegen zwei spielen, geht er nie in die Mitte. Yves meint immer, daß ich angeblich nie tragen helfe beim Training. Ich würde immer abwarten, bis die anderen alle Hütchen oder Leibchen genommen haben. Yves hat immer was zu meckern, aber das ist Spaß, wir verstehen uns gut.

SCHALKE UNSER:
Nun ist die Nationalmannschaft dein Ziel?

GERALD ASAMOAH:
Jeder Spieler will das wohl, egal woher er kommt. Ich bin 21, bin noch jung und denke, ich könnte das irgendwie schaffen. Für Ghana hätte ich ja schon spielen können, aber ich will für Deutschland spielen. Jetzt will ich mich erst einmal für die U21 anbieten, aber dafür muss ich erst bei Schalke meine Leistung bringen. Die Einbürgerung läuft seit einiger Zeit, vielleicht bekomme ich sie noch in diesem Jahr.

SCHALKE UNSER:
Was hältst du vom Spitznamen, den Rudi Assauer dir gegeben hat?

GERALD ASAMOAH:
Okay, ist lustig irgendwie. Ein Schwarzer als “Blondie”; auch komisch, aber ich komme damit zurecht, kein Problem. Ja, ich habe schon überlegt, mal bei einem Heimspiel im Parkstadion richtig als Blondie einzulaufen, das sollte ich mal machen. Warten wir es mal ab.

SCHALKE UNSER:
Ist Schalke auf einem guten Weg?

GERALD ASAMOAH:
Wir haben gute Spiele geliefert, aber die Tore nicht gemacht. Etwa gegen Bayern, da haben wir super gespielt. Jede Mannschaft hat zuviel Respekt vor Bayern, ich habe aber eigentlich keine Angst vor Spielern, sonst könnte ich gleich einpacken. Nicht auszudenken, wenn wir die Punkte alle geholt hätten. Aber wenn wir uns reinhängen, können wir unser Ziel erreichen, vorne mitzuspielen. Teilweise haben wir ja nicht schlecht gespielt, und ich denke, dass es noch besser wird, je länger wir uns kennen.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.


Monopoly…

(bm) Michael Kölmel, Hauptaktionär und Vorstandschef der Kinowelt AG, ist ja schneller, als die Polizei erlaubt. Sechs Vereine waren es bis zur letzten Ausgabe des SCHALKE UNSER, nunmehr sind es schon zehn geworden, um die sich die “Sportwelt” kümmert. Sie ist die Fußballtochter der “Kinowelt”. Die Sportbild spricht gar von zwölf Vereinen.

Prominentester Neuzugang von Kölmel ist sicherlich die Fußballaktiengesellschaft Borussia Mönchengladbach. Laut der Rheinischen Post schießt die Sportwelt 30 Millionen Mark zu den 200 Millionen hinzu, die das neue Stadion kosten soll. Dazu kommen noch 15 Millionen für die Vereinskasse. Die Sportwelt bekam dafür die Fernsehvermarktungsrechte übertragen.

Auch bei der Fortuna aus Düsseldorf wurde der Vertrag mit dem Medienpartner Sportwelt (ebenfalls aus Düsseldorf) unterschrieben. Allerdings ist dieser Vertrag nur gültig, wenn sich der Club für die zweigleisige Regionalliga qualifiziert. In Aachen bei der Alemannia hat Kölmel ein Paket von mehr als 48 Millionen geschnürt: 30 Millionen für das Tivoli-Stadion, den Rest für Darlehen und Bürgschaften für den Verein, so die ARD. Auch beim SSV Ulm sei die gleiche Summe im Gespräch, ebenfalls für die Modernisierung des Stadions, ebenfalls gegen Übertragung von Vermarktungsrechten, wenngleich auch hier “nur” zu 75 Prozent. Beim FC St. Pauli werden derzeit ebenfalls Gespräche geführt, meldet das Fanzine “Übersteiger”.

Dazu gibt es immer die gleiche Verbrauchsanweisung: Suche einen Verein, der am Abgrund steht, besser noch einen Schritt weiter. Lege diesem einen Vertrag vor, der zwar das Überleben des Vereins sichert, aber die Vermarktungsrechte an die Sportwelt überträgt. Michael Kölmel ist in diesem Geschäft nicht der reiche Geldonkel, der sein Herz an alte Tradionsvereine verloren hat, sondern ein knallhart kalkulierender Geschäftsmann.

In den Verträgen sichert sich die Sportwelt die Macht über die Vereine, die nur noch auf dem Papier selbständig bleiben. Zwar hält der Verein mit 50,1 Prozent die Mehrheit an der Spielbetriebs-GmbH - 49,9 Prozent gehen an die Sportwelt -, doch wird zusätzlich eine Vermarktungs-GmbH gegründet. Hier muss der Verein sein wichtigstes Kapital, die Vermarktungsrechte, einbringen.

Dies beobachtet sogar der Finanz- und Ligadirektor des Deutschen Fußball­Bundes, Wilfried Straub, mitterweile mit Argwohn. Angesichts der Konstellation, dass die Vermarktungs-GmbH die Spielbetriebs-GmbH mit Geld versorgt, wird befürchtet, dass die Vereine nicht mehr das Sagen im “Unternehmen” Verein haben. Durch die Erlaubnis des DFB, dass sich Profivereine in Kapitalgesellschaften umwandeln dürfen, wurde diesen Machenschaften Tür und Tor geöffnet. Die Geister, die der DFB rief, wird er nun nicht mehr los.

Dass die Kommerzialisierung des Fußballs damit noch nicht abgeschlossen ist, beweist wieder besagter Herr Kölmel durch eine weitere “interessante” Zusammenarbeit “seiner” Vereine. Das Finanzcontrolling des Vereins ist der Sportwelt angeschlossen. Die Trainer der Sportwelt-Vereine sollen eng zusammenarbeiten. Es sollen sogar bereits gemeinsame Beobachtungen der derzeit auf dem Transfermarkt erhältlichen Spieler durchgeführt worden sein, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Da ist es wohl am besten, Michael Kölmel gründet auch noch eine eigene Liga (DEL läßt grüßen) ohne lästigen Auf- und Abstieg, und schon ist der Erfolg perfekt.

Und die Fans? Im “Übersteiger” lesen wir eine sehr nachdenkliche Betrachtungsweise: “Besser Kölmel als der Untergang… oder schlimmer kann es wie jetzt unter Weisener auch nicht werden.” Stimmt, schlimmer kann es kaum noch werden. Wird’s aber, wetten?


Blick in die Kurve

(bob) Es gibt sie natürlich, die guten Gründe, eine Auszeit von den “Blauen” zu nehmen. Kinder, Heirat, Scheidung, Schulden (es ist besonders bitter, wenn sie noch aus dem UEFA­Cup­Jahr stammen) oder der jetzt fällige Bausparvertrag. Und auch die Arbeitslosenquote in Gelsenkirchen bewegt sich auf Ost-Niveau.

Es gibt sie zu Hauf, die Gründe, nicht mehr “auf Schalke” zu gehen, genau so viele dafür, “auf Schalke” zu gehen. Richtig ist aber auch, dass aus der Perspektive der Flutlichtmasten das Stadion (mit Ausnahme der Südkurve) immer proppevoll ist. Von dort oben sieht man nicht, dass umgeschichtet wird und dass sich Strukturen verändern. Jeder, der schon seit Jahren dabei ist, kann ein Lied von den vermeintlich 100%igen Schalke-Fans singen, die an einem vorüber gezogen sind. Und damit ist nicht der Umzug in einen Nachbarblock oder auf die überdachte Tribüne gemeint. Sie sind weg, einfach weg, ohne Tschüss zu sagen. Eingeholt von was-weiß-ich-für-Dingen. Sicher ist, man wird sie wieder sehen.

Schalke ist ja bekanntlich ein Virus, der, wenn man ihn einmal hat, einen nicht mehr los lässt. Und so wird man den einen oder anderen in ein paar Monaten oder Jahren an der Würstchen- oder Bierbude wieder treffen, über alte Zeiten reden und sich freuen. Aber es beschleicht einen manchmal ein seltsames Gefühl, wenn man in seinen Block kommt und leere Stellen vorfindet. Auf den Plätzen von Bekannten der letzten Saison sitzen andere, und in den Kneipen vor dem Stadion ist auch vieles in Rotation.

Klar, für den, der neu ins Stadion kommt, ist Schalke wie immer: Fahne geschwungen, Bier getrunken, angefeuert und Spaß gehabt. Aber für viele ist es halt mehr. Der Ort, wo man sich trifft und lebt und überhaupt - Schalke. Da braucht man gar nicht weit zu schauen, man nehme nur die Nordkurve, die sich wohl wie kein anderer Bereich im Stadion im Strukturwandel befindet und derzeit einem Jungbrunnen ähnelt. Viele individualistische Fans fassen dort Fuß. Die Kutten sind rar geworden. Fanclubs, die zusammen stehen, sind die Ausnahme und sieht man immer weniger, obwohl es auf dem Papier fast fünfhundert sind.

Die Power kommt mittlerweile aus anderen Blöcken, und man fragt sich auch, ob viele nicht nur in der Nordkurve stehen, um etwas von ihr - der Kurve - selbst geboten zu bekommen. Zuschauen statt Initiative zu ergreifen, liegt im Trend. Alles so schön bunt hier, möchte mancher rufen, und das ist auch schon der Tenor. Dazu gehört auch mit Sicherheit der schwarz-weiß-rote Vaterlandsschal, der zusammen mit dem White-Power-Schal momentan so ziemlich das Blitzbirnigste ist, was Dummheit trägt. Ja, es hat sich etwas verändert im Stadion. U-Bahnen werden wieder gebaut, und man kann sich nach jahrelanger Abstinenz wieder richtig über neu hinzugekommenes Liedgut ärgern. Nix bleibt, wie es ist. Das ist auch gut so, aber muss es denn immer gleich negativ sein? Es sind viele abgetaucht und mit ihnen ein Stück Schalker Seele.

Und wenn man in so manch neues schwarz-weiß-rotes Pausbackengesicht schaut, fällt einem nichts mehr ein. Und von so jemandem ist mit Sicherheit außer Blöken nichts zu erwarten. a klar, wir wissen, das es Statistiken gibt, die besagen, das sich alle vier Jahre Fanclubstrukturen erneuern und auch sonstigen Wandlungen unterliegen. Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Es gibt eine Charge von alteingesessenen (und -stehenden) noch vorhandenen Strukturen, die aber auch gepflegt werden müssen.

Der Verein tut einiges, um im neuen Stadion keine Zustände zu bekommen wie die bei dem Verein aus der Nähe aus Lüdenscheid. Dort, wo es keine Fan-Zeitungen gibt, keinen Fanklub-Dachverband und andere Fanvertretungen, herrscht jetzt schon der Geist der Friedhofstribüne vor. Da wird in Zukunft nur noch gejubelt, wenn der Deutsche Aktienindex steigt. “Was ist zu tun?”, fragt sich jetzt sicher so mancher Leser. Die Frage steht nicht nur im Raum, sie liegt mit Petersilie garniert auf dem silbernen Tablett. Arsch hoch, ins Stadion kommen, überlasst das Feld nicht den Pausbacken!

Oder seid Ihr nach dem Erreichen des UEFA-Cups etwa Schalke-müde? Seid Ihr einfach nur satt, oder kocht das Feuer der Blauen bei einigen von Euch auf Sparflamme? Oder machen wir mit solchen Fragestellungen mal wieder die Pferde scheu und sehen mal Gespenster, wo keine sind? Es ist, so hoffen wir, ein ganz normaler Wandel, der sich dort abzeichnet. So ist das Leben, sagt man wohl.


Die Arroganz des Geldes

(dcm) In England passieren fußballmäßig die Dinge immer einige Jahre früher als anderswo. Dies gilt auch für die Umwandlung der Vereine in Aktiengesellschaften. Der einzig entscheidende Effekt einer solchen Umwandlung ist es jedoch, dass einige wenige schlagartig steinreich werden und die angestammten Fans jeden Einfluss auf den Verein verlieren. Sie stehen vor der Wahl, sich entweder als Konsumvieh immer wieder bevormunden zu lassen oder den Stadien fern zu bleiben. Der (im doppelten Sinne) Fall von Newcastle United ist besonders erschreckend.

Es ist Samstag, der 7. August 1999, erster Spieltag der englischen Premier-League: Newcastle United trifft auf Aston Villa. 70. Spielminute im St. James Park: United-Star Alan Shearer springt im Kopfballduell mit angewinkelten Armen schulmäßig zusammen mit seinem Gegenspieler hoch zum Ball - ein Pfiff, und Shearer erhält von Schiedsrichter Uriah Rennie die rote Karte. Nur vier Minuten später fällt gegen die bis dahin immer stärker aufspielenden “Geordies” aus Newcastle das 0:1 für Aston Villa. Die Verwirrung wegen des überraschenden Verlusts eines Schlüsselspielers war zu groß. Von den zumeist in gedeckten Farben gekleideten Zuschauern wird die Aktion mit freundlichem Beifall versehen, nachdem man gerade vom Buffet hinter der Tribüne einige Lachshäppchen verspeist und Champagner verköstigt hat.

Nebenbei hat man natürlich noch diverse Geschäftsabschlüsse getätigt oder zumindest eingeleitet. Schließlich hat sich zum Ereignis einmal mehr die Créme de la créme der regionalen Wirtschaft im Business-, Platinum oder Diamondsclub eingefunden, je nach finanzieller Potenz. Beim neuesten Gesellschaftstratsch amüsiert man sich bei der Wiederholung der wichtigsten Szenen, die auf zahlreichen Bildschirmen live in den Katakomben gezeigt wird. Zehn Minuten vor Spielende lässt man sich von stadioneigenen Stewards zu den Fahrzeugen in der Businessgarage geleiten, schließlich steht abends noch ein wichtiges Geschäftsessen mit anschließendem Opernbesuch an.

Diese Szenen sind glücklicherweise noch nicht die einzige Realität in Newcastle, wenn sie auch immer häufiger nicht nur dort zu beobachten sind. Das der roten Karte folgende Buhen und Pfeifen im akkustisch hervorragenden Stadion erreichte eine beeindruckende Lautstärke. Bezeichnend ist allerdings auch, dass das Häufchen von etwa 300 mitgereisten Aston-Villa-Fans im Gäste-Block sich durchaus gegen die restlichen 36.000 Schwarz-Weißen Gehör verschaffen konnte. Einen Fanblock im uns bekannten Sinne gibt es in Newcastle nicht. Die Fans stehen überall verstreut, ganz nach ihren finanziellen Möglichkeiten - wenn sie sich den Fußball denn überhaupt noch leisten können. Es gibt fast ausschließlich Dauerkarten, die billigste kostet umgerechnet 1200 Mark. Um nur auf Warteliste für Dauerkarten zu kommen, müssen nochmals umgerechnet 1000 Mark berappt werden. Wer nicht zahlt, bleibt draußen - die meisten sparen sich angesichts der kargen Löhne in England ihre Dauerkarte regelrecht vom Mund ab.

Auch in England gibt es Fans, die sich für ihre Interessen engagieren. Die verzweifelten Proteste und Aktionen von Fanorganisationen wie der “Independent Newcastle United Supporters Association” (INUSA) werden aber durchweg ignoriert, die Wortführer werden angefeindet und müssen nicht selten wegen ihrer Meinung um ihre Dauerkarte fürchten.

Newcastle-Manager Freddy Fletcher behauptete in Anspielung auf die INUSA, die “selbsternannten Fanvertreter” würden allenfalls eine verschwindende Minderheit im Stadion darstellen. Sie repräsentierten niemanden und seien von daher für ihn keine Ansprechpartner. Hinreichende Informationen über Wünsche der Fans - so Fletcher weiter - bezöge die Newcastle-AG über das Internet und durch Umfragen.

Auf den Vorhalt, warum die Eintrittskarten angesichts der immer geringer werdenden Bedeutung der Zuschauereinnahmen in den Bilanzen immer weiter verteuert würden, meinte Fletcher, in der Bundesliga gäbe es aufgrund der billigen Eintrittskarten lange nicht so viele internationale Topspieler wie in England. Die Frage, warum eine Mannschaft wie Schalke 1997 den UEFA-Pokal allen damals schon bestehenden Aktiengesellschaften wegschnappen konnte, vermochte Fletcher allerdings nicht zu beantworten. Die Ignoranz, die in solchen und anderen Äußerungen englischer Vereinsverantwortlicher (vgl. “The Toon Army” in SCHALKE UNSER 23) zu Tage tritt, ist bezeichnend. In der Liga der Aktiengesellschaften haben nicht mehr Sportfachleute, sondern allein Businessmanager das Sagen, denen die Seele und das Menschliche des Fußballs völlig fremd sind. Im Blickfeld dieser Leute steht allein die Rendite des Unternehmens, hierfür werden sie von diesem schließlich auch bezahlt.

Einfluss haben daher auch allein die Aktionäre, die die Mehrheit der Aktien halten. Fans sind für die Aktienspekulanten allein als Konsumenten von Dauerkarten und überteuerten Merchandisingartikeln interessant. Ein Haufen Konsumvieh, das ständig gemolken werden will. Die Fans werden auf diese Weise mehr und mehr vom Live-Fußball ausgeschlossen und müssen ihrer Leidenschaft per Pay-TV im heimischen Wohnzimmer frönen. Derweil werden die Stadienplätze blöckeweise an Sponsoren und gutbetuchte Geschäftsleute verkauft oder verschenkt. Sie suchen in erster Linie einen Kommunikationspunkt zur Vorbereitung und zum Abschluss ihrer Geschäfte, ganz wie beim Hunderennen oder Golfen.

Die Unterschiede zwischen der englischen und der deutschen Situation waren Gegenstand einer Radiosendung des britischen Sportkanals BBC Radio 5. Diese wurde in der ersten Oktoberwoche 1999 in England ausgestrahlt. Sie wurde von Marc O’ Donnel von der Produktionsgesellschaft Marx Brothers Ltd. zusammen mit Kevin Miles, Vorsitzender der INUSA produziert. Hierzu wurden zahlreiche Interviews mit Fans und Verantwortlichen beider Seiten anlässlich des angesprochenen Spiels Newcastle - Aston Villa sowie beim Spiel Schalke - HSV in Gelsenkirchen geführt. Schwerpunkt der Sendung war vor allem das Verhältnis beider Vereine zu ihren Fans.

Die englische Situation deutet an, was in Deutschland passieren wird, wenn hier die ersten Vereine zu Aktiengesellschaften geworden sind. Die Mentalität der deutschen Fans dürfte allerdings eine andere sein. Die einen werden sich bei dieser Bevormundung ganz einfach anderen Freizeitbeschäftigungen zuwenden, andere wieder den guten alten sonntäglichen “Gang auffen Platz” entdecken, wie es bei den Schalker Amateuren heute schon zu beobachten ist. Dann werden die unter sich gebliebenen Gutbetuchten bald das Interesse am Fußball verlieren und sich Geschäftsbetätigungsfeldern zuwenden, die “hipper” sind. Eine Fankultur wie heute wird es dann allerdings nicht mehr geben.


Wir machen Druck