Nummer 28 - 2000/11
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Ich bin einfach keine Reizfigur mehr” - Interview mit Andy Möller
Weisse noch?! - Zweistellig
Mein erstes Mal - Nummer 41.119
The final whistle
“Ich bin einfach keine Reizfigur mehr”
(dfv/mj) Die Meinungen in der SCHALKE UNSER-Redaktion gingen weit auseinander, und die eigentliche Entscheidung dauerte länger als gewöhnlich. Handelte es sich doch um ein Interview mit der umstrittensten Neuverpflichtung auf Schalke seit Menschengedenken: Andy Möller, eine Person, die polarisiert.
SCHALKE UNSER:
Andy, kennst du eigentlich die “Skandalausgabe” des SCHALKE UNSER mit dem Titelbild “Brot statt Möller?”. Das war zwar provozierend, aber nicht nur provozierend gemeint - man beachte das Fragezeichen.
ANDREAS MÖLLER:
Zunächst: mit der Forderung “Brot statt Böller” kann ich mich identifizieren. “Brot statt Möller”? Naja. Natürlich gab es gewisse Vorbehalte gegen meine Person. Das war auch keine einfache Entscheidung für mich, nach Schalke zu gehen.
SCHALKE UNSER:
Du wirkst sehr polarisierend. Wir sind nie zuvor beim Verkauf von Schalkern aggressiv angegangen worden. Die Nummer 27 war da ein Debüt: “Ihr schreibt was gegen Möller? Geht weg, sonst haue ich euch was in die Fresse.” Der Mensch war zugegebenermaßen blitzeblau, trotzdem war es eine ganz neue Erfahrung. Am Anfang gab es nur die Frage: Pro oder Contra? Inzwischen hat sich das geändert.
ANDREAS MÖLLER:
Eigentlich wundere ich mich, wie schnell ich aufgenommen worden bin. In Dortmund bin ich fußballerisch und motivationsmäßig nicht mehr zurechtgekommen. Es hat einfach nicht mehr gepasst. Für einen Fußballer ist Vertrauen elementar. Ich wollte was anderes machen. Dann kam das Angebot von Schalke, ein sehr großer Vertrauensbeweis. Die wichtigen Fragen musste ich überschlafen: Was haben die für Spieler, was für eine Mannschaft, was für Fans, was für einen Trainer, Management? Morgens um 10 Uhr rief mich Assauer an: Wie sieht`s aus? Dann hab ich gesagt: Ich komme. Und dann hat Assauer sofort eine Pressekonferenz anberaumt. Ich hatte noch nichts unterschrieben, ich hatte noch nicht einmal bei Dortmund abgesagt und plötzlich war ich auf Schalke. Und dann kam eine enttäuschende Geschichte, die Sache mit Wilmots Weggang.
SCHALKE UNSER:
Wäre denn Platz für euch beide im Team gewesen?
ANDREAS MÖLLER:
Der Marc war vom Trainer voll eingeplant und das hätte gut funktioniert. Vielleicht hat er auch das Gefühl gehabt, dass man nicht mehr 100% hinter ihm steht, und als das Angebot von Bordeaux kam erst einmal nur an sich gedacht. Die letzte Herausforderung, Ihr kennt das ja.
SCHALKE UNSER:
Wie ist denn heute dein Verhältnis zu Dortmund?
ANDREAS MÖLLER:
Mit Dortmund habe ich meine größten Erfolge als Fußballer erlebt. Das war eine tolle Zeit. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Auch privat haben wir uns sehr gut verstanden. Und da kamen dann auch die Erfolge. Anders ist das auch heute nicht mehr möglich.
SCHALKE UNSER:
Wird das auf Schalke auch so?
ANDREAS MÖLLER:
Wir sind eine Mannschaft, die die Gemeinschaft pflegt. Wir treffen uns regelmäßig privat, auch mit den Frauen. Da ist kein Quertreiber, kein Unruhefaktor dabei.
SCHALKE UNSER:
Komisch, wir dachten, als solcher wärest Du engagiert worden. Unruhe kann ja auch positiv sein.
ANDREAS MÖLLER:
Nein, auf keinen Fall. Ich habe eine sehr profihafte Einstellung und wenn ich diese Einstellung nicht gehabt hätte, hätte ich nicht diese Erfolge haben können; überall, wo ich gespielt habe, habe ich was gewonnen. Bis auf die Zeit bei Eintracht Frankfurt. Da wäre ich auch beinahe Deutscher Meister geworden und fußballerisch war das das Geilste… das war Fußball 2000 damals. Und diese Einstellung wollte ich eigentlich mit hierüber bringen, auch wenn jeder glaubt, das passt ja gar nicht. Schalke und Dortmund sind zwei ganz unterschiedliche Vereine oder “Religionen”, wie einige sagen. Das ist die Chance für mich zu beweisen, dass das, was in der Vergangenheit über mich geschrieben wurde, nicht zutrifft. Gut, ich werde kein Kämpfer, aber ich kann die Ärmel hochkrempeln und durch positive Ausstrahlung die anderen mitmotivieren. Ich will mich gerade hier, wo Fußball so eine große Bedeutung hat, durchsetzen. Die Menschen sind hier offen und direkt. Das war aber auch in Dortmund so.
SCHALKE UNSER:
Dort ist ein großer Zaun um das Trainingsgelände, hier nicht. Kommst du damit klar?
ANDREAS MÖLLER:
Der Verein will das so und ich finde das auch okay. Ich habe die Menschen hier über viele Jahre kennengelernt, und ich habe mir das auch zugetraut. Ich fand das auch mutig vom Verein, wie der Wechsel zustande gekommen ist. Der Rudi Assauer hat das innerhalb von 24 Stunden durchgezogen. Wenn es nur um das Geld gegangen wäre, wäre ich ins Ausland gegangen. Es geht darum, dass die Leute einfach mal merken, dass das eine Entscheidung für den Fußball und für die Motivation ist. Wenn ich zurück in die Heimat gehe, schließlich leben meine Eltern und Freunde dort, sollen mich die Leute in positiver Erinnerung behalten.
SCHALKE UNSER:
Du wohnst in Dortmund. Lässt man dich in Ruhe oder wirst du nach Gelsenkirchen umziehen?
ANDREAS MÖLLER:
Der Hausverkauf, ein Schulwechsel der Tochter und das ganze dann in einem guten Jahr noch einmal? Ich habe nur zwanzig Minuten Fahrt. Ich denke nicht, dass wir umziehen werden. Die BVBFans verstehen den Wechsel und sagen eher, wie konnte die Vereinsführung das zulassen? Der ganz eingefleischte Fan sieht natürlich nur blau-weiß. “Schalke-Sau” hat man mir natürlich auch schon hinterhergerufen.
SCHALKE UNSER:
Bei deinem Wechsel hast du sehr bereitwillig Rede und Antwort gestanden.
ANDREAS MÖLLER:
Ich bin die Sache sehr offensiv angegangen. Ich habe nichts zu verbergen, ich will mich hier zeigen, wie ich wirklich bin. Es kam in der Vergangenheit sehr viel Falsches rüber. Da habe ich mich ungerecht behandelt gefühlt und mich sehr ins Schneckenhaus zurückgezogen. So bin ich eigentlich gar nicht. Auch wenn ich am Ende meiner Karriere stehe, wollte ich dieses Schubladen-Denken nochmal angehen.
SCHALKE UNSER:
Du stammst aus Frankfurt-Sossenheim und bist dort aufgewachsen. Was ist das eigentlich für ein Stadtteil?
ANDREAS MÖLLER:
Sossenheim ist die “Bronx”, der letzte Ort mit Frankfurter Autokennzeichen, bevor es in die Taunus-Region geht. Es ist ein Arbeiter-Vorort, eine Satelliten-Stadt mit vielen Hochhäusern und vielen Nationalitäten. Ich habe in einem Hochhaus gewohnt, in dem der Aufzug meistens kaputt war, mit vielen Kindern und Jugendlichen und einem Bolzplatz. Heute stehen da übrigens Eigentumswohnungen. Alles hat sich damals um den Fußball gedreht. Wir haben uns die Tore noch selbst gebastelt. Ich bin froh, dass ich das erlebt habe. Zu diesen Jungs habe ich heute noch Kontakt. Wir telefonieren ab und zu. Da sind auch sehr viele Türken drunter.
SCHALKE UNSER:
Mit welchem Alter hast du angefangen, Fußball zu spielen?
ANDREAS MÖLLER:
Ich habe mit Sieben angefangen. Mein Vater war Jugendtrainer bei einem Frankfurter Vorortverein und hat mich immer mit zum Training genommen. Ich hatte immer einen Ball dabei und der Rest ergab sich automatisch.
SCHALKE UNSER:
Wer war dein Vorbild?
ANDREAS MÖLLER:
Es gab immer wieder Spieler, die ich gut fand, Hansi Müller, Bernd Schuster oder Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel.
SCHALKE UNSER:
Wie bist du in die Bundesliga gekommen?
ANDREAS MÖLLER:
Ich habe die Jugendmannschaften durchkämmt und mit 18 die Möglichkeit erhalten, einen Profi-Vertrag bei Eintracht Frankfurt zu unterschreiben. Ein bisschen Geld verdient habe ich aber schon vorher. Eine Fahrkarte und 150 Mark Unterstützungsgeld monatlich, das gab es in der Jugend schon. Aber ich musste auch immer mit der S-Bahn zur Eintracht anreisen.
SCHALKE UNSER:
Wie ist dein Verhältnis zu Eintracht Frankfurt?
ANDREAS MÖLLER:
Eintracht Frankfurt ist mein Heimatverein. Ich habe da von der C-Jugend bis zur A-Jugend gespielt und die ersten beiden Profijahre. Das Verhältnis hat sich dann abgekühlt, als ich nach Dortmund gegangen bin.
SCHALKE UNSER:
Du hast lange für Deutschland gespielt. Was war für dich der besondere Reiz?
ANDREAS MÖLLER:
Ich war in jedem Falle stolz, zu den besten Fußballern Deutschlands zu gehören. Wenn ich die Nationalhymne mitgesungen habe, war ich nicht stolz, Deutscher zu sein, vielmehr stolz, den deutschen Fußball repräsentieren zu dürfen. Für andere auf dem Platz zu stehen, andere Menschen zu vertreten. Deutschland ist und war immer eine Fußballmacht, neben Brasilien, Italien, England und so. Ich habe selbst früher vor dem Fernseher gesessen und die Weltmeisterschaften gesehen. Dieses Gefühl, ich würde auch gerne da stehen, und du stehst jetzt da und vertrittst uns, versteht ihr? Eine Ehre, für andere da zu sein, aber nicht in Feindschaft oder Abgrenzung von anderen Nationen.
SCHALKE UNSER:
Warum spielst du nicht mehr in der National-Mannschaft?
ANDREAS MÖLLER:
Da musste einfach ein Generationswechsel stattfinden. Ich habe eine sehr schöne Zeit beim DFB gehabt mit 85 Länderspielen in zehn Jahren. Da wurde zwar sehr viel negativ gesehen, aber ich wurde als jüngster Spieler im Kader mit zwei Kurzeinsätzen 1990 Weltmeister, habe 1996 die Europameisterschaft miterlebt, war 1992 bei der Vizeeuropameisterschaft dabei. Ich habe durch die Nationalmannschaft sehr viele Länder kennengelernt.
SCHALKE UNSER:
Würde es dir gefallen, wenn deine Töchter ihrem Vater nacheifern würden?
ANDREAS MÖLLER:
Auf keinen Fall. Wenn es so kommen sollte, gut, aber eigentlich finde ich Frauenfußball unästhetisch. Ich akzeptiere, dass es das gibt, aber ich glaube, dass andere Sportarten besser zu Frauen passen. Fußball ist eine Männersportart, und wenn ich mit meinen Töchtern spiele und ein Ball dabei ist, sage ich immer: Nimm den Ball in die Hand.
SCHALKE UNSER:
Freust du dich schon auf das neue Stadion?
ANDREAS MÖLLER:
Ja, riesig. Ich bin ein Mensch, der von Emotionen lebt, und ich habe es im Westfalenstadion jahrelang erlebt, wie toll das ist, wenn die Zuschauer hautnah am Platz und an den Spielern dran sind. In Kaiserslautern konnte man das jetzt wieder sehen, was das ausmachen kann. Das muss man erst kennenlernen als junger Spieler, eine enge Arena und dann läuft`s nicht richtig. Die ersten Pfiffe. Da wird man schon nervös. Andererseits kann die Nähe zum Fan schon helfen. Gestandene Spieler muss man dann natürlich auch haben.
SCHALKE UNSER:
Der Fan wird also noch gebraucht. Diese düsteren Visionen, dass man in einigen Jahren das Spiel nur noch vom Bildschirm aus sehen wird, trifft nicht zu.
ANDREAS MÖLLER:
Es geht nichts über ein Live-Spiel. Das ist eine ganz andere Welt.
SCHALKE UNSER:
Wie lange hast du vor, auf Schalke zu spielen?
ANDREAS MÖLLER:
Ich habe einen Zwei-Jahres-Vertrag und dann muss man schauen, ob man noch zusammenkommt für ein drittes Jahr. Und dann möchte ich meine Karriere eigentlich beenden, Schalke ist meine letzte Station.
SCHALKE UNSER:
Was kommt dann? Hat dir der Verein schon eine Perspektive aufgezeigt?
ANDREAS MÖLLER:
Das lasse ich noch auf mich zukommen. Da möchte ich mir noch Gedanken darüber machen. Ganz klar, kenne ich mich im fußballerischen Bereich aus. Was so läuft, im Training, im Management, auch im journalistischen Bereich. Da muss man abwarten, wie sich das entwickelt. Dass ich mich nicht in ein Büro setze und den Buchführer mache, ist klar. Vielleicht kann ich mich später auch um junge Spieler, beispielsweise in Sachen Geldanlagen kümmern. Die haben doch keine Ahnung davon, und deren Eltern meistens auch nicht. Vereine wie Bayern München nehmen sich da inzwischen in die Verantwortung.
SCHALKE UNSER:
Das Thema Rassismus/Rechtsradikalismus liegt uns bekanntlich ganz besonders am Herzen. Ist Ausländerfeindlichkeit auch ein Thema in der Kabine?
ANDREAS MÖLLER:
Gelegentlich ja. Vor ein paar Wochen ist das Thema kurz aufgeflackert und wir haben uns gefragt, wie es sein kann, dass solche Tendenzen wieder hochgekommen sind. Wir sind Fußballer, und ich finde es eigentlich sehr traurig, dass wir über so ein Thema überhaupt sprechen müssen, und gleichzeitig erschreckend, dass sich so etwas wieder entwickelt hat. Schließlich bin ich auch dreifacher Familienvater. Wenn die “Große” eines Tages fragt: “Papa, warum prügeln die sich, warum sind die so gegen die anderen Leute?”, komme ich nicht umhin, meinen Töchtern zum Beispiel den Holocaust zu erklären. Daher muss mich mit dem Thema befassen, um einigermaßen auf dem Laufenden zu sein. Und zum Thema Rassismus, da habe ich eine ganz klare Meinung zu. Ich bin ein Mensch, der auch alle anderen Menschen akzeptiert, aber es gibt gewisse Spielregeln, an die sich jeder, egal ob Inländer oder Ausländer, hält. Man muss ja nicht jeden mögen.
SCHALKE UNSER:
Noch mal zurück zum Thema “Reizfigur Möller”.
ANDREAS MÖLLER:
Das ganze Thema “Weichei” oder “Schwalbenkönig” bin ich nicht offensiv genug angegangen. Ich sehe mich absolut nicht als Reizfigur, das Thema ist für mich durch. Ich habe allerdings auch als Spieler nie den leichten Weg gewählt. Als ich von Dortmund wieder nach Frankfurt ging, habe ich auch eine Menge Prügel eingesteckt.
SCHALKE UNSER:
Apropos Prügel, da drängt sich ja abschließend dann doch noch die Frage zum Thema Christoph Daum auf.
ANDREAS MÖLLER:
Wenn ich sehe, was über mich geschrieben wurde, glaube ich jetzt bei Christoph Daum auch nicht alles. Dabei kann ich mir schon vorstellen, wie das gekommen ist. Grundsätzlich war diese Kampagne schlecht, weil jeder zum Beispiel in den Unternehmen denkt, die Fußballer schnupfen da rum. Aber beim Bundesligaspieler ist das nicht so. Ich glaube sogar, dass die Bundesliga total sauber ist. Wir haben ständige Dopingkontrollen, auch im Training. Das fiele auf. Im Amateurbereich soll es dagegen schon anders sein. Ich persönlich lebe sportgerecht, aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Da muss man auch mal locker sein.
SCHALKE UNSER:
Auch Äppelwoi?
ANDREAS MÖLLER:
Auch Äppelwoi!
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das offene Gespräch und Glückauf.
Weisse noch?! - Zweistellig
(pr) Legendäre Spiele von gestern und vorgestern der Jungs in Königsblau: Die “Weisse Noch?!”-Reise geht diesmal nicht zum grandiosen blau-weißen Auftritt im Westfalenstadion am 23.9.2000, sondern einige Jahrzehnte weiter zurück in die Vergangenheit. Die Beteiligten sind allerdings die Gleichen.
Mit 9:0 hatten die Blauen im Sommer 1939 im Berliner Olympiastadion gegen Admira Wien ihre vierte Deutsche Meisterschaft gewonnen. Fünfmal hatte Ernst Kalwitzki den Ball im Wiener Netz untergebracht, Fritz Szepan, Ötte Tibulski, Ernst Kuzorra und Ala Urban trafen je einmal.
Viel wichtiger war aber, dass ein halbes Jahr später die Dortmunder Borussia mit dem gleichen Ergebnis aus der Glückauf-Kampfbahn geschossen wurde. Es war die Zeit, in der die Schalker gerne mal einen Gegner zweistellig auf die Heimreise schickten. Der VfB Alsum musste dies in der Hinrunde 1939/1940 beim 13:0 ebenso erfahren wie der VfB Gelsenkirchen, der mit dem 11:0 noch gut bedient war. Gegen die Schwarzgelben fehlte allerdings ein Tor zum völligen Glück, trotz einer 5:0-Halbzeitführung wollte der zehnte Treffer nicht fallen.
Am 4.2.1940 konnte der BVB im Stadion “Rote Erde” die Niederlage in Grenzen halten, so dass die Schalker mit einem mageren 7:0-Erfolg die Heimreise antreten mussten. Der VfL Bochum musste drei Wochen später dafür beim 10:2 ebenso büßen wie Westfalia Herne, die im Folgemonat mit einem 14:0 abserviert wurde. Der CSC 03 Kassel wurde mit 16:0 deklassiert. Im Sommer 1940 wurde mit dem 1:0 gegen den Dresdener SC die fünfte Deutsche Meisterschaft klargemacht, aber irgendwie fehlte da noch was.
Dieses I-Tüpfelchen wurde den Schalker Fans erst am 20.10.1940 serviert. Ernst Kuzorra eröffnete den Torreigen nach zwei Minuten, Hermann Eppenhoff sorgte kurz darauf für das 2:0 und bis zur Pause hatten die Blauen ein beruhigendes 6:0 herausgeschossen. Doch wie im Vorjahr hatte der königsblaue Torexpress danach erst einmal Ladehemmung. Erst in der 70. Minute erhöhte Ernst Kalwitzki auf 7:0, das 9:0-Rekordergebnis stellte Willi Schuh kurz vor Schluss mit einem Schuss in den linken Winkel ein. Erst Fritz Szepan erlöste die Schalker kurz vor dem Abpfiff von einem möglichen Trauma und sorgte für den 10:0-Endstand.
Für den Rekord sorgten:
Gerber, Heinz Hinz, Walter Berg, Herbert Burdenski, Hermann Eppenhoff, Ötte Tibulski, Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, Natz Füller, Ernst Kalwitzki, Willi Schuh
Meister wurde Schalke 1941 übrigens nicht - aber das war ja auch egal.
Mein erstes Mal - Nummer 41.119
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal Claudia aus Münster. Auch sie berichtet von Euphorie und Ekstase, von Abhängigkeit und Sympathie. Sie ist hörig - dem S04. Aber sie ist nicht allein. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal.
Mit Fußball hat das eigentlich nichts zu tun. Als ich 1985 meinen Schalker kennen lernte, hatte ich für Fußball durchaus etwas übrig. Aber wie der darüber redete, das hatte ja mit Fußball nichts zu tun. Nicht der bessere soll gewinnen, sondern Schalke, und wenn Schalke verliert, liegt es immer am Schiri. So ein Quatsch, dachte ich damals. Es dauerte bis 1998, dann beschloss ich, ihn doch mal zu begleiten. Er freute sich riesig. “Und zu welchem Spiel willst du mit?” Ach ja, welches Spiel. So gut kenne ich mich nicht aus. Bayern München? Mein Schalker stöhnt. Vielleicht eine andere Ruhrpottmannschaft? Auch falsch. Nürnberg, die mit der Fanfreundschaft? Die waren in dieser Saison schon auf Schalke.
Gar nicht so einfach. Na dann der Meister, Kaiserslautern. Ja, die spielen aber erst im Mai. Auch gut. Es ist das zweitletzte Spiel der Saison. Schalke hat es geschafft, nicht abzusteigen. Die ruhen sich immer noch auf den Lorbeeren von Mailand aus. “Arbeitsverweigerung”, nennt mein Schalker das. Und Kaiserslautern steht irgendwo im oberen Drittel. Also geht es eigentlich um nichts mehr.
“Wird nicht voll, 40.000 vielleicht”, sagt mein Schalker. Dann sind wir in der Straßenbahn. Viele Leute sind schon blauweiß angezogen, einige sehen ganz normal aus. Ich habe ein T-Shirt bekommen, eine blauweiße Mütze und einen Schal. Meines Schalkers Schwester und Schwager tragen Spielerkleidung: Trainingshosen und Trikots, Schals und Mützen. Auf der Straße zum Parkstadion ziehen Gruppen und Grüppchen anderer Blauweißer entlang. Bierbuden, Pizzabuden, Fummelkontrolle. Dann der Eingang zum Block.
Parkstadion. Ich stehe am Rand einer riesigen Schüssel voller blauweiß gekleideter Menschen, weit unten der grüne Rasen. Man kennt sich, winkt, grüßt. Vierzigtausend sind doch ganz schön viele. Alle blauweiß. Müssten da nicht noch Gegner sein? Die spielen doch gegen… Ah, im Gästeblock sitzt ein Häuflein Roter. Es gibt Veltins und Pizza, dann begrüßt der Stadionsprecher die Fans. Fahnen, Transparente. Kuzorras Erben sind auch da. “Blau und Weiß, wie lieb ich dich!” Ich glaube, ich habe noch nie so falsch gesungen. Die Spieler kommen. Ein paar Nachnamen kann ich mitbrüllen. Dann geht es los.
Ein bisschen Geplänkel zuerst, ein Schubsen hier, ein Schüsschen da. Langsam kommen sie in Fahrt. Aber so richtig wird das nichts. Wir beginnen, laut zu werden. Wieso schießen die kein Tor? Wo sie doch das Kampfschwein haben, und den mit dem Doppelpass. Na ja, sie hatten viele Verletzte diese Saison, und gerade Willi… mein Opa hieß auch so, der war aus Hagen und auch Fan. Aber nun ist Willi ja da, und trotzdem kriegt er das Ding nicht rein. Halbzeit. Es gibt noch ein Bier. Unsere Nachbarn besprechen die Spielermoden der nächsten Saison. Ein kleiner Junge hinter mir will Eis, und dann doch nicht. Kein Wunder: Es gibt keine blauweiße Sorte. Jetzt quengelt er.
Aha, es geht weiter. Ziemlich lahm, obwohl wir Fans uns richtig Mühe geben, mit La Ola und “Steht auf, wenn ihr Schalker seid”. Aber auch das Häuflein rotweißer Lauterer im Gästeblock ist nicht zu überhören, denn sie haben Trommeln mitgebracht. Wie sie es schaffen, sich nicht aus dem Rhythmus bringen zu lassen, finde ich sehr tapfer.
Plötzlich liegt ein Lauterer tot im Strafraum. Der Schiedsrichter macht eine Bewegung, und um mich herum springt alles wütend auf und schimpft. Es gibt Elfmeter. Gegen Schalke. Der Ball ist natürlich drin. Au Scheiße.
Der Tote steht wieder auf und spielt weiter. Schalke wechselt einen Spieler aus, der Neue kriegt gleich die gelbe Karte, weil er gestolpert ist. Ich fass es nicht. Jetzt ist alles aus. Meine Umgebung verlegt sich auf Niederschreien, ich krieg das Maul nicht mehr auf. Die Jungs rennen auf dem Rasen rum, es gibt ein paar ganz nette Spielzüge und einige Schüsse auf das Lauterer Tor (und auf unseres auch), aber nix geht. Nix geht! Verdammt!
“Und so’n Scheiß guckst du dir die ganze Saison lang an?”, schnauze ich unpassenderweise meinen Schalker an. “Gut, dass die Saison vorbei ist!”, seufzt er, und mir fällt auf, dass er das heute sicher schon fünfzigmal gesagt hat.
Gleich ist Schluss. Der Ball kullert weit neben dem Schalker Tor ins Aus. Nein, doch nicht - einen Meter vor der Linie hat ihn ein Lauterer Spieler erwischt und tritt ihn ins lange Eck. Zwei zu Null. Ja isses denn wahr! Der Schalker Schwager springt angewidert auf: “Kommt, wir gehen!” Wir bleiben noch. Aber ringsum im Stadion füllen sich die Gänge. Selbst in der Nordkurve ist Aufbruchstimmung. Nur im Gäste block ist man fröhlich und tanzt. Irgendwie hätte es fast noch ein dreizunull gegeben. Aber das ist jetzt auch egal.
Nach dem Abpfiff schleichen wir zur nahegelegenen Veltinsbude und spülen den Frust runter. Mir fällt noch auf, wie leicht sich die 41.119 Menschen hier verlaufen. Es gibt kein Gedränge, auch keine Pöbeleien. Irgendwann ist einfach das Stadion leer. Die Fans aus Kaiserslautern, mit denen wir am Bierstand ins Gespräch kommen, sind auch nett. Die hatten eine lange Anreise, aber ihre Mannschaft hat gewonnen. Schalke hat verloren. Gut, dass die Saison vorbei ist!
The final whistle
(dol) …und mindestens drei Schalker waren dabei. Saturday, 7th October 2000: Das letzte Spiel im “Empire Stadium Wembley” genießen, ganz entspannt die WM-Qualifikation verfolgen, und das ganze mit ein paar Tagen in London abgerundet. Eine verlockende Perspektive für den Oktoberanfang, nicht wahr? Doch vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Und das heißt hier: Eintrittskarten bekommen. Den Einstieg bildete eine Internetanfrage beim DFB, und schon durften wir uns für eine Verlosung bewerben. 7150 Gästekarten sind nun wirklich ein bisschen wenig.
Kurz darauf trifft ein neutraler Umschlag aus Frankfurt ein. Die Preise, die Plätze und die sonstigen Bedingungen werden vorgestellt: Namen, Anschriften, Blankoscheck sowie “Die Ausweisnummern bitte hier eintragen”. Hups. Aber wir dürften immerhin selbst anreisen, kein Reisegruppenzwang. Noch flugs eine eidesstattliche Versicherung unterzeichnet, dass man nicht mit Tollwut infiziert ist, und schon geht’s ab in die Lostrommel. Glaubten wir.
Beim DFB allerdings, dessen sind wir uns sicher, haben die unabhängigen Ziehungsbeamten jede einzelne Ticketanfrage besprochen, ausgependelt und bei vorzeitigem Ausscheiden in eine Trostrunde oder den UEFA-Wettbewerb geschickt. Denn es schritten Wochen, nicht Tage nach Einsendeschluss ins Land bis eine Abbuchung in merkwürdiger Höhe auf dem Kontoauszug stutzig machte, der postalisch drei Karten à 27 Pfund nachfolgten. Für die Vergabe gebührt dem DFB ausnahmsweise mal ein Kompliment; denn er riskierte es, dass zwei Schalker aus Gelsenkirchen zusammen mit einem Schalker aus London ein Fußballspiel zwischen zwei vermeintlich verfeindeten Verbänden besuchen durften. Der englische Verband ist nicht so mutig. Um auch nur den Hauch einer Chance auf ein Ticket für die Nationalmannschaft zu haben, muss der Interessent Mitglied einer sehr exklusiven englischen Supporter-Bruderschaft sein.
Zum Vorspiel: Die britische Presse berichtete über jedes Ereignis im Dunstkreis von Wembley auf den Titelseiten, die Erwartungen an die Engländer waren hochgesteckt, auch an das Sicherheitspersonal. Passend zum Spiel wurden kleinere U-Bahn-Arbeiten durchgeführt, was unerhebliche Umwege der 70.000 erforderlich machte. Der Samstag war kalt, es schüttete wie aus Eimern, und es gab nur drei Pubs in Wembley, von denen einer geschlossen war. “The last ever match beneath the Twin Towers.” Ein merkwürdiger Rahmen für eine Abschieds-Feier.
Vor dem Stadion wurden neben diversen Souvenirs die vermutlich merkwürdigsten Burger des Universums angeboten und verzehrt, drinnen gab es kein Bier und wenig Aggressionen. Die Dimensionen der Herren-Toiletten ließen einstige Halbzeitpausen mit mehr als 100.000 Zuschauern erahnen. Im Innenraum tobte ein Stimmungsprogramm mit Synchronschwimmerinnen an Fesselballons und mehrsprachigen Appellen zur Fairness, dazu liefen die Charthits der Europameisterschaft - einschließlich Chumbawamba. Dann begann der feierliche Teil der Veranstaltung: “Jerusalem”, die unbestrittene Nummer 1 der kirchlichen Hitparade Großbritanniens, zumindest seit Emerson, Lake & Palmer, vorgetragen von einem Opernsänger. Einige Olympiasieger zeigten ihre winzig kleinen Goldmedaillen. Anschließend waren wieder Opernsänger dran und das Publikum: Gegnerische Nationalhymnen mit Pfiffen zu belegen, ist ja extrem originell. Die Organisatoren setzten in dieser Situation eine vorbereitete Publikumschoreographie ein: “Flagge zeigen und aufstehen.”
Zum Spiel gibt es nichts zu berichten, was nicht schon in den Zeitungen stand. Was dagegen nicht in der Presse zu lesen war: Die Kartenvergabe-Politik des englischen Fußballverbandes war, auch wenn es wenig Rangeleien gab, eine Katastrophe. Fangesänge und Anfeuerungen aus englischen Kehlen waren nach dem 0:1, als dem englischen Fußball ein wenig Ansporn von den 60.000 wirklich gut getan hätte, nicht mehr zu vernehmen. Das Gros der handverlesenen englischen Zuschauer war einfach still. “Football is coming home” war dann ausschließlich aus rund 7148 Kehlen zu hören, und zwar bis zur neunzigsten Minute und darüber hinaus. Diese “neue” englische Fankultur wurde förmlich vorgeführt. So verschenkt man leichtfertig Heimvorteile, lieber Verband!
Nach dem Abpfiff starteten ein Feuerwerk und die Feiern. Für die einen ging es im Stadion mit “Humba humba täterä” direkt weiter, für andere begann die Party erst im Pub bei Kevin Keegans Rücktritt vor laufenden Kameras. Den Abschied vom alten Wembley und dabei gewesen zu sein, konnte schließlich jeder feiern. Sogar das englische Sicherheitskonzept war aufgegangen. Ein Novum der Fanbetreuung sei abschließend auch noch erwähnt: Spezial-Ordner, an die sich ernsthaft wenden solle, wer nicht “satisfied” sei. Deren Stellenbeschreibung hätten wir gerne mal gelesen, am liebsten mit einem Pint ESB aus der Londoner Fullers Brauerei in der Hand. Cheers.
Das Rückspiel findet übrigens am 1.9.2001 statt. Karten? Kein Problem… bei unserem Losglück.

