Nummer 31 - 2001/08
Auszüge aus dieser Ausgabe:
“Leck mich doch am Arsch, der von Big Brother spielt auch mit.” - Interview mit Tomasz Hajto und Tomasz Waldoch
Rolling Home - Ich werde die Rolltreppe vermissen
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 - Teil 12
“Und zieh dich bitte ordentlich an”
Weisse Noch?!
“Leck mich doch am Arsch, der von Big Brother spielt auch mit.”
(bob/serc) Polnische Wochen auf Schalke: Tomasz Hajto und Tomasz Waldoch haben sich etabliert. SCHALKE UNSER sprach mit ihnen über Freunde, Arenen und den kleinen Grenzverkehr.
SCHALKE UNSER:
Wir haben vor kurzem in der polnischen Presse gelesen, dass Schalke für euch ein Traumverein sei.
Tomasz Hajto:
Ich habe nie wortwörtlich Traumverein gesagt. Natürlich hat jeder bei uns “ran” geguckt, und da sagte ich mir, irgendwann mal gehe ich zu Schalke, denn das ist mein Verein. Das war mein Wunsch, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mir diesen Wunsch erfüllen kann. Zunächst bin ich ja nach Duisburg gegangen, da ist es nicht mehr weit nach Schalke. Nur ein paar Kilometer, “das schaffst du noch”, sagte ich mir.
SCHALKE UNSER:
Was macht den Reiz auf Schalke aus?
Tomasz Waldoch:
Ich denke, dass man die Leute hier im Ruhrgebiet mit den Menschen in Polen vergleichen kann. Momentan ist das vielleicht manchmal nicht mehr so, aber in der Vergangenheit haben doch noch viele auf der Zeche gearbeitet. Das ist ein Arbeiterverein, und deswegen denke ich, dass viele dazu stehen. Sie identifizieren sich mit diesem Verein.
SCHALKE UNSER:
Im neuen Jahrbuch schreibt ihr, dass die Schalker Fans die besten sind.
Tomasz Hajto:
Es ist so in Deutschland, dass viele Leute sagen, ich bin ein Fan von Bayern München, sie schauen nur auf den Erfolg, sie identifizieren sich nicht mit dem Verein, der Mannschaft oder den Spielern. Hier dagegen ist das anders. Vor drei Jahren lief es nicht so gut, aber die Leute identifizierten sich trotzdem mit Schalke, sie waren zwar ein bisschen sauer, aber sie standen zu der Mannschaft. Viele Zuschauer der Bayern oder von Dortmund identifizieren sich nur mit dem großen Verein, mit dem großen Namen. Aber nur dann, wenn diese Vereine erfolgreich sind. Und angenommen, der Erfolg bei den Bayern bleibt mal aus, ist die Verbundenheit zum Verein viel kleiner. Sie wissen meistens nicht genau, warum sie Fans von Dortmund oder Bayern sind, sie identifizieren sich ganz einfach nur über den Erfolg mit ihrem Verein. Da ist ein großer Unterschied, Schalke ist schon anders.
SCHALKE UNSER:
Tomasz Waldoch, dadurch, dass du den DFB-Pokal hochgehalten hast, bist du historisch unsterblich.
Tomasz Waldoch:
Es war so, dass ich nicht spielen konnte, der Trainer aber vor dem Finale zu mir sagte, wenn wir den Pokal gewinnen, gehst du runter und nimmst ihn vom DFB-Präsidenten entgegen.
SCHALKE UNSER:
Kennt er dich mittlerweile?
Tomasz Waldoch:
Jetzt wahrscheinlich ein bisschen, denke ich. Aber den Pokal hoch zu halten, das hat mir schon sehr viel bedeutet. Jetzt ist es so, dass ich natürlich in sehr vielen Zeitungen, auf Plakaten mit dem Teller…
Tomasz Hajto:
(lacht) Der Teller, der Teller, das war ein großer Wunsch von dir.
Tomasz Waldoch:
…mit dem Pokal abgebildet bin.
SCHALKE UNSER:
Tomek Hajto, wir haben mitbekommen, dass du in der polnischen Sendung von Big Brother warst. Ihr habt dort das Spiel Polen gegen Norwegen nachgespielt. Wie war das?
Tomasz Hajto:
Wir haben eine Einladung bekommen, dort mitzumachen, die Sendung wurde täglich von sieben bis acht Millionen Menschen verfolgt. Ich war sechs Stunden im Haus, zusammen mit Tomasz Iwan, Piotr Swierczewski und Jurek Dudek von Feyenoord Rotterdam. Es hat richtig Spaß gemacht, wobei die komischste Geschichte erst hinterher passierte, vor dem Länderspiel Polen gegen Schottland. Beim Gang von der Kabine auf das Spielfeld vor dem Spiel stand da eine Oma, eine Putzfrau. Sie guckte mich an und sagte: “Leck mich doch am Arsch, der von Big Brother spielt auch mit.” Ich habe mich vor Lachen nicht mehr eingekriegt. Ich wollte ihr noch irgendetwas antworten, aber in dem Moment konnte ich nur lachen.
Ich bin vielleicht in Polen nicht so bekannt wie der Olisadebe, aber die Leute kennen mich dort schon. Vor lauter Lachen konnte ich mich die ersten zehn Minuten überhaupt nicht auf das Spiel konzentrieren, ich hatte diesen Spruch die ganze Zeit im Kopf, so gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Was Big Brother betrifft, könnte ich persönlich nie da rein gehen. Die Leute, die im Big Brother Haus sind, wollen berühmt werden, es ist ja mit die populärste Sendung in Polen. Aber zwölf Leute mit verschiedenen Charakteren und Eigenschaften in diesem Haus, das ist für mich wie ein Zoo. Kurz rein gehen, bisschen Spaß haben, Fußball spielen, das ist in Ordnung, mehr aber nicht.
SCHALKE UNSER:
Wie seht ihr das, sind Mannschaftsgefüge, Teamgeist, Unterstützung innerhalb der Mannschaft wichtig, oder besteht der Profi-Fußball nur noch aus Individualisten?
Tomasz Waldoch:
Nein, ich bin zwar Mannschaftskapitän, bin ja auch stolz darauf, aber wir haben einige erfahrene Leute im Kader, die viel erreicht haben. Trotzdem sind alle in der Mannschaft gleich: Ob das Olaf Thon, Tomasz Hajto oder Sergio Pinto ist, das ist egal. Man muss ein Team bilden und zusammenhalten, was uns in der letzten Saison gut gelungen ist, als wir schönen, offensiven Fussball gespielt haben. Natürlich hat jeder seine Probleme, aber wir treffen uns nicht nur auf dem Platz, sondern auch privat mit unseren Frauen, und das ist für den Erfolg sehr wichtig. Du merkst sofort, wenn einer Probleme hat, und wir versuchen, uns da gegenseitig zu helfen. Gerade für viele neue Spieler, die dazu stoßen, ist es nicht einfach, sich in der neuen Umgebung mit fremder Sprache zurecht zu finden. Um erfolgreich zu sein, brauchst du einfach ein eingespieltes Team, nicht nur auf dem Rasen.
SCHALKE UNSER:
Interessiert ihr euch noch für den polnischen Fußball?
Tomasz Waldoch:
Klar, wir telefonieren mit Freunden in Polen, schauen auch selber zu. Das Problem ist, dass sich die polnische Liga verändert hat, ich kenne viele Spieler nicht, die zur Zeit dort spielen, ich spiele ja seit 1994 in Deutschland. Natürlich interessiert es mich nach wie vor, wie Gornik Zabrze spielt.
Tomasz Hajto:
Man kennt sich auch aus der Nationalmannschaft, ansonsten kenne ich beispielsweise von Legia Warschau nur zwei Spieler. Aber du kannst im Internet die neuesten Fussballnachrichten aus Polen aufrufen, obwohl ich lange glaubte, dass ich den Umgang mit Computern nie lernen werde.
SCHALKE UNSER:
Wie seht ihr die Kommerzialisierung des Fußballs in Deutschland und in Polen?
Tomasz Waldoch:
In Polen gibt es verschlüsselte Programme, wie Wizja Sport, Polsat Sport, Canal Plus, da musst du zwischen 50 und 90 Zloty im Monat bezahlen (ca. 25 bis 45 Mark, Anm. d. Red.).
Tomasz Hajto:
Canal Plus hat die Rechte für die erste polnische Liga gekauft, dadurch kannst du die Tore bei anderen Sendern nicht sehen. Wiederholungen gibt es im ersten polnischen Fernsehen, aber erst drei Stunden später.
Tomasz Waldoch:
So etwas wie “ran” oder das “Aktuelle Sportstudio” gibt es in Polen nicht.
Tomasz Hajto:
Polen entwickelt sich jetzt sehr rasch, will auch in die EU, versucht alle Bedingungen dafür zu erfüllen und wenn ich jetzt nach Polen fahre, merke ich keine so großen Unterschiede mehr. Polen ist mein Land, wenn du nach Krakau fährst, dann meinst du, du wärst in Rom. Leider läuft vieles im polnischen Fussball verkehrt, so wird der Spielmodus ständig geändert. In Deutschland wird professioneller gearbeitet, auch was den Umgang der Vereine mit den Spielern anbetrifft. Hier werden Profis mit 28 oder 30 Jahren als erfahrene Leute eingestuft, die das Bild einer Mannschaft prägen. In Polen dagegen werden sie aufs Abstellgleis gestellt, man nimmt lieber einen jungen Kerl, der schnell fünf Tore macht, um ihn dann zu verkaufen. Es gibt in Polen drei Mannschaften, die wirklich professionell arbeiten, die für polnische Verhältnisse gutes Geld und pünktlich zahlen. Es kann doch nicht sein, dass sich ein Sponsor wie neulich bei Pogon Szczecin engagiert, nach vier Monaten aussteigt und der Verein dadurch fast zur Grunde geht.
SCHALKE UNSER:
Hast du selbst Erfahrungen damit gemacht?
Tomasz Hajto:
Ich habe das selber schon bei Gornik Zabrze erlebt, habe auch mal sechs Monate auf mein Gehalt gewartet. Darüber hinaus gibt es Bestechungsvorwürfe seitens der Medien, die nicht belegt sind. Ein Beispiel: Am vorletzten Spieltag der letzten Saison spielte Legia Warschau gegen Breslau. Die Breslauer brauchten Punkte, um nicht abzusteigen, Legia war ziemlich weit oben in der Tabelle, das Spiel endete 1:1. Die erste Überschrift, die ich im Internet gelesen habe, lautete: “Lief denn wirklich alles mit rechten Dingen ab?”
Die Journalisten haben keine Beweise, streuen aber Gerüchte in die Welt. Die Spieler haben zum Teil Angst, sie werden von den eigenen Fans verfolgt und bedroht. Der Verband müsste da härter durchgreifen, die Gerüchte untersuchen, und falls sie zutreffen, sollten sie die betreffende Mannschaft oder den Spieler für fünf Jahre sperren. In Deutschland habe ich von solchen Zuständen nichts gehört, beim Spiel Kaiserslautern gegen Frankfurt, als Frankfurt 5:1 gewann und sich am letzten Spieltag rettete. Man hat dieses Ergebnis aber nie in Frage gestellt, nie darüber spekuliert, ob das abgekartet war. Man hat einfach Respekt davor, jeder weiß, dass das Profis sind, die Strafen in einem solchen Fall wären sehr schmerzhaft. In Polen muss die ganze Entwicklung im Fußball in diese Richtung gehen.
SCHALKE UNSER:
Wie haltet ihr das hier eigentlich aus, ohne dieses wunderschöne Straßenbild der polnischen Frauen?
Tomasz Hajto:
Wir haben doch polnische Frauen.
Tomasz Waldoch:
Wir sind verheiratet, kein Thema.
SCHALKE UNSER:
Manch einer aber guckt doch gerne.
Tomasz Hajto:
Ich bin gesund, ich muss gucken, meine Frau weiß das. Aber dabei bleibt es auch. Keine Frage, ich gucke gerne, ich darf gucken. Ich frage dann meine Frau, ob sie sauer ist, sie meint nein.
SCHALKE UNSER:
Wie sieht eure Prognose für die neue Saison aus?
Tomasz Waldoch:
Wir werden mit Sicherheit nichts anderes sagen als vor der letzten Saison. Es ist ganz wichtig für uns, dass wir gut starten. Letzte Saison haben wir sehr gut angefangen, haben sehr viel Selbstvertrauen getankt. Wir müssen einfach abwarten, haben eine sehr gute Mannschaft, das Minimalziel ist der UEFA-Cup, dann schauen wir weiter.
SCHALKE UNSER:
Meint ihr, dass das neue Stadion einen positiven Schub mit sich bringt?
Tomasz Waldoch:
Natürlich, aber wir haben in der Arena noch nicht gespielt. Es ist zwar das schönste Stadion in Deutschland, und klar hoffe ich, dass das Stadion für einen Schub sorgen wird. Ich kann aber nicht voraussagen und behaupten, die Arena bringt uns sechs, sieben oder neun Punkte pro Saison mehr. Natürlich sind wir froh, so ein Stadion zu haben, aber man muss einfach abwarten, was es uns bringen wird.
SCHALKE UNSER:
Habt ihr euch eigentlich schon Gedanken darüber gemacht, nach der Karriere in Deutschland zu bleiben?
Tomasz Waldoch:
Ich kann mir das vorstellen. Als ich nach Deutschland kam, war das sehr schwierig für mich: Keine Freunde, ich habe kein Wort Deutsch gesprochen, meine Familie war nicht da, damals wollte ich zurück. Jetzt haben wir viele Freunde, nicht nur Polen, ich fühle mich wohl hier. Ich muss auch an meine Kinder denken, mein Sohn geht in die Schule, meine Tochter noch in den Kindergarten, die wachsen hier mit einer anderen Mentalität auf, sie fühlen sich hier zuhause.
Tomasz Hajto:
Für mich gilt eigentlich das gleiche, ich habe auch viele Freunde hier, wobei der Hauptgrund, in Deutschland zu bleiben, mein Sohn wäre, der hier zur Schule geht.
Tomasz Waldoch:
Genau, die Kinder sind der Hauptgrund dafür. Im Moment mache ich mir aber darüber sowieso keine Gedanken.
SCHALKE UNSER:
Danke für das Interview und Glückauf.
Rolling Home - Ich werde die Rolltreppe vermissen
(mac) Als ich noch mal da war zum Abschiednehmen, lagen die Ränge unwirklich stumm und betongewaltig vor mir. Mutmaßliche 630-Mark-Menschen bliesen mit ihren Maschinen den Unrat des letzten Spieltages, des großen Desasters, zu großen Haufen zusammen. Es war eine Entsorgung. Ich ließ meine Augen wandern entlang des Rosts an der Treppe, die geplant war für triumphale Pokalübergaben. Ließ sie schweifen über die früher schon überflüssig gewordene Anzeigetafel in der Nordkurve. Ließ sie weiter streifen und schließlich innehalten an der Rolltreppe.
Wie lange mag es immer gedauert haben, fragte ich mich, bis die Spieler hinuntergefahren kamen aufs große Feld in all den Jahren. Ich kam auf fünfzehn Sekunden. Handgestoppt. Und zwar im Kaufhof Köln, auf dem Weg von der Haushalts- zur Sportabteilung, denn das Original zu testen blieb mir verwehrt an diesem Montag im Parkstadion zu Gelsenkirchen. Längst war die Zukunft da, das letzte Spiel abgepfiffen, die Reste eines Dramas hochmodern zusammengekehrt, und die Rolltreppe gründlich deutsch gesperrt. Betreten für Unbefugte verboten, sagte das Schild unmissverständlich. Natürlich war ich unbefugt. Finale.
Fünfzehn Sekunden vermutlich dauerte es also, bis die Spieler von ihren Kabinen aufs Feld schwebten. Ja, sie schwebten. Und diese geschätzten fünfzehn Sekunden waren - ich kann es nicht anders sagen - magisch. Es waren fünfzehn Sekunden der noch gar nicht erfundenen Superzeitlupe. Entschleunigung. Bremse. Fast Weltstillstand. Alle Anspannung löste sich endlich. Nach Anreise und Aufregung, nach Angst vor Scheitern und Hoffnung auf Obsiegen: Sie kamen endlich. Und sie kamen stets langsam.
Schalke - wir alle wissen es - ist natürlich ein besonderer Verein. Der besonderste sogar, gar kein Vertun. Keiner ist mehr Ruhrgebiet, keiner mehr Mythos. Wegen keinem anderen wurde die Bundesliga mal aufgestockt. Und kein Club, dessen Vorortname bekannter wäre als die Stadt, aus der er kommt - St. Pauli eingeschlossen. Erbsensuppe und Bratwurstpräsidenten, der Steiger kommt, aber die Rolltreppe geht. Glückauf. Denn bei aller Vorfreude auf die Arena: Diese Rolltreppe, dieses einmalige Symbol, sie wird fehlen. Wird mir sehr fehlen. Es gab sie nirgends sonst. Und sie zu verpflanzen wie einst Christian Barnaard das erste menschliche Herz - das hätte mich glücklich gemacht.
Die Rolltreppe: Das war das ungehörte Geräusch von Metall auf Metall, von Stollen auf fahrenden Treppen. Das war das Einfahren der Knappen und ihrer Gegner in die Grube, in das weite Rund, auf die Wahrheit des Platzes. Das waren angespannte Gesichter, flackernde Augen vielleicht, Halt suchend und armgestützt in den nervösen Sekunden davor. Das waren unbeholfene Gespräche mit den Rivalen. Das war im Zweifel gebeugter Rücken oder stolzgeschwellte Brust danach. Das war das Eintauchen in tosenden Lärm und das Verschwinden aus tosenden Lärm. Das war das Gleiten der Gladiatoren, geschlagen oder gefeiert - anders als überall sonst in den Epizentren der Fußballrepublik. Einmalig. Einzigartig. Erhaben. Fünfzehn Sekunden lang vielleicht. Wenigstens.
Die Rolltreppe, rückblickt Ingo Anderbrügge, war ein Geschenk für jeden abkommandierten Kameramann: “Mindestens bei jedem zweiten Heimspiel war sie mit uns im Bild. Wohl ganz praktisch, weil unsere Gesichter nacheinander effektvoll auf die Mattscheibe gefahren wurden.” Die Rolltreppe jedenfalls war auf jeden Fall Schalke und nirgend sonst. Doch der locker vorgetragene Wunsch aus der Mannschaft, die Rolltreppe in die neue Arena zu verpflanzen, erzählt Anderbrügge, fand bei Rudi Assauer kein Gehör. Bedauern also selbst bei ihm, dem so Geschäftsmäßigen, dem doch eher Spröden und wenig Nahbaren. Dem Vernehmen nach soll es auch eine Rolltreppe in der neuen Arena geben, doch keine mit diesem sichtbaren Zauber.
Spricht man Anderbrügge, den professionellen Profi, auf die Rolltreppe an, erinnert er sich lebhaft, dass sie während der zweiten Liga mal kaputt war. Und dass es eine echte Freude gewesen sei, als sie endlich wieder funktionierte. Alle, sagt er und vergisst einen Moment seine Postprofirendite, ja wird fast zum Kind, fuhren gerne Rolltreppe. Und ergänzt, dass da ja immer einer habe stehen müssen, der die Richtung ändert. Aufwärts und abwärts - ewige Metaphern des Fußballs, zumal auf Schalke - handgesteuert und TÜV-geprüft noch bis 2002.
Als ich an jenem Montag ein letztes Mal im Stadion war, sah ich die Aufkleber am rechten Handlauf. Sie geboten, Hunde auf den Arm zu nehmen und Kinder an die Hand. Irrsinn des Warentestlands. Der zuständige Sicherheitsbeamte war gewiss auch in der Niederlage gnadenlos: Schneller nach oben ging’s auch gedemütigt nicht. Ein ewiges Kommen und Gehen, Auftauchen und Entschwinden im ewig gleichen Rhythmus des Lebens. Die Rolltreppe war ein melancholischer Ort wie alle großen dieser Welt.
Und hätte ich einen Wunsch frei, wünschte ich mir diese nachträgliche Herzverpflanzung. Diesen Verweis auf das Früher, auf das Herkommen, auf unser aller Zuhause und auf die zärtliche Traurigkeit des Seins. Rolling home: Meine Güte, die Medizin ist doch längst soweit.
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 12
(rk) Nachdem Schalkes Spieler wegen Meineids zu relativ milden Geldstrafen verurteilt waren, drohte im Januar 1976 neues Ungemach. Der DFB zitierte die verurteilten Spieler zu einer Anhörung nach Frankfurt. DFB-Chefankläger Hans Kindermann war der Meinung, dass bei einer Verurteilung wegen Meineids der für die Lizenzerteilung wichtige gute Leumund nicht mehr gegeben war. Erneut sollte über die Lizenzen der Spieler entschieden werden.
Fischer, Lütkebohmert, Sobieray, Libuda und Rüßmann erklärten übereinstimmend: “Wir haben in den letzten Jahren in Verbindung mit dem Bundesligaskandal und dem Prozess so viel mitgemacht, dass uns so leicht nichts mehr erschüttern kann. Wir sind auch fest davon überzeugt, dass Kindermann uns nicht erneut sperren kann. Zumal wir durch die Einlegung unserer Revision noch nicht rechtskräftig verurteilt sind.”
Auch Günter Siebert und Ex-Schatzmeister Heinz Aldenhoven erwartete noch der Richterspruch im Verfahren wegen eidlicher Falschaussage vor dem Essener Landgericht. Derweil formierte sich bereits eine Opposition auf Schalke, die Siebert auf der kommenden Jahreshauptversammlung stürzen wollte. Doch gerade diese Opposition - bestehend aus dem Bäckermeister Josef Wittinghofer, dem Fichtel-Verteidiger Peter Michael und Dr. Rüdiger Fenne geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, weil ihre Kandidaten sich nur dann als Nachfolger wählen lassen wollten, wenn Siebert tatsächlich verurteilt würde.
In dubio pro reo
Weil sich ein Schöffe verspätet hatte, mussten Siebert und Aldenhoven eine ganze geschlagene Stunde warten. Für sie forderte der Staatsanwaltschaft sieben Monate auf Bewährung und 20.000 Mark Geldstrafe. Nie war der große Schwurgerichtssaal 101 so voll. Nie drängten sich auf den Fluren mehr Schaulustige, Kameramänner und Journalisten. Am Mittwoch, 4. Februar 1976, 9.55 Uhr, war für Günter Siebert und den ehemaligen Schatzmeister Aldenhoven die Welt wieder in Ordnung. Richter Pohl, Vorsitzender der siebten Strafkammer am Essener Landgericht, verkündete unter anhaltendem Beifall aus dem voll besetzten Zuhörerraum “im Namen des Volkes” das Urteil: “Die Angeklagten Siebert und Aldenhoven werden freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last.”
Schalkes Tribüne hätte in diesem Augenblick keine wirkungsvollere Kulisse sein können. Der Beifall war größer als nach einem Schalker Tor. Und Günter Siebert, eben noch der eiskalte, smart plaudernde Weltmann und Fußballexperte, weinte hemmungslos wie ein Kind. Die Spannung von fünf Jahren und vier Monaten war urplötzlich von ihm gewichen. Richter Pohl ließ offen, ob dies eine Stunde der Wahrheit war. “Die Kammer ist von der Unschuld der Angeklagten nicht überzeugt”, erklärte er, “aber auch nicht von der Schuld”. Eine weitere Wahrheitsfindung sei für das Gericht nicht möglich gewesen, da mit den bereits verurteilten und in Revision gegangenen Spielern entscheidende Zeugen von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch gemacht hatten.
Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes sagte Siebert: “Nun ist Schalke kein Skandalverein mehr. Nun ist er ein Verein wie der 1. FC Köln, Hertha BSC und VfB Stuttgart. Nun ist Schluss mit allen Skandalen. Nun beginnt eine neue Zukunft.” Ein Wort, das in totalem Gegensatz zu dem seines ehemaligen Schatzmeisters Aldenhoven stand: “Nach all dem, was hier geschehen ist, werde ich nie mehr in irgendeinem Verein ehrenamtlich tätig sein.” Aldenhoven war sichtbar mit den Nerven am Ende. Sofort machte sich Siebert wieder an die Arbeit und nahm die Vertragsverlängerungen in Angriff mit Bongartz, Lütkebohmert, Thiele, Dubski, Fichtel, Abramczik, Nigbur, Fischer, Rüßmann, Sobieray, van den Berg und den Kremers-Zwillingen. Die beiden Kremers sollen dabei 220.000 Mark Jahresleistung plus 50.000 Mark Prämien erhalten haben.
Kein Würstchenverein
Auf der Jahreshauptversammlung am 8. Februar 1976 im Hans-Sachs-Haus ließ sich Günter Siebert als alter und neuer Präsident feiern. Die Mitglieder brachten ihm Ovationen dar, ob er nun die Wahrheit sagte, rhetorische Purzelbäume schlug oder mit Zahlen wie Rastelli jonglierte. Er ging als klarer Sieger hervor und servierte den alten Verwaltungsrat, der ihm manchen Ärger bereitet hatte, gleich mit ab. Die 119 Stimmen für seinen Gegenkandidaten Wittinghofer, der praktisch gar nicht zu Wort kam und seine Vorwürfe nicht artikulieren konnte, ließen allenfalls ein Anwachsen der “stillen” Gegner Sieberts erkennen. Die große Mehrheit liebte immer noch “ihren Oskar”. Die Mehrheit interessierte es auch nicht, wo das Geld aus der Stadionbewirtschaftung geblieben ist und wie viel es war: “Wir sind doch kein Würstchenverein!” “Was soll man gegen einen Mann machen, der frenetischen Beifall erhält, wenn er mit Satzungsverstößen protzt”, resignierte ein Gegner. So geschehen, als Günter Siebert von Spielereinkäufen berichtete, die eigentlich nur mit Zustimmung des Verwaltungsrates hätten zustande kommen dürfen. Auf die Frage eines Mannes, der ihn mit einem Zirkusdirektor verglich, antwortete Siebert: “Ja, da bin ich stolz drauf, weil mein Zirkus immer ausverkauft ist.”
Die Autobahn nach München
Auch sportlich kriselte es beim FC Schalke 04, und so brauchte man nicht im Kaffeesatz lesen, um vorherzusagen, dass Siebert seinen Trainer Max Merkel über kurz oder lang vor die Tür setzen wollte. Merkel selbst brachte den Stein ins Rollen, indem er erklärte, Schalke zum Saisonende verlassen zu wollen. Ein willkommener Anlass für Siebert, den ungeliebten Trainer sofort zu beurlauben. Siebert: “Wenn Herr Merkel öffentlich sagt, dass die Mannschaft nicht mehr im oberen Drittel mitspielen könnte, dann ist er nicht mehr der richtige Mann für uns. Außerdem hat er lange genug auf der Würde der Spieler herumgetreten. Er hat ihnen das Selbstvertrauen genommen und einen Keil durch die Mannschaft getrieben. Wir wollen noch den 5. Platz und den Uefa-Pokal erreichen. Nachfolger wird der bisherige Co-Trainer Friedel Rausch, der ohnehin den bisherigen Trainingsablauf geleitet hat.”
Max Merkel nahm seine Kündigung gelassen: “Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet. Urlaub ist auch schön. Jetzt werde ich erst einmal zum Zahnarzt gehen.” Den Schalkern weinte er keine Träne nach: “Das Schönste an Schalke war schon immer die Autobahn nach München.” Erwin Kremers sagte im Nachhinein über den Startrainer: “Der Merkel war wirklich eine verhängnisvolle Trainerverpflichtung. Der kam zu einer Zeit, als man mit Spielern nicht mehr wie mit Soldaten umspringen konnte. Seine Sprüche waren auch nicht witzig. Wenn man so was beim ersten Mal hört, kann man vielleicht lächeln, beim zweiten Mal ist es schon nervig und beim dritten Mal kann man sauer werden. Wenn die Sprüche wenigstens alle von ihm gewesen wären, dann würde ich ihn als einen Komiker bezeichnen.”
Happy End
Der Zirkus ging noch weiter. Der DFB drohte noch mit einem Lizenzentzug für Fischer, Sobieray, Lütkebohmert und Rüßmann - die Nachwehen aus dem Meineidsprozess. Das Damoklesschwert baumelte weiter über dem Verein. Friedel Rauschs Saisonplanung war schwieriger denn je. Zudem wurde die Verletztenliste lang und länger. “Jetzt muss die Jugend an die Front”, forderte Friedel Rausch.
Das ständige Schiedsgericht beim DFB hatte die Lizenzentzüge für die sieben im Meineidsprozess verurteilten Spieler bis zur endgültigen Sachentscheidung des Schiedsgerichts ausgesetzt. Die betroffenen Spieler durften bis auf weiteres für ihre Vereine eingesetzt werden. Das Schiedsgericht legte den Spielern auf, bis zum 22. April Klage gegen den DFB zu erheben. Erst danach würde man sich Gedanken über einen Verhandlungstermin machen. Sollten die Spieler die Frist überschreiten, würde die vorläufige Aussetzung des Lizenzentzuges zurückgenommen. Verständlicherweise war die Erleichterung im Schalker Lager riesengroß. “Endlich können wir befreit aufatmen! Jetzt habe ich die Hoffnung, dass der Skandal endlich ein Ende findet”, erklärte Günter Siebert. Und Klaus Fischer: “Gott sei Dank sind die Fronten vorerst einmal geklärt. Jetzt will ich auch Torschützenkönig werden!”
Die Schalker Spieler legten fristgerecht die Klage gegen den DFB ein. Am 24. Mai sollte es zur Verhandlung kommen, doch wurde sie im Vernehmen aller Beteiligten vertagt. Vorausgegangen war ein Vergleichsvorschlag des Arbeitsgerichts Gelsenkirchen, das in einer Güteverhandlung vorgeschlagen hatte, die betroffenen Spieler bis zum Ende der laufenden Saison spielberechtigt zu lassen und sie vom Beginn der nächsten Saison bis zum 15. Oktober zu sperren. Dies wäre einer Sperre von etwa zehn Spieltagen gleichgekommen. Dr. Helmut Weber, Rechtsanwalt der Spieler, stand dem Vorschlag skeptisch gegenüber: “Ich stehe nicht dahinter. Dieser Vergleich würde die Spieler 20.000 bis 40.000 Mark kosten. Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, in die der Verein kommen würde, wenn er in den ersten zehn Spieltagen auf seine Spieler verzichten müsste.” So vertagte man sich abermals.
In der Liga konnte Friedel Rausch zumindest die Saison 75/76 mit allen Spielern an Bord positiv abschließen. Am Ende erreichte man noch eben mit einem Sieg auf dem Betzenberg am letzten Spieltag einen Uefa-Cup-Platz. Die Schalker jubelten, als hätten sie den Titel gewonnen, und Klaus Fischer bekam mit 29 Toren die Torschützenkanone überreicht.
Ein Wermutstropfen blieb: Der Vertrag mit Norbert Nigbur, jahrelanger Rückhalt der Knappen, wurde gekündigt. Man wollte seine jährliche Gage von 320.000 Mark um 60.000 Mark kürzen, dies gehörte zum straffen Sparprogramm des Vorstandes. Als Norbert Nigbur nach dem Spiel in Kaiserslautern in der Kabine jedem Spieler gratulierte, wischte er sich Tränen der Freude und des Abschiedsschmerzes aus den Augen. Er wäre noch so gern in Schalke geblieben, aber der Ruf von Hertha BSC Berlin war lauter und besser bezahlt. Der Jugoslawe Enver Maric sollte sein Nachfolger werden.
Siebert wird Manager
Noch im Juli vor Beginn der neuen Saison 76/77 kündigte Günter Siebert auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung an, den Vereinsvorsitz zu verlassen, um stattdessen den Managerposten zu besetzen. Die Versammlung war eigens dazu einberufen worden, um zu klären, ob und in welcher Weise der Verein Günter Siebert für seine Arbeit in Zukunft bezahlen sollte, nachdem es die Stadt mit der Stadionbewirtschaftung nicht mehr tat.
Ernst wurde es für Siebert, als die Führung der Stadt Gelsenkirchen wechselte. Die neuen SPD-Leute waren nicht damit einverstanden, dass die “Siebert GmbH und Co. KG” Würstchen- und Verkaufsstände im Parkstadion kontrollierte, wobei monatlich 10.000 Mark Verdienst bei der Familie Siebert hängen blieb. Die Pachtverträge waren Sieberts einzige Einnahmequelle, da der Präsidentenjob nicht mehr mit der “linken Hand”, sondern hauptberuflich gemacht werden konnte.
Siebert hatte diese Manager-Lösung selbst vorgeschlagen, nachdem Vorstand und Verwaltungsrat zunächst mit ihren Anträgen scheiterten, den Verein durch einen hauptamtlichen Vorsitzenden leiten zu lassen. Sieberts Managervertrag sollte in dem Augenblick der neuen Präsidentenwahl wirksam werden. Hierzu sollte eine weitere außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden. Doch manch einer blieb skeptisch: Der große, einflussreiche Günter Siebert nur noch Manager und nicht mehr der erste Mann im Verein? Konnte das gut gehen?
Der Neuanfang
Viele Schalker Spieler waren nun auf dem Höhepunkt ihres Leistungsvermögens angelangt. Sie waren nicht mehr die “jungen Wilden”, sondern hatten viel dazu gelernt. Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik bildeten ein Traumsturmduo. Im Mittelfeld die beiden Regisseure Hannes Bongartz und der oft überragend spielende Branko Oblak, dazu ein Cheftrainer Friedel Rausch, der die Stärken und Schwächen seines Teams genau kannte. Es sollte sich noch zeigen, dass einiges in der Schalker Mannschaft steckte. In den ersten Spielen der Hinrunde der Saison 76/77 gab es vier Heimsiege, aber auch vier Auswärtsniederlagen. Dann kam es zu einem der unglaublichsten Spiele der Schalker Vereinsgeschichte: In München gewann man gegen den FC Bayern sagenhaft mit 7:0. Deklassiert wurden die Bayern wie wohl noch nie zuvor und nie danach. Während den Bayern Hören und Sehen verging, während Präsident Neudecker und Manager Robert Schwan zur Salzsäule erstarrten und Trainer Dettmar Cramer fassungslos in die Szenerie schaute, in der seine Mannschaft erbarmungslos unterging, feierten die Schalker einen ihrer größten Triumphe. In der Schalker Kabine herrschte nach dem Spiel eine Stimmung wie an Weihnachten.
Im Uefa-Pokal lief es zunächst auch rund. Nach einem hochdramatischen Spielverlauf erreichten die Schalker mit einem 3:2-Sieg über den FC Porto (Hinspiel 2:2) vor 40.000 begeisterten Zuschauern im Parkstadion die zweite Runde. Und das, obwohl die Portugiesen schon durch zwei Tore von Oliveira uneinholbar in Front zu sein schienen. Doch Fichtel, Abramczik und Fischer brachten die Königsblauen wieder auf die Siegerstraße. In der zweiten Runde wartete Sportul Bukarest, das allerdings nicht wirklich eine gefährliche Hürde darstellte. Schon in Rumänien gewann Schalke mit 1:0, das Rückspiel gar mit 4:0 (je zwei Tore durch Fischer und Bongartz). Endstation war erst Belgiens Vertreter RWD Molenbeek. Im Hinspiel erzielte Schalke noch ein aufholbares 0:1, doch im Rückspiel lief alles schief, was nur schief laufen konnte. Zuerst musste Lütkebohmert verletzt vom Platz getragen werden, dann irrte Maric durch seinen Fünfmeterraum und ermöglichte so einen Gegentreffer. Und zum Schluss flog Klaus Fichtel nach einer Tätlichkeit gegen Teugels auch noch vom Platz. Ein rabenschwarzer Tag.
Endlich skandalfrei
Zum Beginn der Narrenzeit am 11.11.1976 berief der FC Schalke 04 seine angekündigte außerordentliche Mitgliederversammlung ein, um einen neuen ersten Vorsitzenden wählen zu lassen. Schon im Vorfeld pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass Dr. Hütsch - bis dato Verwaltungsratsvorsitzender - das Präsidentenamt übernehmen sollte. Und so kam es dann auch. Dr. Hütsch, Verteidiger im Bundesligaskandal, schritt sogleich zur Tat und handelte innerhalb von vier Wochen gemeinsam mit dem DFB einen Kompromiss aus, der ab dem 15. Januar 1977 den Skandal endgültig beenden sollte.
Am 9. Dezember 1976 wurde in Frankfurt die “Schluss-Akte” von Dr. Hütsch und DFB-Präsident Hermann Neuberger unterzeichnet und damit ein Schlussstrich unter den Bundesligaskandal gezogen, der am 17. April 1971 mit dem Spiel gegen Arminia Bielefeld seinen Anfang nahm. Um endlich für Schalke zu einem “Ende gut, alles gut” zu kommen, wurde den Spielern Fischer, Sobieray, Lütkebohmert, Rüßmann und Wittkamp vom 9. Dezember bis 14. Januar die Lizenz entzogen. Des weiteren zahlten sie pro Person 10.000 Mark an die Deutsche Krebshilfe. Sechs Jahre nach dem Skandal hatte Schalke endlich jene Affäre hinter sich, die den Verein bis zur Zerreißprobe belastet hat. Für den FC Schalke 04 war mit der Unterzeichnung des unten dargestellten Vergleichs die Akte “Bundesligaskandal” geschlossen. Endlich konnte Schalke durchatmen. Lediglich die abgetrennte Verhandlung gegen Klaus Fichtel stand noch aus.
Aus heutiger Sicht scheint klar zu sein, dass der Bundesligaskandal den Schalkern die eine oder andere Deutsche Meisterschaft gekostet hat. Wenn man sich heute vor Augen führt, dass sich damals eine so junge Truppe mit einem so großen Potenzial mit einer solchen Dummheit um den eigenen Ruhm gebracht hat, lässt das einen Schalke-Fan schon so manche Träne verdrücken.
Was wird aus Günter Siebert und seinem Managerposten? Wie wird Klaus Fichtel aus dem Bundesligaskandal herausgehen? Muss auch er noch eine Strafe absitzen? Geht es mit Trainer Friedel Rausch sportlich weiterhin bergauf? Das und vieles mehr im nächsten SCHALKE UNSER.
Der vereinbarte Vergleich hatte folgenden Wortlaut:
“Und zieh dich bitte ordentlich an”
(idw) Wer wäre nicht gerne Millionär? Wer würde nicht gerne den Applaus und die horrende Siegprämie einer Quizshow ernten? Einfach bewerben und gewinnen - so schwer kann das doch nicht sein. SCHALKE UNSER berichtet von Refrather Kellerräumen, Jogginghosen und sauguten Gefühlen.
Ich hab’s getan! Ich bin Teil der riesigen Unterhaltungsmaschinerie “Quizshows”. Nein, ich saß nicht bei Jauch auf dem Hocker, Sonja Zietlow hat mich nicht als Schwächling beschimpft und dann fliegen lassen, ich habe auch keinen Zuschauerkandidaten per Telefon aus Mecklenburg-Vorpommern zuschalten lassen, weil meine Oma da im Krieg hamstern war. All’ das hätte ich gerne getan, noch viel lieber aber hätte ich mein Schalke-Wissen bei der ZDF-Expertenshow “Risiko” unter Beweis gestellt. Es hat nicht sollen sein. Und dennoch war ich dabei.
“Casting” lautet die Parole, die die allmächtigen Fernsehmacher vor jeden Auftritt gestellt haben. Und so kam es, dass schon kurz nach meiner schriftlichen Bewerbung das Telefon klingelt. “Erstes Kennenlernen” steht auf dem Programm. Ringelpietz mit Anfassen auf subintellektuellem Niveau.
“Wie heißt der älteste Sohn von Boris Becker?” oder “Wie heißt die Band, in der Vanessa, Jess, Lucy, Nadja und Sandy singen?” lauten die Fragen, mit denen ich beweisen soll, dass mein Allgemeinwissen dem TV-Standard genügt - und ich schäme mich fast, als ich mich “Noah Gabriel” und “No Angels” in den Hörer nuscheln höre. Woher weiß ich so einen Scheiß - und warum kann ich mir nicht meine Kontonummer merken? Egal. Erste Castingrunde gut absolviert, die Telefon-Casterin hat ein “saugutes Gefühl” und verspricht, sich in ein paar Tagen wieder zu melden.
Macht sie dann auch. Nächste Runde des Castings: Literatur angeben. Bereitwillig krame ich im Bücherschrank herum und zähle auf, was er zum Thema Schalke hergibt. Verfasser, Herausgeber, ISBN-Nummer. Dankeschön und Tschüß. Ach ja: Die Casterin hat ein “saugutes Gefühl”.
Eine Woche später. Das Telefon klingelt, es soll ans Eingemachte gehen. Nun steht mein Experten-Wissen auf dem Prüfstand. Erste Frage: “Im Jahr 1997 als Borussia Dortmund die Champions-League gewann, hatte Schalke einen Erfolg im UEFA-Cup. Wie hieß der Endspielgegner?” Ich beantworte die Frage brav, kann es mir aber nicht verkneifen nachzuharken, welcher Depp diese Formulierung in die Welt gesetzt hat. Die Casterin ist zunächst irritiert, weiß dann aber folgenschweres aus ihrem Fußballwissen zu berichten: “Ach ja, die mögt ihr ja nicht so sehr, die Dortmunder, oder?”
Der Rest der Telefon-Expertenfragen ist Formsache. Wie üblich wird nach Schatzmeister Willi Nier gefragt, der sich dereinst im ersten Schalker Skandal das Leben nahm, die Löwenpark-Anekdote nach dem Hundebiss kommt wie immer zur Sprache und auch der Pokalfinalgegener von 1972 muss - Überraschung - mal wieder herhalten, um zu belegen, was für ein Experte ich doch bin. Zum Abschied, kurz bevor mir die Casterin üblicherweise von ihren “sauguten Gefühlen” berichtet, noch ein Rat. “Wenn du dann nächste Woche zum Casting kommst, dann zieh dich bitte ordentlich an.”
Ich bin 27 Jahre alt. Meine Mutter gab mir zuletzt bei meiner Firmung Kleidertipps. Seitdem, so dachte ich, sei ich alt genug, um mich selbst einzukleiden. Aber okay. “Was meinen sie mit ordentlich anziehen?” “Na ja, eben nicht so wie ein Fußballfan.” Rums - das saß.
Ich verspreche ihr die angesabberte Jogginghose, die Adiletten und das Muskelshirt zu Hause zu lassen und auch wirklich nur eine kleine Plastiktüte mit Karlsquell mitzuführen. Sie versteht die Ironie nicht. Ihr Gefühl tendiert vielleicht gerade deshalb in Richtung “saugut”.
Der große Tag. Die Sonne knallt vom Himmel, ich würde gerne irgendwo hinradeln und mit meiner Freundin picknicken, kann aber nicht. Ich setze mich in mein Auto und fahre die komplette A1 von Münster bis nach Bergisch Gladbach-Refrath herunter. Auf dem Beifahrersitz die Wegbeschreibung zum Casting-Büro versehen mit dem Hinweis, dass ich wirklich überall, aber nicht vor dem Haus parken darf. Ich halte mich daran, begebe mich in den Keller eines 08/15-Bürohauses. Man erwartet mich. Ich bin ordentlich angezogen.
Simone, Sandra, Susi, oder wie sie auch immer heißen mag, teilt mir mit, dass man sich hier duzt. Ich erspare mir die Rückfrage, ob das in allen Refrather Kellern so gehalten wird. Die Kaffeeküche dient als Aufenthaltsraum.
Ich treffe eine Dame mittleren Alters, bekleidet in einer Art “Küchenkittel Deluxe”, die das ganze Prozedere schon kennt. Sie bewirbt sich diesmal zum Thema “Altes Ägypten”. Bei “Tut Anch Amon” und “Kleopatra” war sie auch schon dabei. Ohne Erfolg. Vielleicht klappt’s ja diesmal. Im Aufenthaltsraum stellen die anderen Casting-Kandidaten irritiert fest, dass ich zum Thema “Schalke” eingeladen wurde. “Das sieht man Dir aber gar nicht an”, sagt ein Begleiter der Ägypten-Frau.
Ich frage nach der Telefon-Casterin und erfahre, dass sie nicht anwesend sein wird. Dann soll ich in einer Vorbesprechung zeigen, was ich an persönlichen Gegenständen zum Thema mitgebracht habe.
Ich komme nicht weit. “Oooh, das Trikot, das ziehst du aber gleich beim Kamera-Casting an”, fordert eine Casterin. “Muss das sein?”, frage ich und erinnere mich an die mahnenden Worte, mich doch bitte nicht wie ein Fußballfan zu kleiden. Des weiteren widerstrebt mir der Gedanke, in einem Refrather Keller mein Trikot überzustreifen, wo ich doch am Morgen extra das gute Hemd gebügelt habe. Es muss sein. Begleitet von zahlreichen “Aahs” und “Oohs” streife ich das Leibchen über. “Jetzt sieht man, dass du Schalke-Fan bist”, stellt der Ägypten-Frau-Begleiter süffisant und selbstzufrieden fest. Wenigstens habe ich sein Weltbild wieder geradegerückt.
Dann das Kamera-Casting. Eine leichte Aufgabe, besonders wenn man die Fragen schon seit einer Woche kennt. Die gutgefühlige Casterin hatte mir die Fragen unter dem Mäntelchen der Verschwiegenheit mitgeteilt. “Das mache ich aber nur bei Dir so”, hatte sie gesagt und ich hatte ihr das nie geglaubt.
Erste Frage: “Gegen wen verlor Schalke 1933 das Endspiel um die deutsche Meisterschaft mit 0:37?” Ich kucke irritiert, die Casterin kuckt irritiert, ein Aufseher aus dem Hintergrund korrigiert: “Das muss 0:3 heißen - ein Druckfehler!” Danach Willi Nier, danach die Löwenpark-Anekdote - ich beginne zu verstehen, dass es beim Casting auf alles, nur nicht auf Wissen ankommt. Ich erinnere mich an die Ägypten-Expertin im Kittel. Sie wird es auch diesmal nicht schaffen.
“Im UEFA-Cup-Finale von 1997 schaltete ein Schalker den Weltstar Ronaldo im Alleingang aus und wurde daraufhin in die Nationalmannschaft berufen. Wie heißt er?” Ist das jetzt ein Test? Soll ich brav “Yves Eigenrauch” antworten und den Mund halten?
Ich kann es nicht - wahrscheinlich war das mein Fehler. “Die Frage ist falsch”, lasse ich die verdutzte Casterin wissen und kläre sie darüber auf, dass sie das Viertelfinale 1997/98 meint. “Oh, das ist mir jetzt peinlich. Aber Fehler können ja mal passieren.” Ja, können sie. Mal.
Das Casting ist vorbei. Ich gehe zurück in die Kaffeeküche, die mittlerweile von einer Horde junger Mädchen bevölkert wird, die sich darüber streiten, welcher “No Angel” am besten singen kann. Ich knicke mir die Frage nach ihrem Spezialgebiet.
In der Küche sitzt die Casterin, die mich vor zehn Minuten dazu zwang, das Trikot anzuziehen. Sie schaut mich mit großen Augen an, hebt unbeholfen eine Faust und stimmt in einem merkwürdigen Singsang ein, der wohl einen aus zehntausenden Kehlen intonierten Schlachtruf imitieren soll.
Sogar das Rauschen und Wiederhallen setzt sie mit weit aufgeplusterten Backen fast perfekt um: “Schalkööh, Schalkööh.” Der Rest im Aufenthaltsraum ist amüsiert. Einer fragt mich, ob ich denn bei Spielen auch immer viel Alkohol saufe. Eines der Mädchen bekommt offenbar Angst vor mir, dem bösen Fußball-Hooligan, und rutscht ihrem Papa fast auf den Schoß. Ich bin genervt. Im Hintergrund immer noch “Schalkeööh öhöh”.
Kurze Selbstreflexion: Was habe ich anderes erwartet? Ich stehe in einem Refrather Keller mit Einbauküche und trage ein Fußballtrikot. Wahrscheinlich bin ich wirklich ein niveauloser, gewaltbereiter, emotional verkrüppelter Idiot, der sich den ganzen Tag nur von Currywurst und Dosenbier ernährt.
Wahrscheinlich wusste ich das nur noch nicht. “Schalkööh, Schalkööh”, tönt es nach wie vor hinter mir, als ich den Keller verlasse und wieder an das Tageslicht trete. Zwei Wochen später. “… bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen … viel Spaß mit ihrem Hobby … bewerben Sie sich doch bitte mit einem anderen Thema … hoffen sie hatten Spaß und Freude …”
Das Formschreiben mit der Formabsage ist da. Kein Wort mehr von “sauguten Gefühlen”, dafür aber der Hinweis, dass ich es erst gar nicht versuchen soll, eine Kopie von meinem Castingvideo zu bestellen, weil das nicht möglich ist.
Ich habe nun also meine Pflicht vor der großen Fernsehnation erfüllt. Ab sofort bin ich eine Nummer irgendwo in einem Castingbüro. Vielleicht wird man mich doch noch anfordern, wenn irgendwann einmal Not an Kandidaten ist. Vielleicht aber auch nicht. Zumindest, was das angeht, habe ich ein saugutes Gefühl.
Weisse Noch?!
Bei der Eröffnung der “Arena auf Schalke” am 13.8.2001 waren fast alle, die diese Zeilen lesen, dabei. Bei der Eröffnung des Parkstadions am 1.8.1973 waren es schon einige weniger. Noch weniger Leser können noch von der Eröffnung der GlückaufKampfbahn berichten. Wie lief die vorletzte Stadioneröffnung vor 75 Jahren ab?
Glückauf
“Leibesübung ist Bürgerpflicht und sichert uns die Gesunderhaltung des Volkes und fördert Tatkraft, Gemeinsinn, Manneszucht und Mut. Eigenschaften, welche die Grundlage jedes gesunden Staatswesens bilden. Möge die neue Kampfbahn eine Stätte ritterlichen Kampfes werden und zur tiefen Verinnerlichung des Sportgedankens beitragen.” Mit diesem Geleitwort des Reichspräsidenten Paul Hindenburg begann am 29.8.1928 die Platzweihe der neu erbauten Glückauf-Kampfbahn. Bis dahin hatten die Knappen auf dem alten Aschenplatz an der Grenzstraße mit seinem Holzzaun und den primitiven Umkleidekabinen gekickt.
Am 19.6.1927 beschloss die Mitgliederversammlung unter Vorsitz des Präsidenten Fritz Unkel den Bau eines neuen Stadions mit Aschenbahn, sanitären Anlagen, Umkleidekabinen und einer Tribüne. Die Zeche Consolidation überließ das Gelände, und auch die Stadt Gelsenkirchen half dem Verein Schalke 04 nach Kräften. Schalke 04 benannte sich aus Dank anschließend in Gelsenkirchen-Schalke 04 um, was allerdings zwecklos war. Kein Mensch sprach von Gelsenkirchen-Schalke 04, sondern nur von Schalke 04.
Am 1.8.1927 wurde der erste Spatenstich für die neue Schalker Spielstätte vollzogen und bei der feierlichen Grundsteinlegung am 8.8.1927 blieb wie auch bei manch späterer Grundsteinlegungen kaum eine Kehle trocken. Vereinsgeschäftsführer Krause verlas die Urkunde, die von den Werkleuten der Baufirma danach in eine Urne eingelegt und mit ihr eingemauert wurde.
Ursprünglich sollte das neue Stadion “Fritz-Unkel-Kampfbahn” heißen, dann entschied man sich doch für den offiziellen Namen “Kampfbahn Glückauf”, nicht zuletzt, um ein Bekenntnis zur Verbundenheit mit der heimischen Industrie abzulegen. Der schlichte Bergmannsgruß sollte eine Ermunterung und ein glückliches Omen für die Zukunft des Vereins sein.
Zwölf Monate später war die neue Arena fertiggestellt, am 29.8.1928 war der Haupttag der mehrtägigen Feierlichkeiten. Um 13:45 Uhr begann auf dem Hauptfeld das Handballspiel des Kölner Clubs für Rasenspiele gegen die erste Handballmannschaft des FC Gelsenkirchen-Schalke 04. Um 15:00 Uhr spielte die Kapelle der Zeche Consolidation auf, und der Einmarsch der Aktiven begann. 2000 Brieftauben wurden aufgelassen, der Männergesangsverein “Einigkeit” und der Schalker Sängerbund sorgten für das musikalische Rahmenprogramm, und “Papa” Unkel erklärte die neue Arena feierlich für eröffnet.
Nachdem ein Flieger den Ball für das Eröffnungsspiel abgeworfen hatte, begann um 16:15 Uhr das Eröffnungsspiel gegen die Berliner Veilchen von Tennis Borussia Berlin, das die Schalker mit 3:2 gewannen. In der Halbzeitpause lieferten sich die Leichtathletikstaffeln von Schwarz-Weiß Essen, BV Altenessen 06, BV Buer 07, Castrop 02 und Schalke 04 Duelle über 200, 400 und 800 Meter.
Finanziert wurde der Bau der GlückaufKampfbahn über Wechsel, die Finanzobmann Willi Nier und Vereinskassierer Rainer Lütterforst auf eigenen Namen unterschrieben. Diese Wechsel wurden von Spiel zu Spiel, wenn Einnahmen flossen, verlängert und auf die Restsummen neu ausgestellt. Mit jedem Schalker Spiel verbesserte sich so die finanzielle Basis des Vereins.
45 Jahre lang wurde in der Glückauf-Kampfbahn gespielt, der Abschied fand am Samstag, den 21.7.1973, vor der bescheidenen Kulisse von 4000 Zuschauern beim Intertoto-Cup gegen den belgischen Vizemeister Standard Lüttich statt. Klaus Scheer sorgte mit seinem Kopfball zum 1:0 in der 14. Minute für den letzten Schalker Treffer in der Glückauf-Kampfbahn, Takac in der 65. und Henrotay in der 87. Minute sorgten für den 1:2-Endstand zugunsten der Belgier.

