Nummer 34 - 2002/04

Auszüge aus dieser Ausgabe:

“Fußball ist viel mehr, als nur auf dem Platz zu stehen!” - Interview mit Huub Stevens
„Wo sind eure Aufpasser?“
Also sprach Udo Lattek
Die Randgruppenecke
Blau und Weiß



“Fußball ist viel mehr, als nur auf dem Platz zu stehen!”

(bob/sr) Im Sommer geht eine Ära zu Ende: Huub Stevens hört nach fast genau sechs Jahren als Trainer beim FC Schalke 04 auf und wechselt zu Hertha BSC in die Bundeshauptstadt; höchste Zeit also, ihn im SCHALKE UNSER zu Wort kommen zu lassen. Der niederländische Coach, der in Pressekreisen allgemein als schwierig eingestuft wird, erwies sich dabei als redseliger und offener Gesprächspartner. SCHALKE UNSER sprach mit ihm über die Zukunft, die Vergangenheit und „Shocking Blue“.

SCHALKE UNSER:
Wir können uns noch an das UEFA-Cup-Spiel von Schalke in Kerkrade, wo du noch Trainer warst, erinnern: Da lief als Maskottchen ein Huhn, so wie Bibo aus der Sesamstraße, herum. Es war sehr viel Karneval in Kerkrade. Und die Fankultur, die dann von Schalke dahinkam, war wiederum anders.

HUUB STEVENS:
Das stimmt, man kann das nicht vergleichen. Aber du kannst auch Schalke nicht mit einem holländischen Verein vergleichen. Und wenn, dann gibt es eher Ähnlichkeiten mit Feyenoord, wobei ich natürlich nicht die Hooligans meine, sondern die Fans, wie sie hinter der Mannschaft stehen, mit ihrem Verein mitfiebern und feiern. Kerkrade ist da wieder ganz anders, aber schön: gemütlich und anständig. Das sind die Feyenoord-Fans auch, aber anders als in Kerkrade.

SCHALKE UNSER:
Von Hertha BSC war über dich zu hören, man hätte einen der besten Trainer aus der Bundesliga abgeworben. Als du von Kerkrade nach Schalke kamst, warst du noch ein „normaler“ Trainer. Jetzt zählst du also zu den Startrainern.

HUUB STEVENS:
So sehe ich das nicht. Ich habe in den sechs Jahren auf Schalke neue Erfahrungen gemacht, aber ich bin immer noch ein ganz normaler Trainer, der dem Verein weiterhelfen möchte. Es geht nicht um den Trainer oder den einzelnen Spieler, sondern nur um den Verein und die gesamte Organisation. Es ist natürlich schön, wenn man über dich sagt, dass du ein guter Trainer bist. Aber was ist ein guter Trainer? Es gibt auch gute Trainer, die nicht so erfolgreich wie ich gewesen sind, aber vielleicht bessere Arbeit absolvieren und die das große Publikum nicht sieht, zum Beispiel Trainer aus der zweiten Liga, aus dem Jugend- und Amateurbereich, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen.

SCHALKE UNSER:
Das ist ein langer Weg auf Schalke gewesen.

HUUB STEVENS:
Eine schöne Zeit, die sehr schnell vorbei gegangen ist. Es war eine sehr intensive und daher auch schwere Zeit. Aber wenn man in das Geschäft einsteigt, weiß man das. Wenn ich jetzt den Verein verlasse, um eine neue Herausforderung zu suchen, ist es auch für Schalke besser, wenn die Spieler nach sechs Jahren ein neues Gesicht sehen und eine neue Stimme hören. Ich denke, es ist gut für die Jungs, wenn die mit einem neuen Trainer arbeiten, der wieder andere Ideen hat. Ich hätte auch letztes Jahr meinen Vertrag noch mal verlängern können, aber dann wäre die nächste Saison mein siebtes Jahr bei Schalke geworden, und sieben Jahre bei einem Verein - das ist schwierig. Wenn man so intensiv wie ich mit einem Verein zusammenarbeitet, dann kann man das nicht 15 Jahre lang machen; dann bist du tot! Man muss auch mal Abstand nehmen, und deshalb denke ich, dass nach diesen sechs Jahren der richtige Moment für die Trennung gekommen ist. Ich habe auch deshalb einen unbefristeten Vertrag auf Schalke gehabt, weil ich vom Verein keine Abfindung haben wollte. Wenn ich hier aufhöre, möchte ich, dass man sich als Freunde voneinander trennt. Ich fand es gegenüber Schalke richtig und fair, dass ich das alles intern schon im November gesagt habe, damit der Verein auch die Chance hat, sich rechtzeitig einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Dass es dann im Dezember herausgekommen ist, hat nicht an mir gelegen. Galatasaray und Fenerbahce Istanbul haben sich anschließend bei mir gemeldet und wollten mich sofort verpflichten, aber ich wollte meinen Vertrag bei Schalke erfüllen und ich wollte gern in der Bundesliga weiterarbeiten. Hertha war der einzige Verein aus der Bundesliga, der sich bei mir gemeldet hatte. Das ist natürlich ein ganz anderer Verein, nicht von der Tradition her, aber vom Umfeld; das ist eine andere Fangemeinschaft. Da muss man sich drauf einstellen. Ich habe mich damals von Roda auf Schalke umstellen müssen, und jetzt muss ich mich auf Hertha BSC umstellen. Aber auch wenn ich jetzt schon mal nach Berlin fliege, bis zum 30. Juni bin ich hier.

SCHALKE UNSER:
Also bis zur deutschen Meisterschaft.

HUUB STEVENS:
Jeder spricht jetzt darüber, und ich sage auch, dass wir noch oben mitmischen. Aber welcher Platz das am Ende wird… Ich will mich auf jeden Fall gut verabschieden, auch damit ich den Fans, die mir in all den Jahren sehr viel gegeben haben, etwas zurückgeben kann. Wir haben im Laufe der Jahre eine gute Mischung und Harmonie gefunden, mit der Schalke jahrelang erfolgreich war. Und ich möchte auch im letzten Jahr noch erfolgreich sein. Ob ich bei Hertha ebenso Erfolg habe, hängt natürlich davon ab, wie der Kader zusammengestellt ist. Ich finde, es ist immer brisant, wenn ein Trainer sagt, er möchte den, den und den Spieler haben, und nach eineinhalb Jahren ist der Trainer weg und was will man dann mit diesen Spielern anfangen? Ich denke, man muss Spieler finden, die zum Verein passen. Das habe ich hier getan und werde es auch wieder in Berlin tun. Hertha fragt mich ab und zu, was ich von diesem oder jenem Spieler halte. Dann kann ich nur antworten, ob ich den Spieler für einen guten oder weniger guten Spieler halte, und ob er in mein Spielsystem passt; aber ob er zum Verein und dessen Mentalität passt, kann ich noch nicht beurteilen. Wir auf Schalke haben zum Beispiel bis jetzt noch keinen Brasilianer geholt, bei Hertha spielen zwei.

SCHALKE UNSER:
Wie funktioniert eigentlich die Absprache mit dem neuen Trainer Frank Neubarth?

HUUB STEVENS:
Mit Frank habe ich bisher ein Gespräch geführt; der ist auch ständig unterwegs, um sich mögliche neue Spieler anzuschauen und ich bin die ganze Zeit hier bei den Jungs. Das ist dann auch nicht mehr meine Angelegenheit, auch wenn ich natürlich darum bemüht bin, eine Basis zu hinterlassen, mit der Frank Neubarth weiter kommt. Deshalb habe ich auch im Dezember noch mit Christian Poulsen gesprochen. Ich hoffe, dass Schalke auch in Zukunft erfolgreich ist, denn das bestätigt ja auch meine Arbeit hier.

SCHALKE UNSER:
Als Trainer bekommt man eine Menge Geld, aber man hat auch ein Herz. Wenn man an die Zeit zurückdenkt, nimmt man da auch was von Schalke mit?

HUUB STEVENS:
Von allen Vereinen, bei denen ich gearbeitet habe, nehme ich was mit. Von Fortuna Sittard, wo ich als Spieler angefangen habe, von PSV Eindhoven, Roda Kerkrade und ich hoffe auch von Schalke.
Von PSV nahm ich sicher am meisten mit, weil ich dort 18 Jahre gearbeitet habe, aber von den anderen Vereinen trage ich sicher am meisten von Schalke mit; das ist ein Teil meines Lebens geworden, vor allem, wenn man das so intensiv erlebt hat wie ich. Man darf nicht vergessen, dass ich sechs Jahre lang von zu Hause weg gewesen bin, und ich habe meine Familie viel weniger gesehen als den Verein.

SCHALKE UNSER:
Wie groß war dabei die Belastung?

HUUB STEVENS:
Ich denke, die Belastung war für meine Familie größer als für mich. Man sieht die Kinder aufwachsen, bekommt davon selber aber wenig mit; das war schon belastend, aber wenn man in diesem Geschäft arbeitet, weiß man das. Wenn man im Fußball erfolgreich sein will, darf man nicht nach Stunden gucken, man ist den ganzen Tag für den Verein da. Fußball ist viel mehr, als nur auf dem Platz zu stehen. Die Liebe und die Freude für den Sport muss man auf die Spieler übertragen, und nicht nur auf die Spieler, auch auf den Trainerstab, die medizinische Abteilung. Auf dem Platz zu stehen und mit den Jungs zu arbeiten, das ist das schönste, und mit den Spielern richtig umzugehen, ist das allerwichtigste. Ein guter Vergleich ist sicher die Familie. Damals waren wir fünf Jungs, als ich aufgewachsen bin. Damit das funktionierte, brauchte man bestimmte Regeln. Ein Fußballverein ist wie eine ganz große Familie; das sind dann allerdings nicht fünf, sondern 34. Zu den Spielern kommen der Trainerstab, die medizinische Abteilung, das Management, das Personal auf der Geschäftsstelle - das gehört alles dazu. Da braucht man auch bestimmte Regeln, eine gewisse Ordnung, sonst funktioniert die ganze Organisation nicht. Ich bin auch nicht immer froh darüber, wenn ich bestimmte Maßnahmen durchführen muss. Ich will zum Beispiel nicht, dass die Spieler beim Training den Ball in die Hand nehmen, ich will, dass Fußball gespielt wird. Ich versuche das den Spielern im Training spielend zu vermitteln. Wenn man bei einem neuen Verein anfängt und das den Spielern sagt, sind sie das nicht gewohnt. Wenn dann ein Spieler den Ball in die Hand nimmt, dann darf er Liegestütze machen, die Bauchmuskeln trainieren. Wenn dann einer dreimal den Ball in die Hand nimmt, spürt er das schon. Auf diese Weise versuche ich den Jungs, spielerisch Ordnung beizubringen.

SCHALKE UNSER:
Du warst ja früher selber Spieler in den siebziger Jahren. Was macht ein holländischer Spieler in einer Zeit, in der auch in Holland jede Menge los war, wo Bands wie „Shocking Blue“ oder „Golden Earring“ großen Erfolg hatten? Hast du davon was mitgenommen?

HUUB STEVENS:
Nicht allzu viel. Ich kenne natürlich „Venus“ von „Shocking Blue“ und ich habe auch ab und zu mal mitgemacht. Das war auch schön, aber das Allerschönste war Fußball. Klar, ich habe damals auch ein bisschen Gitarre gespielt, allerdings nicht in einer Band, sondern nur für mich. Aber das wichtigste war für mich der Fußball.

SCHALKE UNSER:
Man erfährt normalerweise wenig Persönliches von dir. Liegt das auch daran, dass der Fußball in den letzten Jahren durch das Fernsehen und die Boulevardpresse zu einem Showelement geworden ist?

HUUB STEVENS:
Ja, und da will ich nicht mitmachen. Natürlich ist es für die Fans interessant, über Fußball in der Zeitung zu lesen, aber es gibt doch auch Fachzeitschriften. Ich habe keine Probleme damit, dass Boulevardzeitungen über Fußball schreiben, aber ich versuche schon, meine Privatsphäre zu schützen. Das muss auch sein. Das ist etwas von einem selbst und da möchte man sich auch etwas absichern. Egal, ob der Erfolg da ist oder ob wir ein Spiel verloren haben, ich versuche immer, mich etwas zurückzuhalten. Natürlich freue ich mich, wenn wir gewonnen haben. Nachdem wir letztes Jahr in Berlin den DFB-Pokal gewonnen haben, habe ich mir ganz gemütlich ein Bier getrunken und meine Freude gehabt, aber ich genieße dann auf meine Art. Nicht, dass ich meine Freude nicht zeige, aber man muss immer ein Vorbild für die Spieler bleiben. Auch wenn wir vom Trainerstab hin und wieder mal gemeinsam irgendwo essen gehen, sind wir dabei nicht völlig frei. Jeder erkennt dich.

SCHALKE UNSER:
Wir bedanken uns für das Gespräch. Glück auf.


„Wo sind eure Aufpasser?“

(mj/sr) Unter den Tätigkeiten, die wir, sogenannte „Normale“, blinden oder sehbehinderten Menschen niemals zutrauen würden, gehört sicherlich auch der Besuch eines Fußballspiels. Was haben denn Blinde dort auch zu suchen? Sie können das Spiel doch schließlich nicht sehen. Doch weit gefehlt. Nicht nur, dass es für blinde und sehbehinderte Menschen ganz normal ist, zum Fußball zu gehen, nein: Im Umfeld von Schalke 04 gibt es schon seit einiger Zeit das „Attacke S04“, eine Tonbandzeitung von blinden für blinde Schalke-Fans. SCHALKE UNSER sprach mit Petra und Achim Töns von „Attacke S04“.

SCHALKE UNSER:
Wie wird man Fußballfan, wenn man Fußball nicht gucken kann?

PETRA TÖNS:
Ich kann mich noch erinnern, dass mein erstes Spiel ein Spiel gegen Gladbach war. Das Spiel war Scheiße, aber die Stimmung war super. Da hab ich gedacht: „Hier bleib ich, hier fühl ich mich wohl.“ Die Stimmung hat mich einfach fasziniert.

ACHIM TÖNS:
Ich bin über meinen Bruder zum Fußball gekommen, der mich aber zu einem Verein mitgenommen hat, dessen Namen ich hier nicht aussprechen darf. Auch mir hat die Stimmung beim Fußball gefallen, wobei ich nie zu einem glühenden Anhänger des BVB geworden bin. Meine Frau hat mich dann zu Schalke bekehrt. Ich bin praktisch vom Saulus zum Paulus geworden.

SCHALKE UNSER:
Ihr kommt ja von außerhalb. Wie informiert ihr euch als blinde Fußballfans über Schalke?

ACHIM TÖNS:
Wenn man in Gelsenkirchen und Umgebung lebt, ist es sicherlich einfacher, sich über Schalke zu informieren; hier gibt es schließlich Radio Emscher­Lippe und die Lokalpresse. Aber wenn man, so wie wir, in Münster oder noch weiter weg wohnt, sind die Informationen über S04 eher spärlich.

PETRA TÖNS:
Und jetzt hat man auch noch netterweise die Sendung „Auf Schalke“ im DSF gestrichen.

ACHIM TÖNS:
Für uns bot diese Sendung die Möglichkeit, sehr schnell und aktuell an Informationen zu kommen, auch wenn sie nur alle 14 Tage kam. Insofern müssen wir uns überlegen, ob wir vom „Attacke S04“ nicht noch intensiver und mehr von Schalke berichten.

SCHALKE UNSER:
Welche Bedeutung hat eine Tonbandzeitung für Blinde?

ACHIM TÖNS:
Es ist ja so, dass Tonbandzeitung für uns das Medium schlechthin ist. Zwar gibt es auch akustische Lesegeräte, mit denen man eine Zeitung lesen kann, aber der Computer weiß nicht, was interessant ist und was nicht. Den „Schalker Kreisel“ durchzulesen, hat damit Stunden gedauert. Das geht also nicht. Jeder Blindenverein hat seine Tonbandzeitung, Es gibt in den verschiedenen Bereichen Tonbandzeitungen, auch im Sport. Nur speziell für einen bestimmten Verein gab es bislang keine Tonbandzeitung. Da sind wir die ersten. Wir haben ja Leser von München bis Hamburg, die ja so gar nichts von Schalke mitbekommen. Für die lesen wir die Artikel aus den Tageszeitungen, insbesondere auch aus dem „Schalker Kreisel“, und geben dann einfach unseren Teil dazu, indem wir Interviews mit den Verantwortlichen und den Spielern führen. Das Ganze wird dann professionell im Tonstudio der VHS Herne von ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgelesen.

PETRA TÖNS:
Über den Verein „Tonbandzeitung e.V.“ wird das ganze dann an unsere Hörer verschickt. Die Tonbandzeitung erscheint einmal im Monat.

SCHALKE UNSER:
Ihr denkt mehr an die Perspektive, eine Tonbandzeitung zu machen, die anstelle von Artikeln mehr Gesprächs- und Interviewanteile besitzt?

ACHIM TÖNS:
Gerade Interviews mit aktuelleren Spielern oder dem neuen Trainer, der im Juli kommt, sind wichtig. Es wäre zum Beispiel gut, wenigstens ein kleines Statement von Frank Neubarth zu bekommen, damit unsere Hörer sich schon mal mit dessen Stimme vertraut machen können, um sich ein Bild von ihm zu machen. Wenn wir ein Interview mit einem neuen Spieler machen, dann bitten wir diesen, sich erst mal zu beschreiben, wie er aussieht. Als beispielsweise Jörg Böhme und Andy Möller kamen, haben wir von beiden innerhalb einer kleinen Vorstellungsrunde einen kurzen Steckbrief machen können. Wenn im Fernsehen ein Interview mit einem neuen Spieler gemacht wird, dann wird einfach der Name desjenigen eingeblendet. Und wenn wir dann die Stimme hören, fragen wir uns natürlich: „Wer ist das eigentlich? Ich kenne die Stimme ja gar nicht.“ Darum interviewen wir ja auch diese Spieler, damit wir die Stimme kennenlernen. Dann können wir im Fernsehinterview anhand der Stimme erkennen, wer das ist, denn wir haben ein ganz gutes Stimmengedächtnis.

SCHALKE UNSER:
Ihr habt gerade gesagt, dass ihr ein Interview macht, damit ihr euch ein Bild von einem Menschen machen könnt. Wie hat man sich das vorzustellen?

PETRA TÖNS:
Man kann sich ein Bild über die Stimme machen. Ist das ein ruhiger oder ein aufgedrehter Typ? Ist der in Ordnung?

ACHIM TÖNS:
Ihr guckt ja jemanden an und denkt: „Der könnte jetzt so oder so sein.“ Das geschieht ja ganz unwillkürlich über das Unterbewusstsein. So ähnlich funktioniert das bei uns über die Stimmen. Für die Spieler ist das natürlich eine Umstellung, denn im Interview mit Sehenden macht man ja auch viel mit der Mimik. Das fällt bei uns natürlich vollkommen weg.

PETRA TÖNS:
Ich kann mich noch an unser erstes Interview mit Olaf Thon und Gerald Asamoah erinnern. Der Olaf hatte, glaub ich, schon Erfahrungen mit Blinden und Sehbehinderten gemacht. Beim Gerald war das anders; der war nachdenklich: „Wie soll ich antworten?“ Dazu kam, dass wir leider auch Sehende mit dabei hatten. Die Spieler hatten sich schon des Öfteren an den Sehenden orientiert. Ich hatte den Eindruck, sie hätten mit Gestik und Mimik um Hilfe gebeten. Nach dem zweiten Interview hatten wir überlegt, Sehende nicht mehr mitzunehmen, um zu sehen, wie das ist. Das war dann ganz locker. Nur einmal gabs Probleme mit einem Spieler; der konnte, glaub ich, nicht wahrhaben, dass wir alleine da waren.

ACHIM TÖNS:
Der dachte wahrscheinlich, dass wir unsere fünf Wärter dabei haben müssten. Und dann waren zwei Exemplare alleine da, ohne irgendwelche Wärter! Viele können sich einfach nicht vorstellen, dass wir alleine irgendwo hin gehen. Wenn Blinde kommen, heißt es: „Wo sind eure Begleiter? Wo sind eure Aufpasser?“ Sicher, man braucht hier und da auch mal Hilfe, aber wir wollen möglichst alleine und selbständig klarkommen und nicht ans Händchen genommen werden.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das Verhältnis zum Verein?

ACHIM TÖNS:
Schalke unterstützt uns; man hat dort offene Ohren und Türen für uns. Was möglich ist, macht Schalke für uns. Vorstand und Pressestelle sind da sehr zuvorkommend. Ohne unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und ohne die Unterstützung des Vereins wäre die Tonbandzeitung nicht möglich. Sich einfach an den Küchentisch zu setzen und Zeitungsartikel vorzulesen, würde es nicht bringen.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch und Glückauf.


Also sprach Udo Lattek

(sr) Unser Misstrauen gegenüber dem Sportreporter ist berechtigt. Seiner Berufung, zu informieren, kommt er, egal ob im privaten oder öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nur noch selten nach. Seine Sprache verdeckt gewöhnlich die eigentliche Information; er ist die personifizierte Nullinformation. Unser Misstrauen gegenüber den Sportlern und ihren Trainern scheint noch berechtigter zu sein. Sie flüchten vor der Unerträglichkeit des Reporters, indem sie ihn kopieren und dessen Belanglosigkeiten an Nichtigkeit zu überbieten trachten. Aus diesem Grund erfanden sie ihre „Philosophie“.

Das Wort „Philosophie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „Liebe zur Weisheit“. Angesichts der Nullinformation, die sich Sportler und Reporter im gemeinsamen Interview hin- und herschieben, ist es schon beachtlich, dass ihr Gespräch zwangsläufig in die Frage nach der persönlichen Philosophie des interviewten Spielers oder Trainers mündet: „Und welches ist Ihre Philosophie?“ Dabei ist beiden Seiten klar, dass hier nicht die Frage nach einem bestimmten System, einer signifikanten Taktik gestellt wird. Letztendlich antwortet der Befragte mit der erwünschten Phrase. Vor allem dann, wenn der Befragte Udo Lattek heißt und der Fragende Rudi Brückner in der sinnentleertesten aller Sportsendungen, dem DSF-Frühschoppen für Volldeppen am Sonntagvormittag.

Hier befinden wir uns nicht auf dem Feld der Philosophie, sondern eher auf dem der Sophistik. Vielleicht ist es auch besser, den umgekehrten Weg zu gehen und anstelle der Philosophie der Fußballer nach dem Verhältnis der Philosophie zum Fußball (oder zum Sport im Allgemeinen) zu schauen.

Eines der frühesten Zeugnisse bietet uns der griechische Denker Xenophanes. Sein Urteil über die Körperertüchtigung ist allerdings ein vernichtendes: „Wenn einer auch in den landesüblichen Wettkämpfen den Preis davontrüge und von seinen Mitbürgern hochgeehrt würde, wäre er doch nicht so viel wert wie ich. Denn besser als die rohe Kraft von Männern und Rossen ist meine Weisheit. Fehlt doch jenem Kult jede innere Berechtigung. Daher ist es völlig ungerecht, die rohe Kraft höher zu werten als die köstliche Weisheit. Und wenn einer auch als tüchtiger Faustkämpfer unter seinen Landsleuten auftreten oder im Faustkampf oder als Ringer sich auszeichnete oder durch Schnelligkeit seiner Füße - was ja unter den Wettkämpfen der Männer als besondere Kraft gilt -, so würde dadurch doch die Wohlfahrt der Stadt in keiner Weise gefördert.“ Xenophanes würdigt den Sport nicht, weil er, die letzten Worte verraten es, einen rein zweckgerichteten Blick auf die Dinge hat. Die Ästhetik des Sports und die innere Erbauung des Zuschauers spielen für ihn offenbar keine Rolle.

Im Gegensatz zu Xenophanes sehen Sokrates und Platon doch einen gemeinnützigen Zweck im Sport. Sie benötigen die Gymnastik, die sie in ihrer Staatstheorie den „Wächtern“ zur Leibesübung anraten, damit diese in der Erhaltung ihres Idealstaates, der allerdings bei einer heutigen Umsetzung, einer Militärdiktatur mit nationalsozialistischer Färbung gliche, körperlich durchtrainiert seien.

Bei den Stoikern im alten Rom dagegen, namentlich bei Seneca, dominiert wieder die Ablehnung gegenüber dem Sport. Das hat ethisch-moralische Gründe: Senecas Kritik trifft die gewalttätigen Gladiatorenkämpfe.

Weit positiver fällt das Urteil von Philosophen im zwanzigsten Jahrhundert gegenüber dem Fußball aus. Die Aufgeschlossenheit kommt aus dem Lager der Existenzialisten: Mit Albert Camus betritt zum ersten mal ein prominenter Philosoph als Aktiver den Platz. Camus hütete längere Zeit das Tor einer Fußballmannschaft in seinem Heimatort Oran.

Camus langjähriger intellektueller Weggefährte Jean-Paul Sartre äußert sich in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ fasziniert über Sport: „Ein Hauptaspekt der sportlichen Aktivität - vor allem des Freiluftsports - ist also die Eroberung der enormen Massen Wasser, Erde und Luft, die a priori unbezwingbar und unverwendbar scheinen; [...] Kunst, Wissenschaft, Spiel sind Tätigkeiten totaler oder teilweiser Aneignung, und was sie sich über den konkreten Gegenstand ihres Treibens hinaus aneignen wollen., ist das Sein selbst, das absolute Sein des An-sich.“

Doch auch Philosophen sind zu Torheiten fähig, wie das Beispiel Martin Heidegger zeigt. Dieser soll sich nämlich in seinen letzten Lebensjahren als „Fan“ von Franz Beckenbauer geoutet haben. Dabei soll er so weit gegangen sein, den damaligen Libero des FC Bayern München auf eine Stufe mit Immanuel Kant zu stellen.

Tja, auch „Weisheitsliebende“ können sich irren.


Die Randgruppenecke

Diesmal:
­ ein Computer
­ Klaus Löw
­ der DFB

Der Computer ist schuld!

(pr) Computer sind was Feines. Besonders dann, wenn man damit halbwegs umgehen kann. Fast jeden Tag entdeckt man ganz viele tolle Funktionen und Einstellungen. Dadurch erhält man ganz viele Antworten auf Fragen, die man allerdings ohne Computer gar nicht hätte. Natürlich findet man dabei gleichzeitig auch wieder ganz viele neue Fragen.

Auch Klaus Löw hat einen Computer. Der steht an seinem Arbeitsplatz in der DFB­Zentrale in Frankfurt und wird von ihm als Ersatz für seine gute alte Schreibmaschine genutzt. Klaus muss damit Briefe beantworten, er ist Referent beim Deutschen Fußball-Bund. Am liebsten beantwortet Klaus Beschwerdebriefe. Da hilft ihm sein Computer enorm, schließlich kriegen alle Empfänger sowieso die gleiche Antwort.

Vor kurzem hat Klaus schon wieder eine neue Funktion in seinem Textverarbeitungsprogramm gefunden: Jetzt kann er den Namen, unter dem der Text auf der eigenen Festplatte gespeichert wurde, auf dem Brief mit ausdrucken. Klaus weiß allerdings nicht, warum er jemandem mitteilen sollte, wo er den Text auf seiner Festplatte abgespeichert hat. Warum sollte sich jemand dafür interessieren? Vor einigen Wochen musste Klaus einen Brief von Maik und Barbara Findeisen beantworten. Die beiden praktizierenden St.­ Pauli-Fans hatten sich beim DFB schriftlich über die Benachteiligung ihres Klubs durch Entscheidungen diverser Schiedsrichter beschwert. Also hat Klaus den gleichen inhaltsleeren Standardantwortbrief genommen, den er immer für solche Briefe nimmt und hat diesen dann als Antwort nach Hamburg geschickt.

Jetzt hat Klaus Ärger. Und das nur, weil der Name der Datei unten auf dem Brief an die Findeisens mit ausgedruckt wurde: G:\Allgemein\Beschwerde\Formbrief\Antwort\Meckern.doc

Natürlich hat er den Brief, bevor er ihn unterschrieben und losgeschickt hat, nicht gelesen. Da hätten ihn die Kollegen ganz schön aufgezogen, wenn das rausgekommen wäre. Vor einem Jahr hatte ein Kollege in der Mittagspause im kleinen Kreis gebeichtet, dass er einige Antwortbriefe an Fußball-Fans heimlich gelesen hätte. Drei Monate lang war der das Gespött der ganzen DFB-Zentrale.

Andererseits versteht Klaus die ganze Aufregung nicht. Okay, die interne Dienstanweisung sieht vor, dass Antwortbriefe unbedingt auf den Laufwerken M: oder V: gespeichert werden müssen. Aber soviel Brimborium wegen so einer Kleinigkeit. Immerhin war der Dateiname doch fehlerfrei. Über die empörte Reaktion der Findeisens hat Klaus sich nicht besonders geärgert. Er konnte doch nicht ahnen, dass jemand den Brief wirklich liest. Das einzige, was ihn ärgert, ist, dass er immer noch nicht weiß, wie man diese Funktion wieder abschalten kann.


Blau und Weiß

In den letzten Monaten hat sich das Institut für angewandte Sprachforschung und Kommunikationsdesign intensiv mit der Untersuchung von Vereinshymnen beschäftigt, darunter auch mit dem Lied „Blau und Weiß“. Die Ergebnisse unserer Forschungen stelle ich hiermit vor.

Eines ist klar: den Text von BLAU UND WEISS setze ich als bekannt voraus. Und wenn ich hier heute die Vereinshymne des S04 vorstelle, so ist noch etwas klar: Es handelt sich bei diesem Lied um das einzige Vereinslied, das ästhetischen, kulturellen, soziologischen und geschichtlichen Gehalt hat. Ich möchte mich mit diesem Text nun in Form von Thesen auseinandersetzen, die schwerpunktmäßig bestimmten Aspekten nachgehen.

These 1: Dieses Lied versteht sich als Kunst im Allgemeinen und als Kunstwerk im Sinne von Beuys im Besonderen.

Blau und Weiß strebt schon alleine deshalb nach einer kunstvollen Ästhetik, weil es auf den in solchen Vereinsliedern üblichen Refrain völlig verzichtet. Jede einzelne Strophe steht für sich, bildet aber zugleich einen Kontext mit den anderen. Dies wird dadurch erreicht, dass in den einzelnen Strophen jeweils andere Segmente der Bevölkerung angesprochen oder soziokulturelle Dimensionen thematisiert werden. Des Lied verfolgt somit eine diskursive Strategie der Ästhetik des Alltäglichen, das kritisch hinterfragt und zugleich überhöht wird.

These 2: Die erste Strophe wendet sich an Rentner und Kranke.

Blau und weiß ist ja der Himmel nur,
blau und weiß ist unsere Fußballgarnitur.

Das Wort Garnitur muss als ungewöhnlich erscheinen, wäre doch mit einem Wort wie Trikot oder Dress zu rechnen. Der Begriff „Garnitur“ weckt Assoziationen an Unterwäsche, wie sie eher von älteren und kranken Menschen verwendet wird.

Da tauchen Konnotationen wie Rheuma, Gicht und Medima auf. Der Begriff Garnitur signalisiert: Alte, Kranke und Sieche sind in der Vereinsfamilie aufgehoben. Nicht ohne Grund heißt es deshalb in einem anderen, in der Arena gerne gesungenen Lied: Ob ich verroste und verkalke - ich gehe immer noch auf Schalke. Nur nebenbei: Der blau-weiße Himmel zeigt, dass der Umweltschutz- und Ökologiegedanke bei den Menschen im Revier schon immer fester Bestandteil ihrer Weltanschauung war.

These 3: Die zweite Strophe spricht Royalisten und Menschen mit Taliban-Gesinnung an.

Hätten wir ein Königreich
Machten wirs den Schalkern gleich
Alle Mädchen, die so jung und schön
Müssten immer blau und weiß spazieren gehn.

Das kollektive Wir, das hier spricht, träumt von der Wiedererrichtung der Monarchie - allerdings einer Monarchie, deren Überbau deutliche Anleihen bei den Taliban erkennen lässt. Frauen müssten in diesem Königreich spazieren gehen, arbeiten oder studieren dürfen sie nicht. Zudem sind sie zum Tragen ausschließlich blau­ und weißer Kleidung verpflichtet. Was den Taliban der Burkha, ist dem Schalker Kollektiv die blau-weiße Garnitur, Kluft oder Voll-Kutte.

These 4: Das Lied wendet sich an Multikulti-Intellektuelle mit Lust am dadaistischen Sprachspiel.

Mohammed war ein Prophet
Der vom Fußballspielen nichts versteht
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau- und Weiße ausgedacht.

Das ist einerseits DADA pur, das ist intellektueller Nonsens auf höchstem Niveau. Hier springt man durch die grammatischen Zeiten: Präsens, Präteritum und Perfekt sind in den vier Zeilen vertreten.
Der Papst, als Oberhaupt des Katholizismus, ist Vereinsmitglied; Mohammed aber wird die Schalker Farbenlehre zugesprochen. Dies muss als eine Verbeugung vor unseren Mitbürgern islamischen Glaubens verstanden werden - ein Zeugnis der Toleranz und des Willens zum friedlichen Miteinander, wie es mir aus keiner anderen Vereinshymne bekannt ist. Sieht man diese Strophe im Zusammenhang mit der ersten (Stichwort: Fußballgarnitur), so wird klar: In diesem Lied werden Mekka und Medima verbunden!

These 5: Das Lied ist Ausdruck der Verbundenheit mit der Heimat und den Stehplatzzuschauern.

Wenn es in der letzten Strophe heißt, dass tausend Feuer in der Nacht leuchten, so wird auf die Vergangenheit der Stadt der 1000 Feuer angespielt. Wenn es heißt, das tausend Freunde zusammen stehn, so sind wir in der Gegenwart, denn es wird klar: Beim Fußball gilt: Sitzen ist was fürn Arsch. Der echte Fan steht. Der echte Fan lümmelt sich nicht in Logen herum, für ihn ist Fußball kein Event, sondern Lebensmittel, Gottesdienst und Mittelpunkt der Existenz. Damit geht „Blau und weiß“ weit über den Rahmen üblicher Vereinslieder hinaus, die zumeist nichts anderes machen, als Lobhudeleien der billigsten Art auszuschütten. Dieses Lied greift grundsätzliche Fragen des menschlichen Daseins auf, es weist uns einen Weg durch die Wirrnisse des Lebens und ist uns Richtschnur für unsere Existenz, es ist Heilmittel, Verheißung und Verpflichtung zu gleich!

Deshalb rufe ich Euch zu: Nun denn, wohl auf! Gehet hin und jubelt, werft die Zecken und die Bayern in den Staub und wandelt weiterhin auf dem blau-weißen Pfad der Wahrhaftigkeit!


Wir machen Druck