Nummer 36 - 2002/11
Auszüge aus dieser Ausgabe:
„Manchmal muss man die Zähne zusammenbeißen!“ - Interview mit Victor Agali
Fanclubportrait „Blau-Weißer Stachel“
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 17
„Manchmal muss man die Zähne zusammenbeißen!“
(stu/cr) Rudi Assauer bezeichnete ihn als „Spielertyp wie Eijkelkamp“, Andi Müller verglich ihn mit dem jungen Yeboah, nur die Schalker Fans wurden lange nicht richtig warm mit Victor Agali. Aber der 23 Jahre alte Stürmer will sich durchbeißen und in dieser Saison auch das Vertrauen der Fans gewinnen.
SCHALKE UNSER:
Frank Neubarth hat dein Tor gegen Hamburg „Weltklasse“ genannt - geht das nicht runter wie Öl?
VICTOR AGALI:
Klar, ein solches Lob vom Trainer macht jeden Spieler glücklich. Das ist eine schöne Anerkennung für die Leistung, die man bringt.
SCHALKE UNSER:
Wie siehst du diesen Umschwung? Bei deiner Auswechselung wurdest du mit Sprechchören gefeiert, so freundlich waren die Fans nicht immer, wenn sie deinen Namen riefen.
VICTOR AGALI:
Da kamen viele Dinge zusammen, die ich aber zum Glück mit dem Manager besprechen konnte. Ich hatte auch persönliche Probleme wie Verletzungen. Aber ich habe beschlossen, auf die Länderspiele zu verzichten und mich mit dem neuen Trainer hier im Verein gut auf die Saison vorzubereiten. Achtstündige Flüge nach Afrika sind keine gute Hilfe, um hier seine Leistung zu bringen.
SCHALKE UNSER:
Wo siehst du die Hauptunterschiede zwischen Stevens und Neubarth?
VICTOR AGALI:
Ich spüre das Vertrauen von Frank Neubarth und komme sehr gut mit ihm zurecht. Natürlich ist das Training auch Arbeit, aber mit ihm macht es auch Spaß. Ich bin sehr froh, dass er hier ist. Am System hat er nicht viel geändert, aber er akzeptiert meine Art, Fußball zu spielen. Wobei ich Huub Stevens nicht kritisieren will.
SCHALKE UNSER:
Hilft es, dass er Stürmer war und nicht Verteidiger?
VICTOR AGALI:
Daran liegt es glaube ich nicht, es ist die Art des Umgangs. Er gibt jungen Spielern Vertrauen und ist nicht so streng. Afrikanische oder südamerikanische Spieler machen ihre besten Spiele, wenn sie gut drauf sind und auch ein paar spielerische Freiheiten haben.
SCHALKE UNSER:
Bei der Olympiade hast du zwei Tore geschossen, zur WM bist du aber nicht mitgefahren. Vom Held zum Buhmann - bist du der Roy Keane von Nigeria?
VICTOR AGALI:
(lacht) Nein, so würde ich mich nicht sehen. Ich denke, in Nigeria gibt es vielleicht eine gewisse Überheblichkeit. Die besten Spieler und Trainer sind in Europa, mit denen muss man sich messen. In Nigeria glauben aber viele, besser zu sein. Es wird nicht genug trainiert, und auch organisatorisch liegt vieles im Argen. Es wird gearbeitet, als gäbe es nichts zu verbessern. Ich habe nicht verstanden, warum die Top-Spieler aus Nigeria, die alle in Europa spielen, zum Teil vom Trainer für die WM nicht berücksichtigt worden sind. Wie etwa Sunday Oliseh und Finidi George. Der Trainer stand wohl unter Druck, statt Legionäre mehr einheimische Spieler, die höchstens dritt- oder viertklassig sind, einzusetzen. Deswegen war es für mich klar, dass Nigeria bei der WM nichts reißt. Der Trainer ist zu feige, und der Verband zu amateurhaft. Ich will nicht zu negativ sein, aber so macht es keinen Spaß und führt geradewegs zu einem Desaster, wie man bei der WM sehen konnte - ein Punkt, ein Tor.
SCHALKE UNSER:
Im Sommer hast du gesagt, du willst dich auf Schalke konzentrieren. Hat sich das geändert durch den neuen Nationaltrainer, würdest du wieder für Nigeria spielen?
VICTOR AGALI:
Ich war immer dazu bereit, aber unter diesen Bedingungen arbeite ich lieber hier daran, besser zu werden. Ich will nicht als Tourist an einer WM teilnehmen, man muss sich doch Ziele setzen, ins Halbfinale oder wenigstens ins Viertelfinale zu kommen. Sonst wirkt sich das am Ende auf die Karriere aus. Ich glaube, im Moment kann ich hier mehr für mich erreichen.
SCHALKE UNSER:
Was hat dich aus Südfrankreich an die baltische Küste nach Rostock verschlagen?
VICTOR AGALI:
In Marseille hatte ich starke Konkurrenten wie Ravanelli und andere große Spieler, und dann kam das Angebot aus Rostock. Ewald Lienen wollte mich verpflichten, und er ist ein guter Trainer. Vor allem spricht er mehrere Sprachen, Englisch, Spanisch, das erleichtert mir die Eingewöhnung. Also habe ich angenommen.
SCHALKE UNSER:
Du hast mal hier einen Schalker gefoult und bist das ganze Spiel über ausgebuht worden. Würdest du dich als aggressiven Spieler bezeichnen?
VICTOR AGALI:
(lacht) Das gehört zum Fußball dazu, man muss auch aggressiv sein. Man darf nur nicht zu langsam sein, wenn man reingeht und kommt zu spät, sieht es schnell brutal aus. Aber ich denke, ich bin eigentlich ein fairer Spieler.
SCHALKE UNSER:
Du holst dir aber auch so manche Karte ab.
VICTOR AGALI:
Okay, die bekommt man dafür halt auf dem Platz. Das hängt aber auch vom Schiedsrichter und seiner Spielauffassung ab, beim einen geht es durch, beim anderen halt nicht.
SCHALKE UNSER:
Es war auch im Fernsehen nicht zu erkennen, warum du im Pokalfinale runtergeflogen bist.
VICTOR AGALI:
Da hatte ich einen aggressiven Gegenspieler, den Diego Placente. Er foulte mich von hinten. Das war sehr gefährlich, da habe ich mich aufgeregt, ich hatte ja die WM im Hinterkopf. Ich hab ihn also angefasst und gefragt, was das soll. Da kam schon der Schiedsrichter Wack, und ich hab sein Gesicht gesehen und wusste: Okay, für mich ist das Spiel heute beendet (lacht).
SCHALKE UNSER:
Der hatte ja auch schon beide Trainer beseitigt. Dein schwierigster Gegenspieler war Martin Keown von Arsenal, du hast über ihn gesagt: „Ich musste ihn fragen, ob er mich auch mal an den Ball lässt.“ Hast du ihn das wirklich gefragt?
VICTOR AGALI:
(lacht) Nein, das war Spaß. Aber gedacht habe ich das schon während des Spiels.
SCHALKE UNSER:
Mit Ebbe, Emile und Gerald hast du auch hier starke Konkurrenz. Was hat dich bewogen, trotzdem zu kommen? Du hattest doch auch ein Angebot aus Berlin.
VICTOR AGALI:
Man muss die Kollegen nicht nur als Konkurrenz betrachten. Schalke hat sehr gute Spieler, also spiele ich hier in einer Mannschaft, die viel erreichen kann und in einem schönen Stadion, das meistens ausverkauft ist. Mich hat auch die bunte Mischung auf Schalke mit den vielen Nationalitäten gereizt, da habe ich mir direkt gesagt: Dort fühlst du dich wohl.
SCHALKE UNSER:
Du hast den Wechsel zu Schalke also nicht bereut?
VICTOR AGALI:
Überhaupt nicht.
SCHALKE UNSER:
Womit rechnest du in dieser Saison?
VICTOR AGALI:
Noch ist alles offen, der Start war ja nicht schlecht. Gute Mannschaft, guter Trainer. Irgendwas werden wir am Ende der Saison schon mitnehmen können.
SCHALKE UNSER:
Alle waren sehr überrascht, als Assauer den neuen Trainer präsentierte. Kanntest du ihn überhaupt vorher?
VICTOR AGALI:
Nein. Ich habe ihn auf der Geschäftsstelle zum ersten Mal gesehen und dachte, er wäre ein Postbote oder so was. - Nein, das ist der neue Trainer! - Wie, der? (lacht)
SCHALKE UNSER:
Rhein Fire wird demnächst in der Arena spielen.
VICTOR AGALI:
Das ist gut, dann brauche ich nicht immer nach Düsseldorf fahren! Ohne Scherz, American Football sehe ich mir schon mal ganz gerne an. Ein Experte bin ich allerdings nicht. Am liebsten höre ich dazu den amerikanischen Kommentar. Das ist auch am unterhaltsamsten.
SCHALKE UNSER:
Nach dem Vorfall mit Harald Cerny wurde der Satz von dir zitiert: „Es gibt keinen Rassismus in der Bundesliga“. Was hast du damit gemeint?
VICTOR AGALI:
Daran kann ich mich so wörtlich nicht erinnern. Ich meinte, es sollte keinen geben: Wenn jemand etwas gegen mich persönlich hat, kann ich damit leben, aber es gibt keinen Grund, das mit der Hautfarbe in Verbindung zu bringen. Leider passiert so was immer noch, immer wieder.
SCHALKE UNSER:
Du hast erzählt, du wusstest gar nicht, was Rassismus ist, als du aus Nigeria kamst. Ist Rassismus generell ein Problem der Weißen?
VICTOR AGALI:
Ich mag das nicht in Schwarz und Weiß unterteilen, das geht jeden an. In erster Linie entsteht es doch bei Leuten, denen es an Intelligenz mangelt.
SCHALKE UNSER:
Thierry Henry ist vor kurzem in Eindhoven massiv rassistisch beschimpft worden, die UEFA riet ihm, sollte so etwas nochmal geschehen, das Feld zu verlassen. Käme das für dich in Frage?
VICTOR AGALI:
Da muss man doch auch an seine Kollegen denken, und an den Trainer, der dich aufgestellt hat. Die kriegen gar nicht mit, was vorgefallen ist, und du lässt sie einfach alleine. Auch gegenüber den Fans wäre das nicht fair. Es ist schwierig, aber manchmal muss man halt die Zähne zusammenbeißen und das aushalten, da kann man nicht nur an sich denken.
SCHALKE UNSER:
In welchem Alter hast du mit Fußball angefangen?
VICTOR AGALI:
Früh, ich war in der ersten Schulklasse, also mit Sechs. Ich liebe dieses Spiel, aber, wie gesagt, vielen fehlte bei uns in Nigeria die professionelle Einstellung dazu. Hauptsache spielen, spielen - darum wurden Fußballer bei uns oft nicht ernst genommen. Wenn man da etwas erreichen wollte, war das nicht immer leicht. Aber ich hatte mir vorgenommen, ein Topspieler zu werden.
SCHALKE UNSER:
Ist der UEFA-Cup trotz der Dominanz der Champions League noch eine interessante Trophäe, für die es sich lohnt zu kämpfen?
VICTOR AGALI:
Die Champions League sollte den Topvereinen vorbehalten sein, der UEFA-Cup ist halt ein Ausgleich für die dahinter. Aber er hat immer noch seinen Wert, wenn wir ihn morgen holen würden, wäre ich sehr froh (lacht). Und der Trainer auch. Wenn wir schon die Champions League dieses Jahr nicht gewinnen.
SCHALKE UNSER:
An der Champions League gefallen uns der Ligamodus K.O.Runden wären besser und, dass eben nicht nur Meister mitspielen, nicht.
VICTOR AGALI:
Aber Schalke kann kaum Meister werden, und so können wir trotzdem dort spielen. Ich finde das okay, es gibt mehr Vereinen die Chance, mitzuspielen und Geld zu machen. Obwohl es nur unter Meistern sicher auch interessant wäre.
SCHALKE UNSER:
Siehst du die Nähe zu den Fans auf Schalke als etwas Besonderes an? Nicht in einem Käfig zu trainieren wie Bayern?
VICTOR AGALI:
Das war in Rostock durchaus ähnlich, aber es ist immer gut für die Spieler, nah bei den Fans zu sein. Einfach mal „Hallo“ sagen, ein bisschen sprechen, Autogramme geben, das sollte schon so sein. Aber auf Schalke sind es mehr Fans, hier ist eben alles etwas größer.
SCHALKE UNSER:
Hast du Vorbilder gehabt, Lieblingsspieler?
VICTOR AGALI:
Als ich nach Europa kam, habe ich natürlich auch die Weltmeisterschaft verfolgt und war begeistert von Diego Maradona. Pele ist auch ein Vorbild, aber den habe ich nicht live spielen gesehen, nur Videos.
SCHALKE UNSER:
Bist du Fan einer Mannschaft?
VICTOR AGALI:
Als ich jünger war, hat mich Frankreich sehr beeindruckt, mit Michel Platini, Jean Tigana, Alain Giresse, Joel Bats im Tor. Fußball zum Verlieben (lacht). Ich bin aber nicht deswegen nach Frankreich gegangen, das war eher Zufall.
SCHALKE UNSER:
Besuchst du noch ab und zu Nigeria?
VICTOR AGALI:
Selbstverständlich, zweimal im Jahr. In der Winterpause werde ich wieder hinfahren, Familie und Freunde besuchen, und natürlich nach Saisonende. Freunde habe ich hier auch, aber zweimal muss ich einfach auch nach Hause.
SCHALKE UNSER:
Wirken sich die Aufstände an der Elfenbeinküste auf ganz Afrika aus?
VICTOR AGALI:
Afrika hat viele Probleme, das fängt mit den Lebenshaltungskosten im Verhältnis zum Einkommen an. Ich sage immer „Ein hungriger Mann ist ein zorniger Mann“, und es gibt eine Grenze, was man so aushält. Trotz der schlechten Bildung sieht er aber den viel zu großen Unterschied zwischen Reich und Arm, und in einer solchen Gesellschaft gibt es natürlich auch eine Tendenz zu Gewalt und Krieg. Schön ist das nicht, aber was kann man dagegen tun?
SCHALKE UNSER:
Bereichern sich dabei nicht auch oft Politiker an Geldern, die eigentlich dem Volk zugute kommen sollten?
VICTOR AGALI:
Das kann ich nicht beweisen, aber es ist offensichtlich, dass der Gegensatz besteht, und so kommt es immer wieder zur Gewalt. Das ist Afrikas Problem, ich kann nur hoffen, dass es irgendwann besser wird. Eine bessere Ausbildung könnte vielleicht helfen, das in den Griff zu bekommen. Die Folgen der Gewalt sind ja offensichtlich, da sollte man nach besseren Wegen suchen, die nicht solche Opfer fordern.
SCHALKE UNSER:
Das hoffen wir mit dir! Alles Gute und Glückauf.
VICTOR AGALI:
Vielen Dank, und bringt mir auf jeden Fall ein Heft mit, wenn das Interview drinsteht!
Fanclubportrait „Blau-Weißer Stachel“
(aw) Die ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) war schuld. Dort muss wohl ein ekelhaftes, ganz offensichtlich sadistisch veranlagtes Individuum seine Brötchen verdienen. Diese Person hat also dafür gesorgt, dass es mich ins Feindesland versprengte. Günstige Wohnungen gab es damals nur in der Dortmunder Nordstadt. Dass es sich bei diesem Viertel um kein besonders beliebtes handelt, wird dem Unwissenden sofort klar, wenn er hört, dass der Borsigplatz im Norden liegt. Die allgegenwärtige Präsenz des BVB und seiner Anhänger ließ einem kaum die Luft zum Atmen. Jeder Schritt außerhalb der eigenen vier Wände wurde zur Qual. Bei jeder Party kam die Frage, wie ich es denn aushalten könne, dort zu wohnen? Das Schlimme war, dass ich keine Antwort hatte. Der Mensch ist leidensfähiger als man denkt. Einzig und allein die sportlichen Erfolge des S04 gaben mir die Kraft auszuhalten. In dieser Zeit strich ich hin und wieder siegestrunken um die Häuser und bepflasterte Laternen, Toiletten und Schaufenster mit Schalke-Spuckis (Danke dafür an die Fan-Initiative). Eines Tages hatte jemand „Kontakt“ zu mir aufgenommen und über einen Spucki eine Nachricht geklebt. Originaltext: „Du Sau. Ich krich dich. Du bist ein toter Mann.“

Das war die Initialzündung! Die Nachbarschaft nahm Notiz von mir. Ich beschloss, in die Offensive zu gehen und eine subversive Zelle zu gründen, die die Keimzelle des Guten inmitten des Bösen werden sollte. Im Zug zu den Heimspielen lernte ich auch direkt zwei Leidensgenossen kennen, die von meiner Idee begeistert waren. Aktivist Peter und Aktivist Hans (aus verständlichen Gründen können hier nur die Vornamen genannt werden) schlossen sich an, später auch noch Aktivist Gerd.
So haben wir zum Beispiel die Kneipe „Zum Borsigplatz“ während einer Live-Übertragung unter Wasser gesetzt. Außerdem verbesserten wir unsere Zeiten im Mittelstreckenlauf schlagartig, als wir inmitten von 230 Jahren Knasterfahrung saßen und ein Spiel unserer Lieblinge verfolgten. Aufgrund des Publikums in der Kneipe traten wir inkognito auf, übersäten das Klo nichtsdestotrotz mit Spuckis, konnten unserer Freude aber keinen Einhalt mehr gebieten, als Jens das legendäre 2:2 köpfte. Lähmendes Entsetzen und gleichzeitig einsetzender Hass um uns herum veranlassten uns direkt, den Ort des Geschehens im Sprint zu verlassen.
Im Moment ist es unser Ziel, alle Autobahn-Hinweisschilder „Richtung Dortmund“ durch „Richtung GE-Schalke“ zu ersetzen (siehe Foto). Außerdem kämpfen wir dafür, dass es in der Halbzeit wieder „Reifen Tanski“-Werbung zu bestaunen gibt. Warum? Weil es sich um einen echten Klassiker handelt und wir den unsäglichen „Ford-Mohag“-Spot verbannt wissen wollen. Im Stadion halten wir uns standesgemäß in der Südkurve auf.
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 17
In der Relegation war Schalke gegen Bayer 05 Uerdingen gescheitert und damit zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren abgestiegen. Schalke wurde in der gesamten Republik mit Spottgesängen überhäuft. 1983 war eines der härtesten Jahre, um Schalke-Fan zu sein.
Auferstanden aus Ruinen
Es nutzte alles nichts, es musste weiter gehen. Erst einmal wurde „abgespeckt“. 13 Spieler verließen Schalke, unter ihnen Norbert Nigbur (schon in der Saison zuvor geschasst und nun ohne Verein), Wolfram Wuttke (HSV), Uli Bittcher (BVB), Werner Lorant (Hannover 96) und Ilyas Tüfekci (zunächst an Fenerbahce Istanbul ausgeliehen). Auch der Helfer in der Not Jürgen Sundermann machte Platz auf der Trainerbank für Diethelm Ferner, der den Spielmacher Bernd Dierßen von Hannover 96 gleich mitbrachte. Zudem verstärkten „der Boxer“ Klaus Täuber und Vorstopper Michael Jakobs das Team. Mehr war nicht drin für den Zweitligisten. Gerne hätte man Rudi Völler oder Herbert Waas verpflichtet, doch die waren schlicht zu teuer.
Die Vorbereitung auf die neue Saison verlief ausgesprochen hart. Klaus Täuber: „Ich habe ja schon einiges in meiner Profikarriere miterlebt, aber zum ersten Mal trainiere ich vier Mal am Tag.“ Das sollte sich auszahlen. Gleich im ersten Spiel gegen den SC Charlottenburg (im Tor stand damals Andy Köpke) legte Schalke die Marschrichtung fest, 3:0, das Ziel hieß ganz klar Wiederaufstieg.
Und dann gab es da noch einen, der die ganze Schalker Hoffnung in sich trug: Olaf Thon. In seiner allerersten Saison mit der Profi-Mannschaft debütierte der Mittelfeld-Jungstar beim Spiel gegen Charlottenburg als damals 17-Jähriger und sollte noch in dieser Saison eine feste Größe werden. Sein erstes Tor gelang ihm beim Heimspielsieg gegen den SSV Ulm (3:0). In der Schalker A-Jugend gab es noch ein weiteres hoffnungsvolles Talent: Michael Skibbe. Auch er sollte eigentlich in dieser Saison sein Debüt bei der Profi-Mannschaft geben, doch im Spiel der Westfalenliga bei Arminia Bielefeld zog er sich eine Meniskusverletzung mit einem Kreuzband- und Innenbandriss zu.
Das Jahrhundertspiel
Sportlich konnte man sich nicht beklagen. Täubers Tore sorgten dafür, dass man immer ganz oben mitspielte, und auch im DFB-Pokal kam Schalke so weit wie lange nicht. Nachdem Hertha BSC Berlin mit 2:0 besiegt wurde (Hinspiel 3:3 n.V.) wartete Schalke im Halbfinale auf einen Erstligisten als Gegner. Gezogen wurde das „Hammerlos“ FC Bayern München: ein Segen für die Schalker Vereinskasse und ein Pokalabend, den alle Beteiligten ihren Lebtag nicht mehr vergessen werden.
Mitternacht war längst vorbei, da standen fassungslose Fußballfreunde im ausverkauften Stadion und konnten immer noch nicht glauben, was zuvor geschehen war. Schon im anderen Halbfinalspiel ging es packend zu: 5:4 für Gladbach gegen Werder Bremen nach Verlängerung, aber nicht einmal der Bayern-Trainer Udo Lattek, ein Fußballlehrer mit der Erfahrung aus tausend Spielen, konnte sich an ein vergleichbares Ereignis erinnern. 4:4 nach neunzig Minuten, 6:6 nach zwei Stunden, zwölf Tore und kein Sieger.
Am Tag vor dem 80. Geburtstag des FC Schalke 04 entwickelte sich ein Spiel aus dem Moment heraus, ganz ohne taktische Zwänge, gesteigert bis zur atemberaubenden Spannung, die auch an die Gesundheit ging. Einem 60 Jahre alten Fan aus Hamm kostete die Aufregung das Leben, zwei Besucher, die gleichfalls mit Herzinfarkt zusammenbrachen, mussten auf die Intensivstation eingeliefert werden. Fritz Walter, Ehrengast im Parkstadion, stand hocherregt am Tresen des Palisanderraums und fühlte seinen Puls.
Schalke lag schnell 0:2 hinten, Thomas Kruse 1:2, Olaf Thon 2:2. Im Gegenzug postwendend das 2:3 durch Michael Rummenigge. Wieder Ausgleich durch Thon, sogar die Führung durch Peter Stichler, zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit, der Ausgleich wieder durch Michael Rummenigge. Verlängerung. Und dann: „Mein Gott, Walter!“. Walter Junghans, bis dahin fehlerfrei, ließ einen harmlosern Kullerball durch, Dieter Hoeneß staubte ab, 4:5. Dann Bernhard Dietz, er rackerte und riss das Ding noch einmal rum, 5:5 in der 116. Minute. Nur eine Minute später wieder Dieter Hoeneß, 6:5. Der Fernsehreporter sagte damals: „Das ist die Entscheidung.“ Doch dann letzter Spielzug, letzte Sekunde, DierßenFreistoß, Kopfballabwehr, Thon knallhart aus dem Fußgelenk, 6:6. Der Reporter sagte: „Das gibt es nicht, meine Damen und Herren, das gibt es nicht!“.
Olaf Thon hatte gerade erst vor drei Tagen seinen 18. Geburtstag gefeiert und wurde nun ob seiner drei Tore von 70.000 Schalkern auf Schultern getragen. Udo Lattek zeigte sich total begeistert und wollte Schalkes Riesen-Talent am liebsten sofort zu den Bayern lotsen: „Für Olaf Thon gebe ich zwölf Millionen.“ Auch im anstehenden Nachspiel im Münchener Olympiastadion zeigte „David“ Schalke kaum Respekt gegenüber „Goliath“ Bayern und trotzte ein 2:3 ab. „Spiel verloren und Sympathie gewonnen“, titelte die WAZ.
Neue Saison, neues Glück
Bereits im vorletzten Spiel der Saison machte Schalke durch ein 2:0 bei Fortuna Köln den Aufstieg klar, zwar hinter dem Karlsruher SC, aber am Ende doch souverän. Und das, obwohl der Schalker „Mittelfeldmotor“ Manfred Drexler beim Pokalspiel in Berlin einen Knöchelbruch erlitt, für den Rest der Saison ausfiel und später sogar seine Laufbahn beenden musste. Danach übernahm er den Job als „Schuster der Nation“ - er ist bei der Nationalelf bis heute der Zeugwart und Adidas-Vertreter.
Im letzten Spiel gab es ein 5:0 über Rot-Weiß Essen, das damit faktisch in die Drittklassigkeit abgestiegen war. RWE legte allerdings Protest ein, denn mehrmals versuchten die Schalker Anhänger das Spielfeld zu stürmen. Schiedsrichter Neuner musste häufig unterbrechen (die längste Unterbrechung dauerte zwölf Minuten). Essens Torhüter Hallmann war beim Stande von 3:0 verletzt worden, als er beim Ballholen hinter dem Tor von einem Fan angesprungen wurde. Essen musste mit zehn Spielern weiter spielen, der Protest war erfolgreich, aber auch das Wiederholungsspiel gewannen die Königsblauen zwei Wochen später mit 3:2. Auch von den Schalker E-Junioren hörte man Tolles: Die E1-Jugend erzielte in dieser Saison ein Torverhältnis von 291:1.
Die Planungen für die neue Saison 84/85 waren schon weit gediehen. Die Leistungsträger konnten allesamt gehalten werden, zudem hing Bernhard Dietz noch eine Saison dran und HSV-Torjäger Dieter Schatzschneider wechselte an den Schalker Markt. Schatzschneiders Rekordtransfer in Höhe von 1,2 Millionen Mark, der bis dato teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte, war äußerst umstritten, denn dem Torjäger eilte der Ruf voraus, in neunzig Minuten auf dem Platz nicht viel mehr zu laufen als ein Stehgeiger beim Tanztee. Zum 80. Geburtstag gab es auf Schalke ein Jubiläumsspiel gegen Inter Mailand (damals mit Karl-Heinz Rummenigge), doch da es wie aus Eimern regnete, kamen gerade einmal 20.000 Zuschauer ins Stadion, um sich dieses Spektakel anzuschauen.
Die Luft in der 1. Liga schien zu Anfang dünn zu sein: Gegen Gladbach gab es direkt eine 1:3-Auftaktniederlage, zu Hause dann noch eine gegen Bochum (2:3). Auch bei Dieter Schatzschneider platzte der Knoten erst beim Spiel gegen seinen alten Verein Hamburger SV (3:0), als er zwei Tore beisteuerte. Auch im DFB-Pokal lief es wieder ganz gut, zumindest hatte Schalke den BVB im Wiederholungsspiel mit 3:2 ausknocken können, erst im Achtelfinale war Schluss (gegen Hannover 96 mit 0:1).
Der Wald stirbt, die Tanne steht
Doch nun schlug das Verletzungspech zu: Klaus Täuber musste passen, Michael Opitz und Caspar Memering standen nicht zur Verfügung und auch Bernhard Dietz fiel vor dem Nachholspiel der Hinrunde bei „Schlappis“ Waldhof Mannheim verletzt aus. So musste improvisiert werden, und nach einer Pause von 251 Tagen kam noch einmal der 40 Jahre alte Klaus „Tanne“ Fichtel zu seinem 513. Bundesliga-Einsatz. Er war damit der älteste Bundesligaspieler aller Zeiten. Einige Wochen später feierte Klaus Fichtel, der zu dieser Zeit auch die Schalker Amateure trainierte, ein weiteres Jubiläum. Im Heimspiel - wieder gegen Waldhof Mannheim - absolvierte er sein 521. Ligaspiel und kam am Ende seiner Karriere im Alter von 41 Jahren gar auf 552 Einsätze. Lediglich Karl-Heinz Körbel (Eintrach Frankfurt, 602) und Manfred Kaltz (Hamburger SV, 581) können mehr aufweisen.
Wegen der Verletzungsserie wurde noch mal nachgelegt: Frank Hartmann und Norbert Eilenfeldt verstärkten den Kader. Olaf Thon hatte unterdessen in nahezu allen Spielen auf allerhöchstem Niveau gespielt, was ihm eine Einladung zum Länderspiel gegen Malta einbrachte. Schalke hatte wieder einen Nationalspieler!
„Neben dem Sieg war Olaf Thon die angenehmste Überraschung. Er hat sofort erkannt, worauf es ankommt, ist selbst gegangen und hat geschossen. Ein Bombeneinstand.“ Vor Millionen von Fernseh-Zuschauern gab Teamchef Franz Beckenbauer unmittelbar nach dem 3:2-Sieg in der WM-Qualifikation auf Malta diese Erklärung ab. Nur einer war bis dato bei seinem Länderspiel-Einstand jünger als Olaf Thon: Uwe Seeler wurde 1954 von Sepp Herberger schon als 17-Jähriger berufen. Am Ende der Saison landeten die Schalker auf einem respektablen achten Platz, weit vor der Borussia aus Dortmund. Unangefochtener Meister wurde Bayern. Doch das positive Abschneiden der Schalker ließ Rudi Assauer träumen: „Vielleicht schnuppern wir in einem Jahr am UEFA-Pokal.“
Heiter bis wolkig
Der Auftakt in die Saison 85/86 war alles andere als verheißungsvoll: 0:1 gegen Werder, 0:4 gegen Gladbach, 0:1 gegen Bayern, 0:1 gegen Stuttgart, 2:3 gegen Uerdingen. Fünf Niederlagen zu Beginn, und schon fand man sich am Tabellenende wieder. Zu allem Übel starb auch noch der ehemalige Mannschaftsbetreuer „Ede“ Lichterfeld an Krebs. Gerade mal 41 Jahre alt wurde der „Vorgänger“ von Charly Neumann, der sich immer wieder in den Dienst des FC Schalke 04 stellte und dessen großes Hobby der Trabrennsport war. Freud und Leid liegen manchmal nah beieinander, und so feierte Ernst Kuzorra im Oktober seinen 80. Geburtstag, wurde zum Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen ernannt und schämte sich dabei seiner Tränen nicht.
In der zweiten Hälfte der Hinrunde bekrabbelte sich Schalke wieder etwas, gewann sogar überzeugend hoch mit 6:1 gegen den Reviernachbar aus Dortmund, insgesamt aber blieben die Leistungen zu unbeständig. Ein gutes Beispiel hierfür war auch das Pokal-Viertelfinale beim VfB Stuttgart. Frank Hartmann hatte die Königsblauen in der ersten Hälfte bereits mit 2:0 in Führung gebracht und es gab noch einige Chancen mehr, die Führung auszubauen. Eigentlich steuerten sie einem sicheren Sieg entgegen, wenn nicht ein Allgöwer-Freistoß noch vor der Pause den Anschlusstreffer bedeutet hätte. Nach dem Wechsel sorgte wieder Allgöwer für den Ausgleich und dann zog Stuttgart in den letzten fünf Minuten - mit großer Mithilfe des Schiedsrichters Brückner - auf und davon. Am Ende gewannen die Schwaben gar mit 6:2, und das eigentlich nur, weil die Schalker so viele Chancen ausließen. Ein Spiegelbild der gesamten Saison: Überzeugenden Siegen (3:0 gegen Köln, 4:2 gegen Bochum) standen vermeidbare Niederlagen (0:3 gegen Frankfurt, 2:3 gegen Kaiserslautern) gegenüber, die die ganze Mannschaft verunsicherten. Beim Spiel gegen Kaiserslautern waren gerade mal noch 10.000 Zuschauer im Parkstadion, die ihre Mannschaft nach Spielende gnadenlos auspfiffen.
Ein Haufen Probleme
Vielleicht lag die Verunsicherung aber auch daran, dass Trainer Diethelm Ferner seinen Vertrag beim FC Schalke 04 zum 30. Juni von sich aus gekündigt hatte - und das bereits im März. Damit zog der Trainer die Konsequenz aus einer „Präsidenten-Schelte“. Hans-Joachim Fenne hatte dem Trainer zwar gute fachliche und sachliche Arbeit bescheinigt, aber fehlende Ausstrahlungskraft - das Wort „Charisma“ wurde dabei oft bemüht - bemängelt. Schon öfter hatte Dr. Fenne in der letzten Zeit laut über ein neues Konzept nachgedacht, was ihm selbst auch eine Menge Kritik einbrachte. Im vorletzten Spiel der Saison rettete sich Schalke mit einem 1:1 gegen den BVB; Fenne und Rudi Assauer atmeten noch einmal tief durch. Der Klassenerhalt war gesichert, doch der zehnte Platz am Ende der Saison wirkte trügerisch.
Auch Stan Libuda ging es schlecht. Die Fußball-Legende lag nach einer Notoperation am Darm im Marienhospital von Gelsenkirchen-Ückendorf. Aber nicht nur gesundheitlich, auch finanziell ging es ihm dreckig. Er hatte keinen Pfennig mehr und lebte nach seiner Scheidung bei seiner Mutter, die für ihn sorgte. Dr. Fenne wollte nicht tatenlos zusehen („Wir müssen sofort etwas tun“) und auch die Dortmunder Borussen wollten Stan nicht im Regen stehen lassen. Doch fraglich war, ob sich der einstige Dribbelkünstler überhaupt helfen lassen wollte.
Die WM 86 in Mexiko sollte für Olaf Thon eigentlich ein Höhepunkt seiner bisher steilen Karriere (bis dato zehn A-Länderspiele) werden. Doch zunächst ließ Teamchef Franz Beckenbauer ihn links liegen und nominierte ihn für die ersten Spiele noch nicht einmal für die Bank, dann zog sich „Thöni“ eine schwere Wadenverletzung zu und musste die Rückreise antreten.
Wo ich bin, herrscht Chaos
In Gelsenkirchen war man auf der Suche nach einem neuen Trainer „mit Charisma“ fündig geworden: Rolf Schafstall (zuletzt beim VfL Bochum) übernahm das Amt. Auch sonst wurde ordentlich investiert. Zwar verließ Frank Hartmann den Verein wieder in Richtung Kaiserslautern und Dieter Schatzschneider wurde an Fortuna Köln ausgeliehen, aber mit Jürgen „Kobra“ Wegmann (vom BVB) und Libero Wilfried Hannes (aus Gladbach) wurden zwei „Hochkaräter“ geholt. Zu ihnen gesellte sich ein Spieler, der uns noch in guter Erinnerung ist: Michael „Magic“ Prus. Mit diesen Verstärkungen war man frohen Mutes, in dieser Saison auch mal oben anklopfen zu können. Derweil brach auf Schalke eine Hochzeitseuphorie aus: Klaus Täuber, Dietmar Roth und Ralf Regenbogen traten mit ihren Bräuten vor den Traualtar.
Es sollte ein ganz fatales Fußballjahr werden. Noch bevor die Saison richtig begonnen hatte, hatte sich Jürgen Wegmann im Trainingslager den Fuß gebrochen und bei Wilfried Hannes machte sich eine alte Muskelverletzung sehr nachhaltig bemerkbar. Die Krise nahm ihren Lauf. Nach einer 2:0-Führung am 4. Oktober im Spiel gegen den 1. FC Köln verlor Schalke noch 2:4. Das leitete eine Serie von sieben Spieltagen ohne Sieg ein.
In der Führungsriege kriselte es gewaltig. Fenne, Manager Assauer und Trainer Schafstall schlossen auf der Fahrt zum Freundschaftsspiel nach Rostock noch einmal Frieden, der jedoch unter dem Zwang ausbleibender Erfolge nur ein Waffenstillstand war. Am 28. November verbannte Rolf Schafstall den Manager aus dem Trainingslager. In einer Marathonsitzung des Vorstandes und des Verwaltungsrates bis nach Mitternacht wurde Rudi Assauer als Manager gegen den Willen des Verwaltungsrates vom Vorstand entlassen. Zur großen Überraschung aber erklärte Präsident Dr. Fenne am 6. Dezember vor dem Schlagerspiel gegen Bayern München selbst seinen Rücktritt. Das Chaos war perfekt.
Schalke stand nun ohne Führung und ohne Konzept da. Der Trainer hilflos, der Verein ohne Manager. Wer sollte der neue Vorsitzende werden? Wer konnte die Karre wieder aus dem Dreck ziehen? Dieses und vieles mehr in der nächsten Ausgabe des SCHALKE UNSER.

