Nummer 42 - 2004/05
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Danke statt Attacke
„Das sind die Momente, die mich stolz machen.“ - Interview mit dem FC Schalke 04
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 23
Was macht eigentlich…? - Magic Prus
Danke statt Attacke
Was würden wir eigentlich heute machen, wenn Willy Gies, Josef Ferse, Viktor Kroguhl, Johann Kessel, Heinrich Kullmann, Adolf Oetzelmann, Josef Seimetz und Willy van den Berg nicht gewesen wären?
Im Jahr, in dem Giacomo Puccini seine Oper „Madame Butterfly“ veröffentlichte und Jack London seinen „Seewolf“ zu Papier brachte, verzapften andere Personen ziemlichen Unsinn und gründeten unwichtige Vereine und Organisationen wie beispielsweise am 21.5. die FIFA, am 1.7. Bayer Leverkusen und am 18.12. RotWeiß Oberhausen.
Ganz anders die Schüler und Lehrlinge, die sich im Mai 1904 trafen, um den Verein Westfalia Schalke zu gründen. Welcher Tag es genau war, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Irgendwann im Mai 1904 muss es gewesen sein, es existieren allerdings weder Gründungsprotokolle noch Zeitungsmeldungen aus dieser Zeit. Auf der unebenen Wiese am Haus Goor kickten sie mit einer alten Lederkugel. Schlosserlehrling Willy Gies war Vorsitzender und Spielführer und die Trikots waren rot und gelb, abgeguckt von einer holländischen Mannschaft, die ein Gastspiel in Gelsenkirchen absolvierte.
Am Ende des Jahres hatte der „wilde Verein“, der vom Westdeutschen Spielverband nicht aufgenommen worden war, bereits 16 Mitglieder.
Im folgenden Jahr ging es aufwärts. Der erste richtige Ball wurde angeschafft, die Mannschaft zog zur städtischen Sportanlage an der Taubenstraße um, die Zahl der Aktiven war bereits so groß, dass man eine Reservemannschaft hatte und am 16.10. wurde Ernst Kuzorra geboren. Aber das sind andere und längere Geschichten.
Danke.
„Das sind die Momente, die mich stolz machen.“
(rk) Glanz und Gloria - Abstieg und Skandal. Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt. Berg und Tal mit S04. Kaum ein anderer Fußballverein verkörpert so die Emotionen - in die eine wie die andere Richtung - so wie der FC Schalke 04. Grund genug, ein Interview mit dem Jubilar höchstpersönlich zu führen.
SCHALKE UNSER:
Schalke 04, zunächst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Wie fühlt man sich denn so mit 100 Lenzen auf dem Buckel?
FC SCHALKE 04:
Danke der Nachfrage, eigentlich fühle ich mich noch immer so wie mit 99 Jahren. Kleiner Scherz, nein, im Ernst, ich habe echt eine Menge durchgemacht in meinem langen Leben.
SCHALKE UNSER:
Erzähl doch mal, wie hat das denn alles angefangen?
FC SCHALKE 04:
Am Anfang hieß ich ja gar nicht „Schalke 04“, sondern „Westfalia Schalke“. Die jungen Kerle Willy Gies, Josef Ferse, Viktor Kroguhl, Johann Kessel, Heinrich Kullmann, Adolf Oetzelmann, Josef Seimetz und Willy van den Berg haben mich damals gegründet. Von „Königsblau“ war damals noch nicht die Rede, die Jungs trugen rot-gelbe Trikots. Am Anfang war ich echt ein Verein wie jeder andere auch, wir waren noch nicht einmal im Westdeutschen Spielverband (WSV) organisiert. Dazu kamen noch die Geldsorgen, ohne fremde Hilfe traten wir auf der Stelle. Wir fragten den Schalker Turnverein 1877, der dem WSV bereits angehörte. Und siehe da - der Vorsitzender Fritz „Papa“ Unkel hatte ein Herz für uns und nahm uns in einen geordneten Spielbetrieb auf. Doch dann kam der 1. Weltkrieg und die Menschen hatten andere Sorgen.

SCHALKE UNSER:
Und wie ging‘s nach dem Krieg weiter?
FC SCHALKE 04:
Aus dem Schalker Turnverein 1877 und dem Sportverein Westfalia Schalke wurde der Turn- und Sportverein Schalke 1877. Gespielt wurde von nun an am Sportplatz anne Grenzstraße. Ihr glaubt ja nicht, wie viele Bergleute uns damals schon besucht haben. Die Zeche Consol unterstützte uns beim Aus- und Umbau des Platzes. Von da an war klar, dass man uns ab jetzt die „Knappen“ nennen würde.
SCHALKE UNSER:
Und ab wann hast du nun deinen heutigen Namen bekommen?
FC SCHALKE 04:
Das habe ich auch „Papa“ Unkel zu verdanken. Am 5. Januar 1924 trennten sich die Turner und Fußballer wieder. „Papa“ Unkel, der langjährige Vorsitzende der Turner, wechselte zu uns Fußballern. Beim ersten Treffen einigten sich die Vereinsmitglieder auf den neuen Namen: „Fußballclub Schalke 04“. Klingt doch wirklich besser als irgendwas mit Turnverein, oder? Blau und Weiß waren die neuen Vereinsfarben. Fragt mich bitte aber nicht warum - Alzheimer, ihr wisst schon.
SCHALKE UNSER:
Und wann kamen deine ersten sportlichen Erfolge?
FC SCHALKE 04:
1925 bekamen wir unseren ersten richtigen Trainer. Das war Heinz Ludewig, ehemaliger Mittelstürmer aus Duisburg. Danach ging‘s steil bergauf. Drei Meisterschaften haben wir im Frühjahr eingefahren: die Gruppenmeisterschaft der Kreisliga, die Emscherkreismeisterschaft und den Titel des Ruhrgaumeisters der Kreisligen. Das erste Aufeinandertreffen mit dem BVB endete dabei 4:2 für uns. Sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir denen ein Beinchen stellen. Unsere Spielweise war dabei eine vollkommen neue: Kurz und flach wanderte der Ball von Mann zu Mann. Der „Schalker Kreisel“ war geboren. In meiner Mitgliederversammlung wurde 1927 der Bau eines neuen Stadions, der „Kampfbahn Glückauf“ beschlossen. Meinen Namen haben sie dann noch mal geändert in „FC Gelsenkirchen-Schalke 04“: aus Dankbarkeit, dass die Stadt beim Stadionbau finanzielle Hilfe geleistet hatte.

Bauplan der Kampfbahn Glückauf
SCHALKE UNSER:
Und wie hat‘s dir in deinem neuen Zuhause gefallen?
FC SCHALKE 04:
Einfach fantastisch, ehrlich. Da läuft mir heute noch ein Schauer den Rücken runter, wenn ich daran zurückdenke. Am 2. September 1928 wurde die Kampfbahn eröffnet. Ein Jahr später wurde ich erstmals Westdeutscher Fußballmeister, und 1930 gleich wieder.Dann mein erster Skandal: Der WSV erklärte 14 meiner Spieler aus der ersten Mannschaft, die für Spiele und Training ein damals verbotenes Handgeld von zehn Mark - erlaubt waren fünf - erhalten hatten, zu Berufsspielern und sperrte sie damit. Ich wurde aus dem WSV ausgeschlossen. Im ersten Spiel nach Aufhebung der Sperre zeigten wir denen aber wieder was ne Harke ist: 70.000 Zuschauer strömten in die Glückauf-Kampfbahn beim 1:0 gegen Fortuna Düsseldorf. Fritz Szepan und vor allem sein Schwager Ernst Kuzorra zeigten sich für Aufstellung und Taktik verantwortlich. 1933 stand ich zum ersten Mal im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Das Finale endet allerdings mit einer Enttäuschung. 0:3 gegen Fortuna Düsseldorf. Aber die nächsten Jahre gehörten uns - zumindest sportlich, politisch war es das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Zwischen 1933 und 1942 standen wir in 14 von 18 Endspielen um Meisterschaft (10) und Pokal (8); in jedem der zehn Jahre erreichten wir mindestens ein Finale und gewannen insgesamt sieben Titel (sechsmal Meister, einmal Pokalsieger), die erste Meisterschaft 1934. Die Endspiele verfolgten nicht selten mehr als 100.000 Menschen live im Stadion. Szepan und Kuzorra waren unsere unbestrittenen Leitfiguren, begleitet von Ötte Tibulski, Hans Klodt, Ernst Kalwitzki, Rudi Gellesch und Herbert Burdenski.

Eröffnung der Kampfbahn 1928
SCHALKE UNSER:
Schalke im Dritten Reich. Was war da deine Rolle?
FC SCHALKE 04:
Klar ist wohl, dass ich vom System der Nationalsozialisten auch vereinnahmt wurde, keine Frage. Es passte schön ins Bild, dass wir als Arbeiter Triumphe auf dem Fußballfeld feierten. Sicher ist auch, dass sich etwa Fritz Szepan dem NS-Regime angedient hat und auch Vorteile dadurch hatte. Andererseits ist aber auch überliefert, dass Ernst Kuzorra nach der Niederlage gegen Rapid Wien (3:4 am 22. Juni 1941) wütend gesagt haben soll: „Jetzt kann mich der Führer auch mal am Arsch lecken.“ Das Spiel sei „verschoben“ worden, hieß es, Hitler habe sich nach dem politischen Anschluss Österreichs eine österreichische Mannschaft als Deutschen Meister gewünscht. Also, wenn ihr mich fragt: Die Jungs wollten in erster Linie Fußball spielen und waren politisch nicht sonderlich interessiert. Das hätten sie aber sicherlich sein sollen.

Ernst Kuzzora, Fritz Szepan und Ötte Tibulski
SCHALKE UNSER:
Wie ging es dann nach dem 2. Weltkrieg weiter?
FC SCHALKE 04:
Zunächst einmal ging gar nichts mehr, alles lag in Schutt und Asche, auch die Glückauf-Kampfbahn war von Bomben getroffen worden. Und die Leute hatten jetzt wirklich andere Sorgen, mussten erst einmal ihre Häuser wieder aufbauen. Der Wiederaufbau der Glückauf-Kampfbahn, bei dem die Spieler selbst Hand anlegten, war 1946 beendet. 1947 startete die neu formierte Oberliga West. Sportlich waren wir lange nicht mehr so stark wie noch in unseren Meisterjahren. Fritz Szepan übernahm das Traineramt und sorgte für eine Verjüngung der Mannschaft. 1950 beendeten Ernst Kuzorra und Fritz Szepan in der Glückauf-Kampfbahn ihre legendären Karrieren. Zu Gast war Brasiliens Spitzenclub Atlético Mineiro Belo Horizonte, der das Spiel mit 3:1 für sich entschied.
SCHALKE UNSER:
Danach fielst du in ein Loch, erst 1958 gab es ein Revival.
FC SCHALKE 04:
Naja, ganz so schlimm war‘s auch nicht. 1954, da war ich ja auch schon 50 Jahre alt, wurde Bernie Klodt von 60.000 Menschen in Gelsenkirchen empfangen. Er zählte zum Kader von Sepp Herberger und machte im Endspiel Platz für Helmut Rahn, und ermöglichte erst so das „Wunder von Bern“. Edi Frühwirth, bis dahin für die Nationalmannschaft des WM-Dritten Österreich zuständig, kam als neuer Trainer und löste Fritz Szepan ab. Mit ihm haben wir die siebte deutsche Meisterschaft eingefahren. Mit 3:0 bezwangen wir vor über 80.000 Zuschauern in Hannover die HSV-Elf um Uwe Seeler. Da hat „Uns Uwe“ nicht schlecht geguckt. Unser anschließender Einzug ins Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister war eine kleine Sensation. Schließlich schalten wir mit den Wolverhampton Wanderers den englischen Titelträger aus, scheiterten erst an Atletico Madrid. Dann war‘s schon wieder aus mit der Oberliga, die Bundesliga startete.

SCHALKE UNSER:
Und in der Bundesliga kam dann die große Skandal-Zeit.
FC SCHALKE 04:
Allerdings. Leute, was hab ich manchmal gezittert, dass das überhaupt noch irgendwie weitergeht. 1964 wollte uns der DFB bereits die Lizenz entziehen, da die Gefahr bestand, dass wir uns überschulden. Mit dem Verkauf der Glückauf-Kampfbahn für 850.000 Mark an die Stadt Gelsenkirchen, konnte das schlimmste Unheil noch abgewendet werden. Ein Jahr später landeten wir, obwohl mit fünf Nationalspielern gespickt (Koslowski, Libuda, Herrmann, Nowak, Schulz), auf dem letzten Platz. Da der DFB aber die Liga von 16 auf 18 Vereine aufstockte, und Hertha BSC keine Lizenz bekam, blieben wir in der Liga. Das Zittern ging noch ein paar Jahre so weiter. Die Stadt Gelsenkirchen hatte inzwischen beschlossen, ein neues Stadion zu bauen. Um angesichts der WM 1974 von Bund und Land Zuschüsse zu bekommen, wurde das Parkstadion mit einer Laufbahn ausgestattet. Ein echter Schwachsinn, denn Leichtathleten hab ich da praktisch nie rumflitzen sehen.
SCHALKE UNSER:
Anfang der 70er ging‘s sportlich wieder besser zu - doch dann kam der große Bundesligaskandal.
FC SCHALKE 04:
Junge, das hat mir echt Nerven gekostet. „Meineid 04“ haben sie mir auf der Straße hinterhergerufen. Und diesen ganzen Mist nur, weil die damals zu raffgierig waren. Dabei hatten wir eine so tolle Truppe. Oskar Siebert hatte eine super Mannschaft zusammen gestellt - mit Klaus Fischer, Rolf Rüßmann, Klaus Fichtel, Norbert Nigbur, Stan Libuda, Aki Lütkebohmert. Alles Jungs mit Perspektive, die ja auch 1972 den DFB-Pokal gewannen - 5:0 im Endspiel gegen Kaiserlautern. Aber am 17. April 1971 verloren wir 0:1 zu Hause gegen Arminia Bielefeld. Was keiner ahnte: Für 2300 Mark pro Kopf haben die sich bereitwillig bezwingen lassen. Die Partie war eine von jenen, die zum so genannten „Bundesliga-Skandal“ zählten, der durch viele verschobene Spielausgänge querbeet durch die Liga ausgelöst wurde. Am Ende wurden 53 Spieler, zwei Trainer und sechs Funktionäre aus vielen Vereinen verurteilt. Einige unserer Spieler bestritten unter Eid, Geld genommen zu haben. Doch schließlich brach das Lügengerüst zusammen. Am 22. Dezember 1975 wurden vor dem Essener Landgericht die Prozesse wegen Meineids abgeschlossen. Gegen die Spieler wurden zum Glück Geldstrafen ausgesprochen, eigentlich hätten sie hinter Gittern gemusst. Wenn das nicht dazwischen gekommen wäre, ich bin mir sicher, wir hätten noch die ein oder andere Meisterschaft eingefahren.

SCHALKE UNSER:
Doch eine Meisterschaft gab es nicht mehr - bis heute. Schwingt da nicht ein bisschen Wehmut mit?
FC SCHALKE 04:
Natürlich, vor allem, wenn man sieht, wie nah wir manchmal dran waren. In der Saison 1977 waren wir Vizemeister unter Trainer Friedel Rausch, von der Saison 2000/2001 will ich gar nicht mehr reden. Das war echt zuviel für mich, hatte sogar schon Suizid-Gedanken - oder auch Mordgelüste gegen einen Zahnarzt aus Kaiserslautern. Auch wenn ich an die drei Abstiege und die damit verbundenen Grottenkicks zurückdenke, erschaudert es mich. Wenn ich etwa an Günter Eichberg denke, au Mann au Mann, das war zwar irgendwie ein netter Kerl, der mir auch wieder Leben einhauchte, aber das Ende war ein Desaster. Lässt der mich doch tatsächlich auf den ganzen Schulden sitzen, dieser Idiot. Später haben ihn meine Fans dann mit Schimpf, Schande und Eiern beworfen. Aber ich will nicht meckern, die positiven Erlebnisse überwiegen natürlich. Wenn ich da nur an den Uefa-Pokalsieg denke. Da hat aber wirklich alles gestimmt: Wilmots, Thon, Mulder, Nemec, Anderbrügge, Lehmann - das waren nicht unbedingt begnadete Fußballer, aber der Teamgeist hat‘s einfach gebracht. Und vor allem die Fans: Beim Halbfinale gegen Teneriffa, als zum ersten Mal „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ durch das Parkstadion ging, bekam ich eine Wahnsinnsgänsehaut. Ehrlich. Das sind so die Momente, die mich stolz machen. Klasse waren auch die beiden Pokalsiege 2001 und 2002. 2001 als Wiedergutmachung für die verpasste Meisterschaft und 2002 gegen Vizekusen. Das hat Spaß gemacht, vor allem die Siegesfeier als Rudi Assauer den Gerald Asamoah schubste und der den Pott aus fünf Metern Höhe fallen ließ: Knick im Pokal und ein Klunker raus. Von mir aus hätten sie den gar nicht reparieren müssen, so was gehört doch auch zur Geschichte.

SCHALKE UNSER:
Apropos Rudi Assauer: Der hat dir vor drei Jahren mit der Arena „Auf Schalke“ eine neue Heimat gegeben. Dein drittes „echtes“ Stadion nach der Glückauf-Kampfbahn und dem Parkstadion. Wie gefällt‘s dir?
FC SCHALKE 04:
Was ist das denn für eine Frage? Klasse natürlich. Ist eine echte Donnerhalle, der Rudi hat sich damit schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Jedes Stadion hatte seine Vor- und Nachteile. Ich fühle mich in der Arena aber schon wirklich heimisch - weg möchte ich da in den nächsten Jahrzehnten auf keinen Fall. Aber wer von uns weiß jetzt schon, was in hundert Jahren ist?

SCHALKE UNSER:
FC Schalke 04, vielen Dank für das Gespräch. Auf die nächsten 100 und Glückauf!
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 23
(rk) Günter Eichberg hatte sein erstes Nahziel erreicht: Der Aufstieg in die erste Bundesliga war geschafft. Die königsblaue Euphorie kannte keine Grenzen mehr. Laut Charly Neumann sollte Schalke in Zukunft nie mehr gegen Meppen oder Osnabrück spielen, sondern nur noch gegen Mailand, Madrid und Lissabon.
Sponsoren stehen Schlange
Schalke war im Fieber. Marketing-Chef Heribert Bruchhagen hatte bereits alle Banden für die neue Saison 1991/92 verkauft. Der „Schalker Kreisel“ wuchs von 28 auf 104 Seiten und täglich verzeichnete der Klub rund 30 bis 40 neue Mitglieder. Seit Eichbergs Amtsantritt im Januar 1989 war die Mitgliederzahl auf das Doppelte gestiegen und lag nun bei etwa 12.500.
Nachdem sich die Schalke-Euphorie nach der Jubelfeier zum Aufstieg etwas gelegt hatte, vermeldete Günter Eichberg den Transfer des Bochumer Stürmers Uwe Leifeld. Das ganze sollte noch ein langes Nachspiel haben, denn Uwe Leifeld war schon „totgesagt“. Sein Knie machte schon lange nicht mehr mit, war bereits achtmal operiert worden, er galt schon als halber Sport-Invalide. Helmut Kremers war der einzige, der vor einem Transfer warnte - er wurde nicht gehört. Später gab es dann noch ein langes Hick-hack über die fällige Ablösesumme an den VfL Bochum, wobei Schalke sogar den Rechtsanwalt und ehemaligen BVB-Präsidenten Dr. Rauball einschaltete.

Zoff auf Schalke
Die Idylle trog in der Erbismühle, dem Trainingslager im Taunus. Drei Wochen vor Saisonbeginn sagte Trainer Ristic: „Kremers schleicht wie eine Hyäne herum, er wird die nächste Woche bei Schalke nicht überleben.“ Ristic war unzufrieden mit Kremers über sein mangelndes Engagement. „Ich mache hier alles selbst, besorge die Trainingsgeräte. Andernfalls geht es über drei, vier Stationen und wird schließlich zu spät oder gar nicht besorgt“, kritisierte der Coach. Und auch Max Merkel glaubte nicht mehr an eine längere Bindung von Kremers an Schalke 04. In seiner Bild-Kolumne gab er dem Management gerade einmal „zwei Bälle“. Und schon in der Woche drauf war es tatsächlich aus. Helmut Kremers wurde seines Amtes enthoben, trotzdem wurde er zunächst weder beurlaubt noch entlassen, er sollte sich nun nur noch um Sponsoren kümmern.
Günter Netzer sollte dann ab dem 1. August den Vorstand in „strategischen Fragen“ beraten. Beraten sollte Netzer hauptsächlich von der Schweiz aus per Telefon, denn seine Tätigkeit bei der Werbe-Firma CWL wollte er nicht aufgeben. Für Ristic und Netzer war es ein Wiedersehen, sie kannten sich noch bestens aus ihrer Zeit beim HSV. Damit zog Günter Eichberg einen Schlussstrich unter die schon länger andauernden Querelen zwischen Manager Kremers und Coach Ristic. Der „Fall Leifeld“ spielte bei der sensationellen Entwicklung nach Eichbergs Worten keine Rolle. Der Torjäger sollte nun in die Rehabilitation gehen und dann einen neuen Versuch starten. Das aber sollte nach Eichbergs Aussage „maßvoll“ geschehen, nachdem Ristic den Ex-Bochumer vor die Wahl gestellt hatte: „Entweder du spielst, oder du kannst wieder nach Hause gehen.“ Daraufhin spielte Leifeld bei einem Testspiel eine Halbzeit und musste danach mit dick geschwollenem Knie seine Hoffnungen auf ein schnelles Comeback begraben.
Im beigefarbenen Sommeranzug betrat Günter Netzer bei seinem Amtsantritt die Schalker Geschäftsstelle. Sein strategisches Ziel: „In den nächsten drei Jahren den Club in den internationalen Fußball führen.“ Sein erstes „strategisches Opfer“ sollte Charly Neumann werden. Netzer: „In Schalke haben zu viele Leute mitgeredet“. Doch Charly bekam Rückendeckung durch Ristic: „Charly gehört zu Schalke, er ist Schalke.“ Kurz drauf feierte Charly seinen 60. Geburtstag - ohne Netzer, der war in der Schweiz geblieben.

Der Auftakt
Im letzten Test vorm Bundesligaauftakt schlug Schalke den VfR Limburg mit 9:1, und Ristic geriet ins Schwärmen: „Die neun Tage Trainingslager haben viel gebracht. Sportlich und menschlich stimmt es jetzt bei uns.“ Doch der „Attacke“-Schlachtruf der fast 55.000 Zuschauer inspirierte die Kicker kaum: nur ein mageres 0:0 gegen den HSV beim ersten Heimspiel. Schalke spielte viel zu brav. Bent Christensen, der mit einer schmerzhaften Blutblase spielen musste, war auch nach dem Match selbst von sich enttäuscht. Ein starkes Debüt hingegen gab Hendrik Herzog, der vom ehemaligen DDR-Oberligisten FC Berlin zu den Knappen kam.

Zwischendurch durfte Schalke 04 noch einmal auf der Anklagebank Platz nehmen. Das letzte Spiel in der 2. Liga gegen Darmstadt 98 hatte ein Nachspiel: Weil vier Minuten vor dem regulären Ende Zuschauer auf den Platz stürmten und der Schiedsrichter das Spiel nicht mehr fortsetzen konnte, sprach der DFB-Kontrollausschussvorsitzende Hans Kindermann von irregulären Verhältnissen und verhängte eine Strafe von 25.000 Mark. Schalke war mit einem blauen Auge davon gekommen.
Beim ersten Auswärtsspiel der Saison wurde Schalke von einem Frankfurter Orkan überrollt. 0:5 kamen die Knappen unter die Räder, die Floskel „Schalke 05“ bekam eine neue Bedeutung. Die Truppe von Dragoslav Stepanovic zeigte dabei eine Gala-Vorstellung, Andy Möller erzielte das 2:0 und 3:0. Bei den Schalker Spielern lagen die Nerven blank. Bent Christensen zerschlug in den Katakomben des Waldstadions in seiner Wut eine Glasscheibe.
Beim nächsten Heimspiel nutzte Steffen Freund, Neuzugang von Stahl Brandenburg seine Chance und köpfte die Königsblauen zum 1:0-Erfolg gegen den Club aus Nürnberg. Das Punktekonto war wieder ausgeglichen. Im DFB-Pokal dann aber wieder ein herber Rückschlag. Bei Zweitliga-Schlusslicht Rot-Weiß Erfurt setzte es eine empfindliche 1:2-Schlappe. Nach Christensen war es diesmal Jens Lehmann, der eine abgeschlossene Tür in einem Wutausbruch eintrat. Schalke musste als nächstes bei den Münchener Bayern ran, damaliger Trainer: Jupp Heynckes. Schalkes großer Kampf beim „Goliath“ Bayern wurde nicht belohnt, am Ende nur ein 2:3 aus Schalker Sicht. Heynckes, damals ziemlich unter Beschuss, konnte seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen. Schalke musste nun im nächsten Heimspiel gegen den BVB punkten, ansonsten wäre bereits jetzt ein Abstiegskampf vorprogrammiert.
Das Revier-Derby
Am knallheißen August-Samstag elektrisierte das Revier-Derby die Massen. Am Ende war es ein totaler Triumph für den FC Schalke 04. 70.200 Zuschauer - ausverkauft - feierten einen grandiosen 5:2-Erfolg über den Erzfeind. Sogar Günter Netzer flippte aus: „Das habe ich nur einmal erlebt. Damals haben wir mit Real Madrid Barcelona aus dem Bernabeu-Stadion gefegt.“ Kapitän Didi Schacht: „Ich konnte nicht begreifen, was da passiert. Wir haben gespielt wie im Rausch.“ Ingo Anderbrügge machte sein Treffer zum 1:0 besonders stolz: „Vier Jahre bin ich jetzt weg vom BVB - in dieser Zeit bin ich ein echter Schalker geworden.“ Aber ein anderer - späterer - Borusse sorgte für die nächste Niederlage der Königsblauen. Matthias Sammer traf für den VfB Stuttgart gegen Schalke zum 1:0-Siegtreffer. Doch Schalke hatte noch den Willen und kämpfte sich beim 3:1 über Gladbach wieder zurück.
„Diese Nacht werde ich wohl nicht schlafen können“, befürchtete Rene Unglaube nach dem Spiel seiner SG Wattenscheid 09 gegen Schalke (1:2). Der Stürmer war fix und fertig, weil er Sekunden vor der Pause eine Riesenchance zum 2:0 vergeben hatte. Allein vor Lehmann versemmelte er, im direkten Gegenzug erzielte Egon Flad den Ausgleich. Derweil musste sich ein Schalker Held verabschieden. Für Didi Schacht war nach elf Profijahren „Schicht im Schacht“. Achillessehnen und Sprunggelenke waren kaputt, dazu kamen höllische Rückenschmerzen.
Bislang zündete nur Charly Neumann für Schalke dicke Kerzen an. Vor dem Spiel in Leverkusen wandte sich auch Ristic an die Fußballgötter und suchte Beistand für seine Notelf (ohne Lehmann, Schacht, Mihajlovic, Christensen, Müller, Jusufi): „Vor 0:0 war ich in Kirche, habe gebetet für meine Jungs - liebe Gott hat erhört Aleks.“ Schalkes Berg- und Talfahrt ging weiter. Ausgerechnet der Ex-Schalker Wladimir Ljuty erzielte den ersten Treffer beim 2:0 der Duisburger über den S04. Kurz darauf dann eine Gala-Vorstellung von Günter Schlipper beim 3:1 über den Karlsruher SC. Beim nächsten Auswärtsspiel wieder eine Niederlage: Werder Bremen besiegte die Schalker mit sehr viel Glück mit 2:1.
Absolute Mehrheit
Am 7. Oktober 1991 stellte sich Günter Eichberg zur Wiederwahl. 2100 Mitglieder kamen in die Eishalle des Sportparadieses und machten aus der Generalversammlung eine Riesenfete in Blau und Weiß. Zwischen Sprechchören und Klatsch-Märschen sorgten die Schalker um 20:45 Uhr für die standesgemäße Krönung von „Sonnenkönig“ Günter Eichberg. Mit überwältigender Mehrheit wurde Eichberg, der als einziger Kandidat antrat, für drei Jahre wiedergewählt. Nur zwei Mitglieder wagten, dagegen die Hand zu erheben. Das ging aber in donnernden „Günter, Günter“-Rufen und der „Attacke“ unter. Die Vorstandswahl verlief mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit: Schatzmeister Rüdiger Höffken und Vize-Präsident Herbert Schmitz wurden ohne Gegenstimme im Amt bestätigt. Pfiffe und Buh-Rufe gab es nur bei der Wahl des Verwaltungsratsmitglieds Jürgen Möllemann. Der damalige Bundeswirtschaftsminister, gegen dessen Kohlepolitik die Schalker protestierten, wurde in Abwesenheit aber doch gewählt. Eichberg verhinderte eine weitere Diskussion: „Es geht hier und heute um Schalke und nicht um Kohle.“ Auch die Vision eines neuen Stadions half Eichberg bei der Wiederwahl: „Wenn unser Stadion 1994 fertig ist, wollen wir eine Spitzenmannschaft haben, die im Europapokal spielt.“ Bis in den Morgen soll Eichberg noch im Hotel Maritim seinen Supersieg gefeiert haben.

Please release me
Dann kam der Tag von Uwe Leifeld. Nach der Reha bekam er von Eichberg einen Zwei-Jahresvertrag. Beim Spiel gegen Hansa Rostock versenkte er die Hansa-Kogge beim 5:0-Heimsieg mit zwei Kopfball-Torpedos. Gast im Stadion auf Einladung von Günter Eichberg war Schnulzen-Sänger Engelbert Humperding: „Fußball ist meine zweitgrößte Leidenschaft.“ Als nächstes kehrte „König Aleks“ an seine alte Wirkungsstätte zurück. Bei Fortuna Düsseldorf (1:1) blieben die Schalker allerdings blass und konnten keinen Profit aus der Roten Karte für den damaligen Fortunen Mike Büskens schlagen.
Unterdessen feierte einer der ganz Großen der Schalker Vereinsgeschichte seinen 65. Geburtstag: Bernie Klodt, Mitglied des Aufgebots von Sepp Herberger der Weltmeisterschaften 1954 und 1958 und Kapitän der Schalker Meistermannschaft von 1958, war zwar seit einem Herzinfarkt und einer Herzoperation rechtsseitig gelähmt, aber seine Frau Annette, die mit ihm bereits über 35 Jahre verheiratet war, gab ihm immer wieder Mut: „Wir machen das Beste draus!“ Mit der Hilfe seines Sohnes Jürgen konnte Bernie wieder die Spiele im Parkstadion besuchen, wo eigens für ihn ein Rollstuhl-gerechter Platz auf der Ehrentribüne eingerichtet wurde.
Schalke im Schönheitsschlaf
Gegen die vermeintlich schwachen Mannschaften taten sich die Königsblauen schwer. 1:1 bei den Stuttgarter Kickers und ebenfalls 1:1 im Heimspiel gegen Dynamo Dresden (Tor durch Christensen). Es folgte ein Schicksalsspiel für Holger Osieck. Bochums Trainer stürmte als kleiner Junge auf Schalke, Vater Gustl Osieck starb sogar beim Spiel der Schalker in Saarbrücken an einem Herzinfarkt. Und dann der große Knatsch mit Königsblau: Als Jugend-Trainer angeheuert, als Weltmeister mit Franz Beckenbauer nach Marseille abgesprungen, gab‘s ein Jahr lang Gerangel um Vertragsklauseln und Abfindungssummen. Nun sollte Schalke wieder Schicksal spielen, doch Bochum gewann äußerst glücklich mit 1:0. Uwe Leifeld war nach dem Match wütend: „Rob Reekers hatte wohl Blut getrunken“, zeigte er sein Unverständnis für das ruppige Spiel des Holländers in den Reihen des VfL.
Gegen einen weiteren - aus heutiger Sicht ehemaligen - Schalker Trainer ging es in der nächsten Partie gegen den 1. FC Köln. Jörg Berger hatte nach dem Match aber nur einen einzigen Kommentar abgegeben: „So ein Gurkenspiel von uns.“ Dr. Markus Merk pfiff das Spiel gegen die Kölner, in dem die Schalker vor 61.400 Zuschauern eine ihrer besten Saisonleistungen brachten und die Rheinländer mit 3:0 nach Hause schickten.
Eine Halbzeitbilanz, die sich sehen lassen konnte: mit einem verdienten 1:1 beim Deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern kletterte Schalke 04 am letzten Spieltag der Hinserie auf Platz 6. Auch auf dem gefürchteten Betzenberg hatten sich die Knappen keinesfalls versteckt. Der 1:1-Ausgleich durch Andy Müller per Fallrückzieher à la Klaus Fischer wurde in der Sportschau zum „Tor des Jahres“ gewählt.
Einem total unnötigen 1:2 beim HSV folgte am Tag vor Nikolaus ein wiederum eher glückliches 1:1 gegen die Frankfurter Eintracht (Tor durch Anderbrügge in der Schlussminute per Strafstoß) vor knapp 50.000 Zuschauern - und das, obwohl der Pay-TV-Sender Premiere das Spiel unverschlüsselt übertrug. Der Verein sorgte dabei für Weihnachtsstimmung: Wunderkerzen wurden verschenkt, Schalke-Adventskalender und Aachener Printen verteilt. Charly Neumann hatte sogar vor, als Engel per Kran ins Parkstadion einzuschweben, aus Sicherheitsgründen wurde dieser Gag aber wieder abgesagt.
Ganz Schalke war glücklich über das Christkindl-Tor von Bent Christensen. Der Däne schoss das 1:0 in Nürnberg und bescherte damit den zweiten Auswärtssieg und schöne Aussichten: Beim Aufsteiger Schalke 04 wurde zu Weihnachten von einem UEFA-Pokalplatz geträumt.
Günter Eichberg sorgt für ein weiteres Novum: „Attacke“-Trompeter „Fio“ wird der erste „Profi-Fan“ der Bundesliga. Doch Schalke dümpelt weiter in der Liga und Eichberg will mehr. Er holt den erfolgreichsten Vereinstrainer aller Zeiten an den Schalker Markt. Dieses und vieles mehr in der nächsten Ausgabe des SCHALKE UNSER.
Was macht eigentlich…? - Magic Prus
(tn) Fallen auf Schalke die drei Schlagworte „Bodenständigkeit“, „Vereinstreue“ und „fehlende Torgefährlichkeit“, kann die Rede nur von einem ganz besonderen Spieler sein. Heute geht es um Michael „Magic“ Prus.
Bereits zu E-Jugend-Zeiten wechselte Prus von Eintracht Rodde, einem Klub, der laut Zeitzeugen „seinen Platz mit ein paar Kühen teilen musste“, zum VfB Rheine, aus dem später einmal der heutige Oberligist FC Eintracht Rheine hervorgehen sollte. Dort spielte er bis zur A-Jugend, als dann der FC Schalke 04 anklopfte. Der damalige und heute-wieder-Manager Rudi Assauer versprach ihm die ganz große Perspektive, man wolle etwas mit jungen Spielern aufbauen und bald wieder international spielen. Nach der Vertragsunterschrift, die passend zur damaligen Zeit mit einem kleinen Skandälchen verbunden war (Prus‘ Spielerpass wurde nach der Unterzeichnung in einem Mülleimer eines Gelsenkirchener U-Bahn-Schachtes gefunden), stieg im Jahnstadion zu Rheine das Abschiedsspiel für den aus fußballerischer Sicht wohl berühmtesten Rheinenser neben Willi Reimann. Ganz Rheine war hierbei auf den Beinen und die Straßen waren über und über plakatiert mit Spielankündigungen mit dem Konterfei ihres Helden.
Doch zu Saisonbeginn 86/87 holte Michael schon bald die Realität ein: Nachdem nach internen Querelen Manager Rudi Assauer vom damaligen Präsidenten „Oskar“ Siebert entlassen wurde, fand sich auch bald die Mannschaft am Tabellenende wieder und Michael kam unter dem teamintern sehr unbeliebten Trainer Ralf Schafstall nicht zum Einsatz. Aber seine große Stunde sollte noch kommen: Ausgerechnet im Derby gegen den BVB würde „Magic“ sein Debüt feiern. Nachdem er dies am Vorabend des Spiels im Trainingslager in Billerbeck erfuhr, musste Masseur Gerard Kuipers ihm eine Schlaftablette geben, damit der 18-Jährige vor diesem so wichtigen Spiel noch seinen Schlaf fand. Am nächsten Tag erledigte Michael seine Aufgabe mit Bravour, er schaltete BVB-Regisseur Marcel Raducanu aus und hatte so maßgeblichen Anteil am 2:1-Sieg an jenem 20.9.1986.
Jedoch trat knapp zwei Jahre später der Fall ein, den viele Experten dem S04 vor jener Saison 1987/88 prognostiziert hatten: Schalke stieg zum dritten Mal aus der Bundesliga ab. In der zweiten Liga avancierte Prus endgültig zum Stammspieler, half in der ersten Zweitligasaison mit, den Abstieg ins Amateurlager zu verhindern, und war dann zwei Jahre und 100 Zweitligaeinsätze später einer der Aufstiegshelden bei der Rückkehr in die Bundesliga. Auch hier spielte er die ersten Spielzeiten meist von Anfang an, doch bald wurde er nur noch als Joker eingesetzt oder war gar nicht mehr im Kader. Doch die Fans hatten einen ihrer Helden nicht vergessen, und fertigten Plakate sowie Zaunfahnen wie „Prus muss spielen“ oder „Magic Prus“ an. Michael selbst hat nie so recht verstanden, wie er zu diesen außergewöhnlichen Beliebtheitsbekundungen kam, er schob es immer auf seine „Bodenständigkeit und Vereinstreue“.
Kurze Zeit später kam trotzdem das Aus auf Schalke: Aussortiert von Jörg Berger wechselte er zu Beginn der Saison 96/97 zum damaligen Zweitligisten SV Meppen. Nach dem Zweitliga-Abstieg Meppens 1998 ging er zum damaligen Regionalligisten Eintracht Trier. Hier wurde er sofort Stammspieler und verpasste in seiner ersten Saison beim SVE knapp den Aufstieg beim Aufstiegsrundenspiel in Offenbach. In der Spielzeit 1999/2000 überstand er mit dem Verein ein Insolvenzverfahren und blieb dem Club auch eine Saison später treu, um als Kapitän eine junge Mannschaft langsam wieder zu höheren Aufgaben zu führen. Doch die Eintracht überraschte und verpasste am Ende den Aufstieg wegen eines zu wenig geschossenen Tores. Dies sollte er später als das „schlimmste Erlebnis seiner Karriere“ angeben. Eine Saison später hatte der Verein mehr Glück, und so stieg man am 11.5.2001 nach einem 2:1 bei der TSG Hoffenheim nach 21 Jahren wieder in die zweite Liga auf.
Danach trug „Magic“ noch eine Spielzeit lang die Kapitänsbinde des SVE in der 2. Liga, bevor er seine Karriere im Sommer 2003 nach 17 langen Profijahren beendete, um als A-Jugendtrainer in den Trainerstab des SVE zu wechseln. Hier steht er mit seinem Team als Aufsteiger auf Tabellenplatz 1 der Regionalliga Südwest (Stand: 21.3.2004). Außerdem schafft er sich momentan mit einer Industriekaufmannslehre beim SVE-Trikotsponsor „Alwitra“ ein zweites Standbein.
Aber einen Makel (oder Mythos) seiner Profizeit erzählt man sich heute noch gerne im Dunstkreis seiner einstigen Clubs: Er schoss nie ein Bundesliga-Tor! Erklären konnte Prus sich dies nie, schoss er doch zu Jugendzeiten nach eigenen Aussagen immer gut fünf Tore pro Saison. Im Pokal aber war er erfolgreicher: So verhinderte Andy Müller 1988 beim Pokalspiel vor 7000 Zuschauern im Parkstadion gegen Saar 05 Saarbrücken einen Hattrick von Michael, indem er ihm beim Stand von 2:0 den Ball beim Elfmeter wegschnappte, nachdem „Magic“ bereits zweimal Torjägerqualitäten bewies. Auch beim SV Meppen traf er einmal beim 1:1 gegen die Kickers aus Stuttgart am 12.4.1997. Aber vielleicht muss dieser Mythos sein, denn auch dies ist ein Grund dafür, dass dieser Spieler rund ums Schalker Feld unvergessen sein wird.

