Nummer 46 - 2005/05
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke - Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 27
„Der Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt ist unendlich lang.“ - Interview mit Ingo Anderbrügge
Mein erstes Mal - Hoch im Norden
Attacke - Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Der DFB macht mal wieder eine Kampagne. Wie immer, wenn er durch irgendwas Symbolhaftes signalisieren will, dass er eigentlich nicht mehr weiter weiß.
Diesmal sollte gemeinsam mit dem Dekra und mit Unterstützung der Medienpartner ARD und ZDF eine grüne Karte sein, mit der alle Fans ihre Solidarität signalisieren sollten. Dazu noch schnell eine eigene Homepage im Internet eingerichtet, auf der man sich sogar eine „grüne Karte“ downloaden konnte.
Aus Zeitgründen hat man da wohl eine alte Idee recycelt. Vor Jahren hat der DFB schon mal eine „grüne Karte“ im Jugend und Amateurbereich präsentiert. Damals allerdings, um beim Jugend und Amateurfußball eine Zeitstrafe zu signalisieren. Beim Hockey steht sie übrigens für die Verwarnung der gesamten Mannschaft.
„Ohne Schiri geht es nicht“ heucheln auch die selbsternannten Sportexperten in den Sendeanstalten und geilen sich nach der folgenden Werbepausen in diversen Superzeitlupen (Wer hat sich eigentlich diesen unsinnigen Begriff ausgedacht?) an den heutigen Fehlentscheidungen der Männer, die früher mal in schwarz rumliefen, auf.
Dann wird schnell die Betroffenheitsmiene aufgesetzt und darauf hingewiesen, dass das menschliche Auge die Abseitsposition eigentlich kaum hätte erkennen können und dem Schiri und dem Liri gar kein Vorwurf zu machen sei. Und die nächste Superzeitlupe mit der nächsten strittigen Entscheidung wird garantiert innerhalb der nächsten 120 Sekunden hinterhergeschoben.
Beim PokalViertelfinale gegen Hannover 96 strahlte mich die große grüne Karte, die ich beim Einlaufen der Mannschaften hochhalten sollte, erwartungsvoll an. Der nicht vorhandene gute Wille verschwand vollends, als man mich per Flyer darauf hinwies, dass ich mich noch mehr prostituieren könnte, wenn ich an einem Preisausschreiben teilnehmen würde, bei dem ausgerechnet „Markus Merk“ die richtige Lösung gewesen wäre.
Lieber dankte ich den Ultras für ihre Choreografie mit tausenden von roten Karten zu Spielbeginn. Und natürlich dem Menschen drei Reihen vor mir, der beim Einlaufen des Gespanns in schwarzgelb einen ausgefüllten Oddset-Schein hochhielt.
In der Halbzeitpause habe ich mir noch mal den Flyer durchgelesen: „Der DFB verfügt über neutrale, verantwortungsbewusste und kompetente Schiedsrichter, die jedes Wochenende einen tollen Job machen.“ Stimmt, vielleicht sollte jemand davon auch mal ein Schalke-Spiel pfeifen dürfen.
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 27
(rk) Mit Eichberg war es aus. Geflüchtet nach Florida hinterließ er einen Schuldenberg auf Schalke, dessen Ausmaß niemand wirklich hat einschätzen können. Belege über Rechnungen und Geldeingänge waren unter dem „Sonnenkönig“ verschütt gegangen. Schalkes Buchhalter stocherten im Nebel.
Derweil wurden die Weichen für die Zukunft gestellt: Rudi Assauer erhielt drei Tage vor dem Heiligen Abend - nach hausinternem Krach im Vorstand - einen Vertrag bis 1996. Der Weihnachtsfriede schien wieder einzukehren.
Und auf einmal wollten alle Geld von Schalke: Die ehemaligen Schalker Spieler Thomas Zechel, Günter Schlipper und Thorsten Wörsdörfer sowie der frühere Co-Trainer Jupp Koitka und der einstige Geschäftsstellenleiter Ralf Brinkmann hatten vor dem Arbeitsgericht Gelsenkirchen geklagt. Der inzwischen beim 1. FC Saarbrücken unter Vertrag stehende Zechel, der 1990/91 zwanzig Spiele für den damaligen Zweitligisten Schalke 04 bestritt, hat seinen ehemaligen Klub auf Zahlung einer Aufstiegsprämie von 20.000 Mark verklagt. Außerdem wollte Zechel noch Urlaubsgeld. Um Urlaubsgeld ging es auch bei der Klage Schlippers, der Schalke auf Zahlung von 26.500 Mark verklagt hatte, Wörsdörfer verlangte für 1991 ein Urlaubsgeld in Hohe von 8500 Mark.
Der im Oktober 1993 beurlaubte Koitka hatte die ihm laut Vertrag zustehenden Prämien von 1500 Mark pro Punkt vor Gericht geltend gemacht. Diese Prämie, die nach Koitkas Rechnung bisher 15.000 Mark betrug, stünde dem einstigen HSV-Torwart laut Vertrag auch noch bis zum Saisonende zu. Geschäftsführer Brinkmann klagte gegen die von Schalke ausgesprochene fristlose Kündigung.
Der Fleischer
Kein einfacher Job für den neuen Mann an der Spitze des Vereins, der erst einmal noch gefunden werden musste. Günter Siebert, Klaus-Dieter Koslowsky, Dr. Peter Paziorek, Walther Seinsch, Evelyn Fricke und Bernd Tönnies hießen die möglichen Kandidaten. Doch zu Gunsten von Bernd Tönnies zogen alle - bis auf Evelyn Fricke, der kaum Chancen eingeräumt wurden - ihre Kandidatur zurück. Der Weg schien frei für den Wurstfabrikanten. Bernd Tönnies führte die Firma mit seinem Bruder Clemens, besaß zwei Schlachthöfe, 8.000 Schweinen machte er täglich den Garaus.
Doch ein Problem musste noch aus dem Weg geräumt werden: Bernd Tönnies war noch kein ganzes Jahr Mitglied im Verein und durfte daher per Satzung gar nicht als Vorsitzender gewählt werden. Also musste die Satzung zu Beginn der Jahreshauptversammlung am 7. Februar 1994 zunächst mit Zweidrittelmehrheit geändert werden („Lex Tönnies“). Nach zweistündiger Diskussion war die Satzungsänderung bei der außerordentlichen Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 beschlossene Sache. Mit großer Mehrheit und per Akklamation stimmten die Mitglieder dem Antrag des Verwaltungsrates zu.
Damit war um 21:17 Uhr der Weg für die Wahl des 41 Jahre alten Fleischfabrikanten Bernd Tönnies („Jedes zwölfte Kotelett, das in Deutschland auf den Tisch kommt, stammt aus meinem Unternehmen“) zum Schalker Präsidenten geebnet.
Um 21:35 Uhr war Tönnies dann mit überwältigender Mehrheit als Club-Chef gewählt. Sichtlich erleichtert ging Tönnies in Jubelpose ans Podium, begeistert gefeiert von den Schalker Mitgliedern, die anschließend Gesänge anstimmten. Vor seiner Wahl hatte Tönnies ein „leichtes Kribbeln im Bauch“ verspürt. In seiner Vorstellungsrede betonte der neue Schalker Präsident: „Ich habe das Kandidatsein sehr ernst genommen, habe mit Bankiers gesprochen und diese gefragt, ob sie an die Ertragskraft des FC Schalke 04 glauben.“
Für die Zukunft richtete er den Appell an die Fans und an den Verein: „Wir brauchen Freundschaft innerhalb des FC Schalke 04, nur so können wir erfolgreich arbeiten.“ Im kleineren Kreis wiederholte Tönnies, was er schon vorher gesagt hatte: „Ab Dienstag ist die Krise des FC Schalke 04 zu Ende.“ Die ersten Schritte des neuen Schalker Präsidenten führten zur Bank, wo er mit seiner Unterschrift dafür sorgte, dass der hochverschuldete Verein (13,6 Millionen Mark Verbindlichkeiten) durch einen neuen Kredit von 1,85 Millionen wieder etwas mehr „Luft“ bekam. Tönnies, der als harter Arbeiter galt, wollte den Verwaltungsrat künftig um einen Banker, einen Steuerberater (Jupp Schnusenberg) und einen Unternehmer erweitern.
Nach der Versammlung, die insgesamt von rund 3.500 Menschen (3.006 Mitglieder) besucht worden war, blieben Zweifel, ob die Wahl von Tönnies erfolgreich angefochten werden könnte. Zwar betonten Tönnies und das offizielle Schalke, nach Rücksprache mit Juristen sei die Verfahrensweise korrekt, doch der ehemalige Vereinspräsident, Rechtsanwalt Dr. Karl-Heinz Hütsch, stand mit seiner Meinung nicht allein, weil nach dem Vereinsrecht die Satzungsänderung erst ins Register eingetragen werden müsse, ehe der neue Präsident gewählt werden könne.
Der Dialyse-Patient
Schalke hatte einen Neuanfang - und das war wohl das wichtigste überhaupt. Vielleicht war es auch ganz gut, einen Mann an der Spitze zu haben, der das Geschehen um den Verein objektiver beurteilen konnte, als etwa ein Günter Siebert, der immer mit all seinen Emotionen an diesem Verein hing.
Wenn Tönnies seine Meinung durchsetzen wollte, nahm er kein Blatt vor den Mund - kein Wunder, dass auch Manager Rudi Assauer zwischendurch mit Tönnies aneinander geriet, besonders, als der Präsident Trainer Jörg Berger wegen einer unglücklichen Äußerung („Auf Schalke ist alles möglich“) abmahnte. Zwar brodelte es hinter den Kulissen weiter gewaltig, aber die größten Klippen wurden umschifft. Schalke schaffte mit „Feuerwehrmann“ Jörg Berger tatsächlich den Klassenerhalt, und auch den befürchteten Lizenzentzug konnte Schalke umdribbeln. Eine Geldstrafe in Höhe von 500.000 Mark war quasi die Mindeststrafe und eine Belohnung für die intensive Überzeugungsarbeit, die Schalkes Funktionäre zwischen dem Herbst 1993 und dem Sommer 1994 beim DFB leisteten.
Bernd Tönnies konnte sich weder über den Klassenerhalt noch über die Lizenz oder über die Rückkehr von Olaf Thon richtig freuen. Der Gesundheitszustand von Dialyse-Patient Tönnies hatte sich dramatisch verschlechtert, am 1. Juli 1994 starb Schalkes Präsident im Alter von nur 42 Jahren an den Folgen einer Nieren-Transplantation. Schalke trauerte.
„Gegen Dortmund haben wir uns noch nicht einmal umgezogen“
Tönnies hatte sich viele Sympathien erworben, weil er in einer extrem kritischen Situation das Ruder übernommen hatte. Als die Tränen getrocknet waren, begann die Suche nach einem neuen Präsidenten. Die aktuelle Vereinsführung wollte endlich Stabilität in den Club bekommen. An den Schreibtischen wurde an einer Satzungsänderung gearbeitet, für die Volker Stuckmann als Präsidentschafts-Kandidat werben sollte. Ein Gegenkandidat auf der Jahreshauptversammlung am 12. September 1994 im Sportparadies war Helmut Kremers. Aber die Wahl von Stuckmann galt praktisch als sicher.
Doch wie so oft: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Stuckmann hatte am Mikrofon nicht seinen besten Tag erwischt, seine Aussage, dass Schalke demnächst „im stillen Kämmerlein“ geführt werden soll, nahmen ihm die Mitglieder übel. Helmut Kremers hingegen gewann die Schalker Herzen durch den legendären Satz: „Wenn wir früher gegen Dortmund gespielt haben, haben wir uns dafür nicht mal umgezogen.“ Als die Stimmen ausgezählt wurden, stand Schatzmeister Rüdiger Höffken, Mitglied des Stuckmann-Teams, kreidebleich neben dem Podium: „Das geht schief.“ Es ging schief - aus Höffkens Sicht. Kremers erhielt 1.129 Stimmen, Stuckmann 739. Kremers war total überraschend neuer Präsident - ein gefundenes Fressen für die anwesende Medienschar. Im WDR-Radio wurde die Jahreshauptversammlung live übertragen, das WDR-Fernsehen schaltete sich später hinzu.
Helmut Kremers hatte wohl selbst nicht mit seiner Wahl gerechnet. Jedenfalls stand er tatsächlich ohne ein vollständiges Team da. Neben Jürgen Wennekers berief der neue Vorsitzende Hans-Kleine Büning in seine Vorstandsmannschaft, der nach eigenen Aussagen zu diesem Posten kam „wie die Jungfrau zum Kinde“. Die Schalker Emotionen hatten mal wieder alle sachlichen Argumente beiseite gefegt. Als Helmut Kremers zum Abschluss der Veranstaltung „Blau und weiß wie lieb ich dich“ anstimmen wollte, begannen die Mitglieder zu singen „Wir scheißen auf den BVB“. Normal ist das wohl nicht. Auf der „Siegesfeier“ im Schloss Berge war die Atmosphäre eisig, als Kremers und Vize-Präsident Wennekers anschließend den Saal betraten - den hatte nämlich die „Gegenpartei“ gebucht. Nach der Wahl von Kremers begann „auf Schalke“ ein Hauen und Stechen, das Seinesgleichen suchte.
Hauen und Stechen
Großes Theater wurde geboten: Die Zusammenarbeit mit dem Kremers-Team und der Führungs-Crew um Rudi Assauer funktionierte nicht. Zunächst sorgten zwei (!) Managerverträge für Helmut Kremers für Irritationen. Ein Kontrakt enthielt den Passus einer automatischen Vertragsverlängerung zum 30. Juni 1994 für ein weiteres Jahr. In diesem Fall hätte sich Kremers gar nicht zur Wahl stellen dürfen, da hauptamtliche Mitarbeiter nach der Satzung nicht dem Vorstand angehören durften.
Dann genehmigte der Vorstand gegen den Willen von Rudi Assauer und Geschäftsführer Peter Peters eine üppige Abfindungszahlung an den der Hinterziehung beschuldigten ehemaligen Geschäftsführer Ralf Brinkmann - zwischen ihm und Kremers bestanden geschäftliche Beziehungen wie sich später herausstellte. Zudem drohten einen Tag nach der Mitgliederversammlung Bürgen mit der Rücknahme ihrer Sicherheiten.
Misstrauen regierte, beide Seiten versuchten, die Medien zu instrumentalisieren, um die interne Konkurrenz „abzugrätschen“. Das Verhältnis Assauer/Kremers war nicht mal eine Zweckgemeinschaft. Am 23. Oktober 1994 überschlugen sich die Ereignisse. Drei Pressekonferenzen gab es innerhalb von zwei Stunden, die einen Tiefpunkt in der Clubhistorie darstellten. Auf der ersten Pressekonferenz hatte zunächst der Schalker Verwaltungsrat scharfe Angriffe in Richtung des Vorstandes formuliert und forderte diesen auf, umgehend zurückzutreten, damit auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ein neuer Vorstand gewählt werden könne. Verwaltungsrats-Vorsitzender Jürgen Möllemann: „Der Vorstand hat die finanzielle Lage des Vereins nicht in den Griff bekommen.“ Das war heftig und die Journalisten orderten schnell Telefone, um ihre Redaktionen zu verständigen.
Doch es kam noch schlimmer. Danach folgte auf der zweiten Presskonferenz der Auftritt des Vorstandes mit Helmut Kremers und Jürgen Wennekers, die Möllemann als „Totengräber des Vereins“ klassifizierten und ihn ein „politisches Auslaufmodell“ nannten, „der nur sein persönliches Ego befriedigen wolle.“ Kremers räumte zwar finanzielle Schwierigkeiten ein, der Club sei aber „grundsätzlich wirtschaftlich gesund.“
Damit war eine der schlimmsten Schlammschlachten des Vereins eröffnet, die noch um eine Entscheidung erweitert wurde. Nebenbei gab Jürgen Wennekers noch die Beurlaubung von Assauer wegen angeblicher privater finanzieller Probleme bekannt. Assauer kickte zu dieser Zeit noch mit dem Profikader, was er sonntags öfter tat. Schalke hatte einen Tag zuvor 1:1 in Uerdingen gespielt, doch das interessierte niemanden mehr. Nach dem Trainings-Spiel stellte sich Assauer unrasiert in Adiletten und mit der obligatorischen Zigarre den Journalisten. Er bestätigte einen Pfändungsbeschluss, der aber längst erledigt sei und von dem Kremers gewusst habe. Durch die unrechtmäßige Veröffentlichung privater Angelegenheiten von Manager Assauer befand sich dessen „Arbeitgeber“ nun in der Defensive.

Die Spieler wurden danach von den Journalisten informiert und waren perplex. Vor allem die Beurlaubung von Assauer stieß auf Kritik. Gleichzeitig machte Assauer die organisierten Schalke-Fans mobil. Zu Hunderten versammelten sie sich vor der Geschäftsstelle und forderten in Lynchstimmung den Kopf von Helmut Kremers: „Hängt ihn auf!“ Hinter den Kulissen ging die Diskussion weiter. Der Verwaltungsrat forderte die Wiedereinstellung von Assauer, den Rücktritt des Vorstands und eine außerordentliche Mitgliederversammlung zum Zwecke der Verabschiedung einer neuen Satzung.
Für den Nachmittag wurde eine weitere Pressekonferenz einberufen, weil bereits eine Heerschar von Medienvertretern vor der Geschäftsstelle wartete, um die Ergebnisse der „Elefantenrunde“ zu erfahren. Kremers wies Peter Peters an, eine Presseerklärung zu formulieren. Peters machte sich an die Arbeit, verfasste aber eine Version mit dem ursprünglichen Ansinnen. Erst mit Beginn des Pressegesprächs übergab er Kremers den Zettel. Ohne sich den Inhalt durchgelesen zu haben, trug Kremers vor. Die Folge: Kremers verlas sein eigenes „Todesurteil“. Der Vorstand war aus dem Amt und bildete nun mit dem Verwaltungsrat bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung ein Übergangsgremium.
Der Weg war frei zur „Mustersatzung“. Helmut Kremers hatte sich selbst abserviert, da flatterte neues Unheil ins Schalker Haus. Das ARD-Polit-Magazin „Kontraste“ erhob schwere Vorwürfe gegen Rudi Assauer, es ging um Anlagebetrug im großen Stil. Mehr erfahrt Ihr in der kommenden Ausgabe des SCHALKE UNSER.
„Der Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt ist unendlich lang.“
(mw/usu) Blau und weiß, wohin man schaut. Wimpel, Pokale, Presseberichte und gerahmte Trikots seiner Gegenspieler. Stationen der zwölfjährigen, königsblauen Karriere von Ingo Anderbrügge. Der Mann mit der linken Klebe - ohne Starallüren, aber mit viel Humor, geradlinig und schnörkellos wie auf dem Fußballplatz. SCHALKE UNSER traf ihn in seiner Fußballschule in Marl (www.anderbruegge.de) und sprach mit ihm über Aufstieg, Elfmeter, kaputte Schuhe, Mathematik und seinen jetzigen Alltag.
SCHALKE UNSER:
Du hast hier das Bild von Wolfgang Nocke von der Schalker Jahrhundertelf hängen. Was bedeutet es für dich, dazu zu gehören?
INGO ANDERBRÜGGE:
Ich freue mich sehr. Ich bin der einzige Nichtnationalspieler der Jahrhundertelf. Außer bei drei U21Spielen durfte ich nie das Nationaltrikot überstreifen. Aber die Wahl zeigt, dass ich doch meine Handschrift auf Schalke hinterlassen habe. Zum einen sportlich, zum anderen, und das ist auf Schalke ganz wichtig, weil ich menschlich geblieben bin. Die Fans haben gemerkt: Das ist einer von uns. Wir stehen zwar hinterm Zaun und der auf dem Platz, doch der macht es für unseren Club.
SCHALKE UNSER:
Du kamst von LüdenscheidNord und bist in der Jahrhundertelf, das ist ja auch was besonderes.
INGO ANDERBRÜGGE:
Ich bin ein Ruhrgebietsjunge. In Dortmund habe ich im zweiten A-Jugendjahr gespielt, zwei Jahre Amateure, vier Jahre als Profi. Also insgesamt sieben Jahre Dortmund und zwölf Jahre Schalke. Ich bin sehr stolz, bei beiden Vereinen gespielt zu haben. Den größten Erfolg hatte ich 1997 mit Schalke. Doch ich bezeichne mich nicht als Dortmunder oder Schalker. Aber wenn die beiden gegeneinander spielen, dann bin ich Schalker, keine Frage. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit in Lüdenscheid, wie ihr zu sagen pflegt.

SCHALKE UNSER:
Bei der Aufstiegsfeier 1991 sollst du „Ich hasse den BVB“ gesungen haben.
INGO ANDERBRÜGGE:
Es ist schon interessant, dass sich das 14 Jahre hält. Ja, da stehe ich zu. Aber auf der anderen Seite sage ich auch, das war eine tolle Zeit in Dortmund. Es war meine Ausbildung als Fußballer. Die Schalker waren ja leistungsmäßig mit mir nicht unzufrieden, von daher war die Ausbildung wohl auch nicht so schlecht.
SCHALKE UNSER:
Der Abschied von Doofmund war aber nicht so dolle, nach sechs Monaten Verletzungspause. War das ein Abschieben zum Nachbarn?
INGO ANDERBRÜGGE:
Dortmund wusste nicht, wo ich hingehe. Ich hatte eigentlich keine schwere Verletzung. Heute wird das innerhalb einer Woche erledigt. Damals wurde der Meniskus operiert, danach kam ich nicht so richtig wieder zurück. Aber Schalkes Trainer Horst Franz kannte mich aus meiner Amateurzeit in Dortmund, er hat mich dann angesprochen. Wenn man als junger Spieler aus einem Verein raus muss, dann tut das weh. Aber im Nachhinein bin ich darüber froh und würde jedem jungen Spieler empfehlen, nach zwei, drei Jahren den Verein zu wechseln. Man hat dann ein ganz anderes Standing beim Club. Auch wenn es bei Schalke erst mal zweite Liga war. Ich wusste, dieser Verein wird aufsteigen. Wenn man da mithelfen kann, dann wird man sich auch in der ersten Liga behaupten. Es ist dann im dritten Jahr passiert, 1991. Dann war im Unterbewusstsein: BVB, warum habt ihr mich gehen lassen? Das musste dann auf der Bühne so raus. Niebaum meinte später mal: „Also, wenn wir das gewusst hätten, dass du dich so entwickelst, hätten wir dich auch gerne behalten!“
SCHALKE UNSER:
Die Saison 1988/89 war ja aus Schalker Sicht nicht so super, aber für dich gar nicht so schlecht. Mit 14 Toren bester Schalker Torschütze und dazu beigetragen, den Absturz in die Regionalliga zu verhindern.
INGO ANDERBRÜGGE:
Schalke hat 1988 eine ganz neue Mannschaft zusammengestellt. Trainer war Horst Franz, danach Diethelm Ferner und dann Peter Neururer. Mit ihm haben wir in Solingen 3:1 gewonnen. Vielleicht hat der Torwart den Ball von mir gar nicht gesehen, weil es so dunkel war. Heute würde man das nicht als Flutlicht bezeichnen. Als ich kam, stand der Verein mit dem Rücken zur Wand. Im zweiten Jahr ging es schon besser. Im dritten Jahr hat man dann Neururer nach Hause geschickt, obwohl wir eine gute Serie hatten. Ich glaube, wir wären auch mit Neururer aufgestiegen. Aleksander Ristic kam, und wir waren zurück im Oberhaus. Ich kann mich an eine Szene mit Ristic noch gut erinnern. Wir hatten im letzten Spiel vor der Winterpause im Dezember 1991 in Nürnberg 1:0 verloren. Ich hatte eine gelb-rote Karte bekommen, weil ich in zwei Situationen den Ball weggeschossen hatte. Zuerst hatte ich den Ball nach Abseits noch etwas angetickt. Das zweite Mal weiß ich noch wie heute. Da kam ein schöner, hoher Ball, den ich aus der Luft genommen habe. Aber irgendwie war es auch Abseits und ich habe den übers Tor bis auf die Autobahn gedroschen. Somit war ich für das erste Spiel nach der Winterpause gesperrt. Das war zu Hause gegen Bayern München. In der ganzen Vorbereitungszeit hatte Ristic mit mir nicht über den Platzverweis gesprochen. Ich hatte nicht das Gefühl, er wäre sauer auf mich. Dann bekommen wir gegen Bayern zwei, drei Freistöße in einer Halbzeit hintereinander kurz vor dem Strafraum. Ich saß im Parkstadion auf den langen Ersatzbänken, die Trainer so ein bisschen davor. Da dreht Ristic sich plötzlich um: „Eh du, was hast du in Nürnberg gemacht. Hab ich kein anderen, der kann Freistöße schießen.“ Das werde ich nie vergessen.
SCHALKE UNSER:
Die berühmte linke Klebe, wie bekommt man so einen Schuss? Ist das Training oder bekommt man das in die Wiege gelegt?
INGO ANDERBRÜGGE:
Jeder Spieler hat Stärken und Schwächen. Bei mir war es der Schuss, der auffällig war. Das habe ich auch nie trainiert. Natürlich hat es mir immer Spaß gemacht. Vielleicht habe ich im Durchschnitt deshalb viel mehr aufs Tor geschossen als andere. Irgendwie hat man dann die Technik drauf. Auch hier in der Fußballschule sieht man Kinder, zehn oder zwölf Jahre alt. Da hat der eine schon einen Riesenschlag, und der andere hat den Fuß falsch stehen.
SCHALKE UNSER:
Jetzt müsste der Ingo da sein, heißt es noch heute im Stadion. Denn du hattest den besten Hammer auf Schalke.
INGO ANDERBRÜGGE:
So zwei-, dreimal im Jahr gehe ich auch noch auf Schalke. Freunde, die häufiger zur Arena gehen, erzählten mir, dass ab und zu noch nach mir gerufen wird. Ich wollte das nicht glauben.
SCHALKE UNSER:
In der Bundesliga hast du zwei Elfer hintereinander versemmelt. Aber im UEFA-Cup-Finale hattest du die Nerven, den zu versenken. Hat man da überhaupt Zeit zum Denken?
INGO ANDERBRÜGGE:
Nervenstärke trainiert man auch an. Aufgeregt ist man trotzdem. Der Weg war unendlich lang von der Mittellinie bis zum Elfmeterpunkt. Ich würde ihn aber trotzdem immer wieder gehen wollen. Ich bin froh, dass ich ihn reingehauen habe. Obwohl ich erst eingewechselt wurde, hatte mich Stevens schon auf dem Zettel stehen. Da stand sonst noch keiner drauf. Beim Elfmeterschießen ist es ja so: Da baut sich alles an der Mittellinie auf und du gehst dann die 50 Meter hin zur Mailänder Wand. Die Schalker im Rücken, die uns denselben wie immer gestärkt haben. Hab mich dann für meine Schokoladenecke entschieden. Sechs von zehn schieße ich da rein. Aber noch eine kleine Geschichte am Rande: Mike Büskens war ursprünglich als fünfter Elfmeterschütze vorgesehen. Wilmots war der vierte und danach ja alles entschieden. So drei, vier Tage später: „Wisst ihr eigentlich, wer der fünfte war?“ In Mailand hatte sich keiner Gedanken gemacht, das ging im Jubel unter. „Johan de Kock“, sagte jemand. Wir waren fassungslos. Wieso der de Kock, der schießt doch nie! Und dann erfuhren wir: Eigentlich sollte der Mike schießen, aber der sagte: „Mein Schuh ist kaputt.“

SCHALKE UNSER:
Gab es Dissonanzen in deiner letzten Saison, du warst so häufig auf der Bank?
INGO ANDERBRÜGGE:
In meiner Statistik stehen 294 Erstligaspiele. Ich hätte in der Rückrunde gerne die 300 vollgemacht. Stevens hat mir gesagt, alle wären für die Mannschaft wichtig, Als 36-Jähriger habe ich in dem Jahr drei Spiele gemacht. Ja, wie wichtig bin ich denn dann noch? Ich habe meinen Stolz, und das war der Konflikt mit Stevens.
SCHALKE UNSER:
Aber es gab ja dann einen schönen Abschied für dich in der Arena.
INGO ANDERBRÜGGE:
Ich wollte im Parkstadion spielen. Weil ich dort meine Zeit hatte. Leider ging das nicht mehr und es ist schön, auch mal in der Arena ein Spiel gemacht zu haben. Das Abschiedsspiel war eine richtig tolle Sache. Eine Mannschaft, die ich mir zusammengestellt habe. Und jeder, der irgendwie konnte, kam. Es ging gegen die damals aktuelle Mannschaft. Es sollte ein Juxspiel werden, bei dem alle Spaß haben. Von uns war doch kaum noch einer aktiv, aber die Anderen haben richtig intensiv gespielt. Hinterher kamen zwei zu mir und sagten: „Der Trainer hat Stress gemacht in der Kabine. Spielt vernünftig, ihr habt ja schon einen drin.“ Meine Truppe hatte 6:2 verloren, aber ich durfte mit einem Elfmeter aus der Arena ziehen. Eigentlich sollte so ein Spiel 6:6 ausgehen.
SCHALKE UNSER:
Wie warst du eigentlich in Mathe?
INGO ANDERBRÜGGE:
Du meinst bestimmt meinen Satz: „Das Tor gehört zu 70% mir und zu 40% Wilmots.“ Also Mathe war mein Leistungsfach. Doofe Frage, doofe Antwort, würde ich sagen. Ich weiß noch genau, wie es zu dem Satz kam. Es war das erste UEFA-Cup-Spiel, gegen Roda Kerkrade. Wir gewannen 3:0, und ich hatte das dritte Tor erzielt. Ich habe aus 20 Metern abgezogen. Wilmots kriegte den Ball an die Wade und fälschte ihn ganz leicht ab. Und dann fragen die mich so doof, wessen Tor war das. Ja meins! Die Euphorie war groß, erstes Spiel gewonnen und dann kommt ein Reporter und sagt zu mir: „Wie sehen Sie das, wer hat denn jetzt das Tor gemacht? Zu wie viel Prozent gehört das wem?“
SCHALKE UNSER:
Wie kamst du darauf, eine Fußballschule zu eröffnen?
INGO ANDERBRÜGGE:
Ich hatte schon als aktiver Spieler ein Sportgeschäft. Der eine oder andere Verein, der bei mir Trikots kaufte, fragte, ob ich auch mal zum Training kommen kann. Ich habe das gemacht und dort dann Autogramme geschrieben. Das war mir zu langweilig. Deshalb habe ich ab und zu mit den Kindern trainiert. Das hat richtig Spaß gemacht. Deshalb habe ich mir überlegt, das regelmäßig zu machen. Da gibt es viel Bedarf, denn den klassischen Straßenfußballer gibt es nicht mehr häufig. Jetzt habe ich die Schule schon im neunten Jahr. Wir haben hier 70 Betten, hinter dem Haus einen eigenen Kunstrasenplatz mit Flutlicht, Beach-SoccerPlatz, Sporthalle, Schwimmbad, Kegelbahn, Kicker. Das ganze Jahr über machen wir Fußballschule mit verschiedenen Kursen. Wir wollen beides: Freude am Fußball wecken und qualifiziertes Jugendtraining. Sechs Angestellte und 24 Honorartrainer arbeiten mit 3000 Kindern im Jahr - und natürlich bin ich auch immer mal wieder dabei.
SCHALKE UNSER:
Trainieren hier nur Kinder, die die große Fußballkarriere vor Augen haben?
INGO ANDERBRÜGE:
Nein, hierher kommen auch Kinder, die gerade anfangen, Fußball zu spielen. Und wir haben Vereinsspieler, die auch noch nicht so gut spielen. Aber Fußball kann man lernen. Ich denke da an Yves Eigenrauch. Der kam nach Schalke und konnte eigentlich gar nichts. Aber er hatte im Vergleich zu allen anderen Profis fünfmal so viel Ehrgeiz. Yves ist für mich ein Topbeispiel für nicht talentierte Jugendliche. Er war schnell, das kann man kaum trainieren. Aber Fußball spielen? Konnte Yves eigentlich nicht, und wir haben uns gedacht: „Wer hat denn den geholt?“ Derjenige, der ihn geholt hat, muss früh erkannt haben: Yves ist einer mit unheimlich viel Biss und Ehrgeiz. Er war ein positiver Typ in der Mannschaft, und er hat es zu was gebracht. Natürlich haben wir auch Kinder, die schon richtig gut kicken können. Wir haben hier alle Typen, und der Trainer muss das Training an die Gruppe anpassen. Im letzten Jahr war ein behinderter Junge im Camp. Der konnte schießen, der konnte laufen, der hatte eine positive Ausstrahlung. Ich glaube, die Kinder haben gar nicht gemerkt, dass er behindert ist. Trotzdem wird ihn vermutlich kein Vereinstrainer in der Region nehmen. Das alles ist für mich Fußballschule, so wie unser Leistungskurs, den wir schon über zwei Jahre machen. Und euch gebe ich für das SCHALKE UNSER-Quiz als Preis eine Woche Training in den Sommerferien für jemanden so zwischen 7 und 14 Jahren.
SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für den Preis und auch für das Gespräch. Wir werden dann gerne die Gewinnerin, den Gewinner an einem Tag begleiten. Glück auf.
Mein erstes Mal - Hoch im Norden
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Robert von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.
Ich wurde 1958 in Kiel geboren, im Meisterjahr. Eine Vorbestimmung? Kann sein, nur war mir das lange Zeit nicht bewusst. Die Eltern kamen aus dem Osten. Vater hatte mit Fußball eigentlich nicht viel am Hut, aber eben nur „eigentlich“. Meine erste Fußballerinnerung ist das legendäre Qualispiel 1969 gegen Schottland, als Libuda „Deutschland“ zur WM nach Mexiko schoss. Wir mussten zum Gucken rüber zum Nachbarn, denn meine Eltern hatten noch kein Fernsehen. Die WM habe ich dann in ganzer Länge und Breite miterlebt, denn Oma (wohnte im Obergeschoss) kaufte sich passend dazu die erste Glotze. Das legendäre 5:2 gegen Bulgarien ist mir noch in Erinnerung, Stan machte das „Spiel seines Lebens“.
In der Bundesliga orientierte ich mich erst mal in Richtung HSV. Dort spielte noch das norddeutsche Idol „Euch Uwe“ und die Lokalzeitung berichtete regelmäßig. Aber Uwe ging 1971 in Rente und das Interesse am HSV flaute ab. Dann kam die große Saison der Schalker und - ich muss es hiermit leider zugeben - ich wurde zum Erfolgsfan. Ein Mitschüler war schon damals fanatischer Schalker. Erst haben sich alle über ihn lustig gemacht, aber je mehr über Klaus Fischer, Norbert Nigbur, Stan und Tanne berichtet wurde, desto interessanter schien mir seine Mannschaft. Der Virus sprang über. Mit Schaudern stelle ich mir manchmal vor, ich hätte mich damals für die andere Spitzenmannschaft begeistert und wäre dabei geblieben….. - würg!

Leider wurde es nichts mit der Meisterschaft; am letzten Spieltag ging der S04 mit 1:5 im neuen Olympiastadion gegen die Bayern unter. Mein erstes „Live“-Spiel (vor der Glotze) war dann das Pokalfinale 1972. 5:0 gegen die Lauterer, da war der ganze Frust vom verlorenen Bundesligafinale zu spüren und meine neuen Helden spielten die Roten Teufel schwindelig. Klasse!
Die nächste Saison war dann grausam und ein erster echter Test für die Widerstandskraft des Schalker Virus. Der Bundesligaskandal legte personell und psychisch das halbe Schalker Team lahm und statt Meisterschaftsträumen nachzuhängen, ging es gegen den Abstieg. In Erinnerung ist mir vor allem ein ganz wichtiges 1:0 beim ebenfalls stark gefährdeten HSV. Ich habe am Radio mindestens genauso gezittert wie die Zuschauer an diesem nasskalten Dezembertag im Volksparkstadion. Der Virus hatte mich fest im Griff. Karierte A5-Heftchen wurden mit Statistiken und handgemalten Kurven des Tabellenstandes über die Saison hinweg gefüllt. An jedem Samstag kamen neue Ergebnisse, Tabellen und Datenpunkte hinzu. Meine Eltern schüttelten nur den Kopf über ihren Sohn.
Die restlichen 70er und die grauen 80er Jahre boten das bekannte Auf und Ab unseres Lieblingsvereins. Ich war in Kiel weit weg vom Geschehen und muss zugeben, dass vor allem während der Studienzeit auch andere Sachen wichtig wurden. Die waren durchaus weiblich, hatten mit Fußball aber leider überhaupt nix am Hut. Ich kickte selbst eifrig in einer Freizeitfußballmannschaft (bis heute eine Konstante in meiner Freizeitplanung), verfolgte weiter die wenigen Erfolge und vielen Desaster unserer Königsblauen im Fernsehen, aber Zeit- und Geldmangel verhinderten die Reisen nach Gelsenkirchen.
Eine neue Zeit begann erst in den 90ern. Schalke war wieder erstklassig, Studium und Promotion waren abgeschlossen, und eine Vollzeitstelle gab mir finanziellen Spielraum. Zumindest die Spiele der Königsblauen beim HSV wurden regelmäßig von mir besucht. Leider fanden die immer im November oder Februar statt; Regen, Schnee und Westwind pfiffen einem in der Ostkurve voll ins Gesicht und Schalke gab mit unschöner Regelmäßigkeit die Punkte ab. Es war grausam.
Die Schalke-Mailing-Liste wurde dann Mitte der 90er ein Ankerpunkt in meinem Leben. Selbst als die Mitgliederzahl noch zweistellig war, wurde eifrig hin- und herdiskutiert. Und es gab viel zu schreiben: Unserer Lieblingsverein kriegte nach all den Leidensjahren auf einmal die Kurve zum Erfolg. Das Tabu-Wort „UEFA-Cup“ machte hinter vorgehaltener Hand die Runde, aber niemand durfte es laut aussprechen, zu unglaublich schien es zu sein, dass Schalke womöglich die Reise nach Europa antreten könnte. Doch es wurde wahr. In einer Premiere-Kneipe sah ich dann Andy Müllers Goldenen Kopfball zum 2:1 gegen die Bayern, die Schalke-Fans lagen sich in den Armen, „Barcelona“ und „Mailand“ machten die Runde… - Unfassbares war geschehen: Wir waren wieder wer!
Die rauschhafte Saison 1996/97 ist bekannt. Eine gute Handvoll Schalker Fans und Sympathisanten (eigentlich anderen Vereinen verbunden, aber dem „Underdog“ Schalke durchaus gewogen) verfolgte an wechselnden Orten in Kiel mit (anfangs) stets gut gefüllten Kühlschränken den unglaublichen Siegeszug unserer Eurofighter. Jedesmal kam ich hinterher spät zu Frau und Kindern nach Hause und flüsterte meiner eigentlich schon schlafenden Liebsten ins Ohr „Es ist unglaublich, wir sind schon wieder eine Runde weiter!“ Ich konnte es selbst kaum fassen, es war wie ein Traum, aber es klingelte kein böser Wecker. Das Mailänder Finale erlebten wir zu zehnt bei mir im Wohnzimmer, brüllend, hüpfend und am Ende in wilder Umarmung auf dem Fußboden.
Leider ging es nicht ganz so schön weiter. Schalke blieb im Mittelfeld der Tabelle und die Spiele in Hamburg waren meist Enttäuschungen. Irgendwann schoss der HSV immer noch den Ausgleich oder gar das Siegtor. Immerhin durfte ich Rene Eijkelkamp in einer seiner Sternstunden erleben, als er mit staksigen Beinen die Hamburger schwindelig spielte. „Rene, tanz für uns!“ rief ein Schalker Fan ihm zu. Er erfüllte uns diesen Wunsch, sogar mit Ball und Gegner. Erst die Saison 2000/2001 ließ mich dann wieder träumen. Das große Drama erlebte ich zusammen mit drei Schalkern aus Kiel in der Nordkurve des Parkstadions, völlig paralysiert und sprachlos. Immerhin weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, Deutscher Meister zu sein, denn ich „war“ vier Minuten lang Meister! Dennoch: Nicht einmal das Bier schmeckte mir hinterher, auch nicht als Antifrust-Mittel.
Seit dem Ende jener Saison habe ich immerhin Schalker Verstärkung zuhause. Mein damals 7jähriger Sohn, der (wohl aus Opposition gegen Papa) zuerst mit anderen Vereinen sympathisierte (und dabei sogar die Schwarzgelben in Erwägung zog), sagte mir vier Spieltage vor Schluss „Du, Papa, ich find doch, Schalke soll Deutscher Meister werden!“ und als Erklärung auf meine vorsichtige Frage nach dem Grund seines Sinneswandels: „Weil sie es verdient haben!“ Ich war beeindruckt! Frederik ist seither stets dabei, wenn es zum letzten Saisonheimspiel auf Schalke geht. Ich weiß, dass ich irgendwann die Schale in den Händen meiner Idole sehen werde. Mein Sohn wird dann dabei sein und sehen, wie bei seinem Vater die Tränen rollen. Ich werde mich nicht dafür schämen. Den Virus habe ich längst weiter gegeben.

