Nummer 47 - 2005/09
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Den schwarzgelben Scheiß gibt’s auch in rot und weiß
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 28
„Wenn ich Fußball spiele - dann bin ich frei“ - Interview mit Hianick Kamba
Mein erstes Mal - Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau
Den schwarzgelben Scheiß gibt’s auch in rot und weiß
(axt) Jetzt wissen wir es: So stellen sich Premiere und „Bet and win” also Fußball vor. Eine hirnlose Masse, die jedes noch so dumme Spielchen mitmacht, Animation bis zum Kotzen braucht und überhaupt auch noch dafür bezahlt, Statist für die PremiereWerbeveranstaltung zu sein. Das ganze nennt sich dann „PremiereLigapokal“.
Man muss sich fragen, wer sich deplatzierter fühlte: Die Mädels, die in Schwarz und Gelb versuchten, ein weniger lustiges als vielmehr unfreiwillig komisches Wettspielchen in Schwarz und Gelb an Mann und Frau zu bringen, oder die Sangesgestalten, die statt der Hymne „Blau und weiß“ das Premierenligapokalthema sähten und dafür Stinkefinger und Buhrufe ernteten. Die Ultras konterten danach jedenfalls mit einem musikalisch ausgefeilteren „La la la Schalke la!“, das wohl noch wesentlich mehr mitgesungen hätten, wenn der Text nicht so kompliziert gewesen wäre.
Schon vor dem Stadion standen schwarzgelb gekleidete „Bet and win“Marketenderinnen in einem Berg von Plastikmüll, weil überraschenderweise kein Schalker das Zeug behalten wollte. Von einem Aktiven der Fan-Ini angesprochen, ob sie sich nicht falsch angezogen fühlten, erntete er nur ein müdes, uninteressiertes Schulterzucken: Bisweilen kann man sich verkaufen, ohne die Beine breit machen zu müssen.

Dann im Stadion wich der Blick Erstaunen, als nur wenige Schalker sich inspirieren ließen, Gelb oder Schwarz in die Höhe zu halten. Immerhin, jetzt haben wir ein zuverlässiges Instrument in Händen, um Arenatouristen sicher ausfindig zu machen: Leute, Ihr seid mit den Videokameras aufgezeichnet worden, mit denen man Störenfriede in den Blöcken ausfindig machen will! Die hochgeschminkten Gesichter der „Bet and win“Mädels jedenfalls drückten Fassungslosigkeit aus: „Woanders machen die doch immer alle willig mit …“

Aber das ist eben woanders. Man lässt es sich ja noch gefallen, wenn PremiereModerationsazubis eine ABM als Stadionsprecher versuchen, die Arbeitsmarktreformen treiben eben die tollsten Blüten. PremiereRotweiß lassen wir uns ja noch gefallen, auch wenn das eher auf die Pommes gehört. Aber wir sollen schwarzgelbe „Wettsticks“ dazu nutzen, um unsere Mannschaft anzufeuern? Schon allein die Anleitung für die Dinger ist eine Frechheit als ob wir nicht in der Lage wären, so popelige kleine Luftballons alleine aufzupusten, wenn sie nicht halt Farben hätten, die eher Kotztüten notwendig machten. Oder ist die Anleitung ganz anders gemeint und war ursprünglich gedacht, sie beim Langnese„Mädel“ anzuwenden, das uns im Wenigminutentakt bei „normalen“ Spielen erfreut?
P.S.: Kommerz ohne Ende: Für die Fernsehübertragung hat Premiere zusätzliche Werbebanden digital eingeblendet als ob da nicht schon genug real rumgestanden hätten.
Die schönsten Skandale des FC Schalke 04 Teil 28
(rk) Die Beurlaubung von Rudi Assauer durch den amtierenden Vorstand um Helmut Kremers wurde zum Bumerang. Nachdem eine Pressekonferenz die nächste jagte, in denen sich Verwaltungsrat und Vorstand gegeneinander angifteten, verlas Kremers völlig regungslos sein eigenes „Todesurteil“. Der Vorstand war aus dem Amt und bildete nun mit dem Verwaltungsrat bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung ein Übergangsgremium. Nur einen Tag später kehrte Assauer als Manager zurück.
Neue Satzung - neuer Vorstand
Dieser Rückzieher konnte jedoch den Bruch zwischen Verwaltungsrat und Vorstand auch nicht mehr kitten. Schalke 04, zwischendurch nun von einem Notvorstand regiert, glich einem Tollhaus, Kremers wurde mürbe gemacht. Auf der außerordentlichen Jahreshauptversammlung am 5. Dezember 1994 wurde die neue Satzung beschlossen, einen Tag danach trat der amtierende Notvorstand unter anderem mit Helmut Kremers wie verabredet zurück. Helmut Kremers selbst war aufgrund einer Bandscheiben-Operation gar nicht bei der JHV anwesend. Es wäre ihm wohl auch nicht gut bekommen.
Am 12. Dezember wurde der neue Vorstand vom Aufsichtsrat bestellt, nach Eichberg nun wieder zwei „Berge“: Vorsitzender wurde Gerd Rehberg, sein „Vize“ Josef Schnusenberg, der vorher dem Aufsichtsrat angehörte. Mit Manager Rudi Assauer und Geschäftsführer Peter Peters gehörten dem Vorstand erstmals auch zwei hauptamtliche Kräfte an.
Der FC Schalke 04 besaß nun eine „Muster“-Satzung, in der die oft zitierten „Schalker Verhältnisse“ unmöglich gemacht werden sollten. Der Vorstand wurde somit nicht mehr von einer emotionsgeladenen Mitgliederversammlung gewählt, sondern - analog zu den Gegebenheiten einer Aktiengesellschaft - von einem Aufsichtsrat bestellt und kontrolliert.

Schwanensee
Doch im Januar 1995 geriet der FC Schalke 04 erneut in den Skandalstrudel. Die Bochumer Staatsanwaltschaft war Millionenbetrügereien mit Börsenspekulationen auf die Spur gekommen. Arglosen Geldanlegern sollen Riesengewinne ohne Risiko versprochen worden sein. Seit 1990 wurden mehr als 5000 Anleger - vor allem aus den neuen Bundesländern - für Warentermin- und Optionsgeschäfte geworben und am Ende geprellt. Der Schaden wurde auf 500 Millionen Mark beziffert.
Fünf Festnahmen gab es, darunter Hubert Schotte und Peter Schwan. Schwan saß als Vertreter der Recklinghäuser Immobilien- und Kapitalfirma Schotte und Partner, die für zwei Millionen Mark bei Schalke bürgte, im Aufsichtsrat. Der Verein erklärte, von der Angelegenheit „in keinster Weise berührt“ zu sein.
Doch die Verhaftungen lösten Angst und Ungewissheit aus. Der Klub bangte nach der spektakulären Polizei-Aktion um Gelder in Millionenhöhe. Hintergrund: Der Verein Schalke unterhielt mit der Firma „Schotte und Partner“ Geschäftsbeziehungen.
Für einen zweijährigen Werbevertrag, der noch für die kommende Saison Gültigkeit besaß, kassierten die Königsblauen jährlich eine Million Mark. Bürgschaft und Werbeeinnahmen drohten nun zu platzen. Schwan (Markenzeichen goldene Rolex) und Schotte legten Haftbeschwerde ein. Zugleich wartete Schalke immer noch auf Geld von Günter Eichberg, der offene Rechnungen der alten Marketing GmbH offenbar noch nicht beglichen hatte. Es handelte sich insgesamt um Forderungen von etwa drei Millionen Mark. Grund für den Ausfall der Zahlungen: Der „Sonnenkönig“, der sich nun vornehmlich in seinem Domizil in Florida aufhielt, konnte sein Krampfader-Klinik-Imperium bisher nicht verkaufen.
„Mit dem stimmt was nicht“
Doch jetzt ging’s richtig rund, ein Intrigenspiel sondergleichen wurde angezettelt. Helmut Kremers, in die Wüste geschickter Ex-Präsident, erhob im ARD-Polit-Magazin „Kontraste“ schwere Vorwürfe gegen Rudi Assauer: Um den damaligen Vize-Präsidenten Jürgen Wennekers zum Rücktritt zu überreden, habe Assauer ihm gemeinsam mit Peter Schwan eine Million Mark angeboten.
Laut „Kontraste“ hatte Schwan dem Verein drei Millionen Mark als Darlehen oder Sponsorengelder zur Verfügung gestellt. Auch beim Trabrennverein Gelsenkirchen soll er mit 750.000 Mark als Geldgeber aufgetreten sein. Diese Gelder sollten aus den Warentermingeschäften stammen.
Schalkes Rechtsvertreter Fred Fiestelmann: „Die Gelder kommen von der Firma Schotte und Partner, und die haben wir durchleuchtet. Die Aktionen anderer Firmen sind für uns nicht entscheidend.“
Die drei Millionen Mark sollten laut „Kontraste“ mittlerweile von der Staatsanwaltschaft gepfändet worden sein. Fiestelmann habe Kremers gewarnt, als Schwan in den Aufsichtsrat kooptiert wurde: „Fiestelmann hat gesagt: Mit dem stimmt was nicht.“
Schalke war nun unter Zugzwang. In einer Presserklärung verwies der amtierende Schalker Vorstand darauf, dass der Darlehensvertrag mit Schotte und Partner von Kremers und Wennekers unterzeichnet worden sei. Assauer zu dem Vorwurf: „Richtig ist, dass Schwan, der nach der Wahl von Kremers und Wennekers seine Bürgschaft für Schalke in Höhe von einer Millionen Mark gekündigt hatte, dieses Geld dem Verein wieder zur Verfügung stellen wollte, wenn Wennekers aus dem Verein ausscheide.“
Als Schwan das Geld im Oktober 1994 wieder bereit stellte Wennekers trat erst im Januar 1995 aus dem Aufsichtsrat zurück , wurde er vom damaligen Vorstand unter Kremers und Wennekers in den Aufsichtsrat geholt. Assauer: „Ich selbst habe Schwan erst Ende 1993 bei einem Sponsorentreffen kennengelernt.“
Dass Schalke, wie unterschwellig anklang, „schmutziges Geld“ erhalten habe, wies der Vorstand entschieden zurück. Dennoch wollte Schalke Konsequenzen ziehen und den Sponsor-Vertrag mit Schotte und Partner bereits Ende Juni 1995 aufkündigen; die letzte Rate von einer halben Million Mark wäre sowieso noch nicht bezahlt worden.
Zusätzlich schloss der Vorstand Helmut Kremers und Jürgen Wennekers mit sofortiger Wirkung aus dem Verein aus. Assauer: „Jetzt sieht man den wahren Charakter.“ Kremers wurde zudem seines Amtes im Aufsichtsrat enthoben. Wieder Assauer: „Auf einer Sitzung des Aufsichtsrats, vor der Kremers schon sein Kontraste-Interview gegeben hatte, wurde das Thema Schwan besprochen. Aber Kremers war ganz still und zu feige, Farbe zu bekennen.“
Der Beschluss des Vorstands war einstimmig, ging aber nicht von diesem aus: Der Schalke-Fan Michael Knicker hatte den Antrag zum Ausschluss bereits fünf Minuten nach der Ausstrahlung der „Kontraste“-Sendung per Fax an die Schalker Geschäftsstelle gesendet. Die beiden Ausgeschlossenen kündigten an, dass sie sich gegen den Vereinsausschluss wehren werden. Man konnte sich also bereits auf den Gong zur nächsten Runde freuen.
Karneval auf Schalke
Auf Schalke war mal wieder Feuer unter’m Dach. Die Schmierenkomödie ging in die nächste Runde. Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen W. Möllemann hatte Anzeige wegen übler Nachrede gegen Wennekers erstattet. Dieser hatte behauptet, Möllemann hätte davon gewusst, dass das Geld von Schwan aus illegalen Geschäften stamme. Inzwischen hatte der Ex-Vize-Präsident erklärt, er habe dies nicht so gemeint.
Während hinter den Kulissen der Donner hallte, verpassten die Knappen gegen den MSV Duisburg die passende Antwort auf das Theater. Zuhauf vergaben Latal, Mulder, Müller, Herzog und Kohn auch die besten Chancen zum Schalker Sieg.
Derweil wurde in der Buerschen Zeitung der Darlehensvertrag zwischen Schalke und „Schotte und Partner“ publik gemacht. Und siehe da: Assauer hatte diesen selbst mit unterzeichnet.
Assauer war gerade in den Vorstand gewählt worden und durfte den Vertrag von daher als Vorstandsmitglied unterschreiben. Assauer: „Das geschah noch im Auftrag des alten Vorstands.“ Ein anderer Darlehensvertrag mit der Firma Schotte und Partner war zuvor vom alten Vorstand mit Kremers und Wennekers unterschrieben worden. Die zentrale Frage war nun: Wer hatte also wann welchen Vertrag unterzeichnet?
Es war Karnevalszeit und Kremers schlug im DSF zurück und erneuerte seine Vorwürfe: „Es kann doch jeder bezeugen, der bei einer geheimen Sitzung dabei war. Es ging um Unterlagen. Da hat Schwan sich geäußert und gesagt, wenn wir die nicht kriegen, lassen wir da einbrechen.“
Doch Kremers gingen derweil die Zeugen von der Fahnenstange. Charly Neumann, der von Kremers als Zeuge benannt wurde, konnte lediglich bestätigen, dass die eine Million Mark für Schalke und definitiv nicht für Kremers oder Wennekers bestimmt war. Kremers behauptete weiter, dass Geschäftsführer Peter Peters gesagt haben soll: „Der Assauer streut gezielt Informationen, um ihnen zu schaden.“
Doch auch Peters stellte richtig: „Unsinn. Es war so, dass Kremers und Wennekers mich schon in ihren Amtstagen zu kaufen versucht haben, mir eine dicke Gehaltserhöhung angeboten haben. Aber ich lasse mich nicht kaufen.“
Unter Beschuss nahm Kremers auch den Schalker Fan-Beauftragten Rolf Rojek, der vom Verein mit Gehalt, Provision und Ticketerlösen gekauft worden sein sollte. Großer Quatsch, wie sich herausstellte. Rojek erhielt pro Monat 1000 Mark Aufwandszahlung, dazu zehn Prozent bei Fan-Artikeln, wohingegen Sport-Geschäfte 40 bis 60 Prozent kassierten.
Kremers schien - wieder mal - die Wirkung seiner Worte nicht genau überdacht zu haben. Sein Feldzug gegen Assauer nahm groteske Züge an. Dass er, wie der “kicker” erfuhr, in Hertener Gaststätten Auskünfte über Assauer einzuziehen versuchte, erinnerte an Räuber- und Gendarm-Spiele aus der Kindergartenzeit. Kremers Appelle an die „niederen Instinkte“ verfehlten ihr Ziel. Helmut Kremers - ein Mann für den Seelendoktor?
Im Dauerstreit ging der Verein in die Offensive und veröffentlichte im „Schalker Kreisel“ auf fünf Seiten Darlehens- und Sponsorenverträge, Vereinbarungen und Korrespondenzen. „Auf Schalke wird kein Geld von Straftaten gewaschen“, so der Vorstand. Alle Finanzgeschäfte, erst recht alle angeführten Verträge seien ordnungsgemäß über Banken abgewickelt worden, nicht in bar. Zu keinem Zeitpunkt vor der Verhaftung von Peter Schwan sei irgendein Klub-Verantwortlicher auch nur im Ansatz etwas von Ermittlungen oder Straftaten bekannt gewesen.
Wie sehr Kremers um das Wohl des Vereins besorgt war, zeigte noch einmal der Vergleich mit dem ehemaligen Geschäftsführer Ralf Brinkmann. Zur Erinnerung: Der Kremers-Vorstand hatte Brinkmann im Arbeitsgerichts-Prozess höher abgefunden (230.000 Mark) als vom Gericht gefordert. Sozusagen als eine seiner letzten Amtshandlungen nach der Satzungsänderung modifizierte Kremers diesen Kontrakt am 8. Dezember 1994 noch einmal beim Notar Dr. Martin Armasow in Emmerich - nachdem er an der vier Tage zuvor getagten außerordentlichen Mitgliederversammlung noch wegen eines Hexenschusses in Spanien geweilt haben soll - damit Brinkmann auch wirklich an das Geld kommt.
Diese Vorgehensweise stimmte Kremers übrigens mit Wennekers ab, nicht aber mit dem dritten im Bunde. Hans Kleine-Büning ging nun zu seinen Ex-Kollegen deutlich auf Distanz. Bonmot am Rande: In einem Schreiben vom 19.04. 1994 an Ligasekretär Wilfried Straub vom DFB behauptete Wennekers, dass die Schalker Geschäftsstelle im heimatlichen Emmerich liege. Das wäre durchaus möglich gewesen, handelte es sich doch dabei im Briefkopf um den Phantasieklub „1. FC Schalke 04“. Abschließendes Schlusswort von Peter Peters: „Sowas bösartiges und falsches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt.“
Die Berichterstattung von „Kontraste“ nahm immer skurrilere Züge an. In der nächsten Sendung wurde ein Mann im Halbdunkel und mit verstellter Stimme gezeigt, der Rudi Assauer belastete, von den Termingeschäften des in U-Haft sitzenden Peter Schwan gewusst zu haben. Doch wer dieser Mann war, blieb ungeklärt. In der nächsten Folge des SCHALKE UNSER werden wir dieses und andere Geheimnisse lüften.
„Wenn ich Fußball spiele - dann bin ich frei“
(mw/usu) Ein Einwurf wie Hajto, ein schneller und engagierter rechter Innenverteidiger: Hianick Kamba überzeugte im DFB-JuniorenPokal-Endspiel. Doch Anfang Juli gab es ganz andere Schlagzeilen: Die Presse berichtete über die Abschiebung seiner Eltern in die Demokratische Republik Kongo, die auch ihm drohte. Die Gesamtschule Berger-Feld solidarisierte sich; auch Schalke 04 reagierte. Hianick erhielt einen Vertrag für die zweite Mannschaft von Schalke und kann noch zwei Jahre in Deutschland bleiben. Der sympathische Spieler lebt seit zehn Jahren im Ruhrgebiet.
SCHALKE UNSER:
Hianick, im Moment sieht es ja so aus, dass du in zwei Jahren wieder in der gleichen Situation bist wie in diesem Sommer. Wie gehst du damit um, das muss doch eine starke Belastung sein?
HIANICK KAMBA:
Nein, eigentlich nicht. Jetzt, da ich die zwei Jahre habe, ist das völlig in Ordnung. In den letzten vier Jahren mussten meine Eltern alle zwei Wochen zu der Behörde, um in Deutschland bleiben zu können. Das war einfach nur schrecklich. Daher sind die zwei Jahre richtig lange. In den zwei Jahren kann ja auch noch viel passieren.
SCHALKE UNSER:
Deine Eltern sind weg, neben der Schule auch noch das Training. Eine ganz andere Situation als bei deinen Mitschülern. Wie kommst du damit klar?

HIANICK KAMBA:
Ich komme da wirklich mit klar. Wenn ich Training habe, das ist eigentlich super. Dann bin ich frei von allem. Wenn ich Fußball spiele, dann ist alles weg.
SCHALKE UNSER:
Hast du Kontakt zu deinen Eltern?
HIANICK KAMBA:
Ich telefoniere fast jeden Tag mit ihnen.
SCHALKE UNSER:
Hast du Angst um deine Eltern?
HIANICK KAMBA:
Im Kongo besteht immer ein gewisses Risiko. Es herrscht Bürgerkrieg. In dem Land zu leben ist nicht einfach, meine Eltern haben zehn Jahre da nicht mehr gelebt. Das ist schon krass, alles ist anders. Und Angst habe ich immer.

SCHALKE UNSER:
Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?
HIANICK KAMBA:
Ich möchte gerne für immer hier bleiben. Ich kann mit gar nicht vorstellen, woanders zu leben. Meine Heimat ist hier. Mein Traum ist, Profi zu werden, dann kann ich hier bleiben. Und ich könnte meine Eltern unterstützen.
SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir alles Gute für die Zukunft und hoffen mit dir, dass sich dein Traum erfüllt. Glück auf!
Mein erstes Mal - Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Robert von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.
Eigentlich hatte ich mit Schalke nix am Hut. Eigentlich. Ich bin nicht im Revier aufgewachsen, habe nie dort gelebt, habe noch nicht mal irgendwelche Verwandten in dieser wunderbaren Region.
Und bevor ich mich vor Jahren zaghaft begann, erst dem Fußball und dann dem anderen Geschlecht zu öffnen (in dieser Reihenfolge), da waren alle Fußballclubs in Deutschland so gleich wie alle Mädchen gleich waren - einigermaßen doof nämlich. Bis zum 12. April 1977 war das so, bis zu meinem ersten Mal (in Sachen Fußball) eben. An diesem Tag nahm mich Vatter mit zum KSC.
Ich wohnte damals mit meiner Familie in Rastatt/Baden, und, was ich damals nicht ahnen konnte, knappe 20 Kilometer von zuhause entfernt erlebte ich mein erstes Auswärtsspiel, ja mein erstes Spiel überhaupt. KSC gegen Schalke also. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worum es ging, was da eigentlich los war. Schlimmer noch: Auch heute, 19 Jahre danach, kann ich mich an Einzelheiten kaum erinnern.
Nun, ich (oder besser Vatter) hatte mir wohl ein ganz gutes Spiel ausgesucht, denn Schalke gewann im Wildparkstadion 7:1. Mann! Stellt Euch vor! Sieben zu eins! Auswärts! Damals aber war mir die Dimension dieses Spiels zunächst nicht ganz klar. Damals waren Spieler wie Fischer (drei Tore), Rüßmann (zwei Tore), Abramczik oder Bongartz (je ein Tor), na, mir kommt es kaum über die Kulimine, recht gute Kicker. Doch schon bald nach Abpfiff war alles ganz anders, da waren sie Helden auf Lebenszeit. Danach nämlich ging alles ganz schnell.
Zu Geburtstag und Weihnachten schon bekam ich eine Schalke-Wolldecke und die Schalke-Bettwäsche. In meinem Verein, dem FC Rastatt 04 (die Trikotfarben verschweige ich lieber) spielte ich nun noch lieber Linksaußen, dachte zwischenzeitlich, ich sei ein zweiter Abi. Und selbst als ich merkte, daß Mädchen so doof nun auch wieder nicht sind, schielte ich immer auf die Tabelle - oft genug auf die der zweiten Liga. Ich machte schließlich durch, was alle Schalke-Fans durchmachen: Zittern und Bangen, unterbrochen von meist nur kurzer Freude.
Was habe ich gelitten in meiner Heimat, die zum Exil geworden war, gelitten wie so viele. Und trotzdem war ich, wenn auch meist nur über Fernsehen und Zeitungen, treu, treu seit meinem ersten Mal im April 1977.
Und heute? Heute lebe ich in Köln. Heute fahre ich, klar, zu fast allen Heimspielen. Noch lieber aber fahre ich zu Auswärtsspielen mit meinem häßlichen, kleinen braunen Kadett, der - Tribut und Dank an meinen Vater - das Kennzeichen K-SC 39 trägt.
Und wenn ich dann abends von einem Spiel nach Hause fahre, die Schalke-Schals aus dem Fenster, und das Fernlicht anschalte, dann sehe ich es wieder, das Fernlicht-Blau im Armaturenbrett von Vatters Ascona, damals. Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau.
P.S.: Vor wenigen Wochen entdeckten meine Eltern und ich zufällig im Familienstammbuch (Ich weiß, in anderen Familien kennt man seine Verwandten gewöhnlich schon länger), daß ich einen Opa in Gelsenkirchen-Buer hatte oder habe. Ob er noch lebt? Ob er dann auf Schalke geht?
P.P.S.: Vor knapp einem Jahr habe ich das letzte Mal die Schalke-Bettwäsche aufziehen können. Der Stoff war nach all den Jahren mürbe geworden. Aber die Farbe, die war zuletzt noch so leuchtend und satt wie im April 1977. Dieses Blau. Fernlichtblau, Gänsehautblau, Königsblau.

