Nummer 50 - 2006/05
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Glückauf, liebe SCHALKE UNSER-Redaktion,
Königsblaue Rolling Stones
Mein letztes Mal - Ja, ja, die Ehrenrunde …
Und geht das SCHALKE UNSER auf die Reise - Briefe in die Diaspora
Glückauf, liebe SCHALKE UNSER-Redaktion,
ich darf Ihnen ganz herzlich gratulieren zur 50. Ausgabe von SCHALKE UNSER, dem Fan-Magazin der Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus! Als Bürgermeister von Lüdenscheid freue ich mich sehr darüber, dass wir Lüdenscheiderinnen und Lüdenscheider seitens der Schalker Fußballfans die „Patenschaft“ für knapp 590.000 Menschen in „Lüdenscheid-Nord“ übernehmen dürfen. Denn zunächst einmal begrüßen wir jede Initiative, die dazu beiträgt, Lüdenscheids Namen über die Stadtgrenzen hinaus positiv bekannt zu machen.
Im Speziellen ehrt mich dies, weil ich nicht verhehlen möchte, dass ich persönlich auch ein schwarz-gelber Fan dieser von Ihnen titulierten „Ruhrgebiets-Exklave“ im Sauerland bin und die Kicker dieses Vereins schon von Kindestagen an in mein Herz geschlossen habe. Damit bin ich nicht alleine, denn die Lüdenscheider Fußballer-Leidenschaft ist in etwa paritätisch schwarz-gelb oder königsblau besetzt, aber in aller erster Linie gilt sie den Farben rot-weiß! Dies auch, wenn unsere Lüdenscheider Kicker bei weitem nicht so erfolgreich waren und sind, wie die zwei anderen in Rede stehenden Mannschaften. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die letzte königsblaue Meisterschaft 1958 im zarten Alter von drei Jahren leider nicht wirklich bewusst miterleben konnte. Ganz im Gegensatz zur letzten schwarz-gelben Meisterschaftsfeier, bei der auch ich vor vier Jahren ausgelassen feiern durfte.
Beinahe hätte es ja sogar einmal ein Zusammentreffen der Schalker Knappen mit den echten Bergstädter Kickern in der 2. Bundesliga gegeben. Leider musste sich Rot-Weiss Lüdenscheid zuvor in der Saison 1981/82 vom kleinen Oberhaus verabschieden. In der Oberliga Westfalen gab es in der Saison 1994/95 dann doch noch zwei Begegnungen gegen die zweite Knappen-Mannschaft, an die wir Bergstädter uns sehr gerne zurück erinnern. Ganz im Gegensatz zu den Oberliga-Begegnungen mit der zweiten schwarz-gelben Mannschaft, bei denen sich Lüdenscheids Kicker zwar immer wacker geschlagen haben, sich aber auch zu häufig geschlagen geben mussten.
Liebes SCHALKE UNSER-Team, 50 Ausgaben des Fan-Magazins SCHALKE UNSER zu produzieren, ist eine beachtliche und anerkennenswerte Leistung. Sie ist nur möglich durch Ihren Einsatz, Ihre Kreativität und Ihre Leidenschaft. Das ist echte Fan-Kultur, die Ihren Verein so stark macht und die die Faszination für den Mythos Schalke mit Leben füllt. Verbunden mit dem Engagement gegen Rassismus steht Ihre Fan-Initiative für das, was die gemeinsame Leidenschaft für Fußball zu leisten vermag, nämlich das Überwinden von nationalen und ideologischen Grenzen über die Verbundenheit für DEN einen Sport.
Deshalb würde ich mich sehr darüber freuen, wenn Ihre Fan-Initiative gemäß Ihren eigenen Grundsätzen auch irgendwann das „Existenzrecht“ von „Lüdenscheid-Nord“ anerkennen könnte - denn meiner Ansicht nach sollte man auch den Dortmundern das Recht auf Ihren eigenen Stadtnamen zugestehen. Vielleicht ja in der 100sten Ausgabe..?! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg für SCHALKE UNSER und „Tausend Freunde, die zusammenstehn, dann wird der FC Schalke niemals untergehn.“
Ihr
Dieter Dzewas
(Bürgermeister von Lüdenscheid)
Königsblaue Rolling Stones
Das SCHALKE UNSER wird 50. Wer erinnert sich nicht an die Anfänge im April 1994 - wir schon. Der Verein hörte gerade auf, die Skandalnudel der Liga zu sein und großen sportlichen Erwartungen in schöner Regelmäßigkeit noch größere Enttäuschungen folgen zu lassen.
vom FC Schalke 04
Und das in der Öffentlichkeit lieb gewonnene Klischee - weil es bequem war und es immer wieder Selbstdarsteller gab, welche dieses Bild gern bedienten - von den dummen und damit beliebig manipulierbaren Schalker Anhängern ließ sich nicht länger halten.
Das lag nicht allein am SCHALKE UNSER, aber es war der stimmigste Gegenentwurf. Er gab einem mehrheitsfähigen Standpunkt endlich eine Stimme, so wie es zuvor die Fan-Initiative gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit auf anderer Ebene getan hatte. Es war kein Zufall, dass die handelnden Personen identisch waren.
SCHALKE UNSER, das sind die Rolling Stones in königsblau. Erotikposter, die schönsten Skandale des FC Schalke 04, „Schieß doch Jiri“: Sex, Drugs und Rock’n Roll, Satisfaction, Jumping Jack Flash und Honky Tonk Women.

Mit Geistesblitzen dieser Art habt Ihr über Jahre das blau-weiße Bewusstsein gerockt und es verändert. Die hohen Auflagenzahlen waren der Klasse der Beiträge und des großen Bedarfes nach einer einfallsreichen, intelligenten und dennoch konstruktiven Auseinandersetzung mit unser aller Lieblingsnebensache geschuldet.
Wir können es nicht beweisen, aber wir behaupten es trotzdem: Nicht zuletzt dem SCHALKE UNSER ist es zu verdanken, dass man von unseren Fans seitdem voller Hochachtung spricht.
Der Witz des Fanzines fand sich in den Sprechchören der Nordkurve wieder - oder war es umgekehrt? Egal. „One nation under a groove“, allein darauf kam es an. Und so sprang der Funke von den Rängen auf den Rasen über, mal war es auch umgekehrt.
Wir wissen nicht genau, wer Euer Mick Jagger und Keith Richards, wer Keith Moon und wer Charlie Watts ist. Aber Ihr habt jahrelang ähnlich aufregend aufgespielt. Da wurde Charly Neumann in dick zum Schalker Airbag, brachte ein Comic die allgemeine Verunsicherung des Namens Ksienzyk auf den Punkt. Für diejenigen, denen die Gnade der späten Geburt zuteil wurde: Eigentlich war’s ganz einfach - „Tschintschik“.
Und man muss eben die Ausgabe Nummer sechs des SCHALKE UNSER in den Händen halten, um ganz sinnlich zu erfahren, dass der Döner-Cup früher einmal Strohhalm-Cup hieß. Auch später habt Ihr nicht nachgelassen. Die Serie „Die schönsten Schalker Skandale“ war eine so gelungene Idee, dass wir freudig mit ins Boot gehüpft sind, als es darum ging, diese als Buch herauszubringen.

Natürlich war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, wenn Fanzine und Club aufeinander trafen. Der Verein musste das große Ganze im Auge haben, Ihr eben nicht. Da kann man schon mal zu verschiedenen Wertungen kommen. Wir werfen an dieser Stelle den Namen Andreas Möller rein und stellen uns jetzt mal zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten vor.
Für Euch anfangs die schlimmste Gewissensprüfung, für uns der Spielgestalter, mit dem wir um einen falschen Freistoßpfiff Deutscher Meister geworden wären. Aber ansonsten?
Vielleicht würdet Ihr Euch jetzt gern mit mehr Vorhaltungen brüsten, aber dazu fällt uns einfach nicht mehr ein. Und zwar nicht nur, weil die Rückschau milde stimmt. SCHALKE UNSER war immer ein kritischer, schlagfertiger, aber auch ein fairer Wegbegleiter des Vereins. Siehe etwa Thema Arena.
Tja, und jetzt seid Ihr 50. Und wie die Rolling Stones ein wenig in die Jahre gekommen, obwohl man Euch noch immer gerne liest. Alles wird irgendwann zur Routine, Dinge wiederholen sich, der jugendliche Schwung der Anfangsjahre lässt sich nicht ewig konservieren.
Die Arctic Monkeys sind zwangsläufig die Ultras. „To old to Rock’n Roll, to young to die“ - damit möchten wir hiermit den Wunsch verbinden, auch in Zeiten des Internets noch mindestens 50 weitere Ausgaben in den Händen halten zu dürfen.
Es muss ja nicht das Spätwerk der Stones sein. Hört Euch mal Johnny Cash auf den von Rick Rubin produzierten American Recordings an. Glückauf!
Mein letztes Mal - Ja, ja, die Ehrenrunde …
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Ralf aus Backnang von Euphorie und Ekstase. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.
von Ralf Rangnick
Mein Abschied Auf Schalke wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Es war unser letztes Heimspiel des Jahres 2005, wir hatten den FSV Mainz 05 zu Gast. Die Arena war wie fast immer ausverkauft.
Während sich unsere Jungs aufwärmten, unterhielt ich mich auf dem Platz mit meinem Trainerkollegen und Freund Jürgen Klopp. 15 Minuten vor dem Anpfiff wollte ich wie immer noch kurz in unsere kleine Kapelle im Innenraum der Arena gehen, als mein Co-Trainer Mirko Slomka auf mich zukam. Er machte mich darauf aufmerksam, dass unsere Fans in der Nordkurve seit einigen Minuten meinen Namen skandierten und den Trainer sehen wollten.
Ich zögerte. Was gab es vor dem Spiel zu feiern? „Ralf, du musst da hin“, meinte Mirko, und ich ging rüber zu unseren Fans in der Nordkurve. Ich wollte mich ganz einfach bei ihnen bedanken. Für ein tolles Jahr 2005 und für die grandiose Unterstützung der Mannschaft. Immer mehr riefen meinen Namen. Auf der Gegengeraden und dann auch auf der Haupttribüne erhoben sich die Menschen. Also habe ich mich auch bei ihnen bedankt und so eine Runde gedreht.
Nachher machte das Wort „Ehrenrunde“ die Runde. Nichts lag mir ferner als das. Aber die Emotionen haben mich in diesem Moment übermannt. Denn diese unglaubliche Atmosphäre, wie sie die Arena bietet, ist einmalig. Die lässt keinen kalt. Auch mich nicht.
Es war meine Abschiedsrunde. Zwei Tage später war ich beurlaubt, obwohl wir in der Bundesliga und in der Champions League insgesamt nur drei Pflichtspiele verloren hatten.
Trotzdem habe ich in den 15 Monaten Auf Schalke kennengelernt, was der Schalke-Mythos bedeutet. Habe die Stadt Gelsenkirchen mit all ihren wirtschaftlichen Problemen ebenso aufgesogen wie die Fans, die aus dem riesigen Umland kommen. Habe von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, von Stan Libuda und Klaus Fischer, von Olaf Thon und Youri Mulder erfahren, die alle ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass dieser Verein mehr ist, als ein normaler Klub.
Schalke war eine geile Zeit, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnern werde. Wie wir aus dem Tabellenkeller bis ins Pokalfinale und in die Champions League marschiert sind, große Feste gegen Milan, Eindhoven und Fenerbahce feiern durften. Wie die Fans die Arena immer wieder zu einem Hexenkessel gemacht haben, egal ob mit offenem oder geschlossenem Dach.
Schalke lebt von den Fans - und die Fans leben für Schalke. Ich hoffe, das wird ewig so bleiben. Denn der Fußball braucht solche Mythen.
Und geht das SCHALKE UNSER auf die Reise - Briefe in die Diaspora
Schalke-Fan bin ich schon seit Mitte der 70er Jahre. Die eigenen balltretenden Fähigkeiten waren zu Schulzeiten unterdurchschnittlich und erlaubten außerhalb der Ersatzbank höchstens mal den Einsatz als Verteidiger. So wurde die spektakuläre Torgefahr des Duos Fischer - Abramczik zum Traum eines Fußballjungen, und über Jahre hinweg verfolgte ich die Taten der Schalker bei der WDR-Radio-Konferenz und im Fernsehen.
Die eigentliche Infektion mit dem blau-weißen Virus fand jedoch erst 1983 statt. Damals nutzte ich den gerade erworbenen Führerschein zum Besuch meines ersten Profi-Fußballspiels - selbstverständlich im Parkstadion. Sollte ich mal Enkel haben, so werde ich ihnen sicher mal erzählen, dass ich beim Jahrhundertspiel meiner Schalker gegen die Aufgeblasenen ohne Lederhosen dabei sein durfte: 6:6 beim David gegen Goliath - und Olaf gab tatsächlich den Thon an.
Von da an nahm ich jedes Jahr ein paar Mal die Reise in mein 200 Kilometer entferntes Mekka des Fußballs auf. Ein unvergessenes Highlight war das 4:1 gegen Blau-Weiß Berlin in der Saison 1988/89, mit dem der Abschied aus dem Profi-Fußball gerade noch mal abgewendet wurde und das mir einen Vorgeschmack auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft gab, auch wenn dieser weiter hartnäckig auf sich warten lässt.
Seit 1995 lebe ich in Hong Kong, das mir ein echtes Zuhause geworden ist. Ein großer Nachteil sind jedoch die mehr als 10.000 Kilometer, die mich von Schalke trennen. Schalke-Fans habe ich noch keine gefunden, dafür ein paar Anhänger der Großkopferten sowie einige Werder- und HSV-Fans, was zumindest eine gute Basis für manchmal hitzige Diskussionen über den Stand der Liga, das Schicksal der eigenen Vereine sowie die Lage im deutschen Fußball im allgemeinen ermöglicht.
In den ersten beiden Jahren nach meiner Ankunft habe ich selbst noch den Hajto gemacht und in einer deutschen Hobby-Mannschaft samstags das lederne Rund über den Rasen des Universitäts-Sportplatzes gekickt. Seit 1997 bin ich im fußballerischen Vorruhestand, obwohl ich auch heute noch nichts halbwegs Rundes einfach so herumliegen sehen kann.
Die Einheimischen (sprich: Chinesen) stehen hauptsächlich auf die Premier-League, die auch entsprechend im TV vertreten ist. Daneben wird auch regelmäßig über die spanische und italienische Liga sowie natürlich die Champions League berichtet. Live kann man hier Fußball einmal im Jahr beim Carlsberg-Cup erleben, bei dem eine Hong Kong-Auswahl ein Turnier mit drei weiteren Nationalteams spielt. Und natürlich waren auch Real Madrid und Manchester United schon zu Gastspielen hier, für die die Fans hier manchmal Tage lang um Karten anstehen.
Im allgemeinen ist Hong Kong jedoch eine Fußball-Diaspora. Hauptinformations-Quelle über Schalke ist für mich das Internet sowie das Kicker-Abo, beides allerdings nur ein schaler Ersatz für Schalke-Live, was mir besonders beim Gewinn des UEFA-Cups sowie der Vier-Minuten Meisterschaft bewusst wurde.
Seit ein paar Jahren wird am Samstagabend immerhin ein Bundesligaspiel live im Kabelkanal übertragen, womit für mich der Bundesliga-Samstag um 22.30 Uhr beginnt und erst nach Mitternacht endet.
Im Jahr 2000 bin ich bei der Eingabe von „Schalke“ in der Internet-Suchmaschine auf die Website des SCHALKE UNSER gestoßen und habe dann umgehend ein Abo bestellt. Der Erhalt des SCHALKE UNSER ist seitdem ein echtes Highlight, weil es von Schalkern geschrieben ist und mir mehr als nur eine sachliche Berichterstattung liefert.
Und daher möchte ich den Herausgebern für dieses Stück Schalke danken, das mir trotz elf Flugstunden Distanz und sechs bis sieben Stunden Zeitunterschied ein Leben im Schatten von Parkstadion und Donnerhalle ermöglicht hat. Macht weiter so! Wir sehen uns spätestens zur achten Deutschen Meisterschaft!

