Nummer 51 - 2006/08
Auszüge aus dieser Ausgabe:
„Ausruhen kann ich mich, wenn ich sechzig bin“ - Interview mit Sebastian Boenisch und Mesut Özil
Mein letztes Mal - Kartoffeln mit Bohnen und Kotelett
Technik, Tücken, Telefon
Wie Gelsenkirchen während der WM einmal ausgesprochen ungastlich war
„Ausruhen kann ich mich, wenn ich sechzig bin“
SCHALKE UNSER:
Erst mal herzlichen Glückwunsch zur deutschen Meisterschaft. Dabei sah es Anfang des Jahres nach der unglücklichen Niederlage gegen den Mitfavoriten VfL Bochum gar nicht gut aus. Die Mannschaft wirkte nach dem Spiel deprimiert. Eine Woche später gewinnt ihr in Leverkusen mit 4:1. Wer oder was hat euch wieder aufgebaut?
SEBASTIAN BOENISCH:
Das war unser unglaublicher Teamgeist. Bei uns hat in dieser Saison jeder für jeden gekämpft, man konnte sich auf jeden verlassen. Man hatte keine Angst, auf dem Platz Fehler zu machen, weil man ganz genau wusste: Wenn man einen macht, sind die Kollegen da und bügeln ihn aus. Dieser Teamgeist hat uns durch die gesamte Spielzeit begleitet, jeder war für jeden da. Ich will nicht sagen, dass der Rückrundenstart nicht geglückt ist. Es waren einige Höhen und Tiefen da, aber ansonsten waren wir die Saison konstant.
SCHALKE UNSER:
Wie hat euer Trainer Norbert Elgert auf die Niederlage reagiert?
SEBASTIAN BOENISCH:
Er war nicht sauer, denn er wusste genau: Das ist ein 50:50-Spiel. Ich denke mal, er war auf die Situation vorbereitet. Klar, man ist davon überzeugt, dass man das Spiel gewinnt, aber das kann man nie vorhersagen. Nach jedem Spiel sprachen wir über unsere Fehler und darüber, was wir verbessern können. Und das hat uns dann nach vorne gebracht.
SCHALKE UNSER:
… bis in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft und bis ins Finale. Im Halbfinale habt ihr das Hinspiel bei Hertha BSC 0:2 verloren und das Rückspiel mit 3:0 gewonnen. Waren die Berliner stärker als die Münchener, von denen im Endspiel nicht allzu viel zu sehen war?
SEBASTIAN BOENISCH:
Spielerisch waren die Berliner auf jeden Fall besser als die Münchener. Was die Münchener ins Finale gebracht hat, war deren Zusammenhalt. Bei Berlin ist es halt so, dass sie viele gute Einzelspieler haben, aber sie sind kein Team. Man hat das dann im Rückspiel gesehen. Wir waren eine Einheit, wir haben uns durchgesetzt und die hatten keine Chance.
SCHALKE UNSER:
Einige aus eurem Team sind Nationalspieler, wurden zu DFB-Lehrgängen eingeladen und fehlten bisweilen der Mannschaft. Dazu kamen noch die verletzten Spieler. Wart ihr auf jeder Position doppelt besetzt?
SEBASTIAN BOENISCH:
Wir waren eigentlich schon auf jeder Position doppelt besetzt. Unser Trainer Norbert Elgert hat versucht, Mittelfeldspieler genauso zu schulen wie einen Abwehrspieler, so dass er auch die taktischen Voraussetzungen für diese Position erfüllen kann. Unsere Stürmer etwa waren nicht nur Stürmer, sie konnten auch in der Abwehr spielen, wenn es notwendig war. Darauf ist in unserer Ausbildung viel Wert gelegt worden.
SCHALKE UNSER:
Was hat euch bewogen, nach Schalke zu kommen und nicht zu einem anderen Verein, die in der A-JuniorenBundesliga oben mitspielen?
SEBASTIAN BOENISCH:
Ich habe acht Jahre bei meinem Heimatverein SSVg Heiligenhaus und ein Jahr lang bei Borussia Velbert in der Niederrheinliga gespielt. Dann kam das Angebot von Rot-Weiß Oberhausen und ich spielte dort ein Jahr lang in der U17-Regionalliga. Eigentlich habe ich nicht mehr damit gerechnet, ein Angebot zu bekommen und bin davon ausgegangen, in Oberhausen zu bleiben. Nach dem Spiel gegen Schalke hat mich Schalke-Trainer Manfred Dubski zu einem Probetraining eingeladen. Ich bin dahin gegangen und war begeistert von den Trainingsmöglichkeiten, den Trainern und den Leuten im Umfeld. Ich war von Anfang an überzeugt, dass das für mich der richtige Weg ist. So bin ich zu Schalke gekommen und, wenn ich ehrlich bin, möchte ich hier auch nicht mehr weg.
SCHALKE UNSER:
Wart ihr auch auf der Schule am Berger Feld?
SEBASTIAN BOENISCH:
Zwei Jahre habe ich im Internat gewohnt, bin auf die Gesamtschule Berger Feld gegangen und habe mein Fachabitur gemacht. Derzeit mache ich hier im Haus ein Praktikum, um die Fachhochschulreife zu bekommen.
MESUT ÖZIL:
Ich war auch auf der Gesamtschule. Dort haben mich Norbert Elgert und Manfred Dubski entdeckt. Ich bin in Gelsenkirchen geboren, habe fünf Jahre bei Rot-Weiß Essen gespielt und dort auch eine schöne Zeit gehabt, aber ich war schon immer Schalke-Fan und mein größter Wunsch war es, hier Profi zu werden.
SCHALKE UNSER:
Ihr habt nun beide einen Profivertrag in der Tasche.
SEBASTIAN BOENISCH:
Im meinem Vertrag steht „Nichtamateur ohne Lizenz“. Für mich ist wichtig, dass ich mich hier weiterentwickeln kann und was auf dem Papier steht, interessiert mich eigentlich gar nicht.
SCHALKE UNSER:
Werdet ihr, falls ihr nicht bei den Profis spielt, bei den Amateuren zum Einsatz kommen, um Spielpraxis zu bekommen?
SEBASTIAN BOENISCH:
Das ist richtig. Aber auch da würde ich genauso Gas geben wie bei den Profis.
MESUT ÖZIL:
Bei mir ist das anders. Ich würde, weil ich noch siebzehn bin, für die A-Jugend spielen
SCHALKE UNSER:
Sebastian, du bist in Gleiwitz geboren, hast aber auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Könntest du für Polen spielen und bist du schon mal vom DFB angesprochen worden?
SEBASTIAN BOENISCH:
Ich könnte für Polen spielen, vom DFB gab es noch keine Anfrage. Der polnische Verband hatte mich zur U19-Europameisterschaft und zu den damit verbundenen Lehrgängen eingeladen. Aber zu diesem Zeitpunkt bin ich noch zur Schule gegangen und das wäre eine zusätzliche Belastung gewesen. Ich wollte mich voll auf die Schule und auf Schalke konzentrieren, also habe ich es sein lassen. Ich habe es erst einmal verschoben, aber wenn ich eine Einladung für die A-Nationalmannschaft bekommen würde, würde ich es mir schon überlegen hinzugehen.
SCHALKE UNSER:
Mesut, du hast auch noch beide Optionen offen?
MESUT ÖZIL:
Genau. Ich habe Einladungen sowohl vom türkischen Verband als auch vom DFB bekommen.
SCHALKE UNSER:
Viele Fans konnten nicht verstehen, wieso Mike Hanke Schalke verlassen hat. Wie wirkt eine solche Entscheidung auf euch, einen solchen Rohdiamanten wie Mike ziehen zu lassen?
SEBASTIAN BOENISCH:
Zu Mikes Beweggründen kann ich nichts sagen, aber als junger Spieler fragt man sich dann schon, wieso er keine Chance bekommen hat und macht sich halt seine Gedanken. Ich denke, dass es bei den Profis schwieriger ist in die Startelf zu kommen als in einer Jugendmannschaft, wo es vor allem auf den Teamgeist ankommt. Bei den Profis muss man mehr auf sich bedacht sein, seinen eigenen Weg gehen und nicht so viel auf andere achten.
SCHALKE UNSER:
Was sind eure Ziele für die nähere Zukunft?
SEBASTIAN BOENISCH:
Eine gute Vorbereitung zu haben, Gas zu geben, dem Trainer zu zeigen: „Hallo, ich bin da und hoffe zu einigen Einsätzen zu kommen.“ Aber ich denke realistisch, denn ich habe Top-Spieler vor mir und habe mir vorgenommen, mir von denen etwas abzugucken.
MESUT ÖZIL:
Meine Ziele sind eine gute Vorbereitung, dem Trainer zu zeigen, was ich kann, und ein paar Spiele zu bestreiten. Am liebsten im zentralen Mittelfeld, aber ich kann auch Linksaußen spielen. Wie es auch kommt, ich werde Vollgas geben.
SCHALKE UNSER:
Fußballprofi zu sein bedeutet auch, auf vieles zu verzichten. Sei es Freizeit oder auf kulinarische Genüsse. Wie geht ihr damit um?
SEBASTIAN BOENISCH:
Meine Einstellung ist: Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir, kann bis dreißig Gas geben und mich mit sechzig immer noch ausruhen. Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren und ein Disco-Besuch gehört dann einfach nicht dazu. Man kann sich schon ‘mal eine Cola gönnen, aber grundsätzlich muss man auf seine Ernährung achten. Das ist ein wichtiger Faktor. Christian Frank, unser Ökotrophologe, berät uns da sehr gut.
SCHALKE UNSER:
Mesut, wie ist das bei dir mit Ramadan?
MESUT ÖZIL:
Fasten kann ich nicht, dass geht überhaupt nicht. Ich habe es ein paar Mal in der A-Jugend probiert. Mir wurde schwindelig. Ich fühlte mich schlapp und bekam Kopfschmerzen.
SCHALKE UNSER:
Und wie steht’s mit Freunden? Hat sich da etwas verändert?
MESUT ÖZIL:
Meine Freunde haben dafür Verständnis, dass ich nicht so oft mit ihnen zusammen sein kann. Sie sind nicht sauer oder so. Sie unterstützen mich und sagen: Du packst das!
SEBASTIAN BOENISCH:
Eine Zeit lang war ich, bis auf zwei, drei Ausnahmen, richtig enttäuscht von meinen Freunden. Die ersten Monate nach meinem Umzug von Heiligenhaus ins Internat war der Kontakt noch da und ist dann ohne erklärlichen Grund total abgebrochen. Dann kam das Spiel im UEFA-Cup. Ich machte mein Handy an und dachte: Aha, die Leute leben auch noch, und nur, weil ich jetzt ‘mal im Fernsehen war, melden sie sich wieder. Das fand ich überhaupt nicht gut und weiß seitdem, woran ich bin. Aber das hat auch etwas Positives.
SCHALKE UNSER:
Danke für das herzerfrischende Interview! Glückauf!
Mein letztes Mal - Kartoffeln mit Bohnen und Kotelett
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Manni von Euphorie und Ekstase, von Agonie und Apathie. Er ist hörig dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben.
Ich war 11 Jahre alt. Es war die Saison 1972/73 in der Glückauf-Kampfbahn. Ich war also nur kurz an dieser historischen Stätte, denn zur WM 1974 ging es in das Parkstadion. Aber ich habe das Gefühl, viele Jahre in der Glückauf-Kampfbahn gewesen zu sein. Damals begannen die Spieltage spätestens um 12 Uhr, obwohl erst um 15.30 Uhr Anstoß war. Mein Onkel nahm mich mit auf Schalke. Angefixt hatte mich der DFB-Pokalsieg 1972, den ich auf einem verrauschten Schwarz-Weiß-Fernseher gesehen hatte.
Mein Onkel ist Montageschlosser, seine Kollegen waren Bergleute, Autoschrauber, Stahlwerker. Malocher eben, wie man hier so sagt. Trinkfreudig, ziemlich handfest und mit derben Sprüchen. Und ich mitten drin. Nur ungern hatten Tante und Mutter mich ziehen lassen. „Das ist doch nichts für den Jungen.“ Der Junge aber war von Anfang an Teil der Truppe und so sicher wie in Abrahams Schoß. Selbst im Dortmunder Feindesland konnte mir mit dieser Truppe nichts passieren. Spieltage begannen in der Kneipe, wo mit viel Bier über Fußball gefachsimpelt und über die Arbeit gesprochen wurde. Ich wurde mit Cola versorgt, hätte Würstchen oder Frikadellen bis zum Platzen essen können, stand aber eher am Flipperkasten und ließ mir zeigen, wie es geht.
Mein erstes Spiel war gegen Hannover 96, wir siegten 3:1, und ich war super aufgeregt. Wir standen vor einer Mauer, auf der Zeitungen lagen, damit es beim Aufstützen nicht so kalt wurde. Ohne es zu merken, zerlegte ich die Zeitungen in viele kleine Stücke, irgendwas mussten meine Hände tun.
Schon bald ging es wieder mal gegen den Abstieg. Ich entdeckte die magische Wirkung von Kartoffel mit Bohnen und Kotelett. Das gab es bei meiner Tante vor einem wichtigen Spiel, und wir siegten. Fortan fragten mich alle, ob es das „Siegesessen“ gegeben hätte. Und ich erklärte mühevoll, dass man das „Siegesessen“ nur in Stunden größter Not essen dürfe, sonst wäre der Zauber gebrochen. Die Stunde größter Not kam, und es gab das „Siegesessen“. „Junge, was habt ihr heute gegessen?“, wurde ich gefragt. Riesenerleichterung, als die richtige Antwort kam. Im Spiel gab es einen Elfmeter für uns. Hinter mir stand der vorher noch derb fluchende Willy und sagte inbrünstig: „Lieber Gott, lass ihn reingehen.“ Er wurde erhört.
Es war irgendwann in den 80er Jahren. Schalke spielte in der zweiten Liga, weit entfernt vom Aufstieg. Ein nasskalter Abend in der Betonschüssel Parkstadion, in der sich ein paar tausend Zuschauer frierend verloren. An den Gegner kann ich mich nicht mehr erinnern, geschweige an ein Ergebnis. Ich war damals mit meinem Onkel Tribünenbesucher. Ein oder zwei Reihen vor uns unterhielt sich in der Halbzeitpause ein älterer Herr im edlen Zwirn mit seinem Sitznachbarn. Deutlich war ein sehr starker amerikanischer Akzent zu hören. Aber der Mann sprach deutsch. Es machte mich neugierig. Ein teuer gewandeter Amerikaner bei einem Scheiß-Spiel in der zweiten Liga? Ich sprach ihn an, fragte, warum er sich denn ausgerechnet dieses Spiel anschaue.
Die Antwort: „Junger Mann, ich habe in den dreißiger Jahren dieses Land verlassen. Ich bin nach Amerika gegangen und lebe dort seit vielen Jahrzehnten. Aber wann immer ich nach Deutschland komme, besuche ich Spiele von Schalke, wo auch immer die dann spielen. Das geht gar nicht anders.“ Ich weiß nicht mehr, was ich darauf sagte. Ich weiß nur, dass es mich sehr berührt und nachdenklich gemacht hat.
Springen wir in die vorletzte Saison. Wir hatten die Hand an der Schale, wir waren so nahe dran. Und dann kamen sie, diese arroganten Bayern-Säcke. Eine ungeheure Anspannung in der Luft, mit Händen zu greifen. Lincoln läuft an und macht eines dieser wunderschönen Freistoßtore. Ich konnte nicht mehr, mir liefen die Tränen runter. Wir rüttelten am Thron von Bayern München. Der Riese wankte, aber er fiel auch in dieser Saison nicht. Noch nicht.
Vize-Meister waren wir auch, als ich zum ersten Mal zum Fußball ging.
Technik, Tücken, Telefon
Eigentlich klingt es einfach: Minderjährige Vereinsmitglieder haben auch das Recht, bei der Mitgliederaktion Karten zu bestellen. Da das „ba - ba“ eines Säuglings aber nur mit rechtlich bedenklichen Einschränkungen als „zwei Karten für das Spiel gegen Bayern München, Stehplatz Nordkurve“ gewertet werden kann, übernehmen das dann doch lieber volljährige Rechtsvertreter der knapp postembryonalen Mitglieder. Hier die Telefonmitschrift.
MITGLIED:
So, dann wähle ich mal… aha, 04 Cent pro Drittelminute, das hat Sinn …
TELEFON-HOTLINE:
Tuuuut - tuuuuut.
MITGLIED:
Na, gut, besetzt, ich versuch es nochmal (Wahlwiederholungstaste)
TELEFON-HOTLINE:
Herzlich willkommen bei der „TS Ticket & Secure“. Wir freuen uns, dass Sie uns mit Ihrem Anruf in unsere „wir sind nicht auf Rosen gebettet“-Lage unterstützen und haben darum noch rasch ein paar kurze Mitteilungen für Sie. Mit Ihrem Anruf bei unserer Hotline können Sie Karten für diverse Veranstaltungen bestellen, beispielsweise für das Ebbe-Sand-Abschiedsspiel, dem Stock-Car-Rennen von Pro7, für den Auftritt von „Sensation White“ …
MITGLIED:
Wer?
TELEFON-HOTLINE:
… dem Rudi-Assauer-Gedächtnis-Zigarrendrehen und vielem mehr. Wenn Sie wegen der Mitglieder-Aktion anrufen, …
MITGLIED:
Ja, warum denn sonst?
TELEFON-HOTLINE:
… möchten wir Sie zunächst einmal darauf hinweisen, dass Sie insgesamt sechs Karten bestellen können, davon aber für die Spiele gegen Bayern München, …
MITGLIED:
Die werden doch wohl nicht, nein, das werden die sich nicht trauen …
TELEFON-HOTLINE:
… Borussia Dortmund …
MITGLIED:
Doch, sie haben es gesagt
TELEFON-HOTLINE:
… und Werder Bremen nur zwei Karten - die auf diese Partien oder nur für eine dieser Begegnungen bestellt werden können. Mit Ihrer Bestellung erkennen Sie die Geschäftsbedingungen der „TS Ticket & Secure“ an, die …
MITGLIED:
Sie mir doch jetzt hoffentlich nicht vorlesen werden, das wird langsam teuer!
TELEFON-HOTLINE:
… Sie auf unserer Homepage oder auf unserer Geschäftsstelle einsehen können. Wenn Sie einen Berater haben wollen, dann sagen sie „Berater“, wenn Sie Tickets kaufen wollen …
MITGLIED:
Jaaaaaaaaaaaaaa!
TELEFON-HOTLINE:
… sagen Sie bitte „Tickets“.
MITGLIED:
Tickets! Tickets! Tickets!!!
TELEFON-HOTLINE:
Sie haben sich für Tickets entschieden.
MITGLIED:
Ach ne.
TELEFON-HOTLINE:
Wenn Sie Karten für die Spiele der A-Jugend kaufen wollen …
MITGLIED:
Häh?
TELEFON-HOTLINE:
… dann können Sie das nur direkt auf unserer Geschäftsstelle tun und nicht telefonisch erledigen. Wenn Sie an der Mitgliederaktion teilnehmen wollen, dann sagen sie bitte „Tickets“.
MITGLIED:
Wie, schon wieder? Egal! Tickets! Tickets! Tickets!!!
TELEFON-HOTLINE:
Sie haben sich für Tickets entschieden.
Tuuuut - tuuuuut.
MITGLIED:
Wie, besetzt? Nein! Okay, nochmal …
TELEFON-HOTLINE:
Alle Mitarbeiter sind derzeit im Gespräch. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Tuuuut - tuuuuut.
MITGLIED:
Na, immerhin ohne diese Warteschleife. Und nochmal!
TELEFON-HOTLINE:
Alle Mitarbeiter sind derzeit im Gespräch. Bitte bleiben Sie dran, Sie werden in Kürze verbunden, oder was wir dafür halten.
MITGLIED:
Wie, noch eine neue Variante?
TELEFON-HOTLINE:
Königsblauer S04, königsblau ist … tut. Guten Tag, mein Name ist Mayer-Müller, wie kann ich Ihnen helfen?
MITGLIED:
Das habe ich vor lauter Warten jetzt vergessen. Ach ne, halt, ich hätte gerne zwei Stehplatzkarten, was haben Sie denn noch?
TELEFON-HOTLINE:
Stehplätze nur noch für das Spiel gegen Cottbus.
MITGLIED:
Nehm ich.
TELEFON-HOTLINE:
Sonst noch Karten gefällig?
MITGLIED:
Nein, danke.
TELEFON-HOTLINE:
Wie, das war alles?
MITGLIED:
Ich kann ja sonst nochmal anrufen.
(Beruht auf wahren Telefonaten)
Wie Gelsenkirchen während der WM einmal ausgesprochen ungastlich war
Gelsenkirchens spröder Charme mag sich manchem erst auf den zweiten Blick erschließen - Zugereiste und bundesdeutsche Gästefans wissen, was ich meine - aber ungastlich ist die WM-Stadt fast nie, und wenn schon, dann nicht ohne guten Grund. Am 10. Juni 2006, pikanterweise während der WM, ließ sich dieses Phänomen zuletzt beobachten.
Die NPD hatte zu einer Demonstration in Gelsenkirchen aufgerufen und diese gegen die berechtigten Einwände und Bedenken von Stadt, Bürgern und Polizei zuletzt vor dem Bundesverfassungsgericht durchgesetzt. Die Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens reagierten auf die drohende Image-Schädigung mit einigen Gegenveranstaltungen.
Die größte und offizielle fand am Theater statt und hatte Volksfestcharakter: „Flagge zeigen gegen Rassismus“ für alle.
Die eigentliche Gegendemonstration traf sich ab 10 Uhr morgens vor dem Hauptbahnhof und bot das andere Bild: Studis, Antifas, Antideutsche, Bunte aller Farben und Jahrgänge aus ganz NRW trafen auf lokale Szene-Veteranen. Hier durften auch die SCHALKER GEGEN RASSISMUS nicht fehlen. Nach einer kurzen Demonstrationsrunde durch die Innenstadt sollten sich die Teilnehmer zum Theater oder in den Fanladen begeben, wünschte sich jedenfalls die Einsatzleitung der Polizei. Die Damen und Herren in grüner Kampfmontur untersagten kurzerhand das allgemeine Ansinnen, die NPD-Demonstranten auf der anderen Seite des Bahnhof in Augenschein zu nehmen, mit Straßensperren in ganz Gelsenkirchen und Staus ohne Ende. Schade, ich hätte gerne die Gesichter dieser knapp zweihundert germanischen Greteln und Hanseln gesehen, wenn es noch voller um sie herum geworden wäre! Diese standen nämlich, penibel auf verfassungsfeindliche Symbole kontrolliert, polizeilich eingepfercht und beschützt in der Neustadt, umringt von Unmengen ortsansässiger Menschen unterschiedlicher Herkünfte, die sie hingebungsvoll beschimpften und vereinzelt sogar mit Gemüse bewarfen. Wohlfühlen geht anders!

Mit der geplanten Demo-Route hat es auch nicht geklappt; da war ein kleines entschlossenes multikulturelles Straßenfest mit eigener Straßensperrung vor. Dank der Anwesenheit der internationalen Presse oder eigener Einsicht blieben die bereitstehenden Wasserwerfer der Polizei trocken, obwohl eine kühle Erfrischung wunderbar zum Wetter gepasst hätte.
Drei Kundgebungen später, alle Redner waren mindestens dreimal drangewesen und jeder hatte seinen Sermon schon fünfmal erzählt, war die Veranstaltung zu Ende. Neue Freunde hat die NPD in Gelsenkirchen ganz offensichtlich nicht gefunden. Im Bahnhof gab es dann noch Steine um die Ohren von alten Feinden, und ich glaube vorhersagen zu können, dass Gelsenkirchen bis auf weiteres keinen rechten Demonstrationstourismus wie eine andere WM-Stadt der Region befürchten muss. Es ist drei Uhr, gleich spielt England gegen Paraguay. Gelsenkirchen ist wieder gastfreundlich.

