Nummer 56 - 2007/12

Auszüge aus dieser Ausgabe:

„Ich bin ein Gelsenkirchener Junge“ - Interview mit Halil Altintop
Kein Treppenwitz
Unsere U-Bahn fährt zum Stadion!
Tausend Trainer schon verschlissen - Teil 6



„Ich bin ein Gelsenkirchener Junge“

(dol/usu) In der Länderspielpause traf SCHALKE UNSER den verletzten Halil Altintop und sprach mit ihm über Hochbett, Straßenfußballer, Familie, Religion und Fans.

SCHALKE UNSER:
Wir haben dich und Hamit im SCHALKE UNSER im Februar 2006 im Streit darüber dargestellt, wer oben und wer unten im Hochbett schläft. Jetzt wollen wir es natürlich von dir wissen, wie war das in Wirklichkeit?

HALIL ALTINTOP:
Wir hatten bis zu einem bestimmten Alter wirklich ein Hochbett, aber es war uns egal, wer oben und wer unten geschlafen hat.

SCHALKE UNSER:
Waren du und Hamit früher das, was man Straßenfußballer nennt?

HALIL ALTINTOP:
Doch, ja. Wir haben immer den Ball dabei gehabt und überall gespielt, auf der Straße, auf dem Bolzplatz und, wenn unsere Freunde nicht da waren, dies auch nur zu zweit. Wir sind mit sieben Jahren in einen Fußballverein eingetreten. Aber wir haben in unserer Freizeit immer Fußball gespielt, denn Training war damals nur zwei bis drei Mal in der Woche.

SCHALKE UNSER:
Du hattest damals wie Hamit ein Angebot, bei Schalke zu spielen. Wieso bist du nach Kaiserslautern gegangen?

HALIL ALTINTOP:
Weil ich der Meinung war, dass es besser ist, zuerst woanders zu spielen. Dieser Meinung war auch Rudi Assauer. Er sagte damals, dass er gerne uns beide hätte, aber dass es für mich schwieriger sein würde als für meinen Bruder, von Anfang an zu spielen. Assauer wollte mich aber trotzdem haben, weil er der Meinung war, dass aus mir ein guter Fußballspieler wird. Ich war ihm dankbar, dass er mir das so direkt gesagt hat und nicht irgendwelche Lügengeschichten erzählt hat, um mich zu halten. Darum bin ich nach Kaiserslautern gewechselt.

SCHALKE UNSER:
Das hat sich für dich ja dann auch gelohnt. Miroslav Klose als Lehrmeister ist gewiss keine schlechte Referenz. Auf Schalke hättest du bestimmt nicht so häufig spielen können.

HALIL ALTINTOP:
Man weiß zwar nie, was im Fußball passiert, aber der Meinung war ich auch. In Kaiserslautern hat mir der Trainer erklärt, dass er mich immer einsetzen wird, wenn auch nicht immer von Anfang an. Das war für mich schon wichtig, in dem Alter und aus der Regionalliga kommend, so ein Vertrauen von einem Trainer zu erhalten.

SCHALKE UNSER:
Du hattest damals auch Angebote türkischer Vereine, hast die ausgeschlagen, aber trotzdem spielst du als gebürtiger Gelsenkirchener in der türkischen Nationalmannschaft. Wie hat sich das ergeben?

HALIL ALTINTOP:
Mir fiel es damals sehr schwer, die Entscheidung zu treffen. Hamit hatte sofort gesagt, dass er für die Türkei spielen will. Bei mir war das aber so, dass ich mich sehr für die deutsche Nationalmannschaft interessiert habe. Ich habe in der Türkei für mich mehr Perspektiven gesehen. Ausschlaggebend war aber meine Familie, besonders meine Mutter. Ich habe mehr zu den Deutschen tendiert, mich aber trotzdem für die Türkei entschieden.

SCHALKE UNSER:
Respekt von uns für dein Verhalten bei dem Relegationsspiel gegen die Schweiz, dass du bei den Ausschreitungen nicht mitgemacht und sogar eingegriffen hast.

HALIL ALTINTOP:
Es war ein Reflex, weil so etwas nicht sein kann. Klar wollte ich auch bei der WM dabei sein. Aber ich kann nicht nachvollziehen, dass sie sich so verhalten haben. Klar haben die Schweizer uns während des Spiels nach ihren Toren provoziert. Aber für mich war das trotzdem kein Grund, dass sie sich so verhalten. Ich habe mich nie geprügelt, auch als Kind nicht. Höchstens mal mit meinen Bruder einen Ringkampf. Aber für mich war und ist Gewalt kein Mittel.

SCHALKE UNSER:
Es hieß, dass du während deiner Zeit in Kaiserslautern deinen Bruder sehr vermisst hast. Nun bist du zurück in Gelsenkirchen und er ist weg.

HALIL ALTINTOP:
Wir verstehen uns sehr gut und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Wir haben bis zum zwanzigsten Lebensjahr alles geteilt und dieselben Interessen gehabt. Aber ich freue mich natürlich schon für ihn, weil das sportlich schon ein entscheidender Schritt ist. Aber fehlen wird er mir immer.

SCHALKE UNSER:
Wie ist das für dich, als Gelsenkirchener auf Schalke zu spielen?

HALIL ALTINTOP:
Wir kommen ja direkt aus der Neustadt, und da war es vor allem bei großen Spielen immer rappelvoll. Das haben wir schon immer mitbekommen und natürlich war ich auch einige Male im Parkstadion. Klar haben wir auch immer mitgefiebert. Und jetzt als Gelsenkirchener auf Schalke zu spielen, wie Hamit immer sagte, „im eigenen Wohnzimmer“, ist schon etwas tolles. Als Gelsenkirchener kennt man auch die Leidenschaft, mit der hier Fußball gelebt wird, und den Kampfgeist, der hier erwartet wird

SCHALKE UNSER:
Von Fanseite wird ja kritisiert, dass durch die hohen Eintrittspreise bei Champions-League-Spielen ein Publikum in die Arena kommt, das zum Teil diese Leidenschaft nicht lebt. War es dies, was du nach dem Valencia-Spiel gemeint hast, als du gesagt hast, du hättest mehr erwartet von den Fans?

HALIL ALTINTOP:
Eins vorweg: An dem Tag haben wir nicht sehr gut gespielt und uns die Niederlage selbst zuzuschreiben. Darüber waren wir anschließend enttäuscht. Mit meiner Aussage wollte ich nicht die treuen Fans kritisieren. Ich war einfach erstaunt, denn ich habe beim ersten Champions-League-Spiel der Saison viel mehr Euphorie erwartet. Wir hatten immerhin Valencia zu Gast, die es bis jetzt immer in der CL sehr weit gebracht haben. Wenn man nie seine Meinung sagt, auch wenn die einmal nicht von allen geteilt wird, dann verlieren am Schluss alle. Das ist wie in einer Familie.

SCHALKE UNSER:
Hat dich die Reaktion der Fans denn überrascht, dass die so sauer waren?

HALIL ALTINTOP:
Nein, definitiv nicht, obwohl mein Bruder auch eine schwierige Phase hier hatte.

SCHALKE UNSER:
Es ist für uns auch erstaunlich, da fordern die Leute einerseits, dass Spieler von der Grenzstraße spielen, dann haben sie jemanden aus der Neustadt und der wird dann ausgepfiffen.

HALIL ALTINTOP:
Ja, ich bin Gelsenkirchener. Klar, meine Eltern sind aus der Türkei, aber ich und mein Bruder sind es. In der Pfalz meinten sie immer, dass ich ein Ruhrpottjunge sei, so wie ich rede und mich gebe. Ich stelle mich auch nicht hin und sage ich bin perfekt. Mir ist bewusst, dass ich hier noch nicht ganz angekommen bin. Aber ich bin mir sicher, dass der Knoten platzt, das war ja auch in Kaiserslautern so. Ich hätte nach meinen 20 Toren in Kaiserslautern auch zu anderen Vereinen wechseln können. Aber ich wollte nach Schalke kommen. Egal was sich ergibt, ich werde immer in dieser Stadt bleiben und ich werde immer alles für diesen Verein tun. Ich will auch immer den Fans in die Augen schauen können, weil ich weiß, ich habe alles gegeben.

SCHALKE UNSER:
Marcelo Bordon und andere haben das Buch „Mit Gott auf Schalke“ rausgegeben. Fühlst du dich als Muslim da außen vor?

HALIL ALTINTOP:
Nein, überhaupt nicht. Jeder hat seinen Glauben und seine Art und Weise, wie er sich darin am wohlsten fühlt. Es gibt Spieler, die machen ein Kreuz, wenn sie auf den Platz kommen oder beten am Mittelkreis. Ich bin ein Typ, der es für sich macht. Ich fange im Tunnel an zu beten, das braucht keiner zu wissen, das mache ich für mich. Aber ich respektiere es, wie andere es auf ihre Weise machen.

SCHALKE UNSER:
Wie hältst du es mit dem Ramadan?

HALIL ALTINTOP:
Ich kann mich leider nicht daran halten. Mein Körper ist mein Kapital und als Sportler braucht man sehr viel Flüssigkeit. Aber später in meinem Leben werde ich mich schon an die Regeln des Ramadans halten.

SCHALKE UNSER:
Du bist ein Rogon-Spieler. Was macht dieses Beraterteam anders oder besser als andere Berater?

HALIL ALTINTOP:
Das weiß ich nicht. Ich kenne nur Rogon, aber sie ermöglichen mir, mich auf den Fußball zu konzentrieren, weil sie sich um meine Angelegenheiten kümmern. Ich kann mich auf die Leute verlassen und ich finde es sehr gut, wie ich da betreut werde.

SCHALKE UNSER:
Bist du schon rassistisch angegriffen worden?

HALIL ALTINTOP:
Ich hatte Schulkollegen, die mit meinen Landsleuten große Probleme hatten, mit mir aber nicht. Ich habe persönlich keine negativen Erfahrungen gemacht.

SCHALKE UNSER:
Warum trägst du die roten Schuhe?

HALIL ALTINTOP:
Bei der Länderspielreise habe ich die neue Schuhe bekommen. Sie sagten, dass die doch gut passen, da ich jetzt ja für die Türkei spiele und wir in rot antreten,. Mit den Schuhen habe ich dann zwei Tore für die Nationalmannschaft geschossen - der Aberglaube hat dann dazu geführt, dass ich sie jetzt weitertrage. In Duisburg hat es ja auch geklappt.

SCHALKE UNSER:
Nun, dann hoffen wir, dass du mit den Schuhen weiterhin für Schalke triffst. Herzlichen Dank für das Gespräch. Glückauf.


Kein Treppenwitz

(usu) In der Mai 2007­-Ausgabe des SCHALKE UNSER hatten wir von der Treppe, die direkt vom Parkplatz auf das Arena-Gelände führt, und ihrem Schild berichtet - doch jetzt ist es weg. Die Treppe führt nun ein schildloses Dasein. Nur eine Schraube mit einer kleinen Ecke erinnert an die Zeiten, als die Treppe sich über die vielen Fragen freute, die ihre Benutzer anlässlich des Schildes äußerten. Nun ist sie nur noch eine graue, namenslose Treppe.

Wer sich und warum zu dieser Schandtat mitten im kühlen Sommer hinreißen ließ, lässt sich nur vermuten. Sehr wahrscheinlich muss das Schild jetzt in einem muffigen Partykeller an der Wand hängen ohne Wind, Regen und Sonnenschein und ohne die vielen blau-weißen Fans.

Welch trostlose Vorstellung, wahrlich keine artgerechte Sven-Schaeffner-Schild-Haltung. Die Öffentlichkeitsabteilung von Schalke reagierte betroffen, als sie von der SCHALKE UNSER-Redaktion über den Verlust informiert wurde.

Die Frage, ob der Bericht im SCHALKE UNSER oder in dem Buch „Fast alles über Schalke“ den Dieb zu seiner Tat trieb, wurde nicht weiter vertieft, um so die Schuldgefühle im Rahmen zu halten. Doch wurde der Redaktion mitgeteilt, dass das Entsetzen bei allen, die bei der Einweihung des Schildes beteiligt waren, groß sei. Man fühle sich moralisch verpflichtet, ein neues Schild anzubringen.

Auch der Verewigte wurde informiert. Schalke erreichte Sven Schaeffner in Brasilien. Er zeigte sich entsetzt und meinte fatalistisch: „Man muss mit Rückschlägen leben können.“


Unsere U-Bahn fährt zum Stadion!

(ini) Die Schalker Fan-Initiative hat im Rahmen der FARE-Aktionswoche 2007 die Aktion „Unsere U-Bahn fährt zum Stadion - Schalker gegen Nazigesänge“ ins Leben gerufen. Die Botschaft lautet: „Tut Euch zusammen und schweigt nicht, wenn solche Gesänge zu hören sind. Gemeinsam können wir klarmachen, dass unsere ausländischen Mitbürger willkommen sind - Nazis und Rassisten aber nicht! Und wenn Zivilcourage angesichts der Ausgangslage wirklich nicht reicht oder du keine Verbündeten findest: Ruf die 110 an, beschreibe die Situation und stell Dich als Zeuge zur Verfügung.“

Die Aktion wurde vom FC Schalke 04 und der Bogestra unterstützt. Der Aufruf wurde unterzeichnet vom Schalker Fan-Club Verband, dem Supporters Club e.V., dem Schalker Fanprojekt und dem Projekt „dem ball is’ egal, wer ihn tritt“.

Konkret sah die Aktion so aus: Am Heimspieltag gegen Werder Bremen wurden in den Straßenbahnen zur Arena Werbeflächen mit unserer Botschaft beklebt.

An den Haltestellen hingen Plakate, auf denen die Schalker Profis Heiko Westermann und Jermaine Jones gemeinsam mit Fans für Zivilcourage werben. Zudem haben wir Handzettel am Bahnhof, in den Straßenbahnen und im Stadion verteilt. Kurz vor dem Spielanpfiff gegen Bremen konnten wir die Aktion auch auf dem Rasen in der Arena vorstellen.

Die Botschaft scheint angekommen zu sein. Das vermitteln zumindest die positiven Reaktionen vieler Fans.


Tausend Trainer schon verschlissen - Teil 6

Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04

(rk) Schalke und Alkohol gehören ja irgendwie zusammen: Veltins ist einer der Hauptsponsoren, bei der 10-Jahres-Feier zum Uefa-Cup-Sieg flogen Biergläser Richtung Ex-Manager, so manche Jahreshauptversammlung ist ebenfalls in feucht-fröhlichem Chaos versunken und Udo „Ouzo“ Lattek hat nicht nur einmal zusammen mit Günter Eichberg an der Weinschorle genippt. Doch es gab noch einen zweiten Schalker Trainer, der berühmt-berüchtigt war für seinen Hang zum C2H5OH.

Rolf (Rudolf) Schafstall wurde am 22. Februar 1937 in Duisburg geboren, feierte also jüngst seinen 70. Geburtstag. Als Spieler war er unter anderem bis 1963 in der Oberliga West, der seinerzeit höchsten Spielklasse, für Hamborn 07 aktiv. In der Regionalliga Süd spielte er von 1963 bis 1972 für den SSV Reutlingen 05, wo er 1965 und 1968 den Meistertitel der Regionalliga feiern konnte.

Bekannter geworden ist der gelernte Anstreicher Rolf Schafstall aber durch seine Laufbahn als Trainer, wo er sich schnell einen Namen als „harter Hund“ machte. Seine erfolgreichste Zeit hatte Schafstall beim VfL Bochum, den er von 1981 bis 1986 in der Bundesliga trainierte, bevor er zur Saison 1986/87 zu den Königsblauen wechselte.

„Entweder schaffe ich Schalke …“

Unvergessen bleiben diese Worte von Rudi Assauer bei seinem ersten Amtsantritt im Jahr 1981. Knapp fünf Jahre später musste Rudi Assauer erkennen, dass Schalke ihn geschafft hatte ­ zwar noch nicht endgültig, wie wir alle wissen, aber erst einmal reichte es ihm. Auslöser für die Entlassung Assauers war 1986 die Verpflichtung von Trainer Rolf Schafstall.

Doch warum musste Rudi Assauer nun seinen Stuhl räumen? Vereinspräsident Dr. Fenne war offenbar nicht mehr zufrieden mit der Arbeit von Diethelm Ferner. Doch war es nur seine Arbeit? Dr. Fenne, Unternehmer aus Gladbeck, vermisste beim unauffälligen Ferner das aus seiner Sicht erforderliche „Charisma“ ­ ein „auf Schalke“ bis dahin noch nicht allzu häufig benutzter Begriff. „Bis dahin“, so Assauer, „hat die Zusammenarbeit mit uns ja nicht schlecht geklappt. Aber das Problem war, dass Dr. Fenne über Nacht plötzlich der Meinung war, irgendjemand habe ihm Fußballverstand eingeimpft.“ Das konnte nicht gut gehen, und so gerieten die beiden aneinander. Ohne Absprache mit Assauer begann Dr. Fenne die Verhandlungen mit Rolf Schafstall und gab sodann dessen Verpflichtung bekannt. Assauer fühlte sich zu Recht übergangen: „Dann wollte ich die Vertragsverhandlungen mit Schafstall aufnehmen, da höre ich, dass das auch schon alles geregelt ist“.

Wo ich bin, herrscht Chaos

Rudi Assauer, der schon immer einen guten Draht zu seinen Spielern hatte, merkte schnell, dass dies eine Verpflichtung mit fatalen Folgen sein würde. Schafstall und Assauer ­ das passte überhaupt nicht zueinander.

Dabei stand der Saisonstart ansonsten unter einem nicht allzu schlechten Stern: Zwar verließ Frank Hartmann den Verein wieder in Richtung Kaiserslautern und Dieter Schatzschneider wurde an Fortuna Köln ausgeliehen, aber mit Jürgen „Kobra“ Wegmann (vom BxB) und Libero Wilfried Hannes (aus Gladbach) wurden zwei „Hochkaräter“ geholt. Zu ihnen gesellte sich ein Spieler, der uns noch in guter Erinnerung ist: der damals 18 Jahre alte Schüler des Schalker Gymnasiums, Michael „Magic“ Prus. Mit diesen Verstärkungen war man frohen Mutes, in dieser Saison auch mal oben anklopfen zu können. Noch bevor die Saison richtig begonnen hatte, nahm das Unglück aber seinen Lauf. Jürgen Wegmann hatte sich im Trainingslager den Fuß gebrochen und bei Wilfried Hannes machte sich eine alte Muskelverletzung nachhaltig bemerkbar.

Einem guten Saisonstart folgten katastrophale Leistungen auf dem Platz. Nach einer 2:0-Führung am 4. Oktober im Spiel gegen den 1. FC Köln verlor Schalke noch 2:4. Das leitete eine Serie von sieben Spieltagen ohne Sieg ein. In der Führungsriege kriselte es gewaltig. Fenne, Manager Assauer und Trainer Schafstall schlossen auf der Fahrt zum Freundschaftsspiel nach Rostock noch einmal Frieden, der jedoch unter dem Zwang ausbleibender Erfolge nur ein Waffenstillstand war. Am 28. November verbannte Rolf Schafstall den Manager aus dem Trainingslager.

In einer Marathonsitzung des Vorstandes und des Verwaltungsrates bis nach Mitternacht wurde Rudi Assauer als Manager gegen den Willen des Verwaltungsrates vom Vorstand entlassen. Zur großen Überraschung aber erklärte Präsident Dr. Fenne am 6. Dezember vor dem Schlagerspiel gegen Bayern München selbst seinen Rücktritt ­ aus persönlichen Gründen. Das Chaos war perfekt und Schalke drückte eine Schuldenlast von 5,2 Millionen Mark. Heute wäre das nicht der Rede wert, damals machten sich die Schalker Vereinsmitglieder große Sorgen.

„Der größte Fußball-Prolet aller Zeiten“

In einer unbeschreiblichen Wahlnacht wurde Oskar Siebert zum dritten Male zum Präsidenten gewählt. Doch auch er konnte das Unheil nicht aufhalten. Auf der sportlichen Seite machten sich bei Schalke immer wieder drei Dinge bemerkbar: Unvermögen, Nervenschwäche und Pech. Und zwar in dieser Reihenfolge. Bis zum Ende der Rückrunde sollte Schalke nur noch ein einziges Spiel gewinnen (gegen Homburg 3:0), so dass Siebert kaum eine andere Wahl blieb, als den erfolglosen Trainer Rolf Schafstall zu feuern. Als sein Nachfolger nahm Horst Franz auf der Trainerbank Platz.

Auch die Spieler blicken noch heute mit Grausen an die Zeit unter Rolf Schafstall zurück: „Von Anfang an merkte ich, dass da irgendwas nicht stimmt“, meinte etwa Bernard Dietz. Auch der „Boxer“ Klaus Täuber war unzufrieden: „Kaum war Schafstall da, entschwanden alle bisherigen Tugenden. Keine Kameradschaft mehr, kein Zusammenhalt und als Ergebnis davon weniger Erfolg.“ Später wird Rudi Assauer Schafstall als „einen der größten Proleten, die ich in der Fußball-Branche kennen gelernt habe“, bezeichnen.

Der Besserwessi

Rolf Schafstall ging zu Bayer 05 Uerdingen, wo er auch keine Bäume ausreißen konnte. Es folgten einige kurzfristige Engagements, darunter zwei weitere bei „seinem“ VfL Bochum. An seinen alten Erfolg konnte er aber nie wieder anknüpfen. 1990 wurde er als „Wiederholungstäter“ mit Alkohol am Steuer erwischt, zu vier Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt und geriet so ins gesellschaftliche Abseits. In schlechter Erinnerung bleibt auch seine Trainerzeit bei Dynamo Dresden als er mit einer Wutrede à la Trappatoni den Zorn aller Ostdeutschen auf sich zog: „Dreck, wo du hinguckst! Das sind lauter Spinner hier! Die sind nicht zur Arbeit, nicht zur Ordnung, zu nichts erzogen worden hier! Das stinkt zum Himmel! Da steht keiner auf, da hört keiner zu - kein Anstand! Lauter Ossis!“

Dieter Riedel, früherer DDR-Nationalspieler und Dynamo-Präsident, wird so zitiert: „Der über den Sponsor ‚Kinowelt’ als Feuerwehrmann installierte Rolf Schafstall war nur 57 Tage im Amt, 56 davon waren schon zu viel, so krass muss man das sagen. Sportlich hat er nichts bewegt, aber in der Mannschaft, im ganzen Klub und im Umfeld für helle Empörung gesorgt mit einer Folge an schlimmsten Beleidigungen. Er hat den Super-Besserwessi gespielt, alles und jeden niedergemacht. Dabei sorgte er für alle Eskapaden, die seinem Ruf voraus gingen, bis hin zum Alkoholmissbrauch.“

Rolf Schafstall lebt heute auf einem umgebauten Bauernhof in der Nähe von Krefeld.


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