Nummer 57 - 2008/03
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke - So dumm, wie Euer Verein es Euch erlaubt
„Was passiert ist, ist passiert. Und dazu stehe ich!“ - Interview mit Mladen Krstajic
Und ab geht die Lutzie
Brief aus dem Sponsorenland
Tausend Trainer schon verschlissen - Teil 7
Attacke - So dumm, wie Euer Verein es Euch erlaubt
So geht es nicht. Selbst wenn man dumm wie ein Borusse ist, sollte man irgendwann einmal gelernt haben, dass zwischen schlechtem Humor und grenzenloser Geschmacklosigkeit ein bedeutender Unterschied ist. Das Banner „Reichsrekordmeister“, das Ihr beim letzten Derby höher als Euren IQ gehalten habt, gehört in diese Kategorie.

Ein Blick in Eure Schulbücher könnte helfen, kleiner Tipp: Zwischen 1933 und 1945 herrschte in Deutschland ein Unrechtsregime, dessen unzählige Opfer Tod, Folter, Verfolgung, Kastration und sonstige Grausamkeiten erlitten. Lest nach.
„Aber“, werden diejenigen unter Euch, die Lesen gelernt haben - vermutlich unter Zuhilfenahme des Fingers und mit sich bewegenden Lippen -, murmeln, „so war das doch nicht gemeint. Das sollte lustig sein“. War es aber nicht.
Es war nicht lustig, und all die Angehörigen der Opfer eines in der Geschichte einmaligen Unrechtsregimes werden in Euer Gelächter sicher nicht einstimmen. Vielleicht geht Ihr einmal eines der wenigen noch unter uns weilenden KZ-Folteropfer besuchen oder einen seiner Angehörigen. Und dann erklärt ihm doch mal den „Witz“.
„Was passiert ist, ist passiert. Und dazu stehe ich!“
(igo/dol) Im Februar bot sich dem SCHALKE UNSER die Gelegenheit, unseren Defensivspezialisten Mladen Krstajic ausführlich zu befragen. Dabei entpuppte sich der serbische Nationalspieler als ungemein sympathischer und ruhiger Zeitgenosse, der sehr professionell zu Themen wie Meisterschaft, Champions League, Zukunftsplänen und seinem angespannten Verhältnis zur Presse Stellung bezog.
SCHALKE UNSER:
Wie sehr beschäftigt dich das Aus im DFB-Pokal, wo du im Elfmeterschießen gescheitert bist? Viele Fans haben sich gewundert, warum ausgerechnet du geschossen hast.
MLADEN KRSTAJIC:
Ich selbst habe entschieden, dass ich schießen möchte. Nach Spielende hatte Mirko Slomka gefragt, wer als Schütze antreten will. Aus meiner Sicht muss ein 33 Jahre alter Spieler mit gutem Beispiel voran gehen und in so einer Situation Verantwortung übernehmen, zumal ich das zu meiner Zeit bei Bremen auch getan habe. Was bringt es, wenn ein 19- oder 20-Jähriger antritt, der seine Nerven nicht im Griff hat? Gut, diesmal habe ich versagt, doch mit meiner immensen Erfahrung fällt es mir sicher leichter, solch ein Ereignis zu verarbeiten, als einem jüngeren Mitspieler, der gerade am Anfang seiner Karriere steht und sich tage- oder wochenlang Vorwürfe macht. Diese Sache ist für mich abgehakt, ich habe keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, und konzentriere mich auf kommende Aufgaben.

SCHALKE UNSER:
Was du und deine Teamkollegen eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, denn beim Sieg über den VfB Stuttgart hat man eine frei aufspielende Schalker Mannschaft gesehen. Habt ihr den Sieg als Genugtuung für die letzte Saison angesehen, wo die Schwaben uns den Titel in letzter Sekunde „weggeschnappt“ haben?
MLADEN KRSTAJIC:
Ich sehe diesen Sieg als das Ergebnis einer hervorragenden Vorbereitung an. Lassen wir das Wolfsburg-Spiel außen vor. Kommt man aus der Winterpause, ist jedes Spiel schwierig, egal wer der Gegner ist. Man hat das anhand der anderen Ergebnisse bereits erkennen können, dass auch andere Mannschaften sich schwer getan haben. Unser Ziel war es, drei Punkte zu holen und schnell nach oben zu kommen. An die letzte Saison habe ich keinen Gedanken verschwendet. Unser Ziel ist es, wieder unter die ersten Drei zu kommen, um auch in der nächsten Saison in der Champions League spielen zu können.
SCHALKE UNSER:
In der Champions League erwartet euch im Achtelfinale mit dem FC Porto ein spielstarkes portugiesisches Team. Bei der Auslosung haben zahlreiche Anhänger wohl gedacht, dass dies der denkbar einfachste der möglichen sieben Gegner ist. Seht ihr das im Team genauso, immerhin haben die Portugiesen in den letzten fünf Jahren zwei große Titel unter Star-Trainer José Mourinho geholt, 2003 den UEFA-Cup und ein Jahr später in unserer Arena die Champions League?
MLADEN KRSTAJIC:
Im Achtelfinale gibt es keine guten oder schlechten Gegner. In Hin- und Rückspiel ist jeder Verein in der Lage, den anderen aus dem Wettbewerb zu schießen. Dennoch kann ich mit dieser Auslosung gut leben: denn Manchester United zum Beispiel wäre ein ungleich schwererer Brocken gewesen. Würde man gegen solch einen Gegner verlieren, wäre es halb so schlimm, denn sie wären klarer Favorit gegen uns. Gegen Porto hingegen sehe ich unsere Chancen bei fifty-fifty, da wäre eine Niederlage schmerzhafter.
SCHALKE UNSER:
Du siehst Porto nicht als Favorit an?
MLADEN KRSTAJIC:
Nein, keineswegs. Wir respektieren diese Mannschaft. Sie ist in der Champions League viel erfahrener und fast jedes Jahr dabei. Doch geben wir in den 180 Minuten Gas, können wir auch gegen Porto bestehen. Ich weiß, was wir leisten können.
SCHALKE UNSER:
Viele Fans haben sich einen „Kracher“ gewünscht und sind womöglich enttäuscht, dass es kein „Hochkaräter“ geworden ist wie etwa Real Madrid oder FC Barcelona. Es wäre toll gewesen, solche Ausnahmespieler wie van Nistelrooy und Raul auf der einen oder Rooney und Ronaldo auf der anderen Seite in der Arena bewundern zu dürfen.
MLADEN KRSTAJIC:
Das hätte für die Fans durchaus seinen Reiz gehabt, solche Top-Leute live in der Arena zu sehen. Ich sehe das etwas differenzierter. Lieber gegen Porto in die nächste Runde einziehen, als gegen ManU stark spielen und unglücklich ausscheiden. So war es vor zwei Jahren in der Gruppenphase gegen Milan der Fall und wir standen mit leeren Händen da.
SCHALKE UNSER:
Wie definierst du Schalkes Saisonziele?
MLADEN KRSTAJIC:
Alles ist offen, selbst Platz 1 ist noch möglich! Es sind noch genug Spiele, da kann alles passieren. Der Punkterückstand ist groß, aber nicht zu groß.

SCHALKE UNSER:
Genauso spannend war das Revierderby zwischen Schalke und dem BXB am 19. Spieltag. Wie bereitest du dich auf so ein Spiel vor? Oder ist es für dich als Routinier ein Spiel wie jedes andere?
MLADEN KRSTAJIC:
Nicht nur für diese Region, für ganz Deutschland ist dieses Spiel elektrisierend! Für mich ist es eines der größten Derbys in Europa. Egal, wie lange du Profifußball spielst, es bleibt immer etwas Besonderes. Mich erinnert dieses Spiel an meine Vergangenheit bei Partizan Belgrad, wo die Derbys mit Roter Stern ebenfalls immer das Saison-Highlight waren. Letzten Endes werden auch bei solch einem Spiel lediglich drei Punkte vergeben, aber die haben wir beim 3:2 gerne mitgenommen, um unsere Fans zufrieden zu stellen.
SCHALKE UNSER:
Nun bot dir das Derby dieses Mal einen zusätzlichen Ansporn. Es ging gegen deinen serbischen Nationalmannschafts-Kollegen Antonio Rukavina, den der BXB in der Winterpause verpflichtet hat. Hattest du schon mit ihm vor dem Knaller gesprochen?
MLADEN KRSTAJIC:
Nein, ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Er hat genau wie ich bei Partizan Belgrad, wo er Kapitän war, gespielt und zu Recht den Sprung in die serbische Auswahl geschafft. Leider hat er sich für Dortmund entschieden. Pech für ihn und ein Minus in seiner Karriere.
SCHALKE UNSER:
Schade, aber Schalke wäre für ihn auch keine gute Option gewesen, da wir auf dieser Position mit Rafinha exzellent besetzt sind. Etliche andere serbische Nationalspieler könnte man sich hingegen sehr gut im blau-weißen Dress vorstellen. Mateja Kežman hatte sich in der Winterpause zum Thema Schalke 04 geäußert und durchaus Interesse an einem Wechsel in die Bundesliga bekundet. Warum rührst du nicht die Werbetrommel für die Knappen und lotst mal ein Talent aus Serbien zu uns, zumal das Jugendinternat von Partizan europaweit bekannt ist?
MLADEN KRSTAJIC:
Mateja ist natürlich ein hervorragender Stürmer, aber wir sind im Angriff mit Larsen, Kuranyi, Asamoah oder Lövenkrands schon mehr als gut besetzt. Gegenwärtig hätte ein Wechsel nicht viel Sinn gemacht. Nicht nur mit ihm habe ich über Schalke gesprochen, auch andere serbische Spieler haben mich nach unserem Club gefragt. Das ist doch normal, schließlich ist Schalke ein großer Verein und europaweit bekannt. Wichtig ist, dass die serbischen Spieler zumindest den Sprung in die Bundesliga schaffen. Trotzdem würde ich mich riesig freuen, wenn jemand nach Schalke käme.
SCHALKE UNSER:
Wenn man rückblickend deine Entwicklung betrachtet, als du nach deiner Verpflichtung in Bremen gar als Flop abgestempelt wurdest, bildest du mit Marcelo Bordon mittlerweile seit Jahren konstant eines der besten Innenverteidiger-Duos der Liga. Wie erklärst du dir selbst diesen Fortschritt?
MLADEN KRSTAJIC:
Es ist schön zu hören, dass die Leute über uns reden und als beste Abwehr der Liga bezeichnen. Ausschlaggebend für meine Entwicklung waren sicher die vier Jahre bei Werder, wo ich eine tolle Zeit erlebt habe und Deutscher Meister und Pokalsieger geworden bin, auch wenn es anfangs schwierig war. Aber ich hatte das Gefühl, dass es weitergehen und ich nach diesen vier Jahren einen weiteren Schritt in meiner Karriere tätigen musste. Ich bin ein Spielertyp, der Stillstand nicht mag. Nach vielen Jahren bei einem Club besteht die Gefahr, dass man zu sehr in die Bequemlichkeit abrutscht und die Leistungsfähigkeit darunter leidet. Ich verlasse den Verein lieber selbst als rausgeschmissen zu werden. Bei Partizan hatte ich dieses Gefühl nach viereinhalb Jahren ebenfalls und habe den Club gewechselt.
SCHALKE UNSER:
Nun bist du mit 33 Jahren der älteste Spieler auf Schalke und dein Vertrag endet im Sommer 2009. Kannst du dir vorstellen, den auslaufenden Vertrag sogar zu verlängern oder wie sehen deine Pläne für die Zeit nach der aktiven Fußballer-Karriere aus?
MLADEN KRSTAJIC:
Richtig, es bleiben noch eineinhalb Jahre Vertrag. Derzeit fühle ich mich körperlich topfit und habe keinerlei Probleme, mit den jungen Spielern mitzuhalten. Wenn es bis dahin gut läuft und ich von schweren Verletzungen verschont bleibe, kann ich mir alles vorstellen. Ansonsten habe ich kein Problem damit, wenn 2009 ein klarer Schlussstrich gezogen wird.
SCHALKE UNSER:
Vielleicht mit einem Abschiedsspiel so wie kürzlich bei Dario Rodriguez?
MLADEN KRSTAJIC:
Das wäre großartig, wenn ich die Möglichkeit hätte, mich gebührend von diesen tollen Fans zu verabschieden, die zusammen mit den Anhängern von Partizan Belgrad die besten sind.
SCHALKE UNSER:
Wo du wieder die fanatischen Anhänger deines ehemaligen Clubs erwähnst, was ist denn für dich das intensivste Derby überhaupt? Wo ist der Druck durch die Öffentlichkeit am größten? Partizan als Armeeclub und Schalke mit seinen Wurzeln im Bergbau gleichen sich in vielerlei Hinsicht, vor allem was den fanatischen Anhang und die enorme Erwartungshaltung angeht.
MLADEN KRSTAJIC:
Stimmt. Nicht nur die Spiele von Schalke gegen BXB sind absolute Highlights, auch bei Werder hat man diese Anspannung in den Duellen mit dem HSV gespürt. Ich denke, dass der Druck in Serbien im Vorfeld des Belgrader Stadtderbys noch gigantischer ist. Die Mentalität der Leute auf dem Balkan ist anders, die Liga ist schwach und lebt eigentlich nur von diesem Spiel zwischen Partizan und Roter Stern. Gewinnt man diese Begegnung, dann ist der Rest der Saison beinahe irrelevant.
SCHALKE UNSER:
Im Interview mit einem serbischen Internetportal hast du dich neulich dahingehend geäußert, dass du liebend gerne in deine Heimat zurückkehren würdest, weil dir die Tage in Deutschland zu sehr ähneln und nach dem gleichen Schema ablaufen. Kannst du dir nicht vorstellen, als Scout für Schalke tätig zu sein?
MLADEN KRSTAJIC:
Natürlich kann ich mir vorstellen, solch eine Tätigkeit auszuüben und zwischen Deutschland und Serbien zu pendeln. Eine vollständige Rückkehr nach Serbien ist ebenso möglich. Was ich in dem Interview neulich sagen wollte, ist, dass nun mal viele meiner Freunde und die Verwandtschaft in Serbien leben und ich den täglichen Austausch im gemütlichen Beisammensein oder beim Kaffeetrinken sehr vermisse.
SCHALKE UNSER:
Lass uns über deine Karriere in der Nationalmannschaft Serbiens sprechen. Da gab es eine Art Rückritt vom Rücktritt. Nach einer zwischenzeitlichen Ausbootung bist du wieder in das Team geholt worden. Wie geht es da weiter?
MLADEN KRSTAJIC:
Ich weiß es nicht. Vor zwei Jahren habe ich gedacht, dass nach der WM in Deutschland endgültig Schluss sei. Ich wollte den Platz frei machen für nachkommende junge Spieler, aber nach Rücksprache mit dem serbischen Verbandschef und dem damaligen Trainer Javier Clemente habe ich mich zum Weitermachen überreden lassen. Speziell Clemente hat sehr viel Wert auf meinen Verbleib gelegt. Wie es weitergeht, kann ich noch nicht absehen, ich werde im März 34 Jahre alt und unsere Mannschaft hat es verpasst, sich für die EM zu qualifizieren. Das nächste große Ziel wäre die WM 2010 in Südafrika, aber zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits 36 und würde nur aushelfen, wenn Not am Mann ist. Doch da es viele gute serbische Abwehrspieler gibt, mache ich mir über dieses Szenario noch wenig Gedanken.
SCHALKE UNSER:
Da du in deiner Karriere zahlreiche Stationen im ehemaligen Gesamt-Jugoslawien durchlaufen hast, möchten wir gerne wissen, wie dein Verhältnis zu ehemaligen Mitspielern ist, die nun für andere Länder spielen. Seien es nun Kroaten oder Bosnier …
MLADEN KRSTAJIC:
Da gibt es überhaupt keine Probleme. Ich bin sehr gerne in Bosnien oder Kroatien und habe in all den Ländern noch meine Kontakte und Bekanntschaften. Ich weiß, dass viele Deutsche dieses immer noch bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Balkan nicht verstehen, weil es Kriege untereinander gab, aber die Mentalität verbindet uns nach wie vor.
SCHALKE UNSER:
Vor einigen Monaten gab es abseits des Platzes viel Wirbel um deine Person. Zusammen mit Ivan Rakitic bist du vor dem entscheidenden Champions League-Spiel gegen Trondheim aus dem Kader gestrichen worden, weil ihr wenige Tage vorher in einer Duisburger Diskothek zusammen mit Jermaine Jones bis tief in die Nacht gefeiert habt: die „Disco-Affäre“.
MLADEN KRSTAJIC:
Um das klar zu stellen: Das ist für mich keine Affäre! Was passiert ist, ist passiert. Und dazu stehe ich. Wir sind auf einen Geburtstag eingeladen und von jemandem geknipst worden, der die Bilder an die Presse verkauft hat. Logisch, dass Schalke nach der Veröffentlichung solcher Bilder auf irgendeine Art und Weise reagieren muss. Und die Clubführung hat es auch angemessen getan. Die verhängte Strafe habe ich akzeptiert. Wie dann die Presse über diesen Abend berichtet hat, steht für mich wiederum auf einem ganz anderen Blatt. Mag sein, dass mir ein unterkühltes Verhältnis zur Presse nachgesagt wird, wer mich jedoch näher kennt, weiß, dass ich ein umgänglicher Mensch bin. Das, was die Berichterstattung letzten Endes bewirkt hat, war ein Image-Schaden für Schalke und ein Schlag ins Gesicht unserer Fans. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn wir es nicht ins Achtelfinale geschafft hätten. Auch wenn es unser Fehler gewesen ist, aber solch eine Berichterstattung ärgert mich ungemein. Sie hat quasi dazu geführt, dass Schalke gezwungen war, zwei seiner Spieler zu suspendieren und sich so selbst zu schwächen.
SCHALKE UNSER:
Wie sieht eigentlich dein momentanes Verhältnis zu Rudi Assauer aus, der dich nach deiner Verpflichtung einst als „Bandit und Partisanenkämpfer“ bezeichnet hat. Es schien immer so, als ob euch eine tiefe Männerfreundschaft verbindet. Habt ihr noch Kontakt zueinander?
MLADEN KRSTAJIC:
Ja, wir haben immer noch Kontakt zueinander. Ich kann mich seinerzeit an unsere Gespräche erinnern, als es darum ging, mich nach Schalke zu holen. Die Angelegenheit war nach fünf Minuten erledigt. Ich wusste von dem Moment an, dass ich zu Schalke wechseln will. Als ich Thomas Schaaf und Klaus Allofs von meiner Entscheidung, den Verein wechseln zu wollen, berichtet habe, war die Enttäuschung natürlich riesengroß, weil sie mich unbedingt halten wollten. Thomas Schaaf hatte bei diesem Gespräch Tränen in den Augen. Doch ich stand bei Rudi Assauer im Wort, und ein Handschlag bedeutet mir mehr als eine Unterschrift.
SCHALKE UNSER:
Abschließend interessiert uns deine Sicht der Dinge über den Transfer-Hickhack um Mesut Özil, der zu deinem alten Verein nach Bremen gewechselt ist.
MLADEN KRSTAJIC:
Es ist sehr traurig, was da passiert ist. Ein junger Spieler, gerade mal 19 Jahre alt und ein großes Talent des deutschen Fußballs. Es war nicht sein Fehler, er ist ein guter Junge und wollte gerne bei Schalke bleiben. Unser Vorstand hat alles versucht, ihn zum Verbleib zu überreden, doch Mesut hat sich offenbar zu sehr von seiner Familie lenken lassen. Jetzt haben wir ein Riesentalent verloren, aber es kommen gute junge Spieler nach. Ein Höwedes zum Beispiel könnte mein Nachfolger werden.
SCHALKE UNSER:
Danke für das Gespräch und Glück auf!
Und ab geht die Lutzie
SCHALKE UNSER-Reporter Rudi Grasraucher war bei der Disco-Affäre um Schalker Spieler live dabei. Mit Hilfe eines Ghostwriters enthüllt er jetzt exklusiv im SCHALKE UNSER wie es wirklich war.
Kurz vor dem Spiel in Frankfurt haben sie mich aus der WG mit Carlos rausgeschmissen und meinen Job als Dolmetscher gekündigt. Meinten, dass Uruguayisch gar keine Sprache wär. Schade, dabei hatte ich mich die letzten Wochen schön eingelebt - die Bude war optimal für Feten, man nannte mich schon den Hugh Hefner von Buer.
Beim Spiel war ich dann richtig am Arsch. Nicht, dass der Kasten Mariacron von der Hinfahrt langsam Wirkung zeigte, Carlos war auch noch sauer auf mich. Die Bude war total abgerockt und die Sechsmonatsration Mate-Tee weg. Ich hatte herausgefunden, dass man das Zeug kalt und mit Asbach gestreckt wunderbar trinken konnte, um sich vom Wochenendrausch zu erholen.
Calle meinte, der Gustavo könnte nicht schon wieder ’n Muskelfaserriss vortäuschen, um erneut was aus good old Uruguay anzukarren. Ich musste was tun. Als Fabe dann so einen Frankfurter umnietete, hab ich einfach zum Carlos geschrieen: „Der war das mit dem Mate-Tee!“. Calle hat’s geschluckt.
Und Schlucken war das Stichwort. Ich hatte ordentlich Brand und verdrückte mich zum Mannschaftsbus, um dort mal auszuloten, was der Busfahrer noch gepachtet hatte. Die erste Packung Feiglinge atmete ich quasi ein. Danach musste ich mich erstmal hinhauen. Neben den Trikottaschen fand ich dann einen Umschlag mit der Aufschrift „Handgeld A. Streit“ - hatte wohl einer vergessen. Na ja egal, die Scheinchen reichten, um die Rückfahrt nicht trocken zu verbringen.
In Gelsenkirchen angekommen machte mich der Spießer Müller an, was ich zwischen dem Gepäck verloren hätte. Ich hatte wohl so ’ne Fahne, die dachten schon, der Auspuff vom Bus wär nicht in Ordnung. Jetzt hatte ich Lust auf’n Sixpack. Ich lallte ihm etwas entgegen von wegen Träger. Müller verstand aber Trainer und meinte, dass das langsam ein bisschen viele wären.
Dann wurde ich zu den anderen Trainern geschickt. Techniktrainer, Taktiktrainer, Psychotrainer - die hatten natürlich auch wieder ordentlich die Lampen an. Die kamen mit dem Gehaltsversaufen schon gar nicht mehr nach. Egal, wir sollten uns um die Spieler kümmern. Bombig. Hatte nämlich noch was gut zu machen. Asa war noch sauer. Im letzten Jahr waren wir zusammen im Hibernia versackt, da hat er mir die ganze Zeit vorgeheult, wie schlimm der Slomka ist.
Na ja, und die Affen von der Bild haben mich dann mit drei Lkw-Ladungen feinstem Strohrum erpresst, da hab ich alles erzählt und es dem Halil in die Schuhe geschoben. War blöd. Aber ich hatte ja noch den Umschlag - heut geht alles auf mich. Alle rein mit zehn Mann ins Großraumtaxi, Rafinha auf dem Schoß, Fabe im Kofferraum, und dann ab die Lutzie.
In Duisburg angekommen machte Toni uns einen Riesenempfang. Ein paar Monate in Duisburg und schon der Disco-König. Ich war bester Stimmung, der Pitcher Sambuca auf Ex war genau richtig, Manuel und Zlatan blieben bei Whiskey-Cola - müssten ja Dienstag noch gegen Trondheim spielen. Mladen und Ivan lachten sich kaputt. Im Schuppen schnappte ich mir schnell das Mikro und versuchte, „Das rote Pferd“ zu singen. Karaoke war mein Gebiet. Konnte aber gar nicht mehr klar sprechen. Plötzlich meinten alle, ich würd’ auf serbisch singen.
Irgendwann rief dann noch Olli an, auf der Weihnachtsfeier wär’s so langweilig, ob wir nicht noch was starten im Pott. Ich sagte ihm, er soll den Otti alleine lassen und ’rumkommen mit mir ein’ heben - wie damals im P1. In dem Moment wurd’ ich geknipst von Fans, die mich wohl von irgendner Auswärtsfahrt kannten. Mladen, Jermaine und Ivan wollten unbedingt mit auf’s Foto. Die anderen waren schon zu voll. Haben aber gesagt, wenn die drei sie nicht verpfeifen, lassen sie sich nach dem Spiel gegen Rosenborg was einfallen. Vor allem Zlatan hatte Schuldgefühle.
Egal, ich griff in den Umschlag und ließ mich um 13 Uhr mittags mit der Limo zu Charlys Bummelzug fahren. Der Streit kommt doch sowieso.
Brief aus dem Sponsorenland
Guckt Euch mal die Kollegen von Zenit Petersburg an
St. Petersburg, den 31. Januar 2008
Liebe Schalke-Fans,
nun habe ich mich fast ein Jahr nicht mehr bei Euch gemeldet. Tut mir leid, Leute, aber - um ehrlich zu sein - ich war auch ganz schön enttäuscht, dass Ihr das in der letzten Saison mit dem Titel nun wieder nicht hingekriegt habt. Mit dem Sponsor im Rücken war das ja schon ein Kunststück! Guckt Euch mal die Kollegen von Zenit Petersburg an: Mit Gasprom auf der Brust ist man Meister geworden. So geht das! Aber immerhin sind ja die T-Home-Leute aus München hinter Euch geblieben, das hat uns in Russland ja dann doch wieder etwas versöhnt. Und vielleicht wird es ja in diesem Jahr, obwohl ….
Aber lassen wir das. Geduld und Arbeit sind das beste Mahlwerk, wie man bei uns sagt. Und eigentlich wollte ich Euch ja aus dem Gasprom-Land berichten. Da ist es in dieser Saison ganz schön spannend, denn immer wieder wird gewählt. Erst das Parlament und jetzt im Frühjahr der Präsident. Natürlich sind die Wahlen nicht so wild wie bei Euch, wo man hinterher manchmal gar nicht weiß, wer denn nun eigentlich regieren soll. Nein, schön kontrolliert läuft das Ganze hier ab, wie in einem kultivierten Fußballspiel. Oder „souverän“, wie die Leute aus dem Kreml das nennen. Und die paar Störenfriede wie Kasparow, die das ganze System noch nicht verstanden haben, sollen doch wieder Schach spielen gehen.
Euer Sponsor passt auf alles gut auf, da könnt Ihr ganz ruhig sein. So bleibt es im Winter schön warm bei Euch und es rollen auch weiter Rubel in Eure Vereinskasse. Für alle ist es deshalb auch das Beste, wenn ein hohes Tier von Gasprom unser nächster Präsident wird. Dmitri Anatoljewitsch Medwedew heißt der Mann und war vorher Aufsichtsratsvorsitzender bei Gasprom. Der muss zwar noch gewählt werden, aber das ist reine Formsache, macht Euch keine Sorgen.
Und damit auch wirklich nichts schief gehen kann, nimmt er auch nicht an Fernsehdebatten mit seinen Konkurrenten teil. Hat einfach zuviel zu tun, heißt es. Wisst Ihr, der Mann ist einfach eine andere Liga! Ihr kickt ja auch nicht mit Fortuna Düsseldorf um Punkte. Ist auch ein echt lockerer Typ, der Dmitri. Natürlich eingefleischter Fan von Zenit! Und Rockfan dazu. Vielleicht können ja dann auch Eure Scorpions mal wieder was in Moskau vorspielen, wie neulich unseren Geheimdienstlern. Die waren ja ganz begeistert, als Klaus Meine & Co. am „Tag der Sicherheitsdienste“ am 20. Dezember gerockt haben. Die Scorpions hatten gemeint, zu einem Weihnachtskonzert aufzuspielen. Dabei wurde die Gründung der bolschewistischen Geheimpolizei vor 90 Jahren gefeiert! Nastarowje!
Zuletzt aber doch noch ein ehrliches Wort: Das mit dem Meistertitel solltet Ihr spätestens in der nächsten Saison gebacken kriegen, sonst gibt’s Stress mit dem Sponsor. Im Vertrauen: Bei uns möchte man noch mehr als bei Euch immer auf der Gewinnerseite stehen. Deshalb werden bei uns gerade die Geschichtsbücher überarbeitet. Ist einfach noch viel zu viel negativer Stalin drin, hat unser Putin gesagt. Stolz sollen die Schüler auf ihr Land sein! Wer spielt schon gerne bei einem Abstiegskandidaten mit? Verstanden? Also dann ran an den Speck, auf eine gute Rückrunde!
Mit solidarischen Grüßen
Euer
Nikita Sergejewitsch
Tausend Trainer schon verschlissen - Teil 7
Die schönsten Trainerreinschmisse des FC Schalke 04
(rk) Auf Schalke ist er eine Legende. Zwar nicht so sehr bekannt als Trainer, aber als „Mister Fallrückzieher“ schoss er 268 Tore in der Bundesliga - davon 182 für Schalke 04 - und liegt damit hinter Gerd Müller weiterhin unangefochten auf dem zweiten Platz der ewigen Torschützenliste. Doch Klaus Fischer half auch zweimal bei den Knappen als Interimstrainer aus.
Leise rieselt der Schnee
Ende 1949 geboren begann der gelernte Glasbläser Klaus Fischer seine Karriere 1961 im tiefsten Bayern beim SC Zwiesel. Sieben Jahre später wechselte er zu den Löwen nach 1860 München, wo er allerdings nur zwei Saisons spielte. Schon hier bewies er seine Treffsicherheit und schoss in 60 Partien für die Löwen 28 Tore.
Im April 1970 hatte Günter Siebert bei Schalke die Forderung aufgestellt, „wir brauchen einen Mittelstürmer und Torjäger“, und erstmals den Namen Klaus Fischer ins Gespräch gebracht. Der damals 20 Jahre alte Vollblutstürmer war trotz seiner Treffer mit 1860 abgestiegen. Die 60er wollten allerdings ihren Torjäger auf keinen Fall abgeben. Der Schalker Vorstand schaltete jedoch schnell, schließlich war die halbe Bundesliga hinter Fischer her. Günter Siebert und Heinz Aldenhoven fuhren ins verschneite Zwiesel und sprachen mit Fischer und seinen Eltern.
Während der Verhandlung schellte auch der Geschäftsführer von 1860 an der Tür. Siebert und Aldenhoven kletterten durch das Fenster und sprangen in den meterhohen Schnee hinter dem Haus, warteten so lange, bis der Münchener fort war, und verhandelten dann weiter. Mit dem Ergebnis, dass sie am 1. Mai einen rechtsgültigen Lizenzspielervertrag mit dem Mittelstürmer präsentierten. München 1860 stimmte aber Fischer wieder um, der Scheck mit dem Handgeld landete wieder in Gelsenkirchen. Die Schalker fuhren erneut in den Bayerischen Wald. So ging es hin und her, ein Verfahren vor dem DFB drohte, bis die 60er einsahen, dass Schalke 04 am längeren Hebel saß.
Der Skandal und seine Folgen
Schalke baute mit Trainer Rudi Gutendorf in der Spielzeit 1970/71 auf viele große Namen, darunter Nigbur, Burdenski, Fichtel, Rausch, Rüssmann, Sobieray, van Haaren, Scheer, Lütkebohmert, Libuda, Pirkner und Fischer. Fischer knüpfte zunächst an seine hervorragenden Leistungen an und gewann 1971 mit den „Knappen“ den DFB-Pokal. Eine Berufung in die Nationalmannschaft schien nur eine Frage der Zeit zu sein.
Schalkes und auch Fischers Zukunft sahen rosig aus. Wenn, ja wenn da nicht der Bundesliga-Skandal dazwischen gekommen wäre. Knapp 37 Jahre ist es nun her, dass der Bundesliga-Skandal Deutschlands Kickerwelt in die schlimmste Krise seit Ligagedenken trieb. Siege, Niederlagen, Tore und Gegentore: Der naive Glaube an rein sportliche Realitäten war der Skepsis vor gebündelten Scheinen, gekauften Spielen und Spielern gewichen. Und Schalke war mittendrin. Wegen seiner Verstrickung in den Bundesliga-Skandal von 1971 wurde Fischer für die Saison 1972/73 gesperrt - ein Einsatz in der Nationalmannschaft rückte in weite Ferne.
Tor des Vierteljahrhunderts
Nach der Sperre lief er aber sofort wieder zur Normalform auf. Nachdem Klaus Fischer Jahr für Jahr Tore wie am Fließband erzielt hatte und 1976 mit 29 Treffern Torschützenkönig geworden war, berief ihn Helmut Schön doch noch in die DFB-Auswahl. In der Nationalmannschaft spielte er in 45 Spielen von 1977 bis 1982 und erzielte 32 Tore, das ist nach Gerd Müller die beste Quote (0,71) eines Top-10-Stürmers und eines Stürmers mit mindestens 45 Länderspielen. Er nahm an zwei Fußballweltmeisterschaften teil und wurde 1982 in Spanien Vizeweltmeister.
Bekannt wurde Klaus Fischer vor allem auch durch seine legendären Fallrückzieher, die ihm meist Rüdiger Abramczik auflegte. Sechsmal wurden seine Treffer von den Zuschauern der ARD-Sportschau zum Tor des Monats gewählt. Eines davon erzielte er 1977 im Länderspiel Deutschland - Schweiz (4:1), das Tor des Jahres, das später auch Tor des Jahrzehnts und Tor des Vierteljahrhunderts wurde. Nur in der Popularität und Bedeutung rangiert Klaus Fischers legendärer Fallrückzieher hinter dem 3:2-Siegtreffer von Helmut Rahn im WM-Finale von 1954. Sonst wäre er bei der Wahl zum Tor des Jahrhunderts ebenfalls auf Platz eins gelandet. Bei der Wahl zu „Unsere Besten Sportler“ (ZDF, Johannes B. Kerner) landete Klaus Fischer auf dem 32. Platz.
Sein wohl wichtigstes Tor, das 3:3 im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982 gegen Frankreich, schoss er ebenfalls per Fallrückzieher. Damit zog Deutschland ins Elfmeterschießen ein, das es für sich entschied und so ins Endspiel kam. Dort musste sich das Team von Jupp Derwall Italien mit 1:3 geschlagen geben.
Angesprochen auf seine Fallrückzieher-Technik sagt Fischer heute: „Diese Technik kann man nicht lernen. Auch ich habe diesen speziellen Fallrückzieher nie trainiert und nicht gelernt. So etwas kann man oder man kann es nicht. Wie will man lernen, was ,kleines dickes Müller’ konnte oder die Dribblings von Stan Libuda? Und selbst wenn Pelé einen solchen Fallrückzieher in einem Kinofilm hinbekommen hat, entscheidend ist immer im Spiel!“
1980 musste Fischer nach einem Schienbeinbruch ein halbes Jahr pausieren, verpasste dadurch die Teilnahme an der EM und konnte nach seinem Comeback in die Schalker Formation den Abstieg nicht mehr abwenden. Fischer wechselte zum 1. FC Köln (DFB-Pokalsieger 1983) und machte 1982 im WM-Finale gegen Italien sein letztes Länderspiel. 1984 verlässt er Köln und wechselt zum VfL Bochum, wo er 1988 noch einmal im DFB-Pokalfinale stand. Im gleichen Jahr beendete Klaus Fischer seine aktive Laufbahn.
Warten auf Aleks
Klaus Fischer trainierte daraufhin zunächst die Schalker Amateurmannschaft, die Profis coachte zu dieser Zeit Peter Neururer. Doch Eichberg wollte einen neuen Trainer mit Aufstiegsgarantie und da schien Aleksandr Ristic der ideale Coach zu sein. Als ErnstHappel-Schüler brachte er auch die entsprechende Schlitzohrigkeit mit. Zudem hatte er bei den Medien einen guten Ruf, war er doch immer für einen lockeren Spruch auf seinem Pattex-Stuhl bei der Fortuna in Düsseldorf zu haben.
Die Schalker Fans aber waren richtig sauer über den NeururerRausschmiss und empfingen ihren Präsidenten mit Schimpftiraden à la „Wir sind Schalker, Eichberg nicht.“
Die Vertragsverhandlungen zogen sich hin und wurden in der Presse breitgetreten. Ristic dementierte sogar zunächst Meldungen, nach denen er zukünftig auf der Schalker Trainerbank Platz nehmen sollte. Amateur- und Co-Trainer Klaus Fischer übernahm zusammen mit Manager Helmut Kremers für die letzten Spiele in 1990 das Training: Gegen Rot-Weiß Essen gab es einen 3:1-Sieg, gegen Darmstadt 98 (2:2), Saarbrücken (1:1) und Blau-Weiß 90 Berlin (1:1) allerdings nur Remis.
Kurz vor Weihnachten spielte Günter Eichberg Weihnachtsmann und legte den Schalke-Fans das „Geschenk“ Aleks Ristic unter den Christbaum. Klaus Fischer rückte wieder zurück ins Glied. Unter Ristic gelang dann tatsächlich der lang ersehnte Aufstieg in die erste Liga. Das „Eichberg-Fieber“ hatte inzwischen weite Teile Deutschlands erreicht, die Schalker Geschäftsstelle konnte massenweise Mitgliedseintritte verbuchen.
Bye-bye Aleks
Doch auch unter „König Aleks“ war nicht alles Gold, was glänzt. Auf dem Spielfeld lief es nach der Winterpause in der Saison 1991/92 gar nicht mehr. Einem 0:1 in Karlsruhe folgten in einem niveauarmen Spiel ein 0:0 gegen Werder Bremen, ein 0:2 bei Hansa Rostock und ein mageres 0:0 gegen Fortuna Düsseldorf. Die Talfahrt des FC Schalke 04 schien bedrohlich zu werden.
Im Endspurt der Bundesliga ging den Königsblauen anscheinend die Luft aus. Auch gegen die Stuttgarter Kickers verlor man zu Hause mit 1:2. Die Nerven lagen blank. Da misslangen die einfachsten Dribblings, die Bälle rutschten selbst gestandenen Spielern wie Günter Güttler vom Fuß. Zudem patzte Torhüter Jens Lehmann, der mit seinem verunglückten Abschlag den Stuttgartern nach 15 Minuten das 1:0 als verspätetes Ostergeschenk auf dem silbernen Tablett präsentierte.
Und dann der nächste Paukenschlag: Der FC Schalke 04 trennte sich wieder von Berater Günter Netzer. Eichberg nannte als Begründung, dass sich die Schalker Vereinsführung entschlossen habe, die „Experimentierphase“ über neue Wege des Managements abzubrechen, weil dieses Modell nicht erfolgreich gewesen sei. „Telefon-Manager“ Netzer hatte also ausgedient.
Aber das war lange noch nicht alles: Schalke feuerte kurz drauf auch noch Trainer Ristic. Kurz nach 18 Uhr platzte die Bombe im Schalker Trainingslager in Billerbeck: Abgeschottet von der Außenwelt hatte sich der Vorstand in stundenlangen Verhandlungen im Hotel Weißenburg zu diesem Schritt durchgerungen. Pressesprecher Andreas Steiniger verkündete den einstimmigen Vorstandsbeschluss in einer Kurzmitteilung: „Schalke hat sich von Trainer Ristic getrennt. Es gibt keine weiteren Stellungnahmen.“
Retter in der Not
Die langanhaltende sportliche Misere dürfte der Hauptgrund für den Trainer-Rausschmiss gewesen sein, aber der gewiefte Taktiker Ristic wies auch so manche menschliche Schwäche auf. Günter Güttler: „Im menschlichen Bereich gab es mit dem Trainer erhebliche Probleme. Er behandelt Menschen wie Material.“ Als großer Hoffnungsträger kehrte Ex-Kapitän Andreas Müller in den Kader zurück. Auf ausdrücklichen Wunsch von Präsident Eichberg reiste Müller der Mannschaft nach Dresden nach. Plötzlich war seine Kapselverletzung auskuriert.
Und Eichbergs Imperium geriet ins Wanken. Er, der sich allzu gern als der starke Mann von Schalke feiern ließ, musste eingestehen, dass seine zu großen Taten Auserwählten, Ristic und Netzer, ein persönlicher Irrtum waren. Mit sofortiger Wirkung übernahm Assistent Klaus Fischer das Abendtraining und sollte auch am nächsten Samstag in Dresden auf der Bank sitzen. Und auch der Trainerwechsel half bei Dynamo Dresden nicht (1:2). Doch Schalke wäre nicht Schalke, wenn man in Krisen nicht zusammenrücken würde.
Die Fans hatten schon immer ein besonderes Gespür dafür, und so kamen zum nächsten Heimspiel 51.200 Zuschauer ins Parkstadion, die ein packendes, streckenweise sogar hochklassiges Derby gegen den VfL Bochum mit einem verdienten 2:1-Sieger Schalke 04 sahen. Damit war der Klassenerhalt nur noch theoretisch gefährdet und auch Schatzmeister Rüdiger Höffken hatte frohe Kunde: „Wir haben die Lizenz sowohl für die 1. und 2. Bundesliga sicher“.
Beim 1. FC Köln war Schalke allerdings nur Sparringspartner (3:0). Beim 2:0-Erfolg im letzten Spiel der Saison über Kaiserslautern vor 61.200 Zuschauern beim Liga-Finale wurde Schalke noch einmal mit Lob überhäuft. Mit Platz 11 hatte die Mannschaft ihr Saisonziel in letzter Minute doch noch - auch dank Klaus Fischer - erreicht.
Dass der Schalker Kreisel rotierte, war jedem bekannt. Dass sich das Schalker Trainerkarussel noch schneller drehte, war allen klar, als der neue Trainer für die Saison 1992/93 vorgestellt wurde. Es war kein geringerer als Udo Lattek.
Der damals 57 Jahre alte Fußball-Lehrer, mit 14 nationalen und internationalen Titeln erfolgreichster Vereins-Trainer der Welt, war Wunschkandidat von Präsident Eichberg. Wieder rückte Klaus Fischer zurück ins zweite Glied, wo er bis 1994 die Amateurmannschaft weiter trainierte und inzwischen auch die Fußball-Lehrer-Lizenz an der Sporthochschule Köln erwerben konnte. 1997 gründete der zweimalige Familienvater eine Fußballschule, die für fußballbegeisterte Jungen und Mädchen im Alter von acht bis 15 Jahren ein Intensivtraining bietet.
Lieblingsbücher
Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch hat Klaus Fischer einmal geantwortet: „Ich lese keine Bücher.“ Aber geschrieben - bzw. schreiben lassen - hat er inzwischen eines mit dem vielsagendem Titel „Fallrückzieher … und mehr“ .


