Nummer 61 - 2009/02

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Attacke - Müller auf Schalke
„Eine Gazprom-Anzeige kommt uns nie wieder ins Heft“ - Interview mit “11 Freunde”
“Kaum war ich auf dem Mast, war Ramba-Zamba” - Schalker Originale Catweazle
Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04 - Jupp Heynckes
Kalt schlecht, Training zu früh
“Ich hätte gerne etwas Netteres gesagt” - Interview mit Reinhard Sprenger

Attacke - Müller auf Schalke

Jeden Samstag um halb vier, wenn ich im Stadion bin,
steh’ ich in der Kurve, träume vor mich hin.
Wie es wäre, wenn ich nicht ein armer Fuzzi wär,
sondern Kevin, Rudi, Andi oder Manager.
Ich denk’ mir, was der Rudi kann, das kann ich auch,
ich würd’ Stumpen qualmen tagein tagaus.
Ich käm’ viel rum, würd’ nach Uruguay reisen,
schau’n wie viele noch Roberto heißen.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Ich würd’ die Stürmer täglich wechseln, dauernd neue kaufen,
mit Halil ständig um die Wette laufen.
Nutella wär gestrichen, nur noch Obst und Saft,
so schafften wir das locker mit der Meisterschaft.
Die Ultras würd’n mich lieben und auf Händen tragen,
niemand würde zu mir böse Sachen sagen.
Ich hätte zweihundert Spieler und wär nie mehr pleite.
Ich wär Rudi der Erste, Simone die Zweite.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Der Ivan und die anderen könnten endlich richtig flanken,
sie würden jeden Morgen erst mal frisches Veltins tanken.
Ich wär chicer als der Fred und dicker als der Jupp
und meine Transfers alle super - schwuppdiwupp.
Der Kevin wär des Jogis Bomber - völlig klar,
Orlando wär der neue Superstar.
Vorher würde ich gerne wissen, ob sie Spaß verstehen,
sie müssten achtundvierzig Stunden ihre Kicks ansehen.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

Das alles und noch viel mehr,
würd’ ich machen, wenn ich Müller auf Schalke wär.

22.02.2009

Eilmeldung: Andreas Müller abgelöst
In einer außerplanmäßigen Sondersitzung der Vereinsführung wurde heute entschieden, dass Andreas Müller von „Fuzzi“ aus der Nordkurve abgelöst wird. Die Vereinsführung ist optimistisch, dass das von „Fuzzi“ präsentierte neue sportliche Konzept dem Verein bereits kurzfristig große Erfolge bescheren wird.

Eilmeldung: Neues Vereinslied
Das sportliche Konzept von „Fuzzi“ wurde bereits vertont und steht in der Rubrik „Fans“ zum Download bereit. Dank an Rio Reiser und den König von Deutschland.

„Eine Gazprom-Anzeige kommt uns nie wieder ins Heft“

(ru/rk) Es sagte bekanntlich bereits Sepp Herberger: „11 Freunde müsst ihr sein.“ Dass damit nicht nur der mannschaftliche Zusammenhalt gemeint ist, beweist das Fußball-Magazin „11 FREUNDE“ jeden Monat auf’s Neue. SCHALKE UNSER sprach mit zwei der 11 FREUNDE, Philipp Köster und Jens Kirschneck, über die mediale Fußball-Berichterstattung, wirtschaftliche Zwänge und die Zukunft der Ultras-Bewegung.

SU 61 Interview 11 Freunde 1

SCHALKE UNSER:
Mittlerweile findet man das „11 Freunde“-Magazin in jedem Supermarkt - zwischen „Hörzu“, „Fix & Foxi“ und dem „Spiegel“. „11 Freunde“ hat sich neben dem „kicker“ als auflagenstarke Fußballzeitschrift etabliert. Wie steinig war der Weg dahin?

JENS KIRSCHNECK:
Die Keimzelle des „11 Freunde“ war ein Fanzine wie das SCHALKE UNSER auch. Bei Arminia Bielefeld gab es das „Um 15:30 Uhr war die Welt noch in Ordnung“. Über das habe ich Philipp und Reinaldo Coddou, den anderen Gründer und Profi-Fotografen, kennengelernt. Als „11 Freunde“ im Jahr 2000 gegründet wurde, gab es kein bundesweites Fan-Magazin. Auf den legendären Fan-Kongressen in Oer-Erkenschwick haben zwar immer wieder Leute ein bisschen herumgeplant. Aber das hätte wahrscheinlich erst einmal bedeutet, ein Plenum von zwanzig Fanzine-Schreibern einzuberufen. Und das hätte am Ende niemals funktioniert, weil alle eine andere Vorstellung davon gehabt hätten, wie so eine Zeitschrift konzipiert sein sollte.

PHILIPP KÖSTER:
Wir wussten, dass in England das vereinsübergreifende Fan-Magazin „When Saturday comes“ funktioniert. Aber als wir „11 Freunde“ gegründet haben, hatten wir noch ziemlich groteske Vorstellungen, wie man eine Zeitschrift herausgibt. Die erste Ausgabe zum Beispiel haben wir vor dem Berliner Olympiastadion verkauft, ganze acht Exemplare haben wir beim DFB-Pokalfinale Bayern-Werder an den Mann gebracht. Da kommt man sich bescheuert vor: 50.000 Leute marschieren an dir vorbei und gerade mal acht Leute kaufen das Heft. Wir haben anfangs auch nicht gewusst, dass es einen Vertrieb braucht und jemanden, der Anzeigen verkauft. Die ersten Jahre waren deshalb ziemlich ruinös, im Herbst 2002 hatten wir etwa 50.000 Euro Schulden angehäuft. Also, bittere Wahrheit: Ohne Professionalisierung gäbe es heute „11 Freunde“ gar nicht mehr.

SCHALKE UNSER:
Heute macht man euch immer mehr den Vorwurf, kommerziell geworden zu sein.

PHILIPP KÖSTER:
Das ist ja kein Vorwurf von heute, das haben wir schon 2003 gehört, als wir die ersten Anzeigen im Heft hatten. Wir werden es sicher niemals allen recht machen können. Es gibt immer Leute, die sagen, sie kaufen lieber ein Heft für 9,80 Euro ohne Werbung. Das würde aber nicht funktionieren. Die Faustregel für Magazine im allgemeinen ist, dass eine Werbeseite zwei Textseiten finanziert. Davon sind wir ja weit entfernt, wir haben von 116 Seiten gerade einmal etwa 20 Anzeigeseiten. Das geht noch, finden wir. Die oberste Prämisse ist aber, dass man glaubwürdig bleibt. Unsere Leser nehmen es uns nicht übel, wenn wir Anzeigen im Heft haben und trotzdem gegen die Kommerzialisierung des Fuß­ balls anschreiben, solange wir uns nicht von Anzeigenkunden unsere Meinung diktieren lassen.

SCHALKE UNSER:
Würdet ihr Anzeigenkunden auch ablehnen?

JENS KIRSCHNECK:
Sicher. Wir haben in der Vergangenheit aber auch Fehler gemacht, eher aus Unerfahrenheit denn aus Geldgier. Zum Beispiel haben wir einmal eine Drittelseite von „Gazprom“ im Heft gehabt. Unsere Marketing-Abteilung hatte die Anzeige angeboten bekommen, wir haben uns nicht energisch genug dagegen gewehrt.

PHILIPP KÖSTER:
Gerade diese Anzeige zeigt aber auch, wie schwierig es ist, da eine Grenze zu ziehen. Welche Firma hat keine Leichen im Keller? Aber im Falle „Gazprom“ ging es um die Frage der Glaubwürdigkeit. Ein paar Ausgaben vorher hatte uns der Mafia-Experte Jürgen Roth von den zwielichtigen Geschäften Gazproms in Russland erzählt, da dürfen wir drei Ausgaben später nicht für eben diese Firma werben. Dass diese Anzeige erschienen ist, bekommen wir heute noch von Lesern vorgeworfen. Uns bleibt da nur der Vorsatz, dass uns keine Gazprom-Anzeige mehr ins Heft kommt. Ganz generell: Wenn man über Profi-Fußball berichtet, gerät man ständig in Versuchung, ständig werden dir unmoralische Angebote gemacht. Nur mal so als Beispiel: Wie viel Druck schon gemacht wurde, dass wir doch bitteschön alle Stadien bei ihrem neuen Sponsorennamen nennen sollen. Das haben wir bisher nicht gemacht, und solange wir bei „11 Freunde“ sind, ist das auch eine Sache, die wir nicht tun werden. Das ist unser Tafelsilber. Das resultiert auch aus persönlichen Erfahrungen: Ich hatte körperliche Schmerzen, als die Bielefelder Alm in „Schüco-Arena“ umgetauft wurde. Ich glaube auch, dass Arminia schlecht beraten war, diesen Namen, der eine der wenigen Sachen ist, die Arminia von den anderen Klubs unterschieden hat, der auch das Profil des Klubs ausgemacht hat, zu verscherbeln. Das ist meines Erachtens nach einer der Gründe, warum der Verein auch so profillos dasteht.

SCHALKE UNSER:
Den Namen eines Stadions zu verkaufen, ist natürlich schnell verdientes Geld.

PHILIPP KÖSTER:
Man muss ja nur ein paar neue Schilder anbringen. Andererseits: In der heutigen Situation möchte ich auch nicht Manager eines Bundesligavereins sein. Die Funktionäre unserer Vereine tun doch auch viele Dinge, die ihnen eigentlich gegen den Strich gehen. Oder meint ihr, es macht denen immer Spaß, bei Sponsoren anzustehen und zu sagen: „Dieses Baustoffzentrum ist genau der Sponsor, auf den der Klub noch gewartet hat.“? Oder sich mit Gazprom in ein Boot zu setzen? Aber genauso wie es bei den Vereinen wirtschaftliche Zwänge gibt, gibt es die natürlich auch bei „11 Freunde“. Wir haben jeden Monat bei einer Auflage von 120.000 Exemplaren eine stattliche Druckrechnung zu bezahlen, wir haben 13 fest angestellte Mitarbeiter, unser Büro muss bezahlt werden und unsere Autoren werden ja ebenfalls honoriert. Die Kosten müssen wir erst einmal wieder reinholen.

SCHALKE UNSER:
Neben dem monatlichen „11 Freunde“ legt ihr inzwischen auch Bücher auf, vertreibt DVDs, presst Hörbücher und auch im Internet seid ihr auf 11freunde.de präsent. Wann kommt der mediale Angriff von euch auf das Fernsehen?

PHILIPP KÖSTER:
Es gab mal einen „11 Freunde“-TV-Piloten auf Premiere. Aber irgendwie hätten wir vorher wissen können, dass Magazinsendungen bei einem Pay-TV-Kanal wie Premiere nicht so gut funktionieren. Das haben sich gerade einmal 18.000 Leute angeschaut.

SCHALKE UNSER:
Auf Premiere klappt das vielleicht nicht, aber vielleicht beim DSF.

PHILIPP KÖSTER:
Beim DSF ist problematisch, dass jede Sendung durch Werbung total zerhackt wird. Es gab da doch mal diese Sendung über die Kreisliga mit Ulli Potofski. Eigentlich eine prima Idee, bis sie angefangen haben mittendrin das grandiose DSF-Handy anzupreisen und merkwürdige Gäste einzuladen. Am Ende war es ein systematisch runtergerocktes Format.

SCHALKE UNSER:
Aber wie sieht’s mit den dritten Programmen aus. Gerade der WDR hat sein altes Format „Sport im Westen“ aufgegeben und berichtet über die vielen Bundesligavereine in NRW - wenn überhaupt - nur noch in der Lokalzeit. Schlafen die Redaktionen dort alle?

JENS KIRSCHNECK:
Vermutlich haben sie kein Geld mehr für ein Sport-Magazin, weil sie bereits alles in die Sportschau-Rechte gesteckt haben.

PHILIPP KÖSTER:
Eine sehr steile Theorie, Jens.

SCHALKE UNSER:
Aber in Bayern oder im Norden klappt es doch auch.

PHILIPP KÖSTER:
Siehst du, schon ist deine These komplett zertrümmert. Und zur Ehrenrettung des WDR: Dort wird ja auch noch das Sport-Hintergrund-Magazin „Sport Inside“ produziert, eine der besten Sportsendungen überhaupt. Und im Prinzip gibt es ja das Fan-Magazin im Fernsehen bereits: Ich finde, dass „Arnd Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ meinen Vorstellungen darüber schon sehr nahe kommt. Allerdings läuft die Sendung auch auf einem bescheidenen Sendeplatz. Viertel nach zwölf finde ich schon ziemlich hart, wenn ich am nächsten Tag früh raus muss.

JENS KIRSCHNECK:
Dabei sieht man aber doch, was das Fernsehen so einer Sendung an Potenzial zutraut. Nämlich wenig bis nichts. Sonst würde die Sendung ja ein oder zwei Stunden früher kommen.

PHILIPP KÖSTER:
Was wir aber bei unserem Premiere-Piloten auch gemerkt haben: Es gab unheimlich viele Sitzungen gemeinsam mit der Produktionsfirma, wir haben enorm viel Arbeit in die Vorbereitungen gesteckt und je länger das ganze dauerte, umso weniger hatten wir bei dem ganzen Konzept mitzureden. Wir waren hinterher nicht einmal mehr bei der Produktion der Sendung dabei und hatten überhaupt keine Kontrolle mehr darüber, was da abging. Und dann haben wir uns gefragt: Bloß, um im Fernsehen zu sein, sollen wir uns das alles antun? Aber klar ist: Hintergrundberichte über den Fußball - sei es aus Fansicht oder anders - finden quasi nicht statt. Stattdessen gibt es immer nur die gleichen Berichte in „Bundesliga aktuell“ und auch Premiere lässt seine Zuschauer außerhalb der Live-Übertragungen am Wochenende vollkommen allein. Und das, obwohl der Fußball die absolute Lebensader für Premiere ist, denn kein Mensch abonniert Premiere wegen der Spielfilme.

SCHALKE UNSER:
Für unser Fanzine führen wir regelmäßig auch Interviews mit Schalker Spielern. In der letzten Zeit haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass die Profis nicht mehr so frei reden. Jedes Interview muss von der Presseabteilung des FC Schalke 04 abgesegnet werden, zum Teil werden die Inhalte des Interviews dabei auch „zusammengestrichen“. Wie sind Eure Erfahrungen bei den „11 Freunde“-Interviews?

JENS KIRSCHNECK:
Generell werden unsere Interviews auch von den Pressestellen gegengelesen. Es gibt allerdings einige Ausnahmen. Wenn man etwa mit Michael A. Roth ein Interview führt, dann geht man hinterher raus und sagt, „Schönen Tag noch!“. Das ist noch die alte Schule - im Guten wie im Bösen.

PHILIPP KÖSTER:
In der Regel gibt es eher wenige Änderungen von den Pressestellen. Es ist aber inzwischen so, dass viele Spieler bereits eine „interne Handbremse“ haben, bei der sie selbst schon im Kopf alles wegstreichen, was in irgendeiner Weise konfliktträchtig sein könnte. Aber ich würde auch nicht allein den Spielern die Schuld dafür geben. Jede kleine Äußerung wird ja heute sofort von allen Medien aufgegriffen und durch den Verwertungswolf gejagt. Wenn etwa Michael Ballack auch nur die leiseste Kritik an einen Trainer oder Mitspieler äußert, kann man sich sicher sein, dass morgen 40 Zeitungen darüber berichten. Anschließend muss Ballack in den nächsten zehn Tagen den Sachverhalt wieder dementieren und geraderücken. Und fünf Jahre später bekommt er das Zitat immer noch unter die Nase gerieben. Ich kann jeden Spieler verstehen, der darauf keinen Bock hat.

JENS KIRSCHNECK:
Wir wünschen uns natürlich auch Spieler, die mal frank und frei reden, die auch echt was zu erzählen haben. Wenn wir uns mit einem 23 Jahre alten Spieler unterhalten, erhoffen wir uns auch ein anregendes Gespräch über Gott und die Welt, über Anekdoten und vielleicht auch Geschichten aus seinem Privatleben. Aber man muss auch sehen, dass sich viele Pofis seit ihrem 14. Lebensjahr mit nichts anderem mehr beschäftigt haben als Fußball. Da bleiben andere Dinge automatisch auf der Strecke.

PHILIPP KÖSTER:
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass, wenn man sich mit Trainern oder Funktionären unterhält, deutlich mehr dabei herumkommt, weil sie mehr Distanz haben, mehr über den Tellerrand blicken.

JENS KIRSCHNECK:
Und auch bei den Spielern gilt: Je erfahrener, desto mehr Substanz hat ein Interview. Man mag ihn ja finden wie man will, aber mit Oliver Kahn ein Interview zu führen, ist ergiebiger als mit einem 22 Jahre alten Jungnationalspieler.

SCHALKE UNSER:
Das Image des Fußballfans hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Vom besoffenen Proleten und vom Hooligan hin zum „intellektuellen Fan“. Meint ihr, dass das vielleicht auch durch Nick Hornbys „Fever Pitch“ gekommen ist? „11 Freunde“ schlägt ja in die gleiche Kerbe.

PHILIPP KÖSTER:
Ich glaube, dass Nick Hornby nur einer allgemeinen Stimmung Ausdruck verliehen hat. Man sollte hier auch die Wirkung von Literatur nicht überschätzen. Angefangen hat diese Entwicklung etwa zu Beginn der 90er Jahre, als das Fernsehen entdeckt hat, dass mit dem Fußball viel Geld zu verdienen ist. Eigentlich hat der Fußball da sogar selbst entdeckt, dass er mit sich selbst Geld verdienen kann. Und die Entwicklung der Fankultur war dann nur ein Nebenprodukt der Umgestaltung des Sports. Der Fußball kommt ja doch eher aus den unteren Schichten, wenn man das so sagen kann. Obwohl es sicher auch schon in den 80ern und früher Intellektuelle auf den Stadionrängen gegeben hat, die sich vielleicht damit nicht getraut haben, das zuzugeben. Aber der Fußball hat sich gewandelt und ist zu einem Element der Showbranche geworden, womit auch andere Zuschauerschichten angezogen wurden. Die Leute, die heute ins neue HSV-Stadion gehen, die wären größtenteils früher nicht ins Volksparkstadion gegangen, einfach weil es diesen Komfort nicht gegeben hat.

SCHALKE UNSER:
Und wo sind dann die Stadiongänger von früher abgeblieben?

PHILIPP KÖSTER:
Ich glaube, es gibt inzwischen viele Leute, die nur noch Fans vor dem Fernseher sind. Die gehen nicht mehr in die Stadien, weil ihnen der Club nicht mehr soviel bedeutet, aber auch weil der Stadionbesuch zu teuer geworden ist. Mein Schlüsselerlebnis dazu war 1999, als wir zu Vorarbeiten zum „11 Freunde“ ein Stadionfoto machen wollten. Wir warteten auf die Pressemitarbeiter des SV Werder, als eine ältere Dame mit einer aufwendig zurechtgemachten Frisur hereinstolziert kam: „Wir haben einen Tisch für 14 Uhr bestellt.“ Da dachte ich: „Wo bist du jetzt? Beim Fußball oder im Drei-Sterne-Restaurant?“ Für mich ein Augenblick, der klarmachte: Hier geht es nicht mehr um Fußball, nur noch um Show und Entertainment.

SCHALKE UNSER:
Ja, inzwischen hat man auch das Gefühl, dass die Bundesliga-Spiele total durchgestylt sind.

PHILIPP KÖSTER:
Uns ist das besonders aufgefallen beim Spiel Schalke gegen Bielefeld. Wenn man sich mit Fans unterhält, dann hört man oft die Meinung, dass die erste halbe Stunde vor dem Spiel den Fans zum Warmsingen gehören sollte. Aber inzwischen ist da eine vollkommen durchorganisierte Choreographie entworfen worden. Elf Minuten vor Spielanfang läuft Oppa Pritschikowski, dann dreht einer den Regler für „Blau und weiß, wie lieb ich dich“ hoch. Alles in voller Lautstärke. Dann präsentiert irgendein Werbeträger die Mannschaftsaufstellungen. Und der Stadionsprecher grölt ins Mikrophon „Junge, hau’s raus!“. Als ob das eine vollkommen spontane Nummer wäre, stattdessen ist inzwischen alles minutiös geplant. Und das ist nicht nur auf Schalke so, sondern in jedem Bundesligastadion.

JENS KIRSCHNECK:
Da kommt es dann ja auch zu grotesken Szenen. Nach dem WM-Halbfinal-Aus gegen Italien dachte eigentlich jeder, jetzt könnte man mal kurz reflektieren und etwas trauern in diesem würdevollen Augenblick. Warum kann man da nicht auch einfach mal schweigen, so dass jeder denken kann: „Ausgeschieden. Scheiße.“? Aber nein, stattdessen reißt einer den Regler hoch und es läuft „You’’ll never walk alone“. Alles aus der Konserve. Fertig. Aus. Das Gleiche gilt für das DFB-Pokalfinale. Es dauert keine zwei Sekunden mehr, da wird nach dem Abpfiff „We are the Champions“ mörderlaut eingespielt. Als ob wir das Lied nicht alle schon oft genug gehört hätten! Und das Verrückte: Selbst die Verlierer reißen ihre Schals hoch und winken.

SCHALKE UNSER:
Auf Schalke war es eine ganz seltsame Situation, als die Ultras in den ersten Spielen der Saison ohne Vorsänger angetreten sind. Irgendwie schien es einerseits so zu sein, dass der Kurve der Capo fehlt, die Gesänge waren nicht so koordiniert, aber andererseits wird den Capos oft auch der Vorwurf gemacht, die Stimmung in der übrigen Kurve nicht richtig aufzunehmen.

PHILIPP KÖSTER:
In unserer Dezember-Ausgabe haben wir das Ultras-Thema aufgegriffen, und unsere These lautet dort, dass die Megaphone eine unheilvolle Wirkung haben: Die Kreativität der Fans wird dadurch beschnitten. Der Vorsänger berührt das grundsätzliche Prinzip, dass jeder im Stadion gleich ist. Die Anarchie und Wildheit, die früher ein Stehplatzblock hatte, wird dadurch, dass vorne am Zaun ein „Cheerleader“ steht, komplett gefährdet. Weil die Leute dann nur noch darauf gucken, was „der da vorne“ macht.

JENS KIRSCHNECK:
Im Grunde ist es ja fast so, dass der Ultras-Support inzwischen fast schon genauso normiert ist wie das, was aus den Stadionlautsprechern kommt. Das kommt einem so vor, als wäre es immer die gleiche Soße.

SCHALKE UNSER:
Die Zeiten sind wirklich andere geworden. Erinnern wir uns an die Uefa-Cup-Saison 1996/97. Beim Halbfinale gegen Teneriffa war irgendwann Stille im Stadion. Auf einmal - es muss so um die 70. Minute herum gewesen sein - stand ein Fan im Block I auf und stimmte einen Gesang an, der damals zum allerersten Mal in einem deutschen Stadion ertönte: Steht auf, wenn Ihr Schalker seid. Das hat richtig „Bumm“ gemacht. Der Gesang schwappte durch das Parkstadion und knapp 70.000 Fans gerieten außer Rand und Band.

PHILIPP KÖSTER:
So etwas ist wahrscheinlich heute kaum noch möglich, obwohl ich da natürlich auch etwas zwiegespalten bin. Denn prinzipiell ist es ja nicht verkehrt, die Mannschaft zu unterstützen und den Support zu verbessern. Was ich aber sehr vermisse, ist dieses Gefühl von früher, wie großartig es war, etwas in die Kurve zu rufen und auf einmal machte die ganze Kurve, das ganze Stadion mit. So etwas gibt es heute kaum noch, weil du überhaupt keine Chance mehr hast, gegen ein Megaphon anzukommen.

JENS KIRSCHNECK:
Die geilsten Gesänge sind spontan entstanden. Denkt doch mal an den schizophrenen schottischen Nationaltorhüter Andy Goram, der von den gegnerischen Fans mit „Two Andy Gorams, there’s only two Andy Gorams“ verkackeiert wurde. Solche Gesänge kommen doch nicht zustande, wenn du vorne nur einen stehen hast. Die komplette Kreativität hängt dann an diesem Vorsänger. Das kann gar nicht gut gehen. Und ich finde auch, dass sich die Ultras der einzelnen Bundesligavereine mittlerweile kaum noch von einander unterscheiden. Teilweise hört man nur noch minutenlangen Singsang, der die Mannschaft mehr einschläfert als unterstützt.

PHILIPP KÖSTER:
Nicht wenige Ultras-Fans scheinen hauptsächlich damit beschäftigt zu sein, „YouTube“ nach neuen Gesängen aus Italien, Spanien, Griechenland oder Südamerika zu durchsuchen, um sie dann anschließend auf den eigenen Verein umzutexten und damit zu kopieren. Echte Eigenkreationen sind man doch immer seltener. Verrückt ist auch, wie viele Leute heute mit Fotohandys herumrennen. Die kleinste Choreographie wird sofort mitgefilmt und bei „YouTube“ eingestellt, damit man der Erste ist. Vielleicht sind wir aber ja auch alle schon alt und sentimental geworden und denken: „Früher war alles besser.“

JENS KIRSCHNECK:
Das glaube ich eigentlich nicht. Wenn man mal einen größeren Zeitmaßstab anlegt, sagen wir in 50 Jahren, dann wird man auch sagen: „Da gab es doch früher auch mal die Ultras.“ Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Ultras-Bewegung für alle Ewigkeiten so festgeschrieben ist. Was meint Ihr denn?

SCHALKE UNSER:
Vielleicht ändert sich was, wenn alle Ultras Stadionverbot bekommen haben. Scherz beiseite, in Gelsenkirchen wird es jedenfalls zunehmend schwieriger, Ultras-Nachwuchs zu bekommen. Das liegt ganz einfach an der Ticketsituation. Die meisten Plätze sind durch Dauerkarten belegt, die ja auch quasi weitervererbt werden. Da wird es schwierig, jemanden zu begeistern, wenn er erst gar nicht die Gelegenheit bekommt, ins Stadion zu kommen.

PHILIPP KÖSTER:
Ich glaube auch nicht, dass wir zu dem bewegungsarmen Support der 80er Jahre zurückkehren werden, aber vielleicht geht der Weg dahin, dass sich die Capos wieder etwas zurücknehmen. Es müsste ein offeneres System geben. Ich finde es ja nicht verkehrt, wenn die Capos alle zehn, zwanzig Minuten mal auf ihr Podest steigen und einen Gesang anstimmen, wenn sie einen tollen Einfall haben. Aber 90 Minuten unentwegte Anfeuerung mit dem Rücken zum Spielfeld hat vielleicht nicht mehr die Zukunft. Das Gleiche denke ich übrigens auch über die „Materialschlachten“, diese immer größeren Choreographien, wo es nur noch darum geht, die gegnerische Fanszene in punkto verbrauchtes Material zu toppen. Ein Schwanzvergleich auf höherem Niveau. Die Ultras dürfen meines Erachtens auch nicht so tun, als wäre man das einzige elitäre Grüppchen, das den Traditionsgedanken des Vereins weiterträgt. Das kommt bei den anderen Fans, die dem Ultras-Gedanken nicht anhängen, oft so rüber und wird auch übel genommen.

SCHALKE UNSER:
Das kann man manchmal so auch auf Schalke beobachten. Vielen Dank für das interessante Gespräch. Glückauf!

“Kaum war ich auf dem Mast, war Ramba-Zamba” - Schalker Originale Catweazle

(ru) Wie bereits in der letzten Ausgabe angekündigt, startet hiermit die Serie über „Schalker Originale“. Wir wollen die Menschen würdigen, die auf besondere Weise die Leidenschaft und Hingabe für den FC Schalke verkörpern und mitunter fester Bestandteil der Schalker (Fan-)Kultur wurden.

SU 61 Catweazle 2

Vielleicht liegt es an der romantischen Verklärung des Vergangenen, aber das Parkstadion hat für viele die Aura eines Kolosseums gewonnen, in dem der eigene heiß geliebte Verein noch mehr Kultclub als Wirtschaftsunternehmen war. Genau jene Erinnerungen wie aus dem Familienfotoalbum gehen einher mit dem Gedanken an eine Person, die mit der Trommel den Herzschlag der Kurve bestimmte. Doch eben diese verschwand mit dem Prunk der neuen Arena aus dem Fokus und man fühlte sich an einen Film erinnert, in dem der Held vor der Danksagung längst dem Sonnenuntergang entgegen reitet.

Getauft haben sie ihn „Catweazle“ nach einem Magier aus dem Mittelalter in einer TV-Kinderserie, „Oly“ nennen ihn seine Freunde. Und wie es so ist mit Helden, die verschwinden, ranken sich schnell Mythen um sie. Eine Episode typisch für Schalke, wo so mancher schon mal zweimal beerdigt wurde, folgte mit der Vermeldung des Todes von „Catweazle“ 2005. Heute schmunzelt er: „Wer erlebt schon seine eigene Beerdigung?“ Doch irritiert waren er und seine Familie schon, als der Hausflur mit Blumenkränzen - dekoriert mit blau-weißen Schleifen - gefüllt war, das Telefon nicht mehr ruhte, Kondolenzbücher Lexikonstärke annahmen und in verschiedenen Zeitungen Nachrufe auf die Schalke-Legende gedruckt wurden.

„Alte Heimat“

Später haben sich alle bei ihm entschuldigt, böse ist „Catweazle“ keinem mehr und man hat das Gefühl, dass er das auch nicht sein kann: „Es hört sich komisch an, aber die damalige Anteilnahme macht einen natürlich auch auf eine Art stolz.“

Eine Beerdigung, die wirklich stattgefunden hat, war die von Charly Neumann - wie Catweazle einer dieser Männer, die Schalke Kontur gaben. „Die Fans sind zu Charly hin, selbst wenn sie Eheprobleme hatten. Der hat dann tatsächlich die Ehefrauen angerufen und bequatscht“, erzählt Catweazle bewundernd. Charlys Beerdigung war der Tag, an dem er zu seiner „alten Heimat“ zurückkehrte, wie er sagte. Gelsenkirchen, Wellhausen, alte Freunde treffen.

Doch wie konnte er sich überhaupt von all dem entfernen? 28 Jahre stand er mit seiner Trommel auf dem Masten, bei Wind und Wetter, wenn der Regen zentimeterhoch auf der Trommel stand, von Meppen nach Mailand, von Klaus Täuber bis Ebbe Sand. „Ich habe Kinder neben mir aufwachsen sehen, die haben selbst irgendwann Kinder bekommen und die standen auch wieder neben mir“, blickt er zurück, und auch darauf, dass Mike Hanke als Knirps neben ihm stand. Der Bruch kam mit der Arena und hatte vielschichtige Gründe.

Zunächst persönliche, Catweazle erkrankte schwer, hat sich nun aber wieder erholt. Aber auch die Zeiten schienen sich geändert zu haben und mit ihnen auch Schalke. Doch der moderne, technologisierte und kommerzielle Fußball gebar seine Kinder, die Catweazle so umschreibt: „Diese ganzen Mode-Fuzzis, diese Sesselfurzer, ‚sehen und gesehen werden’ - da lach ich mich kaputt. Im VIP-Raum sitzen Leute mit Fliege, da krieg ich ein am Rappel. So was kann ich nicht akzeptieren.“ Man hat das Gefühl, hier wurde jemand aus seinem Partykeller, den er mit Freunden zusammengezimmert hat, von Fremden verdrängt.

In der Arena verweigerten sie es ihm, ein Rohr oder eine Stange anzubringen, eine Art Lautsprechermasten wie im Parkstadion, den er nach dem Spiel abgebaut hätte. Aus Sicherheitsgründen hieß es.

SU 61 Catweazle 4

Catweazle gibt dann immer wieder gerne die Geschichte zum Besten, als Ordner ihn aufforderten, seine Trommel zu öffnen - ein durchaus aufwändiges und langwieriges Unterfangen. Als eben diese Ordner, scheinbar die letzten, die Catweazle nicht erkannten, nicht locker ließen, nahm er Anlauf und trat in die Trommel. Nicht weiter tragisch, gingen durch die Trommelei pro Saison doch sowieso acht bis zehn Trommelfelle über den Jordan. „Ich habe alles selbst bezahlt, nie etwas vom Verein gefordert. Die Leute verlangen, dass Stimmung herrscht, aber dann wird man nur verarscht.“ Von daher fühlt er wohl auch mit den Ultras, die er als seine Nachfolger sieht: „Ich ziehe den Hut vor denen, die geben sich Mühe, machen und tun. Aber das nützt ja alles nichts, wenn man nur Pappenheimer in der Kurve stehen hat.“

Die Kurve hat sich geändert im Vergleich zu seiner Zeit als Einpeitscher. Viele bemängeln, dass Karten über Jahre vergeben sind und Eintrittspreise in die Höhe schnellen wie Spritpreise. Catweazle schüttelt da nur den Kopf: „Gelsenkirchen ist die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in NRW. Warum gibt man diesen Leuten nicht mal Freikarten oder setzt die Preise runter? Die Hütte ist doch immer voll, da tut so ein Preisnachlass keinem weh.“ Er vermisst wie so viele die Nähe („Früher hat man sich gefetzt und dann zusammen gesungen“) und fürchtet, dass gerade denen, die für Schalke leben, kein Platz mehr gelassen wird: „Es gibt Leute, die sparen sich alles vom Mund ab für Schalke. Auch wenn ich es nicht loben will, aber ich habe erlebt, wie Beschaffungskriminalität für Eintrittskarten von Schalke stattgefunden hat.“

„Urlaub nur mit Schalke“

Als noch mehr Herzblut als Champagner auf Schalke floss, war Catweazle das beste Beispiel für die bedingungslose Treue. „Ich hab in meinem Leben nie Urlaub gemacht, nur mit Schalke. Das Schönste war Mailand“, sagt er, um grinsend hinzuzufügen: „Aber auch die zweite Liga in den Achtzigern, da hat man viel von Deutschland gesehen.“

Dass er das alles machen konnte, lag an zweierlei: zum einen sein Job als Besitzer eines Antik-Ladens. Noch heute ist sein Wohnzimmer voll mit Antiquitäten; Puppen, die immer noch Tausende von Euros wert sind. Catweazle sammelte und sammelte, konnte sich selbständig machen und auch mal an seinen Laden ein Schild an die Tür hängen mit der Aufschrift: „Bin 14 Tage mit Schalke weg.“ Zweitens die Toleranz seiner Frau, die selbst mit Fußball nichts am Hut haben will und dennoch ihn überall hingefahren hat, seine Kutten und Hosen nähte und auch akzeptierte, dass die Kinder ebenso mit dem Schalke-Virus infiziert wurden. „Manche 18-Jährige heute, die kennen höchstens drei Discos, meine Kinder haben Mailand, Prag, Valencia und vieles mehr mit allen Sehenswürdigkeiten gesehen.“

Der Familienfrieden geriet nur einmal in Gefahr. Als man ihn anlässlich des Films „Fußball ist unser Leben“, dessen Kostüme aus dem Kleiderschrank Catweazles stammen, fragte, ob er auch sein Haus auf ein Tor von Schalke verwetten würde, witzelte er: „Klar, da würde ich anne Ruhr mein Zelt aufschlagen.“ Das Problem war: Niemand verstand es als Witz und als die Sätze geschnitten über den Schirm liefen, „war zu Hause Zirkus“. Allgemein hat „Caty“ zum TV ein angespanntes Verhältnis, war er doch „öfter im Fernsehen als Claudia Schiffer“, ungefähr bei jeder „ran“-Sendung. So nervten ihn die fragenden Journalisten auch irgendwann, es stand schließlich nicht Prominenz, sondern allein Stimmung im Vordergrund: „Kaum war ich auf dem Mast, war Ramba-Zamba.“ Zwar nicht 90 Minuten durchgehend, aber immer dann, wenn es gerade ruhiger zuging oder das Team ein lang gezogenes „Schaaaaalke“ zu brauchen schien. Angefangen hatte alles in einer Kneipe Anfang der Achtziger vor einem Spiel, als Catweazle und ein Freund auf die Idee kamen und nach Hause flitzten, um das Schlagzeug auseinander zu schrauben.

Der Schalke-Virus hatte ihn aber schon 1958 erwischt, als er mit einem Freund nach Hannover fuhr und dort die letzte Schalker Meisterschaft sah. Danach, sagt er, habe er den alten Schalker Bahnhof blau-weiß angepinselt und kurze Zeit in Gewahrsam verbracht. Solche Storys schüttet der 66­Jährige serienweise aus dem Ärmel.

Wie über den Schalke-Fan aus dem Osten, der seinen Trabbi komplett in Blau-Weiß und mit Schalke-Wappen verziert hatte und nach der Wende vor Catweazles Tür stellte, um ihm den Wagen zu verkaufen. „Der sah so abgefahren aus, den habe ich gekauft - und dabei hatte ich gar keinen Führerschein.“ 1500 Mark legte er auf den Tisch, 500 davon hauten Käufer und Verkäufer zusammen auf den Kopf.

„Vielleicht doch noch mal wieder“

Trabbies und Catweazle - Symbole von Nostalgie. Bis vor kurzem hat er in einem Restaurant am MSV-Stadion gearbeitet, die Schalke-Spiele schaut er auf Premiere in der Kneipe, auf Schalke war er schon zwei Jahre nicht mehr. „Vielleicht in der Rückrunde mal wieder“, sagt er nachdenklich, als ob er wüsste, dass das Rad der Zeit nicht mehr zurückzudrehen ist und viele Fremde in seinem Partykeller rumturnen.

Doch das Funkeln in seinen Augen, wenn er über aktuelle Geschehnisse wie um den abgedrehten Ze Roberto II („Sandkastenspieler“) poltert, verraten, dass das Feuer der Leidenschaft noch glüht. Zum Ende, gibt er seine alte ehrwürdige Trommel und Perücke mit, damit man sie für bedürftige Kinder in Gelsenkirchen versteigert. „Hier verstaubt das und so kann man vielleicht noch Leuten mit etwas Geld helfen.“

Also doch wieder: Er hat was von diesen Helden, die man aus Filmen kennt.

Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04 - Jupp Heynckes

(rk) Für Olaf Thon war er der beste Trainer, unter dem er jemals gespielt hat - für die Fans der Frankfurter Eintracht gilt er immer noch als „persona non grata“. Jupp Heynckes hatte immer schon das Image eines polarisierenden Trainers. Mit ihm kam aber endlich der langersehnte Trainer von Weltruf an den Schalker Markt. Doch am Ende war alles wieder einmal nur ein großes Missverständnis. „Don Jupp“ kam, sah und verlor.

Die Fohlenelf

Berti Vogts, Rainer Bonhof, Günter Netzer: Es waren illustre Namen, mit denen Jupp Heynckes in den 70er Jahren in der „Fohlenelf“ von Borussia Mönchengladbach seine größten Erfolge als Spieler feierte. Viermal schafften die Gladbacher in dieser Zeit das, worauf die Schalker Anhänger nun seit über fünfzig Jahren warten, dazu kamen noch Erfolge im DFB- und UEFA-Pokal. Schon bald erwarb sich Jupp Heynckes einen Namen als Goalgetter: Mit 195 Toren bekleidet er den dritten Rang in der ewigen Torschützenliste der Bundesliga direkt hinter Gerd Müller und Klaus Fischer. Auch im Dress der DFB-Elf konnte er überzeugen: Bei seinen 69 Einsätzen gewann er sowohl die EM (1972) als auch die WM (1974).

Talentspäher

Seine Trainerlaufbahn begann er bei „seinen“ Gladbachern ein Jahr nach dem Ende seiner Profispieler-Karriere. Für einen „Neuling“ sensationell: Die Trainer-Ehe mit der Borussia hielt gleich acht Jahre lang. In diesen Jahren entwickelte sich Heynckes zum Talentspäher: Er entdeckte und förderte etwa Lothar Matthäus, Calle Del’Haye, Wolfram Wuttke, Hans-Günter Bruns, Frank Mill oder Uwe Rahn. Doch mit Gladbach schaffte er nie den ganz großen Wurf bis an die Spitze der Bundesliga, da gute Spieler immer wieder aus wirtschaftlichen Zwängen verkauft werden mussten. Jupp Heynckes hatte Hunger auf Titel - und wo kann man die einfacher erlangen als beim FC Bayern? Und mit Olaf Thon als umfunktionierten Libero gelingt zweimal das Meisterstück (1989 und 1990). Doch die darauffolgende Spielzeit 1991/92 sollte zu einem Desaster für die Bayern werden. Die Münchener stürzten in eine tiefe Krise und am 9. Oktober 1991 wurde Jupp Heynckes entlassen. Uli Hoeneß bezeichnete später den Rausschmiss von Heynckes oftmals als „größte Fehlentscheidung“ seiner Karriere.

Nun zog es Heynckes nach Spanien zu Athletico Bilbao, wo man ihm seinen Beinamen „Don Jupp“ verlieh. Trotz des Handicaps, nur Spieler aus dem Baskenland einsetzen zu dürfen, formte Heynckes eine Mannschaft, die im ersten Jahr von Platz 15 auf den 8. Rang kletterte und sich im zweiten Jahr sogar für den UEFA-Pokal qualifizierte. Immer wieder entdeckte er dabei junge Talente, wie etwa den baskischen Star Julen Guerrero.

Vom Beinah-Meister zum Absteiger

Was nun folgte, war wohl die schlimmste Zeit in seiner Trainerkarriere. Heynckes heuerte bei Eintracht Frankfurt an, die sich soeben mit Andy Köpke im Tor verstärkt hatten. Jupp Heynckes, der aufgrund seiner Gerichtsröte auch von Wolfram Wuttke in einer „Auseinandersetzung“ den Beinamen „Osram“ verpasst bekam, wollte die „Diva vom Main“ an die europäische Spitze führen. Zu dieser Zeit war die Eintracht-Elf mit absoluten Granaten bestückt. Im Mittelfeld wirbelten Mauricio Gaudino und Jay-Jay Okacha, vorne verwandelte Anthony Yeboah deren Pässe.

Doch ausgerechnet diese drei Kicker sorgten für einen Eklat, den es bis dahin in der Bundesligageschichte noch nicht gegeben hatte. Laut Trainer Jupp Heynckes hatten „einige Spieler schlecht trainiert“ und so ordnete er einen 30-minütigen Waldlauf an. Yeboah erklärte daraufhin, er werde zum Spiel gegen den HSV nicht erscheinen. Okocha gab vor, „mental nicht in der Lage zu sein, Fußball zu spielen“ und Gaudino fühlte sich nach zwei Trainingseinheiten körperlich am Ende. Lange Rede, kurzer Sinn: Alle drei Spieler meldeten sich für den 16. Spieltag der Saison 1994/95 krank. Jupp Heynckes roch den Braten und strich alle drei Spieler ein paar Tage später gänzlich aus dem Kader. Lediglich Jay-Jay Okocha wurde in der Rückrunde „begnadigt“. In den Augen vieler Eintracht-Fans gilt diese „Machtdemonstration“ immer noch als der Anfang vom Ende der aufstrebenden Frankfurter, für den sie Heynckes noch heute verantwortlich machen.

Steht auf, wenn Ihr Schalker seid

1995 wechselte Jupp Heynckes wieder nach Spanien, diesmal auf die Kanaren zu CD Teneriffa. Mit seinem Co-Trainer Ewald Lienen war CD Teneriffa dann auch Schalkes Gegner im Uefa-Pokal-Halbfinale 1997. Mit einer höchst unglücklichen 1:0-Niederlage im Gepäck kehrten die Knappen von der Urlaubsinsel zurück. Höhepunkt der Tragik in einem hektischen Spiel (zwei rote Karten für Teneriffa) war die 76. Minute, als Johan de Kock einen Foulelfmeter verschoss.

Das Rückspiel versprach Hochspannung: Das Tor von Thomas Linke in der 68. Minute brachte die Verlängerung. Angepeitscht von den „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“-Gesängen gab es in der 107. Minute die Erlösung: Marc Wilmots köpfte einen Freistoß von Olaf Thon aus fünf Metern unhaltbar in die Maschen und ganz Schalke lag ihm zu Füßen. Im Parkstadion startete eine Jubelorgie und auch Jupp Heynckes musste anerkennen, dass seine Mannschaft heute verdient verloren hatte.

Von Wolke 7 auf Sohle 8

Es hatte sich inzwischen auf der iberischen Halbinsel herumgesprochen, dass Jupp Heynckes ein Händchen dafür hatte, aus bescheidenen Mitteln den größten Erfolg herauszuholen. Real Madrid war - wie immer - auf der Suche nach einem Startrainer, und als Ottmar Hitzfeld sie abblitzen ließ, klopften die Königlichen bei ihm an. Die „Königlichen“ hatten mit Raul, Hierro, Roberto Carlos, Clarence Seedorf, Davor Suker und Mijatovic gleich mehrere Weltklassespieler in ihren Reihen, doch von der ersten Minute an traten Heynckes die Medien extrem skeptisch gegenüber. Kaum auf dem „königlichen Schleudersitz“ seinen Platz eingenommen, sorgte das Aus im Pokal gegen einen Zweitligisten im Januar 1998 für erste Unruhe. Am Ende reichte es nur zu Platz 4 in der Primera Division. Trotzdem gewann Heynckes mit Real die Champions League. Kurios: Als Champions League-Sieger wurde er auch sofort gefeuert. Nach einem kurzen Intermezzo bei Benfica Lissabon kehrte Heynckes zu Athletico Bilbao zurück. Doch als er dort nicht mehr die notwendige Unterstützung erhielt, rief Rudi Assauer an.

Spanische Kommandos

„Schalke ist etwas Spezielles, für viele so etwas wie eine Religion, für mich eine absolute Topadresse. Schalke hat fantastische Fans und das modernste Stadion in Europa. Und Rudi Assauer hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass ich der Wunschtrainer für Schalke 04 bin und wir gemeinsam wieder an die Erfolge anknüpfen können, die der Verein in den letzten zehn Jahren hatte. Ich habe ein sehr gutes Gefühl“, so Jupp Heynckes direkt nach seiner Verpflichtung im „Spiegel“-Interview. Doch Skepsis blieb: Wird Rudi Assauer, der Heynckes schon Mitte der 80er Jahre als Schalke-Coach holen wollte, mit einer solch starken Trainer-Persönlichkeit harmonieren? Ebenso spannend war die Frage, ob der weltmännische Erfolgscoach mit der Mentalität im Revier zurechtkommen werde. Beim Antrittstraining wurde Jupp Henckes mit Applaus von den Schalke-Fans begrüßt. Und seine Art kam gut an: Einfachste Übungen wie Kurzpässe über drei Metern - bei denen sich auch heute noch macher Profi schwer tut - wurden durchgeführt, und insgeheim dachten wohl die Trainingskibitze, dass genau das die Trainingseinheiten waren, die sie den Spielern auch am liebsten beigebracht hätten. „Don Jupp“ war in seinem Element, manchmal sogar zu sehr, denn er brachte aus alter Gewohnheit immer noch spanische Kommandos: Arriba, arriba!

Nicht alls Gold, was glänzt

Die Saison 2003/2004 startete mit einer hohen Erwartungshaltung - und mit dem Derby aller Derbys: Nur wenige Sekunden fehlten Schalke 04 gegen Lüdenscheid zum ersehnten Auftaktsieg. Nach zwei Treffern von Neuzugang Hamit Altintop schienen die Knappen bereits auf der Siegesstraße, ehe Conceicao und Amoroso in der Nachspielzeit für die Gäste noch ausglichen.

So unglücklich wie dieses Spiel verlief ein Großteil der Saison. Heynckes probierte ständig etwas Neues aus, brachte viele junge Spieler und kam dabei aber nie auf eine Stammelf. Hinzu kam, dass Ebbe Sand größtenteils Ladehemmung hatte. Abhilfe sollte Ailton schaffen, der ablösefrei von Werder losgeeist worden war, genauso wie Mladen Krstajic. Über den UI-Cup schafften es die Knappen doch noch, das internationale Geschäft zu erreichen. Aus dem Weg wurden dabei Esbjerg fB und Slovan Liberec geräumt.

Die Jubiläumssaison - Schalke hatte gerade groß seinen 100. Geburtstag gefeiert - startete trotzdem stotternd. Nach vier Spielen fanden sich die Knappen gerade mal auf dem 16. Tabellenrang wieder. Ein Abstiegsplatz - und das, obwohl das gesamte Umfeld so riesige Erwartungen hatte. Nach dem bescheidenen Saisonverlauf 2004 und den ambitionierten Neuverpflichtungen schien die Geduld bei den Vereinsverantwortlichen mit dem ehemaligen Meistertrainer aufgebraucht. Es roch nach Panik und Angst: Warum brachten die hohen Investitionen nicht den gewünschten Erfolg?

Bei Osram gehen die Lichter aus

„Er hat wirklich einen Hexenschuss“, sagte Rudi Assauer bei der Pressekonferenz, auf der die Trennung von Jupp Heynckes bekannt gegeben wurde. Hexenschuss hin oder her: Die Begründung des Managers für die Entlassung ließ viele Fragen offen. Jupp Heynckes habe sich „einfach nicht helfen lassen“. Wie Assauer das nun wirklich meinte, blieb offen. Assauer hatte Heynckes in einem persönlichen Gespräch „Hilfestellung“ angeboten, doch Heynckes - ein Mann mit Prinzipien - wollte sein Ding durchziehen. Assauer: „Er hat seine Philosophie, und von der weicht er nicht ab“. Heynckes wollte sich nicht verbiegen lassen - und so gab es laut Assauer nur die einzige Alternative der Trennung. Die Spieler waren anscheinend heilfroh. Zwar wollte sich niemand vor der Journalistenschar so recht äußern, aber zwischen den Zeilen wurde deutlich, dass Jupp Heynckes nicht mehr den engen Draht zur Mannschaft hatte. Woran das gelegen hat? Assauer umschrieb es so: „Der Jupp ist ein Fußballer der alten Schule, aber wir haben das Jahr 2004.“

Vier Trainerwechsel in zwei Jahren

Zwar übernahm Rudi Assauer die Verantwortung für die vier Trainerwechsel binnen zwei Jahren, aber das hielt ihn nicht davon ab, noch mehr in das Vereinsgeschehen einzugreifen: Die Trainerbank wurde verbreitert, denn ab jetzt saßen dort neben Eddy Achterberg (Co-Trainer) auch noch Oliver Reck (Torwarttrainer), Andreas Müller (Sportlicher Leiter) und Rudi Assauer. Dies war zumindest solange der Fall, bis mit Ralf Rangnick der neue Chef-Trainer gefunden war.

Jupp Heynckes legte indes eine eineinhalbjährige gesundheitlichen Auszeit ein. Am 23. Mai 2006 unterschrieb er erneut bei seiner Borussia. Die Saison 2006/07 begann mit vier Heimsiegen durchaus erfolgreich, danach konnte Gladbach aber nicht mehr gewinnen und fand sich zur Winterpause auf einem Abstiegsplatz wieder. Trotzdem entschied sich der Verein, an Heynckes fest zu halten. Nach zwei weiteren erfolglosen Spielen zu Beginn der Rückrunde trat Heynckes Ende Januar zurück und beendete damit seine Trainerlaufbahn. Jupp Heynckes begründete seinen Rücktritt mit Fanattacken in „einer Dimension, die ich meiner Frau nicht länger zumuten kann“. Morddrohungen und Spiele unter Polizeischutz, das wollte er nicht länger erdulden.

Kalt schlecht, Training zu früh

SCHALKE UNSER-Reporter Rudi Grasraucher war auch in der Winterpause live dabei. Mit Hilfe eines Ghostwriters enthüllt er exklusiv im SCHALKE UNSER, wie es wirklich war.

Hinrundenende hieß: Saisonwetten einlösen, Hosen runter, Karten auf den Tisch. Erster Gewinner: Ivan. Er hatte gewettet, es zu schaffen, 473 Ecken auf Bauchnabelhöhe zu schlagen - in nur einer Hinrunde. Alcopop-Jonny hatte damals gesagt: „Das schaffst du nie!“ Jetzt waren Kästen fällig, Ivan schaffte 474. Aber wo sollte das Ding steigen? Bei Jonny lag ja seit Saisonbeginn immer noch Orlando gefesselt und geknebelt im Keller. Jonny wollte unbedingt seinen Stammplatz behalten und nahm dessen Zwillingsbruder immer mit zum Training, der eigentlich nur professioneller Mau-Mau-Spieler war und mannschaftsintern „Goofy“ genannt wurde. Den Trick hatte ihm Halil verraten, aufgefallen war bislang nichts.

Man entschied sich der Tradition wegen für Raffis Bude, da hatten wir schon quartiert, während der Kurze in Fernost war. Und das hatte ich damals klar gemacht; auf jener Sause erzählte ich Raffi, dass in China ein Glas immer voll sein muss. Da schenken die Kellner einfach immer nach - aus Höflichkeit. Wer sich zuschüttet, wird gefeiert, weil den Chinesen so ein Enzym fehlt. Das muss wohl was an der Bandscheibe sein. Und alle Frauen würden auf ihn stehen, weil das ja ein Land ist, in dem selbst er der größte Mann von allen ist. Raffi bekam den Mund nicht mehr zu und wollte damals unbedingt da hin. Koste es, was es wolle.

Dummerweise lief die Saisonwetten-Fete zwei Tage vor dem letzten Spiel gegen Hoffenheim ab. Doch Pistol-Pete hatte nur gerufen: „Ach so ’nen Aufsteiger hauen wir auch so weg!“ Der Kerl war seit dem letzten Abriss auf irgendeinem härteren Stoff hängen geblieben und hatte die Hinrunde überhaupt nicht mitbekommen. Der erste Schock folgte direkt: Das Bier von draußen war wegen der Kälte geplatzt. Außerdem war das Abschlusstraining auf morgen früh um elf Uhr angesetzt, also mitten in der Nacht. „Kalt schlecht, Training zu früh“, resümierte Ze der Zweite und kloppte sich auf den Schock die restliche Pulle Kräuterschnaps in den Rachen. Der Mann arbeitete eindeutig zu viel.

Es half alles nichts, ich musste mich beweisen. Schließlich machte das Gerücht die Runde, dass die Leute von der Scouting-Abteilung nach den letzten Transfers ein größeres Alkoholproblem hatten als ich. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und erbeutete aus dem Keller vom Nachbarn genug Schnaps, um zehn Männer von der Kategorie „Bon Scott“ zu betäuben. Dass der Nachbar die Polente rufen würde, ahnte ja keiner.

Beim Restesaufen ein paar Tage später war auch bald Notstand und da diesmal Komatrinker Schobi am Start war, mussten wir Raffis Hummer für die Einkäufe nehmen. „Wärs’ du ’n richtiger brasilianischer Fußballstar, würd’ jetzt ’ne untalentierte blonde deutsche Sängerin das Frühstück holen“, scherzte Fabe.

Nur sollte unser Frühstück wieder flüssig ausfallen. Doch wieder waren die Grün-Weißen zur Stelle. Wir schnallten Raffi vom Kindersitz ab und schickten ihn vor, denn er war der einzige ohne Führerschein (konnte nicht übers Lenkrad schauen) und hatte somit nichts zu verlieren. Keiner wusste, dass der Kerl schon am frühen Morgen am „dreckigen Harry“ genascht hatte. Und vor allem dachten wir, dass Spice, der feine Stoff, den Youri aus Holland mitgebracht hatte, noch legal wäre. Die Stimmung war im Keller, denn auch Gustav setzte sich mit seiner Ladung Mate-Tee zurück nach Uruguay ab, gepanscht mit allerlei hochprozentigen Köstlichkeiten von uns. Die Zeit der Prohibition hatte begonnen.

Eine Idee sollte helfen. Einen Tag vor Silvester deckten wir uns mit ordentlich Zündstoff ein - und holten natürlich auch was zum Knallen, sprich: die 3-Liter-Flasche Mariacron im Sechserpack. Wir ließen es uns nicht nehmen, einen alten Scherz durchzuziehen: Böller-Lunte anzünden, vor die Haustür legen und anklingeln, diesmal bei Manager Action-Andi. Als Rache für die Ankündigung, dass er hart durchgreifen wolle. Doch Andi hatte Lunte gerochen und schon hinter der Tür gelauert. Wir rannten los, Asa vorneweg. Aber Albert und Pistol-Pete bekam er zu fassen, wir anderen entkamen. „Konditionelle Rückstände“, riefen wir nach hinten.

Wir konnten ja nicht ahnen, dass Andi das genau so als Grund der Presse sagte und hinzufügte, die beiden würden sich nicht mehr genug auf den Fußball konzentrieren.

“Ich hätte gerne etwas Netteres gesagt” - Interview mit Reinhard Sprenger

(web/dol) Reinhard Sprenger berät fast alle deutschen Top-Unternehmen. Seine Bücher zu Personal- und Führungsfragen finden sich regelmäßig in der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. „Mythos Motivation“ und „Aufstand des Individuums“ sind längst Klassiker der Managementliteratur. Zuletzt erläutert er in „Gut aufgestellt“ Managern Strategien aus dem Fußball. Nicht schlecht für einen verhinderten Sport-, Geschichte- und Philosophielehrer. Das SCHALKE UNSER sprach mit dem Querdenker über Kommerzialisierung, Systemfußball und konkrete „Schwachleister“ in modernen Fußball.

SCHALKE UNSER:
Was hältst du von der Hoffenheimerisierung der Bundesliga? Werden wir in Zukunft weitere Klubs in der Liga erleben, die entweder die Hobby-Veranstaltung eines Konzerns oder einer reichen Einzelperson sind?

REINHARD SPRENGER:
Hoffenheim ist ein schönes Beispiel für einen deutschen Traditionskomplex. So ein Phänomen würde in den USA zum Beispiel bejubelt. Was Herr Hopp mit seinem Geld macht, ist sein Privatvergnügen. Und ich denke, man kann sein Geld unsinniger ausgeben. Zudem sehe ich nur positive Konsequenzen für den Fußball, wobei die Bundesligamannschaft nur eine seiner Aktivitäten ist. Hinzu kommt sein Engagement im Jugend- und Frauenfußballbereich und in der Region. Wenn er sich in der englischen Premier League eine wahnsinnig teure Söldnertruppe zusammengekauft hätte, hätte ich auch meine Bauchschmerzen gehabt, obwohl ich da grundsätzlich nichts gegen gehabt hätte. Aber unter den aktuellen Bedingungen kann ich nur sagen: Hut ab, großartig, und ich habe kein Verständnis für Leute, die da etwas Kritisches sehen!

SU 61 Interview Sprenger 1

SCHALKE UNSER:
Abgesehen davon, dass er die Auswärtsfahrten von nicht vorhandenen Fans massiv gesponsert hat.

REINHARD SPRENGER:
Das ist mir nicht bekannt, aber selbst da interessiert mich eigentlich weniger die Absicht als die Konsequenzen. Ich kann sogar mit einem Menschen leben, der böse Absichten hat, wenn er gute Konsequenzen hervorbringt.

SCHALKE UNSER:
Du hast gerade Amerika angesprochen. Ist der deutsche Fußball inzwischen ähnlich kommerzialisiert wie manche Sportarten in den USA oder geht da noch mehr?

REINHARD SPRENGER:
Da geht erheblich mehr, aber man kann sich auch fragen, warum der Fußball in den Vereinigten Staaten nicht so populär ist. Es sind vor allem die fehlenden Pausen. Sportarten, die dort populär sind, sind wegen der Pausen populär. Pausen, in denen man sich unterhalten und essen kann. Der Sport ist dort ein soziales Event, das mit der sportlichen Leistung im engeren Sinne wenig zu tun hat: Der Nachbar ist mindestens so wichtig wie das Spiel. Das ist beim Fußball anders. Die nächste Stufe der Amerikanisierung wäre erreicht, wenn wir anfangen würden, zusätzliche Unterbrechungen und Auszeiten für Werbefilme einzuführen. Wenn Vereine für Geld den Namen ihres Stadions verschleudern, das für viele Menschen Herkunft und Heimat ist, finde ich das bedauerlich, bin aber Marktradikaler genug zu sagen: Wenn Ihr weiterhin für 25 Euro ein Erstliga-Fußballspiel gucken wollt, ist das ein Teil des Preises, der zu zahlen ist.

SCHALKE UNSER:
Meine englischen Freunde weinen immer, wenn ich ihnen erzähle, dass ich für 180 Euro eine Bundesligasaison lang in der Nordkurve stehe. Apropos, wie wird sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf den Fußball auswirken?

REINHARD SPRENGER:
Ich gehe davon aus, dass nach der Krise, so bruchhaft und historisch vorbildlos sie über uns gekommen ist, man schnell zum business-as-usual zurückkehren wird, ohne dass die grundsätzlichen wirtschaftlichen Anpassungen geleistet worden sind. Aber die Krise wird wiederkehren und wahrscheinlicher noch viel einschneidender werden. Das will ich jetzt nicht weiter vertiefen. Für den Fußball ändert sich erst mal nichts. Wenn die Staaten jedoch die Gelddruckmaschinen anwerfen und wir in eine Hyperinflation kommen, wird das auch für den Fussball nicht folgenlos bleiben.

SCHALKE UNSER:
Schießt Geld Tore?

REINHARD SPRENGER:
Nein, es ist noch nie ein Tor gefallen, weil ein Spieler während des Schießens an das Geld dachte. Torprämien auszuloben ist in jeder Weise kontraproduktiv. Aber beim Thema Geld muss man zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden. Wenn ich Geld auf den Tisch tue, kann ich nicht sicher sein, dass anschließend der große Erfolg kommt. Beispiele kennt jeder. Real Madrid hat erfahren, dass eine Masse extrem teurer Spieler allein keine Mannschaft und erst recht keine erfolgreiche Mannschaft macht. Chelsea blieb auch lange Zeit hinter den Erwartungen zurück, gemessen an den Investitionen. Jetzt Manchester City. Man kann mit Geld schaffen, dass jemand auf das Spielfeld geht oder zum Verein kommt; man kann nicht schaffen, dass er gewinnt. Langfristig kann ich aber dafür sorgen, dass die Bedingung der Möglichkeit von Erfolg deutlich verbessert wird. Das Beispiel Hoffenheim zeigt: Wenn zum Geld gute Leute kommen, dann kann es klappen. Geld steht hier für nachhaltigen Erfolg, aber nur als Korrelation, nicht als Ursache. Und noch etwas anderes gilt: Wenn Geld dominiert, wird Ergebnisfußball gespielt, die Besitzstandswahrung dominiert. Was stirbt, ist die Risikofreude, das Ausprobieren, die Kreativität. Wenn viel Geld im Raum steht, wählt man den sicheren Weg, nicht den, der scheitern könnte.

SCHALKE UNSER:
Du hast ein Buch für Manager über Fußball geschrieben. Hättest du drei gute Ratschläge für Andreas Müller?

REINHARD SPRENGER:
Den Fußballmanager würde ich mir nicht anmaßen, trotz unendlicher Parallelen zwischen Fußball und Wirtschaft. Ein wesentlicher Unterschied: Bei den Fußballvereinen spielt traditional die historische Wurzel, das Stammpublikum, eine große Rolle. Die Wurzel ist eine permanente Kraftquelle. Daher sollten die Vereine das Lokale und das Herkömmliche erheblich sensibler behandeln als das in den meisten Großunternehmen getan wird.

SCHALKE UNSER:
Den leidenschaftlichen Fußballfan gibt es trotz aller Kommerzialisierung, den klassischen Stammkunden kaum noch. Was ist das Besondere am Fußball?

REINHARD SPRENGER:
Der Fußball sendet eine bedeutende Meta-Aussage: Es ist immer auch anders möglich! Kein anderer gesellschaftlich relevanter Bereich zeigt so deutlich, dass es in Stein gemeißelte Erfolgsrezepte nicht gibt. In 14 Tagen sind die Erfolgsrezepte von Herrn Klinsmann vorbei und drei Wochen später geht wieder etwas anderes. In der Wissenschaft nennt man das „Kontingenz“, die Überfülle von Möglichkeiten. Das ist die Freiheit, für die ich mich begeistern kann. Für die Manager, mit denen ich arbeite, ist es aber kaum erträglich, keine dauerhaften Erfolgsrezepte zu kennen.

SCHALKE UNSER:
Ist das der Grund, warum der Klinsmann bei dir so ausführlich beschrieben und gelobt wird?

REINHARD SPRENGER:
Er wird in einigen Punkten mächtig gelobt, insbesondere seine Beharrlichkeit und seine Harthörigkeit gegenüber dem sogenannten öffentlichen Interesse. Ob er für langfristigen Erfolg als Trainer steht, muss sich - ohne Häme - noch zeigen. Ich sehe ihn mehr als Projektleiter, der für den deutschen Fußball Erhebliches getan hat, und seine Saat ist eigentlich erst nach der WM aufgegangen.

SCHALKE UNSER:
Immerhin konnte man sich unter seiner Leitung erstmals seit der WM 1990 wieder Spiele der Nationalmannschaft ansehen, ohne ganz amerikanisch die meiste Zeit mit seinem Nachbarn plaudern zu müssen, was uns übrigens häufiger passiert. Aber vielleicht spielt der Zuschauer ja kaum noch eine Rolle. Wir erleben hautnah den Trend, dass die Bedeutung der Zuschauereinnahmen im Vergleich zu denen der Merchandise-Verkäufe sinkt.

REINHARD SPRENGER:
Hier ist für mich der FC Barcelona ein schönes Beispiel. Die Vereinsführung dieses Vereins hat klar gesagt: „Wir wollen in erster Linie ein gutes Spiel bieten. Wir müssen nicht unbedingt siegen, aber wir müssen auf ganz hohem Niveau dabeibleiben.“ Die zahlen sogar für ihren Trikot-Sponsor, die Unicef. Auch da muss man das Ganze sehen, einschließlich des Merchandising. Es zahlt sich aus, wenn sie sich um ein sympathisches Image bemühen. Und auch wenn man das nachhaltig sieht, stehen Vereine dieser Art langfristig besser da als Vereine mit dem Motto „Erfolg um jeden Preis“.

SCHALKE UNSER:
Aber hier findest du auch eine fantastische Wurzel vor: Katalonien, die Sprache, der Widerstand gegen den Franco-Faschismus, das hat doch eine riesige politische Dimension. Die sind ein Symbol. Wer geht zu Espanyol Barcelona? Diese Wurzel ehren sie und deswegen bleiben die Leute bei ihnen. Sie dürfen nur nicht absteigen. Dann passiert ihnen möglicherweise das, was Rot-Weiß Essen passiert ist. Apropos, du bist bekennender Essener, warum berätst du Rot­Weiß Essen nicht? Wollen die dich nicht?

REINHARD SPRENGER:
Nein, die wollen mich nicht. Rangnick hat mich mal gewollt. Da war er noch bei Schalke.

SCHALKE UNSER:
Deine Beratung war wahrscheinlich das Ausschlaggebende am Schluss. Wir waren auch traurig, als Rangnick ging. Diese Trainer-Entlassung war der letzte große Fehler von Assauer, sagen viele - obwohl er danach noch den Gazprom-Deal eingestielt hat.

REINHARD SPRENGER:
Die Problematik ist, dass die meisten Manager oft unter würdelosen Umständen ihren Job verlieren, weil sie einfach den Zeitpunkt zum Loslassen verpassen. Da ist es klug, am vorletzten Tag zu gehen. Gegen den Gazprom-Deal kann ich nichts sagen, immerhin beziehen inzwischen sogar große Teile Bayerns ihr Gas von Gazprom.

SCHALKE UNSER:
Lies das SCHALKE UNSER, es nicht alle sind deiner Meinung. Aber noch etwas Anderes: In der Wirtschaft wird heute - zumindest von einigen - von nachhaltigem Wirtschaften gesprochen. Was könnte nachhaltiges Wirtschaften im bezahlten Fußball sein.

REINHARD SPRENGER:
Nachhaltigkeit muss man heute anders praktizieren als vor zehn Jahren. Das bedeutet heute ein, zwei, vielleicht drei Saisons und dann muss man sich neu orientieren. Es gibt heute in keinem gesellschaftlichen Bereich mehr eine Stammplatzgarantie. Aber wenn man einem Trappatoni wie in Stuttgart nur sieben Monate Zeit gibt, ist das Unsinn. Der fasste mal lapidar in einem einzigen Satz die fundamentalste Fußball-Wahrheit zusammen, hinter der ich stehe: Ein guter Trainer macht eine Mannschaft nur um 10 Prozent stärker, aber ein schlechter macht sie zu 50 Prozent schlechter. Das gilt auch für die Wirtschaft, weil die demotivierende Wirkung soviel höher ist als die motivierende.

SCHALKE UNSER:
Und erst recht für den öffentlichen Dienst. Du setzt in der Personalführung auf freiwillige Gefolgschaft. Passt das spielende Individuum eigentlich noch in den heutigen Systemfußball?

REINHARD SPRENGER:
Systemfußball spielen heißt Passungsprobleme lösen. Wenn aber alle dasselbe System spielen, tritt wieder die Klasse des Einzelnen in den Vordergrund. Und die ist durch kluge Führung zu fördern. Eine Führung, die aber nur als „Führung zur Selbstführung“ funktioniert. Führung ist nur gerechtfertigt, wenn sie das Selbstbewusstsein der Spieler so stärkt, dass sie in der Situation ihre Freiräume selbstverantwortlich nutzen können und nicht darauf warten, Anweisungen zu bekommen. Das sah man an dem größten Skandal in der Fußballgeschichte, dem EM-Gewinn Otto Rehagels mit Griechenland. Das vermeintliche Handicap, die fehlenden Griechisch-Kenntnisse Rehagels, entpuppten sich als Vorteil. Die Spieler konnten gar nicht fragen und auf Anweisung warten; sie machten einfach und übernahmen Verantwortung. Gute Führungskräfte machen sich überflüssig.

SCHALKE UNSER:
Sich als Trainer überflüssig machen ist ein wichtiger Punkt, aber was fällt dir zu Kevin Kuranyi ein?

REINHARD SPRENGER:
Für mich ist Kuranyi dermaßen unklar, dass ich analytisch kaum Aussagen darüber machen kann. Der hat brillante Situationen und dann Versagenselemente, die in keiner Weise zusammen passen. Für den muss man frei nach Versuch und Irrtum eine Situation schaffen, in der er mehrheitlich positive Konsequenzen hat und die Schwächen keine große Rolle spielen. Das scheint bei Schalke nicht der Fall zu sein. Wenn er dennoch gehalten wird, macht man das aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann. Ähnlich war es lange Zeit bei Podolski in München. Podolski ist ja - sozusagen - nur biologisch erwachsen, eigentlich ist er ein Kind. Was der braucht, ist Urvertrauen. Rotierende Mannschaften sind überhaupt nicht sein Thema, weil er sich dort im permanenten Wettbewerb befindet. Man muss für ihn ein Setting finden, in dem er tagtäglich Vertrauen spürt. Dann ist der Mann zu hervorragenden Leistungen fähig; aber nicht unter dem Konzept Klinsmann bei Bayern München. Aber das Problem hat sich ja nun auch gelöst.

SCHALKE UNSER:
Hast du hier einen Ratschlag für Schalke?

REINHARD SPRENGER:
Wenn es mein Geld wäre, würde ich mich von Kuranyi trennen. Der zieht viel zu viel Energie auf sich. Dabei ist er wohl auch charakterlich schwierig, was so von außen wahrnehmbar ist, und insofern bietet er sich im Versagensfall den Kritikern als Sündenbock zu sehr an. Ich hätte da gerne etwas Netteres gesagt.

SCHALKE UNSER:
Wie sagte schon Laotse: Was sich schön anhört, ist selten wahr, und die Wahrheit ist selten schön! Abschließende Frage: Insider behaupten, dass im Fußballmanagement Inzucht vorherrscht. Ist das in der Wirtschaft auch so?

REINHARD SPRENGER:
Ja. Die unsichtbare Hand des Marktes ist dort häufig ein unsichtbares Händeschütteln. Das ist eine relativ kleine Clique, die sich wechselseitig die Posten zuschiebt. Ich bedaure dies, aber nicht so sehr, weil da persönliche Bereicherung eine Rolle spielt, sondern weil die dringend notwendige Internationalisierung deutscher Unternehmen in der Führungsspitze nicht stattfindet. Wir brauchen gerade in den deutschen Konzernspitzen erheblich mehr Fußballer mit Migrationshintergrund.

SCHALKE UNSER:
Wir bedanken uns für das Gespräch. Glückauf.

Seiten


Wir machen Druck