Nummer 66 - 2010/04

Auszüge aus dieser Ausgabe:

Interview Jefferson Farfan und Carlos Zambrano: „Das Leben auf Schalke ist gut für Alles.“
Seht ihr, Castrop-Rauxel, so wird das gemacht!
Schalker Originale - Klaus “Tanne” Fichtel
Interview “Fanclub Andersrum auf Schalke”: „Es geht darum, dass niemand diskriminiert wird.“
Doktorspiele - Kieferbruch

Interview Jefferson Farfan und Carlos Zambrano: „Das Leben auf Schalke ist gut für Alles.“

(aj/dol) Nicht erst seit wir eine eigene peruanische Fraktion in unserem Kader haben, interessiert sich das SCHALKE UNSER für das südamerikanische Land, das fast viermal so groß ist wie die Bundesrepublik und Fußballplätze in ungewohnten Höhenlagen besitzt. Jefferson Agustín Farfán Guadalupe und Carlos Augusto Zambrano Ochandarte stammen aus der Hauptstadt Lima bzw. der benachbarten Hafenstadt Callao und sprachen mit dem SCHALKE UNSER über Fußball, Essen und das Leben in Europa und Peru.

SCHALKE UNSER:
Hallo Jefferson, hallo Carlos, sollen wir das Interview lieber auf Deutsch oder auf Spanisch führen?

CARLOS AUGUSTO ZAMBRANO OCHANDARTE:
(grinst) Lieber auf Spanisch.

SCHALKE UNSER:
Bevor wir mit dem eigentlichen Interview beginnen, wollen wir uns kurz vorstellen: Kennt Ihr das SCHALKE UNSER?

JEFFERSON AGUSTÍN FARFÁN GUADALUPE und CARLOS AUGUSTO ZAMBRANO OCHANDARTE:
Nein, das sehen wir zum ersten Mal.

SCHALKE UNSER:
Wir wollten Euch beide interviewen, da wir etwas über Eure Heimat Peru und die Unterschiede im Leben der beiden Länder erfahren möchten. Beginnen wir doch mit dem Naheliegenden: Ihr kommt gerade vom Mittagessen, wie war es denn?

CARLOS ZAMBRANO:
Ganz gut.

SCHALKE UNSER:
Welches ist denn Euer Lieblingsessen?

CARLOS ZAMBRANO:
Die deutsche Küche hat ja ihre guten Seiten und ist auch ganz lecker, aber jeder ist doch an die Rezepte seines Heimatlandes gewöhnt, und die peruanische Küche ist sehr vielfältig. Wir mögen sie beide lieber, weil sie eine große Auswahl bietet. Als erstes fällt einem Ceviche ein (berühmtes peruanisches Gericht aus kleingeschnittenem marinierten Fisch), ich mag auch sehr gerne Ají de Gallina (pikantes Hähnchengericht).

JEFFERSON FARFÁN:
Ich esse am liebsten Arroz con Pollo (Reisgericht mit Hähnchen).

SCHALKE UNSER:
Wir interessieren uns natürlich für die exotischen Gerichte. Wie findet Ihr denn Meerschweinchen? (Beide gucken sich verständnislos an.) Oder isst man das nur im Andenhochland?

JEFFERSON FARFÁN:
Meerschweinchen isst man nur in einer Provinz von Lima, in der Hauptstadt selbst ist das nicht üblich.

SCHALKE UNSER:
Und was ist mit Alpakafleisch? Das hat doch hervorragende Eiweiß- und Eisenwerte, ist fettarm und gesund.

JEFFERSON FARFÁN und CARLOS ZAMBRANO:
Nein, nein. Das wird bei uns nicht gegessen.

SCHALKE UNSER:
Für das Ceviche braucht man ja frischen Fisch, den bekommt man hier nicht so leicht. War das in Holland einfacher?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein, genauso wie hier. Also wir essen eben, was man zurzeit am besten bekommt.

SCHALKE UNSER:
Ihr habt beide Söhne. Wie oft seht Ihr Eure Kinder?

CARLOS ZAMBRANO:
Nur einmal im Jahr. Die Winterpause ist schnell vergangen, da war gar keine Gelegenheit.

JEFFERSON FARFÁN:
Meine Frau und mein Sohn sind seit einem Monat hier und bleiben auch bis zum Ende der Saison. Meine Tochter aus einer früheren Beziehung ist in Peru bei ihrer Mutter und fast immer, wenn ich dort im Urlaub bin, kann ich sie sehen.

SCHALKE UNSER:
Und Deine Familie, Carlos?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, sie kommen auch hierher. Vor zwei Wochen sind sie fast alle angereist und die Zeit mit ihnen ist sehr schön.

SCHALKE UNSER:
Wir haben gelesen, dass Du Jefferson sprachlich geholfen hast, als er auf Schalke ankam?

CARLOS ZAMBRANO:
Nein, das stimmt nicht so ganz. Es war mehr eine kleine Unterstützung, da er ja die Sprache noch nicht konnte und die Mentalität hier anders ist. Ich war zwar noch sehr jung, aber ich hatte ja schon vorher hier angefangen.

SCHALKE UNSER:
Macht Ihr denn privat viel zusammen?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, wenn es möglich ist, ab und zu mit der Familie.

SCHALKE UNSER:
Was macht Ihr dann so in Eurer Freizeit?

JEFFERSON FARFÁN:
Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie, ansonsten spazieren gehen oder shoppen.

SCHALKE UNSER:
In Gelsenkirchen oder in Buer?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein, eher in Düsseldorf.

SCHALKE UNSER:
Gibt es einen großen Unterschied zwischen Eindhoven und Gelsenkirchen?

JEFFERSON FARFÁN:
Na ja, hier ist es etwas größer, es gibt mehr Einwohner. Ich habe mich hier eingewöhnt und es ist ja auch nicht weit bis nach Eindhoven, nur anderthalb Stunden. Da besuche ich manchmal Freunde.

SCHALKE UNSER:
Für Dich, Carlos, war es doch etwas anders, als Du nach Gelsenkirchen gekommen bist: Du warst gerade 17 und hast in der A-Jugend angefangen.

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, es war sehr schwierig. Ich bin praktisch ohne alles gekommen, beherrschte die Sprache nicht, alles war anders, das Essen, die Familie war nicht da. Aber Gott sei Dank ist diese Zeit ja vorbei.

SCHALKE UNSER:
Als Du hier ankamst, bist Du noch zur Schule gegangen?

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, sie haben mich zur Schule geschickt, ich hatte damals ein Studentenvisum.

SCHALKE UNSER:
Hast Du noch Freunde aus der A-Jugend-Zeit?

CARLOS ZAMBRANO:
Na klar. Ich habe immer Kontakt zu ihnen gehalten und wir sehen uns ab und zu.

SCHALKE UNSER:
Natürlich seid Ihr beide auf Schalke, um Euch weiterzuentwickeln und Ihr habt Euch bewusst dafür entschieden, weil Schalke einer der großen deutschen Vereine ist. Da steht selbstverständlich Schalke im Moment bei Euch im Vordergrund, aber bei unserer Recherche haben wir gelesen, dass Du, Carlos, ein Fan von Alianza Lima bist (übrigens auch mit blau-weißen Vereinsfarben). Dort spielte früher Jefferson.

JEFFERSON FARFÁN:
(grinst) Na klar, eigentlich ist er ein Fan von MIR!

CARLOS ZAMBRANO:
Ja, ich bin immer noch ein Fan von Alianza und verfolge auch, was dort passiert.

SCHALKE UNSER:
Außerdem fanden wir es interessant, dass Du bei den europäischen Vereinen neben Liverpool den spanischen Club Sevilla gut findest, und nicht Real Madrid oder FC Barcelona nennst.

CARLOS ZAMBRANO:
Sevilla ist für mich ein großer Verein, der auch immer oben mitgespielt hat, gegen Madrid oder Barça, ähnlich wie Schalke in Deutschland.

SCHALKE UNSER:
Ist es in Peru nicht sehr schwierig, in der Liga Fußball zu spielen, aufgrund der extremen Klima- und Höhenunterschiede im Andenhochland?

JEFFERSON FARFÁN:
Ich musste in meiner Zeit bei Alianza Lima nicht im Hochland spielen. Ich war, glaube ich, nur einmal in Cuzco (auf ca. 3400 Metern Höhe). Da war ich noch sehr jung, ich war noch in der Jugendmannschaft. Das war sehr hart, aber ich habe mich dann daran gewöhnt.

SCHALKE UNSER:
In Eurem Heimatland gibt es Regionen (ebenfalls im Andenhochland), in denen durchaus an Hexerei geglaubt wird. Ebenso sind ja viele Fußballfans sehr abergläubisch. Wie ist das denn bei Euch, seid Ihr abergläubisch?

CARLOS ZAMBRANO:
Nein, überhaupt nicht.

SCHALKE UNSER:
Wie unterscheidet sich denn eigentlich die Fußballkultur in Lima von der hier? Ist Fußball dort sehr wichtig?

JEFFERSON FARFÁN:
Na ja, im Bereich der Jugendarbeit ist er schon wichtig und bietet Möglichkeiten der Unterstützung für Jugendliche, gerade weil es wenig gute Arbeit gibt. In Europa werden junge Fußballer anders gefördert, es gibt Jugendturniere und Wettbewerbe, Jugendnationalmannschaften, große Turniere z.B. in Barcelona und Madrid. Das gibt es alles nicht in Peru. Es gibt nur kleine Turniere auf Provinzniveau und wenig Entwicklungsmöglichkeiten, es gibt nur wenige größere Vereine wie Alianza Lima.

SCHALKE UNSER:
Was ist mit der Fankultur?

JEFFERSON FARFÁN:
Die großen Vereine haben natürlich ihre Fans, die zu allen Spielen kommen, aber auch das ist ganz anders, sie sind wirklich sehr fanatisch.

SCHALKE UNSER:
Wie viele Leute kommen zu einem Spiel?

JEFFERSON FARFÁN:
Zum Derby? Das ist immer voll (45.000 Plätze).

SCHALKE UNSER:
Was ist jetzt mit der peruanischen Nationalmannschaft? Ihr spielt nicht mit bei der WM. Wird sich jetzt etwas verändern? Wird es personelle Veränderungen geben?

CARLOS ZAMBRANO:
Im Moment ist alles offen. Es gibt keine neuen Entwicklungen, solange wir keinen festen Trainer haben. Bis dahin, wird nichts passieren. In Südamerika bei den Turnieren, die wir gespielt haben, war die Situation durch das Fehlen der vier gesperrten Spieler sehr schwierig. Mal sehen, was in Zukunft aus der Mannschaft wird.

SCHALKE UNSER:
Zurück zur Kultur: Bekommt Ihr etwas mit von Ruhr 2010, der europäischen Kulturhauptstadt ?

JEFFERSON FARFÁN:
Nein. Gar nichts.

SCHALKE UNSER:
Da das SCHALKE UNSER auch gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kämpft, möchten wir gerne noch etwas über Eure Erfahrungen in dieser Beziehung hören. Habt Ihr hier bisher Probleme gehabt?

JEFFERSON FARFÁN:
(überlegt kurz) Nein, ich habe keine Schwierigkeiten gehabt.

CARLOS ZAMBRANO:
Ich auch nicht.

SCHALKE UNSER:
In der peruanischen Presse findet man viel über Dein Privatleben, in der deutschen wird nur über Sportliches berichtet. Führst Du hier ein anderes Leben oder ist nur die Presse anders?

JEFFERSON FARFÁN:
In Peru ist die Presse anders. Sie interessieren sich für alles im Leben eines Spielers: Familie, Privatleben, sie folgen dir auf Schritt und Tritt. Hier habe ich fast nie solche Probleme. Du kannst auch mal ausgehen, ohne dass dich jemand anspricht. (Anmerkung: Im Hintergrund drängeln sich die ganze Zeit mindestens 20 Kinder und Erwachsene, die unbedingt Autogramme und Fotos haben wollen und zunehmend unruhiger werden.)

SCHALKE UNSER:
Also ist Dein Leben hier …

JEFFERSON FARFÁN:
… sehr ruhig.

SCHALKE UNSER:
Und gut für Deinen Ruf.

JEFFERSON FARFÁN:
Gut für alles!

SCHALKE UNSER:
Und bei Dir, Carlos, schreibt die peruanische Presse auch viel über Dein Privatleben?

CARLOS ZAMBRANO:
In Peru bin ich noch nicht so bekannt, da habe ich nicht solche Probleme. Ich lebe ein sehr ruhiges Leben, aber man muss auch vorsichtig sein, manche Leute suchen ständig nach Fehlern, die man macht, die dann übertrieben dargestellt werden.

SCHALKE UNSER:
Eure Fans werden unruhig, da geben wir Euch doch für die Autogrammjäger frei. Vielen Dank für das Interview und Glückauf.

Was sie uns alles nicht erzählen mussten …

(aj/dol) Welche Fragen stellt man Jefferson Agustín Farfán Guadalupe und Carlos Augusto Zambrano Ochandarte? Soll man in Fußballerinterviews immer das gleiche fragen? Wenn man Fremdsprachen beherrscht - übrigens eine sehr nützliche Fertigkeit - und mit dem Internet umgehen kann, braucht man eigentlich überhaupt kein eigenes Interview. Fußballfragen und alles Offensichtliche zu „La Foquita“ Farfán - der Spitzname „Kleine Robbe“ geht zurück auf seinen Onkel, der ebenfalls als Profifußballer beim Torjubel Bewegungen einer Robbe imitierte - findet man bereits im News-Archiv (11./12.07.2008) von www.schalke04.de.

Natürlich könnte man selbst zu diesem ausführlichen Interview noch einiges aktualisieren, z.B. dass Jefferson seitdem nicht mehr in der Nationalmannschaft eingesetzt wurde und Peru die WM-Qualifikation trotz einiger erfolgreicher Auftritte von Carlos Zambrano auf dem letzten Platz der Südamerika-Gruppe abgeschlossen hat.

Ein nettes Interview mit Carlos Zambrano findet sich auf www.spox.com. Dass beide sich hier auf Schalke wohlfühlen, ist auch selbstverständlich, man merkt es doch schon an ihrem Auftreten auf dem Platz. Außerdem gibt es eine Menge Fragen, die kein aktiver Fußballer ehrlich beantworten kann, oder glaubt Ihr, dass Jefferson Farfán die Frage nach dem Vergleich zwischen Hiddink und Magath ehrlich beantworten kann? Kann er sich wahrheitsgemäß zur peruanischen Nationalmannschaft äußern, ohne seine eigene Zukunft in ihr zu gefährden? Das wollten wir auf keinen Fall riskieren.

Mit spezifisch peruanischen Kulturfragen z.B. nach Chachacoma, Alpaka, Los Saicos, Los fucking Sombreros outet man junge Fußballmigranten als wenig informiert. Dieses Schicksal teilen sie allerdings mit den meisten Fußballprofis, und nicht nur mit denen.

Seht ihr, Castrop-Rauxel, so wird das gemacht!

(ru) In der letzten Ausgabe des SCHALKE UNSER berichteten wir über die Stadtverwaltung in Castrop-Rauxel, die einem Schalke-Fan untersagte, sein Haus in blau und weiß zu streichen. Dass es auch anders gehen kann, zeigen die folgenden zwei Beispiele. Im Saarland steht ein riesiges Schalke-Haus an einer Hauptstraße und in der Nähe von Magdeburg gibt es nun die „Rudi-Assauer-Allee“.40 Kilometer entfernt von Saarbrücken erwartet man eigentlich alles, nur nicht ein Schalke-Haus. Doch wenn man auf einer Hauptstraße am Ort Scheuern entlang fährt, stellt sich einem ein doppelstöckiges Haus an einem Hang in die Sicht - mit Schalke-Emblem und ganz in blau-weiß.

Hier wohnt Klaudia Warken mit ihrem Mann Jürgen und wer sich in ihrem Haus umsieht, der meint, er stünde im Schalke-Museum in Gelsenkirchen und nicht irgendwo im Saarland. Im Flur gibt es eine Schalke-Galerie und im Badezimmer gibt es nichts, was nicht schalketypisch ist. Ein Schalke-Haus eines Schalkepaares mitten im Saarland, da schütteln viele doch mit dem Kopf, oder? „Ach, alle unseren Bekannten haben sich damit abgefunden, dass wir Schalke-verrückt sind“, sagt Klaudia Warken.

Dass sie mit dem Schalke-Virus infiziert wurde, hängt mit einem Zufall zusammen. Als Kind sammelte sie Hanuta-Bildchen, plötzlich hatte sie eben solche von Rüdiger Abramczik und den Kremers-Brüdern in der Hand. Tja, dein Verein wird dir gegeben - und wenn es durch Hanuta-Bildchen ist. Seitdem ist die Leidenschaft entfacht: Dauerkarte, Fanclub und eben seit 2007 ein blau-weißes Haus künden davon.

Wie schön, wenn man seine Leidenschaft mit dem Ehepartner teilt. Als Amor Klaudia und ihren Mann Jürgen 1997 auf einer Kirmes im Nachbarort zusammenführte, trafen sich zwei verlorene Schalker Seelen in der saarländischen Fußballdiaspora. Dass die Hochzeit in blau und weiß abgehalten wurde und die Hochzeitstorte als Fußballfeld verziert war, ist eigentlich unnötig zu erwähnen. „Wir sind hier nur als die ‚Schalker’ bekannt“, meint Klaudia Warken. Und die 330 Kilometer zum Heimspiel führen zur blau-weißen Arena, die 330 Kilometer zurück zum blau-weißen Haus.

Circa 50 Kilometer mehr pro Fahrt muss Holger Constabel von seinem Wohnort Hohendodeleben (in der Nähe von Magdeburg) nach Gelsenkirchen zurücklegen. Doch wenn Schalke so weit weg ist, muss man sich Schalke nun einmal nach Hause holen. Da hatte Constabel eine Idee: Neben seinem Haus wurde ein Grundstück frei, ein Kumpel von Constabel zog ein - auch Schalke-Fan. 16 Meter misst die Zufahrt zu beiden Häusern, doch in den Plänen der beiden wurde daraus die „Rudi-Assauer-Allee“. „Assauer ist und bleibt für uns das größte Idol, deswegen sind wir darauf gekommen“, erzählt Constabel.

Schon vor einem Jahr schrieb man deshalb den ehemaligen Schalke-Manager an und bat um die Genehmigung. Doch diese ließ länger auf sich warten als der Segen vom Bürgermeister. Dieser hatte nichts dagegen einzuwenden, dass hier die „Rudi-Assauer-Allee“ als inoffizielle Straße geführt wird. Die Gemeinde will sich aber nun dafür einsetzen, dass die Straße offiziell ins Register aufgenommen wird. Assauer allerdings reagierte erst einmal nicht, bis das DSF schließlich von der Geschichte erfuhr und Assauer nach Hohendodeleben lotste. Mit im Schlepptau: Eurofighter Thomas Linke.

Am 30. März wurde Holger Constabel dann vor seinem Haus überrascht von geladenen Partygästen und den beiden prominenten Gästen. Die Straße wurde tatsächlich eingeweiht. „Das halbe Dorf war da. Linke und Assauer waren super nett, sie blieben vier Stunden. Am Ende hat Assauer mir noch eine Zigarrenschachtel geschenkt. Ich bin zwar Nichtraucher, aber das ist egal“, erzählt Constabel. Der Lokführer ist seit dem Schalker Europapokalspiel 1977 in Magdeburg glühender Anhänger der Königsblauen, natürlich hat er eine Dauerkarte. Und die 380 Kilometer zum Heimspiel führen zum Ernst-Kuzorra-Weg, die 380 Kilometer zurück zur Rudi-Assauer-Allee.

Schalker Originale - Klaus “Tanne” Fichtel

(ru) Spieler kommen, Spieler gehen ­ und manche von ihnen sind zu echten Schalkern geworden. Diesen geben wir in loser Reihenfolge im SCHALKE UNSER den Raum, an ihre Jahre im königsblauen Trikot zurückzudenken.„Die Mannschaft von 1972 war eine der besten, die Schalke je hatte“. Klaus Fichtel erzählt.

Das Tollhaus Glückaufkampfbahn

Als ich 1965 nach Schalke kam, war der Verein im Umbruch. In der Liga liefen viele komische Geschichten zu dieser Zeit… Wie auch immer, die Bundesliga wurde aufgestockt und so blieb Schalke drin. Aber es war klar: In den nächsten Jahren würde es nur gegen den Abstieg gehen.

In diesem Zusammenhang ist mir ein besonderes Spiel in Erinnerung. Im vorletzten Heimspiel der Saison ging es gegen Borussia Neuenkirchen, ein direkter Mitkonkurrent im Abstiegskampf. Die Glückauf-Kampfbahn war gerammelt voll und wir gewannen. So sind wir in meiner ersten Saison drin geblieben. Dieses Spiel war für die Entwicklung von Schalke enorm wichtig und steht für mich noch über dem Pokaltriumph von 1972.

In diesem Spiel stand derart viel auf dem Spiel, danach war es die pure Erleichterung. Es war eine Stimmung, als wenn Schalke deutscher Meister geworden wäre. Es war das reinste Tollhaus, einmalig, ich habe Menschen gesehen, die vor Freude geweint haben. Nach der Partie sind wir in einen Raum unter der Tribüne gegangen, wo es Essen und Getränke gab. Dieser Raum war überschwemmt von Leuten, man konnte wirklich nicht umfallen. So eine Stimmung habe ich in meiner Karriere ganz selten wieder erlebt.

Allein die Glückaufkampfbahn war aber ein echter Vorteil. Wir mussten damals vor den Spielen zum Aufwärmen noch hinter der Tribüne auf den Trainingsplatz. Es ging mitten durch die Menschenmenge, 50 Meter lang. Da hat man auch mal ein komisches Wort an den Kopf geworfen bekommen, aber nichts Ausfallendes. Meistens wurden wir natürlich auch enorm angespornt. Der Kontakt zu den Fans war zu dieser Zeit sehr eng. Man konnte hören, was der Fan denkt. Mir hat das immer gefallen.

Nichts für schwache Nerven

Nichtsdestotrotz blieb es für uns schwierig. Wie gesagt, es ging weiter gegen den Abstieg. Das war für alle nervlich sehr belastend, weil wir mitbekamen, was für den Verein alles auf dem Spiel stand. Früher kamen drei Viertel der Spieler aus der näheren Umgebung, da gab es eine gesteigerte Identifikation mit dem Club. Ich kann mich daran erinnern, dass in den Jahren des Abstiegskampfes mal Spieler vor den Spielen bei der Mannschaftsbesprechung zum Klo gerannt sind, weil sie sich vor Anspannung übergeben mussten. Das Ganze war nichts für schwache Nerven.

Schalke hat zu meiner Zeit, ähnlich wie heute unter Felix Magath, sehr stark auf die Jugend gesetzt. Im Endeffekt war es ein guter Weg, man hätte vielleicht noch ein paar gestandene Spieler dazuholen sollen, um ganz nach oben zu kommen. Aber wenn man die Geschichte betrachtet, brauchte Schalke eigentlich immer Geld. Deswegen musste wahrscheinlich auch Branko Oblak später verkauft werden. Dies habe ich sehr bedauert, weil ich Branko für einen exzellenten Spieler gehalten habe.

Dadurch, dass wir immer eine junge Truppe hatten, mussten wir viel Lehrgeld bezahlen. Ich erinnere mich an ein Spiel in Mönchengladbach Ende der 60er Jahre, das wir mit 0:11 verloren haben. Auf dem Platz lag Schnee und damals wurden keine Anstalten gemacht, den Rasen freizuschaufeln. Wir kamen mit dem Untergrund überhaupt nicht zurecht. Außerdem hatten wir schwere Beine, da es für Trainer Fritz Langner gegen seinen alten Verein ging und er uns in der Trainingswoche richtig hart rangenommen hat. Also lief alles gegen uns. Wir waren so verzweifelt, unser Linksaußen Harry Klose hat nach dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit vom Mittelkreis aus einfach aufs Tor geschossen. Wir waren vollkommen durcheinander.

Zehn Tage später spielten wir zu Hause gegen Gladbach im Pokal und nach zwei Minuten stand es schon wieder 1:0 für die Borussia. Da haben wir uns nur angeguckt und gefragt: „Geht das schon wieder so los?“ Gott sei dank haben wir dieses Spiel dann noch gewonnen.

Dieses 0:11 in Mönchengladbach war aber schon eine Ausnahme. In der Regel hatten wir immer eine gute Defensive. Zuerst konnte ich mich an der Seite von Alfred Püker und Friedel Rausch entwickeln. Im Pokalendspiel 1969 wurde ich dann vom Verteidiger auf die Liberoposition umbesetzt.

Später war dann “Rolli” Rüssmann an meiner Seite. Ich habe ihn immer für seinen Einsatzwillen und seine Kampfkraft bewundert. Doch zu seinem ersten Einsatz auf Schalke habe ich ihm verholfen. Rudi Gutendorf war erfolgsversessen und zögerte, „Rolli“ mit 19 Jahren in die Mannschaft zu berufen. Da habe ich den Trainer um ein Gespräch gebeten und ihm gesagt: „Jetzt geben Sie ihm doch eine Chance.“

Später wurden wir beide ein sehr eingespieltes Duo, jeder kannte die Stärken und Schwächen des anderen. Aber in den Anfangsjahren musste Rudi Gutendorf erst einmal überzeugt werden. Für Rudi hing alles vom Erfolg ab, so griff er auch mal zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Läufe durch die Stadt um sieben Uhr morgens, Englischunterricht für uns und ein Training in der Sandbahn. Das waren Aktionen, bei denen wir als Spieler auch mal geschmunzelt haben, aber die Abläufe waren immer abwechslungsreich.

Beim Skandaltor im Becken gelegen

Sehr oft werde ich auch auf den Bundesligaskandal angesprochen - das ominöse Spiel gegen Bielefeld. Es war eine ganz komische Situation. Noch während des Spiels wusste keiner so wirklich, was nun passieren sollte und ob man sich auf das Angebot einlassen sollte. Wir hatten in der ersten Halbzeit sogar noch zwei Pfostenschüsse.

Ich selbst musste nach einer Stunde verletzungsbedingt raus. Als Bielefeld das 1:0 geschossen hatte, lag ich gerade schon im Becken im Kabinentrakt. Danach bin ich direkt nach Hause gefahren, von Zahlungen an Spieler im Löwenpark habe ich dann auch nur aus der Zeitung erfahren. Da war ich nicht dabei. Auch der Trainer wusste von nichts.

Damals war es eine andere Situation als heute, denn nur der Meister und der Pokalsieger haben sich für das internationale Geschäft qualifiziert. So war für viele Mannschaften früh die Luft raus. Vielleicht spielte auch der Gedanke eine Rolle, dass man in der Bundesliga lieber nach Bielefeld fahren wollte als weite Fahrten nach zum Beispiel Neunkirchen bestreiten zu müssen.

Als der Skandal dann hochkam, wurde eine lebenslange Sperre angedroht von Seiten des DFB. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Beteiligten ziemlich gemauert haben. Es war eine schwierige Zeit und das alles wegen dieser Dummheit. Letzten Endes wurde ich für ein halbes Jahr gesperrt.

Schalke hat mich nach der Sperre nicht freigegeben für einen Wechsel ins Ausland. Es ist verrückt, wenn man bedenkt, dass ich in dem Spiel beim Stand von 0:0 nach 60 Minuten ausgewechselt worden bin. Aber Schwamm drüber.

Der Ablauf während der Sperre war im Prinzip normal, wir waren schließlich weiterhin im Trainingsbetrieb. Allerdings wurden wir bei dem Trainingsspiel vor den Bundesligamatches in die B-Elf einsortiert und haben dann natürlich fast immer gewonnen. Das war für diejenigen Spieler aus der A-Elf, die am kommenden Wochenende spielten, auch nicht so angenehm. Im Training will man sich Selbstvertrauen holen.

Es gab aber nie Anfeindungen von den Spielern, die in den Skandal nicht involviert waren. Das Training war für uns hingegen sehr gut, so konnten wir auf andere Gedanken kommen. Die ganzen Gerichtstermine waren schon eine nervliche Belastung.

Pokalsieg und Europapokalabende

Dennoch war die Mannschaft von 1972 eine der besten, die Schalke je hatte. Wir hatten spielerische Klasse, zeigten super Fußball. Zudem zeichnete uns eine enorme mannschaftliche Geschlossenheit aus. Wir haben uns damals eine Stunde vor jedem Training getroffen und schon 5 gegen 2 gespielt. Auch nach dem Training hingen wir noch Stunden zusammen und haben geplaudert. Wir haben über unsere Spiele gesprochen und alles daran gesetzt, uns ständig zu verbessern. Leider sind wir in dieser Saison „nur“ Vizemeister geworden. Das entscheidende Spiel gegen die Bayern ging zwar mit 1:5 verloren, aber wir hatten in der ersten Halbzeit sehr gute Chancen. Wenn wir da in Führung gegangen wären, hätten die Bayern nicht mehr zurückschlagen können.
Doch dem war nicht so und deshalb mussten wir das Pokalendspiel gewinnen, um in der folgenden Saison international dabei zu sein. Wir waren aber schon vor dem Spiel sehr sicher, dass wir Kaiserslautern im Finale besiegen würden. Der FCK hatte dann auch nicht den Hauch einer Chance gegen uns, wir siegten 5:0.

Es war das letzte Mal, dass die Mannschaft in dieser Formation zusammengespielt hat. In der Folge ist das Team nach und nach auseinandergestückelt worden. Die Mannschaft ist auch nach einigen Rückholaktionen nie mehr so stark geworden, wie sie 1972 war.

Die Feier nach dem Pokalsieg war großartig. Die Straßen in Gelsenkirchen waren rappelvoll, wir sind durch die Menschenmenge zum Hans-Sachs-Haus gefahren. Unser Wagen musste mehrmals anhalten, weil die Menschen so dicht an der Straße standen. Das ist natürlich im Rückblick auf die Siebziger bei mir hängen geblieben, auf der anderen Seite aber auch fantastische Spiele wie das 3:2 gegen Porto im Europapokal.

Ebenso im Europapokal: Gegen Magdeburg hatte es von der ersten bis zur letzten Minute durchgeregnet. Doch die Stimmung im Parkstadion war dennoch super, obwohl dieses Spiel verloren ging. Ich saß wegen einer Verletzung draußen und habe nur gestaunt, wie die Fans unaufhörlich anfeuerten.

Rekordspieler für Schalke

1977 haben wir die Meisterschaft ebenfalls verspielt. Ich erinnere mich an ein Spiel daheim gegen Saarbrücken, das wir 0:1 verloren. Torwart Enver Maric sprang der Ball über den Fuß. Dadurch haben wir einen Punkt verloren, der uns hinterher fehlte. Ich nehme an, dass dies der Knackpunkt für die verlorene Meisterschaft in diesem Jahr war. Doch ich will da niemandem einen Vorwurf machen, wir sind als Mannschaft gescheitert. Gladbach war der Nutznießer. In den folgenden Jahren ging es bergab, der Verein hatte wieder Geldnöte und musste Spieler verkaufen. Ich bin nach Bremen gegangen, Klaus Fischer, Rolf Rüssmann und etliche andere zogen auch davon. Der Stamm ist auseinander gebrochen. In Bremen hatten wir Erfolg, wir sind aufgestiegen. Schalke hätte 1984 mich dann tatsächlich zum Meister machen können. Hätten sie am letzten Spieltag ein Unentschieden gegen unseren Konkurrenten HSV geholt, hätte ich mit Werder die Schale geholt.

Später hat mich Rudi Assauer zurückgeholt als Co-Trainer. In einem Jahr waren derart viele Abwehrspieler verletzt, dass ich einspringen musste. Ich war schließlich noch fit, da ich regelmäßig das Training mitgemacht habe. Ich habe mich immer fit gehalten, habe Läufe mitgemacht und bin sowieso von großen Verletzungen verschont geblieben.

Ich habe dem Fußball und Schalke im Speziellen alles zu verdanken, es war eine sehr schöne Zeit. Ich wollte immer spielen, das Alter spielte für mich damals keine Rolle. Vielleicht schafft Manuel Neuer es, meine Anzahl an Einsätzen zu überbieten. Ich bin froh, so lange auf Schalke gespielt zu haben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und ich war nah an zu Hause. Bevor ich nach Bremen ging, hatte ich ein Angebot aus Amerika. Dort sollte ich in der Soccer League für Chicago spielen, aber meine Frau hat da interveniert. Dafür hatte ich volles Verständnis, auch wenn mich Amerika gereizt hätte. Dennoch bin ich ausgesprochen zufrieden mit meiner Karriere.

Interview “Fanclub Andersrum auf Schalke”: „Es geht darum, dass niemand diskriminiert wird.“

(rk) Die Schalker Fanszene ist bekanntlich bunt. Es gibt die organisierten und unorganisierten Fanclubs, die Ultras Gelsenkirchen, den Supporters Club und die Schalker Fan-Initiative. Jetzt wird sich am 6. Mai ein etwas anderer Fanclub gründen, der auch noch so heißt: „Andersrum auf Schalke“. Dahinter verbirgt sich der erste schwul-lesbische Schalke-Fanclub. SCHALKE UNSER sprach mit dem Gründungsmitglied Volker über das „Andersrum-Sein“ auf Schalke, schwule Fußballprofis und den Schiedsrichterskandal um Manfred Amerell.

SCHALKE UNSER:
Schwul-lesbische Fanclubs gibt es seit geraumer Zeit auch schon bei anderen Vereinen. Beim 1. FC Köln gibt es etwa den Fanclub „Andersrum Rut-Wieß“, in Berlin die „Hertha-Junxx“ und beim Verein aus der Nähe von Lüdenscheid die „Rainbow-Borussen“. Was bewegt Euch, den ersten
schwul-lesbischen Schalke-Fanclub zu gründen?

VOLKER:
Anfang September letzten Jahres gab es im Fanladen der Schalker Fan-Initiative zusammen mit dem Schalker Fanprojekt und „The Point“ eine Veranstaltung zum Thema „Homophobie im Fußball“. Hier wurde auch die von Felix Magath und Jupp Schnusenberg unterzeichnete „Erklärung gegen Diskriminierung im Fußball“ überreicht. Jörg, Holger und ich hatten dann gemeinsam die Idee, endlich auch für den geilsten Club der Welt wahr zu machen, was bei vielen deutschen Vereinen schon möglich war. Ich möchte aber sagen, dass wir von Anfang an ein vielfältiger Club sein wollten, das heisst wir sind „offen“ andersrum, auch heterosexuelle Schalke Fans sind willkommen. Unsere Ziele sind Toleranz und Akzeptanz. Der allerwichtigste Grund für unseren Fanclub ist aber natürlich die Liebe zum FC Schalke 04.

SCHALKE UNSER:
Wollt Ihr mit Eurem „Outing“ auch schwule Fußballprofis, die es ja mit Sicherheit gibt, ermutigen, ebenfalls offensiv mit ihrer Sexualität umzugehen?

VOLKER:
Natürlich ist das ein Hauptgrund aller schwul-lesbischen Fanclubs, die sich bereits unter queerfootballclubs.com zusammengeschlossen haben. Uns ist bewusst, dass wir da noch weit entfernt sind, aber der Weg geht mit Sicherheit über die Massen auf den Tribünen, über uns. Da können wir Flagge zeigen und Ängste abbauen.

SCHALKE UNSER:
Ein Klima, in dem sich ein Schwuler als solcher darstellen und sein Leben so leben kann, ist im Profifußball nicht nur begrüßenswert, sondern längst überfällig. Mit Philipp Lahm hat ein Fußballprofi in einem Schwulenmagazin klar Stellung bezogen: „Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern.“ Braucht unsere Liga mehr solcher Profis, die für Toleranz werben?

VOLKER:
Philip Lahm hat schon mehrfach dazu Stellung bezogen, was er unter Toleranz und Mannschaftskollegialität versteht. Das ist toll und beispielhaft. Es braucht natürlich das couragierte Auftreten vieler Profi­ und auch Amateurfußballer gegen Diskriminierung. Die meisten haben natürlich Angst, dann in eine Ecke gedrängt zu werden, in die sie nicht hingehören. Also verhalten sie sich lieber ruhig. Es ist noch viel Aufklärung nötig - auch ein Grund, warum es uns gibt.

SCHALKE UNSER:
Rudi Assauer hat sich erst jüngst zu diesem Thema geäußert. Auf die Frage, was er tun würde, wenn sich ein Spieler als schwul outete, gab er zur Antwort: „Ich würde ihm sagen: ‚Du hast Mut gezeigt, aber suche Dir etwas anderes!’ Weil die, die sich outen, plattgemacht werden.“ Was würdet Ihr unserem Ex-Manager entgegnen?

VOLKER:
Ich würde dem Rudi Ähnliches entgegnen wie bei den meisten Statements von ihm in den letzen Jahren: Lieber Rudi, du hast uns das tollste Fußballstadion Deutschlands beschert. Du hast uns zu Titeln und Pokalen geführt. Ohne dich wäre der FC Schalke 04 nicht das, was er heute ist, aber wie junge Menschen in einer modernen Gesellschaft - und hierzu gehört gerade in Deutschland der Fußball - leben können sollten, davon hast du keine Ahnung. Fußballspielen und „Anders(rum) sein“ - das passt sehr wohl zusammen. Jetzt mal ehrlich, wenn ein Ur-Schalker irgendwie anders und speziell ist, dann doch wohl Rudi Assauer. Und wir waren doch bei ihm auch immer tolerant, oder?

SCHALKE UNSER:
Weder Ole von Beust noch Klaus Wowereit noch St. Pauli-Präsident Corny Littmann kommen als Schwule tuntig rüber. Verwechselt Rudi Assauer hier nicht schwulsein mit weichsein? Wäre es in diesem Zusammenhang nicht eine interessante These, dass Oliver Kahn schwul sein könnte?

VOLKER:
Jetzt sind wir aber ein richtiges Klischee angegangen. Da werden schwule Promis aufgezählt und bemerkt: Die kommen ja gar nicht schwul rüber. Nach aller Wahrscheinlichkeit ist immer noch festzustellen, dass jeder zehnte Mann schwul ist. Jeder zehnte Zuschauer (von 62.000), jeder zehnte Verwaltungsangestellte des S04, jeder zehnte Spieler (also mindestens drei bei unserem derzeitigen Kader). Und wir merken gar nichts tuntiges? Ja, weil alle ungeoutet sind und weil Schwulsein und weich oder tuntig sein nichts miteinander zu tun haben. Im übrigen interessiert es mich nicht, ob Olli Kahn schwul ist. Ich hoffe aber mal nein.

SCHALKE UNSER:
Oft wird Schwulenfeindlichkeit hauptsächlich als Problem der Fankurve dargestellt. Wie sind Eure Erfahrungen in der Nordkurve oder auch auswärts?

VOLKER:
Dazu muss ich sagen, dass ich insofern ungeoutet bin, dass nur meine direkten Freunde und meine Familie Bescheid wissen. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, wie tolerant Schalke wirklich ist. Wir werden uns mit Sicherheit nicht in die Böklunder-Fanbox stellen und sagen: „Wir sind schwule Schalker und das ist auch gut so!“ Ich bin ja schließlich nicht der regierende Bürgermeister von Berlin. Es ist auch im Stadion ziemlich unerheblich, ob wir schwul sind. Wir wollen weder provozieren noch nerven. Es geht darum, dass niemand diskriminiert und beleidigt wird mit Schimpfworten, zum Beispiel als „schwule Sau“.

SCHALKE UNSER:
In der Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell geht es um den Vorwurf der sexuellen Belästigung. Habt Ihr hier auch den Eindruck, dass zwei vollkommen unterschiedliche Paar Stiefel miteinander verglichen werden? Werden hier nicht Schwule mit „sexuellen Belästigern“ in einen Topf geworfen? Das eine ist eine sexuelle Orientierung, das andere eine Straftat.

VOLKER:
Genauso ist es. Die Frage die sich stellt, ist noch, ob es ein Abhängigkeitsverhältnis gab. Ansonsten kann ein Schwuler genauso ein Belästiger sein wie ein Heterosexueller, oder die beiden hatten einfach ein sexuelles Verhältnis, das auf unschöne Art beendet wurde. Alles andere ist nur ein Racheakt. Das ist allerdings meine persönliche Meinung, urteilen müssen hier die Gerichte. Interessant ist doch, dass wir es hier mit Homosexualität unter Schiedsrichtern zu tun haben. Und wir reden immer von Fans und Spielern.

SCHALKE UNSER:
Auf der Trauerfeier für Robert Enke hat DFB-Präsident Theo Zwanziger dazu aufgerufen, das Kartell der Tabuisierer zu brechen. Auf der anderen Seite wurde der schwule holländische Schiedsrichter John Blankenstein, der bei der WM 1990 pfeifen sollte, von der Fifa wieder zurückgezogen, weil er angeblich Jahre zuvor in Fifa-Uniform in einer Schwulenbar gesehen worden sei. Was müsste der DFB Eurer Ansicht nach tun, um die Tabus tatsächlich zu durchbrechen?

VOLKER:
1990? Das ist zwanzig Jahre her. Seitdem ist nun schon wirklich einiges geschehen. Auch der DFB hat die Erklärung gegen Diskriminierung im Fußball unterzeichnet. Theo Zwanziger hat zugesichert, jeden zu unterstützen, der sich outet. Wir müssen die Verantwortlichen an ihren Worten messen. Der DFB informiert, veröffentlicht und unterstützt Aktionen. Den Rest müssen wir tun: in den Stadien, in den Fankneipen und am Arbeitsplatz. Auch wir sind der DFB und die Tabus sind in unserer Gesellschaft.

SCHALKE UNSER:
Volker, vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für Euren Fanclub, Glückauf.

Doktorspiele - Kieferbruch

(doc) „Man redet über Verletzungen, als ob man sie selbst schon gehabt hätte. Die Schwere der Verletzung wird ausdiskutiert und Prognosen über den Zeitpunkt der Wiedereinsatzfähigkeit des betroffenen Spielers werden direkt mitgeliefert. Fußballfans müssen heutzutage nicht nur Regelkundler und Börsianer sein, man erwartet von ihnen auch fundierte medizinische Kenntnisse, die über eine einfache Haaranalyse hinausgehen. Der SCHALKE UNSER-Hausarzt präsentiert daher in der Serie ‚Operier mir’ Nachhilfe für den angehenden Sportmediziner.“

So hieß es von Februar 1999 bis November 2000 acht Mal im SCHALKE UNSER. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms trat „Operier mir“ dann von der internationalen Kulturbühne ab, kehrte allerdings 2006 für ein kurzes Gastspiel im SCHALKE UNSER 53 zurück. Aus gegebenem Anlass konnten wir den Autor zu einer einmaligen Sonderdiagnose bewegen. Hier also die zehnte Vorlesung:

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Aufgabenstellung

Stellten sich Roman Weidenfeller und Mats Hummels am Abend des 26. Februar 2010 wirklich nur unbeholfen in den Weg von Kevin Kuranyi oder war die saubere rechte Gerade von Weidenfeller nur ein letzter verzweifelter Versuch um von den spielerischen Defiziten abzulenken und eine Rechtfertigung für die nächste Derbyniederlage zu konstruieren?

Diagnose

Noch in der Nacht von Samstag auf Montag zog ich einsam meine Wege durch die endlosen Regalreihen des SCHALKE UNSER-Archivs, irgendwo musste die Lösung verborgen sein. Fündig wurde ich kurz vor Sonnenaufgang, als ich das 1992 erschienene Taschenbuch „Rekorde der Urmenschen“ von Ernst Probst in Händen hielt und nach kurzem Blättern die Seite 30 erreichte.
Unter der Überschrift „Der älteste Unterkieferbruch in Deutschland“ fand ich folgenden Eintrag: „Der älteste Unterkieferbruch in Deutschland wurde an einer Bestattung der Trichterbecher-Kultur (vor etwa 4300 bis 3000 v. Chr.) von Henglarn bei Paderborn in Nordrhein-Westfalen beobachtet. Er ist gut verheilt.“

Paderborn - das war die Lösung! Hier nahm die Geschichte im Sommer 2009 ihren Anfang als die Fehlfarbenen dem ortsansässigen Sportclub ein Testspiel aufzwangen und BxB-Verteidiger Dede in seinen Gegenspieler Sebastian Schachten rannte. Was hatte er sich dabei gebrochen? Natürlich den Unterkiefer! Und jetzt die nächste Eskalationsstufe, bei der man die Ausführung komplett vereinsintern regelt und den Gegenspieler nur noch als Alibi benötigt. Kevin Großkreutz war sich ja nachdem Schlusspfiff auch ziemlich sicher, dass er das graue Trikot von Manuel Neuer irgendwo hinter Hummels gesehen hätte.

Therapie

Nachdem wir die Anamnese nun abgeschlossen haben, können wir uns der Behandlung zuwenden, die recht simpel ist: Knochen richten, Splitter entfernen, Knochen zusammenfügen und vier Wochen die Klappe halten.

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