Nummer 04 - 1995/02
Auszüge aus dieser Ausgabe:
„Man muss Dinge nicht schön finden, sondern akzeptieren können.“ - Interview mit Yves Eigenrauch
Ein Freund, ein guter Freund
Mein erstes Mal - Wenn der Vater mit dem Sohne …
Die Randgruppenecke - VfL Wattenscheid
Weisse noch ?!
Der Schrei - von Tom Mega
„Man muss Dinge nicht schön finden, sondern akzeptieren können.“
(mac/um) Museumscafé Buer, Mittwochmittag, vor dem Training: YVES EIGENRAUCH, in gewohnt unkonventionellem Outfit, hatte diesen Ort für das SCHALKE UNSER-Interview vorgeschlagen. Kein Zufall. Fußballprofi ist für ihn ein privilegierter Beruf. Punkt. So richtig ins Schwärmen aber gerät er bei Gropius und Kandinsky. Zwischen Strammem Max und heißer Schokolade gab Yves uns einen Einblick in Lebensphilosphie und Leidenschaften.
SCHALKE UNSER:
Im Januar ist Dein Buch ´Schalke 94 - Zwischendurch´ erschienen. Wie ist die Resonanz?
YVES EIGENRAUCH:
Von der 2000er Auflage sind bisher 500 verkauft. Bis Juli, hoffe ich, sind alle weg.
SCHALKE UNSER:
Bist Du zufrieden mit Deinem Werk?
YVES EIGENRAUCH:
Die Bilder habe ich eigentlich nur für private Zwecke gemacht. Dann wollte ich eine zehnseitige Broschüre für ein paar Freunde gestalten. Zum Schluß ist ein richtiges Buch daraus entstanden, dessen Erlös der Westfälischen Schule für Körperbehinderte in Gelsenirchen-Hassel zukommen soll. Das Buch ist binnen 4 Monaten entstanden. Wenn ich es mir jetzt so anschaue, sehe ich schon ein paar Schwächen. Zum Beispiel hätte ich gern das richtige Schalke-Blau gehabt. Auch manche Fotos hätten mehr Tiefe vertragen können. Zugegeben, an manchen Stellen wirkt es etwas platt, aber das liegt auch daran, daß ich am Computer noch nicht soviel Erfahrung habe.
SCHALKE UNSER:
War es schwierig, die Mannschaftskollegen und Trainer für das Projekt zu gewinnen?
Yves portraitiert Yves. Fotografieren ist eine seiner Leidenschaften
YVES EIGENRAUCH:
Nein. Im Gegenteil. Waldi Ksienzyk zum Beispiel regte an, noch Beiträge von Spielern und Betreuern hinzuzunehmen. Nur so ist es kein reiner Bildband geworden. Auch der Trainer hat sich eher positiv zum Buch geäußert. Ich mußte allerdings die Fotos genau auswählen und die abgelichteten Spieler um Zustimmung fragen. Etwa das Foto mit Olaf und Jörg, die am Tropf hängen: Wenn dem Betrachter die nötigen Fachkenntnisse fehlen, kann er es auch falsch interpretieren.
SCHALKE UNSER:
War ´Zwischendurch´ das erste von mehreren Eigenrauch-Büchern?
YVES EIGENRAUCH:
Ich werde bestimmt kein Sportbuch mehr machen. Das war eine einmalige Sache. Aber eine Buchproduktion im fotografischen oder künstlerischen Bereich kann ich mir auch in Zukunft vorstellen.
SCHALKE UNSER:
Ist Fußballprofi nicht Dein Traumberuf?
YVES EIGENRAUCH:
(überlegt lange) Objektiv ist es ein sehr guter Beruf. Man verdient verhältnismäßig viel Geld und hat verhältnismäßig viel Zeit. Nicht jedes Spiel und jedes Training machen Spaß.
Aber natürlich ist es ein privilegierter Beruf, sonst hätten ja mehr die Chance, ihn auszuüben. Ich plane gerade, mir einen Grafikcomputer zu kaufen. Andere müssen da lange überlegen, ob sie es sich leisten können. Ich aber kann es einfach tun. Das ist nicht selbstverständlich.
SCHALKE UNSER:
Hast Du keine Angst, daß das schlagartig vorbei ist? Daß Du wie Peter Sendscheid Sportinvalide werden könntest?
YVES EIGENRAUCH:
So einen hohen Stellenwert hat der Fußball nicht. Ich könnte auch ohne Fußball leben. Ich denke ja auch nicht daran, daß ich morgen vor ein Auto laufen könnte. Als Berufsfußballer hat man es selbst in der Hand, die Freizeit zwischen den Trainingseinheiten und Spielen sinnvoll zu füllen. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten bringen einen zwar nicht gerade auf dumme Gedanken, verführen aber oft zur Lethargie. Man muß die Trägheit nach dem Training überwinden, darf nicht vor sich hinvegetieren. Für mich als Profi gibt es neben dem Sport noch etwas Anderes.
SCHALKE UNSER:
Zum Beispiel Kunst, Design, Werbung, Fotografie. Wie bist Du dazu gekommen?
YVES EIGENRAUCH:
Im Kunst-Leistungskurs in der Schule hatte ich zum ersten Mal konkreter mit Fotografie zu tun. Seither gehe ich immer mal mit der Kamera raus und mache Abzüge in meinem Badezimmerlabor. Da muß ich dann immer alles auf- und abbauen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein richtiges Labor mit kleiner Dunkelkammer. Gelegentlich besuche ich Kunstausstellungen.
SCHALKE UNSER:
Allgemeines Interesse oder hast Du Vorlieben?
YVES EIGENRAUCH:
(es sprüht aus ihm heraus) Ich habe einen absoluten Bauhaus-Faible - vom Erscheinen her eher konservativ, aber vom Denken her phänomenal. Die Ideen des Bauhaus wirken bis heute. Kandinskys Abhandlung ´Über das Geistige in der Kunst´ etwa ist eine brillante Theorie, auch wenn ich nicht alles davon verstehe. Wenn ich vor einem Gebäude von Georg Muche oder Farkas Molnar stehe, hauen mich die Schlichtheit und Funktionalität um. Dann bekomme ich eine Gänsehaut. Für mich muß Kunst auf Anhieb schön sein.
SCHALKE UNSER:
Gilt das auch für Dein Interesse an der Werbung?
YVES EIGENRAUCH:
Bei Werbung ist mir das eigentliche Handeln wichtiger als das bloße Schauen. Werbepsychologie finde ich spannend. Meine Freundin hat mir dazu gerade ein Buch geschenkt. Ich finde es z.B. interessant, ob eine Kampagne auch die Zielgruppe trifft oder wie ein neues Image geschaffen wird. C&A ist mit aufwendigen Spots mit Spielfilmhandlung vom biederen Ruf weggekommen. Oder die Renault-Twingo-Werbung. Die Großstadtkulisse ist zeichnerisch klasse umgesetzt und verbreitet eine Fröhlichkeit, die Interesse weckt.
SCHALKE UNSER:
Würdest Du Dir deswegen einen Twingo kaufen?
YVES EIGENRAUCH:
Nein, erst nach positiven Testberichten. Aber durch die Werbung finde ich ihn gut. Grundsätzlich sind Werbung, Kunst und Fotografie faszinierend, weil man sich und seine Ideen darin verwirklichen kann. Mich würde es reizen, solche Postkarten zu entwerfen, die in Kneipen kostenlos ausliegen. Es ist bestimmt ein schönes Gefühl sagen zu können: „Das finde ich gut. Das habe ich gemacht.“
SCHALKE UNSER:
Hast Du Dich deshalb geweigert, die Texte in Deinem Buch Korrektur lesen zu lassen?
YVES EIGENRAUCH:
Ja, es sollte ein eigenständiges Buch sein. Warum soll ich nicht zu meinen Schwächen in Grammatik und Zeichensetzung stehen? Ich wollte mich nicht mir fremden Lorbeeren schmücken.
SCHALKE UNSER:
Dein Buch beginnt mit dem Satz: „Im Glauben an den menschlichen Verstand; für Toleranz.“ Ist das Dein Anspruch?
YVES EIGENRAUCH:
Wenn mich was wirklich aufregt, dann ist das Intoleranz. Da werde ich richtig wütend. Man muß Dinge ja nicht immer schön finden, sondern sie akzeptieren können. Das gilt für Kunst genauso wie für ungewöhnliche Hobbies. Wenn meinetwegen ein 40jähriger Mann noch gerne mit Puppen spielt: Warum sollte er es nicht tun? (erregt sich) Besonders massiv tritt Intoleranz in der Gruppe auf. Es ist doch merkwürdig, wenn sich Menschen in der Gruppe anders geben, als wenn sie einzeln auftreten. Sich alleine betrinken oder üble Sprüche gegenüber Frauen anbringen, das macht kaum einer. Für mich zählen noch Normen und Werte aus der Vergangenheit: Korrektes Verhalten und Höflichkeit.
SCHALKE UNSER:
Ist Dir das bei Deiner Premiere im Kreis der Nationalmannschaft begegnet?
YVES EIGENRAUCH:
Ich habe es mir unangenehmer vorgestellt und war deshalb positiv überrascht. Ich bin ganz normal aufgenommen worden. Aber generell tue ich mich schwer in Situationen, in denen ich mich einer größeren Gruppe vorstellen muß.
SCHALKE UNSER:
Ging Dir das auch so bei Deinem Auftritt als Eddy in der Rocky Horror Show?
YVES EIGENRAUCH:
Ja, das hat mich schon Überwindung gekostet. Vor zwei Jahren wäre ich dazu noch zu verkappt gewesen. Man muß sich aber ab und zu selbst überwinden. Davon kann man viel mitnehmen.
SCHALKE UNSER:
Hast Du Dir die Rolle des Eddy ausgesucht?
YVES EIGENRAUCH:
Der Eddy muß ja in dem Musical mit dem Motorrad eine Treppe hochfahren. Aus dem Kreis der Mannschaft bin ich der Einzige, der damit fahren kann. Tatsächlich fahre ich aber auch ziemlich gerne Motorrad. Mein Traum ist eine Harley 883 Sportster mit Stummellenker.
Ein Motorrad muß sowenig Plastik wie möglich haben und vor allem eines: ordentlich knattern.
SCHALKE UNSER:
Nach der klassischen Rolle in Aida nun ein wilderer Auftritt. Welche musikalische Welt liegt Dir näher?
YVES EIGENRAUCH:
Der Softpop der 80er à la Human League und Duran Duran begeisterte mich schon immer total. Auf mich hat das eine Wirkung von großer Reinheit. Andererseits höre ich auch gerne die alten Heavy-Sachen von den Who und Hendrix. Die vermitteln mir ein Lebensgefühl, das leider in Vergessenheit geraten ist: Einfach leben und frei sein, frei von Konventionen.
SCHALKE UNSER:
Danke Yves, Glückauf!
YVES EIGENRAUCH ÜBER …
… Kleidung
Ich habe gar keinen 70er-Jahre-Tick. Aber hellblau auf gelb-orange ist toll. Und Spitzkragen - das muß einfach sein.…Kommerz im Fußball
Ursprünglich war Fußball Spaß für Otto Normalverbraucher oder noch darunter. Jeder sieht: Das ist nicht mehr so. Ich habe mich als Profi damit abzufinden. Aber ich brauche es auch nach außen nicht zu vertreten.… Kollegen in der Mannschaft
Es läuft harmonisch ab. Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, die gut funktioniert.… Kinder
Erst mit 28 oder 29. Ich fühle mich noch nicht fähig, ein Kind zu erziehen. Die Erfahrung fehlt.… Kurven-Beliebtheit
Die Yyyyves-Rufe geben mir einen Motivationsschub. Warum ich, frage ich mich manchmal. Aber die Fans mögen wohl meinen Ehrgeiz und Laufstil und merken, daß ich 90 Minuten alles geben will.
Ein Freund, ein guter Freund
(rk) Der Titel läßt es vermuten: Freundschaften sind im Leben etwas Unverzichtbares. Fanfreundschaften, wie die von Schalke und Nürnberg haben eine lange Tradition im Fußball. Neuerdings ist das ´Freunde sein´ sehr in Mode gekommen.
Der BVB ist das Paradebeispiel. Bei fast jedem Ligaspiel sehen wir nun fast mehr Schwarz-Gelbe in der Südkurve als eigentliche Gästefans. So soll die Borussia mittlerweile Fanfreundschaften mit dem HSV, 1860, KSC, Freiburg, RWE, Celtic Glasgow, usw. unterhalten. Dies sind nur die Vereine, mit denen es schon Freundschaftsschals gibt. Ein Brasilien/ BVB-Schal ist in der Winterpause auch aufgetaucht. Seltsam, daß die halbe Liga auf den BVB-Zug aufspringen will.
Eigentlich besteht eine Freundschaft immer aus zwei Partnern, den Dortmunder scheint das egal zu sein. Dazu ein Bericht zum Spiel Bochum - 1860 aus dem ´Fantreff´: „Unter den 24000 Zuschauern im Ruhrstadion gaben sich auch 4000 Löwen die Ehre, wovon 1/3 von anderen Vereinen kam. Neben zahlreich vertretenen Dortmundern, konnte man auch Fahnen aus Düsseldorf, Wattenscheid, Duisburg und Wuppertal ausmachen. Irgendwie muß man sich doch wundern, warum alle unbedingt mit den 60ern wollen, zumal diese, das ließ sich aus Gesprächen mit einigen echten Löwenfans heraushören, darüber nicht so erbaut sind. Man teilte mir mit, daß die einzige feste Fanfreundschaft zu Lautern bestehe. Einige Löwen-Fans haben schon an den BVB-Fan-Rat geschrieben, um gegen den Dortmunder ´Heiratsantrag´ zu protestieren.“
Auch die Freundschaft mit Celtic Glasgow ist einseitig. Die Borussen prahlen häufig damit, mit den beliebten Schotten befreundet zu sein. Als der BVB beim UEFA-Cup-Spiel in Motherwell anzutreten hatte, fand sich kein einziger Kelte aus dem 30 km entfernten Glasgow ein, um die ´Freunde´ zu unterstützen. Merkwürdig!
Es geht noch weiter: Beim brutalen Ligaschlager KSC-BVB feuerten die KSC-Fans ihre ´Freunde´ mit ´schwuler BVB´ an. Groteske Züge nimmt auch die Verkettung von Fanfreundschaften an: So ist der HSV mit dem BVB verbündet, dieser nach Aussage der Borussenfans mit Celtic Glasgow, welche bereits eine langjährige Verbindung mit St. Pauli hegen.
Nach dem Motto ´Die Freunde meines Freundes sind auch meine Freunde´ müßten eigentlich auch der Hamburger SV und St. Pauli die dicksten Kumpels sein. Ähnlich verhält es sich mit Dortmund - 1860 München - Kaiserslautern. Nach dem Pokalkrimi auf dem Betzenberg im Herbst 94 bahnt sich allerdings eine neue Feindschaft zwischen den Pfälzern und den Borussen an.
Mir sind die Anbiederungen einiger Clubs an andere Fans, und damit meine ich nicht nur den BVB, immer noch lieber als Schlägereien untereinander, aber ich finde, daß der Begriff der Fanfreundschaft arg überstrapaziert wird. Da ist mir doch eine gewachsene Verbundenheit wie von Schalke/Nürnberg lieber.
Zum Schluß noch ein offener Brief an die Borussenfans, gefunden im VfouL (Bochumer Fanzeitung): „Liebe Borussen, was zu weit geht, geht zu weit. Fanfreundschaften in allen Ehren, aber was sich bei Euch derart inflationär abspielt, betrachten wir seitdem mit Argwohn. Als handele es sich um Italienheimkehrer, hortet ihr mehr oder wenige enge Banden mit den Supportern von RWE, Hertha, Freiburg, 1860, KSC, HSV, Celtic usw. Was ist eigentlich mit Teutonia Lippstadt? Wir vermuten, daß die extensive Fanfreundschaft von all denen genutzt wird, die für das heimische Westfalenstadion keine Karte mehr bekommen.
Jedenfalls blicken wir im Ruhrstadion immer öfter auf eine schwarz-gelbe Gästetribüne. Damit wir uns nicht falsch verstehen, die große Koalition ist uns immer noch lieber als dumme Fan-Scharmützel, nur wenn ihr so weitermacht, können wir demnächst den ersten Dortmund-Schalke-Schal bei Kuzorra anne Ecke kaufen. Das wollen wir doch alle nicht, oder?“
Anmerkung der Redaktion: Wenigstens in diesem Punkt scheinen sich Schalker und Bochumer einig zu sein.
Mein erstes Mal - Wenn der Vater mit dem Sohne …
(bob) SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Sie berichten von Euphorie und Ekstase ebenso wie von Abhängigkeit und Apathie. Sie sind hörig - dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Ihr seid nicht allein. Und schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal…
Über das erste Mal zu berichten, heißt für mich, eine Reise in die Vergangenheit zu machen. Es muß so ungefähr 1962-63 gewesen sein. Gegen wen die Schalker spielten, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Ist auch irgendwie völlig bedeutungslos.
Schauplatz: “Schievenviertel” in Gelsenkirchen-Erle. Jedem Gelsenkirchener gefriert bei diesem Wort das Blut in den Adern. Heute zählt die renovierte alte Zechenkolonie zu einer der beliebtesten Wohngegenden in Gelsenkirchen. Aber zu der Zeit als ein Neu-Schalker geboren wurde, sah die Welt noch anders aus. Ungeteerte Bürgersteige (prima Pfützen-Partys), Kohlgeruch, der durchs ganze Viertel schlich, und bei drückendem Wetter der Smog, ausgelöst durch die Kohleöfen in den Häusern, in denen die Deputatkohle vor sich hinglimmte. Diese Wetterlage trieb des Tags und des Nachts viele der dort lebenden Bergleute in die Fenster.
Das Silikosekeuchen und ?husten der alten Bergleute waren der Preis für ein hartes und entbehrungsreiches Leben, das die meisten schon mit Mitte 60 beendeten. Polnisch war Zweitsprache. Heute schmunzel’ ich noch über Begriffe wie Mottek, Duppa oder Pischka. Meine Großeltern wohnten in der Steigerstraße. Schweine, Kaninchen, Hühner und jede Menge Gemüseanbau. Mit anderen Worten: ein Eldorado für uns Blagen.
An irgendeinem Samstag kam mein Vater zu mir auf die große Wiese, wo wir Kinder immer spielten, und sagte: “Komm Junge, wir gehen heute zusammen auf Schalke!” Da ich dieses immer noch tue - auf Schalke gehen - gibt es eine Verbindung zwischen meiner Kindheit, deren Ende und meinem heutigen Leben. Die Fahrt zum Stadion ist gänzlich aus meiner Erinnerung entschwunden.
Den fußballerischen Urknall erlebte ich wissentlich auf der König-Wilhelm-Straße, der heutigen Kurt-Schumacher-Straße, vor der Glückauf-Kampfbahn. Schwarz vor Menschen war die Straße, der Verkehr wurde umgeleitet. Alles strömte in die noch heute bekannten Kneipen wie Wellhausen, Bosch, etc.. Die Straße und die Kneipen schienen aus allen Nähten zu platzen. Irgendwie lag was in der Luft. Fiebrige Hektik vermischte sich mit Getöse im Gedränge. Lange Schlangen vor den wenigen Kassenhäuschen, eben eine Stimmung wie sie für mich noch heute vor jedem Match in der Luft liegt. Kutten, Schals, Souvenirstände und Parkplatzprobleme gab es damals noch nicht.
Mein Vater und ich betraten die Glückauf durch das alte Backsteinkassenhäuschen an der Hubertusstraße. Die paar Meter in der Schlange und die 2,30 Meter hohen Backsteinmauern sind mir gut im Gedächtnis. Als Blag sieht man diese Dinge mit einer Spannung, wie man sie halt nur in der Kindheit erlebt. Im Stadion selbst sowie in den Bäumen hatten schon viele Zuschauer Platz genommen. Die Balkone der umliegenden Häuser waren gut gefüllt.
In der Erinnerung ist mir die Haupttribüne geblieben, die von imposanter Größe war. Heute erschrecke ich jedesmal, wenn ich ein Spiel verfolge, ob der gleichen Größe. Wir stellten uns in die Südkurve…ja, was heißt, wir stellten uns? Es war ein Kampf, auf unsere Plätze zu kommen. Dichtes Gedränge und Gequetsche, in deren Verlauf mir wieder mal meine 1,20 Meter bewußt wurden.
Apropos: vom Spiel habe ich nichts gesehen. Der Ball flog oft durch die Luft und zeigte sich ab und zu am Himmel. Die Sprechchöre und Anfeuerungsrufe zogen mich in ihren Bann. Die Gesichter und Emotionen der umstehenden Menschen faszinierten mich. Vom Spiel, nee, vom Spiel hab’ ich wirklich nichts gesehen. Dieses Interesse kam erst viel später. Später, als ich mit meinem Freund den samstäglichen Fußmarsch von Erle nach Schalke antrat, um über die für uns nun nicht mehr unüberwindbaren Mauern des Stadions dem Spiel möglichst preiswert entgegenzusehen. Seitdem bin ich auf Schalke, und sie klingen noch heute im Ohr, die Rufe: Li-Li-Li-bu-da!
Die Randgruppenecke - VfL Wattenscheid
Diesmal:
VfL Wattenscheid
(oder so ähnlich)
Ohne Wenn und Aber, alles wieder nur Gelaber (Absteigen mit System?)
(hys/bob) Jahrelang Platz 15 schlägt richtig auf´s Gemüt. Drum beschloß man in Bochum System ins Spiel zu bringen und der Langeweile ein Ende zu bereiten. Ein namhafter Fachmann für Glücksspiele, auch außerhalb des Spielfeldes, konnte für die Kicker gewonnen werden. Der Erfolg stellte sich schlagartig ein. Jedes Spiel ein Glücksspiel, jeden Samstag Zittern wie bei den Lottozahlen. Nach der Systemtalfahrt folgte in Glücksrittermanier der Wiederaufstieg. Diese Saison das gleiche Spiel: Der Abstieg rückt in greifbare Nähe. Faber - wir danken Dir.
Schrieb sich die Volksgruppe für Lächerlichkeiten (VfL) Bochum vor einiger Zeit noch das Attribut ´unabsteigbar´ auf die Fahnen, so änderte sie dies jetzt in ´unbegreifbar´. Die neuesten Lacher erntete die Gruppe mit ihren Diätplänen einzelner Mitglieder.
Angespornt von Charly Neumanns fulminanten Erfolgen vergriff man sich allerdings etwas in der Wahl der Mittel. Die Warnung: „Bei Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage und schlagen Sie Ihren Arzt oder Apother“ wurde sträflich mißachtet. Der rapide Gewichtsverlust kehrte sich schnell in einen enormen Gesichtsverlust um, und da man um Ausreden wie ´Sardellenvergiftung´ (oder so ähnlich) bzw. ´Würmer im Bauch´ verlegen war, wurde das Strafmaß vom Hohen Gericht auf zwei Monate Sportverbot festgelegt.
Wir empfehlen bei ähnlichen Problemen die SCHALKE UNSER Diät: Pommes mit Pils zwischen den Mahlzeiten ergeben garantierte 5000 Kalorien täglich.
Weisse noch ?!
(pr) Legendäre Spiele von gestern und vorgestern der Jungs in Königsblau. Die Reise von Weisse noch?! geht heute, passend zu unserem Schwerpunktthema ´Schalke im 3. Reich´, weit in die blau-weiße Vergangenheit. So weit, daß wahrscheinlich kaum einer der heutigen Schalker dabei war. Damals lauschten Massen an den Radios, einige hatten sich aber auch mit Fahrrad oder Zug nach Berlin begeben. Sie erlebten den Beginn einer unglaublichen Siegesserie…
Berlin, Berlin, der Anfang war Berlin
Alles wäre vielleicht ganz anders gelaufen, wenn Valli ´Tullux´ Valentin nicht gewesen wäre. Dann hätte Ernst Kuzorra am 24. Juni 1934 im Berliner Poststadion vielleicht nicht die Viktoria hochhalten können. Vielleicht auch kein anderer Königsblauer.
1929 feierten die Schalker die erste Westdeutsche Meisterschaft mit einem 2:1 im Entscheidungsspiel am Essener Uhlenkrug gegen den Meidericher SV. In den Endrundenspielen gab es jedoch zunächst wenig zu bejubeln. Über die Vor- bzw. Zwischenrunde kamen die Königsblauen in den Folgejahren nicht hinaus. 1932 war das Halbfinale gegen die Frankfurter Eintracht in Dresden Endstation (1:2), ein Jahr später hatte es im Endspiel eine 0:3?Niederlage in Köln gegen Fortuna Düsseldorf gegeben.
Zum zweiten Mal standen die Schalker im Sommer 1934 in einem Meisterschaftsfinale. In den Gruppenspielen waren der VfL Benrath, Werder Bremen und TV Eimsbüttel die Gegner der Königsblauen. Am 13.05.1934 wurde der VfL Benrath im letzten Gruppenspiel mit 2:0 geschlagen. Damit hatten die Schalker insgesamt 8?4 Punkte geholt und qualifizierten sich für das Halbfinale, in dem der SV Waldhof mit 5:2 geschlagen wurde. Das Geld für eine Zugfahrkarte nach Berlin hatten zu dieser Zeit nur wenige, also fuhren zahlreiche Schalker mit dem Fahrrad die 700 Kilometer nach Berlin.
Aber auch in diesem Finale vor 50000 Zuschauern gegen den Club aus Nürnberg lief es in der 1. Halbzeit schlecht für die Blauen. 0:1 hieß es zur Pause durch ein Tor des Club-Mittelstürmers Friedel. Nach dem Wechsel machten die Schalker zwar das Spiel und drängten auf den Ausgleich, das 1:1 wollte aber einfach nicht fallen. Der Club wollte das 1:0 über die Zeit bringen und hätte es auch fast geschafft.
Bis kurz vor Schluß. Dann drehten die Schalker innerhalb von drei Minuten den Spieß um. In der 88. Minute fiel der Ausgleich. Die achte Schalker Ecke wurde von links hereingeschlagen und Fritz Szepan wuchtete den Ball mit dem Kopf aus fünf Metern zum 1:1 unter die Latte. Eine Minute später landete der Ball bei Ernst Kuzorra, der bereits schwer angeschlagen ins Spiel gegangen war.
Bis zwei Tage vor dem Spiel hatte ´Klemens´, wie er von seinen Kameraden gerufen wurde, mit einer Leistenverletzung im Evangelischen Krankenhaus in Gelsenkirchen gelegen. Während des Spiels erlitt Kuzorra einen Leistenbruch, mußte aber weiterspielen. Einen neuen Spieler konnte Trainer Hans ´Bumbas´ Schmidt nicht für ihn ins Spiel bringen, da das Auswechseln damals noch nicht erlaubt war. Aus 14 Metern zog Ernst Kuzorra mit links ab. Der Ball flog unhaltbar für Nürnbergs Torhüter Köhl zum 2:1 für Schalke in die untere rechte Torecke. Der Torschütze brach nach dem Treffer ohnmächtig zusammen.
Der Schrei
von Tom Mega
Der Schrei ist eines der letzten Dinge, das uns noch an unseren großen Bruder, das Tier, erinnert. Ihr solltet es mal versuchen: Hockt euch breitbeinig auf einen Stuhl, entspannt den Kehlkopf und lasst, je nach Stimmngslage, einen Brunst-, Schmerz- oder Freudenschrei aus der Kehle röhren.
Ihr werdet feststellen, daß entweder der Oberkörper sich leicht nach vorne beugt oder daß er sich reckt, wobei der gestreckte Hals den Kopf nach hinten wirft. Meist folgen auch die Arme dieser Bewegung, pressen und lamentieren im Himmel herum.
Was schließen wir daraus? Der Schrei ist im Stehen zu Hausen, er verkommt im Sitzen, verkümmert zu einem therapeutischen Hilfsmittel, einem Theaterschrei. Geht es so weiter, wird ihn ein ähnliches Schicksal ereilen, wie den Trizeps des menschlichen Muskelapparates. Nutzlos und unbeansprucht fristet er sein Schattendasein am oberen Hinterarm.
Ganz anders dagegen der Schrei im Stehen, ein Urtanz, ein Sichstrecken und -schütteln, das einen bis in die Schuhspitzen erfaßt.
Und ist es dann auch noch ein kurz gebrülltes S04 aus tausenden von Kehlen, ist es fast wie eine Rückkehr, ein Sichverlieren im Tierischen, ein Verschwinden des Ichs in der Herde.
Das darf aber nicht sein, ein Sichgeborgen fühlen in der Masse von Gleichdenkenden, pfui, was für ein kulturloses Gehabe. Schauen wir mal näher hin, was passiert denn da groß?
Da ist doch kein Ismus dumpfes Wir, das in den Krieg hinauszieht, auch kein Sektensabbat, das ist Schmerz oder Freude und wenn überhaupt dann S04ismus. Nein, nein, das geht nicht, halten sie entgegen, der Mensch ist das Erhabene, er muß frei sein vom Animalischen, Herr seiner Triebe.
Aber was ist mit ihnen, die es fordern, wie halten sie es mit dem Hauen und Stechen? Die Sportnachrichten verkommen zu Wirtschaftsnachrichten in denen sich die Graugekleideten zungenfertig in Szene setzen.
Ein lustiges Sichübervorteilen und Übereinanderherfallen, Front gemacht gegen die Masse in den Kurven, den Sitzplatz durchgedrückt, die Sitze mikrophoniert, den leise vor sich hingesäuselten Schrei über die Stadionanlage geschickt und schon geht es weiter mit der Mehrwertsplanung.
So kann man das nicht hinnehmen, was soll aus uns werden, sollen wir zu stimmlosen Fleischklöpsen verkommen, die in ihren Sitzen herumhängen und ab und an vom Wind der Erinnerung durchweht werden? Nein, nein, so geht das. Dranbleiben, sage ich, bevor es verschwindet, das sauber geröhrte S04 im stehenden Wippen, der Körper leicht vornüber und die Arme gen Himmel.

