Nummer 05 - 1995/04
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke - Her mit dem Profi-Liri!
„Im Revier sind wir die Einzigen, die Dortmund gefährlich werden können“ - Interview mit Rudi Assauer
Mein erstes Mal - Kleine Kneipe, großes Spiel
Vision und Wirklichkeit
Alles Taktik
Kaisersekte
Attacke - Her mit dem Profi-Liri!
(mac) Seit Wochen trommelt der DFB für den Nebenberuf des Fußball-Schiedsrichters. So eindringlich flötet er, daß selbst Kobra Wegmann aus dem Korb kommt und über diese Herausforderung nachdenkt (!).
Eine klasse Sache, findet SCHALKE UNSER, aber leider, mit Verlaub, der zweite Schritt vor dem ersten. Denn ohne zuverlässig salutierende Adjutanten pfeifen selbst die besten Striegels und Wiesels auf dem letzten Loch.
Also: Der Profi-Liri muß her!
Die Voraussetzungen sind nicht ohne: Zuverlässiges Vor- und Zurücklaufen, soldatisch korrekte Gesten, Disziplin und Ergebenheit gegenüber dem Chef und ein Fortgeschrittenenkurs im Internationalen Flaggenalphabet von A wie Abseits bis Z wie Notbremse.
Mit eigenen Entscheidungen allerdings darf der Profi-Liri sich nicht profilieren. Das darf nicht verschwiegen werden. Trotzdem: Wer gerne unter bis zu 70 000 Menschen ist, die kritische Auseinandersetzung schätzt und am liebsten im Freien arbeitet, ist mit diesem Job bestens bedient. Und: Ein paar Lira bekommt der Liri auch.
Der Rest ist ganz einfach: TÜV-Sehtest. Brille: Fielmann. Berufskleidung wird gestellt.
„Im Revier sind wir die Einzigen, die Dortmund gefährlich werden können“
(mac/um/stu) Lange haben wir um das Interview mit RUDI ASSAUER gebangt. Schließlich ist der Manager mächtig in den Schlagzeilen. Doch eine Absage war für ihn kein Thema. Er blieb wie immer gelassen, ja geradezu lässig. Auch im Gespräch mit SCHALKE UNSER im Spielerhotel in Köln. Co-Trainer Hubert Neu, Charly Neumann und Pressesprecher Andreas Steiniger gesellten sich dazu - ein Interview in erlesener und lockerer Runde.
SCHALKE UNSER:
Schalke gegen Dortmund - welche Bedeutung hat für Sie das Spiel der Spiele? Ist das bloß ein Derby oder steckt mehr dahinter?
RUDI ASSAUER:
Es gibt eine gesunde sportliche Rivalität zwischen den Beiden. Das ist gut so. Was ich dumm finde, ist richtiger Haß. Aber das hat glücklicherweise in den letzten zwei, drei Jahren nachgelassen.
SCHALKE UNSER:
Ist man in Schalke neidisch auf die Borussia?
RUDI ASSAUER:
Nein, gar nicht. Es gibt überhaupt keinen Neid von unserer Seite. Es ist ja gar nicht so lange her, daß Schalke mit einem Benefizspiel dem BVB geholfen hat. Außerdem sind wir auch heute noch im Revier die Einzigen, die Dortmund gefährlich werden können. Und: Was die Fans angeht, haben wir im ganzen Bundesgebiet immer noch die Oberhand.
SCHALKE UNSER:
Ist ja auch ein Vergnügen, Schalke-Fan zu sein. Wird der Spaß im nächsten Jahr teurer?
RUDI ASSAUER:
An den Einzelkartenpreisen wird sich nichts ändern. Das steht fest. Bei den Dauerkarten müssen wir mal sehen. Generell gilt: Wir haben nur ein Schönwetterstadion und kaum Komfort. Die oberste Grenze ist erreicht, die Preise für das Parkstadion sind ausgereizt.
SCHALKE UNSER:
Das klingt ganz nach “arena 2000″. Ist die etwa noch ein Thema?
RUDI ASSAUER:
Ja, das ist immer noch im Gespräch, aber im Moment tut sich nichts. Das Hauptproblem ist die Finanzierung.
SCHALKE UNSER:
Der Investor und Bauträger Holzmann plant mehrere solcher Superhallen, z. B. in Köln. Obwohl sie kleiner sind als das Projekt in Gelsenkirchen, hat es noch nicht einmal dort den ersten Spatenstich gegeben. Ist die Zeit überhaupt reif für solche Megaprojekte?
RUDI ASSAUER:
Ja, und wie. Es kann gar keinen günstigeren Zeitpunkt geben als gerade jetzt. Der Fußball boomt mehr denn je. Außerdem brauchen wir einfach etwas Besseres. Hätten wir das Westfalenstadion, hätten wir pro Saison drei bis fünf Punkte mehr. In der Schüssel Parkstadion herrscht erst ab 40 000 Zuschauer Atmosphäre. Die Fans sind zu weit vom Spielfeld weg und kriegen auch noch einen nassen Arsch.
HUBERT NEU:
Ich war gestern in Kaiserslautern. Das sollte unser Vorbild sein. Die haben eine Art VIP-Raum für den kleinen Mann in der Kurve mit einer richtigen Freßlandschaft. Da gibt’s für jeden Geschmack was, nicht nur Bratwurst. In Lautern ist die Hütte schon anderthalb Stunden vor dem Spiel rappelvoll.
RUDI ASSAUER:
Der Besuch im Stadion muß zum Erlebnis werden, und zwar für die ganze Familie. Wir brauchen Großleinwände für Spielerpräsentationen, einen Kindergarten und vor allem mehr Komfort. Wir können die Zuschauer nur zufriedenstellen, wenn sie im Trockenen sitzen.
SCHALKE UNSER:
Sitzen? Und was ist mit Stehplätzen? Hat da die gewachsene Fankultur überhaupt noch Platz?
RUDI ASSAUER:
Ja, wir sind stolz auf unsere Herkunft. Auch die Arena würde mindestens 10 000 Stehplätze haben.
SCHALKE UNSER:
Doch nur für Heimzuschauer! Und was ist mit den Gästefans?
RUDI ASSAUER:
Sicher nur für Heimzuschauer. Die Anderen machen es auch nicht anders. Ihr beschwert Euch ja auch darüber, daß Ihr in Dortmund nur Sitzplatzkarten bekommt.
SCHALKE UNSER:
Eben. Wenn wir auswärts überall stehen wollen, warum sollen das Gäste nicht auch bei uns tun dürfen? Und was ist mit den UEFA-Bestimmungen?
RUDI ASSAUER:
Ach, die UEFA, die macht schon mit. Wir machen das einfach. Die 10 000 Stehplätze könnten in 5 000 Sitzplätze umfunktioniert werden.
SCHALKE UNSER:
Aber das steht ja noch alles in den Sternen. Bleibt man nicht heute schon unter den Möglichkeiten? Der Fan-Shop zum Beispiel ist alles andere als einladend. In England haben die Vereine zum Teil richtige Kaufhäuser.
RUDI ASSAUER:
Stimmt. Der Fan-Shop ist nicht das Wahre. Wir haben zwar den Umsatz mit Fan-Artikeln im letzten Jahr um das Vier- bis Fünffache gesteigert, aber die jetzige Struktur ist trotzdem viel zu klein. Schon 1996 wird das anders sein. Ich erwarte in den nächsten Tagen einen Kostenvoranschlag für die Erweiterung des Clubhauses. Wir wollen vielleicht ein zweites Geschoß draufsetzen. Eingang und Schaufenster müßten natürlich an der Zaunseite sein. Den Vertrieb über Fachhandel und Kaufhäuser werden wir zusätzlich verbessern. In Kürze fahren wir zu Kevin Keegan nach Newcastle und gucken uns an, wie die das dort machen.
SCHALKE UNSER:
Ist dann Peter Sendscheid dabei? chalke hat ihm nach dem vorzeitigen Ende seiner Profikarriere angeboten, im Fanartikel-Bereich mitzuarbeiten.
RUDI ASSAUER:
Das liegt ganz an ihm. Der Peter weiß noch nicht, ob er in Gelsenkirchen bleibt oder nach Aachen zurückgeht.
SCHALKE UNSER:
Der Verein hat eine neue Satzung. Sind Sie nun der vielzitierte starke Mann auf Schalke?
RUDI ASSAUER:
(lacht) Ja, klar. Aber schreibt das bloß nicht! Im Ernst. Alle wichtigen Entscheidungen fällt der Vorstand. Da habe auch ich nur eine Stimme. Der Vorteil ist, daß die Wege viel kürzer geworden sind.
SCHALKE UNSER:
Und uns freut es, daß die neue Satzung eindeutig Stellung gegen Rassismus bezieht.
Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder wird auch gehandelt? Muß man Helmut Kremers heißen, um mal rausgeschmissen zu werden?
RUDI ASSAUER:
Wir schmeißen jetzt jeden raus, der dem Verein schadet. Da waren wir in der Vergangenheit viel zu großzügig. Was Anti-Rassismus angeht, so halte ich das für eine Selbstverständlichkeit. Meiner Meinung nach hätte das nicht unbedingt reingeschrieben werden müssen.
SCHALKE UNSER:
Ist für die Mitglieder durch die neue Satzung nicht ein Stück Demokratie verlorengegangen?
RUDI ASSAUER:
Nein. Was heißt Demokratie? Dieser Verein hat sich doch selbst immer im Wege gestanden. Das kann man zwanzig Jahre lang zurückverfolgen. Jeder, der mal vor zehn Jahren eine Jugendmannschaft betreut hat, will erstens eine Dauerkarte auf Lebenszeit und zweitens bei allem mitreden.
SCHALKE UNSER:
Otto Rehhagel bezeichnete Schalke als größte Enttäuschung in dreißig Jahren Bundesliga. Wann endlich wird Schalke sein Potential nutzen?
RUDI ASSAUER:
Fragt mich nicht nach der Vergangenheit. Seit ich im Amt bin, hat kein Verein das geschafft, was wir geschafft haben. So was ist sonst nur in München möglich. Unsere finanzielle Situation ist recht ordentlich. Wir legen zum 30.6. eine Bilanz vor, die sich in der Eliteliga sehen lassen kann. Wir bauen weiter Schulden ab.
SCHALKE UNSER:
Wird sich das auch im sportlichen Bereich niederschlagen?
RUDI ASSAUER:
In der Bundesliga gibt es eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Oben sind die Vereine, die an den Fleischtöpfen des Fernsehens hängen, weil sie international dabei sind. Ganz unten sind die armen Säue. Wir gehören zur Mittelschicht. Step by step wollen wir nach oben kommen. In der letzten Saison wollten wir nicht absteigen. Diese Saison ist unser Ziel Rang acht bis zwölf. Irgendwann haben wir vielleicht eine Mannschaft, die unter den ersten fünf oder sechs der Liga bestehen kann. Ein Pokalsieg in Gladbach hätte uns einen Doppelschritt in diese Richtung ermöglicht. Aber so ist eben das Geschäft. Glück gehört dazu. Immerhin hat uns das Spiel viel Sympathie eingebracht. Einen Tag später haben wir Anrufe und Faxe aus ganz Deutschland bekommen. Selbst Egidius Braun hat sich gemeldet und zu unserer Leistung gratuliert.
SCHALKE UNSER:
Das tat bestimmt gut. Schließlich ist der Verein wieder mal in den Negativschlagzeilen. Gerade Sie stehen im Kreuzfeuer der Kritik und Gerüchte.
RUDI ASSAUER:
Aus irgendeiner Ecke will man mir an den Karren pinkeln. Aus Haß, aus verletzter Eitelkeit, was weiß ich. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Weder der Verein noch ich selbst haben ein unredliches Geschäft gemacht. Was behauptet wird, kann nicht stimmen. Ich habe dafür Beweise. Wir werden uns wehren.
SCHALKE UNSER:
Skandale und Skandälchen gehören zum Verein wie der sprichwörtliche Mythos Schalke. Wie wichtig ist für den Club Nostalgie?
RUDI ASSAUER:
Tradition steht an erster Stelle. Ohne sie wäre der Verein einer wie jeder andere. Der Mythos Schalke hat seinen Ursprung in den 30er und 40er Jahren. Wir sind stolz auf diese Herkunft und werden uns immer dazu bekennen. Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir diesen Mythos verraten würden.
SCHALKE UNSER:
Beim Heimspiel gegen Duisburg durfte die IG Bergbau auf Schalke für ihre Ziele demonstrieren. War auch das ein Tribut an die Vergangenheit?
RUDI ASSAUER:
Ja. Aber der Verein hat sich damit sehr schwer getan. Es war ein Dankeschön und eine Ausnahme. Viele wollen Schalke nur als Bühne benutzen. Für uns ist Neutralität eigentlich Pflicht.
SCHALKE UNSER:
Nostalgie hat ja auch wenig Platz in einer Zeit, in der der Fußball vom Fernsehen regiert wird. Ist zuviel Geld im Spiel?
RUDI ASSAUER:
Das Rad ist nun mal in Bewegung. Ich alleine schaffe es nicht, es aufzuhalten. Allerdings hat die positive Fußballberichterstattung von SAT 1 den Fußballboom forciert. Die Ware Fußball wird besser verkauft.
SCHALKE UNSER:
Bleibt der Sport da nicht auf der Strecke? Schon jetzt werden Spiele wegen Übertragungsrechten verlegt und Schiedsrichterentscheidungen mit TV-Hilfe bewertet. Sogar Auszeiten sind im Gespräch, damit mehr Werbung gemacht werden kann.
RUDI ASSAUER:
Das ist doch alles dummes Zeug. Der Fußball lebt von Fehlentscheidungen. War es Elfer, oder war es keiner. Das gibt doch dem Ganzen die Würze. Noch heute gibt es Diskussionen über das Wembley-Tor. Das ist ein Stück Fußballgeschichte. Fußball ist der Volkssport Nummer Eins, weil die Regeln verständlich sind. Hier können fast alle mitreden. Jeder hat selbst mal gegen eine Dose gehauen.
SCHALKE UNSER:
Für den Fernsehfußball sind Fans meistens nur bunte Kulisse. Werden sie wenigstens von den Vereinen ernst genommen?
HUBERT NEU:
(sehr engagiert) Die Fans sind unser Arbeitgeber. Durch sie erhalten wir erst unsere Bühne. Man muß das erlebt haben: Wenn beim Auslaufen nach einer Niederlage immer noch 5 000 Fans im Stadion sind und die Mannschaft feiern, wenn die Polizei händeringend zu uns kommt und sagt, sie will Feierabend machen, wenn der Stadionsprecher bekannt gibt, daß der Zug in zehn Minuten fährt, trotzdem aber niemand das Stadion verläßt, dann bekommt man schon eine Gänsehaut. Das wissen auch die Spieler zu würdigen.
SCHALKE UNSER:
Und umgekehrt: Hat der Verein eine soziale Verantwortung für seine Fans?
HUBERT NEU:
Zumindest alle vierzehn Tage holen wir die Leute von der Straße. Wo gibt es sonst Veranstaltungen, die von 40 000 Zuschauern und mehr besucht werden? Wo wären die sonst?
RUDI ASSAUER:
Der Fußball ist ein Ventil, durch das Aggressionen abgebaut werden. Wir machen, neben Dortmund, mit die größte Sozialarbeit im Ruhrgebiet. Allein durch unser Spiel.
SCHALKE UNSER:
Danke für das Gespräch. Glückauf.
Begegnung am Rande
Charly Neumann platzt in die Runde. Rudi Assauer steht auf, reicht ihm die Hand und sagt: “Angenehm, Schwan.” Darauf Charly: “Schotte mein Name.” Alle lachen.
Mein erstes Mal - Kleine Kneipe, großes Spiel“
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Sie berichten von Euphorie und Ekstase ebenso wie von Abhängigkeit und Apathie. Sie sind hörig - dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Diesmal von Ulrich aus Kamen. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Ihr seid nicht allein. Und schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal…
Als ich mit meinem Sohn, wie zu jedem Heimspiel, gegen den MSV Duisburg auf Schalke war und den Bergleuten der Region das Forum Schalke 04 für ihre großen Probleme zur Verfügung gestellt wurde, kamen mir alte Zeiten in Erinnerung. Gerne blicke ich zurück.
Meine Eltern führten in Hamm-Heessen die Vereinskneipe des VfR Heessen, der 1962 in der Landesliga spielte. Ich war damals ein Fan von Westfalia Herne, ja die waren damals recht gut. Im Jahr 1962 ereignete sich auf der damaligen Zeche Sachsen ein schweres Grubenunglück, bei dem 44 Bergleute ihr Leben ließen. Auch einige Väter meiner Schulkameraden. In unserer Kneipe war das natürlich ein großes Gesprächsthema, denn die meisten Gäste waren Bergleute. Was tun für die Hinterbliebenen? Hier setzte der FC Schalke 04 ein Zeichen - für die Region und die Bergarbeiter. Die Mannschaft spielte bei uns, die Einnahmen kamen den Hinterbliebenen des Unglücks zu.
Ich erinnere mich nicht mehr an das Ergebnis, weiß aber: Der Sportplatz war gerammelt voll. Nach dem Spiel bekamen die Schalker Spieler bei uns ein Essen und ich spiekte natürlich. Meinem Vater schenkten die Schalker ein Seidentuch mit den Köpfen der 58er-Meistermannschaft. Ab diesem Tag war ich Schalke-Fan.
In unserer Kneipe wurde viel über Fußball geredet. Einige Schalke-Fans bekamen meinen Sinneswandel auch mit und freuten sich darüber - ganz zum Leidwesen meines Vaters, der ein großer Fan von Rot-Weiß Essen war. Dort kickte zu der Zeit ein Heessener namens Kick.
1963. Die Bundesliga kam und die Schalker waren dabei. Ich war zwölf Jahre und träumte davon, einmal in die Glückauf-Kampfbahn zu kommen. Zwei dicke Schalker, der „Rote“ Brennecke und Rainer Hugo bekamen meine Wünsche wohl irgendwie mit. Vielleicht wollten sie auch nur meinen Vater ärgern, denn sie sagten immer wieder: „Deinen Jaust nehmen wir demnächst mal mit auf Schalke“. Es dauerte noch bis in die Rückrunde der ersten Bundesligaserie, dann durfte ich mit. Es stand das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg an, und ich konnte schon die ganze Woche nicht schlafen. Meine Freunde, denen ich sofort davon erzählte, daß die beiden mich mitnehmen würden, beneideten mich.
Es war Samstag, der 7.3.1964. So viele Menschen vor und im Stadion. „Hier die letzten Mannschaftsaufstellungen“ hörte man von allen Seiten. Auch damals gab es schon eine gute Bratwurst auf Schalke. In meiner Hand wurde sie allerdings kalt.
Ich staunte nur über solch eine Atmosphäre. Ich war im Bann der Glückauf-Kampfbahn gefangen. Dann das Spiel. Es war wohl eines der besten dieser Saison. Beim Gegner spielten der 54-Weltmeister Max Morlock, Torhüter Wabra, Stopper Wenauer und Stürmer Strehl, alles große Namen.
Und Schalke 04 spielte, ich weiß es noch genau, mit Mühlmann, Becher, Horst, Karnhof, Schulz, Kleina, Bechmann, Berz, Koslowski, Matischak und Gerhardt. Schalke gewann 4:1 dank eines überragenden Klaus Matischak, der drei Tore schoß. ´Zick Zack Matischak´, hallte es durch die Kampfbahn. Ich war total aus dem Häuschen. Schade war nur, daß mein großes Idol, Günter Herrmann, verletzt war und nicht spielen konnte.
Auch die Sprüche der Zuschauer waren gut. „Gut, daß heute nicht ´Wacholder´-Jupp (gemeint war Ersatztorwart Josef Broden), im Tor steht.“ Ich war zwar erst zwölf Jahre alt, aber was Wacholder war, wußte ich. Meine Eltern hatten doch eine Kneipe.
Heute bin ich 43 und dem Verein trotz Abstiegen und solcher Leute wie Pub-Inhabern auf Gran Canaria, Sonnenkönigen, profilsüchtigen gescheiterten Politikern und zwillingsbrüderlichen Präsidenten treu geblieben. Und ich bin, obwohl ich persönlich nichts mit dem Bergbau zu tun habe, stolz auf Schalke 04, wenn solche Aktionen für die Menschen der Region vom Verein unterstützt werden.
Glückauf S04.
Ulrich
Vision und Wirklichkeit“
FRÖSI, wir danken Dir. In der nagelneuen Ausgabe des Rostocker Fanzines wurden endlich die Geheimnisse um die Südtribünengesänge im Westfalenstadion gelüftet. Wir haben den Artikel aus dem Hansa-Fanzine ohne eigene Ergänzungen abgedruckt. FRÖSI-Gastautor Oliver B. Hardy untersuchte mit Unterstützung der Uni Bochum die Stadiongesänge und ihren Ursprung am Beispiel eines Fußballvereins aus der verbotenen Stadt.
1) Olé, olé, olé, olé, wir sind die Champions, olé
Am dritten November 1979 spielte Borussia zuhause gegen die Fortuna aus Düsseldorf. Der 36jährige Maschinenschlosser August Weveldorf holte am Imbißstand für seinen 31jährigen Freund Ole Blomquist, der zu Besuch in Deutschland weilte, eine Schale heißer Champignons. Schon von weitem rief August zu seinem Freund Ole: „Ole, Ole, Ole, Ole, hier sind die Champignons.“ Nun kommt der 45jährige schwerhörige Lagerarbeiter Bodo ins Spiel, welcher direkt hinter unserem schwedischen Freund stand. Bodo verstand nämlich: „Ole, ole, ole, ole, wir sind die Champions.“ In seiner bierseligen Stimmung fiel Bodo gleich mit ein und fünf Minuten später hatte die Südtribüne einen neuen Hit geboren.
2) Olé, hier kommt der BVB
Auch hier waren unsere drei Freunde die Urheber. Selbes Datum, selbes Spiel. Ole litt seit seiner Kindheit an Hämorrhoiden und dieses alte Leiden machte sich im Stadion undankbarerweise bemerkbar. „Oje, swier sommt dä Evavsee“ jammerte Ole. Das ist schwedisch und heißt soviel wie „Oh verdammt, juckt mir der Arsch!“. Der schon erwähnte schwerhörige Bodo verstand jedoch „Ole, hier kommt der BVB!“. Der Song war so erfolgreich, daß er noch Jahre später von diversen Popgruppen gecovert wurde.
3) Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Borussia Dortmund nicht
Am 22.12.1959 feierte die Mannschaft von Borussia Dortmund in der volkstümlichen Kneipe ‘Zum Borsigplatz’ Weihnachten. Mit dabei waren auch die treuen Dortmund-Fans Karl Marmor, Dieter Stein, Ingo Eisen sowie Karl-Heinz Kornbrenner. Die Stimmung war sehr gut. Bier und Schnaps flossen in Strömen. Gegen 22 Uhr 32 wurde die Idylle jäh unterbrochen. Nacheinander kotzten Marmor, Stein und Eisen über den Tresen. Totenstille kehrte in die Kneipe ein. Karl-Heinz versuchte den Abend zu retten und stimmte folgende Zeile an: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Borussia Dortmund nicht!“. Alle fielen mit ein, der Abend war gerettet und a new song was born…
Alles Taktik
(pr) Freitag 24.03.1995, spätabends. Mentale Vorbereitung auf das Lauternspiel ist angesagt. Doch der Körper kommt nicht zur Ruhe, die Wunden nach der 1:5-Klatsche im Kölner Müngersdorf sind tief. ´RAN´ und ´SPORTSCHAU´ sind zu Ende, sämtliche Sportzeitungen sind bereits zweimal gelesen und auch im Videotext sind keine neuen Informationen mehr abrufbar.
Ich starre auf den Tisch. Die Post von heute morgen liegt immer noch rum. 39,63 DM - die letzte Telekomrechnung. War ja mal ausnahmsweise erfreulich niedrig. Da wäre doch mal genügend finanzieller Spielraum für (nein - nicht für eine halbe Stunde Telefonsex) das Abrufen des Schalke-Fons. Mal eben kurz die neuesten Infos abhören.
Das letzte Kromsteiner Pils wird geöffnet, die Filterlose wird angesteckt und 0190 241901 (bloß nicht 09 am Ende, sonst habe ich noch die Sado-Maso Nummer gewählt) eingetippt. Freizeichen, Knacken in der Leitung. Geht’s jetzt los? Durch die Muschel dröhnt Willis Trompete, die ´Attacke´ hallt im Ohr. „Hallo Schalker Freunde“ begrüßt mich eine fremde Stimme und erzählt mir bis zum Zählerstand von 0,69 DM was das Schalke-Fon ist.
Naja, hätte ich auch so gewußt - sonst hätte ich ja nicht angerufen. Bei 1,15 DM erfahre ich dann, daß Schalke am Samstag gegen Kaiserslautern ohne Dieter Eckstein und ohne Youri Mulder spielen wird. Habe ich mir fast gedacht, nachdem ich bereits am Donnerstagabend gehört habe, daß Eckes an West Ham ausgeliehen und Youri nach seiner roten Karte für ein Spiel gesperrt wurde.
Aber dafür sollen gegen die roten Teufel Jiri Nemec, Andy Müller und Yves Eigenrauch wieder dabei sein. Wenigstens etwas - stand aber auch schon heute morgen in fast allen Zeitungen.
Während der Gebührenzähler auf 1,61 DM umspringt, erfahre ich vom Geschichtenerzähler, daß Schalke im gesicherten Mittelfeld steht und von der Abstiegszone momentan sechs Punkte entfernt ist. Aha, sehr interessant.
Bei 1,84 DM ertönt die Stimme von Jörg Berger (klingt ja schon viel angenehmer!), der die letzten Spiele aufzählt und betont, daß Schalke unbedingt einen Platz unter den ersten Zehn erreichen will. Im Moment sei aber noch alles offen. Die Mannschaft müsse am Samstag die Weichen stellen und bestimmen, in welche Richtung der Zug fahren soll.
Mein Gebührenzähler stellt als Ankunftszeit 2,99 DM fest. Die Ansagestimme ist wieder da und verkündet, daß Jörg Berger noch mehr zu sagen hat.
Acht Sekunden später (bei 3,22 DM) ist Jörg Berger wieder da und erzählt mir bis 4,60 DM, daß mit der 1:5-Schlappe in Köln wieder viel kaputtgemacht worden ist. Stuttgart, Frankfurt, Köln - das seien die Vereine, mit denen Schalke um die besseren Tabellenplätze kämpfen müsse. Und dies wolle man den Zuschauern am Samstag im Stadion zeigen.
Die Stimme des Ansagers ertönt nur eine Gebühreneinheit, dann macht Jörg Berger schon weiter. Disziplin, Zweikampfverhalten, Taktik und eine geschlossene Mannschaftsleistung - das sind die Tugenden, auf die man am Samstag setzen müsse.
Kaisersekte
(mac) Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Sie schrecken vor nichts zurück. Mit Gehirnwäsche und Dauer-Musikberieselung wollen sie Eure Seelen. Und sie haben Erfolg. Vorsicht, Falle, sagt SCHALKE UNSER und warnt vor der
KAISERSEKTE
In ihre Fänge ist zum Beispiel Gerhard Mayer-Vorfelder geraten. Beobachter sorgten sich um seinen Zustand, als er jüngst - in verdächtig ähnlichen Formulierungen - Forderungen und Anregungen des Sektengurus B. verkündete: „Wir sind dabei, beim DFB eine GmbH auszugliedern unter dem Arbeitstitel ‘Interessengemeinschaft der Liga’. Möglichst schon in den nächsten drei Monaten soll eine zentrale Vermarktung mit einem einheitlichen Logo und einer einheitlichen Erkennungsmelodie auf die Beine gestellt werden.
Mayer-Vorfelder verloren
Vorbild, so der hörig wirkende Gerhard Mayer-Vorfelder, seien die nordamerikanischen Profiligen. Das war nicht der einzige herbe Verlust für das traditionelle Christentum: Auch Egidius Braun kehrte dem Katholizismus den Rücken und wechselte zur berüchtigten Kaiser-Sekte über. Braun verriet sich mit der Aussage: „Ich kann mir ein eigenes Logo und eine eigene Erkennungsmelodie für die Bundesliga vorstellen.“ Braun ist also schon das zweite prominente Sekten-Opfer binnen kürzester Zeit. Er allerdings scheint der bislang abhängigste Anhänger von Guru Franz B. zu sein: „Wenn Franz will, komponiere ich ihm selbst eine Melodie für die Bundesliga“, sagte der hypnotisierte Ex-Katholik.
Auch Braun verführt
Guru Franz B. ist derweil auf dem Weg zur Weltvermarktung einen Schritt weiter. Er ist als künftiger Präsident der Welt-Sektenzentrale FIFA im Gespräch. Daß B. wirklich der berüchtigte Pate im Hintergrund ist, daran gibt es keinen Zweifel mehr. In einem Interview mit der Illustrierten „Bunte“ erläuterte B. das pseudoreligiöse Fundament der Sekte: „Ich glaube unerschütterlich an die Wiedergeburt.“
Der als Lichtgestalt gepriesene B. betonte, daß er vor jedem Mitmenschen, Baum und Strauch, vor jeder Blume und Ameise Respekt habe. Unabhängige Sekten-Experten entlarvten diese Aussagen als strategisch geschickte Heuchelei. B. wolle offenbar weitere Anhänger für die Kaiser-Sekte gewinnen. Die Fachleute erinnerten daran, daß der Guru sein wahres Gesicht gezeigt habe, als er unlängst im Zusammenhang mit Fußballspielern von „Material“ sprach.
Guru B. - der Beweis
Die Kaiser-Sekte hat zur Zeit den besorgniserregendsten Zuwachs in Deutschland. Beinahe täglich schließen sich ihr neue Mitglieder an. Experten halten die Kaiser-Sekte für weitaus gefährlicher als etwa den harmlosen Bund Vertrauender Brüder, der Frieden und Freundschaft weltweit anstrebt. Die Kaiser-Sekte hingegen will die ganze Welt vermarkten und so die globale Herrschaft erreichen. Guru B. lockt seine Opfer mit irrealen Vorstellungen vom Leben nach dem leiblichen Tode. Seinen psychisch abhängigen Untergebenen verspricht er die Wiedergeburt als Interpreten einer paradiesischen Bundesliga-Erkennungsmelodie.

