Nummer 06 - 1995/06
Auszüge aus dieser Ausgabe:
Attacke - Scheiß Chefs?
“Ich muß das erst mal alles verarbeiten, Abstand gewinnen” - Interview mit Peter Sendscheid
Mein erstes Mal - Elmar, wir danken Dir!
Kein Foul an Youri
WICKTOR - DIE SAISONWAHL!
Attacke - Scheiß Chefs?
(pic) Nicht nur Co-Trainer Hubert Neu sagt mittlerweile: „Die Fans sind unsere Arbeitgeber.“ Daß sich diese Erkenntnis endlich durchsetzt, haben Arbeitgeberhefte wie SCHALKE UNSER, von Arbeitgebern für Arbeitgeber, auch schließlich lange genug gefordert. Der erste Schritt ist also geschafft. Und der Zweite? Da droht den Fans der Gang vors Arbeitsgericht - als Angeklagte.
Denn mit unserem Aufstieg ins Arbeitgeberlager stehen wir arbeitsrechtlich im Abseits: Sforza wurde von den eigenen Anhängern nicht einfach nur gnadenlos ausgepfiffen, sondern regelrecht zur Hatz freigegeben. Genau wie Legat, dem man in der Tiefgarage auflauerte und verprügeln wollte. Genau wie Közle, dessen Freunde man mit Telefonterror gleich mit in Sippenhaft nahm. Als Höhepunkt des Psychoterrors wurde dem Duisburger eine tote Katze an die Tür genagelt. Seine Leistungen und sein Engagement bis hin zur MSV-Hymne sind schlicht vergessen - Közle mußte in panischer Angst untertauchen. Und Legat traute sich auch nicht mehr auf seinen Arbeitsplatz.
Krasse Beispiele für klare Fouls gegen unsere Arbeitgeber-Fürsorgepflicht laut § 618 I BGB und § 62 I HGB: Laut Gesetz müssen wir unsere kickenden Arbeitnehmer vor Beeinträchtigung ihrer Persönlichkeit, vor Gefahren gegen Leben und Gesundheit schützen.
Fazit: Von wegen Sozialpartnerschaft - zu viele Fans scheinen leider Scheiß-Chefs zu sein. Ihnen bleibt nur die Warnung zur Vorsicht: Bei weiterer Vernachlässigung der Fürsorgepflicht haben unsere Arbeitnehmer auf dem Platz ein Leistungsverweigerungsrecht!
Oder schlimmer noch: Uns drohen handfeste Arbeitskämpfe. Wie sagte doch Waldemar Ksienzyk im SCHALKE UNSER-Interview auf die Frage, ob er sich Angriffe pöbelnder Fans wie gegen Effenberg gefallen lassen würde: “Mir könnte es sogar passieren, daß ich über die Bande springe und mir den Kerl schnappe …”
“Ich muß das erst mal alles verarbeiten, Abstand gewinnen”
(ys/stu) Als Spieler war er bei den Fans sehr beliebt. Und sein Herz hängt immer noch sehr an den FC Schalke 04. Noch besucht er regelmäßig das Training sowie die Spiele der Mannschaft. Am liebsten würde er - wie früher als Kind auf den Weg zum Bolzplatz - seine Tasche in die Ecke schmeißen und fleißig mitkicken. Das haben wir ihm während des Gesprächs genau angemerkt. Gerade deswegen hat sich SCHALKE UNSER Peter Sendscheid als Interviewpartner ausgesucht.
SCHALKE UNSER:
Man spricht oft vom Mythos Schalke. Ist es wirklich ein besonderes Gefühl auf Schalke zu spielen?
PETER SENDSCHEID:
Ja, natürlich ist es etwas Besonderes. Es ist einfach traumhaft, wenn man auswärts spielt und annähernd soviel Unterstützung bekommt wie zu Hause. Ich denke, jede Gästemannschaft hat es im Parkstadion schwer, schon alleine vom Fanpotential her. Die Fans machen soviel Stimmung für die Mannschaft. Gut, hin und wieder gibt es auch Krisen, aber im großen und ganzen habe ich festgestellt, daß es doch einen kleinen Schub gibt, vor allen Dingen, wenn man einen Durchhänger hat.
SCHALKE UNSER:
Du sprichst von Krisen. In Kassel haben die Fans nach dem Spiel vor der Kabine gebrüllt: ‘Wir sind Schalker und ihr nicht!’. Wie hast Du Dich dabei gefühlt?
PETER SENDSCHEID:
Es war natürlich sehr traurig, daß so etwas zustande kam. Aber wir Spieler müssen die Schuld auf uns nehmen, denn wir haben durch ein wirklich sauschwaches Spiel den möglichen Aufstieg verpaßt. Daß die Fans sauer waren, kann ich nachvollziehen. Nur, die Frage ist, ob es in der Art und Weise gerechtfertigt ist, das so zum Ausdruck zu bringen.
SCHALKE UNSER:
Gibt es für Peter Sendscheid ein Leben ohne Fußball?
PETER SENDSCHEID:
Fußball war schon immer mein Hobby und mein Leben. Aber das Leben geht weiter. Ich muß das erst mal alles verarbeiten, Abstand gewinnen, weil dies ein großer Einschnitt in meinem Leben ist. Es ist bitter, wenn man den Zeitpunkt, wo man aufhört, nicht selber wählen kann. Es tut richtig weh, wenn ich ins Stadion gehe und die Jungs spielen sehe. Die sind zum Teil älter als ich, sind aber gesund und ich nicht. Das bedrückt mich schon sehr.
SCHALKE UNSER:
Hast Du deswegen den Job im Fanartikelbereich nicht angenommen?
PETER SENDSCHEID:
Ja auch. Ich will mit meiner Familie nach Aachen zurückziehen. Alleine von der Entfernung hätte es nicht geklappt. Ich werde wohl dort eine Umschulung im kaufmännischen Bereich machen.
SCHALKE UNSER:
Als Profi verdient man viel Geld, aber nur für eine kurze Zeit. Wenn man durch eine Verletzung frühzeitig die Karriere beenden muß, ist das der Preis, den man dafür zahlen muß, vor allen Dingen, wenn man möglicherweise die Karriere ohne Berufsausbildung anfängt?
PETER SENDSCHEID:
Davor würde ich immer warnen.
Ich würde jedem jungen Spieler raten, auf jeden Fall eine berufliche Grundlage zu schaffen.
SCHALKE UNSER:
Welchen Beruf hast Du denn gelernt?
PETER SENDSCHEID:
Ich bin ausgelernter Groß- und Außenhandelskaufmann.
SCHALKE UNSER:
Wird es irgendwann einmal den Trainer Sendscheid geben?
PETER SENDSCHEID:
Ich habe schon als Spieler immer gesagt, das wäre nicht das Richtige für mich. Ich könnte mir aber vorstellen, später im Managementbereich zu arbeiten.
SCHALKE UNSER:
Wer war für Dich der beste Trainer?
PETER SENDSCHEID:
Vom Sportlichen sowie von der Trainingsmethodik her - manche meinen, er hätte gar keine gehabt - muß ich sagen, daß Aleksander Ristic der Beste war. Unter ihm habe ich am meisten gelernt.
SCHALKE UNSER:
Hat der Verein ihn nach der tollen Hinrunde nicht zu früh entlassen? Hat sich vielleicht der Vorstand zu sehr eingemischt?
PETER SENDSCHEID:
Für mich hat der Trainer nach der Hinrunde einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat das System umgestellt. Er hat Radmilo verpflichtet, dann kam Bent. Obwohl die Mannschaft schon stand, hat er versucht, Bent unbedingt in die Mannschaft reinzudrücken. Woher auch immer diese Order kam, das sei mal dahingestellt. Danach haben wir nicht mehr zu unserem Spielfluß zurückgefunden.
SCHALKE UNSER:
In letzter Zeit hat der Vorstand immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Wie verkraftet eine Mannschaft so etwas?
PETER SENDSCHEID:
Ich persönlich habe mich nicht intensiv damit beschäftigt, weil man ja sowieso nie alles erfährt, was intern läuft. Das ist eine Sache des Managements. Aber es stimmt einen nachdenklich, wenn plötzlich von Lizenzentzug geredet wird. Da macht man sich natürlich seine Gedanken und will endlich Klarheit. Man will wissen, was Sache ist. Das will der Fan ja auch.
SCHALKE UNSER:
In der freien Wirtschaft hat man als Arbeitnehmer die Möglichkeit in den Streik zu treten, wenn zum Beispiel seine Existenz bedroht wird. Bist Du Mitglied in der VdV?
PETER SENDSCHEID:
Nein, bin ich nicht. Es hat mich eigentlich nie interessiert, weil ich bisher immer ganz gut alleine zurecht gekommen bin.
SCHALKE UNSER:
Kannst Du es Dir vorstellen, daß Profifußballer streiken?
PETER SENDSCHEID:
Nein, überhaupt nicht. Es sei denn, die VdV hat irgendwann mal soviel Einfluß auf ihre Mitglieder. Innerhalb eines Vereines ist es, glaube ich, nicht möglich.
SCHALKE UNSER:
Aber wenn die Gehälter zum Beispiel nicht gezahlt werden?
PETER SENDSCHEID:
Es kam schon öfter mal vor, daß sich die Spieler als Einheit präsentierten und sagten, ‘mit dem Trainer können wir nicht arbeiten’. Aber daß man samstags hingeht und sagt, man spielt nicht, man streikt, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das hat es noch nicht gegeben.
SCHALKE UNSER:
Nach dem Pokalspiel in München gegen 1860 haben die Spieler ‘Ohne Vorstand fahren wir nach Berlin’ gesungen. Damit haben sie zum Ausdruck gebracht, daß sie die Nase voll hatten.
PETER SENDSCHEID:
Ich denke, es mußte mal deutlich gesagt werden, daß die komplette Mannschaft überhaupt nicht damit einverstanden ist, was hier Jahr für Jahr passiert. Wir sehen ja, was hier für Grabenkämpfe geführt werden, wer gegen wen schießt. Die Mannschaft wollte nur damit verdeutlichen, daß endlich Ruhe in den Verein einkehren soll. Trotz relativ guten sportlichen Erfolg, herrscht nach wie vor Theater in der Führungsetage. Und da mußte irgendwas geschehen. Daher hat sich die Mannschaft gemeinschaftlich entschlossen, dies durch ein Schreiben an die Öffentlichkeit zu zeigen.
SCHALKE UNSER:
Apropos Pokal. Da sind die Schalker rausgeflogen, wegen einer äußerst fragwürdigen Schiedsrichterentscheidung. Da werden die Stimmen derer, die den Profischiedsrichter fordern, immer lauter.
PETER SENDSCHEID:
Ich bezweifele, daß sich da etwas ändern wird. Der Schiedsrichter ist ein Mensch, und er macht Fehler wie jeder Mensch Fehler macht. Ob Amateur oder Profi, das ist der gleiche Mensch, er sieht nichts Anderes. Ich würde aber nicht zu sehr den Schiedsrichter kritisieren. Die Linienrichter haben die Aufgabe, den Schiedsrichter zu unterstützen, und da hapert es sehr, sehr oft. Beim Pokalspiel in Gladbach saß ich an der Seite hinter dem Linienrichter auf gleicher Höhe. Da wird Jiri Nemec von Klinkert als letztem Mann ganz klar gefoult. Das ist normalerweise eine Notbremse und damit eine rote Karte. Und was passiert? Der Schiedsrichter läßt das Spiel weiterlaufen. Dieser Linienrichter hat die Aufgabe, die Fahne zu heben, zu sagen, daß es ein klares Foul war. Das hat er nicht gemacht. Daher kann ich manchmal dem Schiedsrichter gar keinen Vorwurf machen.
SCHALKE UNSER:
Im Moment liebäugelt der Verein mit dem UIC-Cup. Wie sieht das aus Spielersicht aus?
PETER SENDSCHEID:
Sie spielen die ganze Saison durch, und der Körper braucht einfach die Erholung, damit die Spieler in der neuen Saison wieder ihre Leistung bringen können.
Man kann zwar sagen, daß der UIC-Cup eine sportliche Herausforderung darstellt, weil die besten zwei in den UEFA-Cup kommen. Dazwischen liegen aber sieben, acht Spiele. Das muß man erst verkraften, und das geht auch gar nicht so einfach. Wegen der Verletzungsgefahr wäre das Ganze für mich nicht ratsam.
SCHALKE UNSER:
Den UIC-Cup haben wir der wachsenden Kommerzialierung zu verdanken. Heutzutage bestimmen die Fernseh- und Totogesellschaften praktisch, wann und wo ein Spiel stattzufinden hat.
PETER SENDSCHEID:
Ja, so ist das heutzutage. Das Fußballgeschäft ist gleichbedeutend mit dem kommerziellen Geschäft.
SCHALKE UNSER:
Ist das nicht zu weit gegangen?
PETER SENDSCHEID:
Natürlich, aber es wird nicht anders möglich sein. Wer bezahlt die Spielergehälter und die Ablösesummen? Da hat das Fernsehen mit seiner Werbung einen enormen Einfluß.
SCHALKE UNSER:
Aber ohne die Fans läuft gar nichts. Und jetzt wird denen vorgeschrieben, daß sie selbst montags in die Stadien zu gehen haben, nur damit die Einschaltquoten stimmen.
PETER SENDSCHEID:
Das ist eben der Lauf der Geschichte. Wenn man diese vertraglichen Verpflichtungen eingeht, muß man sich eben umstellen. Daß es für die Fans nicht schön ist, wenn montags gespielt wird, ist mir schon klar. Ich als Spieler würde immer entweder den Mittwoch- oder den Freitagabend vorziehen, weil die Atmosphäre abends einfach besser ist. Sonntagnachmittagsspiele habe ich nicht gerne gehabt. Aber da hat man als Spieler keinen Einfluß.
SCHALKE UNSER:
Was nimmst Du aus der Zeit mit, als Du auf Schalke gespielt hast?
PETER SENDSCHEID:
Überwiegend positive und schöne Erinnerungen. Der Aufstieg in die erste Liga war überragend. Es war schon phänomenal, was dann hier los war. Nicht so schön war mein erstes Jahr auf Schalke, da ich gewisse Anlaufsschwierigkeiten hatte. Ich denke an das Spiel gegen Münster, als die Mehrheit der Fans skandierte, daß ich ausgewechselt werden sollte. So etwas bleibt natürlich als schlechte Erinnerung hängen. Aber daraus habe ich gelernt mich durchzubeißen. Als Udo Lattek Radmilo und Bent vorgezogen hat, wollte ich es allen zeigen, daß ich der bessere Stürmer war. Das hat man mir, glaube ich, auch angemerkt.
SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft. Glück auf!
Mein erstes Mal - Elmar, wir danken Dir!
SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Sie berichten von Euphorie und Ekstase ebenso wie von Abhängigkeit und Apathie. Sie sind hörig - dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Diesmal von Friday aus Köln. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Ihr seid nicht allein. Und schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal…
(tag) Sommerpausen können ganz schön lang sein. Vor allem, wenn sie nicht von WM oder EM verkürzt werden. Für mich war sie wohl ein wenig zu lang, die Sommerpause 1989. Ansonsten hätte ich an jenem Freitag niemals ja gesagt. Elmar hatte gefragt, ob ich nicht mit auf Schalke wolle. Schalke 04 gegen Eintracht Braunschweig, zweite Bundesliga, und fahren sollte die 120 Kilometer natürlich ich. Auslachen hätte ich ihn müssen. Schalke, was sollte ich da? Daß wieder irgendein Verrückter dem Schiedsrichter in den Hintern tritt, war kaum zu erwarten. Aber egal, wir sind gefahren, und so stand ich als alter Gladbach-Fan plötzlich im Parkstadion und schlabberte Schalker Stadion-Suppe. Zum ersten und letzten Mal, da war ich mir sicher.
Denkste. 37000 Zuschauer wollten an jenem Abend Schalke sehen. Noch eine Viertelstunde nach dem Anpfiff eilten sie auf der Gegentribüne die Gänge hinunter. Ich war verwirrt. Ging es hier denn um mehr als ein langweiliges Zweitliga-Spiel? Ganz offensichtlich, zumindest für die Fans. Die hangelten sich in der ersten Halbzeit gleich zweimal am Zaun hoch und sprangen wutentbrannt in den Innenraum. Dem Schiedsrichter wollten sie an den Kragen. Der hatte etwas gegen Schalke.
Zwei Tore nicht anerkannt, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Abseits? Nein, ganz bestimmt nicht, das hätten sie doch gesehen, wenn das so gewesen wäre. Beste Sicht hatten sie schließlich auf das Tor in der gegenüberliegenden Kurve. Also: Rüber übern Zaun und dann was auf die Birne dem Mann. Aber wie das so ist, Polizei war auch schon da, und statt aufs Spielfeld sollte es plötzlich auf die Wache gehen. Nur einer konnte die wackeren Kämpfer jetzt noch retten. Da kam er auch schon angewatschelt, der Ritter von der kugeligen Gestalt. Charly sprach ein paar beschwichtigende Worte mit den Gesetzeshütern, die Fans durften zurück in den Block, und alles war wieder gut. Egal, was die Mannschaft da unten zusammenspielte, auf Charly war Verlaß.
Genauso wie auf Bernd Buchheister. Der war blondgelockt, spielte für Braunschweig so eine Art Rechtsaußen und war für die Schalker Abwehr eine Nummer zu groß. Das Tor traf er auch. Das erste Mal schon nach fünf Minuten. Am Ende gewann Braunschweig mit 5:1. Die Mannschaft hatte schlecht gespielt, einige der Fans sich aufgeführt wie die Wilden, und die Zuschauer waren beinahe komplett ins Braunschweiger Lager gewechselt. Aber herrlich verrückt war es. Und ich bin wiedergekommen. Mit blau-weißem Schal, versteht sich.
Kein Foul an Youri
Die Straßenbahn-Aktion - ein Einsatzprotokoll
Aktion „Mit uns nicht! Spieler und Fans gegen Zerstörung“ Zwei Betreuer berichten aus der Youri-Mulder-Bahn.
(HeRo) Schalke gegen Dortmund, es ist der 8. April 1995. Ein nicht ganz normaler Spieltag und eine nicht ganz normale Fan-Club-Arbeit wartet auf uns.
7 Uhr
Der Wecker holt uns aus einer ohnehin unruhigen Nacht. Beim Frühstück die ersten Diskussionen: Wie verhalten wir uns, wenn es diesmal zu Ausschreitungen in der Fan-Bahn kommen sollte? Der Umstand , daß die bisherigen Fahrten ohne Krawalle und Beschädigungen abgegangen sind, stimmte uns etwas ruhiger.
11.30 Uhr
Treffen unseres Fanclubs in unserer Stammkneipe Metz in Mühlheim. Wir stellen fest, daß die Frühstücksdiskussion bei den anderen ähnlich gelaufen sind wie bei uns. Ein Fanclub hat kurzfristig abgesagt, so daß wir den ganzen Bahnbetreuer-Plan umschmeißen müssen.
12 Uhr
Abfahrt nach Gelsenkirchen.
12.30 Uhr
Ankunft am Betriebshof der BoGeStra, zwei andere Fanclubs erwarten uns schon vor den geschmückten Fanbahnen. Alle werden von Hektik gepackt, und wir verteilen uns auf die verschiedenen Bahnen.
13 Uhr
Die erste Bahn fährt los. An jeder Eingangstür ein Fan-Ordner von uns. Gemischte Gefühle. Was werden die nächsten 2 ½ Stunden bringen?
13.15 Uhr
Endlich GE-Hauptbahnhof. Es geht los. Ein auf dem Bahnsteig gewohntes Bild: alles blau-weiß! Meer. Die ersten 170 Fans entern die Bahn mit dem abgenutzten und nicht mehr lustigen Spruch („Wir scheißen auf den BVB“). Auch ein bißchen wenig Liedgut für 20 Minuten Fahrt. Die Bahn ist gerappelt voll und so fährt sie ohne Zwischenstop bis zum Parkstadion durch. Angetrunkene Fans pöbeln uns an, einzig und allein wegen der Tatsache, daß wir als Bahnbetreuer gut zu erkennen sind. Die erste leere Bierdose fliegt in unsere Richtung. Da wir Gewalt ablehnen, versuchen wir es mit einem Gespräch, was sich aber schwierig gestaltet, da so mancher Fan dem Alkohol sehr zugetan ist.
13.30 Uhr
Die Stimmung schlägt um, als die Fans merken, daß wir den Dosenwerfer zur Rede stellen. Ein großer Teil der Umstehenden hört zu, als wir über den Sinn und Zweck unserer Aktion sprechen. Einige Fans unterstützen uns mit den Worten: „Echte Schalker randalieren nicht!“ Als wir in Sichtweite des Parkstadions kommen, ist sofort wieder Stimmung da. Alle denken nur noch an das Spiel. Die Bahn leert sich so schnell, wie sie sich gefüllt hat. Als einer der letzten, die die Bahn verlassen, kommt der Dosenwerfer zu uns, gibt mir die Hand und sagt entschuldigend „Danke“. Zurück zum Bahnhof, auf ein Neues.
14 Uhr
Oh Schreck, der Bahnhof hat sich doch sehr verändert. Überall schwarz-gelb. Unsere Stimmung sinkt schlagartig auf null und einige unserer KollegInnen im Inneren der Bahn an den Türen stehend, werden weiß im Gesicht. Daß Fan-Bahnen auswärtige Fans befördern sollten, war eigentlich nicht geplant. Für die Begeleitung dieser ist ja auch sonst immer die grüne Trachtengruppe zuständig. Aber was soll’s. Wir alle sind Fußballfans, da müßen wir durch. Die ersten Worte der einsteigenden Borussen sind: „Was ist das?“, „Die Schalker haben Fan-Bahnen, warum gibt es sowas nicht bei uns?“ Als sie die in der Bahn angebrachten Aktions-Poster durchlesen, entdecken sie, daß die Fans vom Poster neben ihnen stehen und sofort werden wir über die Aktion ausgefragt. Ein seltsames Bild: ein blau-weißer Tupfer unter lauter Kartoffel-Käfern. Wir erzählen, wie die Aktion entstanden ist, daß der Fanprojekt-Leiter des S04 die Grundidee hatte, aber die Aktion letztlich von den Fanclubs getragen und durchgeführt wurde. Wir berichten, daß wir in jeder Fan-Bahn einen begrenzten Ordnungsdienst verrichten, um Zerstörungen zu verhindern. Im übrigen: Der überwiegende Teil der Schäden wird von unseren Schalkern und nicht von den Auswärts-Fans verursacht. Nach unseren Ausführungen waren einige Dortmunder sehr beeindruckt und baten uns um Material, um in Dortmund ähnliches anzuregen.
14.50 Uhr
Nach zwei weiteren Fahrten und fast drei Stunden Anspannung konnten auch wir endlich ins Stadion. Sich aufs Spiel zu konzentrieren, fiel schwer. Zu sehr standen wir noch unter den Eindrücken der letzten Stunden.
Fazit: Auch nach der vierten Bahn-Aktion hatten wir keinen einzigen Schaden zu verzeichnen. Ein bißchen stolz sind wir schon, auf unsere Aktion und unsere Fans.
WICKTOR - DIE SAISONWAHL!
Höher, schneller, weiter - Kategorien, in denen der Sport gemessen wird. Aber es sind nicht nur die Ideale Coubertins, die bei den Fans die Faszination Sport ausmachen. Schicksale, Willens- und Charakterstärken, Gesten und Fairneß bestimmen die Sportshow genauso mit. Beeisterung, die nicht immer in Toren, Punkten und Meisterschaft meßbar ist, die aber oft das besondere Kribbeln bei den Fans ausmacht. Emotionen also, die bisher viel zuwenig gewürdigt wurden. Schwalben, Notbremsen und Eigentore - hier sind die „WICKTOR“-Preise für die Fußball-Bundesliga-Saison 1994/1995…
TRAINER DES JAHRES: JUPP HEYNCKES / ZWIETRACHT ZANKFURT
„Olè, olè…Gaudino weg, Yeboah weg - und Jupp weg! Aber nicht ohne ein 4:1 gegen den BVB am 4. Spieltag hinzulegen. Olè !“
SPIELER DES JAHRES: ANDREAS SASSEN / HSV, DRESDEN, DNJEPOPETROWSK
„Ein guter Mann, der auch was verpacken kann. Nastrowje towaritsch Sassow!“
DIE SCHÖNSTE MANNSCHAFT DES JAHRES:
TSCHERTSCHESSOW / Dresden
ZIEGE / Bayern GRAUER / Uerdingen GORLUKOWITSCH / Uerdingen HOPP / Duisburg
LEGAT / Frankfurt WYNHOFF / Gladbach LETCHKOW / Hamburg TODT / Freiburg
WASSMER / Freiburg KIRJAKOW / Karlsruhe
MANN DES JAHRES: H.G. WIESEL, OTTBERGEN
Pokal. Gladbach. Klinkert. Notbremse. Wiesel. Schiedsrichter. Brille. Fielmann.
DER FAIRPLAY-POKAL 1. Platz: ANDREAS MÖLLER / BORUSSIA DORTMUND
1. Platz: Andreas Möller von Borussia Dortmund
Er sorgte mit seiner Schwalbe gegen den KSC dafür, daß Schiedsrichter endlich wieder zehnmal im Strafraum hinsehen, bevor ein Elfmeter gepfiffen wird. Verliehen wird die Auszeichnung von Winfried Schäfer.
2. Platz: Die Anhänger des 1.FC Kaiserslautern
Sie sorgten mit Pfiffen und gezielten Weißwurstwürfen auf ihren Spieler Ciriaco Sforza als Reaktion auf dessen Wechsel nach Bayern München nicht nur für gute Laune bei Trainer Friedel Rausch. Übergeben wird der Preis von Franzl Beckenbauer.
3. Platz: Das Kontraste-Magazin in der ARD
Sie sorgten mit gründlicher Recherche und gekauften eidesstattlichen Versicherungen nicht nur für eine Neudefininierung des „investigativen Journalismus“, sondern auch für gestiegene Einschaltquoten und höhrere Fernsehgebühren. Beim Preis übergibt sich Rudi Assauer.
DER EINKAUF DES JAHRES 1. Platz: FLANK OLDENEWITZ / HSV
1. Platz: Flank Oldenewitz / HSV. Der Torschützenkönig aus Japan. „Laß et, Otze!“
2. Platz: Eric Wynalda / VfL Bochum. Whattaya mean with scoring goals?
3. Platz: Jean-Paul Papeng / Bayern München. Nur ein einziges Bundesligator. Gegen wen??
TOR DES JAHRES 1.Platz: THOMAS LINKE / SCHALKE 04
1. Platz: Thomas Linkes 2:2 in der 92. Minute bei Bayer Leverkusen nach Vorlage von Jens
Lehmann.
2. Platz: Radek Latals 1:0 Führungstreffer am 08.10.1994 beim BVB.
3. Platz: Jens Lehmanns Elfmetertor gegen 1860 München.
4. Platz: Matthias Sammers Eigentor für Freiburg am 20.05.1995.
5. Platz: Roberto Baggios Freistoßtor für Juventus Turin im UEFA-Pokalhalbfinale beim BVB.
SCHÖNSTE SZENE DES JAHRES 1. Platz: 3 Schalker Nationalspieler
1. Platz: Drei Schalker Nationalspieler (Mulder, Latal & Nemec) beim EM-Quali-Spiel Holland -
Tschechien.
2. Platz: Charly Neumann liftet sein Oberhemd für Figura Fett.
3. Platz: Matthias Sammers Augenbraue wird vom Mannschaftsarzt getackert.
SCHLIMMSTE SZENE DES JAHRES 1. Platz: Das 3:2 von Andreas Möller
1. Platz: Das 3:2 von Andreas Möller/BVB beim Spiel BVB gegen S04 am 08.10.1994.
2. Platz: Schiedsrichter Scheuerer/München gibt ein klares Tor von Mike Büskens
am 27.08.94 gegen den HSV im Wembleystadion Gelsenkirchen nicht.
3. Platz: Borussia Dortmund wird Herbstmeister.
WAS WIR DANN ENDLICH MAL GERNE SEHEN WÜRDEN….
1. Platz: Ein Sieg gegen den BVB.
2. Platz: Eine komplette Saison ohne irgendwelche Skandale.
3. Platz: Andreas Möller spielt gut in der deutschen Nationalmannschaft oder gar nicht mehr.
4. Platz: Günter Eichberg überweist noch ein paar Millionen an uns.
5. Platz: Matthias Sammer spielt in der deutschen Nationalmannschaft so wie in Lüdenscheid.
WAS WIR DANN BESSER NICHT NOCH MAL SEHEN MÖCHTEN…
1. Platz: Nochmal eine Saison ohne `nen doppelten Punktgewinn gegen Borussia Dortmund
und Bayern München.
2. Platz: Den Kontoauszug von Borussia Dortmund.
3. Platz: Jürgen Klinsmann wechselt nach Bayern München.
4. Platz: ARD-Kontraste.
5. Platz: 0:0-Heimspiele.
WAS WIR DOCH GERNE NOCH EINMAL SEHEN WÜRDEN…
1. Platz: Eine DFB-Lizenzerteilung ohne Auflagen.
2. Platz: Sechs Tore in einem Spiel ( auf der richtigen Seite! )
3. Platz: Eigentore von Matthias Sammer.
4. Platz: Jens Lehmann in der Toschützenliste.
5. Platz: Eine Saison ohne Abstiegssorgen…

