Mein erstes Mal – Kleine Kneipe, großes Spiel“

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Sie berichten von Euphorie und Ekstase ebenso wie von Abhängigkeit und Apathie. Sie sind hörig – dem S04. Eine Serie voller Schicksale. Diesmal von Ulrich aus Kamen. Mitten aus dem Leben. Ungeschminkt. Ihr seid nicht allein. Und schreibt uns, wie es Euch erging beim ersten Mal…

Als ich mit meinem Sohn, wie zu jedem Heimspiel, gegen den MSV Duisburg auf Schalke war und den Bergleuten der Region das Forum Schalke 04 für ihre großen Probleme zur Verfügung gestellt wurde, kamen mir alte Zeiten in Erinnerung. Gerne blicke ich zurück.

Meine Eltern führten in Hamm-Heessen die Vereinskneipe des VfR Heessen, der 1962 in der Landesliga spielte. Ich war damals ein Fan von Westfalia Herne, ja die waren damals recht gut. Im Jahr 1962 ereignete sich auf der damaligen Zeche Sachsen ein schweres Grubenunglück, bei dem 44 Bergleute ihr Leben ließen. Auch einige Väter meiner Schulkameraden. In unserer Kneipe war das natürlich ein großes Gesprächsthema, denn die meisten Gäste waren Bergleute. Was tun für die Hinterbliebenen? Hier setzte der FC Schalke 04 ein Zeichen – für die Region und die Bergarbeiter. Die Mannschaft spielte bei uns, die Einnahmen kamen den Hinterbliebenen des Unglücks zu.

Ich erinnere mich nicht mehr an das Ergebnis, weiß aber: Der Sportplatz war gerammelt voll. Nach dem Spiel bekamen die Schalker Spieler bei uns ein Essen und ich spiekte natürlich. Meinem Vater schenkten die Schalker ein Seidentuch mit den Köpfen der 58er-Meistermannschaft. Ab diesem Tag war ich Schalke-Fan.

In unserer Kneipe wurde viel über Fußball geredet. Einige Schalke-Fans bekamen meinen Sinneswandel auch mit und freuten sich darüber – ganz zum Leidwesen meines Vaters, der ein großer Fan von Rot-Weiß Essen war. Dort kickte zu der Zeit ein Heessener namens Kick.

1963. Die Bundesliga kam und die Schalker waren dabei. Ich war zwölf Jahre und träumte davon, einmal in die Glückauf-Kampfbahn zu kommen. Zwei dicke Schalker, der „Rote“ Brennecke und Rainer Hugo bekamen meine Wünsche wohl irgendwie mit. Vielleicht wollten sie auch nur meinen Vater ärgern, denn sie sagten immer wieder: „Deinen Jaust nehmen wir demnächst mal mit auf Schalke“. Es dauerte noch bis in die Rückrunde der ersten Bundesligaserie, dann durfte ich mit. Es stand das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg an, und ich konnte schon die ganze Woche nicht schlafen. Meine Freunde, denen ich sofort davon erzählte, daß die beiden mich mitnehmen würden, beneideten mich.

Es war Samstag, der 7.3.1964. So viele Menschen vor und im Stadion. „Hier die letzten Mannschaftsaufstellungen“ hörte man von allen Seiten. Auch damals gab es schon eine gute Bratwurst auf Schalke. In meiner Hand wurde sie allerdings kalt.

Ich staunte nur über solch eine Atmosphäre. Ich war im Bann der Glückauf-Kampfbahn gefangen. Dann das Spiel. Es war wohl eines der besten dieser Saison. Beim Gegner spielten der 54-Weltmeister Max Morlock, Torhüter Wabra, Stopper Wenauer und Stürmer Strehl, alles große Namen.

Und Schalke 04 spielte, ich weiß es noch genau, mit Mühlmann, Becher, Horst, Karnhof, Schulz, Kleina, Bechmann, Berz, Koslowski, Matischak und Gerhardt. Schalke gewann 4:1 dank eines überragenden Klaus Matischak, der drei Tore schoß. ´Zick Zack Matischak´, hallte es durch die Kampfbahn. Ich war total aus dem Häuschen. Schade war nur, daß mein großes Idol, Günter Herrmann, verletzt war und nicht spielen konnte.

Auch die Sprüche der Zuschauer waren gut. „Gut, daß heute nicht ´Wacholder´-Jupp (gemeint war Ersatztorwart Josef Broden), im Tor steht.“ Ich war zwar erst zwölf Jahre alt, aber was Wacholder war, wußte ich. Meine Eltern hatten doch eine Kneipe.

Heute bin ich 43 und dem Verein trotz Abstiegen und solcher Leute wie Pub-Inhabern auf Gran Canaria, Sonnenkönigen, profilsüchtigen gescheiterten Politikern und zwillingsbrüderlichen Präsidenten treu geblieben. Und ich bin, obwohl ich persönlich nichts mit dem Bergbau zu tun habe, stolz auf Schalke 04, wenn solche Aktionen für die Menschen der Region vom Verein unterstützt werden.

Glückauf S04.

Ulrich