„Ich muß das erst mal alles verarbeiten, Abstand gewinnen“

(ys/stu) Als Spieler war er bei den Fans sehr beliebt. Und sein Herz hängt immer noch sehr an den FC Schalke 04. Noch besucht er regelmäßig das Training sowie die Spiele der Mannschaft. Am liebsten würde er – wie früher als Kind auf den Weg zum Bolzplatz – seine Tasche in die Ecke schmeißen und fleißig mitkicken. Das haben wir ihm während des Gesprächs genau angemerkt. Gerade deswegen hat sich SCHALKE UNSER Peter Sendscheid als Interviewpartner ausgesucht.

SCHALKE UNSER:
Man spricht oft vom Mythos Schalke. Ist es wirklich ein besonderes Gefühl auf Schalke zu spielen?

PETER SENDSCHEID:
Ja, natürlich ist es etwas Besonderes. Es ist einfach traumhaft, wenn man auswärts spielt und annähernd soviel Unterstützung bekommt wie zu Hause. Ich denke, jede Gästemannschaft hat es im Parkstadion schwer, schon alleine vom Fanpotential her. Die Fans machen soviel Stimmung für die Mannschaft. Gut, hin und wieder gibt es auch Krisen, aber im großen und ganzen habe ich festgestellt, daß es doch einen kleinen Schub gibt, vor allen Dingen, wenn man einen Durchhänger hat.

SCHALKE UNSER:
Du sprichst von Krisen. In Kassel haben die Fans nach dem Spiel vor der Kabine gebrüllt: ‚Wir sind Schalker und ihr nicht!‘. Wie hast Du Dich dabei gefühlt?

PETER SENDSCHEID:
Es war natürlich sehr traurig, daß so etwas zustande kam. Aber wir Spieler müssen die Schuld auf uns nehmen, denn wir haben durch ein wirklich sauschwaches Spiel den möglichen Aufstieg verpaßt. Daß die Fans sauer waren, kann ich nachvollziehen. Nur, die Frage ist, ob es in der Art und Weise gerechtfertigt ist, das so zum Ausdruck zu bringen.

SCHALKE UNSER:
Gibt es für Peter Sendscheid ein Leben ohne Fußball?

PETER SENDSCHEID:
Fußball war schon immer mein Hobby und mein Leben. Aber das Leben geht weiter. Ich muß das erst mal alles verarbeiten, Abstand gewinnen, weil dies ein großer Einschnitt in meinem Leben ist. Es ist bitter, wenn man den Zeitpunkt, wo man aufhört, nicht selber wählen kann. Es tut richtig weh, wenn ich ins Stadion gehe und die Jungs spielen sehe. Die sind zum Teil älter als ich, sind aber gesund und ich nicht. Das bedrückt mich schon sehr.

SCHALKE UNSER:
Hast Du deswegen den Job im Fanartikelbereich nicht angenommen?

PETER SENDSCHEID:
Ja auch. Ich will mit meiner Familie nach Aachen zurückziehen. Alleine von der Entfernung hätte es nicht geklappt. Ich werde wohl dort eine Umschulung im kaufmännischen Bereich machen.

SCHALKE UNSER:
Als Profi verdient man viel Geld, aber nur für eine kurze Zeit. Wenn man durch eine Verletzung frühzeitig die Karriere beenden muß, ist das der Preis, den man dafür zahlen muß, vor allen Dingen, wenn man möglicherweise die Karriere ohne Berufsausbildung anfängt?

PETER SENDSCHEID:
Davor würde ich immer warnen.
Ich würde jedem jungen Spieler raten, auf jeden Fall eine berufliche Grundlage zu schaffen.

SCHALKE UNSER:
Welchen Beruf hast Du denn gelernt?

PETER SENDSCHEID:
Ich bin ausgelernter Groß- und Außenhandelskaufmann.

SCHALKE UNSER:
Wird es irgendwann einmal den Trainer Sendscheid geben?

PETER SENDSCHEID:
Ich habe schon als Spieler immer gesagt, das wäre nicht das Richtige für mich. Ich könnte mir aber vorstellen, später im Managementbereich zu arbeiten.

SCHALKE UNSER:
Wer war für Dich der beste Trainer?

PETER SENDSCHEID:
Vom Sportlichen sowie von der Trainingsmethodik her – manche meinen, er hätte gar keine gehabt – muß ich sagen, daß Aleksander Ristic der Beste war. Unter ihm habe ich am meisten gelernt.

SCHALKE UNSER:
Hat der Verein ihn nach der tollen Hinrunde nicht zu früh entlassen? Hat sich vielleicht der Vorstand zu sehr eingemischt?

PETER SENDSCHEID:
Für mich hat der Trainer nach der Hinrunde einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat das System umgestellt. Er hat Radmilo verpflichtet, dann kam Bent. Obwohl die Mannschaft schon stand, hat er versucht, Bent unbedingt in die Mannschaft reinzudrücken. Woher auch immer diese Order kam, das sei mal dahingestellt. Danach haben wir nicht mehr zu unserem Spielfluß zurückgefunden.

SCHALKE UNSER:
In letzter Zeit hat der Vorstand immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Wie verkraftet eine Mannschaft so etwas?

PETER SENDSCHEID:
Ich persönlich habe mich nicht intensiv damit beschäftigt, weil man ja sowieso nie alles erfährt, was intern läuft. Das ist eine Sache des Managements. Aber es stimmt einen nachdenklich, wenn plötzlich von Lizenzentzug geredet wird. Da macht man sich natürlich seine Gedanken und will endlich Klarheit. Man will wissen, was Sache ist. Das will der Fan ja auch.

SCHALKE UNSER:
In der freien Wirtschaft hat man als Arbeitnehmer die Möglichkeit in den Streik zu treten, wenn zum Beispiel seine Existenz bedroht wird. Bist Du Mitglied in der VdV?

PETER SENDSCHEID:
Nein, bin ich nicht. Es hat mich eigentlich nie interessiert, weil ich bisher immer ganz gut alleine zurecht gekommen bin.

SCHALKE UNSER:
Kannst Du es Dir vorstellen, daß Profifußballer streiken?

PETER SENDSCHEID:
Nein, überhaupt nicht. Es sei denn, die VdV hat irgendwann mal soviel Einfluß auf ihre Mitglieder. Innerhalb eines Vereines ist es, glaube ich, nicht möglich.

SCHALKE UNSER:
Aber wenn die Gehälter zum Beispiel nicht gezahlt werden?

PETER SENDSCHEID:
Es kam schon öfter mal vor, daß sich die Spieler als Einheit präsentierten und sagten, ‚mit dem Trainer können wir nicht arbeiten‘. Aber daß man samstags hingeht und sagt, man spielt nicht, man streikt, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das hat es noch nicht gegeben.

SCHALKE UNSER:
Nach dem Pokalspiel in München gegen 1860 haben die Spieler ‚Ohne Vorstand fahren wir nach Berlin‘ gesungen. Damit haben sie zum Ausdruck gebracht, daß sie die Nase voll hatten.

PETER SENDSCHEID:
Ich denke, es mußte mal deutlich gesagt werden, daß die komplette Mannschaft überhaupt nicht damit einverstanden ist, was hier Jahr für Jahr passiert. Wir sehen ja, was hier für Grabenkämpfe geführt werden, wer gegen wen schießt. Die Mannschaft wollte nur damit verdeutlichen, daß endlich Ruhe in den Verein einkehren soll. Trotz relativ guten sportlichen Erfolg, herrscht nach wie vor Theater in der Führungsetage. Und da mußte irgendwas geschehen. Daher hat sich die Mannschaft gemeinschaftlich entschlossen, dies durch ein Schreiben an die Öffentlichkeit zu zeigen.

SCHALKE UNSER:
Apropos Pokal. Da sind die Schalker rausgeflogen, wegen einer äußerst fragwürdigen Schiedsrichterentscheidung. Da werden die Stimmen derer, die den Profischiedsrichter fordern, immer lauter.

PETER SENDSCHEID:
Ich bezweifele, daß sich da etwas ändern wird. Der Schiedsrichter ist ein Mensch, und er macht Fehler wie jeder Mensch Fehler macht. Ob Amateur oder Profi, das ist der gleiche Mensch, er sieht nichts Anderes. Ich würde aber nicht zu sehr den Schiedsrichter kritisieren. Die Linienrichter haben die Aufgabe, den Schiedsrichter zu unterstützen, und da hapert es sehr, sehr oft. Beim Pokalspiel in Gladbach saß ich an der Seite hinter dem Linienrichter auf gleicher Höhe. Da wird Jiri Nemec von Klinkert als letztem Mann ganz klar gefoult. Das ist normalerweise eine Notbremse und damit eine rote Karte. Und was passiert? Der Schiedsrichter läßt das Spiel weiterlaufen. Dieser Linienrichter hat die Aufgabe, die Fahne zu heben, zu sagen, daß es ein klares Foul war. Das hat er nicht gemacht. Daher kann ich manchmal dem Schiedsrichter gar keinen Vorwurf machen.

SCHALKE UNSER:
Im Moment liebäugelt der Verein mit dem UIC-Cup. Wie sieht das aus Spielersicht aus?

PETER SENDSCHEID:
Sie spielen die ganze Saison durch, und der Körper braucht einfach die Erholung, damit die Spieler in der neuen Saison wieder ihre Leistung bringen können.

Man kann zwar sagen, daß der UIC-Cup eine sportliche Herausforderung darstellt, weil die besten zwei in den UEFA-Cup kommen. Dazwischen liegen aber sieben, acht Spiele. Das muß man erst verkraften, und das geht auch gar nicht so einfach. Wegen der Verletzungsgefahr wäre das Ganze für mich nicht ratsam.

SCHALKE UNSER:
Den UIC-Cup haben wir der wachsenden Kommerzialierung zu verdanken. Heutzutage bestimmen die Fernseh- und Totogesellschaften praktisch, wann und wo ein Spiel stattzufinden hat.

PETER SENDSCHEID:
Ja, so ist das heutzutage. Das Fußballgeschäft ist gleichbedeutend mit dem kommerziellen Geschäft.

SCHALKE UNSER:
Ist das nicht zu weit gegangen?

PETER SENDSCHEID:
Natürlich, aber es wird nicht anders möglich sein. Wer bezahlt die Spielergehälter und die Ablösesummen? Da hat das Fernsehen mit seiner Werbung einen enormen Einfluß.

SCHALKE UNSER:
Aber ohne die Fans läuft gar nichts. Und jetzt wird denen vorgeschrieben, daß sie selbst montags in die Stadien zu gehen haben, nur damit die Einschaltquoten stimmen.

PETER SENDSCHEID:
Das ist eben der Lauf der Geschichte. Wenn man diese vertraglichen Verpflichtungen eingeht, muß man sich eben umstellen. Daß es für die Fans nicht schön ist, wenn montags gespielt wird, ist mir schon klar. Ich als Spieler würde immer entweder den Mittwoch- oder den Freitagabend vorziehen, weil die Atmosphäre abends einfach besser ist. Sonntagnachmittagsspiele habe ich nicht gerne gehabt. Aber da hat man als Spieler keinen Einfluß.

SCHALKE UNSER:
Was nimmst Du aus der Zeit mit, als Du auf Schalke gespielt hast?

PETER SENDSCHEID:
Überwiegend positive und schöne Erinnerungen. Der Aufstieg in die erste Liga war überragend. Es war schon phänomenal, was dann hier los war. Nicht so schön war mein erstes Jahr auf Schalke, da ich gewisse Anlaufsschwierigkeiten hatte. Ich denke an das Spiel gegen Münster, als die Mehrheit der Fans skandierte, daß ich ausgewechselt werden sollte. So etwas bleibt natürlich als schlechte Erinnerung hängen. Aber daraus habe ich gelernt mich durchzubeißen. Als Udo Lattek Radmilo und Bent vorgezogen hat, wollte ich es allen zeigen, daß ich der bessere Stürmer war. Das hat man mir, glaube ich, auch angemerkt.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft. Glück auf!