Kein Foul an Youri

Die Straßenbahn-Aktion – ein Einsatzprotokoll

Aktion „Mit uns nicht! Spieler und Fans gegen Zerstörung“ Zwei Betreuer berichten aus der Youri-Mulder-Bahn.

(HeRo) Schalke gegen Dortmund, es ist der 8. April 1995. Ein nicht ganz normaler Spieltag und eine nicht ganz normale Fan-Club-Arbeit wartet auf uns.

7 Uhr
Der Wecker holt uns aus einer ohnehin unruhigen Nacht. Beim Frühstück die ersten Diskussionen: Wie verhalten wir uns, wenn es diesmal zu Ausschreitungen in der Fan-Bahn kommen sollte? Der Umstand , daß die bisherigen Fahrten ohne Krawalle und Beschädigungen abgegangen sind, stimmte uns etwas ruhiger.

11.30 Uhr
Treffen unseres Fanclubs in unserer Stammkneipe Metz in Mühlheim. Wir stellen fest, daß die Frühstücksdiskussion bei den anderen ähnlich gelaufen sind wie bei uns. Ein Fanclub hat kurzfristig abgesagt, so daß wir den ganzen Bahnbetreuer-Plan umschmeißen müssen.

12 Uhr
Abfahrt nach Gelsenkirchen.

12.30 Uhr
Ankunft am Betriebshof der BoGeStra, zwei andere Fanclubs erwarten uns schon vor den geschmückten Fanbahnen. Alle werden von Hektik gepackt, und wir verteilen uns auf die verschiedenen Bahnen.

13 Uhr
Die erste Bahn fährt los. An jeder Eingangstür ein Fan-Ordner von uns. Gemischte Gefühle. Was werden die nächsten 2 ½ Stunden bringen?

13.15 Uhr
Endlich GE-Hauptbahnhof. Es geht los. Ein auf dem Bahnsteig gewohntes Bild: alles blau-weiß! Meer. Die ersten 170 Fans entern die Bahn mit dem abgenutzten und nicht mehr lustigen Spruch („Wir scheißen auf den BVB“). Auch ein bißchen wenig Liedgut für 20 Minuten Fahrt. Die Bahn ist gerappelt voll und so fährt sie ohne Zwischenstop bis zum Parkstadion durch. Angetrunkene Fans pöbeln uns an, einzig und allein wegen der Tatsache, daß wir als Bahnbetreuer gut zu erkennen sind. Die erste leere Bierdose fliegt in unsere Richtung. Da wir Gewalt ablehnen, versuchen wir es mit einem Gespräch, was sich aber schwierig gestaltet, da so mancher Fan dem Alkohol sehr zugetan ist.

13.30 Uhr
Die Stimmung schlägt um, als die Fans merken, daß wir den Dosenwerfer zur Rede stellen. Ein großer Teil der Umstehenden hört zu, als wir über den Sinn und Zweck unserer Aktion sprechen. Einige Fans unterstützen uns mit den Worten: „Echte Schalker randalieren nicht!“ Als wir in Sichtweite des Parkstadions kommen, ist sofort wieder Stimmung da. Alle denken nur noch an das Spiel. Die Bahn leert sich so schnell, wie sie sich gefüllt hat. Als einer der letzten, die die Bahn verlassen, kommt der Dosenwerfer zu uns, gibt mir die Hand und sagt entschuldigend „Danke“. Zurück zum Bahnhof, auf ein Neues.

14 Uhr
Oh Schreck, der Bahnhof hat sich doch sehr verändert. Überall schwarz-gelb. Unsere Stimmung sinkt schlagartig auf null und einige unserer KollegInnen im Inneren der Bahn an den Türen stehend, werden weiß im Gesicht. Daß Fan-Bahnen auswärtige Fans befördern sollten, war eigentlich nicht geplant. Für die Begeleitung dieser ist ja auch sonst immer die grüne Trachtengruppe zuständig. Aber was soll’s. Wir alle sind Fußballfans, da müßen wir durch. Die ersten Worte der einsteigenden Borussen sind: „Was ist das?“, „Die Schalker haben Fan-Bahnen, warum gibt es sowas nicht bei uns?“ Als sie die in der Bahn angebrachten Aktions-Poster durchlesen, entdecken sie, daß die Fans vom Poster neben ihnen stehen und sofort werden wir über die Aktion ausgefragt. Ein seltsames Bild: ein blau-weißer Tupfer unter lauter Kartoffel-Käfern. Wir erzählen, wie die Aktion entstanden ist, daß der Fanprojekt-Leiter des S04 die Grundidee hatte, aber die Aktion letztlich von den Fanclubs getragen und durchgeführt wurde. Wir berichten, daß wir in jeder Fan-Bahn einen begrenzten Ordnungsdienst verrichten, um Zerstörungen zu verhindern. Im übrigen: Der überwiegende Teil der Schäden wird von unseren Schalkern und nicht von den Auswärts-Fans verursacht. Nach unseren Ausführungen waren einige Dortmunder sehr beeindruckt und baten uns um Material, um in Dortmund ähnliches anzuregen.

14.50 Uhr
Nach zwei weiteren Fahrten und fast drei Stunden Anspannung konnten auch wir endlich ins Stadion. Sich aufs Spiel zu konzentrieren, fiel schwer. Zu sehr standen wir noch unter den Eindrücken der letzten Stunden.

Fazit: Auch nach der vierten Bahn-Aktion hatten wir keinen einzigen Schaden zu verzeichnen. Ein bißchen stolz sind wir schon, auf unsere Aktion und unsere Fans.