Die unendliche Geschichte

(hs/bob/mac) Wieder mal Schwarzer Peter. Damit ist nicht der gleichnamige SCHALKE UNSER-Computerheld gemeint, sondern das Spiel mit der berühmten Arschkarte. Am Spieltisch sitzen weiterhin DFB, UEFA und Fußballfans. Der Spieleinsatz ist bekannt hoch: Es geht immer noch um den Erhalt der Stehplätze in den Stadien. Die vorerst letzte Runde wurde Ende September in Genf gespielt.

Für eine Handvoll Dollar

Es war einmal in ferner Vergangenheit. Genauer gesagt am 29. August 1989. Da wurde dem staunenden Volk das Projekt ‚Arena im Berger Feld‘ präsentiert. Etwas über 100 Millionen Mark sollte die Halle damals kosten, die mit ihren 45 000 Sitzplätzen alle anderen Großhallen im Ruhrgebiet in den Schatten stellen sollte.

Dr. Jürgen Linde, Gelsenkirchens damaliger Oberstadtdirektor, verkündete in der Lokalpresse, daß „die Lebenserwartung des Parkstadions begrenzt ist.“ Abriß und Neubau – das seien die Alternativen.

„Läuft alles glatt und optimal, können wir Ende nächsten Jahres den ersten Spatenstich feiern.“
Rüdiger Schmitz (Manager von Toni Schumacher) und Promoter der geplanten Superhalle im Herbst 1990

Kuck‘ mal, wer da spricht

1990 tauchen Bergbauprobleme auf, die veranschlagte Bausumme beträgt nun 250 Millionen Mark. Erste Zweifel kommen auf: Läßt sich ein solches Projekt überhaupt realisieren? Günter Eichberg ist sicher: „Nach den mir vorliegenden Informationen können wir weiterhin davon ausgehen, daß Schalke ab der Saison 92/93 in dieser Halle Fußball spielen kann.“

Das erste Arena-Modell taucht auf. Vollkommen überdacht soll die neue Schalker Heimat sein. Innerhalb von acht Minuten kann das Dach vollständig geschlossen oder geöffnet werden. Von Stehplätzen ist bei Günter Eichberg nun keine Rede mehr. „Wir brauchen 10 000 bis 15 000 Sitzplätze, die nicht teurer sind als jetzt in der Nordkurve die Eintrittspreise.“

„Nachmittags noch Schalke 04 und abends Placido Domingo – bald ist nichts mehr unmöglich“
Nochmal Rüdiger Schmitz (Spiegel Nr. 8/1990)

Der Texaner

Die Philipp Holzmann AG präsentiert Anfang 1991 ihr Arena-Konzept. 5 000 Sitzplätze in der neuen Nordkurve (oder besser Nordgeraden) sollen bei Bedarf in 10 000 Stehplätze umgewandelt werden können.

Mit der Leisure Management International (LMI) gibt es laut Eichberg einen potentiellen Betreiber für die Arena. Die amerikanische Gesellschaft mit Sitz in Houston/Texas betreibt in den USA bereits neun Hallen ähnlichen Typs.

Auch das Parkstadion, kurz zuvor noch als abbruchreif bezeichnet, soll jetzt erhalten bleiben. Eichbergs Marketing GmbH spricht davon, daß die Eintrittspreise für die Fußballspiele erschwinglich bleiben müssen, was auch immer das heißen sollte.

Die geplanten Baukosten liegen mittlerweile bei 300 Millionen Mark, die jährlichen Unterhaltungskosten werden auf ca. 1,5 Millionen Mark geschätzt. Trotzdem wird mit einem jährlichen Gewinn von acht Millionen Mark allein für den Verein Schalke 04 kalkuliert.

„Die Arena soll dem Industriemanager wie dem Kumpel Brot und Spiele bieten. Die Spiele sehen sie gemeinsam; beim Brot wird es Unterschiede geben.“
Lothar Mayer, Vorstandsmitglied der Philipp Holzmann AG, bei der Präsentation des Arena-Konzepts am 1. März 1991

2760 exklusive Logenplätze sollen errichtet werden. Eine VIP-Loge mit zehn Plätzen soll für fünf Jahre eine halbe Million Mark kosten. Ein echtes Schnäppchen sollen dagegen die Business-Logen werden. 20 Plätze für fünf Jahre kosten nur 200 000 Mark.

Erst wenn die Hälfte aller Logen an die Sponsoren gebracht worden ist, soll mit dem Bau begonnen werden. Um die Vermietung der Logen sollen sich Rüdiger Schmitz und die Schweizer Firma Lüthi (Inhaber: Günter Netzer) kümmern.

Die Arena-Euphorie treibt die tollsten Blüten. „Erst spielt Schalke seinen Gegner in den grünen Naturrasen, dann rasen in der Halbzeit Autos über die Piste, die innerhalb von zwei Minuten über das Grün geschoben wurde, am nächsten Tag läuft das größte Hallen-Reitturnier Europas, dann präsentieren sich die hier noch seltenen Sportarten wie Rugby, Baseball oder American Football“ – Dieter Rappert, Direktor der Holzmann AG, ist kaum noch zu halten.

Lediglich Günter Eichberg sieht noch ein großes Problem: „Es gibt zuviele Investoren. Momentan stehen sie Schlange. In einer gemeinsamen Sitzung muß man einen Kompromiß finden.“

„Es besteht bei allen Beteiligten nicht der Rest einer Unsicherheit, daß dieses Stadion gebaut wird. Der Komplex wird 1994 fertiggestellt worden sein. Bei hohen vertraglichen Strafen, wenn der Termin nicht eingehalten wird.“
Günter Eichberg, September 1991

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ein Investor, der 320 Millionen Mark in das Arena-Projekt steckt, ist auch Anfang 1992 noch nicht gefunden. Holzmann und die Frankfurter Advanta Management AG gründen die ‚Arena Aktien-Gesellschaft‘.

Günter Eichberg verkündet, daß der Arena-Zeitplan exakt eingehalten wird und die Baumaßnahmen 1994 abgeschlossen werden. Philipp Holzmann teilt dagegen mit, daß „vor 1995 an eine Fertigstellung überhaupt nicht zu denken ist.“

Aufgrund organisatorischer Probleme bittet Holzmann Ende 1992 die Stadt Gelsenkirchen, den gestellten Bauantrag vorerst nicht zu bearbeiten.

Die Stadt Hamburg verzichtet auf den Bau einer ebenfalls geplanten Arena. Ähnliche Projekte in Köln und Frankfurt sollen dagegen 1996 fertiggestellt sein.

Vom Winde verweht

1993 ist es still um die geplante Superhalle geworden. Im Frühsommer heißt es, daß im Herbst mit dem Bau begonnen wird. Geplante Baukosten: 350 Millionen Mark. Ein Investor wird bis zum Jahresende nicht gefunden. Im November steigt die Advanta AG aus dem Arena-Projekt aus.

Sag niemals nie

Jubiläum: Fünf Jahre Arena-Planung sind 1994 voll. 500 Millionen Mark beträgt mittlerweile das Finanzierungsvolumen. Und immer noch kein Investor in Sicht – wohl auch, weil die Baukosten ständig steigen.

Burkhart Schulz, inzwischen bei Holzmann für die Arena zuständig, verkündet, daß im Frühjahr 1995 mit dem Bau begonnen wird. Probleme gäbe es immer noch mit der Vermarktung der Logen und Business-Sitze. Eine Interessentenschlange sei nicht in Sicht.

Das verflixte 7. Jahr

1995 – nix los mit Arena.

Wir können auch anders

Das Jahr 1996 beginnt mit einem Paukenschlag. Der Verein Schalke 04 will selbst eine Arena bauen. „Wir sind mit unseren Planungen weiter als alle Bundesligisten, die ein Stadion bauen wollen“, verkündet Rudi Assauer. Auch die Holzmann-Tochtergesellschaft Arena geht davon aus, daß mit dem Bau 1996 begonnen wird.

Statt 500 Millionen soll die Halle plötzlich nur noch 200 Millionen Mark kosten – eines von vielen Arena-Wundern.

„Die Schalker Anhänger sollten sich den Termin rot anstreichen und vormerken: Am 30. Juni 1994 wird die Super-Arena im Berger Feld in unmittelbarer Nähe des Parkstadions fertig sein.“ (aus: AUF SCHALKE, Fußball total, 1991, Seite 107)

2001 – Odyssee im Berger Feld

Ein Sonntagmorgen im neuen Jahrtausend: Ich wandele gedankenverloren über die weiten, immer noch unbebauten Wiesen des Berger Felds. Gestern beim erneuten 4:0 gegen Fortuna Lüdenscheid-Nord war im Parkstadion wieder mal die Sau los.

In der Sonntagszeitung verkündet irgend jemand (den Namen habe ich vergessen), daß spätestens nächstes Jahr mit dem Bau eines neuen Super-Stadions in Gelsenkirchen begonnen wird…