Fußballverrückt oder stolz, ein Deutscher zu sein?

(stu) Manchester, 9. Juni 1996. Deutschland spielt im 1. Gruppenspiel gegen Tschechien. Ein Dilemma für jeden Schalke-Fan? Welcher Mannschaft drückt man den Daumen? Den überbezahlten Landsmännern in Schwarz-Rot-Gold? Oder den tapferen Tschechen mit den beiden Schalkern Nemec und Latal? Was geht uns durch den Kopf, wenn Deutschland im Verlauf der EM auf Holland trifft und Youri Mulder alleine auf das deutsche Tor zuläuft? Ist er plötzlich ein dummer ‚Käskopp‘, wenn er das alles entscheidende Tor macht? Schwierige Fragen – die wir deshalb auch unserem Redaktions-“Ausländer“ Stuart zuschieben.

Ausnahmsweise waren sich die Streithähne in der SCHALKE UNSER-Redaktion mal einig! Eindeutig „NEIN!“ antworten wir auf die letzte Frage: Natürlich soll Youri sein Tor machen. Denn das Redaktions- Traumfinale lautet Holland gegen Tschechien. Drei Knappen auf dem berühmten Wembley-Rasen und 20 000 Schalker auf den Rängen – das wäre doch was, oder?

Diese Konstellation mag zwar ein Wunschtraum bleiben, aber das Ganze wirft doch eine grundsätzliche Frage auf: Wie verhält man sich als antirassistischer Fußballfan der Nationalmannschaft gegenüber?

Obwohl sie mein Heimatland vertritt, habe ich wie viele meiner Landsleute mit der englischen Nationalmannschaft absolut nichts am Hut. Mit Patriotismus und God save the Queen kann ich nichts anfangen.

Leute, die behaupten, stolz auf Ihr Land zu sein, verstehe ich nicht. Soll ich etwa stolz darauf sein, daß meine sogenannten ‚Landsleute‘ jahrelang mittels Empire die halbe Welt unterdrückt und ausgebeutet haben? Und mit einem deutschen Arbeiter bei Bayer habe ich doch viel mehr gemeinsam, als mit irgendeinem Privilegierten aus der herrschenden großbritischen Klasse.

Ich bin Manchester United- und Schalke-Fan, mich interessiert die Nationalmannschaft nicht im geringsten. Wenn es um Fußball geht, zählen nur noch die Jungs in Rot beziehungsweise Königsblau.

Soll ich mich etwa freuen, wenn ein geldgieriges Arschloch wie Alan Shearer eine Bude gegen den dänischen United-Torwart Peter Schmeichel macht?

Oder ärgern, wenn der Fußballgott auf Erden Eric Cantona zum Elfmeter gegen England ansetzt? Ich werde mich hüten, mitzujubeln, falls dieses Genie den Elfer verschießen sollte, nur weil seine Gegner das englische Nationaltrikot tragen.

Und wer sind die denn überhaupt, die – vor allem im Ausland – der englischen Nationalmannschaft zujubeln? Als Chorknaben kann man die meisten wohl nicht bezeichnen. Von fair play und may the best team win ist bei vielen von denen nichts zu spüren.

Bei der EM 1988 in Deutschland habe ich es selber erlebt, was es heißt, England-Fan im Ausland zu sein. In Stuttgart nach dem Spiel gegen Irland sprang ich in die abfahrende S-Bahn und stellte mit Erschrecken fest, daß das ganze Abteil voller Iren war. Andersherum hätte es wahrscheinlich was auf die Fresse gegeben, aber diese Jungs waren nach dem verdienten Sieg einfach gut drauf. Einige meinten sogar zu mir, England hätte nur mit Pech verloren!

Nachher wurde gemeinsam gesoffen, was das Zeug hielt, ohne daß irgend jemand sich daneben benahm, während einige hundert Meter weiter der englische Mob für die Fotografen randalierte.

Vier Tage später, vor dem Match Holland gegen England, erwartete mich auf dem Vorplatz des Düsseldorfer Hauptbahnhofs ein Bild des Grauens. Wie ein Schlachtfeld sah es aus, der ganze Platz schien mit einer Decke aus Glasscherben und sonstigem Müll bedeckt zu sein. Merkwürdige Gestalten liefen herum und bedrohten die eigenen Fans: Wer vor den Käsköppen wegläuft, so hieß die Devise, würde von den eigenen Leuten was aufs Maul kriegen.

Von den Fenstern der angrenzenden Büros schauten sich die Leute das Spektakel an. Wie die Tiere im Zoo standen wir da unten, und – ohne Tiere beleidigen zu wollen – die meisten Engländer verhielten sich entsprechend. Die Stimmung im Sonderbus, der uns zum Stadion brachte, war gewaltgeladen. Haßgesänge gegen die Holländer – und die Iren sowieso – schallten durch den Bus. Und natürlich waren alle Deutschen Nazischweine.

Beim letzen Gruppenspiel gegen die Russen in Frankfurt schämte ich mich fast, Engländer zu sein. ‚‘English go home“ hieß die Sprühparole, die uns begrüßte, als wir aus der Straßenbahn ausstiegen. Und die ganze Tribüne lachte sich kaputt, als sich unsere Mannschaft mal wieder bis auf die Knochen blamierte. Spätestens damals wußte ich, daß ich mit der ganzen Chose nichts zu tun haben wollte.

Deswegen kann es mir doch egal sein, was sich die englische Nationalmannschaft bei der kommenden EM für‘n Scheiß zusammenspielt. Ich hoffe nur, daß sich die beiden englischen United-Spieler Pallister und Neville sowie ihre Vereinskameraden Schmeichel und Cantona einigermaßen gut aus der Affäre ziehen.

Und was ist mit Deutschland? Neulich, vor dem Spiel gegen Bremen, unterhielt ich mich im Bummelzug mit meinem Kumpel Günni, der zur EM nach England fährt und auch 1994 bei der WM in den USA war.

Mich wunderte es, daß ein Schalke-Fan die deutsche Nationalmannschaft dermaßen unterstützen kann. Schließlich besteht fast die gesamte Elf bis auf Köpke aus Spielern von unseren beiden Lieblingsclubs, Fortuna Lüdenscheid und Bayern München. Wenn das nicht ein Grund ist, die Schweiz, die Türkei, Kroatien, oder von mir aus sogar Schottland anzufeuern!

Günni sieht die Sache jedoch nicht so eng. Er freut sich einfach, wenn die Mannschaft gut spielt, und es ist auch nicht weiter schlimm, wenn sie verliert. Hauptsache man ist dabei. Land und Leute kennenlernen und nebenbei ein bißchen Fußball gucken, das ist das Schöne dran.

Und wenn es dabei bleibt, hat der Günni natürlich auch recht. Wenn es dabei bleibt. Es gibt aber Anzeichen dafür, daß sich einige deutsche ‚Fans‘ bei der EM mit ihren englischen und holländischen Kollegen messen wollen. Geübt werden soll beim Europacup-Spiel Gladbach gegen Feyenoord in Düsseldorf. Man ist stolz ein Deutscher zu sein, die Ehre des Vaterlands verteidigen zu können – was auch immer das bedeuten mag.

Solchen Leuten kann ich – wieder einmal – nur sagen: Die Geschichte Schalkes wurde durch viele Einwanderer mitgeschrieben. Was wäre aus Schalke ohne Kuzorra, Szepan oder Tibulski geworden? Es kann doch nicht sein, daß ihr Holländer verprügeln wollt, nur weil sie Holländer sind. Was ist mit Youri Mulder? Angesichts der Geschichte unseres Vereins müßte hier jeder Schalker Mut zeigen und ein ganz klares Nein zur Ausländerfeindlichkeit sagen.

Hoffentlich werden wir ein rauschendes Fußballfest mit vielen Toren erleben. Ich jedenfalls werde wie schon seit 1988 den Oranjes die Daumen drücken, weil sie für mich den schönsten Fußball spielen. Also: Huup, Holland, Huup!