„Ich weiß nicht was los ist, wenn ich mal treffe“

(rk/um/pr) Er war einst Jugend-Nationalspieler, sitzt heute fast nur noch auf der Bank. Er ist Ersatzspieler, aber der einzige, dem Transparente und Sprechchören gewidmet werden. Er hat über 200mal für Schalke gespielt, aber noch kein Liga-Tor erzielt. Zehn Jahre MICHAEL PRUS auf Schalke – hier endlich das Interview.

SCHALKE UNSER:

„Air Prus“-Transparente und „Magic Prus“-Rufe. Aufkleber mit Deinem Namen im Stadion – siehst Du Dich selbst auch als Kultfigur?

MICHAEL PRUS:

Ich war zunächst einmal total überrascht, als ich davon das erste Mal gehört habe. Der Mike Büskens hatte mir von den Transparenten beim Auswärtsspiel in Leverkusen erzählt. „Ja, wie denn, was denn?“ habe ich nur gedacht, ich wußte überhaupt nicht, wie ich dazu gekommen bin. Ist also für mich auch ganz schwierig, das zu beurteilen. Ich weiß auch nicht, welchen Hintergrund das hat, ob das vielleicht ein bißchen ironisch gemeint ist.

SCHALKE UNSER:

Als die ersten „Yyyyyves“-Rufe aufkamen war das aber ähnlich. Wir sehen das eigentlich eher als Sympathiebekundung für Deine lange Vereinszugehörigkeit.

MICHAEL PRUS:

Ja, das habe ich mir auch schon gedacht. Weil ich ja nun schon so lange dabei bin und mich auch voll mit dem Verein identifiziere. Bei anderen Spielern geht es da ja vielleicht mehr um das Geld, obwohl man das natürlich auch nicht außer acht lassen darf – ist schließlich unser Beruf.

SCHALKE UNSER:

Du spielst jetzt schon seit zehn Jahren auf Schalke. Was hat sich Deiner Meinung nach in dieser Zeit auf Schalke so alles verändert?

MICHAEL PRUS:

(grinst) Also, zunächst gibt es Euch mittlerweile…

SCHALKE UNSER:

Danke für die Blumen.

MICHAEL PRUS:

…Im Verein und im Umfeld herrscht einfach viel mehr Ruhe, und dadurch können auch die sportlichen Ziele höher gesteckt werden.

Schon damals, als Rudi Assauer mich vom VfB Rheine hierher geholt hatte, meinte er: „Wir sind ein etablierter Verein in der ersten Liga und wollen in einigen Jahren im europäischen Fußball mitspielen“. Das hat sich dann aber völlig zerschlagen, und wir sind zwei Jahre darauf sogar abgestiegen. Das hat wirklich sehr, sehr lange gedauert, uns wieder richtig zu fangen und eine Mannschaft aufzubauen, die auch das Potential hat, im europäischen Fußball zu spielen.

SCHALKE UNSER:

International hast Du ja schon gespielt. Als Achtzehnjähriger warst Du in der DFB-Auswahl. Hat man denn da als Jugendlicher Träume, später auch mal in der Nationalmannschaft oder sogar bei einer EM oder WM zu spielen?

MICHAEL PRUS:

Ja, natürlich. Ich habe bis zur U21 noch im Nationalkader gestanden, damals noch unter dem heutigen Bundestrainer Berti Vogts. Da träumt man natürlich von einer Karriere als Nationalspieler. Aber damals kam leider der Schalker Abstieg und eine Verletzung dazwischen. Das hat mich weit zurückgeworfen.

SCHALKE UNSER:

Zurückgeworfen haben den Verein auch einige Präsidenten und Trainer. Wer ist Dir aus der Vergangenheit in guter Erinnerung geblieben?

MICHAEL PRUS:

Vor allem der neue Kölner Trainer Peter Neururer. Unter ihm habe ich hier auf Schalke meine beste Zeit gehabt. Er war ein Trainer, der mich immer aufgebaut hat, der, auch wenn ich mal schlecht gespielt habe, immer wieder gesagt hat „Das wird schon wieder besser“.

SCHALKE UNSER:

Besser ist es eigentlich nicht geworden. Du bist nur noch Ersatzspieler.

MICHAEL PRUS:

Ja, das ist für mich jedes Mal eine neue Enttäuschung, nicht auflaufen zu dürfen.

SCHALKE UNSER:

Wie bereitest Du Dich darauf vor, wenn Du gar nicht weißt, ob Du spielst?

MICHAEL PRUS:

Man erfährt ja schon am Tag vor dem Spiel, ob man mit ins Trainingslager fährt. Und wenn ich mitfahre, ist meine Vorbereitung eigentlich genauso wie die eines Stammspielers. Gesetzt den Fall, es verletzt sich jemand schon nach fünf Minuten, dann wäre es ja sonst zu spät, sich vorzubereiten.

Ich kann da nicht mit vollgeschlagenem Bauch hinkommen, denn wenn man eine Chance erhält, will man die natürlich auch nutzen. So vollkommen in sich versunken, wie z.B. der Jens Lehmann, bin ich zwar vor dem Spiel nicht, aber alles um mich herum kann ich dann auch nicht mehr wahrnehmen.

SCHALKE UNSER:

Wenn Du mal nicht zum Kader gehörst, guckst Du Dir das Spiel dann trotzdem im Stadion an?

MICHAEL PRUS:

Ja, klar. Bei weiten Auswärtsfahrten, wie z.B. nach Freiburg fahre ich nicht immer mit, aber alles, was hier in der näheren Umgebung ist, da bin ich auf jeden Fall dabei.

SCHALKE UNSER:

1992 hattest Du mal ein Angebot aus der zweiten Liga vom Wuppertaler SV. Hat es sich rückblickend gelohnt, bei Schalke in der ersten Liga zu bleiben?

MICHAEL PRUS:

Ich denke, wenn man in der ersten Liga ist und dort auch spielen kann, sollte man auf jeden Fall versuchen zu bleiben. Wenn aber der Trainer sagt, daß der Verein nicht mehr mit einem plant, ist das etwas anderes.

Bei Wuppertal wäre ich bestimmt Stammspieler geworden, während ich auf Schalke häufig auf der Ersatzbank saß. Aber zum damaligen Zeitpunkt hat Udo Lattek mir durchaus Chancen eingeräumt, in die Stammformation aufzurücken. Man hat es ja auch häufig schon erlebt, daß sich das Blatt schnell wenden kann und man wieder ’ne Chance bekommt.

SCHALKE UNSER:

Wie sieht denn jetzt Deine Zukunftsplanung aus? Wirst Du auf Schalke bleiben?

MICHAEL PRUS:

Bis jetzt habe ich noch kein Gespräch mit dem Manager gehabt, und deshalb weiß ich auch noch nicht so recht wie’s weitergeht. Ich würde mir wünschen, hier zu bleiben, aber eine gewisse sportliche Perspektive muß natürlich auch da sein. Wenn ich überhaupt nicht mehr zum Kader gehöre, ist das auch für mich nicht befriedigend.

SCHALKE UNSER:

Du bist zwar mit Deinen 28 Jahren im besten Fußballeralter, aber ab einem gewissen Zeitpunkt denkt man doch schon an die Zeit nach der Spielerkarriere. Hast Du schon etwas ins Auge gefaßt?

MICHAEL PRUS:

Ja, das ist das große Problem. Ich weiß eigentlich immer noch nicht so richtig, was ich nach dem Fußball machen soll. Ich habe mich nach dem Abitur fast nur auf den Fußball konzentriert, wie viele meiner Kollegen auch.

Irgendwas muß man ja machen, man kann sich ja nicht auf die faule Haut legen und von dem Ersparten leben, was ja auch viele gar nicht haben.

Man muß vielleicht das Glück haben, daß man irgendwo spielt, wo man auch berufliche Perspektiven in Aussicht gestellt bekommt.

Oder man fährt bereits während der aktiven Zeit zweigleisig und baut sich nebenher etwas auf, wie der Ingo mit seinen Sportgeschäften.

Ich habe auch schon überlegt, ob ich demnächst ein Studium beginnen soll – Psychologie würde mich besonders interessieren.

SCHALKE UNSER:

Gibt es bei Dir auch Überlegungen, dem Fußball verbunden zu bleiben? Reden wir vielleicht sogar in 20 Jahren mit dem Trainer Michael Prus?

MICHAEL PRUS:

Ich weiß nicht, das ist auch irgendwo eine Frage meines Charakters. Wenn ich tagtäglich mit Journalisten sprechen muß oder vor einer großen Gruppe von Spielern – ich weiß nicht, ob ich dazu geeignet bin. So etwas müßte man erst trainieren und vielleicht mit einer Jugendmannschaft anfangen. Und wenn das gut geklappt hat, warum dann nicht auch weitermachen?

SCHALKE UNSER:

Man weiß eigentlich ziemlich wenig von dem Privatmenschen Michael Prus.

MICHAEL PRUS:

Wenn ich nach dem Training nicht zu kaputt bin, spiele ich sehr gerne Badminton. Ich habe auch eine Zeit lang Spanisch gelernt, aber da ist leider der Folgekurs nicht zustandegekommen. Zwischendurch denke ich immer, ich müßte mich ein wenig weiterbilden, denn wenn man sich nur mit dem Fußball beschäftigt, dann schläft doch ein bißchen was ein.

SCHALKE UNSER:

Pflegst Du denn auch noch privaten Kontakt zu ehemaligen Mannschaftskollegen?

MICHAEL PRUS:

Mit Peter Sendscheid telefoniere ich noch sehr häufig, aber das ist auch so ziemlich der einzige. Mit Günter Güttler habe ich noch Kontakt, aber das ist jetzt auch schon etwas eingeschlafen. Man verliert sich also doch schon ziemlich schnell aus den Augen.

SCHALKE UNSER:

Vor drei Jahren hast Du Dich auch bei der Aktion „Schalker Spieler und Fans gegen Ausländerfeindlichkeit“ engagiert. Ist das Klima gegenüber ausländischen Spielern in der Bundesliga heute besser?

MICHAEL PRUS:

Wie ich das aus meiner Sicht sehe, ist es in Deutschland nicht mehr so schlimm. Ich habe erst kürzlich noch ein Europapokalspiel mit Ajax Amsterdam im Fernsehen verfolgt. Das ganze Stadion gab Dschungelrufe gegenüber Kluivert, Kanu und den anderen dunkelhäutigen Ajax-Spielern von sich. Das fand ich ziemlich schlimm. So etwas müßte eigentlich generell bestraft werden.

In der Bundesliga hört man das nur noch vereinzelt. Mittlerweile hat jede Mannschaft ausländische Spieler im Kader. Vor allen Dingen, wenn ab der nächsten Saison das EU-Recht greifen wird und dadurch sowieso sehr viele Ausländer in der Liga spielen werden, da wird auch hoffentlich niemand mehr solche Bedürfnisse verspüren, so etwas zu rufen.

Sowieso ist mir aufgefallen, daß zu meiner Anfangszeit Schlägereien innerhalb und außerhalb des Stadions an der Tagesordnung waren und das heute eigentlich kaum noch der Fall ist.

SCHALKE UNSER:

Eine Frage muß zum Schluß einfach noch kommen: Wann sehen wir Dich denn das erste Mal nach einem Torerfolg vor der Schalker Kurve jubeln?

MICHAEL PRUS:

(lacht) Ich weiß nicht, was los ist, wenn ich tatsächlich das Tor endlich mal treffen würde. Dann werden wahrscheinlich sofort „Ich war dabei“-T-Shirts gedruckt.

SCHALKE UNSER:

Nun, eigentlich ist es ja nicht gerade Deine Aufgabe, Tore zu schießen. Aber Du warst ja schon oft genug nahe dran.

MICHAEL PRUS:

Na klar, jetzt bin ich schon so lange dabei, da will man dann auch endlich einmal sein Tor machen. Denn das ist nun einmal das Entscheidende am ganzen Fußball. Ich sag mir natürlich, wichtig ist der Mannschaftserfolg. Aber trotzdem:

So ein Tor, das wär was. Wenn’s dann soweit ist, würde ich mich wahrscheinlich sofort auswechseln lassen oder ich weiß nicht was. Immerhin: Im Pokal habe ich ja schon zweimal für Schalke getroffen. Und das auch noch in ein und demselben Spiel.

SCHALKE UNSER:

Vielen Dank für das Gespräch, hoffentlich bis zur nächsten Saison. Glückauf, Magic!