Noch ist Polen nicht verloren

(bob) Das erste Austauschprojekt zwischen Schalke und Lech Posen ist gerade ein paar Tage her, Euphorie und Anspannung schwingen immer noch nach. Was sich hier zwischen zwei völlig unterschiedlichen Fankulturen über vier Tage im Fan-Laden abgespielt hat, muß man als äußerst gelungen bezeichnen.

Als wir die Lech Posen-Fans vom Bus abholten, schoß uns nur folgender Satz durch den Kopf: „Kacke, verdammte!“ Denn uns standen durch die Bank Kanten um die 2 Meter gegenüber. Und selbst die kleineren von ihnen glänzten durch Breite. Das Outfit roch schon sehr nach Hool, und in der Vorstellungsrunde wurde gewiß, was wir alle ahnten.

Unsere Verblüffung war jedoch perfekt, als uns in der ersten Diskussionsrunde klar wurde, daß dieses herkömmliche landesübliche Klischee von einem Hooligan hier nicht zutraf.

In Polen sind wirklich alle Fußballfans Hools. Etwas anderes gibt es gar nicht. Hast Du einen Schal von Lech Posen um, bist Du für jeden in der polnischen Gesellschaft ein Hool. Kuttenfans, Tribünenbesucher oder gar Normalfans gibt es nicht.

Man stelle sich ein Stadion vor, in dem sich bei Spitzenspielen höchstens 8 000 – 15 000 Leute einfinden, die sich dann in den Kurven gegenüber stehen. Der Rest des Stadions bleibt leer. Wirtschafliche Miseren und abenteuerliche Vereinsführungen treiben die Leute nicht gerade ins Stadion. Fotos und Videos zeigten uns, daß Tristesse im weiten Stadionrund keine Seltenheit ist.

Anders die Kurven: Ein ewiger Anfeuerungsruf und ein enormer Einfallsreichtum wurden für uns sichtbar. So dreht sich die ganze Kurve bei manchen Schiedsrichterentscheidungen komplett um und wackelt mit Kopf und Armen. Ein grandioses Schauspiel.

Nach zwei Tagen haben uns unsere Gäste überzeugt, daß das Fan-Dasein in Polen (speziell bei Lech Posen) ein hartes, aber kreatives Brot ist.

Von Seiten der Vereine kommt nichts. Diese machen eine vom Publikum völlig losgelöste Politik. Korruption, Vetternwirtschaft und abenteuerliche Schiebergeschäfte machen den Sport in Polen zu einer der größten Geldwaschanlagen des Landes, wo so manch krummes Ding gedreht wird. Diese Skandale, die auch nicht mehr zu vertuschen sind, tun ihr übriges, um den Fußball unattraktiv für den normalen Bürger zu gestalten.

Alle Fanartikel, die es von Lech Posen gibt, werden mittlerweile von den Fans selbst produziert. Mit diesen Peanuts geben sich die Vereinsführungen gar nicht mehr ab. Es gibt keinen offiziellen Fanartikelverkauf in Posen. Hier Fan zu sein, heißt alles in Eigenregie zu übernehmen.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß diese Hoolgruppe sehr gut organisiert ist und sich auch außerhalb von Spieltagen trifft. Fitneß, Vertrieb von Fanartikeln und das Organisieren von Auswärtsfahrten sind nur ein kleiner Teil ihrer Fanaktivitäten. Demokratisch geht es dort allerdings nicht zu. Autorität und Boßtum merkt man schon allzu deutlich. Dies sollte erst mal reichen, um Euch einen kleinen Einblick in eine für uns völlig fremde Fan-Welt zu geben. Drei Dolmetscher ließen uns alle Sprachbarrieren für 4 Tage vergessen. Allerdings fehlte vielleicht zwischendurch das eine oder andere Privatgespräch.

Die Tagesordnung und der Ablauf der Veranstaltungen erwiesen sich als äußerst gelungen. Highlight des Austausches war aber wohl die Begegnung mit Yves Eigenrauch. Sichtlich beeindruckt von dieser Diskussion erzählten die Lech-Fans noch in der Schlußbesprechung davon. Eine so ehrliche und informative Diskussion über Gewalt, Profitum und unsere unterschiedlichen Fankulturen haben wir noch nie erlebt. Und wir lehnen uns auch nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir hier behaupten, daß auch Yves von den Lech-Fans schwer beeindruckt war.

Natürlich gab es auch Fußball zwischen Schalke und Lech Posen. Den Ort wählten wir klug: ein Bolzplatz anne Grenzstraße mit knöcheltiefem Schlamm. Daß 2-Meter-Kerle auch tief fallen, hatten wir in unserer Taktik mit einkalkuliert. So hatten wir den Heimvorteil durch wieselflinke und leichtfüßige begnadete Ballkünstler noch verstärkt. Leider kamen wir über ein 7:8 nicht hinaus. Doch die Niederlage schmerzte nicht sehr. Wer gegen diese Jungs angetreten ist, kann sich rühmen, nicht untergegangen zu sein.

Samstag. Die Luft vibriert. Schalke gegen Lüdenscheid. Wir alle freuen uns auf das Spiel, zu dem es später nichts mehr zu sagen gibt. Die Luft vibriert bald nicht mehr, und die Worte eines polnischen Gastes in der Nordkurve ‚Was ist das? Das ist ja wie auf dem Friedhof“ klingen mir noch im Ohr.

Ein wirklicher Hundstag, nicht nur für Jiri Nemec! Im Fan-Laden kommt es noch zu vielen Gesprächen, und Gerry lernt die ersten Worte polnisch: Kurwa Legia (frei übersetzt: Scheiß-BVB).

Der Sonntag war schon von der Planung für die Zukunft gezeichnet. Treffen wurden vereinbart und Fanartikel ausgetauscht. Die Lech-Fans werden uns in einigen kommenden Spielen unterstützen. Wenn das keine Hommage an das deutsch-polnische Projekt „Grenzenlos“ und ein Erfolg aller Beteiligten ist, dann schaue ich mir freiwillig noch mal das Video Schalke gegen Lüdenscheid an.

Unser Dank gilt insbesondere Heiner Kördell für die perfekte Stadionführung; Burkhard Mathiak vom Fan-Projekt, der über seine Arbeit und die seines Projektes berichtete; Rolf Rojek für die Gastfreundschaft in der Kneipe ‚Auf Schalke‘ und die eindrucksvolle Vorstellung des Dachverbandes; einem Medienforscher, der zu später Stunde über die Entwicklung der Medienlandschaft referierte und Yves Eigenrauch, der sich sehr viel Zeit nahm und immer (trotz einiger Fehlinterpretationen) ein Ohr für die Fans hat.

Und nicht zu vergessen die Hans-Böckler-Stiftung und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, dessen Minister Axel Horstmann die Schirmherrschaft für das gesamte Projekt übernahm.