Schalker im Exil?

Es gibt sie zuhauf, die Schalker in der Ferne, weit weg von Glückauf-Kampfbahn und Parkstadion. Für einen von ihnen aber, Horst Ochmann aus Brasilien, hat das Wort „Exil“ eine völlig andere Bedeutung. Hier erzählt er sehr persönlich, warum.

Der Titel ist nicht meine Idee. Er wurde mir von SCHALKE UNSER vorgeschlagen. Ich fügte nur ein Fragezeichen hinzu. Warum? Weil ich mich weigere zu behaupten, daß es überhaupt Schalker im Exil gibt.

Selbst dann nicht (so behaupte ich weiter), wenn ein Schalker im Ausland lebt – so wie ich. Seit 41 Jahren bin ich in Brasilien ansässig und manchmal jahrelang nicht in der alten Heimat auf Urlaub. ‚Wenn das schon kein Exil sein soll”, so fragt sich jetzt bestimmt der Leser: „13 000 Kilometer entfernt vom Parkstadion – das ist doch Verbannung im wahrsten Sinne des Wortes! Und so etwas leugnet dieser Zeilenschreiber?!‘

Woher also diese Unlogik? Eine Folge schlecht ausgeheilter Tropenkrankheit? Prosaischer Effekt? Nein, weder das eine noch das andere. Ich erkläre das sofort, obwohl ich dafür ziemlich ausholen muß.

Nehmen wir mal den Fall eines Schalke-Fans, der in einem abgelegenen Rhön-Dorf wohnt. Der hat ja auch seine guten 300 Kilometer bis zum Parkstadion. Kaum anzunehmen, daß er zu jedem Heimspiel fährt. Und einen Fan-Klub gibt es weder in seinem Dorf noch in den anliegenden Weilern. Weit und breit, ist er der einzige, vereinsamte, alleingelassene Schalke-Anhänger. Ist er nun deshalb zum Exilierten geworden? Mit diesem Vergleich soll gesagt werden, daß weder geographische Entfernung zum Parkstadion noch Abgesondertheit vom Klubmilieu Anlässe sind, den kläglichen Zustand des Exillebens herbeizuführen.

Wenn es so wäre, ja, dann müsste ich eigentlich schon von Geburt an Exil-Schalker sein. Weil ich nämlich satte 800 Kilometer (Luftlinie!) von der glorreichen Glückauf-Kampfbahn zur Welt kam: in Oberschlesien, wo ich auch aufwuchs. Wie aber ist es – trotz räumlicher Isolierung – dazu gekommen, daß ich 1934, im Jahre meiner Einschulung, „Schalker” wurde? Das hatte einen soziokulturellen Ursprung.

Das oberschlesische Kohlenrevier war genauso ballbegeistert wie das Ruhrgebiet. Zudem war mein Vater Bergmann und Fubballer. Mindestens die Hälfte der Einwohner, obwohl Deutsche, führten Namen polnischen Ursprungs. Kurz, das industrielle Oberschlesien war das Gegenstück zum Ruhrgebiet.

In diesem Milieu wuchsen wir Knirpse auf. Gut, es gab auch Fubballklubs in Oberschlesien, die nicht schlecht spielten. Doch keiner davon konnte sich mit Schalke vergleichen. So war es nicht verwunderlich, daß wir das Idealbild Schalke in uns einsogen. Und das 800 Kilometer von Gelsenkirchen weg.

Von diesen zahllosen Fans waren die wenigsten mal selbst auf der Glückauf-Kampfbahn gewesen. Mübte es sich also deshalb bei der Masse der oberschlesischen Anhänger um Schalker im Exil gehandelt haben? Nein, keiner von uns fühlte sich als solcher. Dazu waren wir zu sehr artverwandt mit dem Ruhrgebiet. Diese ethnische und soziokulturelle Verbundenheit war der Bronn, aus dem die sich nie erschöpfende Kraft des Symbols Schalke stammt. Und dazu ein zeitloses und an keinen geographischen Raum gebundenes Symbol. Eigentlich sogar mehr als das:

Das Idealbild des für immer erwählten Verein unseres Herzens schafft nachhaltigere Bindungen als eine Jugendliebe (aus der nichts geworden ist). Ein solches Idealbild ist ein Lebensbegleiter, ganz besonders in den schweren Tagen der menschlichen Existenz. Ich erläutere dies anhand einer Episode, die nun schon 51 Jahre zurückliegt.

Im Halbwüchsigen-Alter, noch keine 17, war ich zusammen mit den Schalker Spielern Eppenhoff und Zwickhöfer Kriegsgefangener der Russen in Südmähren. Nur wer daßei war, kann die psychische Depression ermessen, mit der die Lagerinsassen ihrer aussichtslosen Zukunft entgegen sahen: Verschleppung nach Rubland – ein wahrhaftiges Exil. Aber diese tragische Lage wurde, dann und wann, durch das tröstende Bild eines Symbols gelindert: die blobe Präsenz des Idealbildes Schalke, verkörpert durch die leibliche Gegenwart der Spieler Eppenhoff und Zwickhöfer. In solchen Momenten fühlten wir alle uns als Schalker (selbst die, die es nicht waren oder erst wurden). Obwohl wir uns alle in der Tat im Exil befanden, machten uns unsere Gefühle – in den paar lichten Augenblicken – zu „gegenwärtigen Schalkern”… – und von „Exil” war dann keine Spur. Ich will mit dieser Episode anschaulich machen, mit welcher Kraft so ein Idealbild auf die Psyche einwirken kann. Als ich dann 1955 auswanderte, war mir die Erinnerung an Schalke (in manchen schwermütigen Stunden) ein kleiner Trost fürs Heimweh. Aber das nicht allein. Das Idealbild Schalke erwies sich in einer anderen Weise als unerwartet mächtig.

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: In glücklich verlebten 41 Jahren in diesem schönen Brasilien war es mir nicht möglich gewesen – obwohl hier der beste Fubball der Welt gespielt wird – einen Verein zu finden, für den ich schwärmen könnte. Nicht, daß ich etwa am Fubball das Interesse verloren hätte. Im Gegenteil. In den ersten Jahren nach meiner Ankunft spielte ich in Werksmannschaften einer „Industrieliga”, die es bis 1958 gab. In diesen Mannschaften mischten sich Amateure mit Profis (die damals noch wenig in ihren Vereinen verdienten und daher ein paar „Extrakröten” gern mitnahmen).

Ich lernte also den brasilianischen Fubball gleich im zweiten Monat nach meiner Ankunft aus nächster Nähe kennen. Und an Sonntagen war ich dann in den Stadien von São Paulo oder Rio zu finden, wo ich dann, ganz unten am Drahtgitter, den Spielen der großen Klubs zuschaute. Während der Woche wurden dann in Fubballkreisen Spiele und Spieler eingehend kommentiert. Kurz und gut: Ich war bald mit dem brasilianischen Fubball eng vertraut. In den betreffenden Kreisen lernte ich so manchen Nationalspieler, Vereinsmäzen oder Bonzen vom Regionalverband kennen.

Wenn ich dann anfangs gefragt wurde, welcher der Vereine „meiner” wäre, sagte ich rundheraus: „Schalke 04”. „OK”, bekam ich zur Antwort, „das ist in Deutschland, aber hier, in Brasilien?”, beharrten sie weiter. Mit der Zeit mubte ich mir halt etwas ausdenken, was einerseits die Frager befriedigen könnte und andererseits meine Liebe zu Schalke so rein lieb wie eh und je.

Ich wählte also einen brasilianischen Verein, der mir aus gewissen Gründen symphatisch war: Er hat seit seiner Gründung in den 20er Jahren ganze anderthalb Meisterschaften gewonnen, verkauft seine Spieler (sobald diese internationales Format erreichen) an die groben Vereine, verliert allzuoft gegen schwächere Mannschaften und schlägt, gelegentlich, die favorisierten Klubs. Folge: Wenn die verlieren, tut`s einem nicht weh, weil das normal ist. Wenn die gewinnen, ist man zufrieden. Es handelt sich hierbei um die mittelmäßige und bescheidene Mannschaft von Portuguesa de Desportes in São Paulo, welche in ihrer Geschichte niemals auch nur den leisesten Anflug von Ambition spüren ließ. Wenn ich dann verlauten lasse, daß dies der Verein sei, dem meine hiesigen Symphatien gehören, dann werde ich immer ausgelacht, und die Leute sagen, „ich wäre einer der 18 Anhänger, die dieser Verein in ganz Brasilien hätte”. Und als Zugabe mache ich dann meine Propaganda für Schalke 04 – in Brasilien nur unter „04” bekannt, weil niemand das Wort Schalke aussprechen oder sich merken kann.

Meine Befrager erinnern sich, daß „04” nach der WM 74 den Brasilianer Marinho (nach Cruyff der beste Spieler) eingekauft hatte. Da verschweige ich aber die komische Seite des Einkaufs: daß nämlich Marinho zu keinem einzigen Spiel für „04” kam, weil der Siebert damals das Geschäft gemacht hatte, ohne den Vorstand zu fragen.

Woher ich das weiß, wo ich doch 13 000 Kilometer vom Parkstadion entfernt lebe? Nun, weil es seit ich hier bin, immer Informationsquellen gegeben hat, die einem Neuigkeiten schnellstens vermitteln. Am Anfang etwa das Kurzwellenband der Deutschen Welle. Da wurden die Resultate der Spiele in der obersten Spielklasse fast so schnell nach hier gesendet, wie es über die Reginalsender in Deutschland geschah.

Später (und es geht bis heute so) hörte man, live per Rundsendung, Ausschnitte aus allen Samstagsspielen. Nur das Fernsehen hinkt nach, was die Schnelligkeit in der Nachrichtenübermittlung anbelangt: Man sieht erst mittwochs die Torschau der ersten Bundesliga vom letzten Wochenende. Der grobe Fortschritt kam aber mit dem Internet. Dank dessen Existenz lese ich täglich Sportteile von sechs elektronischen Zeitungen. Wenn dann der „Kicker“ per Luftpost acht Tage nach Herausgabedatum eintrifft, erscheint mir der Stoff völlig überholt.

Ich schreibe diese Zeilen am 12. Oktober 1996. Es ist jetzt, bei Euch in Deutschland, 17 Uhr 15. Soeben lieb Jens Lehmann den 3. Gegentreffer im Weserstadion zu. Ich hörte dies im Radio im selben Augenblick wie alle anderen Kumpels in Deutschland. Wie sollte ich dann also ein „Schalker im Exil” sein? Unmöglich.

Horst Ochmann, 51 W 10 – 30 S 03