„Ich steh‘ auf die Blauen ohne Ende“

(rz/bob/fv) Hooligans in Deutschland und speziell in Schalke, eine Geschichte ohne Happy End? Das Klischee vom randalierenden Hohlkopf und besoffenen Schläger überdeckt oft die Unwissenheit über Hinter- und Beweggründe dieser Gruppe von Spielbesuchern.
Unser Gesprächspartner ist einer der Gründer der Gelsenszene. Seit etwa 18 Jahren auf allen namhaften Boxwiesen Europas zuhause. PELE aus Gelsenkirchen, inzwischen 33 Jahre alt, noch heute ein in ganz Deutschland bekannter Leitwolf unter den „Wölfen“, blieb uns keine Antwort schuldig.

SCHALKE UNSER:

Wie wird man Hooligan, oder warum stehst Du auf Gewalt?

PELE:

Sieh das mal so, da gibt es Leute, die stehen auf SM­Sex, oder noch krasser, die kacken sich gegenseitig auf den Bauch. Das finde ich pervers. Was wir machen, ist eine Art Sport unter Gleichgesinnten. Da kommt selten jemand Fremdes zu Schaden.

SCHALKE UNSER:

Was machst Du heute außerhalb des Fußballplatzes?

PELE:

Ich bin unverheiratet, kinderlos, von Beruf Speditionskaufmann und seit Januar mit einer Agentur zur Vermittlung von DJs und Live-Acts selbständig. Zuvor habe ich zwei Jahre bei einer Techno- und Housezeitung namens „Raveline“ gearbeitet.

SCHALKE UNSER:

Was steht für Dich heute im Vordergrund: Fußball, Liebe, Laster?

PELE:

Also wenn ich das so höre, dann eher Laster, Liebe, Fußball in dieser Reihenfolge. Obwohl mir natürlich der Fußball in der Winterpause fehlt.

SCHALKE UNSER:

Hat Deine Fußballbegeisterung denn nachgelassen?

PELE:

Nein, fußballbegeistert bin ich nach wie vor, ich stehe auf die Blauen ohne Ende. Ich gehe nur als Hooligan nicht mehr so ab wie vor zehn Jahren. Das heißt, so richtig freisprechen kann man sich davon gar nicht. Irgendwann, irgendwo passiert immer noch mal ’ne Schote.

SCHALKE UNSER:

Gibt es denn Unterschiede zwischen den heutigen Hools und der damaligen Gelsenszene?

PELE:

Es gibt schon einen ziemlich großen Unterschied. Wir waren damals so 70 Leute, nicht mehr und nicht weniger. Für andere, die nicht von Anfang an dazugehörten, war es dann schon ziemlich schwierig, sich da anzuschließen. Viele von uns sahen sich täglich oder mehrmals in der Woche. Also eine ganz andere Zusammensetzung, ganz anders als heute der Block I da oben. Für mich ist das ja ein Hühnerhaufen. Wenn ich die Jungs da so rumkrebsen sehe… Nun ja, die Zeiten sind ja auch ganz anders. Die würden sich freuen, wenn sie nochmal solche Geschichten erleben könnten, wie wir sie erlebt haben. Aber die haben ja auch nicht mehr die Möglichkeit dazu. Hier im Stadion geht ja nix mehr, und auswärts geht auch nix mehr, weil da immer Fanpolizei vor Ort präsent ist. Ich glaube auch nicht, wie gesagt, daß die da noch großartig was bewegen können.

SCHALKE UNSER:

Das hört sich an, als ob Du bei den heutigen Hools eine gewisse Kreativität vermißt?

PELE:

Hätte ich heute noch Bock, mich in diesem Umfeld zu prügeln, würde ich die Sache ganz anders aufziehen. Aber so kommste heute zu nix mehr. Einfach im Stadion loszulegen, da muß man immer damit rechnen, sofort eingebunkert zu werden. Und das könnte ich mir heute gar nicht mehr erlauben. Da würde ich gleich ein paar Jahre keine frische Luft mehr atmen. Seit ’78 bin ich Hooligan, da ist schon einiges zusammengekommen.

SCHALKE UNSER:

Aber wenn es sich einrichten ließe, hättest Du heute auch noch Bock dazu?

PELE:

Im Moment nicht, aber man hat natürlich immer mal ’ne schlechte Woche. Nur bin ich ja nicht der Typ, der auf die Straße geht, sich einen ausguckt und den umhaut. Das ist irgendwie nicht mein Ding. Aber heute, wenn ich noch mitmischen würde, kannst Du davon ausgehen, daß es scheppern würde. Jedes Wochenende, an dem ich unterwegs wäre. Mittlerweile gibt es doch Handys.

SCHALKE UNSER:

Lenkst Du Dein Leben jetzt in ruhigere Bahnen? Zum Beispiel in Richtung Youri-Mulder-Bahn?

PELE:

Na ja, leben wie ein ganz normaler Mensch mit 34 Jahren, verheiratet mit Kind und Kegel? Das wäre nichts für mich. Es muß schon alles ein bißchen ruhiger werden, aber so ganz abstreifen kann man eine solche Vergan­ genheit eh nicht.

SCHALKE UNSER:

Apropos abstreifen: Euer Outfit findet sich inzwischen ja in jeder Einkaufsstraße?

PELE:

Ja, Chevignon wäre ohne die Hooligans sicher nicht so populär geworden. Die Turnschuhe, Pullover von West Company, da kann man auch mal sehen, daß mit den Hooligans, auch ziemlich viel Geld umgesetzt wurde. Jede Randgruppe setzt Trends und bringt finanziell viel mit sich. Heutzutage trägt doch jeder Arsch Chevignon- Jacken.

SCHALKE UNSER:

Was sagst Du zum Thema Rassismus bei Hools?

PELE:

Nichts… soll doch mal einer von denen kommen.

SCHALKE UNSER:

Wie kam es überhaupt zur Entstehung der Gelsenszene?

PELE:

Als wir uns damals gründeten, haben wir erstmal unsere Kutten weggeschmissen oder in den Schrank gehängt. Damals gab es ja den Schalker Fanclub Gelsenkirchen, im Prinzip eine Art Vorgänger der Gelsenszene mit allen „älteren“ Leuten. Die waren krasser als wir in der Hinsicht, da mußte man erst fragen, ob man offiziell mit so einer Weste rumlaufen darf. Da gab es so ein paar Jungs wie zum Beispiel Günner oder Hansi, wenn die andere Fanclubs sahen, zack, Jacke weg, Ende, aus, Nikolaus. So mußten wir auch erst bei denen anständig fragen, ob wir unsere 70 Trikots so machen dürfen. War auch kein Thema. Das ist wie bei Wölfen, so war eben die Ordnung.

SCHALKE UNSER:

Mitte der 80er Jahre gab es ja das sagenumwobene Bremer Hallenturnier, bei dem es bekanntlich zu schwersten Ausschreitungen kam.

PELE:

(lacht schallend) Oh, da muß ich erstmal die Jacke ausziehen. Also das war kraß. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich wirklich Angst hatte.

SCHALKE UNSER:

Hooligans können Angst haben?

PELE:

Ja meinst Du, ich bin Herkules? Es gibt ja Angst oder Logik, wenn ich also sehe, ich stehe da mit zwei Leutchen, und da kommen zwanzig auf mich zumarschiert, da brauche ich nicht großartig überlegen, da reinzurennen. Wenn ich nicht ganz dicht bin, dann renne ich da rein. Dann hab‘ ich auch sehr wahrscheinlich keine Angst. Aber dann bin ich auch sehr wahrscheinlich nicht ganz dicht. Aber wenn ich da mit meinem ganzen Pulk, mit 70 Leuten, stehe und die anderen meinetwegen mit 200, sieht die Sache schon etwas anders aus. Aber nochmal zurück zum Bremer Turnier: Da bin ich die ganze Nacht um mein Leben gerannt. Leuchtraketen um mich rum, Molotow-Cocktails und in jedem Busch eine Herde hungriger Wölfe. Das war damals wirklich heftig.

SCHALKE UNSER:

Wie siehst Du denn Katastrophen wie im Heyselstadion in Brüssel oder andere Ausschreitungen, wo Menschen durch Gewalt beim Fußball zu Tode gekommen sind?

PELE:

Also das erschreckt mich schon. Ich bin nicht der Typ, der solche Sachen gut findet. Für uns war das immer mehr oder weniger auch ein Sport. Wir haben auch keine Waffen benutzt. Es ging ja nur um das reine Boxen. Aber wenn in so einem alten Stadion die Sicherheitsvorkehrungen nicht stimmen, finde ich es auch nicht korrekt, die Hools dafür allein verantwortlich zu machen.

SCHALKE UNSER:

Für uns heißt Fußball „Abfeiern“, wir verstehen nicht, wie man Gewalt mit Fußball in Verbin­ dung bringen kann.

PELE:

Es gibt immer ein Plus und ein Minus.

SCHALKE UNSER:

Beim Besuch der Hools aus Polen (Lech Posen) im Fanladen haben wir bemerkt, daß eine ganz strenge Hierarchie in der Gruppe erkennbar war.

PELE:

Ja, so war das bei uns ja früher auch. Aber heute denkt jeder, er wäre ein Großer. Was mir persönlich einen ganz dicken Hals verschafft, ist, daß die sich heute immer noch mit „Gelsenszene“ beschimpfen. Das kotzt mich so dermaßen an, das kann sich überhaupt keiner vorstellen. Das ist nicht die Gelsenszene, das sind ein paar Spinner – und fertig. Jetzt stell‘ Dir mal vor, wir hätten damals gesagt, wir nennen uns auch „Schalker Fanclub Gelsenkirchen“. Der Günner, der wäre durchgedreht. Der hätte uns allen einzeln die Köppe abgerissen und sonst garnix. Und wenn die sich heute Trikots mit der Auf­ schrift „Gelsenszene“ machen, gibt’s Streß. Ich hab ja nichts dagegen, wenn die Jungs sich profilieren wollen, zeigen wollen, daß sie „Gute“ sind. Sollen sie sich halt zusammensetzen, einen vernünftigen Namen ausdenken, loslegen und Gas geben.

SCHALKE UNSER:

Ihr habt nicht nur die Modeindustrie beeinflußt, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen: Wegen Euch wurden vom DFB und den Vereinen die Fanprojekte eingerichtet. Wie siehst Du das?

PELE:

Ich möchte die Arbeit von den Jungs nicht schmälern, ich komme auch ganz gut mit denen aus. Aber ich weiß nicht, ob es letztendlich soviel bringt. Viele mögen mich da für arrogant halten und tun das auch, aber ich mag die Jungs da oben nicht (Block I). Von den 70­80 Leuten gibt’s noch zwei oder drei mit denen Du was anfangen kannst, weil die auch im Kopf noch ganz gesund sind. Das war früher anders, wir sind ja alle nicht die Dümmsten gewesen. Da gab es Polizisten, Kaufleute etc., und guck mal heute, was da alles für Burschen rumsitzen. Für die ist das Fanprojekt Hopfen-, Malz – und Geldverschwendung. Obwohl, nee, ich muß echt sagen, die machen gute Arbeit. Ob jetzt der Burkhart oder der Jörg, die geben sich echt verdammt viel Mühe, aber für manche Idioten lohnt sich das einfach nicht. Dann steckt da die ganze Arbeit drin, einige reißen sich echt den Hintern auf und die Schwachköpfe gehen raus und machen genau das Gegenteil von dem, was drinnen gerade besprochen wurde und treten die Fanprojektler damit praktisch in den Arsch. Da sind so schwache Charaktere darunter, da habe ich echt kein Verständnis für. Eine Blamage für die ganze Schalker Innung. Ich habe den Eindruck, daß die ganz zufrieden sind mit ihrer Rolle im Block I.

SCHALKE UNSER:

Zum Schluß ein versöhnliches Thema: Die Fanfreundschaft mit Nürnberg – ein Geschenk der Gelsenszene an die Fans der beiden Vereine?

PELE:

Das war das geilste Ding in ganz Deutschland. Das erste Mal, das wir überhaupt Kontakt mit den Jungs hatten. An dem Tag wurde ich 16. Also 1979. Da kamen 20 Leutchen aus Nürnberg ins Stadion, und wir achteten darauf, daß denen nichts passierte. Man muß dazu sagen, daß wir Schalker beim Spiel davor in Nürnberg ordentlich die Hucke vollgekriegt haben, mein lieber Herr Gesangsverein. Im Jahr darauf bekamen wir eine Einladung des Fanclubs „Seerose“ nach Nürnberg. So hat sich das entwickelt, und das ist wohl die härteste Freundschaft in ganz Deutschland. Und das lebt heute noch weiter, mit Einladungen zu Kirchweihfesten, Oktoberfest usw. Das ist der Ursprung, und hat sich danach auf die gesamte Fanszene beider Clubs übertragen.

SCHALKE UNSER:

Glückauf und vielen Dank für das Gespräch, Pele.