Am Abgrund in Solingen

(kh) Nach den Siegen gegen Teneriffa und Mailand war es immer wieder von völlig glücks-überwältigten Schalkern zu hören: „Mein Gott, jetzt DAS, und vor ein paar Jahren wären wir fast aus der Zweiten Liga geflogen…“. Ein Schlüsselspiel aus dieser Zeit, die so unendlich weit weg scheint und doch erst gut acht Jahre vorbei ist, war mit Sicherheit das Spiel bei Union Solingen am 27.4.1989.

Was in den Wochen und Monaten zuvor alles passiert war, ist eigentlich ein eigenes Buch wert. Nach dem Abstieg aus der 1. Liga gurkte sich die Mannschaft unter Trainer Horst Franz durch die Zweitligasaison, Horst Franz wurde durch Didi Ferner ersetzt, doch nichts wurde besser. Es wurde eher noch schlimmer. Im Frühjahr 1989 ging es dann in Richtung „absoluter Tiefpunkt“.

Bei Viktoria Aschaffenburg wurde mit 0:2 verloren, das legendäre „Schiri-Arschtritt“-Heimspiel gegen Darmstadt 98 ging mit 3:4 in die Binsen und auch das folgende Spiel in Osnabrück endete mit einer 1:0-Niederlage.Dies hatte zur Folge, daß die Zweitliga-Tabelle ein „einrahmenswertes“ Aussehen bekam. Schalke zierte vor Union Solingen den vorletzten Tabellenplatz und stand mit anderthalb Beinen in der Oberliga.

Mit Peter Neururer als „letzte Hoffnung“ wurde der dritte Trainer in der laufenden Saison geholt, und mit dem Spiel beim Tabellenletzten in Solingen MUSSTE eine Siegesserie gestartet werden, um den Sturz in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

So machte man sich am Freitagabend auf den Weg nach Solingen, um gemeinsam mit 5000 anderen Schalkern nach dem allerletzten Strohhalm zu greifen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt durch diverse Solinger Wohngebiete und über einige Feldwege erreichte man dann tatsächlich das Stadion am Hermann-Löns-Weg, direkt neben einem Vogelpark voller kreischender Papageien gelegen. Waren das schon die Pleitegeier?

Nach einem kurzen Fußmarsch und den üblichen Sprüchen („wenn wir hier verlieren, drehe ich den Viechern den Hals um“) ging es dann zu den Stehplätzen auf der Gegengerade des nicht mal ausverkauften (insgesamt waren es wohl ca. 7000 Leute) Stadions.

Die ganze Zeit lag eine ziemlich eigentümliche Spannung über dem Spiel. Jeder wußte, was ein Unentschieden oder gar eine Niederlage gegen Union Solingen bedeutet hätte, und so kam auch keine rechte Stimmung am Hermann­Löns­Weg auf. Die scheinbare Erlösung dann in der 64. Minute: Michael Klinkert erzielte endlich das 1:0, und der marode Zaun wurde durch den Jubelansturm der Schalker einer ernsten Belastungsprobe unterzogen.

Lähmendes Entsetzen dann in der 73. Minute: Römer schoß für die völlig harmlosen Solinger das 1:1. Drei schlimme, unendlich lange Minuten lang brachen Welten zusammen, und man sah sich selbst schon mit 30 anderen Schalkern beim Auswärtsspiel im Holzwickeder Emscherstadion stehen. Doch der Fußballgott hatte ein Einsehen und schickte Jürgen Luginger, der unmittelbar nach dem Wiederanstoß das 2:1 schoß, und Ingo Anderbrügge, der dann in der 79. Minute mit seinem 3:1 durchaus mit Mailand vergleichbare Glücksgefühle auslöste.

In der Folge startete unsere Mannschaft wirklich eine Siegesserie. Mainz wurde 4:1 geschlagen, dem 1:1 bei der Spielvereinigung in Bayreuth folgte ein 3:2 gegen Wattenscheid, beim ebenfalls legendären „Auswärts-Heimspiel“ in Hannover gegen Fortuna Köln wurde ein 3:3 geholt und mit dem 4:2 gegen den SC Freiburg der Klassenerhalt in Liga Zwei gesichert. Am Ende war dann alles wieder gut, und es wurde mit dem 4:1 gegen Blau­Weiß 90 Berlin vor 66000 Zuschauern im Parkstadion eine gigantische Saisonabschlußparty gefeiert.

Eine völlig turbulente Saison war endlich vorüber, in der erst niemand die Abstiegsgefahr ernsthaft realisiert hatte. Als es dann fast zu spät war, wurden doch noch die letzten Reserven mobilisiert. Dazu gehört wohl auch, daß durch Sonnenkönig Eichbergs Appelle und Mitgliederwerbeaktionen („Jetzt erst recht!“) das Zusammengehörigkeitsgefühl im Verein als Schalkes großes und entscheidendes Plus gegenüber den Konkurrenten in die Waagschale geworfen werden konnte. Es war eine irgendwie verrückte Zeit, eine seltsame Mischung aus Existenzangst und dem Gefühl: „Das kann doch eigentlich nur ein schlechter Film sein, daß wir Schalker sowas durchmachen müssen“.