Das Ding nehmen wir mit

(kh) 21. Mai 1997, 23.22 Uhr, in Mailand: Ein Elfmeter vom Marc Wilmots rauscht „unten links“ ins Tornetz, und Jahrzehnte voller Katastrophen, Skandale und Erniedrigungen sind auf einmal wie weggeblasen. Jeder, egal ob in Mailand, ob im Parkstadion oder ganz woanders, hat wohl eigene Erinnerungen an diese Momente. SCHALKE UNSER schreibt über das unbegreiflichste aller Spiele.

Eigentlich fing der größte Triumph der Vereinsgeschichte wie eine „ganz normale“ UEFA-Cup-Auswärtsfahrt an: Wie immer traf man sich aus allen möglichen Städten in Gelsenkirchen, wie immer waren die Busse nicht die besten, wie immer waren nicht alle pünktlich am Bus und wie immer hatten die schlimmste Säufer und Pöbler die hinterste Bank in Beschlag genommen, damit auch ja keiner ihrem Geschrei entgehen konnte.

Die nächtliche Anreise gestaltete sich je nach Temperament unterschiedlich kurzweilig, je nachdem, ob man es vorzog, sich für den Finaltag auszuruhen oder lieber in den Finaltag hineinzufeiern. Wer wach geblieben war, konnte dann noch bewundern, wie es unser Busfahrer schaffte, trotz Handy und Funk jeden ständig neu vereinbarten nächtlichen Treffpunkt mit den beiden anderen Bussen unseres Konvois zu verpassen. Schließlich stand er eine geschlagene Dreiviertelstunde an einer Raststätte in Baden und wartete auf Busse, die uns längst überholt hatten. Irgendwie kamen wir dann doch noch gegen Sonnenaufgang in die blitzsaubere Schweiz, wo an einer ebenso blitzsauberen Raststätte wahrscheinlich eine gerade gelandete UFO-Besatzung nicht mehr ungläubige Blicke und Erstaunen verursacht hätte – offensichtlich gibt es in der Schweiz keine Fußballfans.

Gegen Mittag erreichten wir endlich das Ziel der Träume: das Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion. Das Stadion an sich ist der absolute Traum, auch wenn so mancher beim Anblick der riesigen Rampen (statt Treppen) wohl eher an ein Parkhaus gedacht haben mag. Das Stadion-Umfeld hingegen war eher trist, eine reine Teerwüste, und so zogen die meisten zügig zur Straßenbahnstation, um mit der altertümlichen, aber gemütlichen Bahn ins Zentrum zu fahren. Dort hörte man schon einige Stationen vor der Endhaltestelle „Piazza del Duomo“ die Gesänge der Schalker Fans, und nur wenige Schritte nach dem Aussteigen bot sich ein überwältigendes Bild: Die ganze Piazza war blau-weiß, überall saßen, sangen, soffen und feierten Schalker Fans.

Selbst im Dom waren viele Schalker anzutreffen, und viele zündeten dort auch eine Kerze für den Sieg an. Wohl weniger aus neu erweckter Religiösität – schließlich ist Schalke ja unsere Religion –, sondern vielmehr aus dem frommen Wunsch, irgendetwas für den Sieg machen zu wollen. Auch in der benachbarten und (normalerweise) sehr noblen Einkaufspassage war alles fest in Schalker Hand. Dies und den schier unendlichen Durst der Schalker hatten natürlich auch die auf dem Platz ansässigen Getränkehändler ziemlich schnell erkannt: Flexibel zeigten sie sich bei der Erhöhung der Bierpreise. Ob allerdings die von einem leicht erbosten und ebenso angetrunkenen Kollegen aufgestellte These „ab morgen braucht der Ober-Mafioso von denen hier nie mehr zu arbeiten“ zutraf, war selbst für hartgesottene SCHALKE UNSER-Mitarbeiter nicht herauszufinden.

Zum Abend hin stieg die Spannung ins Unerträgliche, und so ging es recht früh zurück zum Stadion. Das erwies sich von innen noch beeindruckender als von außen, und dem häufig gehörten Satz „egal was passiert, das Ding nehmen wir mit!“ ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die Höhe und Anordnung der Tribünen, das tolle Glasdach mit seiner Super-Akustik, und 20 000 Schalker vor Ort – einfach ein Finale, wie man es sich immer erträumt, und doch nie daran geglaubt hatte.

Über das Spiel weiß wohl jeder Leser selbst Bescheid. Wer den Schock durch das doch sooo späte Mailänder Führungstor, die Herzinfarkt-Situation bei Ganz‘ Heber und die Ekstase beim Elfmeterschießen erlitten und erlebt hat, wird diese Momente in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen: Als alles vorbei war, ertrank die Schalker Kurve im Jubel und auch in Freudentränen.

So viele Männer habe ich noch nie weinen gesehen wie in der „blauen Kurve“ des Mailänder Stadions. Alle konnten es kaum fassen, es war tatsächlich geschafft, und immer wieder sah man diese ungläubigen Blicke: „WIR, ausgerechnet wir „blinden Schalker“ (Jens Lehmann) haben den Cup“ und alle die anderen „großen“ Vereine haben ihn eben nicht“ Diese ungläubige Freude war auch den Spielern anzusehen“ in diesem Moment fühlten wohl alle Schalker dasselbe.

Irgendwann „schwebte“ man dann aus dem Giuseppe­Meazza­Stadion“ aß und trank noch ein bißchen und schließlich ging es ohne weitere Komplikationen zurück in den heimatlichen Ruhrpott“ wo der Pott und eine weiterer Feier-Tag schon auf uns warteten.