Die Liga der Hooligans

(bob) Der geplante Spielbesuch fiel leider aus, da wegen des Papstbesuches der gesamte Spieltag der ersten polnischen Liga verschoben wurde. Erwartet hatten wir ein von System-Umbruch und Wirtschaftskrise geschütteltes Land, doch Posen (Poznan) empfing uns als blühende Wirtschaftsmetropole, ein Messe- und Universitäts-Standort mit lebendiger Altstadt.

Unser Programm begann mit einer Diskussionsrunde in der Fan-Kurve des Stadions von Lech Posen: Wir Schalker, die Fans von Lech Posen und die Spieler Piotr Reiss (Mittelstürmer), Torwart Arkadiusz Onyszko (2. Torwart der polnischen Nationalmannschaft) und Waldemar Kryger (Libero) nahmen daran teil. Wir erfuhren von den Spielern, daß die Vereine finanziell total ausgeblutet seien, keine Werbepartner in Sicht und die Bedingungen im Spielbetrieb der polnischen Liga chaotisch sind. Da werde geschoben und korrumpiert, Vereine würden einfach aus dem laufenden Spielbetrieb genommen, wie es gerade an diesem Wochenende wieder mit Slask Wroclaw (Breslau) geschehen war.

Diese Abmeldung eines ehemaligen Militärvereins habe die Meisterschafts entschieden, da die abgesagten Spiele mit drei Pluspunkten für den Gegner gewertet werden. Es war der dritte Verein, der in dieser Saison aus dem Spielbetrieb genommen wurde. Die Gründe dafür seien ‚mal Ausschreitungen der Zuschauer, ‚mal Sicherheitsbedenken des polnischen Fußballverbandes und ‚mal finanzieller Ruin eines Vereins. Traditionsclubs verschwinden gänzlich von der Bildfläche, ehemalige Viertligisten sind auf einmal im Meisterschaftsrennen. Verrückte Welt. Vor diesem Hintergrund bleiben die Zuschauer aus. Die Spieler sagen, sie seien ratlos und wüßten nicht, wie es weitergehe. Den führenden polnischen Vereinen gelinge es nur durch Fernsehgelder und europäische Wettbewerbe zu überleben.

Fußball ist tot in den polnischen Medien. Der normale Spielbetrieb findet gerade mal drei Minuten Aufmerksamkeit am Samstag abend im Fernsehen. Da ist es nicht verwunderlich, daß sich alle Fußballfans mittels Satelliten-Schüssel die Infos aus der Bundesliga besorgen. Wir sind überrascht, wie gut sich die polnischen Spieler und Fans im Bundesligageschehen auskennen. Anders als in der Bundesliga sind in Poznan auch Fans und Spieler miteinander befreundet: Man feiert viel zusammen. Als die Neuverpflichtungen für die nächste Saison in der Disco einen ausgeben mußten, waren auch wir mit dabei, und diese Party wird uns wohl ewig im Gedächtnis bleiben. Das Freundschaftsspiel Schalker gegen Lech­Fans gewannen wir mit 8:6. Bei diesem Kräftemessen stieß ein Profi von Lech Posen (Piotr Reiss) zu uns Schalkern hinzu.

Das nächste Gespräch gab es dann mit Henryk Czapczyk, dem Pressesprecher und Altinternationalen von Lech Posen. Der legendäre Spieler von einst spielte zur Zeit Kuzorras und ein System, das dem des Kreisels sehr ähnlich war und in Polen ABC, nach den Anfangsbuchstaben der Spieler (C steht für Czapczyk), genannt wurde. Das Treffen fand im alten Stadion von Lech Posen statt, das sehr an unsere Glückaufkampfbahn erinnerte, eingebettet in einen Stadtteil, mitten in Industrie und Eisenbahnverbindungen.

Wir erfahren von glorreichen Zeiten, als jeder Zug, der am Spielfeld vorbeifuhr, sein Signal setzte. Auf den umliegenden Fabriken saßen die Arbeiter der Mittagsschichten auf den Dächern und schauten den Kikkern zu. Rund 20 000 Zuschauer in einem viel zu kleinen Stadion waren die Regel. Heute dagegen liegt der Zuschauerschnitt bei 3 000 bis 4 000, einem Bruchteil dessen früherer Tage. Die Zuschauer setzen sich fast ausschließlich aus Hooligans zusammen. Dies belegen auch die Fanzines eindeutig. Selbstherrliche Hauergeschichten, egal wo man hinschaut. Und die Spirale fängt schon bei den Kids an, die ihre Kurvenkönige bewundern. In Poznan hat sich Oschul (König der Kurve) eigens eine Metallkanzel bauen lassen, von der er den Ton angibt. In der Kurve zählt nur, wer die meisten Auswärtsspiele und damit die meisten Schlägereien auf seinem Buckel hat. Die Polizei ist hier nur als Gegner gefragt, die ihrerseits aufgehört hat, über dieses Problem nachzudenken und auch schon ‚mal prophylaktisch den Knüppel freigibt.

Beachtlich waren die Gespräche mit den Hools, die offensichtlich einen Ausweg aus dem Dilemma suchen. Auch sie haben erkannt, daß volle Stadien schöner sind als leergeprügelte. Und sie sehen auch, daß wir bei unserer Arbeit mit dem SCHALKE UNSER und dem Fan-Laden viel Spaß haben. Aus diesem Grunde wird der Fan-Austausch weiter ausgebaut werden. Die Termine erfragt Ihr im Fan-Laden oder über unsere Hotline (Tel.: 0209/24214). Wir sind in der nächsten Saison in der Lage, dieses Projekt fortzuführen. Unsere Anträge bei der Europäischen Union sind bewilligt, so daß wir in Zusammenarbeit mit Fans von Roda Kerkrade und Newcastle United das Projekt ausbauen können. An dieser Stelle nochmals vielen Dank dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, ohne das dieses Projekt erst gar nicht möglich gewesen wäre. Besonderen Dank auch an Bernhard Wengerek, der die Kontakte zu Lech Posen knüpfte, mit dem die Schalker Fan-Initiative auch in Zukunft weiter so förderlich zusammenarbeiten wird.