Der Wilde Osten

(rk) Seit nunmehr einem Jahr läuft das Fanaustauschprojekt „Unter gleichen Farben“ der Schalker Fan-Initiative mit den Fans des polnischen Erstligisten Lech Posen. Am zweiten Septemberwochenende machten wir uns mit zwölf Schalkern erneut auf, diesmal um der Begegnung Lech Posen gegen Rakow Czestochowa beizuwohnen. Wir hatten nicht nur eine große Portion Neugier, sondern auch Yves Eigenrauch im Gepäck, der seine Verletzungspause nutzte, um Einblicke in eine völlig andere Fußball-Welt zu gewinnen.

Nach einer neunstündigen, feucht-fröhlichen Zugfahrt erreichten wir am Samstagmorgen den Bahnhof von Posen. Die 600.000 Einwohner-Stadt befindet sich, wie das gesamte Polen, in einem totalen Strukturwandel. Posen ist auf dem beschwerlichen Weg vom Sozialismus zum Kapitalismus, was sich auch daran bemerkbar macht, daß sich bereits um 6 Uhr morgens auf den Straßen eine fast hektisch wirkende Betriebsamkeit breitmacht und nahezu jeder Zweite mit einem Handy telefoniert.

Mittags wurden wir von den Lech-Fans, allen voran Anführer Uszol, empfangen und uns die malerische Altstadt gezeigt. Einigen Kneipenbesuchen folgte ein Besuch des Standesamts, um zu sehen wie ein Lech-Fan heiratet. Wir platzten genau in das Ja-Wort, der Bräutigam fühlte sich zwar unglaublich geehrt, uns war das ganze aber eher peinlich – wir mit unseren Schals und Schalke-Trikots inmitten von festlichen Zweireihern. Zum guten Schluß mußten wir uns sogar noch allesamt in das Hochzeitsbuch eintragen und mit dem Hochzeitspaar anstoßen.

Nachmittags ging es dann in das Stadion „PKP Lech“, wo bereits 3500 Lech-Fans und ganze fünf Rakow-Fans auf den Anpfiff warteten. Die polnische Fan-Szene läßt sich mit der in der BRD nicht vergleichen: Im Stadion tummeln sich ausschließlich Hooligans, ihr Anführer „Uszol“ hat sich in der Kurve eine Metallkanzel errichtet, von der er seine Schlachtgesänge anstimmt. Einer gibt den Ton an, alle anderen „folgen“ ihm. Ein Bild, an das man sich erst einmal gewöhnen muß. „Uszol“ begrüßte uns lautstark vor der gesamten Kurve und plötzlich sang das gesamte Stadion „Lech und Schalke – Ohoh“. Beim Namen „Schalke“ setzte sich ein Funkeln auf die Augen der Lech-Fans, hatten sie doch alle den Weg zum UEFA-Cup-Sieg mit großem Interesse am Fernseher verfolgt. Yves wurde per Stadiondurchsage begrüßt, und sofort bildete sich eine Fan-Traube, die um Autogramme bat.

Dieses Spiel verlief ausnahmsweise ruhig, aber das Hooligan-Problem in Polen bleibt dominierend. Bei Spielen gegen die Rivalen Widzew Lodz und Legia Warschau kommt es zu unfaßbaren Szenen, Gewalt ist unvermeidlich. Unglaublich, aber wahr: Mittlerweile beschränken sich die Hooligans nicht mehr auf „plumpe“ Schlägereien im und ums Stadion herum, sondern inszenieren geplante Überfalle auf gegnerische Fangruppen. Vor kurzem waren Danzig­Fans auf der Rückreise eines Auswärtsspiels. Die Lech-Fans schleusten einen ihrer Männer in den Zug und dieser zog zum vereinbarten Zeit- und Treffpunkt die Notbremse. Draußen wartete bereits der Rest der Meute und stürmte die Abteile.

Allein in diesem Jahr soll es in der polnischen Liga vier Todesopfer gegeben haben, in der letzten Saison noch mehr. Wie viele es tatsächlich waren, wollten uns die Lech-Fans nicht verraten. Zum Glück blieb diesmal alles ruhig, und die Lech-Fans konzentrierten sich auf das Anfeuern ihrer Mannschaft. Posen gewann das Spiel schließlich souverän mit 5:0 und macht sich nun Hoffnungen, nächstes Jahr im UEFA-Cup-Wettbewerb vertreten zu sein („… Lech Posen sowieso …“).

Am Abend trafen wir uns mit den Lech-Fans in der Disco „Jama“, in der auch Yves in Anbetracht der vielen hübschen weiblichen Geschöpfe des öfteren die Hand vor seine Augen halten mußte. Wir haben echt noch nie so viele toll aussehende Frauen auf einmal gesehen. Vier Spieler von Lech Posen hatten sich ebenfalls in der Disco eingefunden, sie führten mit Yves Fußball-Fachgespräche und lenkten ihn dadurch ein wenig ab. Bei Smirnoff-Wodka und Apfelsaft stimmten wir zusammen mit den Lech-Fans bis tief in die Nacht noch häufig den gemeinsamen Schlachtruf „Lech und Schalke“ an. Sonntag Mittag fand eine abschließende Diskussionsrunde statt, in der Eindrücke aus beiden Fan-Szenen gesammelt und ausgewertet wurden. Der bittere Geschmack der gewaltsamen Auseinandersetzungen der polnischen Fans blieb dabei leider bestehen. Natürlich konnte es auch nicht die Aufgabe der Schalker Fan-Initiative gewesen sein, die polnischen Fußballfans mit dem erhobenen Zeigefinger zu belehren. Dennoch war es wichtig, den Posen-Fans ein anderes Bild von Fußballfans zu präsentieren: Das Bild, das die Schalker in ganz Europa beliebt gemacht hat, das Bild des feiernden und friedlichen Fans. Es bleibt nur zu hoffen, daß sich auch die polnische Fan-Szene in diese Richtung bewegen wird.

Ein herzlicher Dank richtet sich an das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW und an die Solidarnosc, die diesen Fan-Austausch finanziell ermöglichten. Im nächsten Jahr werden wir den Fan-Austausch mit dem britischen Club Newcastle United ausweiten. Anmeldungen zu dieser Fahrt können dann im Fan-Laden (Tel.: 0209/24104) eingereicht werden.