Polizei statt Pommes

(kh) Nachdem die erste Runde im UEFA-Cup halbwegs souverän überstanden worden war, hatte der Gegner in Runde Zwei schon ein anderes Kaliber: Der belgische Rekordmeister RSC Anderlecht wurde aus dem Lostopf gezogen, ein Verein, der seit 35 Jahren ununterbrochen international spielt. Da der RSC in der nächsten Saison wegen einer erst jetzt herausgekommen Schiedsrichterbestechung im Jahr 1984 international gesperrt ist, haben wir Schalker also nur noch 33 Jahre vor uns, bis wir den Rekord brechen… .

Nun, wie schon im Vorjahr nach Brügge machte sich „aus Sicherheitsgründen“ eine blau-weiße Buskarawane mit 5 000 Fans auf den Weg aus dem Ruhrgebiet nach Brüssel. Zum Glück hatten die Verantwortlichen von Verein und Fanclub-Verband aus dem Chaos der Brügge-Fahrt im letzten Jahr gelernt („Wo ist Bus 41?“ – „Der ist schon weg! Oder steht der noch hinten am Stadion?“ „Hier wird gefragt, wo der Bierstand ist – zu Recht, wie ich meine.“), und nicht mehr alle Busse „mußten“ am Parkstadion abfahren.

So wurde das Ruhrgebiet schnell hinter sich gelassen, und bereits gegen Viertel vor zwei passierten wir das Schild „Brüssel 70 km“ an der Autobahn. Die meisten der Beteiligen sahen sich schon ein leckeres oder zumindest „interessant schmeckendes“ belgisches Bier in einer Kneipe in Stadionnähe trinken, bis man von einem belgischen Motorradpolizisten unsanft aus seinen Träumen gerissen wurde. Dieser lotste den Bus auf einen Autobahnparkplatz, wo schon drei bis vier andere Schalker Busse standen. Alles kein Problem, dachten wir, denn ein sofort herbeigeeilter Polizist versicherte unserem Busfahrer, daß es „in zehn Minuten“ weitergehen würde.

Nach einer geschlagenen Stunde setzten sich dann die Busse wieder Richtung Brüssel in Bewegung, um dann schließlich an der Autobahnabfahrt am Stadion erneut fast eine halbe Stunde festgehalten zu werden.

Weiter ging es in ein reichlich finsteres Wohngebiet, von wo aus es nur knapp zwei Kilometer zum Stadion zu laufen waren. Offensichtlich muß auf dem Weg zum Stadion eine halbe Stunde vorher noch eine Anti-Atom-Demo stattgefunden haben, denn anders wäre das massive Aufgebot an Polizei, Panzerfahrzeugen und Wasserwerfern nicht zu erklären gewesen…

Am Constant-Vanden-Stock angekommen war es natürlich reichlich spät geworden, so daß es statt Pils und Pommes in einer netten Kneipe nur zu einigen unglaublich teuren Imbissen reichte. Das Stadion selbst war zwar ganz nett anzusehen, doch die Sicht von den Stehplätzen war extrem schlecht, und irgendwie ist es schon ein komisches Gefühl, beim Spiel von Schampus-schlürfenden VIPs von hinten beobachtet zu werden. Bemerkenswert war auch die belgische Stadion-Hymne, die tatsächlich so anspruchsvoll war, daß jeder diese an der Tafel ablesen konnte: „Lalalalala“. Zum Spiel selbst läßt sich eigentlich nur sagen: eine Stunde Zittern, doch dann gab halt die Routine des „Titelverteidigers“ den Ausschlag .

Die in Bürgerkriegsstärke aufgelaufene Polizei war dann erwartungsgemäß genau wie in Brügge das eine Mal nicht da, als sie gebraucht wurde. Als im Oberrang Randale aufkam, weil Schalker und Anderlechter aufeinanderprallten, mußten die Polizisten tatsächlich am Spielfeldrand entlang durch das halbe Stadion joggen, um zu ihrem Einsatzort zu kommen. Einfach unglaublich. Des weiteren fragt man sich, wie in einem neuen Stadion im Fan-Block der Belgier ein Zaun umkippen kann, so daß vier Personen verletzt wurden.

Nach dem Spiel wurden wir dann zum Bus zurückgetrieben, und da alle Parkplätze und Raststätten in Belgien und den Niederlanden für Schalker gesperrt waren, erreichte man mit prallvoller Blase und hängendem Magen wieder nordrhein­westfälischen Boden.

Dank des Weiterkommens und der wirklich phantastischen Stimmung („Klein-Mailand“ trifft es vielleicht ganz gut) war es aber trotz manch unangenehmer und überflüssiger Begleitumstände eine der UEFA-Cup-Touren, an die man sich gerne zurückerinnern wird.