„Sven Kmetsch geht sicher lieber von Hamburg weg, als Thomas Linke von Schalke.“

(mt/cr) Heute bejubelte Idole spielen morgen für den Gegner, wer uns heute gegenübersteht, kann nächste Woche eine Stütze unserer Mannschaft werden. Nicht nur darüber, sondern auch über einige andere Themen sprachen wir vor seinem Abschied mit Viertel- und Halbfinalkopfballer THOMAS LINKE.

SCHALKE UNSER:

Wir haben eine Umfrage gemacht und auch die Frage gestellt „Was waren die größten Enttäuschungen ’97?“. (Thomas schmunzelt, lacht ein bißchen.) Hast Du eine Idee, was dabei rausgekommen sein könnte?

THOMAS LINKE:

Für die Fans schätze ich – mein Wechsel zu den Bayern. Das ist irgendwo verständlich. Ich habe hier sechs Jahre gespielt. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei, und man kann die Fans da schon verstehen. Wir sind eigentlich auf einem guten Weg zu einer Spitzenmannschaft, so wie’s aussieht, und ich hoffe, daß wir den fünften Platz dieses Jahr mindestens halten können und daß wir nächstes Jahr wieder im Europacup vertreten sind. Ich denke, daß mit der Verpflichtung von Huub Stevens damals eine super Sache gelungen ist. Er hat uns zum Europapokalsieg geführt; wie es aussieht, wird die Mannschaft weiter verstärkt und ich denke, in ein paar Jahren ist es auch möglich, daß Schalke um die deutsche Meisterschaft spielt. Allerdings sollten die Fans auch mich verstehen: Ich habe sechs Jahre hier gespielt, was eigentlich für einen Fußballer schon ungewöhnlich ist. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber ich möchte eigentlich doch etwas neues probieren und vielleicht den Schritt „Deutsche Meisterschaft“ persönlich ein bißchen eher tun, als das vielleicht Schalke gelingen wird. So ein Angebot von Bayern München bekommt man vielleicht einmal im Leben. Ich bin jetzt 29, wenn ich jetzt den Schritt nicht gemacht hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich nie mehr machen können.

SCHALKE UNSER:

Da muß man wohl auch sagen, die Perspektive ist beruflich wie auch finanziell wichtiger als eine gewisse emotionelle Bindung? Ist es egal, zu welchem Verein man wechselt? Wärst du zu dem gewissen Verein aus der Nähe von Lüdenscheid gegangen?

THOMAS LINKE:

Weiß ich nicht. Ich wäre bestimmt nicht nach 1860, Karlsruhe oder sonstwohin gegangen: Ich wollte mich sportlich verbessern, das war das Entscheidende, die Perspektive, vielleicht auch ‚mal deutscher Meister zu werden. Die hat Schalke auch, in den nächsten Jahren, nur persönlich könnte ich den Schritt in München eher machen als in Schalke.

SCHALKE UNSER:

Wir kommen gerade vom Training, das ist in Schalke sehr locker und volksnah, in Bayern sieht das wahrscheinlich anders aus…

THOMAS LINKE:

Ich denke nicht, daß da die Zuschauer total ausgeschlossen sind. Wenn man das in den Medien verfolgt, sind ja doch immer viele Zuschauer beim Training in München, da sind sogar noch ein paar mehr Leute beim Training als hier, glaube ich. Mich würde stören, wenn ich bei einem Verein spielen müßte, der überhaupt keine Zuschauer hat.

SCHALKE UNSER:

Wie ist dein Gefühl für diese Region gewesen? Hast du etwas mitbekommen, auch von den Strukturproblemen?

THOMAS LINKE:

Natürlich hat man hier einiges mitbekommen. Das Ruhrgebiet… da habe ich mir vorgestellt, hier ist alles Grau in Grau. Als ich aus Erfurt kam, war es für mich ganz überraschend. Es gibt doch sehr, sehr viel Grün, wenn man nach Haltern und Dorsten rausfährt. Was im Prinzip für mich sehr positiv ist, die Leute sind sehr umgänglich hier, die gehen offen aufeinander zu. Und wenn die Fans merken, daß ehrliche Arbeit auf dem Platz abgeliefert wird, dann stehen die auch hinter einem. Und das ist eigentlich das, was die Zuschauer hier sehen möchten: ehrliche Arbeit. Auch wenn es ‚mal nicht so läuft, Hauptsache, man kämpft. Die müssen ja auch sehr viel kämpfen, mit ihren Jobs. Die Fans in München sind etwas verwöhnter gerade auch durch die sportlichen Erfolge.

SCHALKE UNSER:

Die Spieler, die aus Hamburg zu anderen Vereinen wechseln, werden in Mannschaftslisten im Internet nicht mehr mit Namen genannt, hinter den Nummern steht „Verräter!“ oder ein Totenkopf. Das wirkt sich offensichtlich auf die Leistungen aus: Auf Schalke wirst du hingegen doch freundlich verabschiedet. Hat man da vielleicht auch kein ganz so schlechtes Gewissen?

THOMAS LINKE:

Nein, ein schlechtes Gewissen hat sicherlich auch ein Sven Kmetsch nicht. Ich kenne ihn ja schon ein bißchen länger, wir haben ja früher in der Olympia-Auswahl der ehemaligen DDR zusammengespielt. Ich denke nicht, daß der ein schlechtes Gefühl hat, weil er den HSV verläßt. Er ist ein Typ, der immer 100 Prozent gibt für den HSV im Moment. Bis zum 30.6., und deshalb braucht er da auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich ist es schade, daß die Fans das ein bißchen anders sehen als bei Schalke 04. Aber im Prinzip sind die Fans des HSV selber schuld. Die Mannschaft steht unten, und die braucht jetzt die Unterstützung der Fans und nicht solche Aktionen gegen Salihamizic oder Sven Kmetsch. Die müßten eigentlich die Mannschaft anfeuern und auch die beiden Spieler. So schaden die dem HSV und der ganzen Mannschaft und nicht nur den beiden Spielern. Im Endeffekt sind die Fans dann wieder in den Arsch gebissen, sie verunsichern die ganze Mannschaft und landen irgendwann vielleicht in der zweiten Liga, was sicher keiner der Fans hofft, nur die beiden Spieler sind dann weg. Und dann überlegen die Fans, was sie vielleicht falsch gemacht haben. Deshalb kann ich auch nur den Hut ziehen vor dem Verhalten der Fans in Schalke. Ich freue mich riesig, daß die mich weiterhin unterstützen. Die Fans registrieren das, ob man wirklich 100 Prozent für den Verein bringt oder nicht, und solange sie diesen Eindruck haben, daß man sich voll reinkniet, wird da sicher auch kein Pfiff kommen.

SCHALKE UNSER:

Hat man als Fußballprofi allgemein auch nur ein bißchen ein schlechtes Gewissen bei einem Wechsel nach so langer Vereinszugehörigkeit?

THOMAS LINKE:

Man läßt viele Freunde zurück, das stimmt einen schon ein bißchen traurig. Auf der anderen Seite hat man eine neue Herausforderung, und es gibt Entscheidungen im Leben, die tun sicherlich weh, aber man muß sie treffen. Ich spiele mit einigen Spielern jetzt schon sechs Jahre zusammen, und es entwickelt sich da auch etwas in der Mannschaft. Wir leben nun einmal von der Kameradschaft, und die ist bei uns sensationell gut. Ich wünsche mir natürlich, daß das in Bayern genauso sein wird. Aber man ist auch nicht aus der Welt, wenn man nicht mehr in Gelsenkirchen oder Umgebung wohnt, ich werde die Kontakte auch weiterhin pflegen.

SCHALKE UNSER:

Ist es naiv von den Fans zu glauben, daß sich noch Spieler mit Vereinen identifizieren und ihnen ein Leben lang verbunden bleiben?

THOMAS LINKE:

Das ist nicht naiv. Aber jeder möchte in seinem Beruf das Bestmögliche erreichen, und als Fußballer ist irgendwann die Zeit vorbei. Und man muß den Grundstein legen mit dem Verdienst, den man in diesen vielleicht zehn Jahren hatte. Am Ende der Karriere steht doch: Was habe ich sportlich erreicht? Man möchte so viele Titel wie möglich sammeln, da bin ich irgendwo auch auf den Geschmack gekommen mit dem Europapokal.

SCHALKE UNSER:

Hast du als Bayernspieler eine bessere Chance auf einen Stammplatz in der Nationalelf? Du gehst ja wahrscheinlich nicht davon aus, daß du in Bayern auf der Bank sitzt?

THOMAS LINKE:

Das liegt an mir und meiner Leistung. Wenn jemand in München Stammspieler ist, ist es vielleicht ein Stück einfacher, Nationalspieler zu werden. Aber man hat gesehen, daß es auch in Schalke möglich ist.

SCHALKE UNSER:

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

THOMAS LINKE:

Früher in der DDR wollte ich Trainer werden, habe angefangen zu studieren. Dann kam die Wende, und ich habe das Studium abgebrochen. Gerade wenn man so eine Kinder- und Jugendsportschule durchlaufen hat, war das für die Spieler eine gute und gründliche Ausbildung. Die meisten, die von irgendeinem Klub kommen, FC Berlin oder Dresden, Jena, haben das mitgemacht.

SCHALKE UNSER:

Und das sprichwörtliche „Geld versaut den Charakter“?

THOMAS LINKE:

Ja, ich denke mir, daß ist typenbedingt. Wenn es einem finanziell besser geht und man kommt in andere Kreise, lernt man natürlich ganz andere Leute kennen. Aber ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme. Ich treffe mich heute noch mit Leuten, mit denen ich früher in der Schule war, die besuchen mich auch regelmäßig noch, kommen hier zu Spielen, und wir machen dann noch etwas gemeinsam.

SCHALKE UNSER:

Beschäftigst du dich mit Problemen wie Rechtsradikalismus im Fußball?

THOMAS LINKE:

Diese Entwicklung habe ich eigentlich schon verfolgt. In der DDR gab’s sowas nicht in dem Maße, wie es das heute gibt. Da waren Fotografen in den Kurven, die waren die meiste Zeit „Ballholer“, haben die Bälle gefangen und zurückgeworfen, und wenn Tumulte auf den Rängen waren, dann haben die sich umgedreht und da ‚reingeknipst. Das waren wohl Leute von der Stasi. Die haben verfolgt, welche Leute da Tumult gemacht haben, die hat man weggefangen und dann war wieder Ruhe. Nach der Wende kamen dann – hauptsächlich aus Berlin – die Skinheads. Die sind nach Magdeburg gefahren, haben sich dann mit dem FC oder damals BFC geschmückt. Die haben den Verein nicht unterstützt, deren Motto war, sich zu schlagen und für ihre Begriffe Spaß zu haben. Ich finde, das ist eine schlimme Entwicklung. Da müssen die Fans untereinander drauf achten und diese Leute ins Abseits stellen. Es ist aber sicher auch schwierig für die Fans, das zu tun.

SCHALKE UNSER:

Ihr habt doch eine gewisse Autorität als Spieler, müßte da nicht noch mehr kommen als bisher?

THOMAS LINKE:

Man muß in der Mannschaft drüber sprechen, was man da tun kann. In Bayern war es vielleicht extrem. In jedem Verein gibt es diese Probleme, aber als der Jancker die Haare so ganz kurz hatte, haben die gesungen „Wir haben einen Führer, der heißt Carsten Jancker“ und ähnliches. Der Verein hat so reagiert, daß er sich nun die Haare wachsen lassen mußte, zumindest ein Stück. Das ist sicher keine Lösung, aber irgendwo muß man ‚runter von dem Image – der Carsten Jancker sieht aus wie ein Rambo, und man muß den Leuten auch begreiflich machen, „moment, ich bin nicht euer Führer, ich habe damit nichts am Hut, ich bin gegen sowas“. Und wenn wir Spieler das zum Ausdruck bringen, ist das sehr wirkungsvoll, mit uns identifizieren sich die Fans.

SCHALKE UNSER:

Man merkt selbst, daß man überlegt, kann ich einschreiten, etwas sagen, aber wenn sich einer traut, schließen sich viele an und es ist schnell wieder Ruhe.

THOMAS LINKE:

Das kann schon sein, daß da nur einer den Vorreiter machen muß, weil andere da von sich aus nicht so die Mentalität haben und aus sich rausgehen oder da eine Führungsrolle übernehmen. Da ist es vielleicht leichter für die Mehrzahl, sich da mit anzuschließen.

SCHALKE UNSER:

Würdest du ein Interview machen und solche Sachen sagen, wie Erik Meijer und René Eijkelkamp das gemacht haben?

THOMAS LINKE:

Sicher nicht. Der René war ja eigentlich auch noch zurückhaltend, das meiste kam ja vom Erik Meijer. Ob das nun so gesagt wurde oder nicht, das kann ich ja nun auch nicht beurteilen. Aber sicherlich ist es schlecht, wenn man sich über eigene Kollegen in den Medien so äußert. Das kann man unter vier Augen sagen, hör ‚mal zu, du bist ein Arschloch für mich, und dann hat sich das. Ich möchte auch nicht, daß einer über mich irgendwas sagt, „der ist aber ganz schlimm“, dann läufst du ja nur Spießruten in den Stadien.

SCHALKE UNSER:

Was wünscht du dir denn noch mit Schalke, jetzt für die letzten Monate, worauf freust du dich?

THOMAS LINKE:

Ich freue mich immer über die Atmosphäre im Stadion, ob das nun ein Heim- oder Auswärtsspiel ist, die Fans sind wirklich sensationell, wie die uns unterstützen. Dann wünsche ich mir unbedingt, daß wir wieder einen UEFA-Cup-Platz holen, klar, und daß wir im UEFA-Cup vielleicht wieder ins Finale kommen. Natürlich ist es in diesem Jahr schwieriger als letztes Jahr gegen Mailand. Damals haben sie vielleicht gedacht, naja, Schalke, okay, die hauen wir da mit links weg. In diesem Jahr wissen sie, daß wir doch nicht zu unterschätzen sind. Gerade die UEFA-Cup-Spiele sind wirklich Feiertage, so eine Stimmung wie bei diesen Spielen habe ich in keinem Bundesligaspiel erlebt. Das war sensationell, vielleicht auch historisch bedingt, daß man wirklich 19 Jahre warten mußte, daß es wieder international losging. Das kriegt man im Stadion schon mit, wenn man sich auch nicht auf die Fans konzentrieren kann. Das treibt einen zu Höchstleistungen.

SCHALKE UNSER:

Wir haben dir ja als kleines Geschenk unseren Schal mitgebracht. Auch schön, daß du die erste Lederhose von Schalkefans bekommen hast – aus Sömmerda, wie man hört?

THOMAS LINKE:

Genau (schmunzelt). Meinem Heimat- und Geburtsort. Die sind damals eigentlich schon nach Erfurt gefahren und haben sich Spiele von Erfurt angesehen. Vielleicht waren sie damals schon Schalkefans, hatten aber nicht die Möglichkeit, die Spiele zu besuchen. Seit der Wende fahren die eigentlich zu fast allen Spielen. Es war schon schön, daß die mir so eine Lederhose geschenkt haben. Das Schönste war eigentlich der Spruch da drauf. „Wir werden dich auf Schalke alle vermissen, und wenn du zurückkommst, werden wir dich alle küssen.“ So etwas in der Art, einmal ein Schalker, immer ein Schalker. War schön, hat mich gefreut.

SCHALKE UNSER:

Aber eine größere Bindung an den Verein siehst du nicht?

THOMAS LINKE:

Hmmmm… ich denke mal, so‘n Kmetsch geht sicherlich lieber von Hamburg weg als ‚n Linke von Schalke. Und der Kmetsch hat mir auch letztes Jahr erzählt, die spielen ihr letztes Spiel in Düsseldorf, 1:1, und dann laufen die Spieler alle in ihre Fankurven und wollen sich bei den Fans bedanken für die Unterstützung, die sie in dem Jahr hatten oder vielleicht nicht so hatten. Und plötzlich rollen die Fans Plakate aus, da stand dann drauf: Vielen Dank für nichts! Und dann haben die Wasserbomben auf die eigenen Spieler geworfen. Da kann man schon vielleicht verstehen, daß der ein bißchen lieber da weggeht. Obwohl er vielleicht auch an dem Verein gehangen hat.

SCHALKE UNSER:

Wir wünschen uns von Dir zwar weiter Kopfballtore, aber nicht für deinen neuen Verein, wenn du gerade gegen uns spielst. Ist das egal ob man gegen den alten Verein spielt?

THOMAS LINKE:

Ich denke, daß das dann andere Spiele werden. Jeder will gegen den alten Verein gewinnen. Ich sehe es am Martin Max, der ganz heiß darauf war, ein Tor gegen seinen Freund Michael Klinkert. Der hat sich nach dem Spiel bei jedem bedankt, daß wir in Gladbach gewonnen haben, das war einmalig, der war so motiviert, das war sensationell.

SCHALKE UNSER:

Wir drücken dir die Daumen, daß du dich in Bayern durchsetzen kannst.

THOMAS LINKE:

Als ich den Vertrag in München gemacht habe, konnte ich nicht davon ausgehen, daß da jemand verkauft wird. Ich gehe davon aus, daß alle bleiben und daß ich mich durchsetzen muß.

SCHALKE UNSER:

Du bist „vorläufig“ auch für die Weltmeisterschaft in Frankreich nominiert, mußt dich da aber auch noch durchsetzen. Jetzt warst du bei den Leistungstests in Saarbrücken, bist du da auch optimistisch?

THOMAS LINKE:

Es geht bei den Tests darum, die Gesundheit und die Fitneß zu testen. Nach der Auswertung wird sich der Herr Vogts mit den einzelnen Spielern zusammensetzen und sagen, guck ‚mal hier, das ist gut, und da mußt du noch was tun.

SCHALKE UNSER:

Aber du posaunst auch nicht gerade herum „Ich gehe davon aus, daß ich dabei bin“?

THOMAS LINKE:

Ich würde mich freuen, wenn ich dabei wäre und werde in sportlicher Hinsicht alles dafür tun, aber ich kann nicht laut verkünden, ich ginge davon aus, daß das klappt. Da sind schließlich noch 39 andere gute Bundesligaspieler.

SCHALKE UNSER:

Für Deutschland zu spielen, hat das in erster Linie eine sportliche Bedeutung für Dich? Du hast hier gute Erfahrungen gemacht, aber so richtig greift die „Einheit“ ja noch nicht.

THOMAS LINKE:

Ich habe nach der Wende nur positive Seiten erlebt, da spreche ich jetzt für mich: Ich habe Arbeit, mir geht’s gut, ich bin gesund. Anders sieht’s für die Leute aus, die damals auf die Straße gegangen sind und gegen die Mauer demonstriert haben, jetzt um die fünfzig und arbeitslos sind und auch keine Arbeit mehr kriegen. Die sehen das natürlich viel negativer. Eigentlich ist man damals auf die Straße gegangen, weil man nicht reisen konnte, das war eigentlich der Hauptmangel in der DDR. Man hatte Geld, die Geschäfte waren voll, aber man konnte nicht sagen, ich will ’ne ordentliche Jeans oder irgendwas haben. Man mußte halt gucken was es gibt, entweder kaufst du es oder du kaufst es nicht. Man mußte auf ein Auto lange warten, auch ein Problem. Aber vor allem konnten die Leute nicht reisen, außer nach Bulgarien. Da war es aber auch nicht viel besser. Jetzt gab es die Wende, man kann hinreisen, wo man möchte, nur – wenn man arbeitslos ist, hat man kein Geld mehr. Das ist natürlich noch schlimmer als andersrum. Bitter.

SCHALKE UNSER:

Wenn du doch noch Trainer wirst, findet sich vielleicht hier wieder ein Platz für dich…

THOMAS LINKE:

Aber ich hatte eigentlich mehr vor, (entschlossen, etwas schelmisch) den Erfurter Fußball dann wieder zu unterstützen. Dort zieht es mich wieder hin, Heimat ist Heimat. Nur die Probleme dort, das ist natürlich ganz, ganz schlimm. Der Verein steht heute kurz vorm Konkurs. Als ich damals wechselte, hatte man etwa ein Guthaben von zwei Millionen, jetzt haben wir ungefähr sechs Millionen Mark Schulden.

SCHALKE UNSER:

Du hast gerade „wir“ gesagt. Ist Rot­Weiß Erfurt immer noch „dein“ Verein?

THOMAS LINKE:

Ja, auf jeden Fall. Man guckt schon danach, was dort in Erfurt passiert. Ist nicht so einfach. Die machen natürlich auch viel. In Schalke war es ja vor fünf Jahren mit der Verschuldung ähnlich. Schalke lebt aber von den Fans, und das konnte man, glaube ich, auch nur überstehen durch die Fans. In Erfurt gehen die Fans halt nicht so zahlreich ins Stadion, da muß man sich mit anderen Sachen über Wasser halten. Da waren aber auch Leute ein Jahr Präsident, die dann sicher mehr in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Anders kann ich mir sechs Millionen Mark Schulden nicht erklären. Jetzt gibt’s Benefizveranstaltungen, es werden ehemalige Spieler wie z. B. Uwe Weidemann eingeladen. Mich haben sie auch schon mehrmals eingeladen, leider war da immer Nationalmannschaft, und ich konnte nicht kommen. Es tut schon weh, wenn man sieht, daß die sich von Monat zu Monat immer nur über die Runden retten müssen.

SCHALKE UNSER:

Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Mach bitte nochmal einige Kopfballtore in Viertel- und Halbfinale…

THOMAS LINKE:

Ich geb‘ mein Bestes… alles Gute und viele sportliche Erfolge noch für uns alle!

SCHALKE UNSER:

Glückauf.