Für Zivilcourage gibt es kein deutsches Wort

(bm) Was wird von der WM 98 bleiben? Der Tötungsversuch einiger potentieller Mörder – auch Hools genannt – von Lens war das Thema der WM. Hierüber diskutierten nicht nur die Fußballfans. Laut Langenscheidts Fremdwörterbuch ist ein Hooligan: 1. Randalierer, Rohling, Rowdy, 2. Halbstarker. Von Fußballfans ist nicht die Rede.

Ist es daher nicht mal wieder an der Zeit, sich grundsätzlich mit dem Thema Hools, auch mit „Schalke-Hools” auseinander zu setzen? Wer glaubt noch an das Märchen vom fairen Kampf „Mann gegen Mann”? Die deutschen Hools sind genauso Kriminelle wie die holländischen, die sich auf Parkplätzen treffen (Feyenoord gegen Ajax), um sich den Schädel einzuschlagen. Die deutschen Hools sind keine dialektisch geschulte, fortschrittliche Organisation, sondern ein brutaler Schlägerhaufen, der in zunehmendem Maße von Neonazis und anderen Rechten organisiert und geführt wird. Die zunehmenden Rechtstendenzen in der Gesellschaft spiegeln sich auch hier wieder. Die rassistischen Parolen, Sieg-Heil-Rufe und Führer-Grüße am 21. Juni in Lens, als die deutschen (Hools) zum dritten Mal nach dem ersten und zweiten Weltkrieg in Lens einmarschierten, sprechen eine deutliche Sprache. In Lens kam es laut Zeugenaussagen zu einer Art Solidarisierung zwischen Hools und organisierten Neonazis.

Hools sind keine Gruppe von Fans, wie die Kutten oder Normalos, sondern Kriminelle, die einfach nur den Fußball zum Anlaß oder als Vorwand nehmen, um andere Menschen körperlich zu verletzen. Diese Gewalt ist nicht nur gegen Gäste-Fans und gegen die Polizei, sondern oft auch gegen die Fans des eigenen Vereins gerichtet. Die immer wieder vorgetragene Treue zum Verein mag ja bei einigen vorhanden sein, aber auf solche „Fans” kann jeder Verein verzichten. Jeder Verein? Gerüchten zufolge werden beim von Mayer­Vorfelder regierten Stuttgarter VfB den Hools auch schon mal die Auswärtsfahrten spendiert.

Die Tat von Lens geschah, so vermelden es Augenzeugen, eher zufällig. „Zufällig” wurde also ein Mensch schwer verletzt. Die Polizei machte den verhängnisvollen Fehler, wenige Polizisten alleine in einer Seitengasse zurückzulassen. Warum distanzierten sich die „normalen Fans” nicht von den Hools? Es gibt nur eine Antwort: aus Angst! Wer selber schon einmal in dieser Situation war, wird das nachfühlen können. Die Hools schaffen sich durch kriegerisches Auftreten und Drohgebärden Machträume und genießen den selbst geschaffenen rechtsfreien Raum. Auch wenn es in den letzten Jahren in den meisten Bundesligastadien ruhiger geworden ist, toben sich die Hools in der zweiten und insbesondere in der dritten Liga aus, dort vorwiegend im Osten der Republik. Die Kontrollen und Einsätze der Polizei in der Bundesliga haben zu einer Verdrängung in die unteren Ligen geführt.

Wenn es aber um internationale Einsätze Deutschlands geht – hier sind nicht die Einsätze von Volker Rühes Armee gemeint –, sondern die Spiele der Bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft halten die Hools, aus welchem Verein auch immer, zusammen. Dies erinnert irgendwie an den Ausruf von Kaiser Wilhelm II.: „Ich kenne nur noch Deutsche!” Krieg macht anscheinend den Hools am meisten Spaß, wird er auf ‚des Feindes Boden‘ ausgetragen. Viele Jugendliche sind heute, besonders stark im Osten oder in westdeutschen Großstädten, tendentiell rechts. Die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, die zunehmende Arbeitslosigkeit, der tägliche Existenzkampf und die damit einhergehende Verrohung der Gesellschaft spiegelt sich hier wider.

Es ist aber auch bekannt, daß einige Hools aus gutsituierten Kreisen kommen, was zeigt, wie weit sich in der Gesellschaft die Rücksichtslosigkeit breit gemacht hat. Waren es früher Bomberjacke und Springerstiefel, so ist heute schickes und teures Outfit und spezielle Hoolkleidung wie die von Sport Bock in München angesagt. Die T-Shirts dieser Firma mit Abbildungen wie: „Invasion Frankreich ’98” inklusive Totenkopf oder „Frankreich-Überfall 98” mit einem zerschossenen Eiffelturm, ließen schon im Vorfeld der WM nichts Gutes ahnen. Leider konnte niemand verhindern, daß auch „Schalke-Hools”, durch Fotos belegt, mit dem blauen GE-Käppi durch Lens rannten. Es scheint, daß überzeugte Hools durch nichts von ihren Aktionen abzuhalten sind. Nichtsdestotrotz wird es immer wichtiger, Jugendliche davon abzuhalten, sich Hoolgruppen anzuschließen. Je mehr die Gesellschaft abdriftet, desto mehr Streetworker werden benötigt, um diesem Trend entgegenzusteuern.

Die Reaktionen nach Lens – von DFB Pater Brauns Krokodilstränen bis zu Berti Vogts Aussage von den „Rechtsverdrehern, die die Kriminellen verteidigen” sind ebensowenig zu kommentieren wie die teilweise peinlichen Worthülsen der Spieler. Hier spielt bei einigen, wie DFB und deutsche Medien, wohl die Enttäuschung mit, daß sich nunmehr die Chancen für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft im Jahre 2006 vermindert haben könnten.

Dabei begann doch alles so „gut” mit den Ausschreitungen der englischen Hools in Marseille. Bei Hans-Hubert Vogts schien die Sorge sehr groß zu sein, sich nicht mit schlechten Spielen ins Finale durchmogeln zu können, sondern frühzeitig die Koffer packen zu müssen.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in Frankreich eine große Chance verspielt, die Hools von den Fußballfans abzugrenzen. Vielleicht wäre Abreisen wirklich das Beste gewesen, um hier ein Zeichen zu setzen. Aber kann man das von den Millionären in kurzen Hosen verlangen? Es geht doch um die neuen Verträge mit den jeweiligen Vereinen und der Werbeindustrie, und die will man schließlich nicht gefährden. Dies sind die Vorbilder der Jugend! Der Spendenaufruf für den schwer verletzten David Nivel ist auch „typisch deutsch”. Wenn die Gesellschaft mit einem Problem nicht fertig wird, dann versucht sie sich halt, von der Schuld freizukaufen. Wäre es auch zu einer Spendensammlung gekommen, wenn ein normaler Fan durch die in Frankreich eingesetzten militärischen Widerstandsbekämpfungs- und Spezialeinheiten CRS verletzt worden wäre?

Viel bedeutsamer hinsichtlich der Auswirkungen auf die „normalen” Fußballfans waren die Kommentare der Politiker. Da alle Informationen aus dem Internet oder von offizieller Seite wie Landeskriminalamt NRW nicht beachtet wurden, und deutsche Politiker nie ihr Versagen zugeben, mußten die französischen Behörden als Schuldige herhalten.

Insbesondere „Law and Order”-Innenminister Manfred Kanther, der vorher alles zusicherte, aber nichts gegenüber den französischen Behörden hielt, mahnte schärfere Gesetze an. Vor allem geht es ihm hier um die Verschärfung der Gesetze bei Landfriedensbruch, aber auch um eine weitere Einschränkung von Bürgerrechten (Vorbeugehaft). Dies verhindert garantiert keine Straftaten, sondern es führt im Gegenteil zu einer strengeren Gangart gegenüber Normalos und Kuttenfans in den deutschen Stadien.

Trotz ihrer Liste von 614 aktenkundigen Hools ist die Polizei bis heute nicht in der Lage, den normalen Fußballfan vom Hool zu unterscheiden. Sie wird nur noch schärfer gegen Kuttenfans vorgehen, weil der politische Druck dies erfordert. Organisationen wie das Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) und die Schalker Fan-Initiative, die sich mit länderübergreifenden Projekte gegen Gewalt und für Völkerverständigung einsetzen erhalten kaum Unterstützung. Erfolgreiche Projekte wie der „Anstoss” in Köln werden wegen angeblichen Geldmangels der Stadt Köln abgeschafft. Und sonst? Dem schwerverletzten Daniel Nivel geht es gesundheitlich mittlerweile etwas besser. Die potentiellen Hools, die diese Tat begangen haben sollen und in Frankreich und Deutschland verhaftetet wurden, sind teilweise dank hoher Kaution wieder frei.

Schön, wenn man als Hool wohlhabende und einflußreiche Eltern hat.