Hasse mal ne Mark?

(mc/pr/axt) Irgendwann, das ist wohl absehbar, werden die Fußballvereine sich in Aktiengesellschaften umwandeln. Sollen wir ihnen finanziellen Erfolg wünschen? Schon lange vor dem Konkurs kann es mit der Herrlichkeit vorbei sein, da die Aktionäre hineinregieren werden wollen.

Der Stand der Dinge

Am 22.5.1998 veröffentlichte die DG Bank die Studie „Die Bundesliga geht an die Börse”. In dem Emissionskonzept wird der Weg für Kapitalgesellschaften (sog. Fußball-AG’s) in fast allen Einzelheiten dokumentiert. Dem steht nur der Paragraph 7 des Lizenzspielerstatus des Deutschen Fußball­Bundes entgegen. Dieser besagt, daß nur eingetragene Vereine in der Bundesliga spielen dürfen. Beim DFB-Bundestag am 24.10.1998 kommt es voraussichtlich zur Abstimmung, ob dieser Passus dahingehend geändert wird, daß zukünftig auch Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb der Bundesliga teilnehmen dürfen.

Und was wird aus dem Verein?

Der Verein verfügt nach einer Umwandlung nicht mehr über eine Profiabteilung im Bereich „Fußball”. Schach, Basketball, die Jugendabteilungen, usw. bleiben übrig. Seine gesamten Rechte (Vermarktung, Sponsoring, TV, Merchandising) tritt der Verein an die AG ab. Die bisherigen Vereinsmitglieder können dann Aktionäre werden. Skurril wirkt der Gedanke, daß dann Aktionäre ihre Dauerkarten günstiger erwerben können oder all die anderen Vorteile erhalten, die momentan den Vereinsmitgliedern vorbehalten sind. Heißt es auf der Titelseite des Schalker Kreisels zukünftig „Aktionärsausgabe” statt „Mitgliederausgabe”?

Was bedeutet eigentlich AG?

Jede Aktiengesellschaft setzt sich aus drei Bereichen zusammen. Geregelt sind die Aufgaben im Aktiengesetz. Da wäre zunächst einmal der Vorstand, der für alle Leitungsaufgaben verantwortlich zeichnet und für die Vertretung des Unternehmens nach außen (gerichtlich, Presse, usw.) verantwortlich ist. Dazu kommt der Aufsichtsrat, der nach Aktiengesetz zwischen 3 und 21 Mitglieder haben kann und die Geschäfte des Vorstands kontrollieren soll. Der Vorstand berichtet dem Aufsichtsrat über die Maßnahmen, die nicht zum laufenden Geschäft gehören, und dieser segnet die Maßnahmen ab. Oder auch nicht. Normalerweise werden in einen solchen Aufsichtsrat Vertreter der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite entsandt. Bei Fußballvereinen werden das wohl Vertreter des Vereins, der Sponsoren und der Geldgeber sein. Und je nach Verein vielleicht auch mal ein oder gar zwei Vertreter der Fans. Für die Fans entscheidend dürfte da schon eher das dritte Organ einer Aktiengesellschaft, nämlich die Hauptversammlung, sein. In ihr sitzen die Aktionäre, bzw. deren Vertreter (z. B. Banken). Hier wird nicht nach Köpfen, sondern nach der Anzahl der Aktien abgestimmt. Die Anzahl der Stimmen, die die Anwesenden bei einer Hauptversammlung haben, wird daher sehr unterschiedlich sein. Immer vorausgesetzt, daß der anwesende Aktionär überhaupt mit abstimmen darf, aber dazu später mehr. Aufgabe der Hauptversammlung ist die Entlastung (nicht zu verwechseln mit der Entlassung) des Aufsichtsrats und des Vorstands. Das heißt, die Aktivitäten eines Jahres werden von der Hauptversammlung abgesegnet, Aufsichtsrat und Vorstand werden von der Verantwortung entlastet.

Aktientypen

Der Mindestnennwert einer Aktie beträgt fünf Mark. Ein Unternehmen, das Geld benötigt, plaziert diese Aktien an der Börse und beschafft sich so das nötige Kapital für die geplanten Maßnahmen. Diejenigen, die Aktien erwerben, erhalten durch den Kauf ein Mitspracherecht bei der Unternehmenspolitik und als Verzinsung für ihr eingesetztes Kapital eine Dividende, die vom Erfolg des Unternehmens abhängig ist. Es gibt aber auch Vorzugsaktien, wobei der Begriff „Vorzug” mit Vorsicht zu genießen ist. Vorgezogen werden die Inhaber von Vorzugsaktien bei der Dividende, sie haben einen festgelegten Anspruch. Dafür haben diese Aktien meistens kein Stimmrecht. Wenn uns Riesenstaatsminister Jürgen W. Mümmelmann bei der Schalker Jahreshauptversammlung am 17. August 1998 die Ausgabe von Vorzugsaktien schmackhaft machen wollte, dann bedeutet dies auch, daß die Fans, die diese Aktien ja kaufen sollen, nicht mitstimmen dürfen.

Mehrheit oder nicht

Es hilft wenig, wenn Schalke beteuert, auf jeden Fall die Aktienmehrheit halten zu wollen: Damit kann es schnell vorbei sein. 75% der Anteile sind nötig, um eine Satzungsänderung durchführen zu können, 50 Prozent, um die einfache Mehrheit zu halten. Doch wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten kommt, ist ein Kapitalschnitt erforderlich – Ergebnis: Die Mehrheit ist weg. Ohne Zustimmung der Fremdaktionäre sind dann keine Strukturmaßnahmen mehr möglich. Wenn dann noch die Aktionäre wenig vom Geschäft verstehen, oder aber ihre Dividende ohne Rücksicht auf den sportlichen Erfolg gesichert wissen wollen, können hier rasch britische Verhältnisse eintreten. So kann es schon bei kleineren Schwierigkeiten dazu kommen, daß nicht gehandelt werden kann und die Schwierigkeiten sich zu Krisen auswachsen.

Reif für die Insel

Von 140 auf 70 Pfund fiel die Tottenham-Aktie im letzten Jahr. Am Beispiel Tottenham lassen sich gut die Besonderheiten des Aktienhandels bei Fußballvereinen aufzuzeigen. Ein Kursanstieg bei der Rückkehr von Jürgen Klinsmann (warum eigentlich?), ein Kursverfall bei schlechten Tabellenplätzen. Bei Fußballvereinen ist das Verhalten vieler Aktionäre völlig irrational, wenn einzig und allein die sportliche Entwicklung berücksichtigt wird. Über kurz oder lang werden sich aber wohl die wirtschaftlichen Entwicklungen der Vereine als Motive für Kauf und Verkauf von Aktien durchsetzen.

Warum sollte man Aktionär werden?

Entweder, weil man damit Geld verdienen will, oder, weil man sich mit dem Unternehmen identifiziert. Die große Mehrheit der Aktionäre versucht beim Aktienhandel, mit dem Ausnutzen von Kursentwicklungen Geld zu machen. Man versucht, eine Aktie möglichst günstig zu kaufen und dann teurer zu verkaufen. Es nützt nichts, jede noch so kleine Kursentwicklung auszunutzen, da die bei An- und Verkauf anfallenden Gebühren und Provisionen ca. drei bis fünf Prozent betragen. Gewinne sind nur dann steuerfrei, wenn man die Aktien mindestens sechs Monate in seinem Besitz hatte, sonst muß man den Gewinn in Deutschland versteuern. Die zu zahlende Steuer muß also ebenso wie die Kaufgebühren auch noch mit einkalkuliert werden, wenn man auf die schnelle Mark aus ist. Auf der anderen Seite stehen diejenige, die sich Aktien kaufen, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. So mancher VW-Arbeiter hat seine Volkswagen-Aktien nach dem Motto „Guckt mal, ich bin Aktionär” ja auch eingerahmt über dem Küchentisch hängen. Das Hauptmotiv aber ist bei vielen Aktienkäufern die schnelle Mark, die man bei guter wirtschaftlicher Entwicklung mit Kauf und Verkauf machen kann. Andre Kostolany, mittlerweile 90jähriger Börsenguru, hat dies einmal treffend auf den Punkt gebracht: „Aktienhandel sollte wie ein Vollbad sein, kurz und erfrischend.” Nun suhlt sich so mancher zwar ganz gerne stundenlang in seiner Wanne (besonders bei der Lektüre des neuen SCHALKE UNSER), aber beim Aktienhandel gibt es ja auch einige wenige, die sich einmal eine oder mehrere Aktien kaufen, diese dann irgendwo deponieren und gar nicht auf die Idee kämen, die Papiere wieder zu verkaufen, egal welcher Aktienkurs gerade angesagt ist. In der Mehrheit sind sie auf jeden Fall nicht, genauso wenig wie die Dauerbader.

Wer kann Aktien ausgeben?

Rein theoretisch kann jedes Unternehmen Aktien ausgeben, wenn es die erforderlichen Voraussetzungen besitzt. Sinn macht das Ganze jedoch nur, wenn die wirtschaftliche Kraft und die Erwartungen in dieses Unternehmen einen Aktienkauf für potentielle Geldanleger attraktiv machen. Warum sollte man sich beispielsweise Fußball­Aktien vom KFC Uerdingen oder vom FSV Zwickau kaufen, wenn man nicht gerade Fan einer dieser Mannschaften ist?

Auf und ab

Wollen viele Kapitalanleger die Aktien kaufen, weil die Entwicklung des Unternehmens gut ist oder zumindest die Erwartungen positiv sind, wird der Kurs der Aktien steigen. Sportliche Mißerfolge eines Vereins können dagegen unabhängig von der wirtschaftlichen Situation zu plötzlichen Kursstürzen führen. Wie werden die Geldanleger reagieren, wenn sich ein wichtiger Spieler verletzt? Womit ist zu rechnen, wenn ein Verein aus einem internationalen Wettbewerb ausscheidet oder gar absteigt? Nicht ohne Grund fordert Franz Beckenbauer, einer der selbsternannten Visionäre, daß zukünftig nur noch ein Verein absteigen soll.

Warum brauchen die Vereine mehr Geld?

Diese, eigentlich entscheidende Frage wird bei fast jeder Diskussion in den Hintergrund gedrängt. Fast immer werden steigende Spielergehälter und explodierende Ablösesummen als Grund genannt. Man stelle sich das Ganze einmal in einem anderen Industriezweig vor: Ein beliebiges Unternehmen aus der Chemiebranche würde zusätzliche Aktien ausgeben, weil die Vorstandsmitglieder mehr Geld haben wollen. Schallendes Gelächter und Kopfschütteln wäre allen Beteiligten sicher. Bei Fußballvereinen wird das Ganze dann als Weitsicht und Erhalt der Konkurrenzfähigkeit bezeichnet. Etwas anders sieht die Sache zwar aus, wenn das Geld für Investitionen (z. B. Stadionneubau) benötigt wird. Die geschilderten Probleme bleiben jedoch gleich. Wenigstens steht bei dieser Variante ein materieller Gegenwert hinter den Aktien. Die offene Frage bleibt jedoch auch hier, was passiert, wenn die Kurse in den Keller purzeln. Und das können sie, auch wenn einige Börsenneulinge dies in der allgemeinen Euphorie manchmal nicht wahrhaben wollen.