Konzern im Kaufrausch

(pr) Heißt die Champions League bald ENIC League? Spielen die Königsblauen statt im UEFA-Cup bald im Lewis-Cup? Finden Europapokalauslosungen demnächst nur noch in London statt? Zugegeben, mit dem Letztgenannten könnte man ja noch notgedrungen leben, aber ganz so unrealistisch sind die beiden anderen Fragestellungen auch nicht.

Joe Lewis heißt der britische Milliardär, der sich u. a. hinter der auf der Fußballbühne zur Zeit noch relativ unbekannten englischen ENIC­Gesellschaft verbirgt. Früher handelte es sich bei der ENIC um einen geschlossenen Investmentfond, mittlerweile wird das in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen an der Londoner Börse notiert. Fast unbemerkt hat sich die Londoner Beteiligungsgesellschaft in mehrere europäische Vereine eingekauft, bei dreien von ihnen hält man mittlerweile auch die Mehrheit. AEK Athen (78,4%), Vicenza Calcio (75,1%) und Slavia Prag (57,3%) heißen die drei Clubs, die mittlerweile nicht nur der UEFA Kopfschmerzen bereiten. Und auch an den Glasgow Rangers ist die ENIC bereits mit 25,1% beteiligt, weitere Beteiligungen, auch Mehrheitsbeteiligungen sind, nach Angaben von ENIC, in den nächsten Jahren geplant.

Ausgerechnet diese drei Vereine, an denen ENIC bereits einen Mehrheitsanteil besitzt, qualifizierten sich in der Saison 97/98 für den Europapokal der Pokalsieger. Und damit hatte die UEFA plötzlich ein Problem. Nirgends war bis dahin geregelt worden, ob Clubs mit den gleichen Besitzern in einem offiziellen Wettbewerb überhaupt gegeneinander antreten dürfen.

Zunächst hoffte man bei der UEFA wohl auf etwas Losglück und versuchte, das Problem auszusitzen. Vielleicht würde sich die ganze Angelegenheit von selbst erledigen. Die betroffenen Vereine gewannen jedoch alle ihre Spiele, so daß bei der Viertelfinalauslosung im Winter 97 acht Namen im Lostopf lagen, darunter immer noch alle drei ENIC-Clubs. Doch auch bei dieser Auslosung war das Losglück der UEFA hold und es wurde auch in dieser Runde keine reine ENIC-Paarung ausgelost. Nachdem Slavia Prag gegen den VfB Stuttgart und der AEK Athen gegen Lokomotive Moskau ausgeschieden waren, war Vicenza Calcio der einzige ENIC-Club im Halbfinale. Das Problem hatte sich zunächst einmal von selbst gelöst. Nachdem Calcio im Halbfinale ebenfalls die Segel streichen mußte, waren damit zwar alle drei Clubs der Londoner Beteiligungsgesellschaft aus dem Pokalsiegerwettbewerb ausgeschieden, der Pokal ging jedoch trotzdem nach London, da Chelsea London das Finale gegen den VfB Stuttgart bekanntlich mit 1:0 gewann.

Im Frühsommer erließ die UEFA dann kurzfristig einige Regeländerungen, nach denen zukünftig nur noch ein Verein eines Besitzers an einem Wettbewerb teilnehmen darf, auch wenn sich mehrere Clubs dafür qualifizieren. Das Problem war dann im Sommer auch sofort wieder auf dem Tisch, als sich sowohl der AEK Athen als auch Slavia Prag sportlich für den UEFA-Cup qualifizierten. Nach der 5-Jahres-Wertung der UEFA hätte Slavia Prag in der Saison 98/99 am Wettbewerb teilnehmen dürfen, der AEK Athen hätte trotz der erfolgten sportlichen Qualifikation nur zuschauen dürfen, da er in der UEFA­Rangliste weiter hinten plaziert war. Und auch die Glasgow Rangers hatten sich als Tabellenzweiter der schottischen Liga für den gleichen Wettbewerb qualifiziert, sie hätten nach den UEFA­Statuten allerdings problemlos mitspielen dürfen, da ENIC dort (noch) nicht die Mehrheit hat und somit nach UEFA­Meinung keine Probleme zu erwarten wären. Erst am 17. Juli entschied das Schweizer Gericht für Sportangelegenheiten (CAS) in Lausanne, daß sowohl Athen als auch Prag am UEFA-Cup der Saison 98/99 teilnehmen dürfen. Eine Grundsatzentscheidung wurde damit allerdings noch nicht getroffen, sie ist erst für Ende 1998 angekündigt.

Sportlich ging der Kelch auch diesmal an den Verantwortlichen der UEFA vorüber, eine Paarung AEK Athen gegen Slavia Prag blieb der UEFA erspart. Auch die Rangers zogen mit Beitar Jerusalem einen Nicht­ENIC­Club als Gegner. Danach verabschiedeten sich die Griechen bereits in der ersten Runde gegen Vitesse Arnheim. Slavia Prag kam zwar bekanntermaßen leider eine Runde weiter, aber auch für sie war gegen den FC Bologna in der zweiten Runde Endstation. Lediglich die Rangers aus Glasgow vertreten seitdem noch die ENIC­Farben im diesjährigen UEFA­Cup­Wettbewerb. Die spannende Frage bleibt damit weiterhin, was passiert, wenn zum ersten Mal zwei ENIC-Clubs in einem offiziellen Wettbewerb aufeinander treffen, weil es das Losglück bzw. ­pech so will?

Sind bei einer solchen Paarung überhaupt noch reelle Ergebnisse zu erwarten oder besteht in einer solchen Situation bereits die Gefahr, daß die ENIC-Bosse, die schon heute Einblick in alle Unterlagen und Pläne ihrer Vereine haben, aus wirtschaftlichen Erwägungen lieber einen bestimmten Verein als Sieger sehen wollen? In Deutschland ist die ENIC bislang noch nicht offen aufgetreten, hierzulande bereitet dagegen so manchen das Engagement der Ufa Sports ziemliche Kopfschmerzen. Von Mehrheitsbeteiligungen oder Übernahmen ist bei der Ufa zwar noch nicht die Rede, finanziell ist man jedoch bereits beim Hamburger SV, dem Club aus Nürnberg und der Berliner Hertha in Millionenhöhe aktiv, in Berlin und Hamburg sitzen Ufa-Vertreter bereits in der Führungsetage der Vereine. In Frankreich ist der TV-Sender Canal Plus bereits heute Mehrheitsgesellschafter bei Paris St. Germain, der gleiche Sender hält auch in der Schweiz bei Servette Genf die Mehrheit. Ajax Amsterdam geht dagegen der Einfachheit halber den direkten Weg und plant seit einigen Monaten die Übernahme des belgischen Erstligisten Germinal Ekeren.

Solche zaghaften Schritte sind jedoch nichts für die ENIC-Manager. In England entdeckten sie in diesem Jahr zwei neue potentielle Werksclubs. Zunächst streckten sie im Frühjahr ihre Übernahme­Fühler in Richtung Tottenham Hotspurs aus, als Spurs-Präsident Alan Sugar mitteilen ließ, daß er seinen 40%-Anteil eventuell verkaufen wolle. Und als im September diesen Jahres der private TV-Sender BSkyB des britischen Medienunternehmers Rupert Murdoch mit Manchester United bezüglich einer Übernahme verhandelte und damit für einen Aufschrei in der englischen Fanszene sorgte, war die ENIC indirekt mit von der Partie. Die Financial Times enthüllte in ihrer Berichterstattung über den geplanten Murdoch­Deal, daß im Hintergrund auch die ENIC-Macher an einer Übernahme von Manchester United interessiert seien.

Tatkräftige finanzielle Unterstützung für solche und andere geplanten Megaaufkäufe kann die ENIC­ Gesellschaft auch von dem weltweit größten Medienkonzern TIME WARNER erwarten. Dieser hätte ohne größere Liquiditätsprobleme der ENIC finanziell unter die Arme greifen können und den geplanten United-Kaufpreis von ca. 1,5 Milliarden Mark auf den Tisch des mehrfachen englischen Meisters legen können. Zwischen Time Warner und ENIC bestehen aber nicht nur freundschaftliche, sondern auch handfeste geschäftliche Beziehungen. 80% der englischen Time­Warner­Anteile hält beispielsweise die ENIC. Die derzeit noch unklare Rechtslage auf der europäischen Fußballbühne und die allerdings doch recht zaghaften Pläne der UEFA gegen geplante Mehrheits­ und Mehrfachbeteiligungen einer Gesellschaft haben den ENIC-Verantwortlichen in London jedoch mittlerweile auch ein mittleres finanzielles Problem bereitet. Der Unternehmenswert hat sich dadurch innerhalb weniger Monate durch dramatische Kurseinbrüche fast halbiert. Sah es Anfang diesen Jahres noch so aus, als wenn es nur noch eine Frage der Zeit wäre, bis die ENIC-Aktie die Grenze von 300 Pence pro Aktie durchbrechen, brach der Aktienkurs zwischenzeitlich auf bis zu 140 Pence ein. Mittlerweile hat sich an der Londoner Börse, hier sind die ENIC­Aktien notiert, der Kurs wieder etwas stabilisiert. 156 Pence kostet die ENIC­Aktie Ende November. Joe Lewis selbst hat seinen 35,6%-Anteil an der ENIC allerdings vor kurzem verkauft – an Geschäftsfreunde und Familienmitglieder.