„Wir kommen nur zusammen da unten wieder raus!“

(bob/rk) Ganz bewußt hat sich das SCHALKE UNSER diesmal für einen Interviewpartner aus der Schalker Mannschaft entschieden, der momentan wie kein anderer in der Kritik steht. Martin Max, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit das Traumsturmduo zusammen mit Youri Mulder im Angriff der Schalker bildete, stand uns in dieser schwierigen Situation Rede und Antwort. Herausgekommen ist dabei ein munteres Gespräch über den Fußball als „Show-Veranstaltung“, das neue Stadion und eine sehr persönliche Sichtweise der derzeitigen sportlichen Schalker Misere.

SCHALKE UNSER:
Martin, es ist bekannt, daß du bereits als kleiner Junge in der Nordkurve standest, um die Schalker Mannschaft anzufeuern.

MARTIN MAX:
Ja, das ist richtig. Genaugenommen war es aber in der Südkurve, im Block 7. Da bin ich immer mit meinem Vater und Bruder hingegangen. Es war einfach die Faszination am Fußball, die uns ins Stadion trieb. Und natürlich hatte ich damals schon den großen Traum, auch mal dort unten spielen zu dürfen.

SCHALKE UNSER:
Geboren bist du aber in Tarnowitz, in Oberschlesien.

MARTIN MAX:
Oberschlesien, das war so etwas wie das „Schalke von Polen“. Ich hatte auch, soweit ich mich erinnern kann, eine schöne Kindheit dort. Als ich elf Jahre alt war, sind wir dann nach Recklinghausen gezogen. Dort habe ich dann bei Blau Weiß Post Recklinghausen gespielt, danach beim 1. FC Recklinghausen, wo ich auch noch zwei Seniorjahre war, bevor ich dann als Profi zu Gladbach wechselte. Nach Polen habe ich aber eigentlich keine Kontakte mehr, wir haben zwar noch Verwandtschaft dort, meine Eltern fahren manchmal zu Besuch dorthin, aber meine Heimat ist das Ruhrgebiet geworden. Hier fühle ich mich wohl, ich will auch gar nicht woanders wohnen.

SCHALKE UNSER:
Vor zwei Jahren kam es beim Freundschaftsspiel Polen gegen Deutschland in Zrabze zu antisemitischen Übergriffen rechtsradikaler deutscher Fans. Transparente wie „Wir grüßen die Schindler-Juden“ und „Wir sind in Polen, um die Juden zu versohlen“ wurden hochgehalten.

MARTIN MAX:
Ich finde so etwas echt traurig. Fußball ist ein Spiel, ein Sport, und das sollte er meiner Meinung nach auch bleiben. Ich halte überhaupt nichts davon, den Sport für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Aber die Fans in der Bundesliga haben darauf ja auch die richtige Antwort gegeben, indem sie mit Transparenten gegen diese Aktion protestierten. Es wird zwar immer wieder versucht, den Sport für politische Zwecke zu benutzen, doch finde ich, daß das mit dem eigentlichen Spiel, dem Fußball, nichts mehr zu tun hat. Ich halte mich aus solchen politischen Dingen lieber ‚raus und sehe mich persönlich auch eher als jemanden, der auf dem Platz und nicht vor dem Mikrophon seine Arbeit verrichtet.

SCHALKE UNSER:

Mal zur sportlichen Situation: Die stimmt momentan ganz und gar nicht mit dem überein, was Schalke sonst auf die Beine stellt. Ein neues Jugendtrainingscamp, der neue Fan-Shop, wir können kaum so schnell gucken, wie hier neue Räume entstehen. Dazu noch der Baubeginn des neuen Stadions. Kann es da nicht sein, daß die Schalker Mannschaft dadurch zu sehr unter Druck gesetzt wird? Ist das dann nicht auch eine mentale Sache?

MARTIN MAX:
Das denke ich nicht. Vor dem Spiel gegen Duisburg stand die Mannschaft auch schon gehörig unter Druck. Da war von Angst nichts zu spüren. Wir haben mutig nach vorn gespielt, und auch in Rostock und Hamburg haben wir nach 0:2-Rückstand Moral bewiesen und noch ausgeglichen. Daran kann es also eigentlich nicht liegen. Trotzdem haben wir momentan echt die Scheiße am Stiefel kleben.

SCHALKE UNSER:
Die Medien haben zuletzt aber auch ordentlich auf Euch eingehämmert.

MARTIN MAX:
Zum Teil aber auch sehr überzogen. Wenn man sieht, was zum Beispiel in der Sendung „ran“ geschieht: Da sind echt zum Teil Schauspieler am Werk, die sich furchtbar gern selbst darstellen, sich auf Kosten anderer profilieren wollen. Da werden Kleinigkeiten aufgemotzt, es werden einzelne Spieler herausgegriffen und fertiggemacht. Das finde ich absolut nicht in Ordnung. Jeder noch so kleine Fehler von Schalke wird – gerade in unserer jetzigen Situation – zum Anlaß genommen, eine Krise herbeizubeschwören. Jetzt versucht man, einen Keil zwischen Mannschaft und Trainer oder auch Manager zu treiben. Das hat mit der Realität nur noch wenig zu tun, und das Sportliche bleibt auf der Strecke. Objektive Berichterstattung ist das meiner Ansicht nach nicht mehr.

SCHALKE UNSER:
Wenn du früher in der Südkurve gestanden hast, wie siehst du die Entwicklung in den Bundesligastadien, daß immer mehr Stehplätze in Sitzplätze umgewandelt werden?

MARTIN MAX:
Bei uns ist das im neuen Stadion nicht der Fall. Der Trend geht zwar dahin, aber viele Fans wollen stehen, und daran sieht man auch, daß die Wünsche der Fans bei Schalke erfüllt werden. Unsere Südkurve ist momentan auch nie gut gefüllt, und es ist auch für uns Spieler ein schöneres Gefühl, auf die Nordkurve zuzuspielen. Das Parkstadion ist zwar immer ganz gut gefüllt, aber in einem engeren Stadion ohne Laufbahn könnte die Stimmung sicher noch viel besser sein. In Stadien wie Bochum, Leverkusen, Gladbach oder Dortmund (er meint Lüdenscheid, die Red.) kommt die Stimmung bei uns Spielern auch viel besser an.

SCHALKE UNSER:
Da du Gladbach gerade nennst, schaust du denn auch noch mit einem Auge hin, was dort zuletzt passiert ist?

MARTIN MAX:
Ja, sicher. Mein Freund Michael Klinkert, mit dem ich zusammen in Gladbach angefangen habe, spielt schließlich noch dort. Ich selbst habe in Gladbach auch eine schöne Zeit gehabt, wir haben den DFB-Pokal gewonnen, aber daß sich die Situation dort so zuspitzen würde, habe ich auch nicht geahnt.

SCHALKE UNSER:
Wir erinnern uns noch an das Zitat von Rolf Rüßmann, der damals bei deinem Wechsel zu Schalke sagte: „Wenn der Martin nach Schalke kommt, wird er explodieren“.

MARTIN MAX:
Das war ja auch `ne tolle Zeit, als ich hier angefangen habe. Das war absolut sensationell. Im ersten Jahr Dritter geworden, im zweiten Jahr UEFA-Cup-Sieger. Das war schon ein Traum, kann man nicht anders sagen.

SCHALKE UNSER:
Dadurch bist du auch ein richtiger Star geworden.

MARTIN MAX:
Als Star sehe ich mich aber überhaupt nicht. Zum Star wird man nur von den Medien gemacht. Ich habe immer den Ball flach gehalten, bin ein ganz normaler Mensch wie jeder andere auch. Ich bin auch nie jemand gewesen, der den Star hat raushängen lassen. Im Gegenteil, ich bin ein ganz bescheidener, ruhiger Mensch. Vielleicht sogar manchmal zu ruhig. Aber so bin ich nun mal. Ich belasse es lieber dabei, Fußball zu spielen und nicht große Sprüche zu klopfen. Jiri Nemec sagt doch auch immer: „Ich bin nur zum Fußballspielen hier“.

SCHALKE UNSER:
Das Problem ist aber doch, daß es bei diesem Sport nicht mehr damit getan ist, daß man Fußball spielt. Das sieht man zum Beispiel an Mario Basler wie auch an vielen anderen Dingen auch, die uns Fans sehr auf die Senkel gehen. Es ist doch schade, daß der Fußball so verkommen ist.

MARTIN MAX:
Tja, Fußball ist halt ein Showgeschäft geworden. Ich bin eigentlich auch jemand, der lieber seine Ruhe sucht. Wenn ich was sage, dann muß mir etwas schon wirklich stinken.

SCHALKE UNSER:
Nun hast du also schon in deiner Jugend auf den Rängen des Parkstadions gestanden. So mancher Schalke-Fan fordert, daß du dorthin zurückkehrst. Der Unmut macht sich bei den Fans sichtlich breit. Wie gehst du mit dieser Situation um?

MARTIN MAX:
Durch die Erwartungshaltung der Leute steht man automatisch unter größerem Druck. Ich natürlich auch. Und als Stürmer im besonderen. Manchmal habe ich schon das Gefühl, daß ich der einzige bin, der hier an Toren gemessen wird. Aber mit diesem Druck muß ich leben und umgehen. Was bleibt mir übrig? Ich muß weiter an mir arbeiten, und das tue ich auch. Im Training hänge ich mich voll rein. Ich kann es aber auch nicht erzwingen. Nach außen versuche ich natürlich, ruhig zu bleiben. Wie es in meinem Inneren aussieht, das weiß nur ich allein. Selbstverständlich läßt mich solche Kritik nicht kalt, ist doch ganz klar. Trotzdem versuche ich, einen klaren Kopf zu bewahren. Momentan ist es halt so, daß jede noch so kleine Aktion, jeder noch so kleine Fehler von mir, kommentiert wird. Durch diese Zeit muß ich jetzt durch.

Aber das ist auch eine lehrreiche Zeit. Wenn ich da durch bin, habe ich sicherlich eine Menge dazugelernt.

SCHALKE UNSER:
Viele Schalker verbinden deinen Namen immer noch mit dem UEFA­Cup­Erfolg.Trotzdem verstehen wir auch die Kritik, die von den Rängen kommt.

MARTIN MAX:
Es ist total schwierig, sich dabei auf das Wesentliche zu konzentrieren, wenn wirklich jeder nur auf einen Fehler von dir wartet. Man wird dadurch nicht unbedingt aufgebaut. Als Stürmer braucht man besonders viel Selbstvertrauen, und das muß ich mir momentan im Training erarbeiten. Wenn der Knoten platzt und sich der Erfolg wieder einstellt, dann läuft’s auch wieder. Wenn die ganze Mannschaft erfolgreich ist, dann ist auch jeder einzelne erfolgreich. Das habe ich auch schon früher immer gesagt. Ich habe mich doch nie hingestellt und gesagt: „Ich will dies und das“, ich habe mich immer wieder in den Dienst der Mannschaft gestellt, hab keine Sprüche geklopft, bin immer auf dem Teppich geblieben. Wir sind nun mal gerade in der Situation, daß wir gerade unten stehen. Aber auch da werden wir nur zusammen herauskommen, Mannschaft und Fans gemeinsam. Wir haben zusammen den UEFA-Cup geholt und da unten kommen wir auch nur zusammen raus. Es bringt, glaube ich, keinem was, einzelne Spieler auszupfeifen oder niederzumachen. Gerade das Gegenteil wird dadurch bewirkt: Dadurch verlieren die Spieler noch mehr an Selbstvertrauen. In der Situation müssen wir alle zusammenhalten. Nur so schaffen wir es.

SCHALKE UNSER:
Das hat man ja auch in der Situation gesehen, als Jörg Berger kam und uns vor dem Abstieg rettete, oder auch, als er entlassen wurde und es unter Huub Stevens wieder bergauf ging. Die Fans haben da schnell erkannt, daß es nur gemeinsam geht.

MARTIN MAX:
Ja, genau. Eine solche Reaktion wird auch wieder kommen. Gerade in engen Situationen, wenn die Zuschauer sehen, daß die Mannschaft kämpft und alles gibt, dann stehen die Fans auch hinter uns. Mit Sicherheit. So wie ich die Schalker Fans kennengelernt habe, wird das auch so sein.

SCHALKE UNSER:
Das denken wir auch. Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute und Glückauf.